„...letztlich ist der Mensch, als Folge oder Krönung der Evolution, nur in der Totalität der Erde begreifbar.“ (Leroi-Gourhan, Hand und Wort, S.22)

Donnerstag, 1. Oktober 2026

Denken ohne Korrelate

Theodor W. Adorno: Kants „Kritik der reinen Vernunft (1959)“ (1995)


1. Mikrologie und Dialektik
2. Metaphysikkritik
3. Verdopplung der Welt
4. Erkenntnistheorie
5. Affektionen und Intentionen
6. Hiatus
7. transgenetisches Ich

In meinem letzten Blogpost zu Oliver Jahraus Anfang September hatte mich eine Bemerkung von Jahraus zur inhaltlichen Nähe zwischen Martin Heidegger und Theodor W. Adorno hellhörig gemacht. Ich habe in meinem Bücherregal nachgeschaut, in welchem von Adornos Büchern ich mehr darüber erfahren könnte, und bin bei seinen 1995 veröffentlichten Vorlesungen zu Kants „Kritik der reinen Vernunft“ im Jahr 1959 hängengeblieben. Bisher hatte ich nur seine gemeinsam mit Max Horkheimer geschriebene „Dialektik der Aufklärung“ (1944) und die „Negative Dialektik“ (1966) und außerdem noch fragmentarisch das eine und andere von ihm gelesen. Jetzt hielt ich mit seinen Kantvorlesungen ein Buch in der Hand, das zu meiner Überraschung seine „Negative Dialektik“ gewissermaßen in einfacher Sprache enthält ‒ obwohl Adorno natürlich nie einfach ist ‒ und das eine Art Vorarbeit für die „Negative Dialektik“ bildet. Adorno selbst bekennt sich zu diesem Status, den die Kantvorlesungen für ihn haben: „... es geht hier um nicht weniger als eigentlich um die, wenn ich so sagen darf, Grundlegung der philosophischen Position, wie ich sie selbst vertrete und wie ich sie glaube an diese Reflexion über Kant anknüpfen zu können(.)“ (Vgl. Adorno 1995, S.239)

Ich hatte jedenfalls Lust, zu sehen, ob einiges von dem, was mir vor langer Zeit bei der Lektüre der „Negativen Dialektik“ rätselhaft geblieben war, mir bei der Lektüre der Kantvorlesungen verständlicher würde. Im Vorgriff auf die insgesamt sieben Essays dieser Blogpostreihe möchte ich hier zunächst auf Adornos Methode eingehen, auf die „Mikrologie“, wie er sie nennt, und auf die Dialektik. Was letztere betrifft, die Dialektik, ist mir diese Methode über die Jahre hinweg, als ich feststellte, daß die Phänomenologie meinem eigenen Anliegen besser entspricht, fremd geworden. Das habe ich im April, in meinen Blogposts zu Hegel, schon deutlich werden lassen.

Zunächst aber zur Mikrologie. Adorno spricht von der Notwendigkeit eines „mikrologischen Blicks“ auf die kleinen Details einer Philosophie, weil die Philosophen oft in den großen Themen mehr oder wenig einig sind und sich ebenso oft nur in den kleinen Details unterscheiden, die dann aber in der Konsequenz den Begriffen eine fundamental andersartige Bedeutung geben: „Nur wenn man hier wirklich in die kleinsten Nuancen der Gedanken hineingeht, kann man das große Ganze wirklich in den Begriff bekommen, und es gilt der Satz von Aby Warburg(), daß der liebe Gott im Detail eben tatsächlich wohnt.“ (Adorno 1995, S.245; vgl. auch S.94f.)

So geht es mir auch mit Kant und Adorno. Ich schätze Kant für seine Aufwertung der Erscheinungswelt und für seine kritische Beschränkung des Vernunftsvermögens. Aber seine Argumentation ist oft, mal bewußt, mal unbewußt, metaphysisch ausgerichtet, und man muß, wie Adorno schreibt, mit einem „Vergrößerungsglas“ (vgl. Adorno 1995, S.304) genau hinsehen, wann es mal kritisch in die eine und wann es Metaphysik-affin in die andere Richtung geht. Auch das Vorbild, an dem sich Kant orientiert, die mathematische Naturwissenschaft, wird dem empirischen Primat der Erscheinungswelt nicht gerecht. Zumindest heute nicht mehr. An die Stelle der Empirie ist längst eine statistische Evidenzbasierung getreten: eine verschämt-unverschämte Ersetzung der Empirie durch Mathematik.

Damit kommen wir auch schon zur Dialektik, bei der ich mikrologisch genau aufs Detail achte, an welchen Stellen sich bei Adorno entgegen der Kantischen Tendenz eine dialektische Aufwertung der Metaphysik einschleicht. Allerdings bekennt er sich dazu durchaus auch ganz offen und explizit, aber ebenso finden sich bei ihm metaphysikkritische Feststellungen, und oft weiß man bzw. ich nicht so recht, wie ich gerade mit ihm dran bin.

Gerade habe ich die Mathematik erwähnt, und hier finde ich bei Adorno tatsächlich metaphysikkritische Äußerungen, zum Beispiel in folgender Textstelle: „... daß zum Beispiel die Frage, wie weit die mathematischen Sätze synthetische Urteile sind, wie Kant es will, oder wie weit sie analytische Sätze sind, wie es die Ansicht von Leibnitz war und wie es wiederum die Ansicht der neuen Mathematik ist ‒ bekanntlich hat Henri Poincaré den Satz geprägt, die ganze Mathematik sei eine einzige Tautologie ‒, diese Frage hängt eben doch weitgehend davon ab, innerhalb welchen Bezugssystems ein derartiges Urteil sich nun befindet.“ (Adorno 1995, S.25)

Zur Erläuterung: synthetische Urteile a priori sind Urteile, die, obwohl sie keine Erfahrungsurteile sind, dennoch etwas, das wir noch nicht wußten, über Erfahrungsinhalte aussagen können. Analytische Urteile sind Urteile, die ebenfalls keine Erfahrungsurteile sind, sondern abstrakte logische Urteile, die unser Wissen über die Welt nicht vergrößern. Leibnitz und Poincaré waren der Ansicht gewesen, daß die ganze Mathematik analytisch ist und nichts zu unserem Wissen beitragen kann: sie ist bloß eine Tautologie. Kant war nicht dieser Meinung.

Mit „Bezugssystem“ ist das jeweilige Fachgebiet gemeint, in dem die Mathematik als Hilfswissenschaft angewandt wird; also auf je eigene Weise in jedem naturwissenschaftlichen Fachgebiet. In so einem Bezugssystem ermöglicht die Mathematik synthetische Urteile, also Urteile, die über analytische Urteile hinausgehen und dem jeweiligen Fachgebiet zu neuen Erkenntnissen verhelfen. In ihrem eigenen Fachgebiet sind hingegen alle mathematischen Urteile bloß analytisch.

Analog zur Mathematik hält Adorno fest, daß in der Philosophie die Arbeit an dialektischen Begriffen dazu führen kann, sich immer weiter von der Wirklichkeit zu entfernen, bis sie nichts mehr mit unserer Erfahrung zu tun haben. Solche Begriffe nennt er aporetisch, weil sie zu keinem Resultat führen: „Aporetische Begriffe nenne ich Begriffe, die dort entspringen, wo eine korrespondierende Erfüllung oder Anschauung für einen Gedanken nicht zu finden ist ...“ (Vgl. Adorno 1995, S.329) ‒ Das besagt nichts anderes als daß wir es hier mit Metaphysik zu tun haben, deren Begriffe alle aporetisch sind (vgl. Kants Antinomien).

Kant ist also, was die transzendentalen Begriffe betrifft, die ja eigentlich die Metaphysik überwinden sollen, gleichwohl aber ähnlich aporetisch verfaßt sind, wie die metaphysischen Begriffe, so Adorno, „nun doch gezwungen (), gewissermaßen über die Möglichkeit der Erfahrung hinauszugehen, ‒ etwa nach dem Modell der Mathematiker, die bestimmte Zahlen erfunden haben, die negativen und vollends dann die imaginären Zahlen, die so beschaffen sind, daß sie in dem natürlichen Zahlenkontinuum keine Korrelate mehr haben, die aber um der Denkkonsequenz willen eingeführt werden, obwohl es sie sogar in dem Sinn der Zahlentheorie, von der dabei ausgegangen wird, eigentlich gar nicht gibt. Und diese Bewegung also aus der Konsequenz der Gedanken zu einem Bereich, (den) es sozusagen nicht gibt, die könnte man eigentlich unmittelbar gleichsetzen mit dem, was dann in der an Kant anschließenden Philosophie (also u.a. Hegel) mit Spekulation, mit der spekulativen Bewegung des Begriffs gemeint ist.“ (Vgl. Adorno 1995, S.329; Klammern von mir)

Auf diese Textstelle bezieht sich übrigens der Titel dieser Blogpostreihe: „Denken ohne Korrelate“. Jedes Denken, das keinen Bezug auf irgendeine Erfahrung, auf irgendein Stück Welt hat, wird aporetisch und entgleitet in die Metaphysik.

Adorno wirft Kant vor, daß er eine Philosophie entwickelt hat, „in der der Unterschied von Erscheinung und Wesen eigentlich nicht wesentlich vorkommt“: „Das heißt: er kommt vor in der Unterscheidung von Phaenomena und Noumena, aber es ist für dieses Denken nun gerade charakteristisch, daß über das Wesen von ihm eigentlich nichts gesagt wird, sondern nur über die Erscheinungen.“ (Vgl. Adorno 1995, S.272; Hervorhebung durch Adorno)

Adornos Leiden am Desiderat eines ‚Wesens‛ in der Kantischen Philosophie ähnelt jenen anderen Stellen, in denen Adorno Kant vorwirft, die Vernunft auf die empirische Welt zu beschränken. (Vgl.u.a. Adorno 1995, S.111) Der Verzicht auf Wesentlichkeit habe, so fährt Adorno fort, dazu geführt, „daß man in der Welt, wie man sie kennt ‒ wenn es auch nicht die wahre und wirkliche ist ‒, sich nicht nur ganz gut einrichten kann, sondern mit gutem Gewissen einrichten muß, weil wir von der anderen, also von dem Wesen, eigentlich nicht mehr wissen, als daß es von dem, was wir wissen, verschieden ist, aber daß wir inhaltlich darüber gar nichts ausmachen können.“ (Adorno 1995, S.275; Hervorhebungen durch Adorno)

Nachdem Adorno also Kant den Vorwurf gemacht hat, daß er in gewisser Weise eine unwesentliche Phänomenologie betreibt, nämlich eine Philosophie ohne Metaphysik, hält er in einer überraschend positiven Wendung zu Hegel diesem zugute, daß mit seiner „Konzeption der Dialektik, der absoluten Vermitteltheit eines jeglichen Seienden, und damit durch den Zweifel daran, daß irgend etwas wirklich ist, was es unmittelbar ist, eben doch, wenn Sie so wollen, die kritischen Impulse viel radikaler durchgeführt sind, als das in der Kantischen Philosophie der Fall ist“. (Vgl. Adorno 1995, S.275; Hervorhebung durch Adorno)

Nebenbei bemerkt: Adorno bescheinigt hier der spekulativen, also metaphysisch interessierten Methode Hegels eine höhere Radikalität, als dem Kantischen Projekt einer kritischen Begrenzung des Vernunftsvermögens!

Tatsächlich wird bei beiden, bei Kant wie bei Hegel, die Welt verdoppelt: bei Kant durch die Antinomien, die zu einem moralischen Rigorismus führen, der das situativ eingebettete Handeln eines singulären Subjekts als moralisch irrelevant beurteilt, und bei Hegel eben durch das dialektische Prinzip der Antithetik, die zwar immer zu Synthesen führt, sich aber gleich wieder in neue Antithesen zerlegt. Darin liegt eine Abwertung der Erscheinungswelt (als „absolute Vermitteltheit“) und deren schlußendliche Auflösung in einem geistigen Absoluten.

Vorausgreifend auf den dritten Blogpost möchte ich hier noch mal hervorheben, daß mit dem Begriff der ‚Verdopplung‛ hier ein tiefergreifendes Problem angesprochen wird. Im Vergleich zu anderen Denkweisen ist es vor allem die Metaphysik, die in ihrem Streben, über die empirischen Beschränkungen hinaus zu denken, die Welt verdoppelt. Aber auch in der modernen Physik finden wir dasselbe Bemühen, empirische Beschränkungen aufzubrechen, und hier wird nicht mehr nur die menschliche Welt verdoppelt, sondern es werden gleich ganze Paralleluniversen spekulativ ins Unendliche gespiegelt. Die Physik ist zur Metaphysik geworden, was sich auch in dem Wunsch äußert, die eine Weltformel, Hegels absoluten Geist, zu finden.

Weiter im Text: Wenn Adorno der Dialektik eine herausragende Bedeutung in seiner Philosophie zuweist, widerspricht das der noch herausragenderen Bedeutung des Nichtidentischen in derselben. Dieser Widerspruch wird nicht dadurch gemildert, daß Adorno seine Dialektik als negativ bezeichnet. Negativ ist auch Hegels spekulative Dialektik. Eigentlich ist jede Dialektik negativ, denn ihr innerer Motor ist ja der Widerspruch, der dann aber bei Hegel im Resultat der spekulativen Tendenz aufgehoben wird.

Das Nichtidentische wird keineswegs durch den Widerspruch in die dialektische Bewegung hineingenommen, sondern kann nur als Widerstand gegen jedes methodische Verfahren zur Erscheinung kommen. Widerstand ist grundsätzlich etwas anderes als Widerspruch. Der Wider-Spruch ist als solcher schon auf Mitteilung, auf Informationsvermittlung angelegt. Aber ohne ständige Referenz auf einen Gegenstand, also auf das Nichtidentische, verführt er zu einem leeren Kreisen um sich selbst, das mittels dialektischer Logik in eine lineare Tendenz auf ein Unendliches hin umgebogen werden kann.

Wird negativ auf ein solches metaphysisches Resultat, auf eine Letztbegründung, verzichtet, ändert das nichts daran, daß das Nichtidentische nicht in die Dialektik eingeht. Nur die ständige Referenz auf ein widerständiges Nichtidentisches kann diesem im Denken gerecht werden. Diese Referenz entspricht dem, was Kant Anschauung nennt.

Das ist also mein mikrologischer Blick auf Adorno, eine Methode, die mir gleich einleuchtete, als ich von ihr las, und dieser Blick bewährt sich gerade in dem, was Adorno zentral zu seinem Thema macht: das Nichtidentische in seinem Verhältnis zur Dialektik und das Verhältnis der Dialektik zur Metaphysik.