„...letztlich ist der Mensch, als Folge oder Krönung der Evolution, nur in der Totalität der Erde begreifbar.“ (Leroi-Gourhan, Hand und Wort, S.22)
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Montag, 5. Januar 2015

Ulrich Beck: Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne, Frankfurt a.M. 1986

1. Politik und Subpolitik
2. Polarisierungen

An den Begriffkonzepten so unterschiedlicher Autoren wie Theodor Litt (1880-1962), Hans Jonas (1903-1993), Ulrich Beck (1944-2015) und Jeremy Rifkin (*1945) läßt sich zeigen, daß eine Analyse der gesellschaftlichen Entwicklung in den letzten zwei- bis dreihundert Jahren auf eine ähnliche Polarisierung aus sich gegenseitig bekämpfenden Prinzipien hinaus führt. Für Theodor Litt habe ich dabei auf „Das Bildungsideal der deutschen Klassik und die moderne Arbeitswelt“ (1955), für Hans Jonas auf „Das Prinzip Verantwortung“ (1979) und für Jeremy Rifkin auf „Das Ende der Arbeit und ihre Zukunft“ (2/2004) zurückgegriffen.

Theodor Litt ist ein Pädagoge aus der ersten Hälfte des 20. Jhdts. und stand der geisteswissenschaftlichen Pädagogik nahe, hatte aber einen eigenständigen anthropologischen Ansatz. Er unterschied zwischen „Umgang“ und „Sache“. Mit dem Wort „Umgang“ bezog er sich auf ein lebensweltliches Verhältnis des Menschen zur Gesellschaft und zur Natur. Dieses lebensweltliche Verhältnis zur menschlichen und nicht-menschlichen Welt ist durch die Ganzheit der Mittel-Zweckverhältnisse gekennzeichnet. Mittel und Zwecke stehen noch in einem ausgewogenen, für den Menschen durchschaubaren und deshalb auch verantwortbaren Verhältnis zueinander. Die Menschen können noch die Folgen ihres Handelns überschauen. Der Begrenztheit ihres Handelns entspricht eine Selbstbegrenzung, eine innere Disziplin, für die das individuelle Gewissen steht.

Mit dem Wort „Sache“ bezog sich Litt auf ein wissenschaftlich-technologisches Verhältnis des Menschen zur Gesellschaft und zur Natur. Alle lebensweltlichen Bezüge sind aus diesem Weltverhältnis eliminiert. Technologisch führte das zu einer Trennung von Mitteln und Zwecken. Die technologischen Mittel bestimmen hier die Zwecke und überwiegen diese in einem Ausmaß, daß die Zwecke dahinter ganz zu verschwinden drohen. An die Stelle der individuellen Selbstbegrenzung tritt eine gesellschaftliche Omnipotenz: alles, was gemacht werden kann, wird gemacht, ungeachtet dessen, wie sinnvoll es sein mag. Und letztlich kann alles gemacht werden.

Theodor Litt zufolge ist die menschliche Natur durch einen inneren Widerspruch (Antinomie) gekennzeichnet: er ist gleichermaßen geneigt und fähig, das Gute wie das Böse zu tun. Das ist seine Freiheit. Übrignes war Theodor Litt strammer Antikommunist, wobei man aber berücksichtigen muß, daß er auch Antifaschist gewesen war und weder in Nazi-Deutschland noch in der DDR bereit gewesen war, seine universitäre Forschung und Lehre dem jeweils vorherrschenden Totalitarismus unterzuordnen. Jedenfalls setzte er ‚gut‘ mit der westlichen Demokratie und ‚böse‘ mit dem Kommunismus gleich. Er plädierte für eine Pädagogik der Wachsamkeit, die die Freiheit des Individuums respektiert und dieses Individuum zugleich allererst zu seiner Freiheit befreit; eine Pädagogik, für die die klassische Bildung steht, die Theodor Litt mit Wilhelm von Humboldt verband.



Theodor Litt trat für die Erneuerung des menschlichen Selbst- und Weltverhältnisses ein, für einen Fortschritt, der die Umgangsverhältnisse des Menschen respektiert und bewahrt.

Hans Jonas arbeitet mit dem Begriffspaar Gegenwart und Zukunft. Die Moral des Menschen ist auf die Gegenwart begrenzt. Für sie gilt der kategorische Imperativ: alles Handeln, also alle ‚Mittel‘, die jemand verwendet, muß sich an der moralischen und physischen Integrität seiner Mitmenschen begrenzen. Niemand darf seine Mitmenschen durch sein Handeln verletzen oder bedrohen. Kant bezeichnete das als die Selbstzweckhaftigkeit jedes Menschen. In Form der goldenen Regel bedeutet das: ich soll anderen nichts antun, von dem ich nicht will, daß es mir angetan wird.

Jonas kritisiert Kant dahingehend, daß diese Reziprozität des kategorischen Imperativs auf die Gegenwart beschränkt bleibt und die Zukunft nicht einbezieht. Allerdings berücksichtigt er dabei die andere Fassung des kategorischen Imperativs nicht, derzufolge all unser Handeln einer allgemeinen Gesetzgebung genügen soll. Wenn ich dieses ‚allgemein‘ weit genug fasse, fallen darunter nicht nur die gegenwärtige Generation, sondern auch die künftigen, noch ungeborenen Generationen. In diesem Fall müßte so eine allgemeine Gesetzgebung auch deren künftiges Schicksal miteinbeziehen, und die Kantische Moralphilosophie wäre nicht mehr nur auf die Gegenwart beschränkt.

Jonas geht jedenfalls davon aus, daß eine Moral, die auch die Zukunft des Menschen umfaßt, eines neuen existentiellen Imperativs bedarf, der alle Technologien, die die künftige Existenz des Menschen auf diesem Planeten bedrohen, verbietet. Die wissenschaftliche Forschung darf also nicht mehr alles ‚machen‘, was sie kann. Sie muß sich über die möglichen technologischen Folgen ihrer Forschungsergebnisse Gedanken machen. Nicht die Anwendungsorientierung steht im Vordergrund, sondern die Frage nach dem Sinn.

Dazu bedarf es einer Neufassung der politischen ‚Macht‘: es darf nicht mehr in erster Linie um eine technologische Kontrolle der Natur und auch nicht um eine technologische Kontrolle des Menschen gehen – wie sie ja inzwischen durch das Internet endgültig in die Privatbereiche der Menschen eingedrungen ist –, sondern es geht vielmehr um eine politische und eine gesellschaftliche Kontrolle der Technologieentwicklung.

Hans Jonas war übrigens der Meinung, daß die (kommunistische) Planwirtschaft hier einen gewissen Vorteil gegenüber der Demokratie hat, weil sie effektivere Handlungsoptionen hat. Die Planwirtschaft ermöglicht es, die ersten beiden Formen der Macht über die Natur und über die Menschen in den Dienst einer die Existenz des Menschen gewährleistenden Kontrolle über die Technologie zu stellen. Die bedenkliche Konsequenz aus dieser Option wäre so etwas wie eine Ökodiktatur oder auch so etwas wie ein Geoengineeringfaschismus. Die bisherige ‚Marktwirtschaft‘, also den Kapitalismus, hält Jonas jedenfalls für völlig ungeeignet. Es ist also kein Wunder, daß Jonas seine politische Hoffnung auf Verantwortungseliten setzt und nicht auf das Individuum.

Auf Ulrich Beck brauche ich hier nicht weiter einzugehen. Das habe ich schon im letzten Post getan. Es sei nur auf die Parallele zwischen Litts „Sache“, Jonas’ „Gegenwart“ und Becks „einfache Modernisierung“ verwiesen, die allesamt die aus dem Lot geratenen Mittel-Zweckverhältnisse und die technologische Omnipotenz des Menschen thematisieren. Die Parallele zu Becks „Umgang“ und Jonas’ „Zukunft“ besteht bei Beck in der reflexiven Modernisierung, die das Umgangsverhältnis des Menschen zur menschlichen und nicht-menschlichen Welt wieder mit einbezieht. Die Technik muß in der reflexiven Modernisierung für ein verantwortbares Risikomanagement genutzt werden.

Jeremy Rifkin unterscheidet zwischen „Sozialkapital“ und „Marktkapital“. Dabei steht das „Sozialkapital“ für ein menschliches Verhältnis von Mitteln und Zwecken, in dem der Mensch im Kantischen Sinne einen Selbstzweck bildet. Im „Marktkapital“ werden alle ‚Mittel‘ mit ‚Geld‘ gleichgesetzt, – was übrigens der Habermasschen Kolonialisierung der Lebenswelt entspricht. Das Sozialkapital ist am Gemeinwohl und das Marktkapital an der Befriedigung physiologischer und materieller Bedürfnisse orientiert. Rifkin zufolge ist das Sozialkapital fundamentaler als das Marktkapital: es geht dem Marktkapital voraus und ermöglicht es. Das Sozialkapital entspricht also Litts „Umgang“ (und Habermasens „Lebenswelt“).

Rifkin fordert eine Neuverteilung der Arbeit. Die Arbeitszeit muß so verkürzt werden, daß alle Menschen Arbeit finden. An die Stelle des Geldes soll der „Zeitdollar“ treten, der alles, was die Menschen tun, gleich bewertet: von der Kinder- und Altenpflege bis hin zum Lesen und Besprechen ;-) eines Buches. Es gibt keine geringer und keine höher bewerteten Tätigkeiten. Im Vordergrund steht das Gemeinwohl und nicht die Marktwirtschaft.

An dieser Auswahl verschiedener Positionen zeigt sich, daß alle diese Analysen das menschliche Selbst- und Weltverhältnis immer auf eine ähnliche Weise polarisieren: menschliches Handeln (Mittel) wird in Bezug auf menschliche Zwecke gesetzt oder das menschliche Mittel-Zweckverhältnis gerät durch Technologie aus dem Gleichgewicht. Was wir brauchen, ist also ein neuer Bezug zur Technologie. Technologie muß wieder mehr wie Handwerk sein. Ich selbst habe jedenfalls inzwischen einen regelrechten Widerwillen gegen jede neue technologische Innovation entwickelt, mit der alle halbe Jahre die Lebensverhältnisse der Menschen ‚revolutioniert‘ werden. Wir müssen wieder unser Leben selbst in die Hand nehmen und unser Leben führen!

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Sonntag, 4. Januar 2015

Ulrich Beck: Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne, Frankfurt a.M. 1986

1. Politik und Subpolitik
2. Polarisierungen

Am 1. Januar starb der Soziologe Ulrich Beck an den Folgen eines Herzinfarkts. Ich habe sein Buch „Risikogesellschaft“ (1986) erst mit großer zwanzigjähriger Verspätung gelesen, obwohl mir dieser Begriff die ganze Zeit über geläufig gewesen war, wie ‚Kindergarten‘ oder ‚Altersvorsorge‘. Kaum ein von einem einzelnen Autor geprägter Begriff ist so sehr zu einem Teil der Alltagssprache geworden wie die untrennbar mit der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl verbundene „Risikogesellschaft“.

Meine verspätete Lektüre hatte immerhin den Vorteil gehabt, daß ich die letzten zwanzig Jahre seit dem Erscheinen von Becks Buch bei meiner Erstlektüre unmittelbar präsent hatte und nun mit großem Staunen zur Kenntnis nehmen konnte, wie präzise Beck 1986 gesellschaftliche Entwicklungen bis ins Detail vorweg genommen hatte. Mir erschien es so, als hätte Beck sein Buch gerade erst geschrieben, in voller Kenntnis der politischen Entwicklungen der letzten zwanzig Jahre.

Ich machte mich sogleich daran, Seminare zu Becks „Risikogesellschaft“ vorzubereiten, und ich konfrontierte die Studenten mit der Notwendigkeit, ihr eigenes Studium als Teil einer Lebensplanung, die berufliche Karrieren umfaßt, grundlegend in Frage zu stellen. ‚Bildung‘, so meine Schlußfolgerung aus Becks Analysen zur Risikogesellschaft, kann nicht länger als Garant für eine berufliche Karriereplanung gelten. Jeder Einzelne von uns nimmt an einem Lotteriespiel teil, in dem die Erfolgschancen nach dem Zufallsprinzip verteilt werden. Schule und Universität versuchen nur, mehr schlecht als recht, die Teilnahmebedingungen an diesem Lotteriespiel möglichst gerecht zu gestalten. Am Ende entscheidet aber nicht die Bildung, sondern der Zufall.

Mitten in der durch „Bologna“ bewirkten Umbauphase der klassischen deutschen Bildungsuniversität zu einem stromlinienförmigen Ausbildungsbetrieb, der die Studenten mit dem Versprechen in seine Einrichtungen lockt, sie möglichst schnell und effektiv auf den Arbeitsmarkt vorzubereiten, kamen meine Seminare bei den Studenten  – insbesondere an einem Standort, der frühzeitig alle klassischen Studiengänge der Lehrerausbildung und des Diplom radikal abgeschafft hatte – allerdings nicht so gut an. BA und MA standen für eine gesellschaftliche Aufbruchsstimmung, und ich war der Miesmacher.

Ulrich Beck verband die Wissenschaftskritik mit Gesellschaftskritik. Die Wissenschaft war für ihn nicht einfach nur eine Forschungseinrichtung, die Grundlagenforschung betreibt oder die Wirtschaft mit technologischen Innovationen versorgt. Tatsächlich stellte er den bisherigen Wissenschaftsbetrieb grundsätzlich dadurch in Frage, daß er den Autoritätsanspruch der Wissenschaft kritisierte. Diese ‚autoritäre‘ Wissenschaft war unfähig, ihren eigenen Erkenntnisanspruch zu reflektieren und zu begrenzen. Sie korrespondierte mit einer Phase der gesellschaftlichen Modernisierung (einfache Modernisierung), die alle traditionellen Werte unter Ideologieverdacht stellte und die Natur vor allem als ein Mittel und als eine Ressource verstand, den Wohlstand der menschlichen Gesellschaft zu ermöglichen und sicherzustellen.



Diese der einfachen Modernisierung entsprechende Wissenschaft bezeichnete Beck als ‚halbierte‘ Wissenschaft. Sie nahm für sich das Recht und die Autorität in Anspruch, alles zum Gegenstand der Forschung zu machen, und erhob damit einen umfassenden Erkenntnisanspruch. Zugleich aber vermied sie es, sich selbst zu thematisieren. Die wissenschaftliche Forschung konnte selbst nicht angezweifelt werden. Und darin bestand Beck zufolge die Halbierung der Wissenschaft: der umfassende Erkenntnisanspruch gegenüber der Welt war verbunden mit der Verweigerung, sich selbst zu hinterfragen.

In der „Risikogesellschaft“ wird die einfache Moderne aber nun reflexiv. Sie wird sich der ökologischen Folgeprobleme einer unbegrenzten Industrialisierung bewußt. An die Stelle eines utopischen Wohlstandsoptimismusses, demzufolge es mit dem industriellen Wachstum immer nur aufwärts geht, tritt ein Bewußtsein für die bedrohte Menschlichkeit und für die Notwendigkeit, auch in der Zukunft einen humanen Minimalbestand gegenüber dem marktwirtschaftlichen Zugriff sicherzustellen.

Zur Reflexivität dieser Moderne gehört auch, daß die Risiken, die den humanen Minimalbestand bedrohen, nicht für alle Augen sichtbar sind. Die Folgen unseres Handelns, etwa Radioaktivität oder andere Umweltgifte, werden nur sehr indirekt und zeitlich verschoben sichtbar. Es bedarf wiederum wissenschaftlicher Forschung, die über diese Gefahren aufklärt. Um diese Forschung zu verstehen, bedarf es deshalb eines hohen Bildungsgrades auf Seiten der Gesellschaft. ‚Bildung‘ ist also nicht in erster Linie ein Karrieremittel, sondern eine Grundvoraussetzung für verantwortungsvolle gesellschaftliche und politische Teilhabe.

Mit der reflexiven Moderne wird also auch die Wissenschaft reflexiv. Damit stellt sie auch ihre eigene Autorität in Frage. Sie bleibt zwar in einer aufgeklärten Gesellschaft die einzige Erkenntnisautorität, aber ihre Verantwortung begrenzt sich gegenüber dem Anspruch des ‚Laien‘, ein menschenwürdiges Leben führen zu können. Der im Zuge der einfachen Modernisierung und Verwissenschaftlichung zunehmend aus der Forschung ausgegrenzte Mensch wird bei Ulrich Beck wieder zum Zentrum und Zweck einer nunmehr sich selbst reflexiv begrenzenden wissenschaftlichen Forschung.

In der reflexiven Gesellschaft verändert sich auch das Verhältnis der Politik zur Gesellschaft. Politik wird zu einem großen Teil Subpolitik. Sie kann nicht mehr auf staatliches Handeln, auf gewählte Repräsentanten beschränkt werden. Es stellt sich also die Frage nach dem neuen politischen Subjekt. In der Phase der einfachen Modernisierung war es der Arbeiter bzw. marxistisch: das Proletariat. In der „Risikogesellschaft“ ist das politische Subjekt durch die Bedrohung definiert: durch das Risiko, dem es ausgesetzt ist. Da das Risiko aber gleichermaßen unsichtbar wie global ist, hängt das politische Bewußtsein, wie schon erwähnt, im hohen Maße von der Bildung und vom Wissen der Menschen ab. Die Ausbeutungsverhältnisse sind nicht so einfach und klar wie zu Zeiten der einfachen Modernisierung: dort der Kapitalist, hier der Arbeiter.

Auch dies ist ein Grund dafür, daß die Wissenschaft reflexiv werden muß. Sie wird zu einem Mittel der Ideologie: die von den Konzernen gesponserte Wissenschaft sammelt und fälscht Belege, die wie früher bei den Tabakkonzernen die Unbedenklichkeit des Zigarettenrauchens ‚beweisen‘. Oder wie in den letzten Jahren: im Dienste der Konzerne stehende Netzwerke von Wissenschaftlern ‚bezweifeln‘ – angeblich in bester wissenschaftlicher Tradition – die Beweise der kritischen Klimaforscher und torpedieren so die verschiedenen internationalen Klimakonferenzen, auf denen es um die Begrenzung der Folgen des Klimawandels geht. Denn nichts ist schließlich wissenschaftlicher als der Zweifel, vor allem wenn er mit der Autorität wissenschaftlicher Kompetenz gesät wird.

Reflexivität tut also not, gerade auch dort, wo mit dieser ‚Reflexivität‘ Mißbrauch getrieben wird. Und der Laie ist es, der entscheiden muß, welchen Daten er Glauben schenkt. Analog zur Sub-Politik könnte man hier deshalb auch von Sub-Science sprechen. In der Anfangszeit der neuzeitlichen Wissenschaft gab es so etwas wie eine Bürgerwissenschaft, und es scheint so, als wäre so eine Laienbewegung wieder im Entstehen begriffen.

Ulrich Beck hat mit seinen Analysen die Wissenschaft wieder ins Zentrum der gesellschaftlichen Entwicklung gestellt. Das ist sein Verdienst. Im nächsten Post werde ich zeigen, daß er damit in einer guten Tradition steht.

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Mittwoch, 21. August 2013

Jan Masschelein/Maarten Simons, Globale Immunität oder Eine kleine Kartographie des europäischen Bildungsraums, Zürich 2012

1. Das ausgesetzte Kind
2. Pädagogik und Emanzipation
3. Gemeinschaft als Netzwerk
4. Gemeinschaft als Last
5. Was sich manifestiert

Von Helmuth Plessner kennen wir die Differenzierung zwischen Gemeinschaft und Gesellschaft, derzufolge beide Formen des Zusammenlebens nach völlig gegensetzlichen, sich gegenseitig ausschließenden Prinzipien organisiert sind. Das Prinzip der Gemeinschaft bildet die Blutsverwandtschaft, das den Einzelnen ungeachtet seiner Eigenschaften bedingungslos anerkennt, und das Prinzip der Gesellschaft bildet die Funktionalität wechselseitiger Rollenerwartungen, das die Einzelnen nur nach ihrer Nützlichkeit und Leistungsfähigkeit anerkennt. (Vgl. meine Posts vom 14.11. und vom 16.11.10) Aus der Systemtheorie kennen wir wiederum die Konzeption einer Gesellschaft, die sich selbst beobachtet und auf sich selbst reagiert. (Vgl. meinen Post vom 04.08.2013) Norbert Bolz schließlich beschreibt soziale Netzwerke im Internet als Gemeinschaftsformen, die durch schwache Bindungen gekennzeichnet sind und denen seiner Ansicht nach die Zukunft gehört. (Vgl. meinen Post vom 28.04.2013)

Alle diese unterschiedlichen Begriffsbestimmungen von Gemeinschaft und Gesellschaft tauchen auch bei Masschelein und Simons wieder auf. Allerdings verwandeln sie den von Plessner beschriebenen Gegensatz zwischen Gemeinschaft und Gesellschaft in einen Gegensatz zwischen zwei nicht minder gegensätzlichen, sich gegenseitig ausschließenden Formen der Gemeinschaft selbst, ohne beider Beziehungen zur Gesellschaft noch einmal eigens zu thematisieren. Dabei scheint die eine Gemeinschaft, die die beiden Autoren ähnlich wie Norbert Bolz als „Netzwerk“ darstellen (vgl. Masschelein/Simons 2012, S.34), die begriffliche Funktion zu übernehmen, die bei Plessner die Gesellschaft inne hat; denn auch hier geht es primär um „employability“ bzw. Nützlichkeit. (Vgl. Masschelein/Simons 2012, S.37 und S.81) Außerdem hat das Netzwerk als „Mittelfeld zwischen Individuum und Gesellschaft“ (Masschelein/Simons 2012, S.60) die Fähigkeit, sich selbst zu beobachten und sich einem ständigen Qualitätsmanagement zu unterziehen. So müssen z.B. individualisierte Netzwerke wie Schulen und Universitäten in einer Marktumgebung wie dem europäischen Bildungsraum mit anderen Schulen und Universitäten konkurrieren und „unternehmerische, autonome Entscheidungen“ treffen. (Vgl. Masschelein/Simons 2012, S.76)

Die andere Gemeinschaftsform, die Plessner im engeren und eigentlichen Sinne einer Gemeinschaft als Blutsgemeinschaft beschreibt, ist die Gemeinschaft als ‚Last‘ bzw. als ‚Verantwortung‘, und sie steht im völligen Gegensatz zur Netzwerkgemeinschaft. (Vgl. Masschelein/Simons 2012, S.99f.) Auf diese Gemeinschaftsform werde ich im nächsten Post näher eingehen.

Die Netzwerk-Gemeinschaft beschreiben Masschelein und Simons vor allem mit Hilfe zweier Begriffskonstellationen: mit Hilfe der Begriffe der Inklusion und der Exklusion und mit Hilfe des Vertragsbegriffs. Zunächst einmal kann festgehalten werden, daß die Netzwerk-Gemeinschaft, wie die Plessnersche Gesellschaft, von Erwachsenen ‚bewohnt‘ wird. (Vgl. Masschelein/Simons 2012, S.80, 88f.) Die Netzwerk-Gemeinschaft kennt nichts anderes als Erwachsene, und sie beurteilt alle, die „Zugang“ (access) zu ihr suchen, nach ihrem Erwachsensein.

Dieses Erwachsensein besteht im Wesentlichen in der Vertragsfähigkeit des zugangsuchenden Erwachsenen. In den Verträgen zwischen den Netzwerken und ihren Mitgliedern werden die zum Netzwerk passenden „Vorlieben und Bedürfnisse“ dieser ‚Erwachsenen‘ geklärt und „Pflichten und Verantwortlichkeiten“ der Neumitglieder festgelegt. Das ist der Grund, warum Netzwerke nur von Erwachsenen ‚bewohnt‘ werden (und wenn es sich um Kinder handelt, wird ihr Kindsein einfach ignoriert): „Soziale Beziehungen setzen daher Individuen voraus, die ihre Bindungen, Überzeugungen, Werte, Bedürfnisse, Nöte, Kompetenzen und Fähigkeiten transparent machen und ihnen gegenüber eine objektivierende, berechnende und berechnete Haltung einnehmen können.“ (Masschelein/Simons 2012, S.82f.)

Beziehungen in Netzwerken, „in denen eine transparente und wechselseitige Kommunikation im Mittelpunkt steht“, beruhen also immer „auf einem Vertrag zwischen gleichen, autonomen unternehmerischen Subjekten“. (Vgl. Masschelein/Simons 2012, S.33)

In einer Netzwerkwelt beruht das „Existenzrecht“ des Menschen auf dieser Fähigkeit bzw. Kompetenz, Zugang zu Netzwerken zu finden und ihnen nützlich zu sein: „Die weitere Existenz (das Existenzrecht) steht hier ständig auf dem Spiel, und es ist dieser Lage nur angemessen, das Handeln ständig auf das ‚kreative Durchspielen neuer Kombinationen‘ einzustellen. Diese Haltung oder Einstellung, für die Wissen und Fertigkeiten als eine Form von Kapital erscheinen, ist die einzige Chance, sich einer Ausschaltung zu widersetzen.“ (Masschelein/Simons 2012, S.26)

Die Netzwerkwelt unterscheidet deshalb nicht zwischen Innen und Außen (vgl. Masschelein/Simons 2012, S.35), sondern zwischen Zugang oder kein Zugang, zwischen Inklusion oder Exklusion. In der „neuen Politik“ wird deshalb nicht mehr zwischen „Gleichheit“ und „Ungleichheit“, sondern zwischen „Einschluß“ und „Ausschluß“ differenziert, wie Masschelein und Simons Anthony Giddens zitieren. (Vgl. Masschelein/Simons 2012, S.54) Möglicherweise ist genau dies das „Unrecht“, von dem Masschelein und Simons immer sprechen, wenn sie die Kindheit und die Gemeinschaft als Last bzw. Verantwortung thematisieren. (Vgl. Masschelein/Simons 2012, S.94f., 99f., 106) Durch den beständigen Ausschluß, die Exklusion des Kindlichen aus der Netzwerk-Gemeinschaft, wird dessen „Manifestation“ (Existenzrecht) von vornherein verhindert. (Zur ‚Manifestation‘ vgl. Masschelein/Simons 2012, S.97, 104, 106)

Inklusion ist das Ziel des „unternehmerischen Selbst“, und Exklusion und der damit drohende Verlust des Existenzrechts ist sein Risiko. Ohne dieses Risiko, also ohne den drohenden Ausschluß im Konkurrenzkampf um den Zugang, wäre es kein unternehmerisches Selbst. Erst die Verlierer machen aus den Unternehmern Unternehmer: „Um den Nachweis zu erbringen, dass im Kontext des beweglichen Unternehmertums innerhalb einer Netzwerkumgebung nicht das Problem der sozialen Ungleichheit entsteht, sondern vielmehr das Problem der Ex- und Inklusion, mag man bei der Bedeutung des Risikos für das Unternehmertum ansetzen. Für das unternehmerische Selbst ist das Risiko keineswegs etwas, das unverzüglich aus der Welt geschafft werden muss – ist doch das Risiko (des Misserfolgs oder Verlustes) Bedingung für den Gewinn und garantiert zudem die permanente Innovation, Anpassung und Mobilisierung des unternehmerischen Selbst.“ (Masschelein/Simons 2012, S.51)  – Vielleicht ist die Notwendigkeit der Exklusion die Wurzel des Cybermobbings?

Es ist also nachvollziehbar, daß Masschelein und Simons in einer Welt der Vertragsfähigkeit und der Risikenabwägungen das Kind nur als ein „Unrecht“ thematisieren können, das sich in dem Abwägungsprozeß von Bedürfnis und Befriedigung und von in einer Marktumgebung zur Verfügung stehenden Mitteln nicht zu manifestieren vermag. So wird das Ausgesetztsein des Kindes zur paradigmatischen Formel für Seele und Expressivität (Plessner), und es eröffnet den Ausblick auf eine „Pädagogik der reinen Mittel“, von „Mitteln ohne Zweck“ (Masschelein/Simons 2012, S.115), in denen es um nichts anderes geht, als den Raum zu schaffen, in dem es sich zeigen kann.

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