In ihrem Nachwort zu Hannah Arendts Buch „Macht und Gewalt“ (1970/2024) stellt die Wissenschaftsphilosophin Christine Blättler Arendts Technikkritik in den Kontext einer „mehrheitlich technikfeindlichen“ Nachkriegszeit. (Vgl. Arendt 1970/2024, S.150) Darüberhinaus ordnet Blättler pauschalisierend jede Technikkritik überhaupt dem „Kulturpessimismus“ zu, für den sie insbesondere Ernst Jünger und Martin Heidegger in Anspruch nimmt (vgl. Arendt 1970/2024, S.154), und so spricht sie vom „kulturpessimistische(n) Fahrwasser“ Heideggers, bezeichnet den „Ökologiediskurs“ als „Verfallsgeschichte“ (vgl. Arendt 1970/2024, S.154), spricht auch von einem mit der Technikkritik verbundenen „kruden Pessimismus“ (vgl. Arendt 1970/2024, S.156) und behauptet, Levinas paraphrasierend, daß „die Feinde der Industriegesellschaft zum größten Teil Reaktionäre seien“ (vgl. Arendt 1970/2024, S.157).
Ein derartiges pauschales, undifferenziertes, alle Argumente der ,technikfeindlichen Reaktionäre‛, zu denen Blättler keineswegs nur Jünger und Heidegger zählt, ignorierendes Pauschalurteil, von dem dann auch respektable Persönlichkeiten wie Günter Anders und Hans Jonas nicht freigesprochen werden können, erübrigt jede Erwiderung meinerseits. Wenn man Hannah Arendt wegen ihres Buches tatsächlich einen Vorwurf machen müßte, dann nicht wegen ihrer wohlbegründeten Fortschritts- und Technikkritik, sondern wegen einiger rassistischer und/oder nah am Rassismus entlang schrammender Stellen, in denen sie sich zu der us-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung in den 50er und 60er Jahren des 20. Jhdts. äußert.
Deshalb zunächst hierzu ein paar Worte von mir: Arendt glaubt den schwarzen, ihre Bürgerrechte einfordernden Studenten ihre Qualifikation für ein Universitätsstudium absprechen zu müssen. Der offensichtliche Rassismus zeigt sich vor allem an Textstellen wie diesem: „Im Gefolge der Bürgerrechtsbewegung haben die Universitäten und Colleges eine große Anzahl von Negerstudenten aufgenommen, ohne von ihnen die üblichen akademischen Qualifikationen zu verlangen; und die Folge war, daß diese Studenten, die besser als irgendjemand sonst wußten, daß der ihnen gebotene Nachhilfeunterricht ein hoffnungsloses Unternehmen war, sich von der Studentenschaft absonderten, organisierten und nun verständlicherweise forderten, das Universitätsniveau so weit zu senken, daß sie mitkommen konnten ‒ bzw. da dies vielleicht doch nicht möglich war, ihnen ein eigenes ,Studiengebiet‛, die sog. ,Black studies‛, einzurichten.“ (Arendt 1970/2024, S.33f.)
Obwohl ich diese Textstelle eindeutig als rassistisch einordne, bleibt hier doch offen, ob Arendt den schwarzen Studenten pauschal einfach die nötigen Fähigkeiten/Begabungen per se abspricht oder ob sie sich nur darüber beklagt, daß sie nicht auf die „üblichen akademischen Qualifikationen“ hin geprüft wurden, bevor sie aufgenommen wurden. Doch ihre Bemerkung, daß jeder Nachhilfeunterricht von vornherein zum Scheitern verurteilt war und die betroffenen Studenten dies sogar selbst gewußt hätten, weshalb sie eine Art Alibifach, das man nicht als richtiges Universitätsfach ansehen könne, für sich reklamierten, überschreitet eindeutig die Grenze zum Rassismus.
Dennoch möchte ich als Bildungsphilosoph hier nicht dieses rassistische Moment ihrer Argumentation fokussieren, sondern ihre Vorstellung von dem, was eine Universität eigentlich ist. Diese Vorstellung unterscheidet sich nämlich erheblich von dem, was der Universitätsgründer Wilhelm von Humboldt darunter verstanden hatte. Nach Humboldts Ansicht war die Universität nicht besonders befähigten oder besonders begabten Studenten vorbehalten, denn an der Universität geht es gar nicht um den Erwerb von Spezialwissen, für das eventuell schon vor Studienbeginn eine spezielle Eignung vorausgesetzt werden müßte. Für solche Spezialfälle ist nach Humboldt nicht die Universität zuständig, sondern entweder wissenschaftliche Einrichtungen wie die Akademien oder die Berufsausbildung.
Humboldt zufolge besteht die eigentliche Studienreife nicht in einem bestimmten, abprüfbaren Bestand und Niveau von Wissen und Fähigkeiten, sondern im Interesse des Studenten für seinen Gegenstand. Dieses Interesse muß einerseits an seinem Gegenstand haften, darf aber andererseits nicht daran kleben bleiben. Es muß durch den Gegenstand hindurch auf die Welt als Ganzes gehen. Erst dieses Ganze der Welt macht aus einer Forschungseinrichtung eine Bildungseinrichtung. Und die Universität war Humboldts Auffassung nach auch als Forschungseinrichtung vor allem ein Ort der Allgemeinbildung.
Humboldt übersetzte das Wort ,studio‛ mit ,Eifer‛ und sogar mit ,Liebe‛; also mit der Liebe zum Gegenstand und zur Welt; oder etwas nüchterner: mit ,Interesse‛. Wo das Interesse vorhanden ist, ergeben sich Begabungen und Fähigkeiten quasi von selbst. Wer interessiert war, also ,Student‛ im ursprünglichen Sinne des Wortes, besaß auch die Universitätsreife.
Nur wo diese Liebe zum Ganzen da ist, geht das Universitätsstudium über die begrenzten Spezialbegabungen einzelner Kandidatinnen und Kandidaten, die man auf ihre ,Eignung‛ testet, hinaus. Die Befähigung folgt dem Interesse. Wo kein Interesse ist, verkümmern auch die vorhandenen ,Begabungen‛.
Aus dieser humboldtschen Perspektive ist es einfach falsch, schwarzen Studenten ihre Qualifikation abzusprechen. Es geht auch nicht an, die „Black Studies“ im inneruniversitären Fächerkanon als unwissenschaftlich abzuwerten. Wenn sich das Interesse der aus der Bürgerrechtsbewegung kommenden schwarzen Studenten zuerst auf dieses Wissensgebiet richtete, so deshalb, weil die „Black Studies“ eben auch einen bislang ausgeblendeten Teil der Welt, einen Teil des Ganzen bilden. Wenn es den schwarzen Studenten darum ging, ein bislang brachliegendes Wissensgebiet aufzuarbeiten und sich zugleich auf diese Weise einen Zugang zur universellen Bildung zu erarbeiten, dann ist die Universität genau der richtige Ort für dieses Anliegen.
Tatsächlich gibt es aus Humboldts Perspektive keinen Gegenstand, von dem aus sich keine Wege auf einen umfassenden Horizont des Wissens eröffnen.
Zurück zu Christine Blättler. Ich hatte sie schon als übelmeinende, auf den Fortschritt eingeschworene Rhetorikerin abgehakt, da kam dann doch noch etwas Interessantes zum Thema ,Geschichtsphilosophie‛. (Vgl. Arendt 1970/2024, S.168ff.) Blättler kommt für mich überraschend auf den Umstand zu sprechen, daß beides, Fortschritt und Geschichtsphilosophie, auf einer Teleologie beruhen. (Vgl. Arendt 1970/2024, S.170f.) Welche Umwege der Geschichtsverlauf auch immer nimmt und welche Kollateralschäden der Fortschritt auch immer verursacht ‒ die Richtung, in die es geht, ist von vornherein festgelegt: aufwärts und vorwärts. (Vgl. Arendt 19702025, S.175) Und Blättler resümiert: „Insofern weist dieser Geschichtsbegriff neben seiner gewaltvollen genauso einen technischen Charakter auf und findet in der technischen Bestimmung von Gewalt durch Arendt eine Bestätigung.“ (Arendt 1970/2024, S.175f.)
Auf den letzten Seiten ihres Nachworts geht Blättler nochmal detaillierter auf Arendts Fortschrittskritik ein und würdigt sie in ihrer argumentativen Stringenz. Die Verbindung des Fortschrittsgedankens mit technologischer Innovation, so Blättler Arendt paraphrasierend, führt geradewegs in eine unaufhaltsame Sachzwangsdynamik, die die Menschen dazu zwingt, „das, was sie können, auch zu tun, ohne es zu wollen“: „Der von (Arendt) in dieser Dynamik von Sachzwängen registrierte Machtverlust, ,der Gewalt Tor und Tür öffnet‛, ist vor dem Hintergrund ihrer Unterscheidung von Macht und Gewalt nicht zu unterschätzen und leitet diese pauschale Wissenschafts- und Technikkritik an.“ (Vgl. Arendt 170/2024, S.177)
Aber Blättler bleibt auch in diesem Zitat dabei: Arendt pauschalisiert, und ihre Fortschrittskritik ist deshalb eben doch nicht ernstzunehmen.
Hannah Arendt hatte schon in ihrem Buch Christine Blättlers Position gekannt und entkräftet. Denn so, wie Blättler Arendt in die Reihe eines Ernst Jünger und eines Martin Heidegger und anderer ,Kulturpessimisten‛ stellt, argumentieren, wie Arendt schreibt, schon immer die Kritiker der Fortschrittskritik: „Nach Präzedenzfällen und Analogien Ausschau zu halten, wo es keine gibt, sich ‒ unter dem Vorwand, daß wir aus der Vergangenheit, besonders aus den Jahren zwischen den beiden Weltkriegen lernen sollten ‒ gar nicht erst darauf einzulassen, das, was getan und gesagt wird, aufgrund der Ereignisse selbst zu berichten und darüber nachzudenken, ist für einen Großteil der gegenwärtigen Diskussion charakteristisch.“ (Arendt 1970/2024, S.105f.)
Zeitgeschichtlich sind auch Ernst Jünger und Martin Heidegger den „Jahren zwischen den beiden Weltkriegen“ zuzuordnen. Und Blättler meint eben auch, mit dem Verweis auf Jünger und Heidegger sei schon alles über Arendts Technik- und Fortschrittskritik gesagt. Daran ändern nicht einmal die letzten drei, vier Seiten ihres Nachworts etwas.
„Wenn schon eine ganze Welt, auf Erkenntnis beruhend und ihrer ständig bedürftig, errichtet ist und ihren Gang geht, wie die der modernen Technik, wird der nach dem Grund ihrer Möglichkeit und nach ihren Sicherheitsgarantien Fragende zum Sokrates der Vergeblichkeit.“ (Blumenberg, Höhlenausgänge, S.169)
„...letztlich ist der Mensch, als Folge oder Krönung der Evolution, nur in der Totalität der Erde begreifbar.“ (Leroi-Gourhan, Hand und Wort, S.22)
Posts mit dem Label Rassismus werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Rassismus werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Donnerstag, 3. Oktober 2024
Donnerstag, 5. Oktober 2023
Rassismus bei Michael Ende?
In einem Beitrag zur DLF-Rubrik „Andruck“ rezensierte Jens Rosbach die Doktorarbeit von Julian Timm: „Der erzählte Antisemitismus“. Darin wird Michael Endes Kinderbuch „Der Wunschpunsch“ vorgeworfen, daß es antisemitische Klischees enthalte. Dabei geht es, so weit ich es verstanden habe, nicht darum, daß Michael Ende bewußt jüdische Menschen oder vermeintlich jüdisch aussehende Menschen diffamiert, sondern darum, daß er solche Klischees verwende, ohne explizit einen solchen Bezug herzustellen. Es handelt sich also gewissermaßen um ,freischwebende‛ Klischees, zu denen man diesen Bezug auf Juden erst herstellen muß, um sie kenntlich zu machen.
Mit anderen Worten: der Autor Michael Ende unterschlägt den Bezug, was dann der Doktorand Julian Timm für ihn nachholt. Denn der weiß natürlich, was auf die ‚Juden‛ paßt und wie sie aussehen.
Ich kann mit solchen Verdachtskritiken nicht viel anfangen. Sie mögen zutreffen oder sie mögen nicht zutreffen. Was man davon zu halten hat, ist meist mehr oder weniger denen überlassen, die sich davon getriggert fühlen. Tatsächlich läßt Julian Timm offen, ob Michael Ende selbst überhaupt darum gewußt hatte, als er diese Klischees in seiner Erzählung verwendete. Darauf kommt es ihm nicht an. Es kommt einzig darauf an, daß man Ende so verstehen kann; ob es nun zutrifft oder nicht.
Es ist jedenfalls leicht, auf diese Weise überall fündig zu werden, wenn man nur entsprechend danach sucht. Was aus den Sedimenten der Lebenswelt in uns aufsteigt und auf die eine oder andere Weise schreibend oder sprechend in Worte gefaßt wird, haben wir nicht unter Dauerkontrolle. Nicht einmal Schriftsteller. Erst recht nicht, wenn andere ihren Texten einen Sinn unterlegen, den sie schreibend nicht zu antizipieren vermochten.
Jedenfalls nimmt Jens Rosbach Timms Buch zum Anlaß, um das ganze Werk von Michael Ende unter Rassismusverdacht zu stellen. Ein Verweis auf den „Jim Knopf“ liegt da nur allzunahe. Man denke nur an das N-Wort-Kind Jim Knopf. Diese Art von meist nicht weiter ausgeführten Andeutungen, mal eben so ad hoc in den Raum gestellt, erweist sich durchaus gelegentlich als unzutreffend. So ist es jedenfalls beim „Jim Knopf“.
Neben dem N-Wort ist Mandala ein weiterer Aufreger, das in früheren Ausgaben des „Jim Knopf“ noch „China“ genannt worden war. Übrigens durch Eingriff des Verlags. Michael Ende selbst hatte die von ihm beschriebene Phantasiewelt „Mandala“ von Anfang an nicht China, sondern eben Mandala genannt. Alle darin beschriebenen Merkwürdigkeiten spielen mit den entsprechenden Vorurteilen, die man damals so von China hatte. Aber sie spielen eben nur damit. Wie sich im weiteren Verlauf der Erzählung erweist, hat Michael Ende Mandalas eigentlichen Kern in etwas anderem gesehen. Und das hat nichts mit Rassismus zu tun. Aber um das zu verstehen, muß man den „Jim Knopf“ eben gelesen haben.
Noch einmal in aller Deutlichkeit: ich bin mir durchaus bewußt, ein alter weißer Mann zu sein, und ich kann mich nicht von Rassismen aller Art pauschal freisprechen. Ich betrachte es als eine Lebensaufgabe, diesen menschenverachtenden Einstellungen immer und überall auf die Spur zu kommen und sie zu kontrollieren. Die Sedimente, aus denen sowas kommt, sind tief.
Aber was ich nicht akzeptiere, ist das eilfertige Auffinden von vermeintlich anrüchigen Stellen in der Literatur, um sich auf diese Weise, wie ich den Verdacht habe, selbst reinzuwaschen. Wer den Rassismus bei anderen kenntlich machen kann, muß bei sich selbst nicht mehr so genau hinsehen. Das ist mir zu billig. Da mache ich nicht mit.
Mit anderen Worten: der Autor Michael Ende unterschlägt den Bezug, was dann der Doktorand Julian Timm für ihn nachholt. Denn der weiß natürlich, was auf die ‚Juden‛ paßt und wie sie aussehen.
Ich kann mit solchen Verdachtskritiken nicht viel anfangen. Sie mögen zutreffen oder sie mögen nicht zutreffen. Was man davon zu halten hat, ist meist mehr oder weniger denen überlassen, die sich davon getriggert fühlen. Tatsächlich läßt Julian Timm offen, ob Michael Ende selbst überhaupt darum gewußt hatte, als er diese Klischees in seiner Erzählung verwendete. Darauf kommt es ihm nicht an. Es kommt einzig darauf an, daß man Ende so verstehen kann; ob es nun zutrifft oder nicht.
Es ist jedenfalls leicht, auf diese Weise überall fündig zu werden, wenn man nur entsprechend danach sucht. Was aus den Sedimenten der Lebenswelt in uns aufsteigt und auf die eine oder andere Weise schreibend oder sprechend in Worte gefaßt wird, haben wir nicht unter Dauerkontrolle. Nicht einmal Schriftsteller. Erst recht nicht, wenn andere ihren Texten einen Sinn unterlegen, den sie schreibend nicht zu antizipieren vermochten.
Jedenfalls nimmt Jens Rosbach Timms Buch zum Anlaß, um das ganze Werk von Michael Ende unter Rassismusverdacht zu stellen. Ein Verweis auf den „Jim Knopf“ liegt da nur allzunahe. Man denke nur an das N-Wort-Kind Jim Knopf. Diese Art von meist nicht weiter ausgeführten Andeutungen, mal eben so ad hoc in den Raum gestellt, erweist sich durchaus gelegentlich als unzutreffend. So ist es jedenfalls beim „Jim Knopf“.
Neben dem N-Wort ist Mandala ein weiterer Aufreger, das in früheren Ausgaben des „Jim Knopf“ noch „China“ genannt worden war. Übrigens durch Eingriff des Verlags. Michael Ende selbst hatte die von ihm beschriebene Phantasiewelt „Mandala“ von Anfang an nicht China, sondern eben Mandala genannt. Alle darin beschriebenen Merkwürdigkeiten spielen mit den entsprechenden Vorurteilen, die man damals so von China hatte. Aber sie spielen eben nur damit. Wie sich im weiteren Verlauf der Erzählung erweist, hat Michael Ende Mandalas eigentlichen Kern in etwas anderem gesehen. Und das hat nichts mit Rassismus zu tun. Aber um das zu verstehen, muß man den „Jim Knopf“ eben gelesen haben.
Noch einmal in aller Deutlichkeit: ich bin mir durchaus bewußt, ein alter weißer Mann zu sein, und ich kann mich nicht von Rassismen aller Art pauschal freisprechen. Ich betrachte es als eine Lebensaufgabe, diesen menschenverachtenden Einstellungen immer und überall auf die Spur zu kommen und sie zu kontrollieren. Die Sedimente, aus denen sowas kommt, sind tief.
Aber was ich nicht akzeptiere, ist das eilfertige Auffinden von vermeintlich anrüchigen Stellen in der Literatur, um sich auf diese Weise, wie ich den Verdacht habe, selbst reinzuwaschen. Wer den Rassismus bei anderen kenntlich machen kann, muß bei sich selbst nicht mehr so genau hinsehen. Das ist mir zu billig. Da mache ich nicht mit.
Dienstag, 3. März 2020
Gegen sich selbst
Im Römerbrief finde ich einen Satz von anthropologischer Gültigkeit: „(E)s ist keiner, der verständig ist; es ist keiner, der Gott mit Ernst sucht; alle sind abgewichen; sie sind alle zusammen unnütz geworden; es ist keiner, der Gutes tut, es ist auch nicht einer.“ (Röm. 3, 11-12)
Dieser Satz gilt auch unter der Voraussetzung, daß Gott tot ist, und er bildet die anthropologische Grundlage für Nietzsches Konzeption vom Übermenschen: es gibt den Menschen noch nicht; er wird erst noch.
Tagtäglich beobachte ich dieses Phänomen als Pädagoge an einem Internat. Immer wieder wiederholt sich ein auf ein zutiefst gestörtes Innenleben hinweisendes Verhalten: Mißachtung und Mobbing. Mobbing ist nicht die Ausnahme, sondern die Regel an allen Schulen, so weit ich das beurteilen kann. Und ich denke sogar, daß wir es hier mit einer anthropologischen Struktur zu tun haben, die – unabhängig von historischen Umständen und ökonomischen Krisen – auch die Grundlage für Sexismus, Fremdenhaß und Rassismus bildet, denen die Menschen alltäglich überall auf der Welt zum Opfer fallen.
Mobbing und Rassismus sind wesensverwandte Phänomene, und ich denke, daß der Rassismus nur eine stereotype Form des Mobbing bildet, das ‚universeller‘ anwendbar ist, weil es in gewisser Weise ‚kreativer‘ bei der Wahl der Opfer ist und im Unterschied zum eigentlichen Rassismus jeden treffen kann. Immerhin: dem Mobbing können wir entkommen, indem z.B. Schüler die Schule irgendwann verlassen oder Erwachsene die Arbeitsstelle wechseln oder mißhandelte Frauen können ihre Männer verlassen. Vom Rassismus betroffene Menschen können der Situation nicht so einfach entkommen; in dieser Hinsicht ist wiederum der Rassismus universeller.
Zurück zum Übermenschen: ich glaube, daß Nietzsches Konzeption vom zugrundegehenden Menschen übersieht, daß die scheinbare Minderwertigkeit des Menschen ein notwendiges Übel ist und in unserer Bedürfnisorganisation verankert ist. Die Menschen können ihre Bedürftigkeit nicht einfach abstreifen wie einen Mantel. Sie sind ihr vielmehr unrettbar ausgeliefert. Aus ihrer Bedürftigkeit heraus werden sie zu Mobbern und Rassisten. Indem die Menschen mit ihren Bedürfnissen täglich scheitern, bleibt ihnen nichts anderes übrig, als sich ihrer Bedürftigkeit, dem ganzen Elend ihres Daseins zu stellen. Und viele Menschen scheitern auch dabei. Sie laden ihr eigenes Elend auf den Schultern anderer Menschen ab, um sich nicht mit der eigenen Minderwertigkeit auseinandersetzen zu müssen.
Die Menschen neigen in ihrer Schwäche also zu Ersatzhandlungen. Diese bilden den eigentlichen Inhalt ihrer Kulturgeschichte. Dennoch ist es gerade diese Bedürftigkeit, diese Minderwertigkeit, in der sich der Mensch als Mensch in der Fülle seiner Menschlichkeit verwirklicht. Der Mensch, der sich angesichts seiner Bedürftigkeit als Mensch verwirklicht, ist und bleibt ein Mensch. Er ist kein Übermensch. Diese Selbstverwirklichung ist keine Erlösung, keine endgültige Befreiung. Bis zu unserem Tod bleiben wir fehlbare Menschen. Und wenn wir tot sind, sind wir tot.
Die Selbstverwirklichung des Menschen besteht darin, das Elend seiner Bedürftigkeit in Liebe zu verwandeln.
Was aber meint der Apostel Paulus, wenn er feststellt, daß kein Mensch „verständig“ sei und daß alle von Gott „abgewichen“ seien? – Er meint, daß es das ‚Fleisch‘ sei, das uns zur ‚Sünde‘ verführt.
Was aber ist das ‚Fleisch‘? – Es ist unser Begehren, das sich nach Erfüllung sehnt.
Womit sollen wir aber das fleischliche Begehren überwinden? – Mit der Macht der Liebe.
Im christlichen Denken ist die Liebe eine Pflicht, ein höchstes Gebot, das über allen anderen Geboten steht. Es ist deshalb wichtig, darauf zu beharren, daß Liebe aus anthropologischer Sicht allererst ein Bedürfnis ist und kein Gebot. Sie ist Teil unseres Begehrens. Unser ganzes Begehrungsvermögen bildet eine Mannigfaltigkeit aus Bedürfnissen und Trieben, und diese können eine ganz verschiedene Gestalt annehmen. Wie sich diese Bedürfnisse insgesamt organisieren, darauf kommt es an. ‚Liebe‘ bildet nur eine mögliche Gestalt unserer Bedürfnisorganisation. Man kann diese im christlichen Sinne zur Pflicht machen. Aber sie ist keine Pflicht, sondern eine Form unseres Begehrens. Sie selbst ist ein Bedürfnis!
Wer meint, die Liebe – insbesondere in Form der Feindesliebe – zur Pflicht machen zu müssen, richtet den menschlichen Willen gegen sich selbst. Das Gebot der Feindesliebe richtet den Willen gegen sich selbst und verhindert so, daß wir selbst das wollen, was wir wollen dürfen, und das begehren dürfen, was uns als begehrenswert erscheint. Die Feindesliebe deklassiert alle anderen Formen der Liebe, weil sie als ‚schwach‘ gelten; als ‚fleischlich‘.
Letztlich macht ein Liebesgebot, also eine ‚Liebe‘, die unserem Begehrungsvermögen widerspricht, genau das, was den Kern dieses Begehrungsvermögens ausmacht, zu etwas Minderwertigem: das Fleisch!
Es geht aber nicht darum, das Fleisch zu verdammen, sondern darum, es zu ‚erlösen‘. Es geht darum, aus dem Begehren etwas zu machen, das nicht erniedrigt, nicht verletzt und nicht mißbraucht. An die Stelle der Gier soll Liebe treten. Aber nicht als Gebot, sondern als eigentlichste Erfüllung unserer Bedürfnisse und Begehrungen.
Wenn jemand irgendjemanden zum Gegenstand seiner Willkür macht, wie beim Mobbing, so ist er der Feind. Man muß ihn nicht hassen. Man kann ihn auch bedauern, insofern er sein Elend dadurch nur vergrößert, anstatt es zu verringern. Aber lieben muß man ihn nicht.
Dieser Satz gilt auch unter der Voraussetzung, daß Gott tot ist, und er bildet die anthropologische Grundlage für Nietzsches Konzeption vom Übermenschen: es gibt den Menschen noch nicht; er wird erst noch.
Tagtäglich beobachte ich dieses Phänomen als Pädagoge an einem Internat. Immer wieder wiederholt sich ein auf ein zutiefst gestörtes Innenleben hinweisendes Verhalten: Mißachtung und Mobbing. Mobbing ist nicht die Ausnahme, sondern die Regel an allen Schulen, so weit ich das beurteilen kann. Und ich denke sogar, daß wir es hier mit einer anthropologischen Struktur zu tun haben, die – unabhängig von historischen Umständen und ökonomischen Krisen – auch die Grundlage für Sexismus, Fremdenhaß und Rassismus bildet, denen die Menschen alltäglich überall auf der Welt zum Opfer fallen.
Mobbing und Rassismus sind wesensverwandte Phänomene, und ich denke, daß der Rassismus nur eine stereotype Form des Mobbing bildet, das ‚universeller‘ anwendbar ist, weil es in gewisser Weise ‚kreativer‘ bei der Wahl der Opfer ist und im Unterschied zum eigentlichen Rassismus jeden treffen kann. Immerhin: dem Mobbing können wir entkommen, indem z.B. Schüler die Schule irgendwann verlassen oder Erwachsene die Arbeitsstelle wechseln oder mißhandelte Frauen können ihre Männer verlassen. Vom Rassismus betroffene Menschen können der Situation nicht so einfach entkommen; in dieser Hinsicht ist wiederum der Rassismus universeller.
Zurück zum Übermenschen: ich glaube, daß Nietzsches Konzeption vom zugrundegehenden Menschen übersieht, daß die scheinbare Minderwertigkeit des Menschen ein notwendiges Übel ist und in unserer Bedürfnisorganisation verankert ist. Die Menschen können ihre Bedürftigkeit nicht einfach abstreifen wie einen Mantel. Sie sind ihr vielmehr unrettbar ausgeliefert. Aus ihrer Bedürftigkeit heraus werden sie zu Mobbern und Rassisten. Indem die Menschen mit ihren Bedürfnissen täglich scheitern, bleibt ihnen nichts anderes übrig, als sich ihrer Bedürftigkeit, dem ganzen Elend ihres Daseins zu stellen. Und viele Menschen scheitern auch dabei. Sie laden ihr eigenes Elend auf den Schultern anderer Menschen ab, um sich nicht mit der eigenen Minderwertigkeit auseinandersetzen zu müssen.
Die Menschen neigen in ihrer Schwäche also zu Ersatzhandlungen. Diese bilden den eigentlichen Inhalt ihrer Kulturgeschichte. Dennoch ist es gerade diese Bedürftigkeit, diese Minderwertigkeit, in der sich der Mensch als Mensch in der Fülle seiner Menschlichkeit verwirklicht. Der Mensch, der sich angesichts seiner Bedürftigkeit als Mensch verwirklicht, ist und bleibt ein Mensch. Er ist kein Übermensch. Diese Selbstverwirklichung ist keine Erlösung, keine endgültige Befreiung. Bis zu unserem Tod bleiben wir fehlbare Menschen. Und wenn wir tot sind, sind wir tot.
Die Selbstverwirklichung des Menschen besteht darin, das Elend seiner Bedürftigkeit in Liebe zu verwandeln.
Was aber meint der Apostel Paulus, wenn er feststellt, daß kein Mensch „verständig“ sei und daß alle von Gott „abgewichen“ seien? – Er meint, daß es das ‚Fleisch‘ sei, das uns zur ‚Sünde‘ verführt.
Was aber ist das ‚Fleisch‘? – Es ist unser Begehren, das sich nach Erfüllung sehnt.
Womit sollen wir aber das fleischliche Begehren überwinden? – Mit der Macht der Liebe.
Im christlichen Denken ist die Liebe eine Pflicht, ein höchstes Gebot, das über allen anderen Geboten steht. Es ist deshalb wichtig, darauf zu beharren, daß Liebe aus anthropologischer Sicht allererst ein Bedürfnis ist und kein Gebot. Sie ist Teil unseres Begehrens. Unser ganzes Begehrungsvermögen bildet eine Mannigfaltigkeit aus Bedürfnissen und Trieben, und diese können eine ganz verschiedene Gestalt annehmen. Wie sich diese Bedürfnisse insgesamt organisieren, darauf kommt es an. ‚Liebe‘ bildet nur eine mögliche Gestalt unserer Bedürfnisorganisation. Man kann diese im christlichen Sinne zur Pflicht machen. Aber sie ist keine Pflicht, sondern eine Form unseres Begehrens. Sie selbst ist ein Bedürfnis!
Wer meint, die Liebe – insbesondere in Form der Feindesliebe – zur Pflicht machen zu müssen, richtet den menschlichen Willen gegen sich selbst. Das Gebot der Feindesliebe richtet den Willen gegen sich selbst und verhindert so, daß wir selbst das wollen, was wir wollen dürfen, und das begehren dürfen, was uns als begehrenswert erscheint. Die Feindesliebe deklassiert alle anderen Formen der Liebe, weil sie als ‚schwach‘ gelten; als ‚fleischlich‘.
Letztlich macht ein Liebesgebot, also eine ‚Liebe‘, die unserem Begehrungsvermögen widerspricht, genau das, was den Kern dieses Begehrungsvermögens ausmacht, zu etwas Minderwertigem: das Fleisch!
Es geht aber nicht darum, das Fleisch zu verdammen, sondern darum, es zu ‚erlösen‘. Es geht darum, aus dem Begehren etwas zu machen, das nicht erniedrigt, nicht verletzt und nicht mißbraucht. An die Stelle der Gier soll Liebe treten. Aber nicht als Gebot, sondern als eigentlichste Erfüllung unserer Bedürfnisse und Begehrungen.
Wenn jemand irgendjemanden zum Gegenstand seiner Willkür macht, wie beim Mobbing, so ist er der Feind. Man muß ihn nicht hassen. Man kann ihn auch bedauern, insofern er sein Elend dadurch nur vergrößert, anstatt es zu verringern. Aber lieben muß man ihn nicht.
Abonnieren
Posts (Atom)