„...letztlich ist der Mensch, als Folge oder Krönung der Evolution, nur in der Totalität der Erde begreifbar.“ (Leroi-Gourhan, Hand und Wort, S.22)
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Donnerstag, 22. Dezember 2022

Die Philosophie von „King Arthur“

Ich habe mir „King Arthur“ mit Clive Owen und Keira Knightley angesehen. Es gibt da zwei Repräsentanten des Christentums: Arthur und den Bischof. Der eine steht für das gute Christentum, von dem er träumt, der andere für das böse Christentum, das die Kirche verwirklicht. Immer ist es die Kirche, die Jesu Botschaft verdirbt.

Kann es überhaupt etwas Gutes in einem Christentum geben, das die Kirche in Gestalt des Papstes ganz für sich beansprucht? Kann es sein, daß das böse Christentum in Gestalt der Kirche historisch gesehen ein Fortschritt in der Menschheitsgeschichte gewesen ist, auch wenn diese Kirche bis heute einen korrupten Machtwillen verkörpert? Kann es, historisch gesehen, sein, daß das Christentum etwas relativ Gutes gewesen ist, ein bißchen Arthur, ein bißchen Bischof, und ihnen gegenüber der Sachsenhäuptling als Vertreter des absolut Bösen?

Ist ein relativ Gutes nicht besser als ein absolut Böses?

Aber wenn das Christentum ‚relativ‘ gut ist, dann ist es von der Logik her auch relativ ‚böse‘. Und wenn das Christentum relativ böse ist, dann ist sogar der Sachsenhäuptling relativ gut.

Aber auch wenn der Sachsenhäuptling mehr als relativ böse wäre, wenn er absolut böse wäre, bliebe das Christentum immer noch ein relativ Böses, das nur in dieser Relation als ‚gut‘ wahrgenommen werden kann. Denn das absolut Gute gibt es nicht.

Das ist die Lektion, die Arthur zu lernen hat, bevor er König wird.

Montag, 9. April 2018

Das Licht des Glaubens

1. Glaube als Argumentationsmodus
2. Glaube als Vernunft
3. Glaube als Sinnesorgan
4. Glaube als Kommunikationsform: persönliches Angesprochensein
5. Glaube als Kommunikationsform: Vermittlung
6. Glaube als Kommunikationsform: Nächstenliebe
7. Glaube als Unterwerfung
8. Glaube als Unglaube
9. Glaube als Reinheit

Nicht nur die Gläubigen bilden eine Einheit, für die lumen fidei die Metapher vom „Bild des Leibes“ (Nr.22) verwendet. Auch der Glaube duldet keine Vielfalt; wohlgemerkt: keine Vielfalt, die sich nicht in einer Vielfalt von Glaubensartikeln äußert, insgesamt 245 Dogmen, wenn ich recht orientiert bin. Noch in seiner Zeit als Großinquisitor hatte der letzte Papst darauf bestanden, daß man nicht Christ sein könne, wenn man nicht fest und unbeirrbar an jede einzelne dieser Dogmen glaube. Die meisten Gläubigen kennen wahrscheinlich die wenigsten von all diesen Dogmen. Aber natürlich versuchen sie ihr Möglichstes, an alle zu glauben; auch an die, die sie nicht kennen.
Auch in lumen fidei heißt es: „Da der Glaube einer ist, muss er in seiner ganzen Reinheit und Unversehrtheit bekannt werden. Gerade weil alle Glaubensartikel in Einheit verbunden sind, kommt die Leugnung eines von ihnen, selbst von denen, die weniger wichtig erscheinen, der Beschädigung aller gleich.“ (Nr.48)
Und da auch, wie erwähnt, die Gläubigen eine Einheit bilden, einen empfindsamen und verletzlichen Leib, versäumt Benedikt (vermutlich) nicht zu ergänzen: „Den Glauben zu beschädigen bedeutet, der Gemeinschaft mit dem Herrn Schaden zuzufügen.“ (Nr.48) – Wieso klingt das in meinen Ohren wie eine Drohung?

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Samstag, 7. April 2018

Das Licht des Glaubens

1. Glaube als Argumentationsmodus
2. Glaube als Vernunft
3. Glaube als Sinnesorgan
4. Glaube als Kommunikationsform: persönliches Angesprochensein
5. Glaube als Kommunikationsform: Vermittlung
6. Glaube als Kommunikationsform: Nächstenliebe
7. Glaube als Unterwerfung
8. Glaube als Unglaube
9. Glaube als Reinheit

Das Hören des Wortes Gottes ist mit „Gehorsam“ verbunden. (Vgl.Nr.29) Zum „Gehorsam“ wiederum gehört die vollständige Unterwerfung des eigenen Verstandes und Willens:
„Dem offenbarenden Gott ist der ‚Gehorsam des Glaubens‘ ... zu leisten. Darin überantwortet sich der Mensch Gott als Ganzer in Freiheit, indem er sich dem offenbarenden Gott mit Verstand und Willen voll unterwirft und seiner Offenbarung willig zustimmt.“ (Nr.29, Fußnote 23)
Wie aber ‚offenbart‘ sich dieser Gott, dem sich der Gläubige unterwerfen soll? Drei Kommunikationsformen kommen nach dem Zeugnis der Bibel für die Offenbarung in Betracht: die persönliche Anrede durch Gott, die Nächstenliebe und die Vermittlung durch eine besonders „kundige“ und „glaubwürdige“ Autorität. (Vgl.Nr.18) Auf solche Autoritäten sind vor allem diejenigen Gläubigen angewiesen, denen die Gnade einer persönlichen Anrede durch Gott versagt geblieben ist. Und die ‚Offenbarung‘, die uns in der Nächstenliebe begegnet, hat es an sich, daß sie nicht sehr beredt ist und sich damit begnügt, wenn wir dem Nächsten in seiner Not beistehen.

Um sich mit seinem Verstand und seinem Willen der Offenbarung Gottes unterwerfen zu können, bedarf es eines ausgefeilten Gesetzeswerkes, das uns im Detail eine bestimmte Lebensführung verordnet. Und es sind vor allem Gottes Mittler, allen voran Moses, die uns dieses von Gott geoffenbarte Gesetzeswerk vorlegen. Wenn den Gläubigen dieser Mittler abhanden kommt, so kommt ihnen auch der Glaube abhanden, wie man an den Israeliten sehen kann, die aufgrund der langen Abwesenheit von Moses nicht mehr wissen, was sie glauben sollen und sich deshalb ein goldenes Kalb erschaffen. Sie demonstrieren damit weiterhin ihre bedingungslose Bereitschaft zur vollständigen Unterwerfung, nur eben an die falsche Adresse gerichtet. Das ist die „Versuchung des Unglaubens“. (Vgl.Nr.13)

Weil Gott also dazu neigt, sein Antlitz zu verbergen (vgl.Nr.13) und sich damit kaum jemand persönlich angesprochen fühlen kann, bedarf es des Mittlers und der vollständigen Unterwerfung des eigenen Verstandes und des eigenen Willens, und das auch noch „willig“. In völliger Freiheit soll sich der Gläubige seiner Freiheit entledigen. Wie der Konzilstext vom zweiten Vaticanum ergänzt, ist diese Freiwilligkeit „ohne die zuvorkommende und helfende Gnade Gottes und ohne den inneren Beistand des Heiligen Geistes“ nicht möglich. (Vgl.Nr.29, Fußnote 23) Eine gewisse persönliche Ansprache durch Gott bleibt also doch unverzichtbar.

Für diejenigen aber, vor denen sich das „Antlitz Gottes“ hartnäckig und dauerhaft verbirgt, gilt, daß diese Verborgenheit als Einladung zu verstehen ist, „sich der Quelle des Lichtes zu öffnen, indem man das Geheimnis eines Angesichts respektiert“, das, so das Versprechen, „sich auf persönliche Weise und zum richtigen Zeitpunkt offenbaren will“. (Vgl.Nr.13) – Ein befristeter Denkverzicht, der im Falle der Offenbarung dann in einen endgültigen Denkverzicht umgewandelt werden kann.

Jeder ist also dazu aufgerufen, seinen Verstand auszuschalten: die Gläubigen, indem sie sich vollständig und willig der Offenbarung und ihren Vermittlern unterwerfen, und die Ungläubigen, indem sie das Geheimnis respektieren und es nicht mutwillig in Frage stellen. Überall Denkverbote. Niemand ist davon ausgenommen.

Kant hat für diese Freiheit, von seiner Freiheit nicht nur keinen Gebrauch zu machen, sondern auch noch ‚willig‘ auf sie zu verzichten, ein Wort: selbstverschuldete Unmündigkeit.

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Donnerstag, 5. April 2018

Das Licht des Glaubens

1. Glaube als Argumentationsmodus
2. Glaube als Vernunft
3. Glaube als Sinnesorgan
4. Glaube als Kommunikationsform: persönliches Angesprochensein
5. Glaube als Kommunikationsform: Vermittlung
6. Glaube als Kommunikationsform: Nächstenliebe
7. Glaube als Unterwerfung
8. Glaube als Unglaube
9. Glaube als Reinheit

Während die Kommunikationsform der persönlichen Anrede den Glauben als eine mystische Liebesbeziehung darstellt, die keines Umwegs über ein anderes Du oder ein gemeinschaftliches Wir bedarf, sieht das bei der Kommunikationsform als Vermittlung ganz anders aus. Als Kommunikationsform schwankt sie zwischen Exklusivität und Inklusivität. ‚Wir‘ sind alle diejenigen, die dazugehören. Die, die dazugehören, müssen nicht unbedingt wollen, daß auch die, die nicht dazu gehören, dazugehören sollten. Sie können allerdings auch ganz wild darauf sein, möglichst alle miteinzubeziehen, daß auch bloß keiner außen vor bleibt.

Was aber ganz und gar nicht geht, ist, daß sich innerhalb der Gemeinschaft Einzelne absondern, so, als könnten sie ganz gut auf diese Gemeinschaft verzichten. In dem Buch „Monotheismus und die Sprache der Gewalt“ (2006) zeigt Jan Assmann, wie sich gerade die Liebesrhetorik vom „eifersüchtigen Gott“ am grausamsten gegen die zur eigenen Gemeinschaft gehörenden Gläubigen richtet. Und im Dienste dieses eifersüchtigen Gottes stehen gerade die großen Mittlerfiguren wie z.B. Moses (vgl.Nr.14), der, als er vom Berg Sinai herabkam und sah, wie die Israeliten um ein goldenes Kalb herumtanzten, jeden von ihnen töten sollte. Nur ein Stellvertretermord an einem mit einer Andersgläubigen verheirateten Israeliten konnte diesen Massenmord verhindern. (Vgl. Assmann 2006, S.34f.)

Das ist der Glaube, der der ‚Vermittlung‘ bedarf, d.h. der Autoritäten, die in einer besonderen Beziehung zu Gott stehen. In lumen fidei werden hier vor allem Moses, Jesus und Petrus genannt. Wobei Jesus wiederum eine besondere Mittlerfunktion innehat, da er als Sohn Gottes besonders kompetent darin ist, uns Gott zu erklären. (Vgl.Nr.18)

In lumen fidei wird nun ungeachtet dessen, was in der Enzyklika sonst noch über den Glauben als persönliche Anrede durch Gott zu lesen ist, kein Zweifel daran lassen, daß der eigentliche, echte Glaube immer nur ein Glaube in der Gemeinschaft der Gläubigen sein kann, also innerhalb der Autorität der Kirche:
„Es ist unmöglich, allein zu glauben. Der Glaube ist nicht bloß eine individuelle Option, die im Innersten des Glaubenden geschieht, er ist keine isolierte Beziehung zwischen dem ‚Ich‘ des Gläubigen und dem göttlichen ‚Du‘, zwischen dem autonomen Subjekt und Gott.“ (Nr.39)
‚Vermittlung‘ meint also nicht nur, daß es einzelne Autoritäten gibt, die besonders „kundig“ und „glaubwürdig“ sind „in den Dingen Gottes“. (Vgl.Nr.18) Sie meint auch, daß der Glaube aller Gläubigen über das „Lehramt“ (Nr.36) der Kirche, als dem eigentlichen „glaubenden Subjekt“ (ebenda) mit dem Papst an der Spitze, vermittelt ist. Die Gläubigen sind nach dem „Bild des Leibes“ (Nr.22) ein Leib. (Vgl.Nr.48)

Vermittlung bedeutet also „Gleichgestaltung“ (Nr.21), wobei es einem schwerfällt, den Gleichklang dieses Wortes mit ‚Gleichschaltung‘ zu ignorieren. Es geht darum, nicht mit den eigenen Augen zu sehen und nicht mit dem eigenen Verstand zu denken, sondern die Gläubigen sollen „mit den Augen Jesu sehen, seine Gesinnung haben, seine Kind-Vater-Beziehung teilen“ (ebenda), wobei die Augen Jesu natürlich inzwischen zu den Augen der Kirche geworden sind und seine ‚Gesinnung‘ – hatte Jesus eine Gesinnung? – zur Gesinnung der Kirche, und an die Stelle der Beziehung des Kindes zum Vater ist längst die des Gläubigen zur Kirche getreten. Alles das wird als „Liebe“ bezeichnet, als „Fähigkeit“, „an der Sicht des anderen teilzuhaben“. (Vgl.Nr.14)

Dieser vermittelte Glaube ist zugleich ein vermittelnder Glaube. Er meint kein exklusives, sondern ein inklusives „Wir“: „Der Glaube ist keine Privatsache, keine individualistische Auffassung, keine subjektive Meinung, sondern er geht aus einem Hören hervor und ist dazu bestimmt, sich auszudrücken und Verkündigung zu werden.“ (Nr.22) – Aus diesem Hören geht also keine persönliche Antwort auf das von Gott kommende Du hervor (vgl.Nr.8), sondern ein allgemeines Werben und Missionieren.

Von Nächstenliebe ist hier nirgends die Rede. Der Mittler richtet sich nicht an den Nächsten, es sei denn, um ihn für den wahren Glauben zu gewinnen. Und auch der Gläubige richtet seine ganze Aufmerksamkeit nur auf den Mittler. Daß er dieses Mittlers aber eigentlich gar nicht bedarf, dafür steht die Nächstenliebe. Denn der Nächste ist derjenige, dessen Gesinnung wir nicht kennen müssen, um unser Nächster zu sein.

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Mittwoch, 4. April 2018

Das Licht des Glaubens

1. Glaube als Argumentationsmodus
2. Glaube als Vernunft
3. Glaube als Sinnesorgan
4. Glaube als Kommunikationsform: persönliches Angesprochensein
5. Glaube als Kommunikationsform: Vermittlung
6. Glaube als Kommunikationsform: Nächstenliebe
7. Glaube als Unterwerfung
8. Glaube als Unglaube
9. Glaube als Reinheit

In der Folge geht es um den Glauben als Kommunikationsform. In lumen fidei lassen sich insgesamt drei verschiedene Kommunikationsformen unterscheiden: als persönliches Angesprochensein, als Vermittlung und als Nächstenliebe. Diese drei verschiedenen Kommunikationsformen werden in lumen fidei nicht aufeinander abgestimmt. Sie werden einzeln und ohne Bezug aufeinander thematisiert, wobei es zu erheblichen Widersprüchen in der mit ihnen verbundenen Qualität des Glaubens kommt.

Die erste Kommunikationsform, auf die ich hier eingehen möchte, ist die des persönlichen Angesprochenseins: „Der Glaube ist die Antwort auf ein Wort, das eine persönliche Anrede ist, auf ein Du, das uns bei unserem Namen ruft.“ (Nr.8) – Wir haben es hier mit einer exklusiven Verbindung des einzelnen Gläubigen mit seinem Gott zu tun. Wer von Gott angesprochen wird, ist ausschließlich diesem Gott verpflichtet. Er ist von allen anderen Rücksichtnahmen der Welt und den Menschen gegenüber befreit. Über das Hören führt der Glaube in den absoluten Gehorsam. (Vgl.Nr.29)

Mit dem Hören des Wortes Gottes ist sogar ein ausdrückliches Vermittlungsverbot verknüpft:
„Mose sagt zum Volk, dass Gottes Gebot weder zu hoch noch zu weit entfernt für den Menschen ist. Man darf nicht sagen: ‚Wer steigt für uns in den Himmel hinauf und holt es herunter?‘ oder ‚Wer fährt für uns über das Meer und holt es herüber?‘ ...“ (Nr.20)
Wer auf das persönliche Hören des Wortes Gottes verzichtet und sich auf die Lehrautorität von Glaubensführern verläßt, hat sich schon von diesem persönlichen Gott, von dem Gott, der uns in unserer innersten Persönlichkeit anspricht, abgewandt.

In lumen fidei wird die ausschließliche Liebesbeziehung zwischen dem Gläubigen und Gott mit einem schwebenden, diese Kommunikationsform ständig begleitenden Generalverdacht versehen, daß sich der Gläubige in ihr vor der Gemeinschaft der Kirche – und damit ist immer auch die Autorität der Kirche gemeint – verschließt. Und aus dieser Verschlossenheit muß er befreit werden:
„Wenn es sich aber bei der Wahrheit um die Wahrheit der Liebe handelt, wenn es die Wahrheit ist, die sich in der persönlichen Begegnung mit dem Anderen und den anderen erschließt, dann ist sie aus der Verschlossenheit in den Einzelnen befreit und kann Teil des Gemeinwohls sein.“ (Nr.34)
Also persönliches Angesprochensein ist ja so weit gut und schön, aber letztlich droht hier, wie auch sonst überall heutzutage, die volle Wahrheit nur auf die „subjektive Authentizität des Einzelnen reduziert“ (Nr.34) zu werden. Ohne Kirche soll und darf es eben einfach nicht gehen.

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Montag, 26. September 2011

Der Intellektuelle auf dem Papststuhl

Anläßlich des gerade beendeten Deutschlandbesuchs des Papstes und seiner hier gehaltenen Reden ist immer wieder vom „Intellektuellen auf dem Papststuhl“ die Rede. In dieser Beschreibung des Papstes schwingt ein gewisser Respekt mit, verbunden mit einem leisen Bedauern, daß ihm nur wenige sachverständige Zuhörer folgen können. Und zu dieser Beschreibung gehört auch immer wieder die deutlich zum Ausdruck gebrachte Enttäuschung, daß seine Gesprächs- und Kompromißbereitschaft gegenüber Andersdenkenden und Anders- oder Gar-nicht-Gläubigen gegen Null tendiert.

Diese Melange aus unterschwelligen bis expliziten Konnotationen scheint mir von einer gewissen Verwunderung darüber getragen zu sein, daß gerade ein Intellektueller, der doch von einer lebendigen Streitkultur herkommt und diese offensichtlich nach wie vor zu schätzen weiß, so dogmatisch auftritt. Aber letztlich ist es doch der tiefste Instinkt jedes Intellektuellen, nicht einfach nur zu streiten, sondern am Ende auch Recht zu behalten. Jeder Intellektuelle ist vor seinem ‚Gewissen‘ überzeugt, im Besitz der besseren Argumente zu sein. Insofern ist jeder Intellektuelle ein kleiner Papst.

Intellektualität zeichnet sich nicht etwa dadurch aus, daß man seine eigene Meinung bezweifelt, sondern daß man argumentiert, d.h. daß man seine Meinung aufs Spiel setzt und sie dem Konkurrenzkampf der Meinungsvielfalt aussetzt. Nur Intellektuelle argumentieren. Alle anderen schlagen lieber gleich zu, wenn sie sich und ihre Meinung durchsetzen wollen. Der Umgang des normalen Menschen mit seiner Meinung unterscheidet sich nämlich nicht vom Umgang des normalen Gläubigen mit seinen Glaubenssätzen. Als 1989 die Mauer fiel, konnten plötzlich viele Bürger in den künftigen neuen Bundesländern ‚ihre‘ Meinung frei äußern. Meinungsfreiheit war von einem Tag auf den anderen plötzlich zu einem hohen Gut geworden, das jeder für sich in Anspruch nahm. Mir fiel auf, daß viele der künftigen neuen Bundesbürger – nicht anders übrigens als viele der alten Bundesbürger auf der anderen Seite der ehemaligen Grenze – dabei etwas mißverstanden. So sehr sie nämlich das neue Recht, frei die eigene Meinung äußern zu können, nun auch ausgiebig nutzten, so wenig waren sie bereit, diese Meinung im Gespräch aufs Spiel zu setzen und hinterfragen zu lassen. ‚Meinung‘ wurde mit ‚Privat‘-Meinung gleichgesetzt. Mit der Äußerung ihrer Meinung schien für sie – so hatte ich den Eindruck – die Diskussion beendet zu sein. Tatsächlich beginnt die Diskussion damit aber erst!

Die Meinungsfreiheit wurde auf zwei Sätze reduziert, die man formelhaft, wie einen Glaubenssatz, vor sich her trug. 1. Satz: „Dies oder jenes ist nicht in Ordnung!“, bzw.: „Dies oder jenes soll nun geschehen!“; und 2. Satz: „Das ist meine Meinung!“ – Das Possessivpronomen wurde (und wird) dabei besonders betont, im Sinne von: „Dies ist jetzt mein Recht, das mir keiner mehr nehmen darf!“ – Diese Art Meinungsfreiheit ist aber nur eine Stammtischfreiheit, wo man sich unter seinesgleichen wechselseitig darin bestätigt, immer schon im Recht zu sein. In so einer Stammtischrunde wird aber nicht wirklich etwas riskiert. Um etwas zu riskieren, muß man argumentieren. Denn nur wer argumentiert, riskiert auch, daß er unter Umständen widerlegt werden könnte. Und erst in diesem Augenblick, wo wir unsere Meinung der Kritik anderer aussetzen – wo wir etwas riskieren –, können wir auch wirklich von Meinungsfreiheit sprechen. Von jener Meinungsfreiheit nämlich, die uns grundgesetzlich garantiert ist.

Ansonsten sollten wir nämlich nicht von Meinungsfreiheit sprechen, sondern von Glaubensfreiheit. Glaubensfreiheit ist die einzige Form der Meinungsfreiheit, die nicht widerlegt zu werden braucht. Der entsprechende Paragraph im Grundgesetz, die Religionsfreiheit nämlich, schafft so etwas wie ein Reservat für Meinungen, die man einfach so haben darf: eine Art Naturschutzgebiet für seltene Tierarten, die dem Naturprozeß der gegenseitigen Auslese entzogen werden. Der einzige Unterschied zwischen Meinungen und Glaubenssätzen besteht also darin, daß Meinungen nicht nur jederzeit widerlegt werden können und dürfen, sondern sogar widerlegt werden müssen, weil nur in diesem möglichen Widerlegtwerden die Meinungsfreiheit ihren Sinn erfüllt.

Ansonsten aber gilt eben auch für Intellektuelle, daß sie ihre Meinungen im Überlebenskampf der öffentlichen Debatten nicht gerne sterben sehen. Insofern bildet der Papststuhl eine ideale ökologische Nische für jeden Intellektuellen, in der er nach Herzenslust argumentieren kann – sich als Intellektueller nach Herzenslust ausleben darf –, ohne sich der Gefahr auszusetzen, am Ende nicht Recht zu behalten. In diesem Sinne ist dem ehemaligen Professor Ratzinger, als er zum Papst gewählt wurde, im wahrsten Sinne des Wortes ein Himmelsgeschenk gemacht worden. Er kann seine Meinung zur Lehrmeinung machen und sie auch argumentativ subtil begründen, ohne daß ihm irgendjemand widersprechen und damit ins Unrecht setzen kann. Niemand sollte sich darüber wundern, daß er nicht darauf verzichten will, dieses Amt gemäß seiner intellektuellen Natur auszufüllen.

Da macht es nun auch Sinn, daß der Papst (oder Prof. Ratzinger?) um dieses Privilegs willen die Kirche jetzt von der Welt wegrücken will. Etwas so Köstliches wie das Bewußtsein, immer schon im Recht zu sein, muß mit allen Mitteln bewahrt werden. Damit aber nähert sich die päpstliche Theologie endgültig dem Stammtischniveau an. Im nicht irritierbaren Kreis der Gleichgesinnten meint und glaubt es sich doch am besten. – Schade eigentlich um die vielen guten Denkanstöße, die die Papstreden im übrigen sonst noch enthalten haben.

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