„...letztlich ist der Mensch, als Folge oder Krönung der Evolution, nur in der Totalität der Erde begreifbar.“ (Leroi-Gourhan, Hand und Wort, S.22)
Posts mit dem Label Erblichkeit werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Erblichkeit werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Freitag, 1. September 2017

Peter Spork, Gesundheit ist kein Zufall. Wie das Leben unsere Gene prägt: die neuesten Erkenntnisse der Epigenetik, München 2017

1. Zusammenfassung
2. Integral und Anachronismus
3. Freiheit und Intuition

Den Haupttitel von Peter Sporks Buch, „Gesundheit ist kein Zufall“ (2017), könnte man noch mißverstehen: ‚kein Zufall‘ könnte auch meinen ‚in den Genen festgelegt‘. Wer also Krebs oder eine Diabetes bekommt, hätte sowieso nichts daran ändern können, weil sein Schicksal schon vor der Geburt festgelegt gewesen war. Das ist aber ein Mißverständnis. Es ist vor allem der Untertitel, „Wie das Leben unsere Gene prägt“, der Sporks Hauptthese zweifelsfrei auf den Punkt bringt: Nicht die Gene prägen uns und unser Leben, sondern umgekehrt wir selbst und unser Leben, das wir führen, prägen die Gene!

Die Gene, also die DNA, bilden zwar einen Faktor in unserem Leben. Sie bilden das Fundament, auf dem das Leben von Generation zu Generation weitergegeben wird, und es sind ihre Zufallsmutationen, die die biologische Evolution vorantreiben. Aber sie bilden eben nur einen Faktor, das „Erbe“, wie Spork es ausdrückt; einen Faktor innerhalb einer Multiplikation, zu der zwei weitere Faktoren gehören, Umwelt und Epigenetik, deren gemeinsames Produkt Null ergibt, wenn nur einer dieser Faktoren auf Null gesetzt wird. (Vgl. Spork 2017, S.80)

Das „Zusammenspiel aus Genetik, Epigenetik und Umwelt“ (Spork 2017, S.172) erinnert an die Logik der Entwicklungsebenen, wie ich sie diesem Blog zugrundelege. Darauf werde ich im nächsten Blogpost detaillierter eingehen. Für jetzt möchte ich lediglich festhalten, daß das Epigenom das biologische Substrat der menschlichen Persönlichkeit bildet. Im Unterschied zum Genom ist das Epigenom enorm plastisch, wie übrigens auch das Gehirn, das ja ebenfalls von diversen ‚Fachleuten‘ gerne für einen mechanistischen Determinismus in Anspruch genommen wird, in dem es keine Handlungs- und keine Willensfreiheit gibt. Das Epigenom paßt sich über das ganze Leben eines Individuums hinweg an dessen Lebensstil und damit an dessen Entscheidungen an. Wenn sich jemand entscheidet, statt wie gewöhnlich mit dem Auto mit dem Fahrrad zur Arbeit zu fahren, verändert sich die Molekularbiologie seiner Muskeln „binnen zwanzig Minuten“. (Vgl. Spork 2017, S.44)

Darüberhinaus ‚erinnern‘ sich die Muskelzellen an die Radfahrt und behalten die Veränderungen bei. Jedoch nicht über längere Zeit. Wenn ich wieder aufs Auto umsteige, wird die Molekularbiologie der Muskeln auf den ursprünglichen Zustand zurückgestellt. Das aber heißt: die Epigenetik ist reversibel, also plastisch, formbar, durch unser Handeln beeinflußbar:
„Diese Umkehrbarkeit ist einer der Wesenszüge der Epigenetik.“ (Spork 2017, S.351)
Gesundheit ist also Spork zufolge weder ein Zufall noch ein Schicksal. Sie bildet vielmehr einen komplexen und beständigen Anpassungsprozeß an Umwelteinflüsse und an unseren Lebensstil:
„Gesundheit ist nicht das Gegenteil von Krankheit. Sie ist ein Prozess. Sie ist Anpassungsfähigkeit, geglückte Prägung und Widerstandskraft, resultiert aus einer ausgeglichenen Persönlichkeit und bewirkt diese zugleich. Gesundheit ist also auch das Potenzial, mit einer Krankheit möglichst gut und lange auszukommen oder sie so rasch und effektiv wie möglich zu überwinden.“ (Spork 2017, S.328)
Alles, was Gene können, ist der unter Wissenschaftlern verbreitetsten Auffassung zufolge, Proteine herzustellen. Von da ist es aber noch ein weiter Weg zu einer menschlichen Person, und dafür ist die Epigenetik zuständig. Überall, wo wir es mit einer Komplexität zu tun haben, bei der mehrere, ja sogar tausende von Genen zusammenarbeiten müssen, haben wir es mit Epigenetik zu tun, die „Genaktivierbarkeitsmuster“ festlegt; d.h. sie legt fest, welche Gene gedimmt und welche Gene empfangsbereit gemacht werden:
„Wir vererben mehr als unsere Gene. Wir sind, was lange nur vermutet wurde, tatsächlich in der Lage, Informationen über ganze Genaktivierbarkeitsmuster weiterzugeben – und damit auch die Programme, aus denen Gesundheit entsteht.“ (Spork 2017, S.331f.)
Wenn Spork hier von der Weitergabe von Genaktivierbarkeitsmustern spricht, dann meint er damit die transgenerationelle Epigenetik. Anders als die Evolutionsbiologen bisher meinten, scheint es nämlich die nach August Weismann (1834-1914) benannte „Weismann-Barriere“, die die DNA vor Umwelteinflüssen schützt, nicht zu geben. (Vgl. Spork2017, S.264ff., 275, 306f.) Bislang glaubte man, daß die DNA an zwei Stellen vor Umwelteinflüssen geschützt sei: bei der Entstehung der Keimzellen und bei der sogenannten Zeugung, wo das Genom komplett demethylisiert wird. Tatsächlich sind die Hinweise, daß dennoch individuell erworbene Erbinformationen auf die nachfolgenden Generationen übertragen werden, aber inzwischen zu zahlreich, als daß das so einfach stimmen kann. Zumindestens scheint es „Zonen“ im Genom zu geben, „die von der Reprogrammierung ausgenommen sind“. (Vgl. Spork 2017, S.306)

Zu den komplexen Persönlichkeitsmerkmalen, die sich in epigenetischen Genaktivierbarkeitsmustern niederschlagen, gehören die Gesundheit und die Intelligenz. Was die Intelligenz betrifft, räumt Spork mit mehreren Mythen auf. Dazu gehört die Auffassung, daß sich die Genome – und mit ihnen die Intelligenz – von verschiedenen Kulturen unterscheiden. Spork verweist auf die von Thilo Sarrazin angestoßene Debatte, „Deutschland werde immer dümmer, wenn zunehmend Menschen aus niedrigen Schichten und anderen Kulturkreisen einwanderten“. (Vgl. Spork 2017, S.73)

Sarrazin begeht hier einen logischen Fehler: er führt den kulturellen Phänotyp auf den biologischen Genotyp zurück. (Vgl. Spork 2017, S.78) Die Unterschiede zwischen Gruppen sind aber niemals biologisch, sondern immer sozial begründet; aus einem einfachen Grund: alle Menschen auf der ganzen Welt sind zu 99 %, möglicherweise zu 99,9 % genetisch identisch! (Vgl. Spork 2017, S.74) Intelligenz gehört aber zu den komplexesten Persönlichkeitsmerkmalen und wird wahrscheinlich durch das (epigenetische) Zusammenspiel von Tausenden von Genen bestimmt. Werden die Umwelteinflüsse konstant gehalten, wachsen die Kinder also im gleichen sozialen Umfeld auf, macht der Unterschied gerade mal drei bis fünf Punkte auf der IQ-Skala aus, „und dieser Unterschied ist letztlich belanglos“. (Vgl. Spork 2017, S.80)

Der Unterschied zwischen verschiedenen Gruppen, auch der Unterschied der ‚Intelligenz‘ – was immer das sein mag –, ist Spork zufolge zu hundert Prozent sozial bedingt. (Vgl. Spork 2017, S.79)

Was mir an Peter Sporks Buch so gefällt: es gibt dem Menschen seine Freiheit und damit seine Würde zurück. Es ist wieder der Mensch, der sein Leben führt, und nicht die ‚Gene‘ bzw. das, was die Evolutionsbiologen dazu denken, womit sie sich eine Autorität anmaßen, die alle anderen, uns Laien nämlich, entmündigt. Spork bringt es auf den Punkt:
„Die Gene entscheiden nicht über uns. Sie sind nicht unser Schicksal. Wir sind nicht ihre Marionetten.“ (Spork 2017, S.81)
Auch dazu mehr in einem der folgenden Posts.

Download

Mittwoch, 21. Juni 2017

Anmerkungen zu Axel Meyers „Adams Apfel und Evas Erbe. Wie die Gene unser Leben bestimmen und warum Frauen anders sind als Männer“ (München 2015)

Axel Meyer ist Evolutionsbiologe. Ihm geht es seinen eigenen Worten zufolge um die Macht der Gene und um ihre Grenzen. (Vgl. Meyer 2015, S.16) Hinsichtlich der Intelligenz hält Meyer fest:
„Erblichkeitsberechnungen der Variation von Intelligenz reichen von 30 Prozent bis zu 80 Prozent. ... Im Detail hängt die Größe dieses Wertes davon ab, welcher Aspekt von Intelligenz gemessen wird, in welcher (sozialen) Population dies geschieht und vor allem in welchem Lebensalter die Erblichkeit errechnet wurde. Denn interessanterweise steigt die gemessene Erblichkeit mit dem Lebensalter an.“ (Meyer 2015, S.256)
Es ist also offensichtlich, gerade was den Hinweis auf die Altersabhängigkeit betrifft, daß wir es bei der Intelligenz, was genau sie im Einzelfall auch immer sein mag, mit einem komplexen Persönlichkeitsmerkmal zu tun haben. Und genau mit diesen komplexen Persönlichkeitsmerkmalen machen es sich Evolutionsbiologen wie Axel Meyer gerne leicht. Das zeigt sich z.B. bei der Erblichkeit von Krankheiten, wo er sich zu folgender Aussage versteigt:
„Aber auch ein noch so gesunder Lebenswandel wird uns nicht retten können, wenn unsere Gene uns für eine Krankheit prädisponieren.“ (Meyer 2015, S.19)
Gerade lese ich ein Buch von Peter Spork: „Gesundheit ist kein Zufall“ (2017), mit dem bezeichnenden Untertitel: „Wie das Leben unsere Gene prägt“. Dieser Untertitel bildet Sporks zentrale These. Nicht die Gene prägen uns und unser Leben, sondern wir prägen mit unserem Leben die Gene! Gesundheit ist für Spork deshalb auch weder Schicksal noch Zufall:
„Die Gesundheit eines Menschen ist nicht die bloße Summe beider voneinander unabhängiger Komponenten (Erbe und Umwelt – DZ), sondern viel viel mehr. Sie ist das Produkt des beständigen, teils hochdynamischen, teils lang anhaltenden Zusammenwirkens von Erbe und Umwelt. Und das heißt eben auch: Unser Handeln wirkt. Immer!“ (Spork 2017, S.48f.)
Mit ,Produkt‘ meint Spork die Multiplikation, nicht die Summe dreier Faktoren: Genetik, individuelles Handeln und Umwelt. Wenn einer der drei Faktoren auf Null gesetzt wird, ist das Gesamtergebnis Null. Die Gesundheit ist deshalb nicht das Gegenteil von Krankheit, sondern ein ständiger Anpassungsprozeß an die Lebensumstände eines Individuums, wozu auch die Krankheit gehört:
„Gesundheit ist nicht das Gegenteil von Krankheit. Sie ist ein Prozess. Sie ist Anpassungsfähigkeit, geglückte Prägung und Widerstandskraft, resultiert aus einer ausgeglichenen Persönlichkeit und bewirkt diese zugleich.“ (Spork 2017, S.328)
Obwohl Spork sich auf dieselben genetischen Erkenntnisse bezieht wie Axel Meyer, kommt er zu völlig gegenteiligen Schlußfolgerungen; vor allem, weil er im Unterschied zu Meyer die Epigenetik einbezieht, das biologische Substrat der individuellen Persönlichkeit eines Menschen. Durch die „perinatale Prägung“, also durch die epigenetische Prägung des Erbguts während der Schwangerschaft und der ersten Monate nach der Geburt (vgl. Spork 2017, S.140ff.) entsteht eine individuelle Persönlichkeit, die auch ihr ganzes weiteres Leben hindurch durch ihr Handeln die Aktivierbarkeitsmuster ihrer Gene modifiziert. Denn im Unterschied zur DNA ist die Epigenetik reversibel. (Vgl. Spork 2017, S.351f.)

Insbesondere komplexe Persönlichkeitsmerkmale sind Spork zufolge niemals das Ergebnis des Genoms, sondern des Epigenoms, das die Gene zu komplexen Genaktivierbarkeitsmustern zusammenfügt, die sich von Mensch zu Mensch unterscheiden, ohne daß sich an der eigentlichen DNA irgendetwas ändert. Gesundheit ist ein ähnlich komplexes Persönlichkeitsmerkmal wie übrigens auch die Intelligenz:
„Intelligenz ist ebenso wie Gesundheit eines der komplexesten Merkmale überhaupt. Es setzt sich aus dem Zusammenspiel einiger tausend() Gene mit den entsprechenden Anweisungen zur Genregulation zusammen: Bildung, sozialer Status, Wohlstand, psychische Stabilität, Zugang zu Medien und vieles mehr mischen hier entscheidend mit.“ (Spork 2017, S.74)
Schon aufgrund der simplen Tatsache, daß wir Menschen miteinander mehr als 99 % des Genoms gemeinsam haben, möglicherweise sogar 99,9 %, kann ein so komplexes Merkmal wie ‚Intelligenz‘, bei dem mehrere tausend komplex verschaltete Gene zusammenspielen müssen, nicht auf Unterschiede im Genom zurückgeführt werden. Führt man sich vor Augen, daß wir mit Schimpansen mehr als 98 % des Erbguts teilen (vgl. Spork 2017, S.74f.), dann wird vollends klar, daß die (relativ) großen phänotypischen Unterschiede zwischen ihnen und uns auf anderem Wege zustandekommen.

Was den Menschen betrifft: Setzt man im Dreiklang aus Erbe, Umwelt und individuellem Handeln die Umwelt konstant – also gleiche Eltern, gleiche Bildung, gleiche Kultur etc. – dann macht das Genom nur noch einen Unterschied von maximal fünf Punkten auf der IQ-Skala:
„Nur wenn die Umweltbedingungen zweier Menschen ähnlich sind und ähnlich waren, steigt der messbare genetische Anteil am verbleibenden Intelligenz-Unterschied zwischen ihnen also tatsächlich auf jene 30 bis 80 Prozent, die aktuelle Zwillingsstudien als Wert angeben. ... Diese maximal 80 Prozent machen dann aber absolut gesehen nur wenige IQ-Werte aus, vielleicht drei bis fünf, und dieser Unterschied ist letztlich belanglos.“ (Spork 2017, S.79f.)
Wer sein Buch aufmerksam gelesen habe, so Spork, sei auf einem „aktuelleren Stand der Wissenschaft als die meisten Gesundheitsfachleute“. (Vgl. Spork 2017, S.329) Ich füge hinzu: die Leserin, der Leser seines Buches ist auch auf einem aktuelleren Stand der Wissenschaft als bei der Lektüre von Axel Meyers Buch, das ich vor einiger Zeit in diesem Blog besprochen habe. (Vgl. meine Posts vom 25.10. bis 01.11.2015)

Peter Sporks Buch liefert eine Fülle von Material zum Zusammenhang zwischen den verschiedenen Entwicklungsebenen, die den Menschen ausmachen: Biologie, Kultur bzw. Umwelt und Individuum. Es legt den Gedanken nahe, daß der Anachronismus zwischen den Entwicklungsebenen vor allem ein Ergebnis der letzten 10.000 Jahre ist, während der Steinzeitmensch über Jahrhunderttausende hinweg mit seiner Biologie im Einklang lebte. Eine ausführlichere Besprechung von Sporks Buch mit einer neuen Graphik zu den Entwicklungsebenen habe ich für Anfang September geplant.

Download

Freitag, 30. Oktober 2015

Axel Meyer, Adams Apfel und Evas Erbe. Wie die Gene unser Leben bestimmen und warum Frauen anders sind als Männer, München 2015

(C.Bertelsmann, 416 S., gebunden, 19,99 €)

2. Methode I: Genauigkeit
3. Methode II: Polemik
4. Methode III: Korrelation
5. Geschlecht (Sex)
6. Intelligenz
7. Sinn des Lebens
8. Genom und Gehirn

Der Begriff der ‚Intelligenz‘ ist hochproblematisch. Mit diesem Begriff ist der Anspruch verbunden, eine geistige Fähigkeit empirisch messen zu können. Auch Axel Meyer weist auf die damit verbundene Problematik hin: „Allerdings geht es bei Intelligenz um intrinsisch schwer quantifizierbare geistige Fähigkeiten. Intelligenzunterschiede sind daher auch offensichtlich nicht so leicht zu messen wie etwa Körpergröße.“ (Meyer 2015, S.257)

Bei den üblichen phänotypischen Merkmalen reicht es aus, sie zu beobachten. Sie ‚geben‘ sich dem Beobachter, ohne daß es irgendwelcher zusätzlicher Maßnahmen bedarf, um sie sichtbar zu machen. Für die ‚Intelligenz‘ bedarf es aber einer vorweggenommenen Definition, um sie ‚beobachten‘ zu können: „Denn zuallererst muss hinreichend genau definiert werden, was exakt gemessen werden soll, damit das Ergebnis auch objektiv, ohne Bias – statistische Verzerrung –, nachvollziehbar und reproduzierbar ist.“ (Meyer 2015, S.257)

Hinzu kommt, daß es Meyer nicht nur um die Intelligenz, sondern um die Erblichkeit der Intelligenz geht. (Vgl. zur Erblichkeit meinen Post vom 28.10.2015) So kommen gleich zwei problematische Begriffe zusammen. Tatsächlich gibt es nicht nur eine einzige gültige Definition von Intelligenz, sondern mehrere. Es gibt z.B. fluide und kristalline Intelligenz:
„Fluide Intelligenz ist die Fähigkeit, abstrakt induktiv und deduktiv zu denken und Probleme zu lösen (Rätsel, Mustererkennung, Problemlösungsstrategien), unabhängig von Lernen, Erfahrung oder Erziehung. Kristalline Intelligenz dagegen basiert auf Lernen und Erfahrung. Tests zu dieser Form von Intelligenz beinhalten daher auch Fragen zu Lese- und allgemeinem Verständnis, Analogien, Wortschatz und Faktenkenntnis. Sie kann mit zunehmendem Lebensalter (zumindest bis 65 Jahre) anwachsen, während fluide Intelligenz in der Jugend am höchsten ist und ab einem Alter von 30 bis 40 Jahren abzunehmen beginnt.“ (Meyer 2015, S.257)
Demnach bin ich übrigens längst aus dem ‚fluiden‘ Intelligenzalter heraus und ins Alter der ‚kristallinen‘ Intelligenz eingetreten. Interessant ist dabei, daß die kristalline Intelligenz dem entspricht, was die Erziehungswissenschaftler ‚Bildung‘ nennen, also einer von Lernen und Erfahrung abhängigen Bewußtseinsebene. Hier, sollte man denken, dürfte die Erblichkeit der Intelligenz am wenigstens Einfluß haben. Aber weit gefehlt: „Im Erwachsenenalter fällt der IQ auf das genetische Niveau zurück, egal, wie gut vorher gefördert wurde.() ... Der Einfluss der Umwelt ist also bis zur Pubertät beträchtlich, verringert sich jedoch mit zunehmendem Alter, bis die Ausprägung der Intelligenz hauptsächlich durch die genetische Komponente bestimmt ist ... .“ (Meyer 2015, S.267)

Mit anderen Worten: Im Alter ist die Erblichkeit der Intelligenz am größten, während sie bei kleinen Kindern und Pubertierenden am geringsten ist. Das ist an sich schon ein merkwürdiges Phänomen und ein weiteres Beispiel dafür, daß ‚Erblichkeit‘ insbesondere bei einem Phänomen wie Intelligenz ein mathematisches Konstrukt bildet, das der eigentlichen zugrundeliegenden Bewußtseinsqualität nicht entspricht. Dazu kommt noch der Widerspruch, daß kristalline Intelligenz auf Lernen und Erfahrung beruht und mit zunehmendem Alter anwächst, der (mathematischen) Erblichkeitsbestimmung zufolge aber die Intelligenz im Alter auf das „genetische Niveau“ zurückfällt. Hier kann irgendetwas nicht stimmen.

Die Notwendigkeit, ‚Intelligenz‘ zu definieren, bevor man sie ‚beobachten‘ und untersuchen kann, öffnet natürlich Tür und Tor für Ideologien aller Art. Das  ist ganz selbstverständlich und sollte eigentlich nicht weiter verwundern. Axel Meyer findet das allerdings nicht nur verwunderlich, sondern sogar erschreckend: „Die Aggressionen und die ideologische Voreingenommenheit, mit denen diese Debatte (zur Erblichkeit der Intelligenz –DZ) immer wieder geführt wird, sind erschreckend.“ (Meyer 2015, S.253)

Meyer kommt hier nicht etwa auf die Idee, daß der Ideologieverdacht nicht nur auf die Kritiker der Intelligenzforschung zu beziehen sein könnte, sondern möglicherweise auch auf die damit befaßten Wissenschaftler: „Das sollte die Wissenschaft jedoch nicht davon abhalten, sich kritisch und konstruktiv mit diesem Thema von offensichtlich gesellschaftlicher Relevanz, beispielsweise im Hinblick auf die Berufswahl, auseinanderzusetzen.() Fragen und Forschen muss erlaubt sein, auch wenn die Antworten möglicherweise dem Geist des politischen Mainstream und der politischen Korrektheit nicht entsprechen mögen.“ (Meyer 2015, S.253)

Der Ideologieverdacht, den Meyer hier für ‚die‘ Wissenschaft zurückweist, ergibt sich aus dem Hinweis auf die offensichtliche gesellschaftliche Relevanz der Intelligenzforschung. Denn, wie Meyer selbst zugibt, für das Individuum hat die ‚Erblichkeit‘ der Intelligenz keinerlei Bedeutung. Erblichkeitsberechnungen sind Populationsschätzungen, und diese „bezieh(en) sich nicht unmittelbar auf das Individuum, sondern sag(en) nur mehr oder weniger genau, abhängig von der Erblichkeit, den Durchschnitt aller Nachfahren eines Elternpaares voraus“. (Vgl. Meyer 2015, S.68)

Hinzukommt, daß sich die der Erblichkeit zugrundeliegenden Gene nicht linear auf den individuellen Phänotyp auswirken: „Ein Individuum ist immer auch das Produkt von Umwelteinflüssen, die auf manche Merkmale stärker und auf andere geringer einwirken, sowie von Interaktionen zwischen Genen und Umwelt.“ (Meyer 2015, S.28). – Deshalb sind „genauere statistische Prognosen für das Individuum“ nicht „ohne Weiteres möglich“. (Vgl. Meyer 2015, S.57)

Der einzige Grund, warum solche Erblichkeitsmessungen gemacht werden, ist die Vorhersage des schulischen und beruflichen Erfolgs einer ‚Population‘ von Kindern und Schülern: „Sie (die Intelligenztests – DZ) wurden zuerst in Frankreich von Alfred Binet mit dem Ziel entwickelt, leistungsschwächere Kinder zu identifizieren, um sie dann gezielter fördern zu können. Nebenbei bemerkt: Die Vorhersagekraft dieser Tests in Bezug auf den Schulerfolg – wie immer der auch definiert sein möge – ist hoch.()“ (Meyer 2015, S.257f.)

Axel Meyer fügt hinzu, daß es „eine eindeutige Korrelation zwischen IQ und Schulerfolg und eine weniger enge, aber immer noch statistisch signifikante zwischen IQ und der Höhe des Einkommens“ gibt. (Vgl. Meyer 2015, S.267) – Intelligenztests bieten also staatlichen Administrationen die Möglichkeit, den zu erwartenden schulischen ‚Output‘ an Arbeitskräften zu verwalten. Aus pädagogischer Perspektive hat so ein Intelligenztest überhaupt keine Relevanz, auch wenn das obige Zitat zu Alfred Binet so eine Relevanz behauptet. Leistungsschwächere Kinder – im welchem Sinne eigentlich ‚leistungsschwächer‘? – müssen nur im Rahmen einer größeren Lerngruppe, etwa einer Schulklasse, gezielt gefördert werden. Wir haben es also nicht mit einer genuin pädagogischen Praxis zu tun, in der jedes Kind seine individuelle Förderung bekommt, die ihm zusteht, sondern mit einer ‚Lernverwaltung‘, in der sich die Aufmerksamkeit des Pädagogen – je nach politischer Vorgabe – mal mehr auf die leistungsschwächeren (Stichwort ‚Benachteiligte‘), mal mehr auf die leistungsstärkeren (Stichwort ‚Hochbegabte‘) Schüler richtet.

Eine wirklich individuelle Förderung des Schülers findet nur dort statt, wo wie in Rousseaus „Emile“ jeder Lehrer nur einen Schüler hat. Damit will ich nicht die pädagogische Notwendigkeit von gesellschaftlichen Einrichtungen wie der Schule bestreiten. Aber ich denke, daß Intelligenztests in solchen Einrichtungen niemals ideologiefrei sein können.

Axel Meyer geht sogar so weit, mit der Erblichkeitsmessung von Intelligenz die Festlegung einer genetischen Obergrenze zu verbinden: „Die Gene bilden im Hinblick auf Intelligenz die Obergrenze, die auch bei noch so guten Umweltbedingungen nicht überschritten werden kann. Gute Umweltbedingungen erlauben es, das genetisch Maximale zu erreichen, schlechte hingegen hindern das genetische Potenzial an seiner Manifestation.“ (Meyer 2015, S.264)

An dieser Stelle berücksichtigt Meyer nicht das individuelle Verhalten, das von den Genen unabhängige Spielräume des Denkens und Handelns eröffnet. Ich spreche in diesem Zusammenhang immer von Rekursivität, und diese Spielräume kennen keine Obergrenze, es sei denn die eines begrenzten „Arbeitsgedächtnisses“, das Meyer ebenfalls zu den Intelligenzmerkmalen zählt. (Vgl. Meyer 2015, S.257) An dieser Stelle stimme ich ihm ausdrücklich zu. Der denkende Mensch, der sich im Kantischen Sinne seines eigenen Verstandes bedient, ohne sich von ‚Ideologen‘ oder Autoritäten beeinflussen zu lassen, ist jeder Zeit in der Lage, die Perspektive oder die Denkebene zu wechseln, wenn er sich an einem Problem festgebissen hat und nicht mehr weiterkommt. Dieser Perspektivenwechsel ist nicht von der Intelligenz abhängig, aber anscheinend schon vom Arbeitsgedächtnis. Menschen scheinen nur maximal fünf verschiedene ‚Ebenen‘ bzw. Perspektiven überschauen bzw. einnehmen zu können. (Vgl. meine Posts vom 25.07.2011 und vom 12.02.2012) Das scheint an der Begrenztheit des Arbeitsgedächtnisses zu liegen.

Aber auch hier gibt es einen Kunstgriff, mit dem wir die Zahl der Denkebenen trotzdem erhöhen können: wir müssen uns einfach nur Geschichten erzählen. In Geschichten können wir die Handlungen der Protagonisten mühelos über scheinbar beliebig viele Ebenen verfolgen. Aber von solchen Geschichten hält Meyer nicht sehr viel: „Generell kann man kaum Schlüsse aus Anekdoten ziehen. Manche mögen da ein Narrativ ausmachen. Mich macht so ein Wort eher misstrauisch, denn es sind Geschichtchen, deren wissenschaftlicher Wert gegen null geht.“ (Meyer 2015, S.339) – Schade.

PS (20.06.2017): In seinem Buch weist Axel Meyer auf eine seltsam große Schwankungsbreite hinsichtlich der Erblichkeit von Intelligenz hin:
„Erblichkeitsberechnungen der Variation von Intelligenz reichen von 30 Prozent bis zu 80 Prozent. ... Im Detail hängt die Größe dieses Wertes davon ab, welcher Aspekt von Intelligenz gemessen wird, in welcher (sozialen) Population dies geschieht und vor allem in welchem Lebensalter die Erblichkeit errechnet wurde. Denn interessanterweise steigt die gemessene Erblichkeit mit dem Lebensalter an.“ (Meyer 2015, S.256)
Es ist also ganz offensichtlich – gerade was den Hinweis auf die Altersabhängigkeit betrifft –, daß wir es bei der Intelligenz – was genau sie im Einzelfall auch immer sein mag – mit einem komplexen Persönlichkeitsmerkmal zu tun haben. Mit komplexen Persönlichkeitsmerkmalen haben Evolutionsbiologen wie Axel Meyer so ihre Probleme. Das zeigt sich z.B. bei der Erblichkeit von Krankheiten, wo sich Axel Meyer zu folgender Aussage versteigt:
„Aber auch ein noch so gesunder Lebenswandel wird uns nicht retten können, wenn unsere Gene uns für eine Krankheit prädisponieren.“ (Meyer 2015, S.19)
Gerade lese ich ein Buch von Peter Spork: „Gesundheit ist kein Zufall“ (2017), mit dem bezeichnenden Untertitel: „Wie das Leben unsere Gene prägt“. Dieser Untertitel bildet Sporks zentrale These. Nicht die Gene prägen uns und unser Leben, sondern wir prägen mit unserem Leben die Gene! Gesundheit ist für Spork deshalb auch weder Schicksal noch Zufall:
„Die Gesundheit eines Menschen ist nicht die bloße Summe beider voneinander unabhängiger Komponenten (Erbe und Umwelt – DZ), sondern viel viel mehr. Sie ist das Produkt des beständigen, teils hochdynamischen, teils lang anhaltenden Zusammenwirkens von Erbe und Umwelt. Und das heißt eben auch: Unser Handeln wirkt. Immer!“ (Spork 2017, S.48f.)
Mit „Produkt‘ meint Spork die Multiplikation, nicht die Summe dreier Faktoren: Genetik, individuelles Handeln und Umwelt. Wenn einer der drei Faktoren auf Null gesetzt wird, ist das Gesamtergebnis Null. Die Gesundheit ist deshalb nicht das Gegenteil von Krankheit, sondern ein ständiger Anpassungsprozeß an die Lebensumstände eines Individuums, wozu auch die Krankheit gehört:
„Gesundheit ist nicht das Gegenteil von Krankheit. Sie ist ein Prozess. Sie ist Anpassungsfähigkeit, geglückte Prägung und Widerstandskraft, resultiert aus einer ausgeglichenen Persönlichkeit und bewirkt diese zugleich.“ (Spork 2017, S.328)
Obwohl Spork sich auf dieselben genetischen Erkenntnisse bezieht wie Axel Meyer, kommt er zu völlig gegenteiligen Schlußfolgerungen; vor allem, weil er die Epigenetik einbezieht, das biologische Substrat der individuellen Persönlichkeit eines Menschen. Durch die „perinatale Prägung“, also die epigenetische Prägung des Erbguts während der Schwangerschaft und der ersten Monate nach der Geburt (vgl. Spork 2017, S.140ff.) entsteht eine individuelle Persönlichkeit, die auch ihr ganzes weiteres Leben hindurch durch ihr Handeln die Aktivierbarkeitsmuster ihrer Gene modifiziert. Denn im Unterschied zur DNA ist die Epigenetik reversibel. (Vgl. Spork 2017, S.351f.)

Insbesondere komplexe Persönlichkeitsmerkmale sind Spork zufolge niemals das Ergebnis des Genoms, sondern des Epigenoms, das die Gene zu komplexen Genaktivierbarkeitsmustern zusammenfügt, die sich von Mensch zu Mensch unterscheiden, ohne daß sich an der eigentlichen DNA irgendetwas ändert. Gesundheit ist ein ähnlich komplexes Persönlichkeitsmerkmal wie übrigens auch die Intelligenz:
„Intelligenz ist ebenso wie Gesundheit eines der komplexesten Merkmale überhaupt. Es setzt sich aus dem Zusammenspiel einiger tausend() Gene mit den entsprechenden Anweisungen zur Genregulation zusammen: Bildung, sozialer Status, Wohlstand, psychische Stabilität, Zugang zu Medien und vieles mehr mischen hier entscheidend mit.“ (Spork 2017, S.74)
Schon aufgrund der simplen Tatsache, daß wir Menschen miteinander mehr als 99 % des Genoms miteinander gemeinsam haben, möglicherweise sogar 99,9 %, kann ein so komplexes Merkmal wie ‚Intelligenz‘, bei dem mehrere tausend komplex verschaltete Gene zusammenspielen müssen, nicht auf Unterschiede im Genom zurückgeführt werden. Setzt man im Dreiklang aus Erbe, Umwelt und individuellem Handeln die Umwelt konstant – also gleiche Eltern, gleiche Bildung, gleiche Kultur etc. – dann macht das Genom nur noch einen Unterschied von maximal fünf Punkten auf der IQ-Skala:
„Nur wenn die Umweltbedingungen zweier Menschen ähnlich sind und ähnlich waren, steigt der messbare genetische Anteil am verbleibenden Intelligenz-Unterschied zwischen ihnen also tatsächlich auf jene 30 bis 80 Prozent, die aktuelle Zwillingsstudien als Wert angeben. ... Diese maximal 80 Prozent machen dann aber absolut gesehen nur wenige IQ-Werte aus, vielleicht drei bis fünf, und dieser Unterschied ist letztlich belanglos.“ (Meyer 2017, S.79f.)
Download

Mittwoch, 28. Oktober 2015

Axel Meyer, Adams Apfel und Evas Erbe. Wie die Gene unser Leben bestimmen und warum Frauen anders sind als Männer, München 2015

(C.Bertelsmann, 416 S., gebunden, 19,99 €)

2. Methode I: Genauigkeit
3. Methode II: Polemik
4. Methode III: Korrelation
5. Geschlecht (Sex)
6. Intelligenz
7. Sinn des Lebens
8. Genom und Gehirn

Im Grunde besteht die Evolutionsbiologie in Erbsenzählerei, auch wenn sich die statistischen Methoden seit Gregor Mendel (1822-1884) aufgrund genauerer Einblicke in die molekulare Struktur der Chromosomen und Gene verfeinert und verkompliziert haben. So einfach wie bei Mendel, wo ein einzelnes phänotypisches Merkmal der Erbsen – gelb, grün, glatte oder schrumpelige Oberfläche – genau einem einzelnen genotypischen Merkmal, nämlich einem Gen entsprach (vgl. Meyer 2015, S.40f.), ist es für die heutigen Genetiker nicht. Sogar die Augenfarbe und die Körpergröße des Menschen werden nicht durch ein einzelnes Gen, sondern durch das Zusammenwirken verschiedener Gene bewirkt.

Genetiker bezeichnen dieses Zusammenwirken verschiedener Gene als Polygenität: „Man nennt dies polygenetische Vererbung (Polygenität). Dies ist beispielsweise bei Intelligenz oder Körpergröße der Fall, aber auch bei vielen komplexen Krankheiten, etwa psychischen Erkrankungen wie Schizophrenie.“ (Meyer 2015, S.55) – Wenn dann noch individuelles Verhalten (Epigenetik; vgl. Meyer 2015, S.229) und Umwelteinflüsse (vgl. Meyer 2015, S.57) ihren Beitrag bei der Herausbildung eines phänotypischen Merkmals leisten, bedeutet das, „dass, anders als bei der simplen Mendel’schen Genetik, genauere statistische Prognosen für das Individuum nicht mehr so ohne Weiteres möglich sind“. (Vgl. Meyer 2015, S.57)

Dennoch bildet für Evolutionsbiologen wie Axel Meyer der Begriff der Erblichkeit so etwas wie einen disziplinkonstituierenden Grundbegriff. Meyer sieht eine der Hauptaufgaben der Evolutionsbiologie darin, den Grad der Erblichkeit einzelner phänotypischer Merkmale, also ihren Genotyp zu bestimmen, wie er in einer merkwürdig selbstwidersprüchlichen Textstelle festhält. Nachdem er nämlich nochmal auf seine ideologische Unvoreingenommenheit hingewiesen hat – „politisch-ideologisch ist es mir vollkommen egal, wie viel Prozent eines Verhaltens oder eines echten oder vermeintlichen Geschlechtsunterschieds nun kulturell oder genetisch begründet werden können“ –, erklärt er im folgenden Satz, daß es ihm tatsächlich, ob nun ideologisch oder nicht, genau darum geht: „Es geht mir darum, anhand neuester wissenschaftlicher Erkenntnisse zu erläutern, welche Macht die Gene einerseits haben und wo diese andererseits endet und die Kultur ins Spiel kommt.“ (Meyer 2015, S.16)

Der Begriff der Erblichkeit, der die Evolutionsbiologie konstituiert, ergibt sich also nicht einfach und problemlos aus dem Beobachten und Aufzählen phänotypischer Merkmale. Er ist vielmehr im hohen Maße mathematisch konstruiert. Die verschiedenen Variablen der Formel, aus der die Erblichkeit errechnet wird, bilden die Gene, die Umwelt und die Interaktion zwischen Genen und Umwelt: „Es gilt also zu erkennen, dass alle Merkmale und Charakteristiken eines Organismus abhängig sind sowohl von der Erblichkeit als auch von der Umwelt, in der seine Genetik sich entfaltet und gemessen wird. Ein Gen kann nicht ohne eine Umwelt ‚angeschaltet‘ werden, und eine Umwelt kann sich nur im Rahmen der genetischen Aufmachung eines Organismus manifestieren.“ (Meyer 2015, S.58)

Einen wesentlichen Bestandteil der Erblichkeit bildet dabei die Variation eines Merkmals innerhalb einer Population, etwa die Verschiedenheit der Augenfarben und ihre jeweilige Häufigkeit: „Erblichkeit ist ein Maß, anhand dessen quantitativ bestimmt werden soll, wie groß der Anteil der Variation eines Merkmals in einer Population ist, der durch genetische Faktoren bedingt ist.“ (Meyer 2015, S.60)

Der Prozentsatz der Erblichkeit ist also direkt mit der Variation eines Merkmals verbunden: je geringer die Häufigkeit eines Merkmals, um so geringer der Prozentsatz, und je größer die Häufigkeit eines Merkmals, um so höher der Prozentsatz. Mathematisch gesehen hat das aber einen paradoxen Effekt: wenn ein Merkmal in einer Population überhaupt nicht variiert – wie etwa die schwarze Haarfarbe der Inuit (ausnahmslos alle Inuit haben schwarze Haare) –, liegt die Erblichkeit nicht etwa bei 100, sondern bei Null, weil nämlich auch die Variation bei Null liegt: „Wenn etwa alle Individuen einer Population im Hinblick auf ein bestimmtes Merkmal identisch und diesbezüglich keine genetischen Variationen vorhanden wären, dann wäre auch die Erblichkeit null, und dies, obwohl alle Menschen diese Eigenschaft hätten.“ (Meyer 2015, S.72) – Einen schöneren Beleg dafür, daß wir es bei der Erblichkeit nicht mit einer realistischen Beschreibung der Wirklichkeit zu tun haben, sondern mit einem mathematischen Konstrukt, kann es eigentlich nicht geben.

Dennoch erklärt Axel Meyer die Beherrschung der statistischen Werkzeuge der Evolutionsbiologie zu einer conditio sine qua non, um an einer Diskussion z.B. über die Erblichkeit der Intelligenz teilnehmen zu dürfen: „... wenn jemand nicht wissen will, was Normalverteilung, Varianz oder der Unterschied zwischen Korrelation und Kausalität ist, dann soll er sich bitte aus der Diskussion um die erbliche Basis von Intelligenz heraushalten.“ (Meyer 2015, S.254)

Damit werden evolutionsbiologische Experten wie er sakrosankt, also immun gegen Kritik von außen: entweder man beherrscht die statistischen Instrumente oder man hat zu schweigen.

Daß die Sache bei der Intelligenz aber doch etwas komplizierter ist, als sie Meyer an dieser Stelle darstellt – nicht nur wegen ihrer statistisch durchaus meßbaren Polygenität (dafür gibt es ja mathematische Formeln) –, darauf weist Meyer selbst immer wieder hin. Denn bei der Intelligenz haben wir es immerhin, anders als bei der Augenfarbe oder der Körpergröße, mit einer „geistige(n) Fähigkeit“ zu tun, und diese ist nur „schwer quantifizierbar()“: „Intelligenzunterschiede sind daher auch offensichtlich nicht so leicht zu messen wie etwa Körpergröße.“ (Meyer 2015, S.257)

Um so etwas wie Intelligenz zu messen, reicht aufmerksames Beobachten und fleißiges Zählen nicht aus, selbst mit den ausgereiften statistischen Methoden und modernen Technologien von heute. Zuallererst bedarf es einer Definition, was Intelligenz eigentlich sein soll: „Intelligenzforschung ist kein einfaches Feld. Denn zuallererst muss hinreichend genau definiert werden, was exakt gemessen werden soll, damit das Ergebnis auch objektiv, ohne Bias – statistische Verzerrung –, nachvollziehbar und reproduzierbar ist.“ (Meyer 2015, S.257)

An dieser Stelle sollte man doch meinen, daß selbst jemand, der nach Meyers Kriterium keine Ahnung von Normalverteilung, Varianz und Korrelation hat, dafür aber umso intensiver viel über Bewußtsein, Vernunft, Aufmerksamkeit und andere geistige Phänomene nachgedacht, gelesen und mit anderen Menschen gleichen Interesses darüber diskutiert hat – kurz: ein Geisteswissenschaftler –, in der Intelligenzforschung sehr gefragt sein müßte. Aber weit gefehlt: Meyer zufolge verbreiten diese Geisteswissenschaftler nur „Humbug“: „Naturwissenschaftler können sich nur wundern darüber, was in den letzten Jahrzehnten in einigen Bereichen der Geisteswissenschaften passiert ist. Es ist offensichtlicher Humbug, der da zum Teil verzapft wurde und wird.“ (Meyer 2015, S.359)

Als Beispiele für diesen ‚Humbug‘ zählt Meyer Philosophen wie Foucault, Baudrillard, Derrida und Lacan auf, deren Texte er als „so undurchdringlich und absichtsvoll unverständlich“ beschreibt, „dass jeder darin lesen kann, was er mag“. (Meyer 2015, S.358)

Tatsächlich kann ich Axel Meyers Verzweiflung angesichts dieser Texte sehr gut nachvollziehen. Auch ich habe tage- und nächtelang über diesen Büchern gehockt und mir die Stirn zerfurcht und den Bleistift gespitzt, bis zum Schluß kaum ein Zentimeterchen davon übrig blieb, ohne bestenfalls vielleicht gerade mal die Hälfte davon zu verstehen. Aber Meyers Unverständnis für diese philosophischen Denkprozesse ist der Darstellungsform einer Disziplin geschuldet, die an diese Darstellungsform ganz ähnlich gebunden ist, wie die Evolutionsbiologie an ihre statistische Korrelation. Sicher haben die Texte von Foucault, Baudrillard, Derrida und Lacan etwas Willkürliches und möglicherweise unnötig Konstruiertes an sich; sie haben einen ‚Jargon‘. Aber genauso konstruiert ist auch die ‚Erblichkeit‘ der Intelligenz, umso mehr als sie polygenetisch bedingt ist und durch individuelles Verhalten sowie durch kulturelle Beeinflussung modifiziert wird und es sich außerdem dabei um eine geistige Fähigkeit handelt, die sich der quantifizierenden Beobachtung entzieht.

Download