Theodor W. Adorno: „Kants ‚Kritik der reinen Vernunft‛ (1959)“ (1995)
1. Mikrologie und Dialektik
2. Metaphysikkritik
3. Verdopplung der Welt
4. Erkenntnistheorie
5. Affektionen und Intentionen
6. Hiatus
7. transgenetisches Ich
In der 20. Vorlesung weist Adorno am Beispiel der Mathematik die Gefahr nach, die in der Verselbständigung konsequenten Denkens liegt, eines Denkens, das sich von der Anschauung, der Empirie abwendet. Er verweist auf die „negativen und dann die imaginären Zahlen“, die „um der Denkkonsequenz willen eingeführt“ wurden, „obwohl es sie ... eigentlich gar nicht gibt“. (Vgl. Adorno 1955, S.329) Dieselbe „Konsequenz der Gedanken“, so Adorno, führt in der Philosophie zu einer Metaphysik, und als Beispiel nennt er Philosophen wie Hegel und ihre „spekulative() Bewegung des Begriffs“. (Vgl. ebenda)
In der fünften Vorlesung erläutert Adorno, was mit ‚spekulativ‛ gemeint ist: „(D)as Wort ‚spekulativ‛ bitte ich Sie hier wirklich so schlicht zu verstehen, wie es denjenigen von Ihnen, die nicht durch die Hegelsche Philosophie berührt worden sind, vermutlich vor Augen steht: nämlich als eine Erkenntnis, die aus reiner Vernunft heraus eigentlich sich vollzieht, ohne daß sie an der Erfahrung gleichsam ihr Maß oder ihren Stoff oder ihr Nichtidentisches ‒ das Moment hat, das ihr widerstreiten würde und an dem sie sich reibt.“ (Vgl. Adorno 1995, S.77f.) ‒ Spekulation ist also nichts anderes als Metaphysik und entspricht dem Umgang mit negativen und imaginären Zahlen in der Mathematik.
In meinen Ohren klingt das wie eine Entlarvung: ‚Erkenntnisse‛, die auf diesem Wege gewonnen werden, können für uns keine praktische Relevanz haben. Die Schlußfolgerung, die ich inzwischen aus diesem Umstand gezogen habe, besteht darin, metaphysische Resultate, die sich aus diesem Kreisen im Leeren ergeben, aus meinem Denken zu verbannen und an ihre Stelle das Nichts zu setzen. Dieses Nichts hat dann die sprachkritische Funktion, eine Leerstelle des Denkens zu bezeichnen, also ‒ in Erinnerung an Wittgenstein ‒ im Akt des Sprechens über die Metaphysik mit Hilfe des ‚Nichts‛ über die Metaphysik zu schweigen. In meinem Blog bezeichne ich diese philosophische Grundhaltung als aufgeklärten Nihilismus.
Meine Absage an die Metaphysik spiegelt allerdings auch den naturwissenschaftlichen Verzicht auf Erkenntnis wider. Adorno weist darauf hin, daß naturwissenschaftliche Erkenntnisse nicht mehr das Wissen über die Natur bzw. über die Welt vermehren, sondern sich damit begnügen, was sich „bewährt“; also mit der Beschränkung auf ein Wissen über nützliche Fähigkeiten und Techniken, mit denen man etwas tun kann. (Vgl. Adorno 1995, S.203) Die Naturwissenschaft, so Adorno, hat damit „aufgehört“, „etwas erkennen zu wollen“ (vgl. ebenda), also umfassende Kausalzusammenhänge zu ergründen, die über das unmittelbare Funktionieren von Maschinen im wirtschaftlichen Produktionsprozeß und im Alltag hinausgehen.
Die Komplexität einer Gesamtschau finde ich vor allem in der Umwelt- und Klimaforschung. Das Engagement dieser Forscherinnen und Forscher ist bewundernswert und natürlich werden sie dort, wo es auf entsprechendes politisches Handeln ankommt, weitgehend ignoriert.
Ich teile Adornos Kritik an der Naturwissenschaft. Diese huldigt zwar aus ähnlichen Gründen wie ich einem Nihilismus, den ich aber nicht teile. Wieder einmal ist der mikrologische Blick auf den Unterschied gefragt. Während es mir um die Rückkehr zu einer den menschlichen Interessen dienenden Empirie geht, will die Naturwissenschaft von dieser nichts mehr wissen. Zu dieser Empirie gehört eben das Primat der Anschauung, der Wahrnehmung. Erst dort, wo wir an dieser Verbindung des Subjektiven mit dem Objektiven festhalten, gelangen wir auch wieder zu welthaltigen Erkenntnissen, die Funktionalität ermöglichen, ohne in ihr aufzugehen.
Adorno hingegen führt der Hinweis auf die Instrumentalisierung der naturwissenschaftlichen Vernunft zu einem an Kant gerichteten Vorwurf: er sieht diesen Verzicht auf Erkenntnis schon in der „Kantischen Philosophie“ angelegt, „deren Objektivitätsanspruch eigentlich den Triumph widerspiegelt, daß die Naturbeherrschung eben wirklich es fertiggebracht hat, ein unendliches Maß an Gegebenem, an nicht Subjekteigenem doch dem Subjekt zu unterwerfen“. (Vgl. Adorno 1995, S.204)
Der naturwissenschaftliche Verzicht auf Erkenntnis, mit dem die Welt des Gegebenen, die empirische Welt verloren geht, ist also Adorno zufolge schon bei Kant angebahnt. Anstatt es bei dieser Kritik zu belassen, verwandelt er die sich auch gegen die mathematischen Naturwissenschaften richtende metaphysikkritische Tendenz in eine metaphysikaffine Stellungnahme. Adorno bezichtigt Kants Metaphysikkritik der „bürgerlichen Neutralisierung“ metaphysischer und theologische Gehalte (vgl. Adorno 1995, S.76), die dem Spießbürger ein bequemes sich-Einrichten in seiner Welt ermöglicht: da man Gott nicht beweisen kann, das Gegenteil aber auch nicht, kann man ja bequemer Weise alles so lassen wie es ist. (Vgl. Adorno 1995, S.275)
Adorno versucht hier, die Metaphysik zu rechtfertigen, so als wären die Metaphysiker die radikaleren Denker. Er unterschlägt das radikale Moment der Kantischen Metaphysikkritik, die sich gegen unhinterfragbare Autoritäten richtet: Immanuel Kant bezeichnet eine Religion, die die völlige Unterwerfung der Gläubigen unter ihren Gott verlangt, als „Afterdienst“. (Vgl. Werke in sechs Bänden, Bd.IV: S.838ff.) Solchen unhinterfragbaren Autoritäten wird durch eben jene Metaphysikkritik, wie sie Kant betreibt, der Boden unter den Füßen entzogen.
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