Theodor W. Adorno: „Kants ‚Kritik der reinen Vernunft‛ (1959)“ (1995)
1. Mikrologie und Dialektik
2. Metaphysikkritik
3. Verdopplung der Welt
4. Erkenntnistheorie
5. Affektionen und Intentionen
6. Hiatus
7. transgenetisches Ich
Bislang hatte ich geschwankt, ob ich das individuelle, einzige Ich mit dem Prädikat ‚transgenetisch‛ oder ‚transleszent‛ versehen sollte. In der von Husserl begründeten phänomenologischen Tradition steht ‚genetisch‛ nicht für Genetik, sondern für Genese und meint letztlich die historische Herleitung philosophischer Begriffe und überhaupt deren Entwicklungsgeschichte. Ich werde diesen Begriff jetzt auch auf das individuelle Ich und seine Genese beziehen, und zwar in der spezifischen Variante einer zwar transzendentalen Voraussetzung, aber nicht im Sinne eines Apriori, sondern eines Aposteriori: also trans-genetisch. Dieses individuelle Ich hat seine Ontogenese, seine Biographie, geht aber dennoch nicht einfach ungebrochen aus empirischen Umständen, wie etwa in der Kritischen Theorie aus der Gesellschaft, hervor. Es hat trotz seiner empirischen Herleitbarkeit seinen eigenen Ursprung: insofern also transgenetisch.
Was die Einzigkeit des Ich betrifft, finde ich dazu eine Entsprechung bei Adorno, wenn er von einem „singulären Subjekt“ spricht und dazu Kant zitiert: „Daß das Ich der Apperzeption, folglich in jedem Denken, ein Singular sei, der nicht in eine Vielheit der Subjekte aufgelöst werden kann, mithin ein logisch einfaches Subjekt bezeichne, liegt schon im Begriff des Denkens, ist folglich ein analytischer Satz ... .“ (Vgl. Kant, Werke in sechs Bänden: Bd.II (1956), S.346f.; Adorno 1995, S.303)
Damit, so Adorno, gebe Kant zu „daß die Erlebnisse eines singulären Subjekts eben seine und nicht die eines anderen seien“. (Vgl. Adorno 1995, S.304) ‒ An einer anderen Stelle aber deutet Adorno die „personale Singularität“ eines „individuierte(n) Bewußtseins“ monadologisch, denn nur als Monaden könne eine Vielzahl von singulären Subjekten nebeneinander bestehen, also ein Allgemeines bilden, ohne in einen Widerspruch zueinander zu geraten. (Vgl. Adorno 1995, S.230)
Ich sehe das anders. Ist die vom Ich der Apperzeption abgeleitete Singularität noch vereinbar mit einer individuellen Genese des Ich, so wäre ein Ich als singuläre Monade ohne Anfang und ohne Ende. Es wäre auf sich selbst beschränkt, also mit niemandem in Fühlung als mit sich selbst. Ich gehe von einer anderen Allgemeinheit des Singulären bzw. Einzigen aus. Das einzigartige Ich ist ein Allgemeines nur in dem Sinne, als seine Einzigkeit für alle Subjekte gilt. Eben weil alle einzigartig sind, können sie auch alle ‚Ich‛ sagen. Dieses ‚Ich‛ sagen zu können, also ein allgemeines Wort verwenden zu können, um etwas Einzigartiges zu meinen, ist das Allgemeine. Die Sprache ermöglicht es, so zu sprechen, weil sie auf der Differenz von meinen und sagen beruht. Und ‚Ich‛ zu sagen, beinhaltet gerade als Allgemeines die ethische Konsequenz, ‚Du‛ zu sagen, weil eben ‚Du‛ sagen bedeutet, ein ‚Ich‛ zu meinen, das genau so einzigartig ist wie ich.
In dieses Du-Sagen hineinzuwachsen ist das, was mit dem transgenetischen Ich gemeint ist.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen