Montag, 19. Oktober 2015

Axel Meyer, Adams Apfel und Evas Erbe. Wie die Gene unser Leben bestimmen und warum Frauen anders sind als Männer, München 2015

(C.Bertelsmann, 416 S., gebunden, 19,99 €)

1. Prolog

In seinem von mir zuletzt besprochenen Buch „Der Mensch, der Bonobo und die zehn Gebote“ (2015/2013) verweist de Waal auf das Problem, daß manche Fürsprecher naturwissenschaftlicher Einsichten von diesen Einsichten, für die sie eintreten, tatsächlich keine Ahnung haben. (Vgl. meinen Post vom 07.10.2015) So etwa Thomas Henry Huxley (1825-1895), der der festen Überzeugung gewesen war, aus Darwins evolutionsbiologischen Beobachtungsdaten ginge hervor, daß der Mensch aufgrund seiner biologischen Natur grausam und gewalttätig sei. Solche unwissenden Fürsprecher hat es nicht nur im 19. Jhdt. gegeben, sondern seitdem durchziehen sie die gesamte Wissenschaftsvermittlungsgeschichte, und auch viele Wissenschaftler selbst fallen immer wieder auf diese falschen Popularisierungen herein.

Von solcher Art ist auch das Vorwort zu „Adams Apfel und Evas Erbe“ (2015), das der ZEIT-Kolumnist Harald Martenstein geschrieben hat. Ungeachtet seiner offensichtlichen Inkompetenz in Sachen naturwissenschaftlicher Methodik – oder gerade genau deswegen – versteigt er sich gleich im allerersten Satz zu kühnen Aussagen über das Verhältnis von Naturwissenschaften und Geisteswissenschaften: „Die Naturwissenschaftler und die Ingenieure haben mehr für die Menschen getan als sämtliche Geisteswissenschaftler, als die Politiker, die Schriftsteller, die Journalisten und alle Befreiungstheorien.“ (Meyer 2015, S.9)

Zu den Errungenschaften der Naturwissenschaften zählt Martenstein ganz naiv Flugzeuge, Computer, die Steigerung der landwirtschaftlichen Erträge, kürzere Arbeitszeiten und schmerzfreies Sterben, und er empfiehlt allen Zweiflern und Miesmachern eine „Zeitreise in das Jahr 1800“, um sich dort von den damaligen unerträglichen Lebensbedingungen zu überzeugen. Sein eigenes Differenzierungsvermögen demonstriert Martenstein dadurch, daß ihm tatsächlich auch zwei Schattenseiten am technologischen Fortschritt des ausgehenden 20. und beginnenden 21. Jhdts. einfallen: Genfood und Klimaproblem.

Nach diesem Beleg seiner eigenen Unvoreingenommenheit stellt er nun alle Technologiekritiker unter Ideologieverdacht. (Vgl. Meyer 2015, S.11) Diese ‚Ideologen‘ sind seiner Ansicht nach blind dafür, daß das heutige Europa das „Land Utopia“ bildet, von dem alle „unsere Ahnen“ immer schon geträumt haben, und dieses Utopia ist – selbstverständlich ganz ideologiefrei – durch die heilige Dreifaltigkeit aus „Naturwissenschaftler(n), Ingenieure(n) und Unternehmer(n)“ geschaffen worden. (Vgl. Meyer 2015, S.9)

Angesichts dieser historischen Fakten bedauert Martenstein es zutiefst, „dass in unseren politischen Debatten die Naturwissenschaftler fast keine Rolle spielen“ (vgl. Meyer 2015, S.10), und man fragt sich unweigerlich, über welche Welt und welche Gesellschaft dieser Martenstein da eigentlich spricht? Ist er vielleicht irgendwann in den 1980er Jahren ins Koma gefallen und erst kurz vor der Niederschrift seines Vorworts wieder aufgewacht? Hat er auf diese Weise vielleicht den Niedergang der Geisteswissenschaften und den Aufstieg der Naturwissenschaft zur hauptsächlichen Deutungsmacht über alles und jeden verschlafen? – Immerhin bietet er mir so den Anlaß, meine bisherigen Ausführungen zur Transdisziplinarität dahingehend zu ergänzen, daß dazu immer auch das Wissen um die Grenzen wissenschaftlichen Wissens gehört und auch Naturwissenschaftler keineswegs für Politikberatung prädestiniert sind.

Das ganze Vorwort bewegt sich auf einem Stammtischniveau von verdrehten und verkürzten Tatsachenbehauptungen und zeigt ein insgesamt, freundlich gesagt, unkritisches Verhältnis des Autors zum Wahrheitsbegriff, worin auch seine anfangs erwähnte naturwissenschaftliche Inkompetenz zum Ausdruck kommt: „Wahr ist nur, was sich verifizieren lässt.“ – schreibt Martenstein. (Vgl. Meyer 2015, S.11) Mit so was wie ‚Verifikation‘ befassen sich vor allem Rhetoriker und Ideologen, aber nicht Naturwissenschaftler. Für letztere gilt: wahrheitsfähig ist nur, was sich falsifizieren läßt.

Aber auch der Autor des Buches, Axel Meyer, hat ein eher unwissenschaftliches Verhältnis zur Wahrheit. Auch er spricht ganz naiv von einer „Wahrheit“, die, so Meyer, nicht immer „politisch korrekt“ sein müsse, und im Besitz dieser ‚Wahrheit‘, nämlich von „Erkenntnisse(n), die nach bestem Wissen die Natur, auch die menschliche, erklären“, befindet sich selbstverständlich eine Naturwissenschaft: die Biologie. (Vgl. Meyer 2015, S.16)

Ein Beispiel dafür, worin solche Wahrheiten bestehen, liefert Meyer einige Seiten weiter. So erklärt er die DNA zur „biochemischen Basis der genetischen Vererbung“. (Vgl. Meyer 2015, S.22) Die Formulierung „biochemische Basis“ kann sich aber nur auf die Aktivitäten der Zelle beziehen, denn vom Zellkern mit seinen Chromosomen gehen keinerlei biochemische Aktivitäten aus. Das Genom kann keinen genetischen Vorgang, wozu auch die Vererbung gehört, selber durchführen oder auch nur initiieren, und genau dies ist der Grund dafür, daß Viren eine Wirtszelle benötigen, trotz des Genoms, das sie mit sich führen. Und da die Spermien von ihrem Aufbau her aufs minimalste beschränkt sind und somit keinen Zellcharakter mehr besitzen, benötigen auch die Spermien eine (Wirts-)Zelle. Alle genetischen Vorgänge sind Prozesse einer Zelle, und somit bildet die Zelle die alleinige biochemische Basis der Vererbung. Der ‚Biologe‘ Axel Meyer übersieht, daß er von einem Lebensvorgang spricht, und die Zelle ist die kleinste Einheit aller lebenden Organismen (Zelltheorie). (Mein Dank an Georg Reischel für die Formulierungshilfe!)

Ohne die Zelle wäre die DNS bzw. DNA nur ein totes Molekül. Es mag der Träger der Erbinformationen sein, aber es beinhaltet keineswegs die biochemischen Voraussetzungen für die Entschlüsselung dieser Erbinformationen. Mancher mag sich vielleicht denken: Was soll’s? – Was liegt schon daran, ob die Vererbungsprozesse von den Genen ausgehen oder von der Zelle. Die Ergebnisse sind schließlich dieselben. Aber der Beitrag des Vaters zu den reproduktiven Leistungen der Mutter ist, auf die biochemischen Aktivitäten der Eizelle bezogen, vergleichsweise bescheiden. Nur mit Bezug auf den Chromosomensatz kann von einem fünfzigprozentigen Anteil die Rede sein. Trotzdem werden aus der ‚Befruchtung‘ der Eizelle durch den Vater umfassende gesellschaftliche Konsequenzen gezogen, die die Mütter auch heute noch vom beruflichen und sozialen Status der Väter finanziell abhängig machen. Aufs Ganze einer vieltausendjährigen Geschichte des Patriarchats gesehen muß man diesen Zustand sogar noch als Fortschritt verstehen.

Gerade Wissenschaftler sollten es also an dieser Stelle mit der ‚Wahrheit‘, also mit der biologischen Datenlage, besonders genau nehmen. Stattdessen sind aber Genetiker und Evolutionsbiologen, was die Gene betrifft, in ihren Begriffen und in ihren statistischen Berechnungen zwar äußerst penibel, aber zugleich auch äußerst schlampig, wenn es um die Berücksichtung der biochemischen Aktivitäten der mütterlichen Eizelle bei der Umsetzung und Realisierung neuen Lebens geht. Worauf eine Nicht-Berücksichtigung der weiblichen Reproduktionsleistungen mit ihren physischen und psychischen Belastungen, die mit der monatlichen Menstruation beginnt (und lange nicht damit endet), hinausläuft, demonstriert Axel Meyer mit einer Bemerkung zur Ungleichbehandlung der Männer: „Frauen bekommen heute wenigstens fünf bis sechs Jahre länger Rente als Männer. Wie soll sich das rechnen? Es ist vielleicht nicht politisch korrekt, solche Fragen zu stellen, aber sie lassen sich nicht mehr allzu lange ignorieren, und jeder mit gesundem Menschenverstand sollte sie sich stellen.“ (Meyer 2015, S.371)

Axel Meyer belegt mit seiner Klage über diese der längeren Lebenserwartung der Frauen geschuldete Ungerechtigkeit unwillentlich, daß es mit der „Sachkenntnis“ (Meyer 2015, S.364) nicht nur unter Laien, sondern auch unter Wissenschaftlern letztlich nicht weit her ist.

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