Friedrich Dürrenmatt:
Labyrinth. Stoffe I-III (1981/84/90)(Seitenzählung nicht identisch mit den von Rüedi angegebenen Ausgaben)
Turmbau. Stoffe IV-IX (1990)
1. Stoffe
2. Dramaturgie als Ästhetik
3. Dramaturgie als Technologie
4. Dramaturgie des Labyrinths
5. Labyrinth und Lebenswelt
6. Lebenswelt, Sprache, Formalismus
7. Lebenswelt, Sprache, Seele
8. der absolut Einzelne
Dürrenmatt vergleicht das Labyrinth gerne mit einem Spiegelkabinett und mit Platons Höhle. Auch die Höhle ist eine Art Spiegelkabinett, insofern dort ein an Stühlen festgebundenes Publikum an die Höhlenwand projizierten Schattenspielen zuschaut. Beide Male haben wir es mit einer Scheinwirklichkeit zu tun, eine Welt des Lichts und der Schatten. Ein Lichtspielhaus, wie das Kino mal genannt wurde. Eine Theaterwelt. Die tatsächliche Welt ist woanders.
Als so ein Spiegelkabinett bzw. Spiegelgefängnis beschreibt Dürrenmatt schon seine Kindheit. (Vgl. Stoffe I-III, S.25ff.) In „Labyrinth“, dem ersten Band seiner „Stoffe“ (Stoffe I-III), beschreibt er einen Typus von Kindheit, wie er z.B. auch in Michael Endes „Jim Knopf“ als Drachenschule mit Erwachsenen als Piraten vorkommt: „Und am Rande des Fußballfeldes saß in einem Wagen ein Knabe, der keine Beine hatte, von seiner Schwester behütet. Die Mädchen waren von unseren oft wütenden Spielen ausgeschlossen. Eine Freundin zu haben war nicht üblich. Über all dem thronten die Erwachsenen, sie herrschten über uns. Sie befahlen uns, in die Schule zu gehen: in die Primarschule, in die Sekundarschule. Sie teilten unsere Zeit ein: wann wir schlafen, aufwachen, essen mußten. Ihre Befehle begrenzten unsere Kriege und Schlachten. Die Erwachsenen waren allgewaltig und hielten zusammen.“ (Stoffe I-III, S.25)
Diese Kinder spielen nicht einfach nur: sie spielen wütend. Sie spielen „Kriege und Schlachten“, denn es ist die Zeit zwischen zwei Weltkriegen. Sie spielen, was sie um sich herum spüren. Ist diese in sich abgekapselte Spiegelwelt für die Kinder zunächst noch ein „Mutterschoß“, was idyllisch klingt, so ist sie doch vor allem ein „Mutterschoß des Dorfes“, was schon etwas bedrohlicher wirkt, und draußen, jenseits dieses erdrückenden Schoßes, ist die „wilde Welt“, die sich in den Spielen der Kinder spiegelt. Und dann ist da noch ein weiteres, weiter entferntes Draußen, „die unermeßlichen Gewalten des Alls“, wo ein „schemenhaft() liebe(r) Gott“, das Schulsystem und die Erwachsenen spiegelnd, Noten für die Bravheit der Kinder vergibt. (Vgl. Stoffe I-III, S.27f.)
So greifen die verschiedenen Spiegelkabinette ineinander, das der Kindheit und dann das des jugendlichen Dürrenmatt, der sich angesichts des nationalsozialistischen Deutschlands, dann des Zweiten Weltkriegs, ‚drinnen‛ in den engen Landesgrenzen der Schweiz und dann auch in der Schweiz selbst, als schlechter Französischschüler, noch einmal in der inländischen Enge des deutschsprachigen Landesteils eingesperrt sieht. Das über allem sich wölbende Weltall wird für Dürrenmatt zur ständigen Erinnerung daran, wie klein und eng seine Welt ist.
Hatte Plessner die Grenze zwischen Innen und Außen mitten durch den Körperleib gezogen, macht Dürrenmatt diese Grenze an der Schweizer Landesgrenze fest, eine Grenze, die für ihn insbesondere im Zweiten Weltkrieg eine Gefängnismauer war, die ihn nicht nach draußen in die Welt entkommen ließ. Zwar macht der Literaturwissenschaftler Peter von Matt klar, daß diese Grenze auch „durch Leib und Seele“ geht (vgl. Rüedi 2011, S.230), dennoch empfindet Dürrenmatt die Landesgrenze existenzieller als die körperleibliche Grenze, wie Plessner sie beschreibt. Wir haben es bei ihm nicht mit einer philosophischen Anthropologie, sondern mit einer geopolitisch verorteten, mit seiner Biographie verknüpften Kulturgeschichte zu tun, die er literarisch verarbeitet. Gerade deshalb aber sind die anthropologischen Parallelen zwischen Plessner und Dürrenmatt um so bemerkenswerter.
Für Dürrenmatt war das Leben im Schweizer Gefängnis sehr komfortabel, weil es seinen Insassen vor den Katastrophen der beiden Weltkriege bewahrte, und Dürrenmatt war sich des Zynismusses bewußt, der mit seiner Sehnsucht, an eben diesen Katastrophen teilhaben zu dürfen, verbunden gewesen ist; aber umso heftiger lehnte er die „absurde Idylle“, die die Schweiz darstellte, ab: „Von der Befindlichkeit des jungen Dürrenmatt aus gesehen, der seinen Dichterberuf, seine Berufung zum Schriftsteller erst suchte, war die Idylle das schrecklichste denkbare Gefängnis.“ (Rüedi 2011, S.227)
Sowohl Spiegelkabinett wie auch Platons Höhle sind mit der absurden Idylle des Schweizer Gefängnisses verbunden. Zu Platons Höhle gehört das Motiv der Heimkehr, also jenes ehemaligen Höhlenbewohners, der wie einst Sokrates auf dem Marktplatz in Athen seine Mitbürger aus der Höhle befreien will. Aber dieser Sokrates ist zu einem Fremden geworden, von dem die Höhlenbewohner nichts mehr wissen wollen; einer, „der aus der Fremde heimkehrt und nun in ein dramatisches Verhältnis gerät zur Heimat und zu den Einheimischen“ (vgl. Peter von Matt; vgl. Rüedi 2011, S.229).
Auch Dürrenmatt, der als Heranwachsender und als junger Mann, abgesehen von zwei Radtouren vor dem Zweiten Weltkrieg, die Schweiz nicht verlassen konnte, sieht sich als so einen Heimkehrer. Seine Reise führte ihn nicht in die Welt draußen jenseits der Schweizer Landesgrenzen, sondern in das Universum der noch nicht verarbeiteten oder auf eine nochmalige Verarbeitung wartenden und als solche sein inneres Drama belebenden Stoffe. Seine ‚Heimkehr‛ in die Schweiz, nämlich als Dramaturg zum Schweizer Publikum, bestand in den Theaterstücken, die er schrieb und an denen er scheiterte; an seinem Publikum also, so wie Sokrates an den Bürgern von Athen scheiterte.
Aber vielleicht sind ja auch die Stoffe selbst, an denen Dürrenmatt sich abarbeitete, an die Stelle jener „Enge“, „Bosheit“ und „Kleinmut der Daheimgebliebenen“ getreten, als eine ihm gemäße, für ihn persönlich eingerichtete Höhle; denn oft genug bezeichnet sich Dürrenmatt als in seinen Bildern ‚gefangen‛. (Vgl. Rüedi 2011, u.a. S.232) Immer wieder sieht er sich „als einen von Bildern Überwältigten“ (vgl. Rüedi 2011, S.32), spricht von seinen „gewaltsamen Visionen“ (vgl. Rüedi 2011, S.41), „nicht seine Gedanken erzwängen seine Bilder, sondern umgekehrt“ (vgl. Rüedi 2011, S.103) ‒ dies nur als wenige Beispiele für zahlreiche entsprechende Äußerungen Dürrenmatts über sein Verhältnis zu den ‚Bildern‛, womit er die ‚Stoffe‛ meint, die ihm allzu sehr auf den Leib rücken und bedrängen.
Dafür stehen auch die von Dürrenmatt bemalten Wände in seiner Mansardenwohnung, so daß er letztlich sich selbst die Höhle gewesen ist, die er auf die Schweiz projizierte: „(U)nd so war mir das Bild des Labyrinths schon vertraut, ... bis ich endlich das Labyrinth zur Beschreibung jener Vorgänge anwandte, die sich zwar jenseits der Grenzen des Landes abspielten, aber, von meiner Höhlensicht aus ‒ ohne daß es mir freilich bewußt wurde ‒ auch meine eigene Lage und jene diesseits der Grenze widerspiegelten.“ (Vgl. Stoffe I-III, S.72)
In den Spiegelungen des Spiegelkabinetts, in den Schattenspielen der Höhle geht es vor allen um Identifikationen, die wiederum Dürrenmatts Biographie, sein vorsprachliches Erleben, „teils verdrängte(), teils längst vergessene() Erlebnisse(), Gefühle() und Gedanken“ (vgl. Stoffe I-III, S.12f.) widerspiegeln. Dürrenmatt bewegt sich bei diesen Überlegungen im Umfeld der mit der Ästhetik Kierkegaards verbundenen „Kategorie des Einzelnen“ (vgl. Rüedi 2011, S.204), steht aber auch unter dem Einfluß von „Zahl und Gesicht“ (1919), einem Buch des Kulturphilosophen Rudolf Kassner (1873-1959). Kassner problematisierte den Identitätsbegriff und die damit einhergehenden Identifikationen. Identitäten, so Kassner, sind nur Spiegelbilder in der „Welt der Zahl“, und deren Identität löst sich in der „Welt des Gesichts“ auf. (Vgl. Rüedi 2011, S.220)
Die Welt des Gesichts ist natürlich die Welt der Phänomene, von denen die Welt der Zahlen abstrahiert: „Zergliedert der Verstand die Welt analytisch-rational, so ermöglicht die Einbildungskraft das Einfühlen in die vielschichtige menschliche Wirklichkeit.“ (Rüedi 2011, S.220) ‒ Mit Hilfe seiner Einbildungskraft vermag sich der Mensch des Gesichts mit seinem Spiegelbild zu identifizieren. Identisch ist er damit jedoch nur in der Welt der Zahl.
Die Gefahr einer Auflösung der Identität in einer vielschichtigen menschlichen Wirklichkeit der Welt des Gesichts, wie sie Kassner behauptet, besteht Rüedi zufolge in der Mystifizierung des menschlichen Subjekts: „Dabei verschmelzen für Kassner in der Welt des Gesichts die Gegensätze von Innen und Außen zu einer mystischen Einheit.“ (Rüedi 2011, S.220f.)
Plessner ist dieser Gefahr entgangen, indem er die Grenze zwischen Innen und Außen als eine Frage der Perspektive entmystifizierte. In eine ähnliche Richtung argumentiert Dürrenmatt, wenn er die Grenze, sowohl die Landesgrenze wie auch die Grenze als Spiegel, als ein gleichzeitiges Hinein und Hinaus beschreibt: „‚(D)enn das ist das Geheimnis der Phantasie: dass alles zugleich gegenüber und in einem ist‛.() Ein Hinausrennen ist ein Hineinrennen.“ (Vgl. Rüedi 2011, S.221; vgl. auch Stoffe IV-IX, S.226ff.)
Dieses Hinaus-Hinein ist etwas anderes als eine mystische Einheit. Sie ist die Transzendenz, die das menschliche Selbstbewußtsein ermöglicht und ohne die es kein Selbstbewußtsein gäbe.