„...letztlich ist der Mensch, als Folge oder Krönung der Evolution, nur in der Totalität der Erde begreifbar.“ (Leroi-Gourhan, Hand und Wort, S.22)
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Freitag, 7. April 2023

Kleine Karfreitagspredigt

Ich gehe mit diesem Blogpost ein Wagnis ein. Ich will als alter weißer Mann über Diskriminierung schreiben, also gewissermaßen wie ein Blinder über Farben. Wobei auch diese Bemerkung schon wieder eine Diskriminierung beinhaltet.

Ich vergrößere mein Wagnis sogar noch, indem ich mich weigere, zwischen Haupt- und Nebenwidersprüchen zu unterscheiden. Ich will alle Diskriminierungen einander gleichsetzen. Dabei gestehe ich allerdings zu, daß es ältere und jüngere Formen der Diskriminierung gibt: die Diskriminierung der Frauen ist die älteste, so alt wie das Patriarchat, und reicht ca. drei bis vier Tausend Jahre zurück.

Warum gehe ich dennoch von einer prinzipiellen Gleichheit aller Formen der Diskriminierung aus? ‒ Weil die Diskriminierungserfahrung Teil der sozialen Natur des Menschen ist.

Jean-Jacques Rousseau hat es auf den Punkt gebracht: es geht letztlich um unser Gerechtigkeitsempfinden. Ungerechtigkeit löst immer dann die größte Empörung aus, wenn sie uns von unseren Mitmenschen zugefügt wird. Ein Naturereignis, so sehr es uns schadet, würde niemals als Ungerechtigkeit empfunden, schreibt Rousseau.

Natürlich beklagen Menschen immer das ihnen widerfahrene Unglück, auch wenn es sich um Naturkatastrophen handelt. Aber um sich beklagen zu können, richten sie sich wie Hiob gegen Gott, den sie verantwortlich machen können. Oder sie verbrennen Hexen. Sie versuchen Personen verantwortlich zu machen, auch wenn es die schwarze Pest ist, die sie sterben läßt.

Wo wir gerade bei Gott sind. Am heutigen Karfreitag ist es vor allem Judas, der von allen, von Gott und seinen Gläubigen, diskriminiert wird: als einer, der von Anfang an dafür vorgesehen war, der Schuldige zu sein; und der einzige zu sein, dem nicht vergeben werden kann.

Um welche Diskriminierungen geht es mir also heute? Um diejenigen, die strukturell bedingt sind. Und dabei denke ich zwar auch ans Patriarchat, aber eben nicht nur an den ,Rassismus‛ oder an den Sexismus. Ich denke an die Infrastruktur einer Gesellschaft, die über die Dazugehörigkeit von Menschen entscheidet. Und ich denke daran, wie sehr diese Infrastruktur Teil unserer Persönlichkeitsstruktur geworden ist. Wofür ich auf das Smartphone verweise: als nicht mehr wegzudenkender Bestandteil unserer Persönlichkeit.

Mir ist beim Lesen von Christa Wolfs „Auf dem Weg nach Tabou“ (1994) aufgefallen, daß die gesellschaftliche Auseinandersetzung um die political correctness schon sehr alt ist. Sie reicht viele Generationen zurück ins 20. und 19. Jhdt. Die heutige Genderdebatte bildet nur eine weitere Variante der political correctnesss. Man kennt noch die vielen Variationen des N-Wortes, wie man Menschen mit anderer Hautfarbe korrekt bezeichnen darf, bis wir irgendwann verstanden, daß jeder Blick auf die Hautfarbe rassistisch ist: daß es da keine korrekte Bezeichnung für gibt, weshalb das diskriminierende Ursprungswort nur noch mit seinem Anfangsbuchstaben ausgesprochen werden darf.

Bei Christa Wolf fiel mir auf, was ich fast schon wieder vergessen hatte, daß es auch im Umgang zwischen Ost- und Westdeutschland solche sprachlichen Strukturen gibt, aus denen wie aus einem Myzel Pilzwörter aufpoppen, ,Beitrittsgebiet‛, ,Jammerossi‛, ,Provinz‛, ,Buschzulage‛, ,Evaluation‛, ,Kommandowirtschaft‛; Pilzwörter, die die strukturelle Diskriminierung explizit machen: „Da helfen nur noch mühsame, schmerzhafte, oft verletzende Sprachübungen in kleineren und größeren Kreisen, aus denen wir alle vielleicht verändert herauskommen.“ (Wolf 1994, S.57)

Interessant ist, daß Christa Wolf diese Sprachübungen „schmerzhaft“ nennt. Political correctness ist wie eine Operation am lebendigen, schmerzempfindlichen Leib. Und dabei hatte Wolf bei all ihrem politisch wachen Bewußtsein für die Notwendigkeit ihrer schriftstellerischen Arbeit am geschriebenen und gesprochenen Wort noch nichts von der Genderakrobatik von heute geahnt.

Ich verstehe die Notwendigkeit, die Sprache zu reformieren. Das ist die tägliche Arbeit unserer Schriftstellerinnen und Schriftsteller. Auch ich empfinde mein Schreiben als Arbeit am Wort. Aber diese Sprache ist auch die Sprache, die ich täglich spreche. Und ich spreche sie, weil ich denke und fühle. Ich spreche, wie ich die Luft ein- und ausatme.

Es ist wie mit den zahlreichen gescheiterten Reformen unseres Bildungssystems. Da werden nicht einfach nur irgendwelche Institutionen reformiert, wie etwa Verwaltungsstrukturen, oder Gebäude instandgesetzt, wie ein Schulgebäude, was sowieso selbstverständlich und notwendig ist. Bei den ständig scheiternden Bildungsreformversuchen experimentieren wir vielmehr mit unseren Kindern! Und was die Kinder betrifft, sind nur die Experimente ethisch zu rechtfertigen, die ihnen unmittelbar nützen und nicht erst Jahre später, wenn sie erwachsen sind; also wenn es zu spät ist.

So empfinde ich für die Sprache, meine Sprache: wo ich keine Wörter mehr habe, die ich unmittelbar in Gespräche einbringen kann, muß ich verstummen. Da nutzt es weder mir noch meinen Gesprächspartnern etwas, daß ich beim Versuch, die politisch korrekten Wörter zu finden, ins Stammeln und Stottern gerate. Wo mir sowieso schon die freie Rede schwerfällt und ich lieber Texte schreibe.

Für mich ist ChatGPT jedenfalls nicht entwickelt worden. Ich hätte gut darauf verzichten können. Tatsächlich fühle ich mich gekränkt von dieser Technologie. Eine tiefe, verletzende Kränkung. Tatsächlich empfinde ich die allgemeine Wertschätzung der KI als eine persönliche Diskriminierung. Als eine Geringschätzung der menschlichen Fähigkeit zu denken.

Persönlichkeitsstrukturen sind ein Mix aus im einzelnen Menschen inkarnierten gesellschaftlichen Konventionen und individuellen Gewohnheiten. Plessner würde das „Körperleib“ nennen, aber es fehlt dem auf der Grenze zwischen Innen und Außen schwankenden Selbst die Neutralität. Im Gegenteil sind unsere Sprech- und Lebensgewohnheiten mit Wertungen aufgeladen, denen wir in unseren Interaktionen nicht entkommen können. Alles das läßt sich zusammenfassen in dem Wort ,Infrastruktur‛. Es umfaßt das volle Gewaltpotenzial aller zur Infrastruktur gehörenden Einrichtungen bis hin zur Digitalisierung aller Lebensbereiche und bis hin zum täglichen Straßenverkehr, dem wir tagtäglich ausgesetzt sind, sobald wir die Wohnung verlassen und einen Fuß auf die Straße setzen. Überall wird diskriminiert. Nicht nur in der Sprache. Die Infrastruktur zerstört nicht nur Landschaften, sondern auch Möglichkeiten, anders zu leben, anders zu sein als die anderen. Anders als die, die dazugehören im Unterschied zu allen, die draußen bleiben, die Unbehausten und Wohnungslosen.

Diese Infrastruktur ist unsere Menschenwelt, aber zugleich ist sie ununterscheidbar von der Naturwelt geworden. Die Diskriminierung ist also naturförmig geworden. Vielleicht ist es das, was unsere Empörungsbereitschaft ins Grenzenlose steigert? Ist die Diskriminierungserfahrung also auch eine den endlos fortschreitenden technologischen Innovationen geschuldete Grundbefindlichkeit des heutigen Menschen?

Diskriminierung ist überall, und nirgends ist sie gerechtfertigt. Dennoch arbeiten wir weiterhin fleißig daran, diese Diskriminierungen nicht nur nicht abzuschaffen, sondern auch noch auszubauen. Inzwischen diskriminieren wir sogar Menschen, die noch gar nicht leben, weil wir ihre künftigen Lebensgrundlagen zerstören, um es uns auf verquere Weise ,gut‛ gehen zu lassen. Weil wir, die wir uns selbst überall diskriminiert fühlen, wie die Autofahrer im von Aktivisten der Letzten Generation verursachten Stau, schadlos halten wollen an unserem Anteil von einem Kuchen, von dem nur noch Krümel übrig sind. Ein Kuchen, den wir nicht neu backen können.

Es gibt keine Rangordnung der Diskriminierung. Wir alle sind diskriminiert, weil wir uns diskriminiert fühlen. Ungerecht behandelt. Von unseren Mitmenschen.

Dafür gehen wir auf die Barrikaden. Dafür finden sich die Wissings und Lindners dieser Welt, um ein paar Wählerstimmen zu fischen, mit denen sie es vielleicht noch mal knapp über die fünf Prozent schaffen.

Ich habe gerade wiedermal ein Lied von Rio Reiser gehört. Darin heißt es: „Du sagst, Du willst die Welt nicht ändern!“ ‒ Und Reiser fragt: „Wie schaffst Du das bloß?“ ‒ Und dann singt er den Vers: „Mit jedem Bissen, den Du ißt, ist die Welt eine andre als zuvor!“

Wie das? Wie kann ein Bissen die Welt ändern? ‒ Dieser Vers macht nur dann einen Sinn, wenn man versteht, daß jede und jeder von uns auch ein Teil der Welt ist. So kann ein Bissen, der unsere Lebenskraft erhält und stärkt, auch die Welt erhalten und stärken.

Das funktioniert natürlich nur, wenn jede und jeder einzelne sich ihrer und seiner Verantwortung für diese Welt bewußt ist. Ansonsten stärkt zwar jeder Bissen unsere Lebenskraft, schwächt aber zugleich die Welt.

Sonntag, 3. März 2019

Dirk van Laak, Alles im Fluss. Die Lebensadern unserer Gesellschaft – Geschichte und Zukunft der Infrastruktur, Frankfurt a.M. 2018

1. Zusammenfassung
2. Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit
3. Anachronisten im Anthropozän

Infrastrukturen sind äußerst effektive Synchronisierungsinstrumente, weshalb sie auch gerne von den verschiedensten politischen Regierungssystemen in Gebrauch genommen werden:
„Ausmaß und Funktionalität der Infrastrukturen werden bis heute mit Ordnung und guter Regierung in Verbindung gebracht, oft sogar damit gleichgesetzt.“ (Van Laak 2018, S.11)
Allerdings haben sie die ambivalente Tendenz, von beiden Seiten, Herrschern und Beherrschten, genutzt werden zu können und so umgekehrt wiederum bestehende Regime zu bedrohen. Letztlich mußte also auch der Gebrauch der Infrastrukturen durch die Nutzer kontrolliert werden. So gab es zwar im real existierenden Sozialismus Telephone, aber nicht sehr viele, und wer telephonieren wollte, mußte dorthin gehen, wo es eins gab:
„Man kann den Eindruck gewinnen, der Ausbau mobilisierender Infrastrukturen wie des Telefonnetzes sei im Realsozialismus künstlich verzögert worden, um die Gesellschaft kontrollierbarer zu halten.“ (Van Laak 2018, S.131)
Telephone waren im Ostblock nicht dazu gedacht, soziale Kommunikation zu ermöglichen, sondern Anweisungen möglichst effektiv und schnell an die Frau oder den Mann zu bringen:
„Schon in den frühen sowjetischen Filmen ist das Telefon zwar allgegenwärtig. Es erscheint aber fast ausschließlich als ein Apparat, um zentral durchgestellte Befehle zu empfangen, nicht als Medium einer selektiven Annäherung und des sozialen Austauschs.()“ (Van Laak 2018, S.82)
Aber auch im kapitalistischen Westen wurde das Telephon anders genutzt, als es die Anbieter ursprünglich vorgesehen hatten. Es waren vor allem die Frauen, die das Telephon für sich in Anspruch nahmen:
„Im Grunde wurde das Telefon jedoch von den Nutzern zu einem großen Teil entgegen den eigentlichen Absichten und Angeboten der Telefongesellschaften angeeignet. Als besonders attraktiv wurde offenbar die gleichsam intime Nähe trotz körperlicher Distanz empfunden. ... Die Möglichkeit zur Kontaktpflege über das Telefon haben wiederum vornehmlich Frauen aufgegriffen. Sie scheinen sich diese Möglichkeit auch deswegen angeeignet zu haben, weil das Telefon quasi aus der Küche heraus die distanzierte Pflege von Kontakten erlaubte.“ (Van Laak 2017, S.81f.)
Damit sind wir beim Thema dieses Blogposts: es geht hier um die divergierenden Interessen der Nutzer, die oft genug auch Nutzer wider Willen sind und sich sogar gelegentlich offensiv ganz verweigern. Ich möchte sie summarisch als ‚Anachronisten‘ bezeichnen, weil es sich, wie eingangs schon erwähnt, bei den Infrastrukturen um Synchronisierungsinstrumente handelt, und diese renitenten ‚Nutzer‘ sich einer solchen Synchronisierung widersetzen.

Von diesen Anachronisten hat es von Anfang an mehr gegeben, als mancher Zeitgenosse heute glauben mag. Allerdings ist ‚Anachronismus‘ ein weitgefaßter Begriff und umfaßt auch solche Leute, die wie die Reichsbürger noch immer am Kaiserreich festhalten wollen. Wenn wir uns in der heutigen sich zunehmend fragmentierenden Gesellschaft umsehen, können wir den Eindruck gewinnen, daß sie praktisch nur noch aus Anachronisten besteht, so daß die reale Gefahr besteht, daß die Gesellschaft völlig auseinanderfällt. Aber wenn wir genauer hinsehen, stellen wir fest, daß dies nur oberflächlich so ist. Tatsächlich benutzen ‚Anachronisten‘ aller Couleur, einschließlich den islamischen Fundamentalisten, Handys und Smartphones und sind deshalb letztlich doch mit der technologisch-wirtschaftlichen Entwicklung synchron.

Immerhin haben diese Fundamentalisten etwas verstanden, was die vorherrschende westliche Wohlstands- und Wachstumsrhetorik immer wieder zu kaschieren versucht. Die Nutzung der westlichen ‚Errungenschaften‘ zerstört alt hergebrachte Lebensformen in den nicht-westlichen Kulturen. Deren ‚Beglückung‘ mit Eisenbahnen und Staudämmen diente im 19. Jahrhundert allererst der Plünderung ihrer Ressourcen, was in Kolonisierungsdiktion auch als „Inwertsetzung“ unproduktiver Gebiete bezeichnet wurde:
„... so verfolgte die imperiale Expansion der Europäer vor allem die Absicht, die fernen Gebiete ‚in Wert‘ zu setzen. Das bedeutete, sie einer Produktivität zu unterwerfen, die dem von Wachstum und Fortschritt geprägten Denken Europas entsprach.“ (Van Laak 2018, S.138)
Der kapitalistisch geprägte Begriff der Produktivität entsprach aber nicht dem, was die indigenen Bevölkerungen unter Produktivität verstanden. Die von den Kolonisatoren angestrebte Inwertsetzung bestand also darin, deren ‚anachronistischen‘ Lebensformen mit der eigenen zu synchronisieren:
„Wer sich nicht beugte, wurde als bedauerliches Opfer am Wegesrand des Fortschritts betrachtet oder gar als Angehöriger einer ‚unproduktiven Rasse‘ dem Aussterben überantwortet.“ (Van Laak 2018, S.138)
Aber nicht nur in der exotischen Fremde galt es, solche Anachronisten zu kolonisieren. Jürgen Habermas spricht auch von einer Kolonialisierung der Lebenswelten mitten in der ‚ersten‘ Welt. Das war schon von Anfang an so: der Kapitalismus begann mit einer ursprünglichen Akkumulation, also mit der räuberischen Aneignung der Allmenden, der Commons, die die Lebensgrundlage der ‚vormodernen‘ Landbevölkerung bildeten. Durch diese räuberische Aneignung heimatlos geworden, mußte die Landbevölkerung sehen, wo sie blieb, und wurde zum Proletariat, das sich nun nach Karl Marxens Auffassung auf der Höhe der Zeit befand und das Subjekt einer radikalen Technisierung der Gesellschaft bilden sollte.

Auch hier verweigerten sich Anachronisten wie die Amish-Peoble, die van Laak auch als „Anabaptisten“ bezeichnet:
„Anabaptisten wie die Amish, die Hutterer, die Mennoniten, aber auch die orthodoxen Juden streben nach einem Leben jenseits weltlicher Annehmlichkeiten.“ (Van Laak 2018, S.142)
Diese Anababtisten bzw. Baptisten verweigerten sich radikal den in den letzten zwei, drei Jahrhunderten entwickelten Technologien. Von hier ist der Weg gar nicht mehr so weit bis zu der „ländlich-isolierte(n) Lebensweise“ von „alternative(n) Lebensformen“ in den USA und in Europa (vgl. van Laak 2018, S.142), deren Technologie-Verweigerung zwar nicht so radikal ausgeprägt ist, die aber an älteres Wissen anknüpfen, „das sich auf ökologische Praxen des vorindustriellen Zeitalters besinnt und sie zeitgemäß interpretiert“. (Vgl. van Laak 2018, S.155) Auch das ist Anachronismus: das Zurückblicken auf früher schon mal Gewußtes und das Vorausblicken auf bevorstehende Herausforderungen, um aus den beharrenden Zwängen der Gegenwart auszubrechen und neue Wege zu eröffnen. Das ist im besten Nietzscheschen Sinne ‚unzeitgemäß‘.

Die Geschichte der Infrastrukturierung der us-amerikanischen und europäischen Gesellschaften wird also von Anfang an von Konflikten begleitet, die potenzielle Nutzer verursachten, die sich dem Anschluß an die infrastrukturelle Moderne zu verweigern suchten. Solche Verweigerungsversuche gingen sowohl von indigenen Bevölkerungen wie auch von Betroffenen in der ‚ersten‘ Welt selbst aus. Die Anbieter (Energiewirtschaft) versuchten solche Widerstände mit der üblichen Rhetorik einzudämmern und mehr oder weniger gewaltförmig mundtot zu machen. (Vgl. van Laak 2018, S.77) Geschickter ging da John D. Rockefeller vor, der bei einer Campagne in China kostenlos Petroleumlampen verteilte, „um die Abnehmer auf eine dauerhafte Belieferung durch seine Standard Oil zu eichen“. (Vgl. van Laak 2018, S.79) Das wurde zum Vorbild für zahlreiche ähnliche Aktionen bis in die Gegenwart hinein.

Anachronisten gibt es in unserer Gegenwart auf vielen verschiedenen Ebenen, wie etwa die „Maulwurfsmenschen“, die zum Teil freiwillig, zum Teil unfreiwillig in Kanal- und U-Bahnschächten New Yorks leben und so paradoxerweise einerseits die vorhandenen Infrastrukturen, wenn auch zweckentfremdet, nutzen, sich aber andererseits den infrastrukturellen ‚Annehmlichkeiten‘ des oberirdischen Getriebes entziehen. (Vgl. van Laak 2018, S.253) Tatsächlich gibt es inzwischen sogar Cafés, die technikfreie Räume anbieten, in denen gestreßte Zeitgenossen eine Pause machen können vom Druck der permanenten Erreichbarkeit und vom Zwang, ständig Entscheidungen treffen zu müssen:
„Seit 2014 stellt das Café Seymore+ in Paris ein Offline-Versteck ohne Anschluss bereit. Dieses soll eine technikfreie Zone sein, unplugged und ohne Smartphones, in denen inzwischen das gesamte Berufs- und Privatleben zusammenfließt. Als neues Trendwort der digital junkies, an die sich das Angebot hauptsächlich richtet, gilt die mindfulness, also die Achtsamkeit für sich selbst und für andere.()“ (Van Laak 2018, S.253)
Inzwischen bezeichnen Geologen das Industriezeitalter als „Anthropozän“. (Vgl. van Laak 2018, S.271) Die Anachronisten des Anthropozäns, wie ich sie verstehe, sind nicht damit einverstanden, daß der Mensch den Planeten nach seinem Bilde geformt hat. Sie geben sich auch nicht mit der Tatsache ab, daß sich das nicht mehr ändern läßt. Sie wollen der Erde wieder mehr Raum zum Atmen geben, was bedeutet, daß die Menschen lernen, sich in Reservate zurückzuziehen und auf eine umfassende Ausplünderung der planetarischen Ressourcen zu verzichten.

Letztlich hält van Laak fest, daß unsere Gegenwart selbst durch einen fundamentalen Anachronismus gekennzeichnet ist, der darin besteht, „dass unser Erfahrungsraum sich noch in der infrastrukturisierten Hochmoderne bewegt, während unser Erwartungshorizont bereits auf eine Epoche vorausweist, in der wir sehr viel grundlegender umdenken und unsere Routinen nachhaltig ändern müssen“. (Vgl. van Laak 2018, S.276)

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Samstag, 2. März 2019

Dirk van Laak, Alles im Fluss. Die Lebensadern unserer Gesellschaft – Geschichte und Zukunft der Infrastruktur, Frankfurt a.M. 2018

1. Zusammenfassung
2. Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit
3. Anachronisten im Anthropozän

Phänomenologen befassen sich mit dem Sichtbaren und seinen Rückseiten, ohne die es das Sichtbare nicht gibt; und mit den Hintergründen, aus denen es hervortritt und in die es zurückweicht. Es gibt keine Phänomene ohne das Unsichtbare. Und für die lebensweltlichen Phänomene gilt sogar, daß sie immer unsichtbar sind und sich zeigen, indem sie sich auf unterschiedliche Weisen nicht zeigen. Auch für die Thematik von Dirk van Laaks Buch „Alles im Fluss“ (2018), für die „Infrastrukturisierung“ der Hochmoderne (vgl. van Laak 2018, S.154 und S.286), spielen die verschiedenen Varianten des Unsichtbaren eine so gewichtige Rolle, daß es gerechtfertigt ist, die Infrastruktur als das technokratische Gegenstück zum phänomenologischen Begriff der Lebenswelt zu bezeichnen.

Van Laaks Methode weist dem Unsichtbaren eine wichtige Funktion zu. Es geht dem Historiker nicht um die großen Geschichtszeichen von Politikern, Unternehmern, Erfindern oder Gesellschaftsreformern, sondern um die „alltäglichen Routinen“ im Umgang mit Infrastrukturen, deren sich die jeweiligen Zeitgenossen in den verschiedenen geschichtlichen Epochen oft gar nicht bewußt sind, und für diese „Gebrauchsgeschichte“ ist „das Unsichtbare oft wichtiger als das Sichtbare“. (Vgl. van Laak 2018, S.21)

Beides, die Unsichtbarkeit von Gegenständen – Heidegger spricht von der Zuhandenheit des Zeugs – und die Unmerklichkeit des Umgangs mit ihnen, bildet wesentliche Momente einer genuin phänomenologischen Konzeption des Mensch-Weltverhältnisses:
„Es gehört zu den hervorstechenden Merkmalen der Infrastrukturen, dass sie sich meist rasch in die alltäglichen Routinen ihrer Nutzer einschleichen. Insofern stellen sie so etwas wie das kollektive Unterbewusste dar, eine entlastende Voraussetzung für weitergehende kreative und zerstreuende Tätigkeiten.“ (Van Laak 2018, S.284)
Dabei schwankt der phänomenale Status der Infrastrukturen je nach dem, wie gut sie funktionieren, bis hin zu den spektakulären Momenten, wo sie vollständig ausfallen (vgl. van Laak 2018, S.229ff.); ein weiteres Merkmal auch der Lebenswelt, deren wir uns immer erst dann bewußt werden, wenn wir aufgrund von Krisen oder Unglücksfällen aus ihr herausfallen:
„Wenn sie (die Infrastrukturen – DZ) aber sichtbar werden oder ins Bewusstsein treten, ist dies oft mit Ärger verbunden, so wenn das, was fließen soll, ins Stocken gerät, wenn die Preise überhöht erscheinen oder wenn Ressourcen oder Gelder offenkundig verschwendet werden. Die Sichtbarkeit von Infrastrukturen reicht vom Unmerklichen bis zum großen Spektakel, mit sämtlichen Schattierungen dazwischen.()“ (Van Laak 2018, S.185)
Aber nicht nur die ‚Vulnerabilität‘ zusammenbrechender Infrastrukturen trägt zu deren variierenden Sichtbarkeit bei. Infrastrukturen haben darüberhinaus Lebenszyklen. (Vgl. van Laak 2018, S.202ff.) Sie können veralten und werden dann entweder abgebaut und verschwinden vollständig, oder sie werden überbaut und bilden Schichten, quasigeologische Ablagerungen, über die sich immer neue Infrastrukturen legen:
„Neue Technologien legen sich gleichsam über die alten, sie werden ‚überplant‘ und schaffen, wie beim Internet in Bezug zum Telefonnetz, ein Overlay-Netzwerk, bis auch dieses durch ein neues Netz, etwa die Breitband- und Glasfaserkabel, abgelöst wird.()“ (Van Laak 2018, S.208)
Dabei geht das Wissen um die älteren Strukturschichten oft verloren, was dann bei späteren Grabungen entsprechende Überraschungen verursacht:
„Der genaue Verlauf der unterirdischen Leitungen wurde dabei in aller Regel nur unvollständig dokumentiert und noch seltener zentralisiert zugänglich gemacht. Seither kann jede Grabung, jeder Weg in den Untergrund – beziehungsweise das Unterbewusste der Städte – für Überraschungen sorgen.()“ (Van Laak 2018, S.67)
Van Laak spricht hier zurecht vom „Unterbewussten der Städte“, denn auch das menschliche Bewußtsein bildet Schichten, zu denen die verschiedenen biologischen, kulturellen und individuellen Entwicklungsebenen des Unterbewußten gehören; ein weiterer Grund also, warum das methodische Vorgehen des Historikers van Laak als phänomenologisch bezeichnet werden kann.

Bekannterweise gibt es zahlreiche Nostalgiker, die technische Relikte, wie etwa Oldtimer, aus früheren Zeiten sammeln und restaurieren:
„An ihnen offenbaren sich zeitliche Schichtungen, an sie heften sich nostalgische Erinnerungen an Tempi passati. Alte Bahnhofsgebäude und Oldtimer, die letzten Doppeldeckerbusse Berlins, ältere Computer oder Handys sind sichtbare Relikte einer früheren Zeitschicht.“ (Van Laak 2018, S.203)
Auffällig dabei ist allerdings, daß sich diese Nostalgien selten auf die Infrastrukturen selbst richten, nicht einmal dann, wenn es sich dabei um mal gelbe, mal rote Telephonzellen handelt. Denn bei diesen Telephonzellen handelt es sich wie bei Pilzen nicht um den ‚Pilz‘ selbst, dessen unterirdisches Geflecht unserer Aufmerksamkeit entgeht, sondern um die ‚Fruchtkörper‘, sprich: ‚Endgeräte‘, also um die eigentlichen Gegenstände des täglichen Gebrauchs. Allenfalls die „Aus- und Einstiege in die Netze“ (van Laak 2018, S.203), also das Verlegen von Kabeln oder der Rückbau von Straßen, erregen punktuell unsere Aufmerksamkeit, werden dann aber auch gleich wieder vergessen.

Noch ein weiterer Aspekt der prekären infrastrukturellen Sichtbarkeit besteht darin, daß Infrastrukturen nicht nur selbst unauffällig sind, sondern auch unsichtbar machen können, wie im Falle der New Yorker „Maulwurfsmenschen“: vorwiegend Obdachlose, aber auch Vietnamveteranen, makrobiotische Hippies, Cracksüchtige, kubanische Flüchtlinge, verurteilte Mörder, Computernerds, philosophierende Einsiedler etc., die sich übergangsweise in die „Gas-, Elektrizitäts-, Kanal- und Eisenbahnschächte() unterhalb New Yorks“ zurückziehen. (Vgl. van Laak 2018, S.253) Wir haben es also bei diesem ‚Untergrund‘ mit einer modernen Version einer ‚Höhle‘ zu tun, was an Platons Höhlengleichnis erinnert und eine Parallele zur Nutzung gewisser ‚Endgeräte‘, wie etwa den Smartphones, erlaubt, die man auch als tragbare Höhlen bezeichnen könnte, die ihre bis in beide Ohren verkabelten Nutzer sogar dann von der Welt abschirmen, wenn diese Nutzer sich draußen durch den Stadtverkehr oder joggend durch die Natur bewegen.

Da fragt man sich, wer die eigentlichen Höhlenbewohner sind: möglicherweise nicht die Maulwurfsmenschen.

Ein letztes Merkmal der prekären Sichtbarkeit von Infrastrukturen, auf das van Laak in seinem Buch zu sprechen kommt, bildet die öffentliche Hand, die an die Stelle der unsichtbaren Hand des Marktes getreten ist, wie sie Adam Smith beschrieben hat. (Vgl. van Laak 2018, S.62) Diese öffentliche Hand finanziert den Ausbau der Infrastruktur und nutzt dabei die Tendenz infrastruktureller Neuerungen, sogleich im ‚Untergrund‘ zu verschwinden und unsichtbar zu werden, zur „Camouflage“, also zur Kaschierung von Partikularinteressen und Korruption, die von der Tendenz unterstützt wird, daß „(i)mmer umfassender zugängliche Infrastrukturen ... immer unmerklicher zur Verfügung gestellt (werden)“. (Vgl. van Laak 2018, S.287)

Neue Infrastrukturen werden selten, eigentlich nie, aufgrund demokratischer Entscheidungen unter Einbeziehung aller vom Bau dieser Infrastrukturen Betroffenen eingeführt. Indigene Bevölkerungen mußten gigantischen Infrastrukturbauten weichen, wie etwa beim Eisenbahnbau in den USA (19.Jhdt.), bei Staudämmen oder bei Straßen durch den Amazonas. Nicht nur in Diktaturen, auch in Demokratien werden Infrastrukturprojekte in dunklen Hinterzimmern beschlossen, wo Profitinteressen ausgehandelt werden. Die Debatten im Bundestag sind dann nur noch Camouflage. So tritt die „öffentliche Hand“ an die Stelle der „unsichtbaren Hand“ des Marktes, ohne dadurch allerdings an Sichtbarkeit (Transparenz) zu gewinnen.

Das Argument ist immer wieder die Fürsorge des Staates. Die sogenannte ‚Daseinsvorsorge‘. Das paternalistisch fürsorgliche Verhalten des Staates ist vorgeblich am Gemeinwohl ausgerichtet. Aber schon von Beginn an betrieb der Kapitalismus (Stichwort ‚ursprüngliche Akkumulation‘) mit diesem Gemeinwohl sein eigenes perfides Spiel. Das ist die bislang letzte Drehung in der Spirale einer durchgehenden Infrastrukturierung, die aufgrund ihrer phänomenalen Eigenschaften zur scheinbar perfekten Falle für das auf seine Souveränität so stolze Bürgerbewußtsein geworden ist, einer Falle, an der die Bürger selbst unbewußt mitarbeiten. Gäbe es nicht Geschichtssignale wie „Greenwich-Village“ in den 1960er Jahren (vgl. van Laak 2018, S.124), die jahrzehntelange, mehrere Generationen umfassende Anti-Atomkraftbewegung oder heute Stuttgart 21 und den Hambacher Forst, möchte man an der Möglichkeit, dieser Falle zu entkommen, verzweifeln. Auf dieses Thema werde ich im dritten und letzten Blogpost noch einmal zurückkommen.

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Freitag, 1. März 2019

Dirk van Laak, Alles im Fluss. Die Lebensadern unserer Gesellschaft – Geschichte und Zukunft der Infrastruktur, Frankfurt a.M. 2018

1. Zusammenfassung
2. Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit
3. Anachronisten im Anthropozän

Dirk van Laak bezeichnet in seinem Buch „Alles im Fluss“ (2018) Infrastrukturen als „Fließräume, in die wir uns im Bedarfsfall einklinken, indem wir das Leitungswasser laufen lassen, den Strom anschalten, die Bahn besteigen und ins Internet gehen“. (Vgl. van Laak 2018, S.13) Das verweist zum einen auf ein wichtiges Funktionsmerkmal von Infrastrukturen, nämlich eine möglichst umfassende Zirkulation von „Menschen, Waren und Ideen“ zu gewährleisten. (Vgl. van Laak, S.51) Zum anderen erinnert das Wort ‚Fließraum‘ an die natürlichen Urbilder der heutigen technischen Infrastrukturen, nämlich Flüsse und Meere:
„Die Seeschifffahrt wird in ihrer Bedeutung für die Zirkulation von Gütern, gerade in der Gegenwart, oft unterschätzt.“ (Van Laak, S.38)
Ähnlich wie Fluglinien und Zugfahrpläne (und parkende PKWs an Straßenrändern und in Garagen) halten das fließende Wasser in den Flüssen und die Winde auf den Weltmeeren Bewegung vor, in die sich Reisende und Güter „im Bedarfsfall einklinken“ können. Dabei prägen diese natürlichen Infrastrukturen ein weiteres Merkmal der heutigen technischen Infrastrukturen vor: sie halten sich nicht an Grenzen. Sie geben an ihre Nutzer einen „grenzüberschreitende(n) Impuls“ weiter, der zum Mantra eines „technokratische(n) Internationalismus“ geworden ist. (Vgl. van Laak 2018, S.102f.) Die heutigen technischen Infrastrukturen stehen im Dienste eines kapitalistisch geprägten Globalismusses, der sich wenig um die regional divergierenden Lebensweisen und Lebensnöte derjenigen schert, die seinen Profitinteressen im Wege stehen, so wenig wie er sich Gedanken über die Begrenztheit von Ressourcen macht, zu deren größtmöglich effektiven Plünderung diese technischen Infrastrukturen ja beitragen sollen.

So steht der grenzüberschreitende Impuls der heutigen technischen Infrastrukturen ineins mit einem globalisierten Kapitalismus für ein uneingeschränktes Wirtschaftswachstum, ein Konzept, das, wie van Laak schreibt, „aber nicht ohne Grund auf dem Prüfstand (steht)“. (Vgl. van Laak 2018, S.12)

Ebenfalls nicht ohne Grund ist hier bisher von den ‚heutigen technischen Infrastrukturen‘ die Rede gewesen. Van Laak macht von Beginn an klar, daß es ihm in seinem Buch nicht um vormoderne Infrastrukturen geht, wie etwa die Fernstraßen Roms und Japans, die chinesischen Kanalnetze, die Bewässerungssysteme in Ägypten, Indien und Mittelamerika oder die zentralasiatische Seidenstraße. (Vgl. van Laak 2018, S.17) Es geht ihm vielmehr um ein bestimmtes neuzeitliches Infrastrukturkonzept, das vor allem der Infrastrukturentwicklung seit dem 18. Jhdt. in Europa und Nordamerika zugrundegelegen hat. Dieses Infrastrukturkonzept weist bestimmte Merkmale auf, an die die Technokraten und mit ihnen die kapitalistische Gesellschaftsordnung – mit durchaus unterschiedlich ausgeprägter ‚Beteiligung‘ der Bevölkerung – geglaubt haben wie an religiöse Dogmen.

Bei diesen Merkmalen handelt es sich allererst um die umfassende Inklusivität von Infrastrukturen:
„Von ‚Infrastrukturen‘ soll hier – gerade in Abgrenzung zu früheren Stadien der Verkehrserschließung, des Informationsaustauschs oder der Fürsorge – daher erst dann gesprochen werden, wenn tendentiell eine Mehrzahl an Menschen im Alltag auf entsprechende Einrichtungen tatsächlich zugreift.“ (Van Laak 2018, S.17f.)
Niemand soll von ihrer Nutzung ausgeschlossen sein, was bei den vormodernen Infrastrukturen van Laak zufolge nicht der Fall gewesen war, da ihre Nutzung „auf repräsentative oder wohlhabende Nutzer beschränkt“ geblieben sei. (Vgl. van Laak 2018, S.80f.) Ein weiteres Merkmal dieses modernen Infrastrukturkonzepts habe ich schon erwähnt: es bildet eigentlich einen Merkmalskomplex, das
  • aus der Vorstellung von der Notwendigkeit einer umfassenden „Zirkulation von Gütern, Menschen und Ideen sowie einer möglichst gleichmäßigen Versorgung und Kommunikation aller Bürger“ (vgl. van Laak 2018, S.17.),
  • aus einer mit den technischen Infrastrukturen verbundenen, gleichermaßen Grenzen überschreitenden wie Grenzen auflösenden Tendenz (vgl. van Laak 2018, S.102ff.)
  • und aus einem mit den Infrastrukturen  verbundenen, ebenfalls unbegrenzten Wirtschaftswachstum (vgl. van Laak 2018, S.12, 14, 59)
besteht, mit dem die europäischen Kolonialmächte meinten – im Glauben, einer „Zivilisierungsmission“ zu folgen –, auch den Rest der Welt beglücken zu müssen (vgl. van Laak 2018, S.138).

Die zunächst innere Infrastrukturierung der nationalen Gesellschaften Europas und dann ihre Ausdehnung auf den ‚Rest‘ der Welt wurde zudem ideologisch mit bis heute immer gleichen und wiederkehrenden Argumenten gerechtfertigt. Demnach ging es im 19. Jhdt. mit den Eisenbahnen und dem Telegraphen, im 20. Jhdt. mit dem Automobil und aktuell im beginnenden 21. Jhdt. mit dem Smartphone vor allem um die Verwirklichung der demokratischen Ideale der Aufklärung und des bürgerlichen Liberalismusses (vgl.i.f. van Laak 2018, S.254):
  • um die „Unabhängigkeit von räumlichen und sozialen Begrenzungen“,
  • um die „Souveränität des Konsumenten“,
  • um die „informationelle Selbstbestimmung“,
  • um die „flexible Entfaltung zu einer selbstbestimmten Persönlichkeit“
  • und um die Autonomie „sich selbst regulierender Individu(en)“.
Marx hatte in diesem Sinne Wilhelm von Humboldts neuhumanistischen Bildungsbegriff in das Konzept einer polytechnischen Bildung umgemünzt.

Die hier aufgezählten Merkmale des modernen Infrastrukturkonzepts entstanden also zeitgleich „mit der Aufklärung, den Revolutionen in den USA und in Frankreich, mit der industriellen Revolution, mit dem liberalen Wirtschaftsbürgertum und der modernen Massengesellschaft“. (Vgl. van Laak 2018, S.17)

Van Laak zeigt zugleich mit den, mit dem Infrastrukturkonzept und seiner Umsetzung verbundenen, technischen und wohlfahrtsstaatlichen Forschritten deren Schattenseiten auf. Dazu gehört z.B. eine spezifische, der Verknüpfung von Zirkulation und Wachstum geschuldete Blindheit des modernen Infrastrukturkonzepts für die durch Produktion und Konsum erzeugten Gifte, für den Müll und für die Abgase. (Vgl. van Laak 2018, S.149ff.) Diese ‚Ausscheidungen‘ fielen lange Zeit aus der Zirkulation von „Menschen, Waren und Ideen“ heraus und verschwanden im Boden oder in der Luft, ohne daß es jemanden kümmerte:
„Allmenden wie das Wasser, der Boden oder die Luft wurden aber weiterhin ungeniert als Depots für belastende Stoffe benutzt, die dort diffundieren sollten.“ (Van Laak 2018, S.154)
Auf die Problematik eines unbegrenzten Wirtschaftswachstums wurde schon kurz hingewiesen. Eine fundamentale Frage hinsichtlich der weiteren Entwicklung in den kommenden Jahren wird deshalb sein, wie van Laak in seiner „Zwischenbilanz“ festhält, inwiefern sich die „Verfügbarkeit von Infrastrukturen“ von dem „Konzept der industriellen Wachstumsmoderne“ trennen läßt und inwiefern sich „die globalen Lebensgrundlagen schonendere Alternativen denken und vor allem auch etablieren lassen“. (Vgl. van Laak 2018, S.287)

Zu ergänzen wäre die Frage, ob Infrastrukturen so konzipiert werden können, daß sie weniger inklusiv sind, so daß ‚Nutzer‘ die Chance haben, sich gegen ihre Nutzung zu entscheiden. Denn hier haben wir es mit einer weiteren Schattenseite der modernen Infrastrukturentwicklung zu tun. Van Laak zeigt an zahlreichen Beispielen, wie Infrastrukturen an den Bedürfnissen von Nutzern vorbei und immer wieder auch eindeutig gegen ihre Interessen installiert wurden. Beliebtes ‚Argument‘ bei ihrer Durchsetzung war immer wieder das „Gemeinwohl“-Interesse, dem sich einzelne renitente Bürger zu beugen hätten. (Vgl. van Laak 2018, S.21, 23, 43) Dabei wurde den Infrastrukturen eine ‚neutrale‘, unpolitische Funktion unterstellt, so daß diejenigen, die sich für ihren Ausbau einsetzten, sich selbst den Anschein eines überpolitischen Engagements geben konnten:
„Ansonsten handelt es sich um einen Politikbereich, der sich oft ausdrücklich unhistorisch, ja unpolitisch gibt, weil er für sich beansprucht, keine spezifischen Interessen zu betreffen, sondern der Allgemeinheit und dem Gemeinwohl zu dienen. Dieses zeit- und politikferne Labeling ist ein integraler Bestandteil des Konzepts Infrastruktur.“ (Van Laak 2018, S.21)
Zu den Opfern einer so begründeten Planungs- und Entscheidungshoheit gehörten an prominenter Stelle die Indianer, die dem us-amerikanischen Eisenbahnbau im 19. Jhdt. weichen mußten (vgl. van Laak 2018, S.41f.), und bis heute gehören dazu indigene Bevölkerungen des Amazonas und anderswo auf der Welt, die von gigantischen Staudammbauten entwurzelt werden und deren Lebensräume von Straßenbauprojekten fragmentiert werden. Aber auch in Europa selbst verweigerten sich oft regionale Nutzer dem Anschluß an neue Infrastrukturen, wie z.B. an die Stromversorgung:
„Die Energieanbieter bemühten sich zunächst, Konflikte zu umgehen, indem sie im Vorfeld aufzuklären versuchten. ... Waren die Widerstände renitent, wurde zunächst meist nachverhandelt. Nutzte auch dies nichts, wurden oft unverständlich schwadronierende Experten aufgefahren, die mit Sachzwängen argumentierten. Beeindruckte auch das nicht, drohten die Gesellschaften mit rechtlichen Schritten oder damit, die Widerständigen vom künftigen Strombezug auszuschließen.()“ (Van Laak 2018, S.77)
Während des Nationalsozialismusses wurde ein Energiewirtschaftsgesetz geschaffen, das einen „Anschlusszwang für die Nutzer sowie eine Anschlusspflicht für die Anbieter“ durchsetzte. (Vgl. van Laak 2018, S.111) Noch drastischer wirkt sich eine bis zum Beginn des 19. Jhdts. zurückreichende Reihe von Enteignungsgesetzen aus, auf deren Grundlage im Zuge des Braunkohletagebaus in Nordrhein-Westfalen die Bevölkerungen ganzer Dörfer enteignet und vertrieben wurden, selbstverständlich im besten Gemeinwohlinteresse. Wie üblich begründete der Betreiber RWE die Abholzung des Hambacherforstes zunächst mit dem allgemeinen Interesse an einer gesicherten Stromversorgung und offenbarte dann angesichts eines gerichtlichen Rodungsverbots das eigentliche Motiv, indem er sich öffentlich über die zu erwartenden Gewinnverluste beklagte.

Beeindruckend sind van Laaks Schilderungen der Interessenkonflikte, die bei der Planung und der Realisierung von Infrastrukturen aufeinanderprallen auch deshalb, weil diese Vorzeigeprojekte der industriellen Moderne, diese vielgepriesenen Ingenieursleistungen, viel weniger rational umgesetzt wurden und werden, als die Politik uns gerne glauben machen möchte. Tatsächlich werden mit den üblichen, schon genannten Argumentationsschablonen nur die verschiedenen Partikularinteressieren camoufliert:
„Die heutigen Infrastruktur-Netze sind das Resultat von unzähligen Entscheidungen im Schnittfeld von Technik, Wirtschaft und Politik, von individuellen und partikularen Interessen. Es finden sich außerdem stets Konstellationen des Augenblicks oder des Zufalls darin.“ (Van Laak 2018, S.281)
Die Realisierung von Infrastrukturprojekten ist deshalb ein ständiger Kampf mit divergierenden Partikularinteressen, wofür nicht zuletzt Stuttgart 21 steht. Van Laak verweist auf den erfolgreichen Widerstand der Stadtbevölkerung der Bronx in den 1950er Jahren gegen die ‚Sanierung‘ ihres Stadteils mit Stadtautobahnen (vgl. van Laak 2018, S.123) und auf den ebenfalls erfolgreichen Widerstand der Bevölkerung gegen eine „Flächensanierung des Greenwich Village“ in den 1960er Jahren. (Vgl. van Laak 2018, S.124) Erstmals im 20. Jhdt. mußten Städteplaner und Architekten zur Kenntnis nehmen, daß sie ihre Pläne nicht mehr über die betroffenen Anwohner hinweg umsetzen konnten, die sich an anderen Werten als an denen eines gleichsam naturwüchsigen ‚Fortschritts‘ orientierten, und zwar an den Werten einer „intakten Nachbarschaft, gewachsener sozialer Strukturen und historischer Identitäten“, und die „ökologische Bedenken“ artikulierten. (Vgl. ebenda)

In zweierlei Hinsicht kann man hinsichtlich des modernen Infrastrukturkonzepts von einer Infrastrukturfalle sprechen: zum einen bringt die konzeptionelle Verknüpfung zwischen Infrastruktur und Wohlstand es mit sich, daß jeder Ausstieg aus diesem Konzept Ängste hinsichtlich eines damit einhergehenden Wohlstandsverlustes hervorruft:
„So ist die paradoxe Situation entstanden, dass die Gesamtsituation verändert werden muss, man aber zugleich den einmal erreichten und in die Alltagsroutinen eingeschriebenen Komfort nicht gefährden will.“ (Van Laak 2018, S.286)
Diese Sorge ist der Grund dafür, daß statt der notwendigen grundsätzlichen Kehrtwende zu einem anderen Wohlstands- und Wirtschaftskonzept vor allem an Techniken geforscht wird, die den ‚Verbrauch‘ der bestehenden Technologien reduzieren. Van Laak bezeichnet das als „End-of-pipe-Technologie“:
„Denn verändert wird letztlich nur, was an Emissionen aus den Rohren strömt.“ (Van Laak 2018, S.286)
Zum zweiten wächst mit der zunehmenden Infrastrukturierung der Gesellschaft die Abhängigkeit der Menschen von diesen Infrastrukturen, und das macht jeden Ausfall eines Infrastrukturmoduls, etwa der Stromversorgung, aufgrund der Vernetzung der verschiedenen Infrastrukturen zu einer Katastrophe:
„Eine Falle der heute umfassenden Vernetzung besteht jedoch darin, dass – bei aller durch selbstoptimierte Menschen zur Schau gestellten outdoor- und survival-Kompetenz – solche Praktiken der Improvisation wie etwas das Reparieren von technischen Geräten oder scheinbar überlebte Kulturtechniken wie Feuermachen oder Kochen bei vielen Jüngeren kaum noch abrufbar sind.() ... Je besser eine Gesellschaft in ihren Versorgungseinrichtungen funktioniert, umso stärker wirkt sich jede Störung aus.()“ (Van Laak 2018, S.230)
Van Laaks Buch bietet keine umfassende, systematische Geschichte der Infrastruktur. Sein Interesse gilt vor allem der Perspektve der „Zeitgenossen“ in ihrer jeweiligen Gegenwart, wie sie die Infrastrukturen ihrer Zeit erlebt und als Normalfall wahrgenommen haben. (Vgl. van Laak 2018, S.13) Die von van Laak angeführten Beispiele und Episoden sind „subjektiv gefärbt und werden in fortgesetzten Wechseln zwischen punktuellen Geschichten und globalen Einordnungen vorgestellt, als in einem sehr wörtlichen Sinne miteinander verflochtene Episoden“. (Vgl. van Laak 2018, S.14)

Van Laaks Methode ist deshalb im engeren Sinne phänomenologisch. Es geht nicht einfach um eine systematisch-begriffliche Analyse des von ihm beschriebenen Infrastrukturkonzepts, sondern um die aus Betroffenenperspektive prekäre Sichtbarkeit der Infrastrukturen. Das für Infrastrukturen typische Changieren zwischen Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit erinnert an den Begriff der Lebenswelt, so daß man sagen kann, daß es sich bei der Infrastruktur um das technokratische Gegenstück zum phänomenologischen Begriff der Lebenswelt handelt. Dieses prekäre Moment der Infrastruktur, ihre Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit, wird so zu einem willkommenen Instrument techno-politischer „Camouflage“, und zwar mit steigender Tendenz:
„Immer umfassender zugängliche Infrastrukturen werden immer unmerklicher zur Verfügung gestellt.“ (Van Laak 2018, S.287)
Van Laaks Buch bietet für die kritische Leserin, den kritischen Leser eine Fülle an Material zu den anstehenden gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Umbrüchen unserer Zeit, ein Buch also, dem der Rezensent eine zahlreiche Leserschaft wünscht.

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Freitag, 3. Januar 2014

„Maßnehmen/Maßgeben“. Nebulosa: Zeitschrift für Sichtbarkeit und Sozialität 04/2013, hrsg.v. Eva Holling, Matthias Naumann, Frank Schlöffel, Berlin 2013

Neofelis Verlag, Jahresabonnement 22,--, Einzelheft 14,--

(Eva Holling/Matthias Naumann/Frank Schlöffel, Homo Meter: Über Maße, S.7-17 / Hannelore Bublitz, Vermessung und Modi der Sichtbarmachung des Subjekts in Medien-/Datenlandschaften, S.21-32 / Frank Engster, Maßgeblichkeit für: sich selbst. Das Maß bei Hegel und Marx, S.33-48 / Bojana Kunst, Das zeitliche Maß des Projekts, S.49-63 / Jörg Thums, Manifest für eine Apperzeption in der Zerstreuung, S.66-77 / Christian Sternad, Das Maßlose des Werkes. Martin Heidegger und Maurice Blanchot über den Ursprung des Kunstwerkes, S.81-93 / Fanti Baum, All this Useless Beauty oder das Maß durchqueren, S.95-109 / Mirus Fitzner, Maßnehmen als rassistische Praxis. Warum das Konzept ‚Ethno-Marketing‘ auf rassistischen Grundannahmen basiert, S.110-124 // Kommentare zu Nebulosa 03/2013: Peter J. Bräunlein, Gelehrte Geisterseher. Anleitungen für den gepflegten Umgang mit Gespenstern, S.127-139 / Gerald Siegmund, Gespenster-Ethik, oder warum Gespenster das Theater lieben, S.140-150 / Julian Blunk, Die Gespenster bleiben nebulös, S.151-164 / Malgorzata Sugiera, Gespenst und Zombie als Denkfiguren der Gegenwart, S.165-177)

Mirus Fitzner befaßt sich in seinem Beitrag „Maßnehmen als rassistische Praxis. Warum das Konzept ‚Ethno-Marketing‘ auf rassistischen Grundannahmen basiert“ (Nebulosa 4/2013, S.110-124) mit der maßgebenden Zuteilung von Menschengruppen zu Marktsegmenten. Die marktförmige Segmentierung von Menschengruppen erleichtert es, Produkte zu entwickeln und zu bewerben, weil sie gruppenspezifischen Lebensgewohnheiten Bedürfnisse und Bedürfnissen Adressen zuordnet.

Diesen ‚Adressen‘ wiederum, also den Zielgruppen des Marketing, läßt sich wiederum eine mediale Infrastruktur zuordnen, die die Zustellung der Werbung ermöglicht. Diese mediale Infrastruktur zeigt aber zugleich die Begrenztheit einer solchen Marketingstrategie. Im Falle des sogenannten Ethno-Marketings, das den Markt nach ethnischen Merkmalen segmentiert und dabei mit einem Begriff arbeitet, dessen Bedeutungsfeld zwischen ‚Kultur‘ und ‚Rasse‘ changiert, gibt es letztlich nur zwei ‚Ethnien‘, die russische und die türkische, die überhaupt über eigene Medien verfügen: „Durch diese Verkürzung wird klar, warum nur Menschen mit türkischem und russischem Migrationshintergrund für die angeführten Veröffentlichungen relevant sind. Diese sind die einzigen ethnischen Minderheiten, für welche eine solche Medienlandschaft existiert. Das deutet darauf hin, dass es nicht um konsumrelevantes Verhalten, sondern vorrangig um die potenzielle Größe des behaupteten Marktes geht.“ (Nebulosa, 4/2013, S.117)

Mit Ethno-Marketing läßt sich also keineswegs eine quasi ‚demokratische‘, auf Minderheiten gerichtete Marktstrategie verbinden, in der diesen Minderheiten via ‚Konsum‘ die Möglichkeit geboten wird, sich unabhängig von der Dominanz einer Mehrheitskultur „über den Kauf oder Konsum von Produkten, Dienstleistungen oder noch allgemeiner Narrationen“ ihre eigenen Identitäten zu „basteln“. (Vgl. Nebulosa 4/2013, S.123) Ganz im Gegenteil hat Ethno-Marketing seinen Anteil an ihrer Diskriminierung. (Vgl. ebenda)

Der Begriff „Ethnie“ ersetzt letztlich „das unhaltbar gewordene Wort ‚Rasse‘“. (Vgl. Nebulosa 4/2013, S.114) Dennoch behält er die Beurteilung von Menschen nach ihren „phänotypische(n) Merkmale(n) (Haut- oder Haarfarbe, Gesichtszüge, Bekleidung etc.)“ als „Zuschreibungen von außen“ bei. (Vgl. Nebulosa 4/2013, S.115) Unterstützt wird diese ethnische Zuordnung mit Hilfe statistischer Methoden, durch die „Messbarmachung und Verarbeitbarkeit“ menschlichen Verhaltens, wie sie allenthalben im Rahmen staatlicher und bürokratischer Verwaltungsaufgaben Verwendung finden, und eben unter anderem auch im Ethno-Marketing. (Vgl. Nebulosa 4/2013, S.122)

Im Wechsel von Fremdzuschreibung und Selbstwahrnehmung als ‚Migrant‘ im Sinne von Heimat als Herkunft und der damit verbundenen Ghettoisierung (vgl. Nebulosa 4/2013, S.115f.) wird der Begriff „Ethnie“ zu einem Amalgam aus ‚Kultur‘ und ‚Rasse‘. Zu phänotypischen Merkmalskombinationen treten „verbindende() Erzählungen, Traditionen, Rituale(), Werte() und/oder Religionen“ hinzu. (Vgl. Nebulosa 4/2013) Die biologischen Merkmale des Phänotyps und die kulturellen Merkmale der sowohl über die Gruppe wie über die Mehrheitsbevölkerung vermittelten Identitätskonstruktion verbinden sich zum Begriff der „Ethnie“.

Und es ist zugleich dieser Konstruktcharakter, der die ‚Ethnie‘ von der ‚Kultur‘ unterscheidet. Man könnte sagen, daß Kulturen zwar Erzählungen enthalten, aber selbst – aufgrund ihrer Lebensweltlichkeit – keine Erzählungen sind, und daß Ethnien nicht nur Erzählungen enthalten, sondern selbst auch Erzählungen sind. Während man in eine Kultur auf lebensweltliche Weise hinein-wächst, wird man in eine Ethnie hinein-erzählt, also zum Mitglied einer Ethnie gemacht.

Das gilt gerade auch für die Wechselseitigkeit dieser Zuordnung von Menschen in ethnische ‚Segmente‘, die durch das Ethno-Marketing noch verstärkt wird: „Wenn sich Ethnien als Reaktion auf Diskriminierung durch die Mehrheitsbevölkerung herausbilden, dann muss der Versuch, ethnische Minderheiten gezielt anzusprechen, sogar die rassistisch motivierte Diskriminierung wiederholen: nämlich die Behauptung, Mitglieder dieser Gruppe seien langfristig und grundlegend anders als ‚die Deutschen‘, um dieses Konzept zu rechtfertigen.“ (Nebulosa 4/2013, S.123)

Mirus Fitzner sieht eine Widerstandsperspektive gegen diese marktförmige Gruppenzuordnung merkwürdigerweise in der Individualisierung des Konsums.  Individueller Konsum ermöglicht es dem Einzelnen, so Fitzner, sich seine Identität nach eigenem Geschmack zu ‚basteln‘. „Als Identitäts-Bastler kann der Konsument situativ und nach Lust und Laune Identitäten ausprobieren() ...“ (Nebulosa 4/2013, S.123) – Anstatt den Menschen auf einen „möglichst authentischen Ursprung“ zu fixieren, kann „der oder die Einzelne“ seine „herkunftsgeleitete()“ Zugehörigkeit zu einer Ethnie „gestalten“. (Vgl. Nebulosa 4/2013, S.124)

Die „Unternehmen“, so Fitzner, können dann, via Werbung?, Imaginationen von „Gemeinschaften“ „stiften“, nicht als „Produkt“ (?), aber doch als ein Angebot an die Identitätsbastler. (Vgl. Nebulosa 4/2013, S.124) Das wäre dann kein Ethno-Marketing mehr, wenn ich das richtig verstanden habe, sondern Identitäts-Marketing.

Irgendwie ist dem Autor offensichtlich eine Umbewertung kulturell-ethnischer Merkmalskombinationen als negativ: Ethno-Marketing, zu positiv: Identitäts-Marketing unterlaufen. Aber was bei Gruppen auf einen Rassismus hinausläuft, ist bezogen auf Individuen noch kein Humanismus. Da sollte er nochmal genauer hinsehen.

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Montag, 20. Mai 2013

Claude Lévi-Strauss, Das wilde Denken, Frankfurt a.M. 1973 (1962)


1. Wildes Denken und kultiviertes Denken
2. Gegensatzpaare als Bedeutungsträger
3. Infra-Struktur und Lebenswelt
4. Primäre und sekundäre Qualitäten
5. Geschichte zwischen Chronologie und Anachronismus

In mancherlei Hinsicht ähnelt die Lévi-Straussische „Struktur“ bzw. das „System“ dem, was die Phänomenologen die Lebenswelt nennen: „Im Unterschied zu den anderen Klassifikationssystemen, die vornehmlich konzipiert sind (wie die Mythen) oder vollzogen (wie die Riten), ist der Totemismus fast immer gelebt, d.h. er haftet an konkreten Gruppen oder konkreten Individuen, weil er ein erbliches Klassifikationssystem ist.()“ (Lévi-Strauss 1973, S.268)

Es ist eine Eigenart von Lévi-Strauss, daß er oft Begriffe setzt, ohne sie vorher einzuführen oder wenigstens im nachhinein zu erläutern. Auch die in diesem Zitat kursiv hervorgehoben Verben ‚konzipieren‘, ‚vollziehen‘ und ‚erleben‘ werden von ihm nicht erläutert. Sie tauchen also plötzlich im Text auf, und es bleibt dem Leser überlassen, sich seinen Teil dabei zu denken. Ich halte es ebenso und beschränke mich hier auf die Pointe, daß das wilde Denken ein gelebtes, weil erbliches Klassifikationssystem bildet.

Beide Prädikate, ‚gelebt‘ und ‚erblich‘, verweisen auf Aspekte der Lebenswelt. Wir werden in eine Lebenswelt hineingeboren und leben in ihren Horizonten, ohne daß wir uns ihrer bewußt werden. Dabei entspricht der Husserlsche Horizontbegriff der Lévi-Straussischen Struktur. Noch deutlicher wird diese Parallele am Begriff der Infra-Struktur (vgl. Lévi-Strauss 1973, S.92, 114f.), die ja schon im Wort auf ein Unterhalb (‚infra‘) verweist, also z.B. auf ein Unter-Bewußtsein. Ich selbst ordne die Lebenswelt zwar eher dem Unbewußten als dem Unterbewußten zu, im Sinne eines prinzipiell Unbewußten, während alles Unterbewußte potentiell bewußt ist, also z.B. mit psychoanalytischen Techniken bewußt gemacht werden kann. (Vgl. meinen Post vom 20.04.2012) Aber diese Differenzierung zwischen Unbewußtem und Unterbewußtem ist sehr subtil, und es fällt schwer, sie konsequent durchzuhalten.

Der Begriff der Lebenswelt stammt aus der Phänomenologie (Husserl) und ist auf einen Horizontbegriff bezogen: der Horizont der Lebenswelt bildet prinzipiell nur Binnenhorizonte. Es gibt keinen Außenhorizont zur Lebenswelt. Das ist der Grund, warum die Lebenswelt ein prinzipiell Unbewußtes bildet. Der Lévi-Straussische Begriff der Struktur beinhaltet aber einen Konstruktivismus, was bedeutet, daß die Infra-Struktur rekonstruierbar ist. Sie fungiert zwar auf einer vorbewußten Ebene, kann aber bewußt gemacht werden.

Der immanente Konstruktivismus im Lévi-Straussischen Strukturbegriff wird z.B. an der kybernetischen Funktion deutlich, die die Struktur bei ihm hat: „Nimmt man einen Ausgangspunkt an (dessen Begriff rein theoretisch ist), an welchem die Gesamtheit der Systeme genau ausgewogen war, so wird diese Gesamtheit auf jede Veränderung, die zunächst einen ihrer Teile angreift, wie eine Maschine mit ‚feedback‘ reagieren ... Die legendären Traditionen der Osage, ob sie nun der historischen Wirklichkeit zugehören oder nicht, zeigen, daß das Denken der Eingeborenen von sich aus Interpretationen dieses Typs hat vornehmen können, Interpretationen, die sich auf die Annahme einer strukturalen Regulierung der historischen Entwicklung gründen.“ (Lévi-Strauss 1973, S.85f.)

Der ausgewogene Ausgangszustand eines Gesellschaftssystems, von dem Lévi-Strauss hier spricht, besteht in der durch das Klassifikationssystem festgelegten Anzahl von Positionen und Funktionen, für die eine darauf abgestimmte Anzahl von Eponymen (Namensgebern) zur Verfügung steht. Jede Position bzw. Funktion ist mit einem Eponym verknüpft. Diese Eponyme sind der „ursprünglichen Reihe“ (Lévi-Strauss 1973, S.269), also der Natur, entnommen und können nicht beliebig vermehrt werden.

Jede neue Generation, jedes neugeborene Kind, muß in dieses Klassifikationssystem eingeordnet werden. Solange die bisherigen Postions- bzw. Funktionsinhaber leben, sind die neu hinzu gekommenen Kinder nur Anwärter auf diese Positionen, bis ihnen der Tod Platz verschafft und sie eine freigewordene Position und mit dieser Position das dazugehörige Eponym übernehmen können. Lévi-Strauss bezeichnet die Begrenztheit und die Unveränderlichkeit als eine „ständige() Eigenschaft der klassifikatorischen Systeme“: „... sie sind begrenzt und unverformbar. Durch ihre Regeln und Bräuche legt jede Gesellschaft nur ein strenges und diskontinuierliches Netz über den kontinuierlichen Fluß der Generationen, dem sie auf diese Weise eine Struktur aufzwingt.“ (Lévi-Strauss 1973, S.232)

Dieses „Netz“ bzw. diese Infrastruktur gewährleistet also wie die Lebenswelt die Gewißheit des „Immer-so-weiter“, nur daß wir es hier eben mit einer Art „Maschine“ zu tun haben, die repariert und gewartet werden kann. Das ist immer dann nötig, wenn aufgrund geschichtlicher Ereignisse wie Geburtenüberschüsse, Hungersnöte, Epidemien oder Kriege das demographische Gleichgewicht gestört ist. (Vgl. Lévi-Strauss 1973, S.181) Dann nehmen die weisen Männer Modifikationen und Ergänzungen am Klassifikationssystem vor, die dessen ursprüngliche Logik möglichst intakt erhalten oder sie zumindestens nicht allzusehr deformieren. (Vgl. Lévi-Strauss 1973, S.183f.)

So wie wir heutzutage beim Begriff der Infrastruktur vor allem an Straßen und den Autoverkehr denken, vergleicht auch Lévi-Strauss das Spurenlesen mit dem Autofahren: „Der amerikanische Indianer, der eine Fährte an kaum wahrnehmbaren Indizien abliest, und der Australier, der ohne Zögern die von irgendeinem Mitglied seiner Gruppe hinterlassenen Fußspuren identifiziert ..., verfahren nicht anders als wir, wenn wir ein Auto lenken und in einem einzigen Augenblick aufgrund einer leichten Richtungsänderung der Räder, ein Schwanken im Takt des Motors oder gar aufgrund eines abschätzenden Blickes den Moment für gekommen halten, wo wir einen Wagen überholen oder ihm ausweichen können.“ (Lévi-Strauss 1973, S.256)

Dieser ungewöhnliche, scheinbar unmotivierte Vergleich zwischen dem Spurenlesen und dem Autofahren ist typisch für Lévi-Straussens Darstellungsweise. Immer wieder stellt er rätselhafte Behauptungen auf, die er dann entweder gar nicht oder nur ungenügend erläutert. Auf das Spurenlesen geht Lévi-Strauss auf den folgenden Seiten gar nicht mehr weiter ein, während er das Beispiel vom Autofahren in allen Details durchdiskutiert. Was das Spurenlesen betrifft, muß man sich damit begnügen, daß Spurenlesen und Autofahren gleichermaßen auf einst bewußten, dann ins Unterbewußtsein abgesunkenen Fähigkeiten beruhen. Vielleicht kann man die Spuren im Gelände auch noch mit Wegen assoziieren, die die Tiere oder Menschen gegangen sind, und darin eine weitere Parallele zu den Straßen und Autobahnen unserer technischen Zivilisation sehen.

Letztlich erläutert aber wohl weniger das Spurenlesen den Autoverkehr, sondern der Autoverkehr soll den Technikcharakter des Spurenlesens hervorheben. Das natürliche System, in dem die Menschen ihre Spuren hinterlassen, bildet auf die gleiche Weise eine Infrastruktur wie die technische Umwelt des Autoverkehrs. Nicht das Autofahren ist so ‚natürlich‘ wie das Spurenlesen, sondern das Spurenlesen ist so ‚künstlich‘ wie der Autoverkehr. Und das individuelle Autofahren bildet im Ganzen des Verkehrssystems ein beständiges, homöostatisch ausgeglichenes, kybernetisch reguliertes System aus Aktionen und Reaktionen.

Ein anderes Beispiel ist das Kartenspiel, dessen Regeln schon festgelegt sind, wenn die Spieler zusammenkommen und die Karten verteilen. (Vgl. Lévi-Strauss 1973, S.114f.) Sie haben die Regeln, an die sie sich beim Spielen orientieren, gewissermaßen ‚geerbt‘, also nicht selbst aufgestellt. Auch wenn es nur eine begrenzte Anzahl von Karten gibt, die jedem Spieler zur Verfügung stehen, hat dieser nun doch die Möglichkeit, im Rahmen der Regeln seine ganz individuellen Strategien zu verfolgen.

Auch hier haben wir wieder den konstruktiven Charakter. Die vorgegebene Infrastruktur wurde ‚gemacht‘, wenn auch nicht von den aktuellen Spielern, sondern von irgendwelchen ‚Vorfahren‘ oder ‚Ahnen‘. Ähnlich wie die Lebenswelt bildet sie ein „‚apriorisches‘ Gitter“ (Lévi-Strauss 1973, S.174), das man über einen ‚Text‘ bzw. über die ‚Welt‘ legt und so ihr komplexes Rauschen in eine sinnvolle Nachricht umwandelt.

Und es ist genau dieser Charakter des Gemachtwordenseins, der Konstruktivität, der die Lévi-Straussische Infrastruktur von der Husserlschen Lebenswelt unterscheidet.

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