In der Buchhandlung fiel mir heute ein Buch ins Auge, das mir beim Durchblättern so kurios vorkam, daß ich es gleich kaufte und mitnahm. Es handelt sich um das im Dudenverlag herausgegebene Buch „Rassistisches Erbe. Wie wir mit der kolonialen Vergangenheit unserer Sprache umgehen“ (2022) von Susan Arndt, Professorin für englische Literatur- und Kulturwissenschaft an der Universität Bayreuth.
Aus der Lektüre des Vorworts und der Einleitung geht hervor, daß die Autorin in ihrem Buch die political correctness bis ins Detail durchdekliniert hat, was auch das verwunderliche Erscheinungsbild des Textes erklärt. Angefangen von der gendergerechten Sprache – gegen die ich eigentlich nichts einzuwenden habe, solange ich reden und schreiben darf, wie ich es für richtig halte – über die als Unwörter kenntlich gemachten rassistisch belasteten Wörter, die nur durchgestrichen im Textbild erscheinen dürfen, bis hin zu Triggerwarnungen in Form von typographischen Warnblitzen. Auf jeder Seite wird durch diese Warnblitze auf potenzielle Empfindlichkeiten Rücksicht genommen und aufgrund der bedauerlichen Unkontrollierbarkeit von Leserinnen und Lesern deren Denken mit Hilfe der Durchstreichungen so viel wie möglich vorweg gesteuert, bevor sie überhaupt die Chance haben, einen Satz zuende zu lesen.
Sogar in Zitaten dürfen die Unwörter nicht undurchstrichen bleiben, was besonders heikel ist, weil an der Unantastbarkeit von Zitaten der ganze Wissenschaftlichkeitsanspruch geisteswissenschaftlicher Forschung hängt, die es, was diesen Anspruch betrifft, ohnehin schwer hat, von den Naturwissenschaften ernstgenommen zu werden.
Ich bin fasziniert und gespannt auf die weitere Lektüre. Dies ist das erste Buch, das ich in Händen halte, das von der Autorin selbst zensiert worden ist, bevor ein Zensor (oder Rezensent) die Gelegenheit hatte, Hand daran zu legen.
„Wenn schon eine ganze Welt, auf Erkenntnis beruhend und ihrer ständig bedürftig, errichtet ist und ihren Gang geht, wie die der modernen Technik, wird der nach dem Grund ihrer Möglichkeit und nach ihren Sicherheitsgarantien Fragende zum Sokrates der Vergeblichkeit.“ (Blumenberg, Höhlenausgänge, S.169)
„...letztlich ist der Mensch, als Folge oder Krönung der Evolution, nur in der Totalität der Erde begreifbar.“ (Leroi-Gourhan, Hand und Wort, S.22)
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Freitag, 17. Juni 2022
Mittwoch, 5. Februar 2020
Sprechverbote: ‚Flüchtling‘
Alle Welt spricht nur noch von ‚Geflüchteten‘.
Was ist mit ‚Säugling‘? – Darf man das jetzt auch nicht mehr sagen?
Oder ‚Liebling‘? – Ist das auch verboten?
Oder ‚Jüngling‘? – Ein schönes altes Wort, das niemand mehr gebraucht. Ein Problem?
Ich bin übrigens selbst ein Flüchtling. Jedesmal, wenn ich mich lesend in ein Buch vertiefe, flüchte ich aus dieser Welt in eine andere.
Sprache lebt von Mehrdeutigkeiten. Ihr Funktionsprinzip ist das der Metapher. Schaffe die Mehrdeutigkeiten ab, und Du schaffst die Sprache ab. ‚Flüchtling‘ könnte negative Konnotationen auslösen? Das kommt darauf an. Manchmal ja und manchmal nein. Wer der Ansicht ist, daß alle Sträflinge dieser Welt zurecht im Gefängnis sitzen, mag das so empfinden. Aber keine Zensur kann solche negativen Konnotationen abschaffen; auch nicht durch die Ersetzung eines Wortes durch ein anderes. Für mich jedenfalls hat das Wort etwas Positives: es deutet auf eine Alternative, eine Option, auf die Möglichkeit eines Entkommens. ‚Geflüchteter‘ hingegen hat in meinen Ohren eher etwas Fatalistisches, und es deutet eher auf einen Verlust als auf einen Gewinn.
Was ist der eigentliche Effekt solcher Sprechverbote? Sie schaffen zusätzliche Kommunikationsbarrieren in einer ohnehin schon kommunikationsgestörten Welt. Auf der einen Seite stehen diejenigen, die das Wort ‚Flüchtling‘ weiterhin verwenden, auf der anderen diejenigen, die ‚Geflüchtete‘ sagen. Wer das eine Wort verwendet, will mit denjenigen, die das andere Wort verwenden, nichts mehr zu tun haben.
Das ist das Schlimmste, was passieren kann. Wer sich nicht mehr traut, mehrdeutige Wörter zu verwenden und ihnen, wie Wittgenstein sagt, durch den Gebrauch allererst einen Sinn zu verleihen, schafft nicht nur die Sprache ab, sondern auch die Kommunikation.
Da fällt mir noch ein fieses Ling-Wort ein: Schmetterling! – Angesichts dessen, womit uns dieses Wort droht, möchte man glatt zum Geflüchteten werden. Doch nein! – Der Duden belehrt uns, daß ‚Schmetterling‘ so viel wie ‚Buttervogel‘ bedeutet.
Uff!
Was ist mit ‚Säugling‘? – Darf man das jetzt auch nicht mehr sagen?
Oder ‚Liebling‘? – Ist das auch verboten?
Oder ‚Jüngling‘? – Ein schönes altes Wort, das niemand mehr gebraucht. Ein Problem?
Ich bin übrigens selbst ein Flüchtling. Jedesmal, wenn ich mich lesend in ein Buch vertiefe, flüchte ich aus dieser Welt in eine andere.
Sprache lebt von Mehrdeutigkeiten. Ihr Funktionsprinzip ist das der Metapher. Schaffe die Mehrdeutigkeiten ab, und Du schaffst die Sprache ab. ‚Flüchtling‘ könnte negative Konnotationen auslösen? Das kommt darauf an. Manchmal ja und manchmal nein. Wer der Ansicht ist, daß alle Sträflinge dieser Welt zurecht im Gefängnis sitzen, mag das so empfinden. Aber keine Zensur kann solche negativen Konnotationen abschaffen; auch nicht durch die Ersetzung eines Wortes durch ein anderes. Für mich jedenfalls hat das Wort etwas Positives: es deutet auf eine Alternative, eine Option, auf die Möglichkeit eines Entkommens. ‚Geflüchteter‘ hingegen hat in meinen Ohren eher etwas Fatalistisches, und es deutet eher auf einen Verlust als auf einen Gewinn.
Was ist der eigentliche Effekt solcher Sprechverbote? Sie schaffen zusätzliche Kommunikationsbarrieren in einer ohnehin schon kommunikationsgestörten Welt. Auf der einen Seite stehen diejenigen, die das Wort ‚Flüchtling‘ weiterhin verwenden, auf der anderen diejenigen, die ‚Geflüchtete‘ sagen. Wer das eine Wort verwendet, will mit denjenigen, die das andere Wort verwenden, nichts mehr zu tun haben.
Das ist das Schlimmste, was passieren kann. Wer sich nicht mehr traut, mehrdeutige Wörter zu verwenden und ihnen, wie Wittgenstein sagt, durch den Gebrauch allererst einen Sinn zu verleihen, schafft nicht nur die Sprache ab, sondern auch die Kommunikation.
Da fällt mir noch ein fieses Ling-Wort ein: Schmetterling! – Angesichts dessen, womit uns dieses Wort droht, möchte man glatt zum Geflüchteten werden. Doch nein! – Der Duden belehrt uns, daß ‚Schmetterling‘ so viel wie ‚Buttervogel‘ bedeutet.
Uff!
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