„...letztlich ist der Mensch, als Folge oder Krönung der Evolution, nur in der Totalität der Erde begreifbar.“ (Leroi-Gourhan, Hand und Wort, S.22)
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Mittwoch, 15. Januar 2020

Seele, Rhetorik und die Begrenztheit des menschlichen Verstandes

In dem von Rüdiger Zill aus dem Nachlaß herausgegebenen Buch „Die nackte Wahrheit“ (2019) beschreibt Hans Blumenberg die Rhetorik als ein Mittel, die Wahrheit zu sagen und sie gleichzeitig zu verbergen:
„Als Lehre von der Beredsamkeit muß sie darin ehrlich sein, das Ziel der Täuschung auch dann einzugestehen, wenn sie sich dessen gewiß ist, nur der Verbreitung der Wahrheit zu dienen, weil sie sich dessen nicht gewiß ist, daß die Akzeptanz der Wahrheit ihrer Qualität entspricht. Als Ausübung jener gelehrten und erlernbaren Kunst kann die Rhetorik nicht ehrlich sein, die Täuschung als ihr Ziel anzuerkennen, weil sie, was ihr Ziel ist, durch diese Anerkennung zugleich unerreichbar machen müßte.“ (Blumenberg 2019, S.29f.)
Die Rhetorik ist eine notwendige Hülle, die gleichermaßen etwas zeigt und verbirgt. Immer wieder vergleicht Blumenberg die Wahrheit mit einer Zwiebelschale, die aus vielen ‚Hüllen‘ bzw. Schichten besteht, ohne daß es irgendwo im Innersten einen wahren Kern gäbe:
„Die Enthüllung führt nicht in die Tiefe der Dinge, sondern an eine andere Oberfläche ...“ (Vgl. Blumenberg 2019, S.17; vgl. auch S.16, 97, 102, 155)
Wir kennen diese Figur der verbergenden Enthüllung und der enthüllenden Verbergung schon von Helmuth Plessners ‚Seele‘ und ihr noli me tangere. Die Seele will Plessner zufolge zwar verstanden, aber nicht durchschaut werden und zieht sich aus allem, was sie sagt, sogleich wieder zurück, leugnend, daß sie es so gemeint habe. Auch bei Blumenberg gilt für den Menschen, was für die Wahrheit gilt:
„Der Mensch ist, so banal es klingt, ein Fall der erschreckendsten Prolongation der Nacktheitsmetaphorik zur Metapher der Zwiebelschale, der Artischocke. Nichts ist, wenn er einmal geöffnet worden ist, ein Letztes; und wo ein Letztes erreicht zu sein scheint, ist es nicht mehr das seinige.“ (Blumenberg 2019, S.102)
Was für die Zwiebel die Schalen sind für die Wahrheit die Metaphern. Keine Wahrheit ohne Rhetorik, keine Rhetorik ohne Metaphern; und schließlich: ohne Metaphern keine Sprache. Mit Bezug auf Lichtenberg und Wittgenstein hebt Blumenberg die wesentliche Verschliffenheit, die grundlegende Mehrdeutigkeit der menschlichen Sprache hervor, der keine Sprachkritik etwas anzuhaben vermag, weil sich die Sprachkritik immer der falschen Sprache bedienen muß, wo sie die richtige Sprache in Kraft zu setzen versucht:
„Dieses Paradox löst sich erst auf, wenn man bemerkt, daß die Berichtigung des Sprachgebrauchs als Inbegriff der Philosophie es zu schwer hat, sich an der gewöhnlichen Falschheit der Alltags- und Schulsprachen zu betätigen, weil diese in ihrer Verschliffenheit der Aufmerksamkeit keine ausreichenden Konturen anbieten.“ (Blumenberg 2019, S.172)
Die „Verschliffenheit“ der Alltagssprache, das Fehlen von „Konturen“ macht den durchgängigen Gebrauch einer wohldefinierten, nicht von Metaphern durchsetzten und im engeren Sinne wahrheitsfähigen Begrifflichkeit praktisch unmöglich.

Metaphern sind aber nicht nur unvermeidbare Bestandteile einer ‚verschliffenen‘ (Alltags-)Sprache. Sie sind vor allem dort unverzichtbar, wo man die Sache selbst ohne sie überhaupt nicht verstehen kann, wie etwa in der Quantenphysik und in der Relativitätstheorie. In diesen wissenschaftlichen Disziplinen versagen sogar die Begriffe, und nur die Mathematik liefert eine Formelsprache, die zwar mehr schlecht als recht funktioniert, aber noch nicht einmal von den mit ihr hantierenden Experten verstanden wird. In der Alltagssprache aber können solche Disziplinen überhaupt nicht heimisch werden, wie Blumenberg am Beispiel der kopernikanischen Wende zeigt. Die „kopernikanische Reform“ habe „nichts an dem Fortbestand der vorkopernikanisch verfahrenden Sprache zu ändern“ vermocht; nämlich daran, daß wir die Sonne immer noch auf- und untergehen sehen, anstatt von der rotierenden Erde zu sprechen:
„Der Grund ist klar: Die Wahrnehmung wird niemals kopernikanisch.“ (Blumenberg 2019, S.174)
Es ist vielmehr so, daß die natürliche Grenze der menschlichen Sprache zugleich die natürliche Grenze des menschlichen Verstandes bildet. Wo sich die Menschen von wissenschaftlichen ‚Wahrheiten‘ á la Quantenphysik und Künstliche Intelligenz abhängig machen, kann das zu einer „bedrohliche(n) Illusion“ für ihr Handeln führen (vgl. Blumenberg 2019, S.174); einer Illusion, die die Urteilsfähigkeit der Menschen auf verhängnisvolle Weise untergräbt.

Auch bei der „nackten Wahrheit“ geht es also um mehr als bloß um die Objektivität einer Sache und um mehr als bloß um das Aufweisen von Fakten und Daten. Hans Blumenberg spricht mit der Wahrheitsproblematik ein Grundproblem unserer globalisierten Gesellschaft an. In ihr stehen sich zwei Gruppen unversöhnlich gegenüber: die einen glauben nicht mehr an die eine, alle Menschen gleichermaßen verpflichtende Wahrheit. Sie basteln sich ihre eigenen, gruppenspezifischen Wahrheiten und bezeichnen alles andere, was ihren Wahrheiten widerspricht, als Lüge bzw. neudeutsch als Fake.

Die anderen halten an einem wissenschaftlich begründeten Wahrheitsanspruch fest, den sie auch denen zumuten, die sich von ihm losgesagt haben oder die einfach damit überfordert sind, immer auf der Höhe des aktuellen Forschungsstandes und der Fakten zu sein. Die Vertreter und Agenten dieses Wahrheitsanspruchs gestatten ihnen keinen Zweifel an ihrem Wahrheitsanspruch.

Beide Gruppierungen schaden der Wahrheit. Und zwar einer ‚Wahrheit‘, die dem menschlichen Fassungsvermögen entspricht, ohne allerdings den Menschen in die Beliebigkeit zu entlassen. Denn gerade diese ‚menschliche‘ Wahrheit ist es, die uns tiefer zu bewegen und strenger in die Pflicht zu nehmen vermag als der vermeintliche Universalismus – der eigentlich nur ein Reduktionismus ist – des wissenschaftlichen Wahrheitsanspruchs, der sich letztlich doch nur an einige wenige Experten richtet, den Laien aber außen vor läßt:
„Es sind die Verhüllungen, ihre lockenden Verborgenheiten und ihre prunkenden Auszeichnungen, die die menschliche Einbildungskraft in Betrieb setzen.“ (Blumenberg 2019, S.75)
Die reine Vernunft hingegen bewirkt nur „Bewegungslosigkeit“. (Vgl. Blumenberg 2019, S.75) Sie rüttelt uns nicht wach und vermittelt uns keine Motive.

In die Gegenwart übersetzt heißt das, die Bedeutung der Lebenswelt in einer durchdigitalisierten Gesellschaft, in der Quantenphysik und Künstliche Intelligenz im zunehmenden Maße unser Alltagsleben bestimmen und das Fassungsvermögen unseres Verstandes überfordern, neu hervorzuheben. Unserem Fassungsvermögen sein menschliches Maß zu lassen, in einer Lebenswelt, die uns stärkt und nicht schwächt, bildet keinen billigen Populismus; keine bequeme Rechtfertigung gruppenspezifischer Interessen. Es fordert vielmehr jedem Menschen die individuelle Anstrengung ab, sich für einen universalisierbaren Lebensstil einzusetzen, der ihn und seine Mitmenschen stärkt und künftiges Leben auf diesem Planeten nicht gefährdet, anstatt sich und die anderen zu betrügen. Das ist der heute noch aktuelle Kern des kategorischen Imperativs von Immanuel Kant; eines Imperativs aber, der weniger kategorisch auf reine Vernunft als vielmehr menschlich auf die Begrenztheit des menschlichen Verstandes ausgerichtet ist.

Wir brauchen eine Alternative zu einer Wissenschaft, die sich institutionell von der Lebenswelt absondert, sich dabei aber abhängig macht von privatwirtschaftlicher Finanzierung. Eine solche Alternative sehe ich in den citizen scientists, den Bürgerwissenschaftlern, die Wegbereiter eines humaneren Wissenschaftsverständnisses sein könnten. Ein Vorbild für so eine kritische Bürgerwissenschaft bildet in meinen Augen die Umwelt- und Anti-Atomkraftbewegung der zweiten Hälfte des 20. Jhdts. Doch heute werden Bürgerwissenschaftler leider von den etablierten Wissenschaftseinrichtungen für Hilfsdienste wie das Zählen von Vögeln und Insekten unter Anleitung der ‚eigentlichen‘ Wissenschaftler vereinnahmt. So sinnvoll das jeweils auch sein mag: auf so billige Weise sollte man diese Professoren nicht davonkommen lassen. Transdisziplinarität beinhaltet mehr als vornehme Belehrung ‚von oben‘.

Im Rahmen der wissenschaftlichen Institutionen sehe ich vor allem die Klimaforschung als positives Beispiel einer unabhängigen Wissenschaft. Ihr gegenüber steht diesmal leider die Begrenzung des ‚Immer so weiter‘ eines allzu bequemen Alltagsverstandes, der sich bereitwillig blind machen läßt für die offensichtlichen Anzeichen eines planetaren Kollapses. Es ist eben nicht einfach, sich in die Grenzen des menschlichen Verstandes zu bescheiden und sich zugleich der globalen Verantwortung für die Zukunft des Planeten zu stellen. Was wir brauchen ist eine zweite Naivität: eine Naivität, die um die Grenzen des Verstandes weiß und es sich dennoch nicht nehmen läßt, sich seiner zu bedienen.

Blumenberg bringt es mit Verweis auf Georg Christoph Lichtenberg in folgender Bemerkung auf den Punkt: „Es sei eben kein Betrug mehr, sobald ich es weiß.“ (Blumenberg 2019, S.174) – Dabei geht es nicht nur um diejenigen, von denen wir betrogen werden, sondern auch um uns selbst; denn es ist kein Betrug mehr, wenn wir um unseren Selbstbetrug wissen.

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Freitag, 18. September 2015

Serjoscha P. Ostermeyer/Stina-Katharina Krüger (Hg.), Aufgabenorientierte Wissenschaft. Formen transdisziplinärer Versammlung, Münster/New York 2015

(Waxmann, 280 S., br., 34,90 €)

Serjoscha P. Ostermeyer: Aufgabe, Dialog, Transdisziplinarität: Tätige Wissenschaft, S.9-22

Es ist ein seltsames Gefühl, in diesem Blog ein Buch zu besprechen, in dem sich ein Beitrag von mir selbst befindet. Ich hatte im September 2013 an einer Tagung zum „Dialog der Wissenschaften“ in Magdeburg teilgenommen, und der von Serjoscha P. Ostermeyer und Stina-Katharina Krüger herausgegebene Tagungsband „Aufgabenorientierte Wissenschaft“ (2015) ist jetzt gerade erschienen. Ich möchte in der Folge einige Beiträge dieses Buches besprechen, die in besonderer Weise für das und quer zum grundlegende/n Konzept der mit dem Studiengang „Cultural Engineering“ verbundenen Tagung stehen, und ich beginne mit der Einleitung von Serjoscha P. Ostermeyer: „Aufgabe, Dialog, Transdisziplinarität: Tätige Wissenschaft“ (Ostermeyer 2015, S.9-22).

Ich hatte eine erste Gelegenheit, einen Blick auf Ostermeyers Einleitung zu werfen, als mir Ende Juni dieses Jahres die Korrekturfahnen meines Beitrags zugeschickt wurden. Es gab ein begrenztes Zeitfenster von zwei Wochen für die Korrekturen, und ich warf deshalb nur einen kurzen Blick auf die Einleitung, hauptsächlich um eventuelle Bemerkungen zu meinem Beitrag zu überprüfen. Erst jetzt, nach Erhalt meines Belegexemplars, nehme ich den Inhalt der Einleitung gründlicher zur Kenntnis. Deshalb ist meine Reaktion auf die Einleitung für den Autor vielleicht etwas verspätet, und dafür bitte ich ihn, falls er meine Besprechung lesen sollte, schon jetzt um Entschuldigung. Ostermeyers Einleitung gibt allen von ihm und Stina-Katharina Krüger herausgegebenen Texten, also auch meinem Beitrag, eine theoretische Rahmung, von der ich mich hier in einigen Aspekten distanzieren möchte.

Bevor ich auf Ostermeyers Einleitung zu sprechen komme, möchte ich vorweg eine Positionierung vornehmen. Es geht dabei um die Rolle, die Niklas Luhmanns Systemtheorie für die Geisteswissenschaften und hier insbesondere für die Erziehungswissenschaft spielt. Luhmanns Systemtheorie ist ein illegitimer Bankert der Husserlschen Phänomenologie. Alle seine systemtheoretischen Begriffe hat Luhmann letztlich von Husserl übernommen und für seine Zwecke umgeformt, wobei er die zentralen phänomenologischen Begriffe des Bewußtseins und der Lebenswelt durch die Begriffe des Systems, der Medien und der Umwelt ersetzt hat. Auch seine Methode, die doppelte Negation, die er als Reduktion und gleichzeitige Erhaltung von Komplexität definiert, spiegelt nur Husserls Meditationstechnik mit ihrem Ineinander aus Reduktion und Epoché.

Luhmanns Systemtheorie wurde und wird von vielen Erziehungswissenschaftlern als eine Möglichkeit begrüßt, den eigenen geisteswissenschaftlichen Hintergrund zu verleugnen und den immanenten pädagogischen Handlungsbezug zu kybernetisieren, entsprechend dem Friedrich Kittlerschen Aufruf zur Austreibung des Geistes aus den Geisteswissenschaften. Das geschieht insbesondere durch die Umdefinition des Menschen zum weltlosen psychischen System, das nur noch Umwelten hat.

Luhmann verstand erklärtermaßen seine Systemtheorie als eine Theorie von Maschinen und von biologischen Organismen. Dementsprechend soll die Systemtheorie beschreiben, wie die verschiedenen Kommunikationsmedien wie Wahrheit, Geld, Macht und Liebe die Gesellschaft im Sinne einer Kybernetik ‚steuern‘. Der Steuerungsaspekt ist ja auch im Begriff des „Cultural Engineering“ angesprochen, einem Studiengang der Universität Magdeburg, aus dem die Tagung hervorgegangen ist, an der ich teilgenommen hatte. Was und wie auch immer ‚kulturell‘ ‚gesteuert‘ werden soll: der Begriff beinhaltet eine maschinenförmige Vorstellung vom Menschen, sofern hierbei überhaupt noch vom Menschen die Rede sein soll. Engineering ist ein Begriff, der im Trend eines Diskurses liegt, bei dem es darum geht, wie man die Probleme einer – um im Bild des Kybernators zu bleiben – aus dem Ruder laufenden Welt in den Griff bekommen und die Welt wieder auf Kurs bringen kann. Dazu gehört auch der verhängnisvolle Begriff des Geo-Engineering.

Luhmann nimmt in Ostermeyers Einleitung einen umfänglichen Raum ein, umfänglicher als die anderen von Ostermeyer erwähnten Bezugsgrößen wie Hannah Arendt und Jürgen Habermas. (Vgl. Ostermeyer 2015, S.9 und S.12) In dem sehr dicht geschriebenen Text reiht Ostermeyer diese konträren Perspektiven hintereinander und wechselt dabei von der Handlungstheorie zur Systemtheorie, ohne dabei die auftretenden Widersprüche in den verwendeten Begriffen zu erörtern. Letztlich ergänzt er auf diese Weise den von Luhmann vorgenommenen Prozeß der Enteignung phänomenologischer Verfahren und Erkenntnisse durch eine weitere systemtheoretische Enteignung der Handlungstheorie. Ostermeyer ist sich dessen zumindestens vage bewußt, wenn er etwa an einer Stelle von einer „Umstellung von Handlungstheorie auf Systemtheorie mit ihrer System/Umwelt-Differenz“ spricht. (Vgl. Ostermeyer 2015, S.12)

Daß Ostermeyers handlungstheoretische Erörterungen letztlich auf eine solche, durch handlungstheoretische Einsichten angereicherte Systemtheorie hinauslaufen, wird insbesondere an seiner Differenzierung zwischen „Aufgaben“ und „Problemen“ deutlich. Den Begriff der Aufgabe ordnet Ostermeyer zunächst der Handlungstheorie zu: „Der Ausdruck Aufgabe im Titel dieser Einleitung wird im Anschluss an Hannah Arendts Vita Activa und der Ausarbeitung als Bildungstheorie von Renate Girmes verwendet. An dieses aktive Leben knüpft auch die Aufgabenorientierte Wissenschaft an.()“ (Ostermeyer 2015, S.9)

Bei dem Begriff des Problems bleibt es zunächst unklar, welche spezifisch wissenschaftliche Position damit gemeint sein könnte. Zunächst scheint Ostermeyer damit eine eher allgemein verbreitete Einstellung bzw. ‚Haltung‘ in der Wissenschaft und in der Gesellschaft anzusprechen. An späterer Stelle deutet sich aber an, daß Ostermeyer den Problembegriff der Systemtheorie zuordnet. Wenn er etwa an einer Stelle die handlungstheoretische Dreiergruppe „Aufgabe, Lücke und Vorstellung“ mit „Lösung, Problem und Problembezug“ parallelisiert, erweckt er den Eindruck, daß die zweite Dreiergruppe zum spezifisch systemtheoretischen „Vokabular“ gehört. (Vgl. Ostermeyer 2015, S.11)

Zu Beginn seiner Einleitung beschreibt Ostermeyer das aus dem Studiengang „Cultural Engineering“ hervorgegangene Konzept der Tagung zum „Dialog der Wissenschaften“ als „tätige Wissenschaft“, die sich den drängenden Aufgaben der Menschheit stellt. (Vgl. Ostermeyer 2015, S.9) Ostermeyer zufolge „kreisen“ die Beiträge der Tagung (und somit auch des vorliegenden Tagungsbandes) „um die Frage, welche Form solche gemeinsamen Aufgaben annehmen können“. (Vgl. ebenda) Und weiter: „Eine gemeinsame tätige Wissenschaft benötigt, so der Tenor der Beiträge, einen vermittelnden Takt für die Verständigung, etwas das sie versammelt.“ (Ostermeyer 2015, S.9)

Mir gefällt der Gedanke, daß sich die Wissenschaftler um etwas „versammeln“. Das erinnert an buddhistische Meditationstechniken und verleiht dem wissenschaftlichen Dialog, um den es bei dieser Tagung gehen sollte, eine Bewußtheit und eine Achtsamkeit, die nichts mit dem üblichen Wissenschaftsbetrieb gemein haben. In diesem Zusammenhang spricht Ostermeyer von einer „transdisziplinäre(n) Wissenschaftskommunikation im Anschluss an eine Aufgabentheorie“. (Vgl. Ostermeyer 2015, S.9) Auch ich würde für diesem Zusammenhang das Wort „Transdisziplinarität“ in Anspruch nehmen, um damit die Verantwortung des Wissenschaftlers nicht nur im Rahmen des wissenschaftlichen Diskurses, sondern über diesen hinaus im Sinne einer „Haltung“ jedes „einzelnen Forschers“ als Verantwortung für die Gesellschaft und für die Zukunft des Menschen hervorzuheben. (Vgl. Ostermeyer 2015, S.11) Darauf werde ich am Schluß dieses Posts noch mal zurückkommen.

Wir hätten es dann eben nicht nur mit einer Versammlung im Sinne einer gemeinsamen Tagung zu tun, sondern eben auch mit einer inneren Sammlung, aus der eine „Tätigkeit in der Welt“ (Ostermeyer 2015, S.9) hervorgeht, die die disziplinären Grenzen und die Grenzen des wissenschaftlichen Betriebs überschreitet: „Nimmt man den Aufgabenbezug ernst, dann binden sich Aufgaben zugleich auch immer an die politische Frage des guten Lebens, und nur über eine Antwort gesellschaftlich relevanter Aufgaben erlangt aufgabenorientierte Wissenschaft zu Angemessenheit. ... Aufgabenorientierte Wissenschaft stellt die Forscher in die Verantwortung ihrer Forschung.“ (Ostermeyer 2015, S.11)

Der Unterschied zwischen einer Aufgabenorientierung und einer Problemorientierung besteht nun Ostermeyer zufolge darin, daß Probleme nur „negativ“ seien (vgl. Ostermeyer 2015, S.10) und so etwas wie einen „double bind“ bewirken: „Wenn wir überall Probleme sehen, dann produzieren wir das Problem, dass wir überall Probleme sehen und nicht mehr konstruktiv offen an Sachverhalte herangehen ... .“ (Ostermeyer 2015, S.10) – Darüberhinaus verhindert die Problemorientierung, daß die anstehenden Probleme der Menschheit von Grund auf gelöst werden können, denn sie führt zu „partiellen, fragmentierten Problemlösungen“, aus denen immer nur neue „Folgeprobleme“ hervorgehen. (Vgl. Ostermeyer 2015, S.10)

Die Orientierung an Aufgaben anstatt an Problemen richtet sich hingegen auf die „Ermöglichung von Etwas“ (vgl. Ostermeyer 2015, S.10). Probleme thematisieren demnach nur „negativ“, was gerade nicht geht. (Vgl. ebenda) Woher Ostermeyer aber seine Gewißheit nimmt, daß diese Aufgabenorientiertheit nicht genauso zu partiellen und fragmentierten Lösungsansätzen führt, wie die von ihm angeprangerte Problemorientierung, bleibt unklar. Die anthropologische Frage, inwiefern das Partielle und Fragmentierte ein grundlegendes Moment der menschlichen Verfassung bildet, stellt sich ihm nicht.

Auf der nächsten Seite überrascht Ostermeyer den Leser dann mit der schon erwähnten handlungs- und systemtheoretischen Zusammenstellung der beiden, den Begriffsfeldern von ‚Aufgabe‘ und ‚Problem‘ zugeordneten Dreiergruppen. (Vgl. Ostermeyer 2015, S.11). Der Übergang zu dieser nicht mehr konträren, sondern parallelisierenden Diskussion des Aufgaben- und Problembegriffs besteht lediglich in einer kurzen Erörterung darüber, daß der (handlungstheoretische?) „Problembezug“ „nicht von Problemen ausgehen“ und daß er nicht „wertend eine Lösung postulieren“ dürfe. (Vgl. Ostermeyer 2015, S.11) Das macht den Leser gleich in zweierlei Hinsicht ratlos: wie soll es einen Problembezug geben ohne Bezug auf ein Problem? Und: kann es denn wertfreie Lösungsansätze überhaupt geben?

Ich frage mich, was dieses begriffliche Hin und Her eigentlich soll. Der eigentliche Zweck dieses ganzen Unternehmens scheint im Versuch einer „Umstellung von Handlungstheorie auf Systemtheorie“ (Ostermeyer 2015, S.12) zu bestehen. Das zeigt sich gleich am Anfang, an einer Stelle, die noch im Zusammenhang einer primär handlungstheoretischen Bestimmung des Begriffs der Aufgabe zu stehen scheint: „Aufgaben gehen von einer Lücke der weltlichen Phänomene im Verhältnis zu einem Beobachter aus ... .“ (Ostermeyer 2015, S.10)

Schon an dieser Stelle wird der Begriff der Aufgabe keinem Handlungssubjekt, sondern einem Beobachter zugeordnet. Der Begriff der „Lücke“ scheint zunächst der exzentrischen Positionalität (Plessner) nahezustehen. Aber während für den von Plessner beschriebenen exzentrisch positionierten Menschen die „weltlichen Phänomene“ immer einen Doppelaspekt im Bezug auf diesen Menschen selbst beinhalten, insofern dieser sich mal ihnen gegenüber, mal mitten unter ihnen befindet (Zentrum und Peripherie), bilden dieselben Phänomene für den Luhmannschen Beobachter nur ‚Umwelten‘, mit denen er niemals die Rollen tauschen kann. Der Beobachter wird immer nur ein Beobachter von Umwelten sein und dabei sich selbst niemals zur ‚Umwelt‘, sprich: zum Phänomen werden können.

Die Aufgabenorientierung verliert also schon an dieser Stelle ihren handlungstheoretischen Sinn und wird so zu einer systemtheoretischen Größe. Der von Hannah Arendt hergeleitete handlungstheoretische Begriff der Aufgabe (vgl. Ostermeyer 2015, S.9) wird systemtheoretisch ‚beerbt‘ (vgl. Ostermeyer 2015, S.11). – Ostermeyers vorangegangene Differenzierung zwischen ‚Aufgaben‘ und ‚Problemen‘ läuft also letztlich auf ein insgesamt systemtheoretisches, auf Handlungssubjekte verzichtendes Konzept von Aufgaben und Problemen hinaus: Luhmann for ever.

So verschwindet auch die Differenz zwischen Phänomenen und Umwelten. Ostermeyer bezeichnet „Phänomene“ als „stabile Bezugsgrößen“ und setzt davon die „Praxen“ und das „Bewußtsein“, also die Lebenswelt, ab. (Vgl. Ostermeyer 2015, S.11) Diese Verdinglichung und Trennung des Phänomenbegriffs vom Bewußtsein ist phänomenologisch nicht zu rechtfertigen. Wir haben es mit einer gleichermaßen konstruktivistischen wie systemtheoretischen Umwandlung des Phänomenbegriffs zu tun. Ostermeyer weist dem Beobachter die Funktion zu, im vorhinein „Bezüge“ auf die jeweiligen, von ihm beobachteten Phänomene festzulegen. (Vgl. Ostermeyer 2015, S.11) Phänomene zeigen sich aber nicht in dieser Weise. Sie müssen weder zuvor zugerichtet noch konstruiert werden, um sich zu geben.

Phänomene werden nicht von Beobachtern konstruiert, sie bilden keine Momente strukturalistischer Modellierungen, sondern sie sind einem jeweiligen subjektiven Bewußtsein gegeben. Daher der Begriff der ‚Gabe‘: die Phänomene geben sich; wir finden sie in unserer Wahrnehmung und in unserem Erleben vor, weil sie uns widerfahren, und nicht, weil wir sie gemacht haben. Zugleich aber geben sich die Phänomene uns nicht auf eine einverständige, sondern auf eine widerständige Weise. Von diesem weltkonstitutiven Widerstand kommt der Begriff der ‚Aufgabe‘. Aus Gabe und Aufgabe ergibt sich uns ein Bewußtsein von der Welt und von uns selbst.

In diesem Zusammenhang macht der Begriff der ‚Lücke‘ Sinn: Phänomene sind gleichermaßen bewußtseinskonstitutiv – ohne Phänomene kein Bewußtsein – wie vom Bewußtsein verschieden und in diesem Sinne weltkonstitutiv. Aus dieser Verschiedenheit und aus dieser ‚Lücke‘ heraus, dem Plessnerschen Hiatus, positionieren wir uns exzentrisch zur Welt und zu uns selbst. Phänomene sind also alles andere als „stabile Bezugsgrößen“. Aus der „Lücke“, wie sie Ostermeyer im Verhältnis von „weltlichen Phänomene(n)“ „zu einem Beobachter“ verortet (vgl. Ostermeyer 2015, S.10), geht hingegen keine Exzentrik hervor; denn der Luhmannsche Beobachter bleibt der von ihm beobachteten Umwelt wie sich selbst gegenüber gleichermaßen äußerlich.

Mein Haupteinwand gegen die theoretische Rahmung der in dem Tagungsband zum „Dialog der Wissenschaften“ versammelten Beiträge betrifft also die Vermengung von Handlungstheorie und Systemtheorie. Aber ich habe auch einen Einwand gegen Ostermeyers Verwendung des Begriffs der Transdisziplinarität. Ich hatte schon weiter oben den Versammlungsgedanken hervorgehoben, im Sinne einer Achtsamkeitshaltung der Wissenschaftler, die sich der Verantwortung ihrer Forschung stellen. Die Verantwortung wäre aber gerade dann wirklich trans-disziplinär, wenn sich die Wissenschaftler nicht nur über die Grenzen ihrer jeweiligen Disziplinen hinaus untereinander verständigen, sondern wenn sie auch die Grenzen des Wissenschaftsbetriebs überschreiten, sich der Lebenswelt zuwenden und der Kritik der Amateure und Laien stellen. Dafür steht u.a. der Begriff der Bürgerwissenschaft bzw. der citizen-science. Und wir sollten uns hüten, dabei nur an billige und bequeme Hilfstruppen des universitären Wissenschaftsbetriebs zu denken.

Aber es ist wohl gerade die durchgehende systemtheoretische Perspektive, die Ostermeyer daran hindert, die System-Umwelt-Konstellation – die Wissenschaft bildet ja selbst ein institutionelles System – transdisziplinär zu überwinden. So hält Ostermeyer ausdrücklich an der wissenschaftlichen Systemperspektive fest, wenn er schreibt, daß es bei der transdisziplinären Versammlung im Rahmen des Dialogs der Wissenschaften um „Professionalisierung im Spannungsfeld übergreifender Verständigung und fachdisziplinärer Perspektiven“ gehe. (Vgl. Ostermeyer 2015, S.9) Deutlicher kann man nicht machen, daß der Laie hier nichts zu suchen hat.

Würde die Bürgerwissenschaft in Ostermeyers Verständnis von Transdisziplinarität eine Rolle spielen, müßte er auch nicht an einer Stelle unvermittelt und im Widerspruch zu allen seinen vorangegangenen Äußerungen davor warnen, die Forschung „transdisziplinär auszurichten“. (Vgl. Ostermeyer 2015, S.14) Denn nur einer um sich selbst ‚kreisenden‘ – an einer anderen Stelle spricht Ostermeyer bezeichnenderweise vom „funktionalistischen Zirkel“ (vgl. Ostermeyer 2015, S.11) –, sich von der Lebenswelt abkapselnden Wissenschaftlichkeit könnte durch ‚Transdisziplinarität‘ die Gefahr drohen, eine, wie Ostermeyer sich ausdrückt, „Metadisziplin“ auszubilden.

Eine solche Metadisziplin zu sein behauptet übrigens die Systemtheorie von sich selbst. Aber obwohl Luhmann für seine Systemtheorie eine universelle Allzuständigkeit in Anspruch nimmt, eröffnet sie keinen spezifisch transdisziplinären Horizont.

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Dienstag, 21. April 2015

Fünf Jahre Erkenntnisethik

Am heutigen Tag vor fünf Jahren schrieb ich meinen ersten Blogpost. Damals hatte ich mir in meiner ganzen Naivität so etwas wie ein Diskussionsforum erhofft, auf dem viele diskussionsfreudige Leser Kommentare zu meinen Posts schreiben und wo ich, der Blogautor, im Hintergrund zugleich als Moderator dieser Kommentare tätig wäre. Mir schwebte so etwas wie eine digitale Mischform aus Vorlesung und Seminar vor, um mir so meinen Abschied von der Universität zu erleichtern. Dort wußte man nichts mehr mit mir anzufangen und auch sonst war ich nirgendwo anders Mitglied bei irgendwelchen Diskussionsforen oder bei Facebook. Also habe ich mir einfach eine Plattform ausgesucht und angefangen zu bloggen. Ich hatte ein Buch über das Web 2.0 gelesen, in dem es unter anderem ums Bloggen ging, und ich dachte: Das kann ich auch!

Erste Ernüchterung

Ich bin noch nie ein team-player gewesen. Ich war immer ein Eigenbrötler. Mit den sozialen Foren im Web 2.0 konnte ich deshalb nie viel anfangen. Ich habe es also auch auf digitaler Ebene so gehalten, wie ich es schon immer gemacht hatte: ich habe mich nicht weiter darum gekümmert, was die anderen so machen. Mangelnde Werbung, konsequentes Ignorieren von seo-Tricks und kein Facebook: es kam, wie es kommen mußte. Die Kommentare blieben mehr oder weniger aus. Bis heute habe ich etwa vier bis fünf mal mehr Blogposts verfaßt als meine Besucher Kommentare. Auch ein Freund, den ich als Gesprächspartner gleich zu Beginn meines hoffnungsvollen Aufbruchs in die digitale Welt mit ins Boot genommen hatte, lieferte nur drei Posts und hatte dann kein weiteres Interesse mehr an dieser Form des Denkens und Schreibens. Er ist von Anfang an, bis heute, skeptisch gegenüber den digitalen Medien gewesen und war damals wohl einfach nur zu höflich gewesen, um auf meine Nachfrage hin direkt abzulehnen.

Schließlich habe ich meine Ansprüche an die Besucher meines Blogs ziemlich runtergeschraubt. Ich habe mich damit begnügt, mich darüber zu freuen, daß ich überhaupt Besucher hatte, und das sogar mit ständig steigender Tendenz. Inzwischen bin ich bei dreieinhalbtausend Besuchern pro Monat angelangt (wie reell solche Zahlen allerdings sind, weiß ich auch nicht); aber das scheint auch schon die obere Grenze zu sein. Tatsächlich habe ich den Eindruck von einer leicht rückläufigen Frequenz. Jedenfalls: wenn man berücksichtigt, daß ich ein äußerst anspruchsvolles Thema bearbeite, das beim Leser eine hohe Lesebereitschaft und vor allem eine hohe Bereitschaft zum Mitdenken voraussetzt, so ist es doch eher erstaunlich, daß sich überhaupt immer wieder so viele Besucher auf meiner Seite einfinden. Von denen selbstverständlich längst nicht alle wirklich Leser sind! Ich habe nicht die geringste Ahnung, wie viele Besucher einen meiner Posts tatsächlich lesen und nicht einfach gleich zur nächsten Seite weitersurfen.

Neubewertung des Publikationsformats

Aber keins meiner analogen Bücher, die ich in meiner Zeit als wissenschaftlicher Assistent an der Universität geschrieben habe, ist jemals in einer Buchhandlung gelandet. Und wenn jemals eines dieser Bücher den Weg in die Hände eines Besuchers einer Universitätsbibliothek gefunden hat, ist es auch noch sehr die Frage, wie lange er es in diesen Händen gehalten hat und ob er es überhaupt aufgeschlagen hat, bevor er es wieder ins Regal zurückstellte. Da verhalten sich die ‚Leser‘ in der analogen Welt auch nicht anders als in der digitalen Welt.

Jedenfalls: wenn auch nur hundert unter diesen dreieinhalbtausend monatlichen Besuchern einen meiner Posts wirklich lesen, so ist das ein Publikumserfolg, den ich mit meinen analogen Büchern niemals erreichen werde.

Aber es gibt noch einen anderen Effekt, der weniger zweifelhaft ist als alle diese Statistiken. Die Plattform meines Blogs bietet meinem Geist eine unerwartete Beweglichkeit, sowohl in der Breite meiner Lektüren wie auch
in der Tiefe meiner ‚Einsichten‘. Ich habe den Eindruck, daß das etwas unbescheiden klingt, und setze deshalb Anführungszeichen. Aber eigentlich meine ich es so, ganz ohne Anführungszeichen.

Ich habe zwar schon vor meinem Blog viel gelesen und über das, was ich gelesen habe, auch geschrieben. Das war sozusagen mein tägliches Brot als Wissenschaftler. Aber der Blog wirkt wie ein erweitertes Gehirn. Die Texte, die ich hier poste, versinken nicht irgendwann im Dämmer vergangener Bewußtseinszustände, sondern bleiben auf erstaunliche Weise präsent! Dazu trägt zunächst meine Verlinkungsarbeit bei, mit der ich aktuelle Lektüren mit vorangegangenen Lektüren verbinde. Dazu trägt desweiteren die Suchfunktion meines Blogs bei, die ich selbst möglicherweise extensiver nutze als meine Besucher. Mit ihrer Hilfe kann ich vage Erinnerungen an bestimmte Themen, zu denen ich mich schon mal an früherer Stelle geäußert hatte, schnell und einfach auffrischen. Das ist bei den analogen Texten, die ich früher publiziert hatte, längst nicht so einfach. Da vergißt man nicht nur die eine oder andere Textstelle, sondern gelegentlich ganze Aufsätze oder sogar Bücher. Und irgendwann beginnt man dann, sich selbst zu widersprechen oder man dreht sich im Kreis, anstatt im Denken wirklich weiterzukommen.

Und nicht zuletzt helfen mir sogar meine Statistiken dabei, frühere Blogposts in meinem digital erweiterten Arbeitsgedächtnis verfügbar zu halten: Besucher, die sich längst nicht nur für meine aktuellsten Posts interessieren, sondern auch immer wieder frühere Posts aufsuchen, sogar aus der Anfangszeit meines Blogs, machen mich auf diese früheren Posts wieder neugierig, und ich lese sie noch einmal auf eine neue Weise, und es gelingt mir, in meinem Denken wieder an sie anzuknüpfen und auf dem Stand, auf den ich inzwischen gelangt bin, weiterzudenken.

Der Professor, bei dem ich zuletzt als wissenschaftlicher Assistent gearbeitet habe, hatte einmal, als er mich bei der Lektüre eines meiner älteren Texte erwischte, gemeint, ich sollte nicht so in mich selbst verliebt sein. Möglicherweise hat es tatsächlich etwas von Selbstverliebtheit, wenn man auf einen früheren Text von sich stößt und sich beim Wiederlesen über gelungene Passagen freut. Es gleicht der Wiederbegegnung mit einem früheren Ich, und man fragt sich unwillkürlich, ob man heute noch dazu in der Lage wäre, so einen Text zu verfassen. Solche Wiederbegegnungen bringen einen auf dem Weg, den man geht, ein gutes Stück voran. – Und was in analogen Zeiten nur selten gelang, erlebe ich jetzt in digitalen Blogzeiten beinahe täglich.

Zur ständigen Präsenz meiner Blogposts trägt aber noch ein weiteres Moment bei: Vom ersten Post an habe ich dem Blog eine Systematik zugrunde gelegt. ‚Systematik‘ heißt nicht, daß ich auf ein in sich geschlossenes Denksystem hingearbeitet hätte. Tatsächlich habe ich immer versucht, so eine Geschlossenheit zu vermeiden. Systematische Geschlossenheit in diesem Sinne gibt es nur in der Mathematik, und ich hatte nie den Ehrgeiz, mit den Mathematikern zu konkurrieren. Meine Systematik bestand vielmehr in einem Denken auf mehreren Ebenen: der Biologie, der Kulturtheorie und auf der Ebene der individuellen Denkentwicklung. Diese drei verschiedenen Ebenen zusammen ergeben erst einen vollständigen Menschen. Dieser Mensch bildet aber keine bruchlose Synthese aus diesen drei Ebenen, sondern im Gegenteil einen Anachronismus.

Indem ich mich also von Anfang an an dieser ‚Systematik‘ orientiert habe, konnte ich alle meine Lektüren quer durch die verschiedenen Wissensgebiete in einem einheitlichen Fokus zusammenhalten, eben ‚präsent‘ halten. Diese Systematik diente mir beim Ausschreiten meines Weges als Kompaß, der ebenfalls verhinderte, daß ich mich nur im Kreis bewegte.

Autoren und Besucher

In meinen ersten Blogposts habe ich meinen ganzen angestauten Frust über den Wissenschaftsbetrieb auf die Neurowissenschaften losgelassen, pars pro toto in Gestalt ihres Propagandisten Thomas Metzinger. Ich hatte die kackdreiste Unverschämtheit satt, mit der die Neurowissenschaften den ehrwürdigsten Traditionen wissenschaftlichen Denkens und Forschens ihr Neuro-Präfix anhefteten, als würden sie erst dadurch zu wirklichen Wissenschaften geadelt: von der Neuro-Linguistik über die Neuro-Epistemologie, Neuro-Soziologie, Neuro-Ethik, Neuro-Ökonomie, Neuro-Didaktik, Neuro-Finanzwissenschaften, Neuro-Verhaltensforschung, Neuro-Kunstgeschichte, Neuro-Musikwissenschaften, Neuro-Germanistik, Neuro-Semiotik, Neuro-Politikwissenschaften, Neuro-Psychologie, Neuro-Anthropologie und Neuro-Philosophie bis hin – man höre und staune! – zur Neuro-Theologie. Daß es sich bei den Geisteswissenschaften notwendigerweise immer auch um Textauslegungswissenschaften handelt, habe ich schon in einem Post vom 20.12.2014 klargestellt. Textauslegung (Hermeneutik) läßt sich aber methodisch prinzipiell nicht als Physiologie betreiben.

Eine Weile habe ich mich auf diesem Schlachtfeld der Volksverdummung bewegt und versucht, mein kleines Fähnchen der individuellen Urteilskraft hin- und herzuwedeln, in der Hoffnung, von irgendjemandem wahrgenommen zu werden. Inzwischen ist es sogar den Neurowissenschaftlern
selbst klargeworden, daß sie den Mund ein wenig zu voll genommen haben, und allenthalben sind Friedensangebote und Rückszugs- bewegungen zu beobachten. (Vgl. DLF vom 04.02.2015 und vom 05.02.2015)

Mit einigen meiner Lektüren hatte und habe ich erstaunliche Erfolge in der ‚Statistik‘, um es mal so vorsichtig auszudrücken. Die betreffenden Blogposts werden bis heute immer wieder besucht. Zu diesen ‚Longsellern‘ gehören meine Posts zu „Lachen und Weinen“ von Helmuth Plessner vom 31.12.2010 (2796 Besucher: Stand vom 05.04.2015); zu „Die Ursprünge der menschlichen Kommunikation“ von Michael Tomasello vom 25.04.2010 (2227 Besucher: Stand vom 05.04.2015); zu „Die kulturelle Entwicklung des menschlichen Denkens“ von Michael Tomasello vom 24.05.2011 (1122 Besucher: Stand vom 05.04.2015); und zu „Leib und Seele oder mind and brain?“ von Marcus Knaup vom 11.07.2013 (1028 Besucher: Stand vom 05.04.2015)

Diese langjährige ‚Aktualität‘ einzelner Blogposts zeigt, daß es auch im Internet Leser gibt, die sich nicht nur für die jeweils neuesten Neuigkeiten interessieren. Was mich dabei aber immer wieder irritiert hat und bis heute irritiert, ist das Desinteresse der Autoren, deren Bücher ich in meinem Blog bespreche. Ich schicke den Autoren immer wieder Rezensionen persönlich zu, aber längst nicht alle reagieren darauf. Die meisten Autoren belassen es bei einem freundlichen Gruß. Kaum einer ist wirklich an einer Diskussion seiner Bücher interessiert. Letztlich gab es nur zwei Ausnahmen, Christina von Braun und Georg Northoff, der mir auch die Ehre einer schriftlichen Entgegnung auf meine Rezensionen zu einem seiner Bücher erwies. Dieses verbreitete Desinteresse finde ich schon sehr enttäuschend. Wie kann man als Autor nur so gleichgültig gegenüber einem Thema sein, zu dem man selbst ein Buch geschrieben hat? Wie kann man als Autor für das Schicksal seiner eigenen Bücher kein Interesse haben?

Verschränkung von Lesen, Schreiben und Denken

Wie schon erwähnt war mir vorgeworfen worden, ich sei allzu selbstverliebt, weil ich meine eigenen Texte immer wieder lese. Aber das Fehlen dieser Selbstverliebtheit mündet gewiß auch nicht ohne weiteres in einer Tugend, wie etwa der Bescheidenheit, sondern unter Umständen in Gleichgültigkeit und Desinteresse. Eigentlich sollten Autoren ihre Texte als ihre ‚Kinder‘ verstehen, die als abgespaltenes ‚Ich‘ überdauern und es den Autoren ermöglichen, zu sich selbst in ein intrageneratives Verhältnis zu treten. Das hat dann weniger etwas mit Selbstverliebtheit zu tun, als vielmehr mit Selbstverantwortung.

Als ich mal einen früheren Kollegen aus der Erziehungswissenschaft auf meinen Blog hinwies, wandte er ein, daß er nicht glaube, daß digitale Publikationsformen Qualität hätten. Ich fühlte mich damals zusammen mit dieser Publikationsform auch selbst ein wenig abgewertet. Wahrscheinlich war das Urteil des Kollegen von der damals verbreiteten Ansicht beeinflußt, mit dem Internet ginge eine Wiederkehr der Mündlichkeit einher, womit wohl die freischwebende, affektbetonte Spontaneität (Stichwort ‚Mobbing‘) der im Netz verbreiteten Verlautbarungen und die damit einhergehende grammatische Schludrigkeit der Posts (SMS) gemeint war, die zudem gerne mit einer Pseudomimik aus Doppelpunkten, Strichen und Klammern (Smilies) versehen werden.

Zum abgekürzten Sprechen mittels Buchstaben, statt mit ausgeschriebenen Wörtern hatte schon Wygotski vor 80 Jahren das eine und andere vorweggenommen. (Vgl. meinen Post vom 30.03.2015) Das Problem im Internet ist, daß es noch viel mehr als analoge Kommunikationsformen auf eine maximale Vollständigkeit der Texte angewiesen ist. Wenn ich einen analogen Brief schreibe, ist mir die Abwesenheit des Gesprächspartners unmittelbar bewußt und ich gebe mir deshalb alle Mühe, mich so auszudrücken, daß alle notwendigen Informationen im Text enthalten sind. Beim Chatten hingegen hat man die Illusion einer unmittelbaren Sprechsituation und man ist sich des fehlenden Kontextes nicht bewußt. Ich habe den Eindruck, daß hier deshalb die Affekte so leicht überschäumen und es zu Exzessen wie shitstorm und cybermobbing kommt. Harmlos gemeinte Worte können beim Empfänger mit der Wucht von Meteoriteneinschlägen aufprallen, weil sie von keiner Atmosphäre bzw. von keinem Kontext abgebremst werden.

Trotzdem: heute weiß ich, daß mein Kollege tatsächlich unrecht hatte. Das Internet ist keineswegs eine mindere Form der Schriftlichkeit oder gar eine schriftliche Form der Mündlichkeit. Zumindestens so lange es noch eines Keyboards bedarf, um das gesprochene Wort in geschriebenen Text zu verwandeln. Allerdings gehört dazu eine Kombination aus Lesen und Schreiben, wenn es unser Denken wirklich bereichern und voranbringen soll. Und in dieser Hinsicht war es gerade wieder der Blog, der mir dabei half, diese Verbindung von Lesen und Schreiben auf ein neues Niveau anzuheben.

Früher hatte ich beim Lesen mit dem Bleistift immer zahlreiche Bemerkungen an den Rand des Textes geschrieben. Meine Bücher sind vollgekritzelt mit kleineren und größeren Einfällen, die mir beim Lesen durch den Kopf gegangen waren. Aus diesen Randbemerkungen sind dann später Aufsätze und sogar ganze Bücher hervorgegangen. Das war dann im Grunde ein zweigleisiges Lesen und Schreiben. Das zweite ‚Gleis‘ bestand im Abschreiben der Randbemerkungen und in ihrer Zusammenstellung und Ausarbeitung zu einem größeren, zusammenhängenden Text.

Mit dem Blog kamen zu diesen zwei ‚Gleisen‘ aus Lesen und Schreiben noch weitere Ebenen hinzu, und mit jeder weiteren Ebene strukturierte sich das betreffende Thema neu und gewann dabei mehr Tiefe. Der erste Akt ist immer noch das Lesen und die Bearbeitung des Textes mit dem Bleistift. Das empfinde ich als befriedigender und auch als ergiebiger als das entsprechende Lesen eines e-books mit der entsprechenden Möglichkeit, digitale Markierungen einzufügen. Auch copy and paste sind keine Alternativen zum Abschreiben. Copy and paste gehen einfach nicht mit einem Denkakt einher.

Wenn ich das Buch gelesen habe, gehe ich damit zu meinem PC, platziere es auf einem Holzgestell unterhalb des Monitors und dann schreibe ich die unterstrichenen Stellen im Buch ab. Das ist der zweite Schritt meiner Lesearbeit. Durch das Abschreiben wird die Lesearbeit nicht einfach nur wiederholt, sondern mit dem Denken, das das Abschreiben der Textstellen begleitet, verändert sich auch meine Einstellung zum Text. Was ich vorher, beim Lesen, gut fand, bewerte ich jetzt, beim Abschreiben, möglicherweise anders. Oder der Sinn dessen, was ich vorher nicht verstanden hatte, erschließt sich mir jetzt beim Abschreiben. Etwas in mir denkt also weiter, während ich die betreffenden Textstellen abschreibe. Deshalb füge ich diesen Textstellen auch erste Kommentare hinzu, auf die ich dann später bei der Besprechung zurückgreifen kann. Oft ist es dann aber auch so, daß sich durch die Vorwegnahme solcher Kommentare bestimmte Denkzusammenhänge auch schon erledigt haben. Ich brauche in der Besprechung nicht mehr darauf zurückzukommen. Auf diese Weise sortiere ich schon mal aus, was für eine Besprechung in Betracht kommt und was nicht.

Jetzt kommt die eigentliche Schreibarbeit. Ich stelle mir anhand der abgeschriebenen Textstellen eine Liste von Stichworten zusammen, auf die ich in meiner Besprechung näher eingehen will. Diese Stichwortliste ergibt eine Gliederung für eine Reihe von Besprechungen. Das ermöglicht es mir, ein Buch aus verschiedenen Perspektiven zu diskutieren. Eine einzelne Besprechung wird einem komplexen Buch oftmals nicht gerecht.

Wenn ich dann eine Besprechung fertiggestellt habe, kommt die Korrekturarbeit am Text. Das ist ein weiterer Schritt im Schreibprozeß und beileibe kein bloß äußerlicher, dem eigentlichen Schreiben mechanisch angehängter Vorgang. Von Wygotskis Buch über „Denken und Sprechen“ können wir lernen, wie sehr sich das innere Denken vom äußeren Sprechen und Schreiben unterscheidet. Das innere Denken ist ein bildhaftes Denken, das noch nicht syntaktisch gegliedert und artikuliert ist. Als Autor ist man geneigt, das, was man innerlich verstanden zu haben glaubt, auf syntaktisch verkürzte Weise zum Ausdruck zu bringen. Dabei entstehen nicht nur grammatisch fehlerhafte und lückenhafte Sätze, die kein anderer Leser als der Autor selbst verstehen kann. Der Autor selbst erliegt darüberhinaus auch der Illusion, er habe etwas klar und deutlich gedacht, was tatsächlich nur verschwommen erahnt und möglicherweise mehr gefühlt als gedacht gewesen war.

Nur mittels der nachträglichen Korrekturarbeit seines Textes kann sich der Autor Rechenschaft über das abgeben, was er geglaubt hatte zu denken, sich aber nun als halbgares Gefasel erweist. Das Problem dabei ist, daß der fertige Text für den Autor ein vertrauter Gegenstand ist. Er sieht einfach die Fehler nicht, die für einen anderen, mit dem Text weniger vertrauten Leser offensichtlich sind, seien es nun einfache Rechtschreibfehler oder ganze Gedankenzusammenhänge.

Hier bietet nun der Unterschied im Erscheinungsbild des digitalen Textes erstaunliche Möglichkeiten. Die erste Erscheinungsform des Textes auf dem Monitor ist die, die das Textverarbeitungsprogramm ermöglicht, bei mir WordPerfect. Habe ich den Text fertig, so ist mir diese Erscheinungsform ziemlich vertraut und deshalb hinderlich beim Korrekturlesen. Der nächste Korrekturschritt besteht in der Umwandlung des Textes in ein PDF-Dokument. Allein das bewirkt schon, daß ich den Eindruck habe, es mit einem anderen Text zu tun zu haben. Wenn ich ihn jetzt als PDF-Dokument lese, finde ich zahlreiche Stellen, die mir vorher nicht aufgefallen sind und die der Korrektur bedürfen.

Der nächste Schritt besteht darin, den Text in meinen Blog zu übertragen und ihn dort für das Veröffentlichen zu überarbeiten, also Links einzufügen und überhaupt das ganze damit verbundene Layout. Dabei habe ich es gefühlsmäßig wieder mit einem anderen Text zu tun. Wieder fallen mir an diesem Text Mängel auf, die mir vorher im PDF-Dokument oder im Textverarbeitungsprogramm nicht aufgefallen waren. Dieser Effekt wiederholt sich noch einmal, wenn ich den Text poste. Der fertige Blogpost erscheint vor meinem subjektiven Auge wieder als völlig neu und fremd. Und wieder finde ich Stellen, die ich nachbessern und korrigieren muß.

Erstaunlicher Weise wiederholt sich dieser Effekt mit jedem Besucher meines Blogs, dem ich einen bestimmten Post zuordnen kann. Noch stärker ist der Effekt, wenn der Besucher einen Kommentar zum Blogpost schreibt. Beides – also letztlich der imaginäre Blick eines Anderen auf den eigenen Text – bewirkt, daß mir dieser eigene Text plötzlich wieder als fremd erscheint, was mich in die Lage versetzt, Vorteile und Nachteile neu zu beurteilen und gegebenenfalls nachzubessern.

Ich kann also meinem früheren Kollegen mit aller Entschiedenheit widersprechen: Blogposts sind nicht von vornherein Texte minderer Qualität. Vielmehr bietet ein Blog ein erstaunliches Spektrum an Möglichkeiten, die Qualität von Texten zu optimieren. Voraussetzung ist allerdings eine dauerhafte Verschränkung von Lesen und Schreiben.

German ‚Angst‘

Von Anfang an war es mir in meinem Blog um die Stärkung der individuellen Urteilskraft, um das individuelle Denken gegangen. Mein Affekt richtete sich dabei insbesondere gegen die Expertokratie, die das Recht auf Denken für sich allein in Anspruch nimmt. Nur die Wissenschaftler mit ausgewiesener Expertise, die ‚Peers‘, wie Habermas sie nennt, sollen zu speziellen Themen Stellung beziehen dürfen. Dabei bleibt aber unberücksichtigt, daß diese Art ‚Wissenschaft‘ selbst der Kritik bedarf. Zu dieser Kritik sind sicher nicht zuletzt auch die Wissenschaftler selbst aufgerufen. Aber es bedarf dazu auch einer Kritik von außerhalb.

Längst sind die Zeiten vorbei, wo Wissenschaften nur innerhalb der institutionalisierten Universität betrieben werden konnten. Wenn es diese Zeiten überhaupt jemals gegeben hatte. Zu den ersten Wissenschaftlern gehörten in der Frühphase der modernen Wissenschaft freie und sicher auch finanziell privilegierte Bürger, die es sich leisten konnten, die Wissenschaft als Hobby zu betreiben. In Zeiten des Internet und des Web 2.0 gilt, daß die Wissenschaft längst kein institutionelles oder finanzielles Privileg mehr ist. Allerdings habe ich den Eindruck, daß die institutionellen Wissenschaftler, gerade auch dort, wo sie den Nutzen der citizen science zu schätzen wissen, immer noch auf die Bürgerwissenschaftler hinabschauen. Immer noch sehen sie in ihnen keine gleichwertigen Gesprächspartner, sondern nur Hilfskräfte, deren minderen Dienstleistungen auf der Ebene des Sammelns, Sichtens und Ordnens zwar gerne angenommen werden. Aber es wird ebenso gerne immer wieder darauf hingewiesen, daß sie dazu vorweg ‚angeleitet‘ werden müssen, um die Brauchbarkeit der so gewonnenen Daten zu gewährleisten. Laien sind eben keine ‚Peers‘, die der eigentlichen Forschungsarbeit ohne Anleitung gewachsen wären.

Daß die Laien und Amateure aber kritikfähige, unabhängig funktionierende Köpfe haben, zeigt sich allein schon an den vielen Bürgerinitiativen der Umweltbewegung seit den 1970er und 1980er Jahren, die an der etablierten Wissenschaft vorbei maßgeblich an einer fundierten Technologiekritik mitgewirkt haben. Die übrigens bis heute als „German Angst“ verunglimpft wird. Mehr denn je gilt: freies Denken, individuelle Urteilskraft richtet sich immer auch gegen einen magisch illuminierten Technologieaberglauben, gegen eine „Garantie auf Erfindbarkeit im allgemeinen“, wie sie Friedrich Kittler glaubte abgeben zu können, als könne es keine durch Technologie verursachten Probleme geben, die nicht wiederum durch noch mehr Technologie gelöst werden könnten. (Vgl. meinen Post vom 27.04.2012) German ‚Angst‘ ist deshalb nicht einfach nur ein belächelnswerter Affekt, sondern der Beginn einer neuen Aufklärung.

So viel glaube ich also an dieser Stelle festhalten zu können: Niemand sollte sich durch irgendeine Autorität davon abhalten lassen, sich quer durch die Wissensgebiete über alles zu informieren, von dem er glaubt, daß es für ihn und seine Lebensführung von Bedeutung sein könnte. Und wir sollten immer bereit sein, uns darüber unser eigenes Urteil zu bilden. Vor allem sollten wir uns nicht davor fürchten, für ängstlich gehalten zu werden. In Abwandlung von Kants sapere aude: timere aude – Habe den Mut, Dich zu fürchten! Hans Jonas zufolge bildet die Fähigkeit, Furcht empfinden zu können, den Kern des Prinzips Verantwortung.
PS (15.05.2015): Zur Zeit halten die deutschen Liberalen einen Parteitag unter dem Motto ‚German Mut‘ ab. Einmal mehr zeigt diese sich als politische Partei maskierende Unternehmerlobby, daß sie die Zeichen der Zeit nicht begriffen hat. Da mag Parteichef Christian Lindner noch so sehr sein Herz für den armen unterdrückten ‚Einzelnen‘ in dieser Gesellschaft schlagen lassen: mit diesem mit liberalen Krokodilstränen bedachten Einzelnen ist doch nur der stets auf ungebremstes Wachstum und Profitsteigerung bedachte Unternehmer gemeint.
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Sonntag, 4. Januar 2015

Ulrich Beck: Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne, Frankfurt a.M. 1986

1. Politik und Subpolitik
2. Polarisierungen

Am 1. Januar starb der Soziologe Ulrich Beck an den Folgen eines Herzinfarkts. Ich habe sein Buch „Risikogesellschaft“ (1986) erst mit großer zwanzigjähriger Verspätung gelesen, obwohl mir dieser Begriff die ganze Zeit über geläufig gewesen war, wie ‚Kindergarten‘ oder ‚Altersvorsorge‘. Kaum ein von einem einzelnen Autor geprägter Begriff ist so sehr zu einem Teil der Alltagssprache geworden wie die untrennbar mit der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl verbundene „Risikogesellschaft“.

Meine verspätete Lektüre hatte immerhin den Vorteil gehabt, daß ich die letzten zwanzig Jahre seit dem Erscheinen von Becks Buch bei meiner Erstlektüre unmittelbar präsent hatte und nun mit großem Staunen zur Kenntnis nehmen konnte, wie präzise Beck 1986 gesellschaftliche Entwicklungen bis ins Detail vorweg genommen hatte. Mir erschien es so, als hätte Beck sein Buch gerade erst geschrieben, in voller Kenntnis der politischen Entwicklungen der letzten zwanzig Jahre.

Ich machte mich sogleich daran, Seminare zu Becks „Risikogesellschaft“ vorzubereiten, und ich konfrontierte die Studenten mit der Notwendigkeit, ihr eigenes Studium als Teil einer Lebensplanung, die berufliche Karrieren umfaßt, grundlegend in Frage zu stellen. ‚Bildung‘, so meine Schlußfolgerung aus Becks Analysen zur Risikogesellschaft, kann nicht länger als Garant für eine berufliche Karriereplanung gelten. Jeder Einzelne von uns nimmt an einem Lotteriespiel teil, in dem die Erfolgschancen nach dem Zufallsprinzip verteilt werden. Schule und Universität versuchen nur, mehr schlecht als recht, die Teilnahmebedingungen an diesem Lotteriespiel möglichst gerecht zu gestalten. Am Ende entscheidet aber nicht die Bildung, sondern der Zufall.

Mitten in der durch „Bologna“ bewirkten Umbauphase der klassischen deutschen Bildungsuniversität zu einem stromlinienförmigen Ausbildungsbetrieb, der die Studenten mit dem Versprechen in seine Einrichtungen lockt, sie möglichst schnell und effektiv auf den Arbeitsmarkt vorzubereiten, kamen meine Seminare bei den Studenten  – insbesondere an einem Standort, der frühzeitig alle klassischen Studiengänge der Lehrerausbildung und des Diplom radikal abgeschafft hatte – allerdings nicht so gut an. BA und MA standen für eine gesellschaftliche Aufbruchsstimmung, und ich war der Miesmacher.

Ulrich Beck verband die Wissenschaftskritik mit Gesellschaftskritik. Die Wissenschaft war für ihn nicht einfach nur eine Forschungseinrichtung, die Grundlagenforschung betreibt oder die Wirtschaft mit technologischen Innovationen versorgt. Tatsächlich stellte er den bisherigen Wissenschaftsbetrieb grundsätzlich dadurch in Frage, daß er den Autoritätsanspruch der Wissenschaft kritisierte. Diese ‚autoritäre‘ Wissenschaft war unfähig, ihren eigenen Erkenntnisanspruch zu reflektieren und zu begrenzen. Sie korrespondierte mit einer Phase der gesellschaftlichen Modernisierung (einfache Modernisierung), die alle traditionellen Werte unter Ideologieverdacht stellte und die Natur vor allem als ein Mittel und als eine Ressource verstand, den Wohlstand der menschlichen Gesellschaft zu ermöglichen und sicherzustellen.



Diese der einfachen Modernisierung entsprechende Wissenschaft bezeichnete Beck als ‚halbierte‘ Wissenschaft. Sie nahm für sich das Recht und die Autorität in Anspruch, alles zum Gegenstand der Forschung zu machen, und erhob damit einen umfassenden Erkenntnisanspruch. Zugleich aber vermied sie es, sich selbst zu thematisieren. Die wissenschaftliche Forschung konnte selbst nicht angezweifelt werden. Und darin bestand Beck zufolge die Halbierung der Wissenschaft: der umfassende Erkenntnisanspruch gegenüber der Welt war verbunden mit der Verweigerung, sich selbst zu hinterfragen.

In der „Risikogesellschaft“ wird die einfache Moderne aber nun reflexiv. Sie wird sich der ökologischen Folgeprobleme einer unbegrenzten Industrialisierung bewußt. An die Stelle eines utopischen Wohlstandsoptimismusses, demzufolge es mit dem industriellen Wachstum immer nur aufwärts geht, tritt ein Bewußtsein für die bedrohte Menschlichkeit und für die Notwendigkeit, auch in der Zukunft einen humanen Minimalbestand gegenüber dem marktwirtschaftlichen Zugriff sicherzustellen.

Zur Reflexivität dieser Moderne gehört auch, daß die Risiken, die den humanen Minimalbestand bedrohen, nicht für alle Augen sichtbar sind. Die Folgen unseres Handelns, etwa Radioaktivität oder andere Umweltgifte, werden nur sehr indirekt und zeitlich verschoben sichtbar. Es bedarf wiederum wissenschaftlicher Forschung, die über diese Gefahren aufklärt. Um diese Forschung zu verstehen, bedarf es deshalb eines hohen Bildungsgrades auf Seiten der Gesellschaft. ‚Bildung‘ ist also nicht in erster Linie ein Karrieremittel, sondern eine Grundvoraussetzung für verantwortungsvolle gesellschaftliche und politische Teilhabe.

Mit der reflexiven Moderne wird also auch die Wissenschaft reflexiv. Damit stellt sie auch ihre eigene Autorität in Frage. Sie bleibt zwar in einer aufgeklärten Gesellschaft die einzige Erkenntnisautorität, aber ihre Verantwortung begrenzt sich gegenüber dem Anspruch des ‚Laien‘, ein menschenwürdiges Leben führen zu können. Der im Zuge der einfachen Modernisierung und Verwissenschaftlichung zunehmend aus der Forschung ausgegrenzte Mensch wird bei Ulrich Beck wieder zum Zentrum und Zweck einer nunmehr sich selbst reflexiv begrenzenden wissenschaftlichen Forschung.

In der reflexiven Gesellschaft verändert sich auch das Verhältnis der Politik zur Gesellschaft. Politik wird zu einem großen Teil Subpolitik. Sie kann nicht mehr auf staatliches Handeln, auf gewählte Repräsentanten beschränkt werden. Es stellt sich also die Frage nach dem neuen politischen Subjekt. In der Phase der einfachen Modernisierung war es der Arbeiter bzw. marxistisch: das Proletariat. In der „Risikogesellschaft“ ist das politische Subjekt durch die Bedrohung definiert: durch das Risiko, dem es ausgesetzt ist. Da das Risiko aber gleichermaßen unsichtbar wie global ist, hängt das politische Bewußtsein, wie schon erwähnt, im hohen Maße von der Bildung und vom Wissen der Menschen ab. Die Ausbeutungsverhältnisse sind nicht so einfach und klar wie zu Zeiten der einfachen Modernisierung: dort der Kapitalist, hier der Arbeiter.

Auch dies ist ein Grund dafür, daß die Wissenschaft reflexiv werden muß. Sie wird zu einem Mittel der Ideologie: die von den Konzernen gesponserte Wissenschaft sammelt und fälscht Belege, die wie früher bei den Tabakkonzernen die Unbedenklichkeit des Zigarettenrauchens ‚beweisen‘. Oder wie in den letzten Jahren: im Dienste der Konzerne stehende Netzwerke von Wissenschaftlern ‚bezweifeln‘ – angeblich in bester wissenschaftlicher Tradition – die Beweise der kritischen Klimaforscher und torpedieren so die verschiedenen internationalen Klimakonferenzen, auf denen es um die Begrenzung der Folgen des Klimawandels geht. Denn nichts ist schließlich wissenschaftlicher als der Zweifel, vor allem wenn er mit der Autorität wissenschaftlicher Kompetenz gesät wird.

Reflexivität tut also not, gerade auch dort, wo mit dieser ‚Reflexivität‘ Mißbrauch getrieben wird. Und der Laie ist es, der entscheiden muß, welchen Daten er Glauben schenkt. Analog zur Sub-Politik könnte man hier deshalb auch von Sub-Science sprechen. In der Anfangszeit der neuzeitlichen Wissenschaft gab es so etwas wie eine Bürgerwissenschaft, und es scheint so, als wäre so eine Laienbewegung wieder im Entstehen begriffen.

Ulrich Beck hat mit seinen Analysen die Wissenschaft wieder ins Zentrum der gesellschaftlichen Entwicklung gestellt. Das ist sein Verdienst. Im nächsten Post werde ich zeigen, daß er damit in einer guten Tradition steht.

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Donnerstag, 25. April 2013

Norbert Bolz, Das Gestell, München 2012

1. Elliptische Argumentation
2. Blumann und Luhmenberg
3. Konvergenz statt Interdisziplinarität
4. Benutzerillusionen
5. Rückkopplung: positiv?
6. Gesellige Technik
7. Körperleibvariationen
8. Der Unternehmerführer

Bolz zeigt mit aller dankenswerten Deutlichkeit, wie sehr ein Begriff wie die Interdisziplinarität zu einer veralteten Wissenschaftsauffassung gehört, in der es noch so etwas wie ‚Natur‘-Wissenschaften und ‚Geistes‘-Wissenschaften gab. Der „kunstvolle Reduktionismus der modernen Forschung“ läßt nicht nur mit dem ‚Geist‘ die Geisteswissenschaften verdorren, sondern treibt auch die ‚Natur‘ aus den Naturwissenschaften aus. (Vgl. Bolz 2012, S.91) Längst geht es in den Naturwissenschaften nicht mehr darum, Wissen über die Natur zu sammeln. An die Stelle des Wissens tritt das Know-How: „Man muss die Sache nicht verstehen, um sich auf sie zu verstehen.“ (Bolz 2012, S.58)

Anstatt die Naturphänomene zu erklären, reicht es, sie zu simulieren: „Die Informatik ersetzt die Physik als Fremdreferenz der Mathematik. Es sind ja nicht mehr Wirklichkeitsbefunde, sondern Computersimulationen, die überhaupt erst die Fraktale Geometrie, die Chaos-Theorie und die Theorie komplexer Systeme ermöglicht haben. Der Computer ist hier zum Medium einer empirisch-experimentellen Mathematik geworden.“ (Bolz 2012, S.84)

Um die verschiedenen Wissenschaftsgebiete zusammenzuführen, „bedarf es gar keiner übergreifenden, alles erklärenden Theorie“ mehr (vgl. Bolz, 2012, S.91). Es reicht, sie auf die kleinsten Elemente „Bits, Atome, Neuronen und Gene“ (Bolz 2012, S.90) zurückzuführen, um die ehemaligen Disziplinen beliebig kombinierbar zu machen. An die Stelle der altehrwürdigen Interdisziplinarität tritt die „Konvergenz der Spitzentechnologien“: „Wissenschaftler betrachten heute die Welt als Hierarchie komplexer Systeme, die ihre absolute Basis auf der Nanoebene haben. So brechen die alten Unterscheidungen, die die Welt geordnet haben, zusammen – sogar die zwischen Pflanzen, Tieren und Menschen.“ (Bolz 2012, S.90)

In einer computerisierten Welt, in der alles, worauf es ankommt, algorithmisierbar sein muß, reicht es also, vor die herkömmlichen Fachbegriffe ein Präfix zu setzen: Neuro-Anthropologie, Neuro-Philosophie, Neuro-Theologie, Neuro-Linguistik, Neuro-Didaktik usw.usf., und wir haben allen heutigen Ansprüchen an Interdisziplinarität genügt. Eigentlich sind also Begriffe wie ‚Wissenschaft‘ und ‚Universität‘ nur noch Etiketten, denen keine Inhalte mehr entsprechen, und insofern sind die Bologna-Reformen in Deutschland nur auf eine besonders konsequente Weise umgesetzt worden. Nur vor der pauschalen Umbenennung der altehrwürdigen Bildungseinrichtungen in Technische Hochschulen ist man noch zurückgeschreckt.

Die Forschung bildet nur noch den Transmissionsriemen im Räderwerk aus „Technik, Wissenschaft und Industrie“ (Bolz 2012, S.35), eine Form „technische(r) Kreativität“ (Bolz 2012, S.102), auf die der Kapitalismus „Prämien“ für ihre „wirtschaftliche Verwertbarkeit“ aussetzt (vgl. Bolz 2012, S.66) und für die „die moderne Gesellschaft“ den „Preis“ zahlen muß (vgl. Bolz 2012, S.56). Statt den ‚Phänomenen‘ auf den Grund zu gehen, verwandelt man sie in ‚Produkte‘. (Vgl. Bolz 2012, S.40, 102) Aus dem der Wahrheit verpflichteten Wissenschaftler wird ein Ingenieur: „Neuzeitliche Technisierung heißt, dass man von den Eigenqualitäten der Dinge abzusehen lernt und sie einem souveränen Konstruktionsprozess unterwirft. Hinter der Mathematisierung und Formalisierung aller wissenschaftlich-technischen Prozesse steckt letztlich die generelle Frage des absoluten Ingenieurs: Wie produziert man ein X?“ (Bolz 2012, S.34)

Wenn Bolz beschreibt, wie der heutige Wissenschaftler zum Bastler geworden ist, der „probiert, was geht, d.h. was von der Wirklichkeit toleriert wird“, wird einem klar, daß diese Bastlermentalität längst zu einem über die ‚Wissenschaft‘ hinausreichenden kulturellen Trend geworden ist. Charisius/Friebe/Karberg (2013) sprechen von der „STEM-Bildung“, „also Science, Technology, Engineering and Mathematics“ (Charisius/Friebe/Karberg 2013,  S.84). Auch die Biohacker-Szene vollzieht also nur auf bewußtlose Weise Funktionsmechanismen des Gestells nach, und mein Appell ans „Selber-Denken“ war entsprechend naiv. (Vgl. meinen Post vom 02.04.2013) Auch das Wort „Bürgerwissenschaft“ müßte im Lichte der Bolzschen Analysen noch einmal gründlich hinterfragt und entsprechend neu begründet werden.

Die von Bolz beschriebenen Entwicklungslinien erinnern an Günther Anders, und seine Analysen führen zu einem ähnlichen Ergebnis, demzufolge „selbst die extremste Bewusstseinsform der Moderne, der Nihilismus“, nur noch „als Selbstbehauptung durch technischen Konstruktivismus“ erscheint. (Vgl. Bolz 2012, S.38f.) Analog zu Andersens „Antiquiertheit des Menschen“ spricht Bolz deshalb von der „Antiquiertheit seines Leibes“ (Bolz 2012, S.95), worauf ich in einem der folgenden Posts noch einmal zu sprechen kommen werde. Vorerst soll es genügen, darauf hinzuweisen, daß es genau diese ‚Antiquiertheit‘ ist, auf die ich meine Hoffnung hinsichtlich einer Zukunft des Menschen setze. Der Mensch ist ein Anachronismus, in dem sich die verschiedenen Entwicklungsebenen, aus denen er hervorgegangen ist, zu einem Ganzen bündeln: dem nicht algorithmisierbaren Ganzen einer Menschlichkeit, die sich dem konstruierenden Zugriff der Ingenieure entzieht.

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Dienstag, 2. April 2013

Hanno Charisius/Richard Friebe/Sascha Karberg, Biohacking. Gentechnik aus der Garage, München 2013

1. Faustkeil = Hammer = Atomkraftwerk?
2. Hinzukommendes Selbst oder Zugang zum Selbst?
3. Keine ‚Zurück‘-Taste
4. Bürgerwissenschaft

Wie schon im letzten Post angemerkt sind es zwei Stellen, die mich besonders beeindruckt haben. Neben der Differenzierung zwischen Biologen und Ingenieuren handelt es sich dabei um die Darstellungen der Autoren zur Bürgerwissenschaft (citizen science). (Vgl. Charisius/Friebe/Karberg 2013, S.12, 111-129, 260ff.) Denn schließlich geht es ja nicht nur um die Verantwortung der Biohacker ihren Mitbürgern gegenüber, sondern in einem noch fundamentaleren Sinne um die öffentliche Verantwortung der Wissenschaft selbst. Welcher Öffentlichkeit gegenüber sollte sich die Wissenschaft aber verantwortlich zeigen, wenn diese Öffentlichkeit überhaupt nicht beurteilen kann, was in der Wissenschaft passiert und ihr die Experten auch noch einreden, daß ihr die Kompetenz fehlt?

Die ‚wissenschaftlichen‘ Interessen sind leider inzwischen längst nicht mehr so rein wissenschaftlich, wie sie der Öffentlichkeit gegenüber dargestellt werden.  Die Notwendigkeit, sich Gelder von außerhalb einzuwerben, oft genug von Wirtschaftsunternehmen, und die Abhängigkeit von staatlichen Zuschüssen, die oft genug nach parteipolitischen Interessen vergeben werden, hinter denen wiederum diverse gesellschaftliche Lobbygruppen stehen, haben dazu geführt, daß wissenschaftliche Studien zu den gleichen Themen zu den unterschiedlichsten Ergebnissen führen, mit denen dann Politik gemacht wird.

Das klassische Beispiel ist die Nutzung der Atomenergie. Bürgerinitiativen haben sich in einer jahrzehntelangen, generationenübergreifenden Arbeit das nötige Expertenwissen selbst angeeignet und so den von den jeweiligen Bundesregierungen und von der Atomwirtschaft bezahlten ‚Experten‘ eine eigene Expertise entgegengesetzt. Deshalb haben die Autoren von „Biohacking“ völlig recht, wenn sie schreiben: „Missbrauch von Technologie war bislang die Domäne schlecht oder gar nicht demokratisch kontrollierter herrschender Eliten.“ (Charisius/Friebe/Karberg 2013, S.189)

Hinzu kommt, daß die Wissenschaft selbst über lange Zeit hinweg keine Sache etablierter Universitäten und Akademien gewesen ist, sondern von Bürgerforschern vorangetrieben worden ist. Die betreffende Stelle möchte ich hier gerne in aller Ausführlichkeit zitieren:
„Sie (die BIY-Bio-Aktivisten – DZ) haben ihre evolutionären Vorläufer nicht nur in den Computerhackern der vorigen Generation, sondern auch in den Amateur- und Gentleman-Forschern vergangener Jahrhunderte, zu denen so illustre Persönlichkeiten wie Leibniz, Goethe und Mendel zählten. Sie stehen in der noch viel älteren Tradition der Pflanzen- und Tierzüchter seit Anbeginn der Landwirtschaft, sind verwandt mit den Hobby-Astronomen, die in den vergangenen Jahrzehnten wichtige Entdeckungen machten, mit den unzähligen Käfer- und Schmetterlingssammlern, Vogelbeobachtern und den Freizeit-Botanikern mit ihren Herbarien. Sie haben ihre Vorläufer auch unter jenen Eltern, die nicht akzeptieren wollten, dass ihre Kinder früh an seltenen, zu wenig erforschten Krankheiten sterben, und sich in der wissenschaftlichen Literatur selbst auf die Suche nach Therapiemöglichkeiten machten. Vor allem aber haben sie viel gemein mit all jenen, die noch nie akzeptieren konnten und wollten, dass Expertenwissen und Hochtechnologie nur in den Händen von politischen, wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Eliten gut aufgehoben sein sollen, mit jenen, die Zugang forderten, Zugang durchsetzten. Sie haben einiges gemein sowohl mit Bildungsreformern wie Johann Comenius und Wilhelm von Humboldt, als auch mit jenen, die heute versuchen, die Energieproduktion zu dezentralisieren und zu demokratisieren.“ (Charisius/Friebe/Karberg 2013, S.12)
Über zwei Namensnennungen habe ich mich besonders gefreut: Goethe und Humboldt. Über die Nennung von Goethe habe ich mich gefreut, weil gerade er eine besonders kritische Position zur Mainstream-Wissenschaft eingenommen und hervorgehoben hatte, daß die moralische Verantwortung des Menschen seine Handlungsfreiheit einschränkt: nicht alles, was wir tun können, sollte auch umgesetzt werden. Wenn wir in Bereiche vordringen, die außerhalb der menschlichen Sinnesorgane liegen, können wir die Folgen unserer Eingriffe in diesen Bereichen nicht mehr kontrollieren.

Und über die Nennung von Wilhelm (nicht Alexander) von Humboldt habe ich mich gefreut, weil gerade mit seinem Namen in unserem Bildungssystem so viel Mißbrauch getrieben wird. Er muß für alle unausgegorenen Bildungsreformen der letzten zweihundert Jahre Pate stehen und hat doch eigentlich nichts anderes gewollt, als dem heranwachsenden jungen Menschen das Grundgerüst zum selbständigen Denken zu vermitteln. An die Stelle der Schulen und Universitäten, wie sie Humboldt sich gedacht hatte – mit open access! –, sind Zertifizierungsanstalten getreten, die den Zugang zu den verschiedenen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Einrichtungen beschränken.

Der Vorschlag der Autoren, offene Labore einzurichten, „in denen Laien mit Profis zusammenarbeiten und sich austauschen können“ (Charisius/Friebe/Karberg 2013, S.260), liegt voll und ganz in der Richtung einer Universität, die den Humboldtschen Vorstellungen einer Einheit von Forschung und Lehre genügt. Eine solche Universität würde sich nicht mehr über die Größe und den Preis ihrer Apparate definieren. (Vgl. Charisius/Friebe/Karberg 2013, S.122) Sie würde vielmehr zur „stetig steigende(n) Kompetenz der Laien“, zu einer „in die Breite gehende(n) spezifische(n) Bildung und Fähigkeit zur Meinungsbildung angesichts anstehender wissenschafts- und biopolitischer Entscheidungen“ beitragen. (Vgl. Charisius/Friebe/Karberg 2013, S.262)

Die Do-It-Yourself-Mentalität sollte kompatibel sein mit einer Selber-Denken-Mentalität. Denn ich gestehe, daß mir unbehaglich bei dem Gedanken ist, daß eine Einstellung, nach der alles, was getan werden kann, auch getan wird, und sei es einfach nur, um zu sehen, ob es auch funktioniert, zum Hobby für jedermann ausgeweitet wird.

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Montag, 1. April 2013

Hanno Charisius/Richard Friebe/Sascha Karberg, Biohacking. Gentechnik aus der Garage, München 2013

1. Faustkeil = Hammer = Atomkraftwerk?
2. Hinzukommendes Selbst oder Zugang zum Selbst?
3. Keine ‚Zurück‘-Taste
4. Bürgerwissenschaft

Zu den beeindruckendsten Stellen des Buches gehören für mich neben den Ausführungen der Autoren zur Bürgerwissenschaft die Bemerkungen zu Craig Venters Projekt, „Mikroben mit Minimalgenom“ herzustellen: „Venters Mikroben mit echtem Minimalgenom wären das reduzierteste Leben überhaupt.“ (Charisius/Friebe/Karberg 2013, S.73) – Allein diese Vorstellung läßt mir die Härchen im Nacken sich aufrichten: etwas anders verortete „Härchen“ als jene, die sich „an den Unterarmen“ der Autoren aufrichteten, angesichts der von ihren Unterarmen nicht weit entfernt in klammen Fingern gehaltenen Schnapsbecherchen, in denen sie einiger Schnipsel ihres Genmaterials ansichtig wurden. (Charisius/Friebe/Karberg 2013, S.25)

Die Vorstellung, das Leben reduzieren zu können, hat in der Tat etwas Magisches. Aber wie Fans der Fantasy-Literatur wissen, gibt es eine weiße und eine schwarze Magie. Oder um direkt Tolkien-Fans anzusprechen: es gibt Gandalf und Sauron. Die Perspektive, das Leben zu reduzieren, um es dem Willen des Menschen zu unterwerfen, markiert eine Grenzlinie, die die Autoren des Buches selber thematisieren, indem sie einen der Bio-Ingenieure eine kleine Geschichte erzählen lassen, die ich hier wiederholen möchte:
„Kennen Sie die Geschichte von dem Biologen und dem Ingenieur, die beide morgens ins Labor kommen und an ihrem über Nacht gelaufenen Experiment feststellen, dass das System, das sie untersuchen, doppelt so kompliziert ist wie ursprünglich angenommen? Der Biologe sagt: Klasse, ich schreibe einen Artikel darüber. Und der Ingenieur sagt: Mist, wie kann ich diese zusätzliche Komplexität loswerden?“ (Charisius/Friebe/Karberg 2013, S.70)
Kurz gesagt: der Biologe wäre ein Vertreter der weißen Magie, also Gandalf, und der Vertreter der schwarzen Magie wäre der Ingenieur, also Sauron. Gandalf erforscht die Hobbits, weil er das Auenland liebenswert findet. Saruman und Sauron finden sie einfach überflüssig und letztlich vor allem störend.

Aber man sollte an dieser Stelle vielleicht nicht allzu sehr vereinfachen, obwohl, wie wir sehen, gerade Ingenieure sehr viel für Vereinfachungen übrig haben. Immerhin wird diese Geschichte von einem Ingenieur erzählt und zeigt, daß der Sachverhalt etwas diffuser und – natürlich! – komplexer ist. Immerhin durchdringen sich hier biologische, technologische und eben auch medizinische Interessen. Wenn es darum geht, häßliche, bislang unheilbare Erbkrankheiten heilbar zu machen, kann man eigentlich nicht wirklich etwas gegen Biotech haben. Aber wenn es darum geht, Schnitzel mit Bananengeschmack zu produzieren, wie es sich manche Biohacker erträumen, bekomme ich Würgereflexe und beginne nun meinerseits davon zu träumen, mich ins Auenland zurückzuziehen oder den Amish-People anzuschließen.

Ein anderer Autor, Olaf Fritsche („Die Neue Schöpfung“ (2013)), verweist darauf, daß die Menschen bei der Züchtung ihrer Haustiere noch nie sonderlich rücksichtsvoll vorgegangen sind. Er kann sich vorstellen, daß sie die gentechnischen Methoden z.B. dazu nutzen, Katzen in krallen- und zahnlose, schnurrende Kuschelkissen zu verwandeln: „Wäre das Tierquälerei? Ganz sicher! Bloß lassen wir Menschen uns erfahrungsgemäß nicht gerne durch Skrupel von der Erfüllung unserer Wünsche abhalten, wenn die Sehnsucht erst einmal geweckt ist. Das mussten unter anderem bereits Katzenrassen erfahren, die taub sind, denen der Schwanz fehlt, deren Ohren geknickt sind oder die ihr Leben lang vollkommen ohne Fell und Tasthaare auskommen müssen. Munchkin-Katzen haben sogar stark verkürzte Beine und befinden sich damit schon auf dem halben Weg zum Schnurrkissen.“ (Fritsche 2013, S.65f.)

Das gewichtigste Argument für eine moralische Herangehensweise an das Thema steckt in einer weiteren Bemerkung der Autoren, die die Grenze zwischen Biologie und Informatik noch treffender auf den Punkt bringt als die verschiedenen Grundeinstellungen von Biologen und Ingenieuren: „Wenn man sich beim Mischen der Zutaten für ein Experiment vertan hat, kann man nie auf die ‚Zurück‘-Taste drücken.“ (Charisius/Friebe/Karberg 2013, S.38)

Software-Programmierer können, wenn sie einen Fehler gemacht haben, die Escape-Taste drücken und dann in aller Ruhe nach dem Fehler im Programmcode suchen. In der Biologie ist das anders: „Wenn ein molekularbiologisches Experiment nicht funktioniert, sieht man erst einmal gar nichts. Man muss es wiederholen, noch pingeliger sein und hoffen, dass es diesmal klappt. Wenn sich auch dann kein Erfolg einstellt, muss man durch weitere Experimente versuchen, den Fehler zu finden. Computern neue Tricks beizubringen ist jedenfalls bislang noch um Dimensionen einfacher als lebenden Zellen.“ (Charisius/Friebe/Karberg 2013, S.38)

Daß es in der Biologie, bislang, noch keine Rückstelltaste gibt – man arbeitet daran: etwa bei der Wiedererschaffung von Mammuts –, beinhaltet verschiedene Aspekte, die hier im Unterschied zur Softwareprogrammierung berücksichtigt werden müssen. Zunächst einmal ist es für jeden ohne weiteres einsehbar, daß das Fehlen einer Rückstelltaste nicht nur auf der Ebene der Manipulation von Mikrobengenen Schwierigkeiten bereitet. Das Schaffen neuer Mikrobenarten wirkt sich selbstverständlich auch auf unseren Lebensraum, auf die Ökologie aus, egal wie vorsichtig die Experimenteure vorgehen. Für die Prozesse, die wir hier in Gang setzen, besitzen wir ebenfalls keine Rückstelltaste.

In den neunziger Jahren habe ich mich angesichts der von Computern generierten künstlichen Welten mit der Frage beschäftigt, wie man virtuelle Welten von der realen Welt unterscheiden kann. Ich kam zu dem Schluß, daß der wesentliche Unterschied zwischen virtuellen Welten und realer Welt darin besteht, daß sich das, was sich in der Wirklichkeit abspielt, nicht rückgängig machen läßt. Und daß dies genau der Grund ist, warum wir die Verantwortung für unser Handeln übernehmen müssen.

Nur die Denkfreiheit ist unbegrenzt, nicht aber die Handlungsfreiheit.

Softwareprogrammierer bewegen sich im Bereich der Denkfreiheit. Sie haben eine Rückstelltaste. Wetwareprogrammierer bewegen sich im Bereich der Handlungsfreiheit. Sie haben keine Rückstelltaste. Also haben sie eine Verantwortung und sind ihren Mitmenschen gegenüber rechenschaftspflichtig.

Die Autoren selbst nehmen immer wieder zum Thema Verantwortung und Biohacker-Ethik Stellung. Die Euro-Hacker haben hierfür – das muß anerkennend festgehalten werden – auch eine gewissen Sensibilität. Bei den Ami-Hackern firmieren aber entsprechende Versuche, ein gemeinsames Protokoll im Umgang mit der Biotech zu verabschieden, unter „German Vorsicht“. (Vgl. Charisius/Friebe/Karberg 2013, S.213-242)

Das Problem mit der fehlenden Rückstelltaste hat übrigens bei den Hindus und Buddhisten zum Konzept des Karmas und bei den Christen zum Konzept der Erbsünde geführt. Es ist letztlich doch der Unterschied zwischen Gandalf und Sauron. Gandalf übernimmt Verantwortung. Sauron will nur herrschen. Und wie Gandalf immer wieder gerne betont: das Herrschenwollen beginnt ganz harmlos. Zunächst will man meistens nur Spaß haben. Am schlimmsten aber sind Gandalf zufolge am Ende die, die am Anfang nur Gutes zu tun gewollt hatten.

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