(In „Die Lehre vom Wesen“ verändern die Herausgeber die Seitenzählung und stellen den Seitenzahlen eine Raute (#) voran.)
- Meine Probleme mit Hegel
- Setzen statt Geben: der Satz vom Sein
- Logik und Ethik
- dialektischer Fehlschluß
- zur mythischen Struktur in der Hegelschen Logik
- Identität und Verschiedenheit
- Hegel und Kant
- Hegel und Husserl
- Hegel und Nishitani
- Hegel und Adorno
Ein dialektischer Fehlschluß basiert auf dem Glauben, Allgemeines (Unendliches) und Besonderes (Endliches), bloß weil es sich bei beidem um Wörter handelt, als etwas Gleichartiges im Medium des Denkens behandeln zu können, obwohl ihre referentielle Basis, also die Art ihres Bezugs auf ‚etwas‛ verschieden ist. Wo Hegel, wie im ersten Blogpost dieser Reihe gezeigt, selbst deiktische Ausdrücke wie ‚dieses‛ als etwas Allgemeines behandelt, beziehen sich Begriffe immer nur auf Begriffe. So wird ein auf Begriffen beruhendes Gedankensystem wie Hegels spekulative Dialektik zur Quelle von dialektischen Fehlschlüssen.
Die „Wechselbestimmung des Endlichen und Unendlichen“, die Hegel auch als „Schlechtunendliches“ bezeichnet, beruht also auf dem dialektischen Fehlschluß, das konkrete Etwas in ein abstraktes Allgemeines verwandeln zu können und bei dieser Verdrehung der tatsächlichen Verhältnisse sogar so weit zu gehen, das abstrakte Allgemeine als konkretes Allgemeines und das konkrete Etwas als bloß abstrakt zu behaupten. Hegel begründet diesen Fehlschluß mit dem gewöhnlichen Verstand, insofern nämlich, als sei es unser eigener Verstand, der uns solche dialektischen Schlußfolgerungen abverlangt. Wir hätten es demnach mit einem „Unendlichen des Verstandes“ zu tun. (Vgl. Hegel 1999, S. 127) Aber das Unendliche, ob nun ‚schlecht‛ oder ‚wahr‛, ist keine Erfindung des Verstandes, sondern eine Erfindung der Vernunft. Von sich aus geht der Verstand nicht dialektisch vor. Damit es zu diesem, von mir so genannten, Fehlschluß kommen kann, muß es den Anlaß dazu allererst in der Vernunft gegeben haben. Es war Kant, der diesen Anlaß in seiner Kritik der reinen Vernunft erstmals auf die Vernunft zurückgeführt hat.
Der eigentliche Anlaß zum dialektischen Fehlschluß liegt also im reinen Denken. Der Verstand verharrt beim empirisch Endlichen, beim konkreten Etwas. Ein Fortschreiten, eine Bewegung gibt es für den Verstand nur vom einen Etwas zu einem anderen Etwas, entweder fortlaufend zu immer neuen Etwassen oder wechselseitig zwischen zweien hin und her, und bei beidem gibt es keinen Endpunkt; kein Letztes. Daß wir im Endlichen nie zu einem Letzten gelangen, ist für den Verstand kein Problem.
Erst für die Vernunft, als Denkbewegung, ist das schlecht, nämlich schlecht unendlich, und die Vernunft will über das schlecht unendliche, eigentlich aber bloß endliche Etwas hinaus: „Es ist ein abstraktes Hinausgehen vorhanden, das unvollständig bleibt, indem über diß Hinausgehen nicht selbst hinausgegangen wird.“ (Vgl. Hegel 1999, S.129)
Folgt man Hegel, sind die realen Verhältnisse endlicher Dinge abstrakt, weil sie nicht über ihre Beschränktheit hinausgehen. Und weil die realen Verhältnisse abstrakt sind, sind sie schlecht unendlich. Das ist ein genuiner Vernunftschluß. Mit Verstand hat das nichts zu tun.
Für den Verstand stellt sich diese Aufgabe, die Aufhebung des Endlichen im Unendlichen, überhaupt nicht. Es ist lediglich die Vernunft, die sich daran stört, daß der endlose Fortgang vom einen zum andern Etwas kein Ende hat, und die diesen Umstand als schlecht unendlich disqualifiziert: „Der Progreß ins Unendliche ist daher nur die sich wiederholende Einerleiheit, eine und dieselbe langweilige Abwechslung dieses Endlichen und Unendlichen.“ (Vgl. Hegel 1999, S.129) ‒ Diese Textstelle enthält die dialektische Unterstellung des „Endlichen und Unendlichen“, denn tatsächlich handelt es sich eben nur um die Abwechslung des Endlichen und Endlichen.
Es ist nicht der Verstand, der sich wegen der sich wiederholenden Einerleiheit realer Verhältnisse schlecht unendlich ‚langweilt‛, denn für ihn gibt es nur Endliches und Endliches. Nur die Vernunft antizipiert im Endlichen das Unendliche. Umgekehrt müßte man daher sagen, daß die positive Wechselbestimmtheit vom Einen zum Andern, wie sie dem Verstand erscheint, die wahre Endlichkeit ist, während die von der Vernunft angestrebte Aufhebung, die in eins mit dem Endlichen, wie wir im vorangegangenen Blogpost gesehen haben, die Ethik überwindet, schlecht unendlich ist.
So schlecht kann das angeblich Schlecht-Unendliche einer ‚langweiligen‛ Abwechslung von Endlichem und ‚Unendlichem‛ aber gar nicht sein, wenn es, wie Hegel behauptet, die „äussere Realisation des Begriffes“, also der wahren Unendlichkeit ist: „Daß Herüber- und Hinübergehen macht die äussere Realisation des Begriffes aus; es ist in ihr das, aber äusserlich, ausser einander fallend, gesetzt, was der Begriff enthält; es bedarf nur der Vergleichung dieser verschiedenen Momente, in welcher die Einheit sich ergibt, die den Begriff selbst gibt(.)“ (Vgl. Hegel 1999, S.130f.)
Folgende Textstelle zeigt noch einmal die ganze verdrehte Argumentation: „Nach ihrer nächsten, nur unmittelbaren Bestimmung genommen, so ist das Unendliche nur als das Hinausgehen über das Endliche; es ist seiner Bestimmung nach die Negation des Endlichen; so ist das Endliche nur als das, worüber hinausgegangen werden muß, die Negation seiner an ihm selbst, welche die Unendlichkeit ist.“ (Vgl. Hegel 1999, S.131)
Zunächst verweist Hegel lediglich auf etwas ganz Selbstverständliches und Unstrittiges: jedes empirische Etwas grenzt an ein anderes empirisches Etwas, und dieses wiederum grenzt an das vorige Etwas (Wechselbestimmung); und beide Etwasse grenzen außerdem an wiederum andere Etwasse, die ihrerseits an wiederum andere Etwasse grenzen. Wir haben es also mit einem unendlichen aneinander grenzen zu tun, was man auch als „Hinausgehen“ über das Etwas, aber eben nicht als endliches, bezeichnen könnte. An dieser Stelle setzt der dialektische Fehlschluß der Vernunft an: Hegel wechselt vom Empirischen (Verstand) ins Logische bzw. Metaphysische (Vernunft) und bezeichnet die schlecht-unendliche Aneinandergrenzerei als „Negation des Endlichen“. So wird das Etwas als Endliches in etwas verwandelt, „worüber hinausgegangen werden muß“, und zwar in etwas, das Hegel die „Unendlichkeit“ nennt.
Wir haben es, wie Hegel aufgrund seines Fehlschlusses meint, nicht mehr mit jeweils endlichen, weil aneinander grenzenden Etwassen zu tun, sondern mit einer Bewegung vom Endlichen zum Unendlichen. So logisch dieser Gedankengang zu sein scheint, ist er letztlich doch ein Willkürakt, der darin besteht, vom Empirischen ins Logische zu wechseln. Darin besteht keinerlei logische Notwendigkeit. Hegel erweckt den Anschein einer logisch konsequenten Argumentation, wo er tatsächlich eine Zäsur vollzieht, indem er ins Logische springt.
Wir haben es hier mit demselben Problem wie zwischen Ethik und Logik zu tun, nur eben zwischen Verstand und Vernunft, zwischen dem Empirischen und dem Denken. Und mit Kants „Kritik der reinen Vernunft“ halte ich daran fest, daß wir es hier mit einem dialektischen Fehlschluß zu tun haben, der auf die Vernunft zurückzuführen ist.