„...letztlich ist der Mensch, als Folge oder Krönung der Evolution, nur in der Totalität der Erde begreifbar.“ (Leroi-Gourhan, Hand und Wort, S.22)

Freitag, 1. Mai 2026

„Auf Sinn bestehen!“

Eva von Redecker: Dieser Drang nach Härte. Über den neuen Faschismus (2026)


1. Falsche Begriffe und fehlender Wille
2. Die Natur im Anthropozän
3. Kapitalismus und Neoliberalismus
4. Lebenswelt und Phantombesitz
5. Eingedenken

Eine Besprechung im Deutschlandfunk machte mich auf Eva von Redeckers Buch „Dieser Drang nach Härte“ (2026) aufmerksam. Der Rezensent lobte Redeckers Buch in den höchsten Tönen, meinte aber, sie sei so ‚weise‛ gewesen, sich auf einer mittleren Ebene zwischen allzu allgemeinen Verlautbarungen und allzu sehr ins Detail gehenden Lösungsvorschlägen für eine ökologische und klimafreundliche Politik und für den Umgang mit der extremen Rechten zu bewegen. Das habe aber auch, so der Rezensent, dazu beigetragen, daß eben diese Lösungsvorschläge auf nur wenige Seiten am Ende des Buchs beschränkt geblieben seien und Leserinnen und Leser kaum zufriedenstellen könnten.

Das klang so, als hätte die Autorin es sich aus Sicht des Rezensenten etwas zu leicht gemacht, und sie sei dem tatsächlichen Problem vielleicht ein wenig aus dem Weg gegangen. Gegen diesen Vorwurf läßt sich zunächst mal einwenden, daß seit langem alle Vorschläge und Rezepte auf dem Tisch liegen und daß dieser ‚Tisch‛ sogar ziemlich groß sein müßte, damit sie alle darauf Platz finden. Und dennoch weigert sich die Politik, auf nationaler und internationaler Ebene, sie überhaupt zur Kenntnis zu nehmen, geschweige denn, sie umzusetzen. Alle Lösungsvorschläge wurden längst gemacht und sind auch allen bekannt. Es fehlt nur am Willen!

Letztlich zeigt der Einwand des Rezensenten aber nur, daß er Redeckers Buch nicht richtig gelesen hat; denn sie selbst weist ausdrücklich darauf hin, warum sie so vorgeht, wie sie vorgeht. Sie schreibt auf eben jenen letzten vom Rezensenten monierten Seiten, daß sie „als Philosophin lieber an den Begriffen arbeite(t), in denen wir Vorschläge erörtern, anstatt selber welche zu machen“. (Vgl. Redecker 2026, S.237)

Damit vertritt sie genau meine eigene Position. Die besten Vorschläge sind nichts wert, wenn sie auf falschen Begriffen basieren. Und die Arbeit am Begriff ist nun mal eine genuin philosophische!

Ebenfalls im Deutschlandfunk hörte ich vor kurzem von einer Studie, in der zwei Sorten von Flugblättern zur Mülltrennung an Haushalte verteilt wurden. In den einen Flugblättern wurden Tipps über die richtige Art der Mülltrennung aufgeführt, in den anderen Flugblättern wurden die Leute darüber aufgeklärt, warum Mülltrennung sinnvoll ist, und die Tipps, wie man das macht, wurden weggelassen. Das Ergebnis war, daß die letzteren Flugblätter zu einer signifikant verbesserten Mülltrennung führten, während sich bei den Haushalten, an die die Tipps verteilt wurden, nichts änderte. Die Warumfrage nach dem Sinn der Mülltrennung war für die Menschen offensichtlich motivierender als die Belehrung darüber, wie man es richtig macht.

Wer vor allem, wie Eva von Redecker, die Begriffe klären will, der geht es eben genau darum, was Sinn macht. Denn falsche Begriffe machen nun mal keinen Sinn. Über die Sinnlosigkeit falscher Begriffe helfen auch noch so viele Lösungen und Rezepte nicht hinweg. Zu den drei Dingen für ein „kollektiv verantwortungsvolles Handeln“, die Redecker nennt, gehören deshalb neben Recht und Haltung „Worte mit Gewicht“ (vgl. Redecker 2026, S.231): „Es gibt keine Versprechen, kein Recht, keine demokratische Einigung, keine vernünftige Arbeit, wenn wir nicht auf Sinn bestehen. Darauf, dass überhaupt etwas gilt, dass Worte Bedeutung haben, dass man von sich selbst und vom Gegenüber und von der Gesellschaft etwas erwartet.“ (Redecker 2026, S.237)

Deshalb besteht eines der wichtigsten ‚Rezepte‛, die Redecker auf den letzten Seiten ihres Buchs gegen den neuen Faschismus und gegen die Zerstörung unserer Zukunft, diskutiert, genau darin: „Auf Sinn bestehen!“

Begriff des Faschismus: Eines der ersten Probleme, die wir in diesem Sinne zu klären haben, ist Redecker zufolge der Begriff des Faschismusses. Sie geht davon aus, daß sich der Faschismus des 21. Jhdts. vom Faschismus des 20. Jhdts. unterscheidet und daß wir deshalb auch einen neuen Faschismusbegriff brauchen, der den aktuellen Kontexten gerecht wird: „Vielleicht sind die Mythen jetzt Memes, vielleicht geht der selektive Terror von Algorithmen statt Polizeirevolvern aus, vielleicht sind die Massen verlassene Individuen am Smartphone.“ (Redecker 2026, S.16)

Zwar bestanden „Massen“ schon immer aus „Individuen“, wenn auch nur im Sinne von Kollektivatomen, aber anders als im 20. Jhdt. adressieren die heutigen Faschisten diese direkt und als Einzelne, ohne Umweg über ein Kollektiv: „Freiheitsrufe ertönen lauter als die nach Ordnung; es geht weniger ums Kollektive als um die Ansprüche Einzelner; nicht die Führerrede im Transistorradio, sondern KI-generierte Posts machen Stimmung.“ (Redecker 2026, S.16)

Was der neue Faschismus aber mit dem des 20. Jhdts. gemeinsam hat, ist die „liquidierende Phantombesitzverteidigung“. (Vgl. Redecker 2026, S.20, 30, 35, 43, 51, 53, 61f., 71, 85 u.ö.), wobei der Phantombesitz sich auf den vermeintlichen Verlust eines angeblichen Besitzes in der Vergangenheit bezieht, die man wieder herstellen will. Das Verhältnis zur Zeit, wie es den Faschismus kennzeichnet, besteht also in der Stillstellung; in der Verweigerung von Zukunft: „Mir scheint nichts so charakteristisch für den neuen Faschismus wie seine schlechte Zeitlosigkeit: dass er alles in eine klaustrophobe Gegenwart einschließt.“ (Redecker 2026, S.31)

Mir fällt dazu der von der FDP erfundene und von der CDU/CSU übernommene Begriff der Technologieoffenheit ein, mit dem der Rückgriff auf Technologien der Vergangenheit gemeint ist und die Entwicklung und Förderung neuer Technologien verhindert werden soll. Redecker verweist auf die am achten Januar 2024 begonnenen und sich über viele Wochen erstreckenden Bauernproteste, die mit dem Beharren auf steuerfreien Agrardiesel eine dringend notwendige Reform der Landwirtschaft blockierten:

„(D)amit, dass der Agrardiesel verteidigt wurde wie ein Augapfel, war die Zeit ausgeschaltet. Diese ganze überhaupt nur ein paar Jahrzehnte alte Art und Weise, Landwirtschaft zu betreiben ‒ mit immer größeren Maschinen, die immer weiter die Böden verdichten, dank Subventionen, die aber merkwürdig verkappt doch wieder den Markt imitieren, Größe belohnen, Ressourcen verbilligen ‒, wird so verewigt.“ (Redecker 2026, S.34)

Redecker verweist auf die Klimakleber, die mit ihren Straßenblockaden den Haß von Bürgern und Politikern auf sich zogen ‒ einige versuchten sie sogar zu kriminalisieren und in Gefängnisse zu stecken ‒, während die viel weitgehenderen und gefährlicheren Treckerblockaden in den Augen der Öffentlichkeit als gerechtfertigt erschienen:

„Die großen medialen und gesellschaftlichen Sympathien für die Landwirtschaft, die so eklatant abwichen von der sich zeitgleich verschärfenden Hetze und Kriminalisierung gegen Klimaschützer:innen (die ja schließlich auch nur den Verkehr blockierten), verdankte sich 2024 ebenfalls einem erfolgreichen Appell ans Ungleichzeitige. Heimeliges Landleben gegen großstädtischen Moloch und Amtsschimmel.“ (Redecker 2026, S.36)

Auch hier ging es darum, Zeit stillzustellen, an scheinbarem ‚Besitz‛ festzuhalten, also um „konservierte industrielle Moderne“ (vgl. Redecker 2026, S.38), die mit der Phrase ‚Technologieoffenheit‛ gemeint ist. Liquidierende Phantombesitzverteidigung als Kernelement des Faschismusses geht über diese protofaschistische Grundhaltung noch einen Schritt hinaus, insofern sie alles und alle, die einer Stillstellung der Zeit und der Wiederherstellung eingebildeter Besitzverhältnisse im Wege stehen, liquidieren will.

paradoxe Kategorien: Redecker zeigt, daß der Versuch, „gruppenbezoge­ne(n) Menschenfeindlichkeit“ (vgl. Redecker 2026, S.187) zu kategorisieren, zu Paradoxien führt, weil sich die Menschen nicht so einfach den Kategorien einer „Kollektiv-Diagnose“ zuordnen lassen. Auch intersektionale Dia­gnosen, denen zufolge einzelne zugleich Täter und Opfer sein können, also schwarze Männer, die Rassismus erleben, aber sich gleichzeitig sexistisch verhalten, oder weiße Frauen, die Sexismus erleben, aber sich gleichzeitig rassistisch verhalten, lösen das Problem des Paradoxes nicht. (Vgl. Redecker 2026, S.188)

So entziehen sich Juden und Palästinenser jeder Kategorisierung: „Jüdinnen und Juden kommen nicht vor, es sei denn, man ordnet sie einem Rassismusbegriff unter, dem dann wieder völlig die Besonderheit einer Gruppe entgeht, die Nation und Religion zugleich ist, verschiedene Hautfarben und diasporische Stränge vereint, zum Teil mit dem israelischen Staat identifiziert wird, in ihrer Verfolgung nicht kolonisiert, sondern eliminiert wurde und als dämonisch-übermächtig anstatt animalisch-ausbeutbar stigmatisiert wird.“ (Redecker 2026, S.189)

Für die Palästinenser, die sich ebenfalls einer intersektionalen Diagnose entziehen, wurde sogar eigens der Begriff „Palestine exception“ geprägt. (Vgl. Redecker 2026, S.189) Wenn sich pathische Projektionen auf als minderwertig wahrgenommene Gruppen nicht kategorisieren lassen, müssen, so Redecker, die betroffenen Individuen selbst in den Fokus der Linken treten: „Sie muss kompromisslos diejenigen schützen, die zum Phantasma erklärt werden.“ (Redecker 2024, S.209)

Kritik an Butler (?) : Ich hatte die Autorin von „Revolution für das Leben“ (2022) kompromißloser und parteiischer in Erinnerung als in ihrem aktuellen Buch. Zur Klärung des Faschismusbegriffs gehört bei ihr auch die Frage, ob wir den Faschismus als Etikettierungsmöglichkeit überhaupt brauchen: „Überhaupt ist die Suche nach dem Faschismusbegriff keine nach dem breitesten Label. Es ist eine fragwürdige Versuchung, in seinen Gegner:innen unbedingt weltgeschichtliche Feinde sehen zu wollen. Das befriedigt höchstens den Wunsch nach moralischer Orientierung ‒ die auf solche Superlative nicht angewiesen sein sollte ‒, gewährt aber keine politische.“ (Redecker 2026, S.30)

Redecker stellt bestimmte linke Gewißheiten in Frage, wie etwa, selbst immer auf der moralisch richtigen Seite zu stehen, was sich enthemmend bei der Wahl der politischen Mittel, sich gegen einen dämonisierten Gegner durchzusetzen, auswirken kann. Auch wenn Redecker das so nicht meinen sollte, unterscheidet sie sich mit dieser Aufforderung zu mehr Verbindlichkeit im Tonfall gegenüber politischen Gegnern von Judith Butler in „Wer hat Angst vor Gender“ (2025), die zur kollektiven Empörung gegen die Anti-Gender-Agitatoren aufruft und dabei sogar für eine pathische Überbietung ihrer kollektiven Affekte eintritt. In ihrem Buch bezieht sich Redecker aber nur zweimal, positiv, auf sie. (Vgl. Redecker 2026, S.21 und S.179)