„Wenn schon eine ganze Welt, auf Erkenntnis beruhend und ihrer ständig bedürftig, errichtet ist und ihren Gang geht, wie die der modernen Technik, wird der nach dem Grund ihrer Möglichkeit und nach ihren Sicherheitsgarantien Fragende zum Sokrates der Vergeblichkeit.“ (Blumenberg, Höhlenausgänge, S.169)
Freitag, 17. März 2023
ChatGPT
Natürlich kann ich nicht überprüfen, ob das auch für den Kommentarteil zutrifft. Ich kann nur appellieren: bleibt menschlich!
Das wäre eigentlich ein netter Offliner-Gruß; statt „Tschüß!“ oder „Geh mit Gott!“: „Bleib menschlich!“
Sollte man etablieren.
Mittwoch, 1. Februar 2023
Juli Zeh/Simon Urban, Zwischen Welten, München 2023
Sie fühlen sich zueinander hingezogen, leben aber zwei völlig konträre Leben. Als Leser (oder Leserin) bleibt es nicht aus, daß man sich im einen oder in der anderen wiedererkennt; in Stefan oder in Teresa. Der Streithandel, den sie leidenschaftlich gegeneinander austragen, ist auch der eigene Streithandel. Ich ergreife Partei: für Teresa gegen Stefan.
Stefan ist ein arrogantes Arschloch, das gerne anderer Leute Bewußtsein korrigiert, im Namen einer besseren Welt. Auch Teresa, die er liebt und die ihn nur mag, bleibt davon nicht verschont. Immer wieder läßt er sie spüren, daß er sie für geistig unterlegen hält, so z.B., als sie ihm vorwirft keinen Humor zu haben: „Ich diskutiere mit einer Landwirtin aus Brandenburg über Politik – welchen Beweis, dass ich Humor habe, brauchst Du noch?“ (Zeh/Urban 2023, S.113) – Oder: „Ich beschäftige mich beruflich mit diesen Themen. Du nicht. Wie soll da ein Gespräch auf Augenhöhe gelingen?“ (Zeh/Urban 2023, S.174) – Oder: „Mit Verlaub, Tessa, aber das verstehst du nicht. Wirklich nicht.“ (Zeh/Urban 2023, S.265)
Die Quelle von Stefans ‚white supremacy‘, vielleicht ‚male supremacy‘, wie er es nennen würde, wenn er zu so was wie Selbstreflexion in der Lage wäre, ist seine Position als stellvertretender Chefredakteur des Boten in Hamburg, einer Wochenzeitschrift, in der man unschwer DIE ZEIT wiedererkennt, während Teresa nur eine Kuhbäuerin in Brandenburg ist. Stefans e-mail-Texte sind komplett durchgegendert. Mein Lieblingssternchenwort ist „Künstler*innenfreund*innen“ (vgl. Zeh/Urban, S.121): zwei Sternchen in einem Wort!
Seine Texte erinnern mich an Formulare zur Erfassung der Identität von Leserinnen und Lesern: bitte ankreuzen, was zutrifft. Erst danach ist man befugt, sich dem Inhalt zuzuwenden.
Natürlich fühlt sich Stefan verpflichtet, Teresa über den Feminismus zu belehren. Welche Überheblichkeit!
Und Teresa? – Nach ihrem Studium hat sie den Hof ihres Vaters übernommen, und zweihundert Milchkühe. Sie liebt ihre Kühe, will ihnen ein würdiges Leben ermöglichen, weigert sich, den Mutterkühen ihre neugeborenen Kälbchen wegzunehmen, um den Milchertrag zu erhöhen. Und sie fühlt sich für ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verantwortlich. Sie ist die größte bzw. einzige Arbeitgeberin des Dorfes, kann sich aber ihre Belegschaft eigentlich gar nicht leisten. Trotzdem entläßt sie einen ihrer Mitarbeiter erst, als er versucht sie zu vergewaltigen, und nicht schon vorher wegen seiner Trunkenheit und Fahrlässigkeit als Fahrer ihrer Landwirtschaftsmaschinen. Und sie hat trotzdem noch Gewissensbisse.
Ihren Hof kann sie gerade so halten, an der Schwelle zur Insolvenz, in ständigem Kleinkrieg mit Agrarverordnungen und Anträgen, die am Ende dann doch wieder abgelehnt werden aus Gründen, deren Willkür die Antragsstellerin an ihrem Verstand zweifeln läßt. Wenn sie sich bei Stefan beklagt, muß sie sich Belehrungen über die Schuld der Landwirtschaft am Klimawandel anhören und setzt sich sogar seinem Verdacht aus, Querdenkerin zu sein und der AFD nahezustehen.
Wenn ich Teresas e-mails lese, lese ich von einem offline-Leben, das Leben einer Frau, die mit beiden Beinen in der analogen Realität steht. So z.B. wenn sie schreibt: „Für mich sind deine Schilderungen Nachrichten aus einer fremden Welt. Dispatches from elsewhere. Ob du es glaubst oder nicht – ich musste nicht nur ‚White Supremacy‘ googeln, sondern auch ‚Thermomix‘.“ (Zeh/Urban 2023, S.30)
Geht mir genauso beim Lesen von Stefans Texten. Aber ich googel sein Newspeak nicht. Ich habe nicht den Ehrgeiz, meine offline-Blase damit zu bereichern. Das Hauptkennzeichen einer solchen Blase ist es nämlich, zu keiner Blase zu gehören, sondern sich selbst zu genügen. Gehören Blogs eigentlich zur social media? Meiner jedenfalls nicht. Likes sind bei mir nicht zugelassen und Kommentare sind rar gesät. Mein Blog ist meine Nische. Jenseits von Shitstorm und Medienhype. Meine perönliche online gestellte offline-Blase.
Dann aber gerät einiges durcheinander bei Stefan und Teresa. Er erlebt, wie sein väterlicher Freund Flori Sota, Chefredakteur des Boten, der mit seiner ironischen Art (und auch seine Talkshows werden erwähnt) an Giovanni di Lorenzo erinnert, durch einen Shitstorm – der Mob versteht keine Ironie – vernichtet wird. Gleichzeitig erlebt er, wie sich Teresa, die mit ihrem Hof in eine immer ausweglosere Situation gerät, radikalisiert und sich in eine Aktivistin für die Interessen der Landwirte verwandelt. Beide kommen einander immer näher, und an einem Punkt, an dem sie kurz davor sind, zu einem Liebespaar zu werden, gelangt Stefan zu Einsichten, die ihn dazu veranlassen, sich von seiner früheren PC-Korrektheit (ich weiß, das ist ein Pleonasmus) zu distanzieren:
„Wir alle sind Zufällen und Schicksalsschlägen unterworfen, niemand von uns kann die Außenwelt, die Mitmenschen wirklich beeinflussen. (Wenn ich in meinem Leben gerade etwas lerne, dann das!) Es gibt im Grunde nur eine einzige Sache, über die wir wirklich Gewalt haben – unseren eigenen Kopf, unser Denken und Handeln.“ (Zeh/Urban 2023, S.350)Und Stefan beginnt sich Fragen zu stellen, die die Grundfesten seiner bisherigen so sorgfältig wie selbstgerecht eingerichteten Welt ins Wanken bringen:
„Ist Kommunikation zu einem kollektiven Verbrechen geworden, das jeden zum Täter macht, der sich daran beteiligt? Ist Unschuld heutzutage nur noch im Funkloch möglich – oder nachdem man alle Smartphones, Tablets und Notebooks in den Müll geworfen hat?“ (Zeh/Urban 2023, S.369)Das Textbild seiner e-mails hat sich geändert. Sie sind zum Fließtext geworden; nicht mehr unterbrochen von Gendersternchen.
Aber während Teresa untertaucht und allmählich verschwindet – ‚ghosting‘ nennt man das wohl auch –, währt dieser Moment der Klarsicht nicht lange. Nachdem der Shitstorm Flori Sotas Familie in die Emigration getrieben und ihn selbst zerbrochen hat, ist der Chefredakteursposten freigeworden, und der wird ihm nun angeboten, im Doppel mit der PoC Carla vom online-Ressort. Stefan kann nicht widerstehen und träumt wieder davon, Teil einer besseren Welt sein zu dürfen, als Kapitän des zur „Bot*in“ umgetauften Flaggschiffs einer auf politischkorrekte Haltung verpflichteten Presse. – Und er beginnt wieder zu gendern.
Das ist meine Zusammenfassung dieses Buches; des Romans, denn so wollen Autorin und Autor ihr Buch verstanden wissen. Wir haben es also mit einer Fiktionalisierung zu tun, die nicht mit der Realität gleichgesetzt werden will. Jede und jeder kann sich einen eigenen Reim darauf machen. Und seine Position festlegen. Mein Vorschlag: zwischen den Stühlen.
Dienstag, 23. August 2022
Eine Welt ohne Olivettis – Ein Nachruf
Mein Offline-Projekt beschränkt sich momentan darauf, auf ein Smartphone zu verzichten und keine Online-Geschäfte zu tätigen. Schon das erweist sich zunehmend als schwierig genug. Ohne diverse Smartphone-Apps, von der Corona-Überwachung über die Buchung von Mietwagen bis zu Bahnreisen, ist man von vielen gesellschaftlichen und Konsumangeboten ausgeschlossen.
Für die Verwaltung meines Bankkontos benutze ich den Online-Zugang; aber nicht um Geschäfte oder Einkäufe zu machen. Ansonsten brauche ich das Internet als Recherchemedium und Publikationsersatz und den PC offline als Schreibmaschine.
Gerade lese ich bei Günter Grass eine Liebeserklärung an seine Schreibmaschine, eine „Olivetti lettera“. PC-Schreibangeboten verweigerte er sich. Von seinen Olivetti lettera besaß er drei, an verschiedenen Standorten in Portugal, Dänemark und Deutschland:
„Alle drei sind mir mechanische Musen. Andere habe ich nicht. In dem Gedichtband ‚Fundsachen für Nichtleser‘, der Ende des letzten Jahrhunderts erschien und in Aquadichten mehr als meine Siebensachen aufzählt, habe ich ihnen einen Vierzeiler gewidmet. Nie ist die portugiesische auf die dänische oder die Behlendorfer Olivetti auf die beiden ausländischen eifersüchtig. Und wie sie mich dreistimmig lieben, bleibe ich ihnen, nur ihnen zugetan.“ (Günter Grass, Beim Häuten der Zwiebel, Göttingen 2006, S.451)
Das Gedicht in den „Fundsachen für Nichtleser“ (1997, S.43) lautet:
MEINE ALTE OLIVETTI
ist Zeuge, wie fleißig ich lüge
und von Fassung zu Fassung
der Wahrheit
um einen Tippfehler näher bin.
Es bedarf des Internets und seiner Foren, um das Lügen massentauglich zu machen. Die Schreibmaschine hingegen lädt dazu ein, individuell so lange an Texten zu arbeiten, bis eine Fassung bis in die Tippfehler hinein der Wahrheit ähnlicher ist als alle anderen. Und die offene Weite jenseits seines geöffneten Fensters reicht dem Autor Grass, um sich bemerkbar zu machen:
„Stimmt, sie hat ihre Macken. Oft klemmt das Farbband. Doch bin ich mir sicher: sie altert, aber veraltet nicht. Ihr Klappern meldet bei offenem Fenster weithin, daß wir leben, wir beide immer noch leben: hört! Nicht enden will unser Zwiegespräch. Ihr zu beichten, bin ich katholisch genug.“ (Grass 2006, S.451)
Nun – auch Grass lebt nicht mehr. Als veraltet müssen sich diejenigen empfinden, denen es geht wie ihm. Ich bin mir sicher, daß eine Welt ohne Olivettis nicht mehr die seine ist. Jedenfalls ist sie nicht mehr meine.
Freitag, 10. Juni 2022
Zum Thema ‚Pflicht‘ bei Lanz & Precht
Das Thema des heutigen Podcasts von Lanz & Precht, „Pflicht“, der mich dazu motiviert, mir jetzt doch mal das gleichnamige Buch von Precht zu kaufen, trifft mich an einer empfindlichen Stelle: meiner querköpfigen Einstellung zur Gesellschaft und zum Staat. (Als Adjektiv wird das anrüchige Wort in diesem Satz vielleicht erlaubt sein.)
Ich hatte schon in einem früheren Blogpost Lanz seine staatsbürgerliche Befindlichkeit übel genommen, weil er glaubte, sich für die öffentliche Zurückhaltung des Bundeskanzlers bei der Verwendung bestimmter Begriffe zur Ukraine schämen zu müssen. Mir gehen solche Empfindlichkeiten gegen den Strich. Ich wittere da immer gleich die Wiederkehr des unsäglichen Volkbegriffs.
Jetzt stellt Precht aber die gesellschaftlichen und eben auch staatsbürgerlichen Pflichten in einen Kontext, für den ich eigentlich den Begriff der Achtsamkeit reserviert habe: er spricht, Nietzsche zitierend, von „Rechten der Anderen auf mich“! Wenn Precht den Begriff der Pflicht so faßt, kann ich eigentlich nicht anders als zuzustimmen.
Problematisch wird es dann aber gleich wieder, wenn Precht die Abschaffung der Wehrpflicht und mit ihr des Zivildienstes bedauert, weil diese Institutionen einmal dazu beigetragen hatten, das Bewußtsein des jungen Menschen für seine gesellschaftliche Verantwortung zu schärfen; dafür daß das Staatsbürgersein sich nicht darin erschöpft, Steuern zu zahlen. Oder dafür sich nicht als Kunde zu verstehen, der sich per Paketdienst freihaus vom Wohlfahrtsstaat seine sozialen Rechte liefern läßt (meine Formulierung).
Das wird im Gespräch zwischen Lanz und Precht natürlich gleich mit den Pflichten des Staates gegenüber seinen Bürgerinnen und Bürgern gekontert, der sich nicht damit begnügen darf, alle sozialen Aktivitäten und Lebensangelegenheiten zur Privatsache zu erklären, sondern selbst etwas zur gesundheitlichen und sozialen Grundversorgung beizutragen hat.
So weit verlief das Gespräch sehr ausgeglichen und ‚schrammte‘ immer wieder gekonnt über die verschiedenen Klippen, die unterhalb des Staats- und Pflichtbegriffs verborgen sind, hinweg. Ich will da auch gar nicht weiter ins Detail gehen. Selbst dort, wo Precht auf den Ehrbegriff früherer aristokratisch organisierter Gesellschaften rekurrierte und ihn durch einen demokratisch gefaßten Pflichtbegriff ersetzt wissen wollte, zuckte ich nur kurz zusammen, weil ich von dessen Einbindung in den Kontext der Achtsamkeit fasziniert war.
Dann aber kam der Moment, wo Precht sich für ein zweites soziales Jahr für Rentner einsetzte. Mit dem ersten ist – angesichts von Putins Angriffskrieg auf die Ukraine – die Wiedereinführung der Wehrpflicht gemeint, in Verbindung mit einem allgemeinen verpflichtenden sozialen Jahr auch für Frauen und Wehrdienstverweigerer.
Ich bin gerade seit drei Monaten Rentner und habe viel zu viel Zeit. Wenn ich alles gemacht habe, was ich auch vorher schon immer gemacht habe, bleibt immer noch zu viel Zeit vom Tag übrig, wo mir einfach nichts einfällt, was ich sinnvoller Weise tun könnte. Das halbe Jahr, bevor ich in Rente ging, wurde ich von Kolleginnen und Kollegen, im Freundeskreis, überhaupt von allen möglichen Leuten, mit denen ich so ins Gespräch kam, gefragt, was denn so meine Pläne seien für die Zeit ‚danach‘. Und weil mir dann immer nichts einfiel, dachte ich mir was aus: wieder an der Uni Seminare oder Vorlesungen zu geben und/oder einmal die Woche auf dem Domplatz in Münster eine Stunde lang eine Mahnwache für ein Offline-Leben zu halten.
Was die Mahnwache betrifft habe ich mir das schon im Detail ausgemalt. Ich wollte mich da einfach nur hinstellen, mit meinem Fahrrad und einem Schild: „Offline – selber leben, selber denken“ – und darauf warten, daß mich irgendwelche Leute ansprechen, und mir anhören, was sie mir zu sagen haben. In einem Korb auf dem Fahrrad hätte ich dann noch ein Bündel Flugblätter zu Themen rund um die Digitalisierung.
Je mehr ich mir (und anderen) das ausmalte, um so mehr Lust hatte ich darauf. Und jetzt ist es so, wie es bislang immer in meinem Leben war. In der Phantasie hatte ich mir mit großer Befriedigung irgendwas ausgemalt, und wenn es dann ans Umsetzen ging, fehlte doch wieder der Wille.
Vielleicht wäre dieses zweite soziale Jahr doch eine ganz gute Sache für Leute wie mich. Allerdings müßte man mir dann ein Smartphone zur Verfügung stellen. Ich wäre sonst zu nichts zu gebrauchen.
Dienstag, 10. Mai 2022
Stöbern wird gewesen sein
Dienstag, 4. Februar 2020
Meine Petition: Zwischenstand
Die meisten Kommentatoren, Kommentatorinnen waren ernsthaft interessiert. Lediglich ein Kommantator wandte sich mit rhetorischen Tricks gegen die Petition, indem er/sie mir Unredlichkeit vorwarf, weil ich die Petition für ein Offline-Leben online gestellt hatte. Aber gerade dieser Kommentar sorgte mit 32 darauf reagierenden Kommentaren für eine rege Kommentaraktivität. War also im Endeffekt eine gute Sache.
Diese Petition gehört zu meinen letzten Online-Aktionen. Im April beende ich meine Bloggerei, lasse aber meinen Blog online.
Samstag, 1. Februar 2020
Offline
In dem Roman „Unser Leben in den Wäldern“ (2019) von Marie Darrieussecq befindet sich ein Manifest des Offline-Gehens. Ich gebe es hier leicht gekürzt wieder. Mit ‚beide Hände als Maus benutzen‘ meint die Autorin, daß in nicht allzu ferner Zukunft unser „Körper als Schnittstelle“ funktioniert. (Vgl.S.84) In die Handgelenke sind Chips implantiert, mit denen wir unsere Wohnungen aufschließen und Geräte wie z.B. Fahrzeuge aktivieren, die wir zugleich mit ausladenden Hand- und Armbewegungen dirigieren. Mit der „Geschichtsschreibung“ zur „kognitiven Benutzung unserer Hände“ spielt die Autorin auf André Leroi-Gourhans „Hand und Wort“ (1964/65) an. Ob die im zweiten Absatz angesprochenen neurophysiologischen Befunde korrekt sind, kann ich nicht beurteilen.„Wenn man nicht mehr dauerhaft online sein will, muss man sich als Erstes abgewöhnen, die eigenen Hände als Maus einzusetzen. Das ist schwer, ich weiß. Da gäbe es eine Geschichte zu schreiben, ich meine jetzt richtige Geschichtsschreibung, über die kognitive Benutzung unserer Hände, ihren Gebrauch, der mit dem Wissen und dem Schreiben zusammenhängt. Hier in ein Heft zu schreiben, nur mit einer Hand (bei mir die rechte), das hat in meinem Hirn bestimmte Gewohnheiten abgeschaltet, die mit dem beidhändigen Gebrauch von Tastaturen verknüpft waren und dann mit dem Gebrauch meiner beiden Hände als Maus. Damit aufhören, im Raum unablässig diese windmühlenartigen Gesten zu wiederholen, mit denen wir unsere Geräte in Gang setzen und steuern, unsere Helme, unsere Fahrzeuge ..., das stellt eine radikale Entgiftung unserer Welt dar, nicht mehr und nicht weniger. Wir verlassen diese Welt. Wir finden uns im Wald wieder. Wir graben mit Hacken und Schaufeln. Wir halten die Kohlenbecken in Gang, indem wir in die Glut blasen. Wir stützen die Tunnel in Handarbeit ab, wir falten die Zelte zusammen, wir fangen von vorn an. Wir rühren unsere Eintöpfe selbst um, mit dem Löffel, wir scheuern unsere Essnäpfe aus ... Wir greifen die Dinge mit den Händen.
Hirntomografien von Menschen, die dauerhaft offline gegangen sind, zeigen ein frischeres Gehirn, dessen Aktivität abnimmt und sich gleichmäßig verteilt: Das Bild ist einheitlicher blau als rot. Der mittlere präfrontale Kortex löst sich von der Amygdala, das heißt, das Zentrum des Ichs wird nicht mehr mit dem Alarmzentrum verwechselt. Er löst sich auch vom emotionalen Zentrum (ventromedialer präfrontaler Kortex = Grübeln, Sorgen). Diese beiden Areale verarbeiten die Informationen bezüglich der Menschen, die wir als ähnlich ansehen (Handhabung des familiären Beziehugsnetzes/Depression), und der Menschen, die wir als anders ansehen (Frage der sozialen Beziehung/Angst). Unterm Strich nimmt man nicht mehr alles so persönlich.“ (S.70)
Dienstag, 14. Januar 2020
Zwischeninformation zu meinen Offline-Plänen
Sobald Windows 8 von Microsoft ausrangiert wird, werde ich auch meinen PC vom Netz nehmen. Ich werde dann künftig nur noch ein e-mail-Konto haben. Wie ich das mit einem offline-PC machen soll, weiß ich aber noch nicht. Zum Schreiben werde ich auf Hand und Maschine überwechseln.
Freitag, 13. Dezember 2019
Freiheitsverluste
Ich habe gestern eine Petition zur Gewährleistung eines „Rechts auf ein Offline-Leben“ (Nr. 103875) beim deutschen Bundestag eingereicht. Sobald sie von der Bundestagsverwaltung geprüft, angenommen und online gestellt worden ist, kann sie von jedem Interessierten mitgezeichnet werden.
Petition in der Mitzeichnungsfrist
Die Petition ist jetzt online erreichbar und kann bis zum 03.02.2020 mitgezeichnet werden.