In seinem Buch „Lebenszeit und Weltzeit“ (1986) beschreibt Hans Blumenberg, wie im Verlauf der kulturellen Akkumulation von Wissen seit Beginn der Menschheitsgeschichte die ursprüngliche mythische Einheit von Lebenszeit und Weltzeit immer weiter auseinandergedriftet ist, bis sie schließlich einem linearen Zeitverständnis weichen mußte, das die zyklische, der menschlichen Lebenserfahrung entsprechende Zeitstruktur ablöste. Die ‚Schere‛, wie Blumenberg schreibt, zwischen Lebenszeit und Weltzeit begann, sich immer weiter zu öffnen. Der Anfang der Welt, als Urknall, und ihr mögliches Ende in einer ungeheuer fernen Zukunft gerieten so weit auseinander, daß sich die Menschheit auf ein extrem kurzes Aufflackern im unendlich kalten, gleichgültigen Universum reduzierte.
Mit diesem vollständigen Bruch zwischen individueller Lebenszeit und physikalischer Zeit konfrontierte uns die moderne Wissenschaft, mit der im Bündnis die technologische Entwicklung sich so sehr beschleunigte, daß in den letzten Jahrzehnten des 20. Jhdts., wie Blumenberg schreibt, die „europäische und europäisierte Menschheit überrascht worden (ist) von dem Ausmaß an Veränderung, das in den Lebenszeiten der Individuen und als Stück von deren Lebensgeschichte erfahrbar geworden ist“. (Vgl. Blumenberg 1986, S.263)
Blumenbergs Buch wurde 1986 veröffentlicht und was darin als für die Individuen „erfahrbar“ beschrieben wird, nämlich das Ausmaß der Veränderungen, sprengt inzwischen alle Grenzen individueller Erfahrbarkeit. Denn um das Ausmaß der Veränderungen in der durchtechnisierten Lebenswelt überhaupt erfahren zu können, bedarf es eines gewissen Maßes an Stabilität, eines einigermaßen stabilen Hintergrunds, vor dem sich die Veränderungen abheben können. Es gibt diesen stabilen Hintergrund nicht mehr. Wegen eines Mangels an (analoger) Lebenswelt.
Allerdings gibt es hierzu eine Gegenbewegung. Die Schere, von der Blumenberg spricht, das Auseinanderdriften von Lebenszeit und Weltzeit, beginnt sich inzwischen wieder zu schließen; was allerdings keine gute Nachricht ist, weil wir alle längst in einer Endzeit leben, und in dieser Endzeit decken sich Lebens- und Weltzeit wieder.
An anderer Stelle in diesem Blog hatte ich schon mal von nur noch wenigen Jahrhunderten gesprochen, die ich dieser Zivilisation, so weit man sie überhaupt noch als solche bezeichnen kann, noch geben würde, bevor alles zusammenbricht. (Vgl. meinen Blogpost vom 23.09.2025). Aber wenn man die aktuelle KI-Entwicklung sieht, dann hat die von technologischen Innovationen angetriebene Beschleunigung von Kultur- und Naturprozessen schon jetzt einen Gipfelpunkt erreicht, an dem außer Kontrolle geratene künstliche, generative Intelligenzen eigenständig die Labore ungeachtet der Sicherungsmechanismen verlassen und sich in der offenen Infrastruktur des Internets einzunisten beginnen.
Diese generativen KIs sind nicht etwa dabei, die Macht zu ergreifen, sondern wir haben ‚bloß‛ die Kontrolle über sie verloren. Das ist nicht das gleiche, aber nicht weniger schlimm. Die jetzigen Generationen ‒ und ich schließe damit auch meine eigene ein! ‒ werden noch erleben, daß die digitale Gesellschaft nicht mehr funktioniert. Wir werden noch am eigenen Leib erleben, wie alles zusammenbricht. Das ist es, was ich meine, wenn ich davon spreche, daß sich die Schere zwischen Lebenszeit und Weltzeit wieder schließt. Wir leben vielleicht nicht in der, aber doch in einer Endzeit, die ich so nenne, weil etwas zuende geht. Was danach kommt, entzieht sich meiner Kenntnis. Es wird ein neuer Anfang sein. In einer zerstörten Welt.
Wenn ich gerade in Zweifel zog, ob man überhaupt noch von einer Zivilisation sprechen könne, bezog ich mich auf den ursprünglichen Gehalt dieses Wortes: das Zusammenleben in einem gemeinsamen Haus. Es gibt dieses gemeinsame Haus nicht mehr. Die Menschen verbindet nichts mehr miteinander. Eine solche Erfahrung können sie gar nicht mehr machen, denn es gibt die gemeinsame Lebenswelt nicht mehr, in der sie hätten aufwachsen können. Die technologische Beschleunigung macht so etwas unmöglich. Die Lebenswelt hat sich in ein von Innovationsblitzen durchzucktes Stroboskop verwandelt.
Deshalb sind wir auf der Suche nach einer Zuflucht, einer schützenden Höhle, in der wir uns um ein wärmendes Feuer versammeln und deren Eingang wir verbarrikadieren können. Wir fühlen uns allein gelassen. Wir fühlen uns verraten. Und wählen die AfD. Mit aller Kraft versuchen die digitalisierten Menschen ihre Hilflosigkeit, ihre Verlorenheit zu verdrängen. Das erste, was ihnen bei diesen Verdrängungsexzessen zuhilfe kommt, ist die Ausschaltung ihres Verstandes. Und die dazu passende Technik.
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