Theodor W. Adorno:
Zur Metakritik der Erkenntnistheorie (1956/70/90)
Kants „Kritik der reinen Vernunft“ (1959/95)
Oliver Jahraus schreibt für das, was er letztlich zu sagen hat, unnötig kompliziert. Er bastelt sich mit Hilfe von Klammern und Gedankenstrichen vom eigentlichen Satz abgetrennte Schachtelsätze, in denen die eigentliche Aussage ständig durch Hinweise auf andere Quellen mit anderen teils in Nuancen abweichenden, teils deutlich gegensätzlichen Aussagen unterbrochen wird. Das Konzentrationsvermögen des Lesers beim Versuch, den roten Faden im Kopf zu behalten oder wiederzufinden, wird ständig überfordert. Obwohl der Autor einen eigenen Standpunkt hat, weiß man nie so richtig, hinter welchen der referierten verschiedenen Standpunkte sich dieser verbirgt.
Dabei ist der Sachverhalt selbst erstaunlich einfach und klar. Die ganze nationalsozialistische Verstricktheit Heideggers läßt sich mit einer Textstelle auf den letzten zwei Seiten des Buchs auf den Punkt bringen: „() Heidegger hatte mit seiner Idee von der Erschöpfung des Subjekt-Paradigmas, mit seiner Idee also, dass das Subjekt oder die Vernunft nicht mehr die zentrale Kategorie sein kann, mit der man die Gegenwart verstehen oder gar gestalten könnte, die Perspektiven der Philosophie für das 21. Jahrhundert von der unvollendeten Moderne bis zur vollendeten Postmoderne eröffnet.“ (Vgl. Jahraus 2026, S.192f.)
Es ist die Abwendung vom Subjekt-Paradigma, die Heideggers Philosophie für den Nationalsozialismus anfällig machte. Leider verkehrt Jahraus dieses Fazit ins Widersinnige, wenn er mit Habermas behauptet: „Nach wie vor gilt Habermas’ Diktum, man müsse mit Heidegger gegen Heidegger denken.“ (Jahraus 2026, S.191f.; vgl. auch S.20f.) Das kann man machen, muß es aber nicht. Mit Heidegger weiterzudenken, ob nun mit ihm oder gegen ihn, bedeutet nur, den von ihm eingeschlagenen Holzweg in den Abgrund weiter zu gehen. Heidegger zu vernachlässigen, beinhaltet deshalb keinen Erkenntnisverlust, außer man setzt sich gerade speziell mit ihm und seinem Nazismus auseinander. Mit allen anderen Themen wie z.B. mit der Technik und der Zukunft des Menschen, kommen wir auch ohne Heideggers Schlauheiten bestens zurecht.
Erstaunlicherweise deckt sich Heideggers Abwendung vom Subjekt mit der Ablehnung der Bewußtseinsphilosophie in der Kritischen Theorie. Mit Verweis auf Rüdiger Safranski schreibt Jahraus: „Heidegger und Adorno standen sich philosophisch gesehen viel näher, als es Adorno je hätte zugeben wollen(.)“ (Vgl. Jahraus 2026, S.145; vgl. auch Safranski: „Ein Meister aus Deutschland“ (1994), S.478)
Mit der in dieser Textstelle angesprochenen Gemeinsamkeit zwischen Adorno und Heidegger ist deren Technikkritik gemeint, also die „Analyse der Entfremdung, der Verdinglichung, der Verblendung“. (Vgl. Jahraus 2026, S.145) Als eine weitere Gemeinsamkeit wäre noch die beiderseitige Ablehnung des Subjektparadigmas zu nennen. Jahrausens Hinweis auf Safranski hatte mich veranlaßt, noch einmal in einige Texte von Adorno reinzuschauen, um mich über die angesprochenen Gemeinsamkeiten zwischen Heidegger und Adorno zu informieren. Im folgenden werde ich zunächst auf Jahrausens Heideggerkritik eingehen und dann in einem zweiten Schritt mit einigen Bemerkungen zu Adornos Kritik an der Bewußtseinsphilosophie diesen Blogpost beenden.
‚Heideggerkritik‛: Ungeachtet des Durcheinanders, das Jahrausens sprachlich verworrene Argumentation kennzeichnet, scheint mir die entscheidende Kritik in einer Textstelle zum Ausdruck zu kommen, in der Jahraus drei Texte von Heidegger, die Rektoratsrede von 1933, ein Rechenschaftsbericht (1933/34) und ein Spiegel-Interview vom 23.09.1966, kommentiert: „Liest man diese Texte vor dem Hintergrund von Heideggers Schweigen, dann dokumentieren sie seine Weigerung, Verantwortung zu übernehmen. Eine solche Lektüre lässt deutlich werden, dass er sich weigern musste, weil er nicht anders konnte, ohne seine Philosophie in ihrem Kern, dessen integraler Bestandteil die historische Bedeutung und Funktion des Nationalsozialismus war (und ist), aufzugeben. Heidegger unterläuft ja gerade da die von ihm verfolgte Trennung von Leben und Werk, indem er sein Verhältnis zum Nationalsozialismus nicht nur als biographische Episode abtut, sondern den Nationalsozialismus, den Zweiten Weltkrieg und im Ansatz auch den Holocaust selbst philosophisch als metaphysisches, also aus Heideggers seinsgeschichtlicher Perspektive: unausweichliches Geschick einzuholen versucht.“ (Jahraus 2026, S.90f.)
Wichtig ist der Punkt, daß Jahraus Heideggers Verhältnis zum Nationalsozialismus als den „Kern“ seiner Philosophie bezeichnet. Wir haben es also Jahraus zufolge nicht mit einem kontingenten, lediglich politischen und biographischen Umständen geschuldeten Ausrutscher zu tun. Das Urteil von Jahraus wird auch noch durch die sogenannte „Kehre“ bekräftigt, die der Grund dafür ist, daß der zweite Teil von „Sein und Zeit“ (1927) nie geschrieben wurde, also Fragment geblieben ist:
„Suchte er in ‚Sein und Zeit‛() den ‚Sinn von Sein‛ noch über ein ausgezeichnetes Seiendes, das Dasein, zu erhellen, so wird dieser Weg nicht mehr beschritten. Der zweite Teil (so wie das letzte Drittel des ersten Teils) von ‚Sein und Zeit‛ ist von Heidegger nie geschrieben worden ... Stattdessen kommt es zu einer eigenständigen, direkten Hinwendung zum Sein, zur Seinsgeschichte und zu den philosophischen Gründen, warum diese Frage nach dem Sein bislang nicht gestellt wurde. ... Tatsächlich ist festzustellen, dass Heideggers Denken nach oder schon mit ‚Sein und Zeit‛ in einen unauflöslichen Widerspruch, in eine Aporie geraten war. Der Sinn von Sein kann nicht vollständig über das Dasein erschlossen werden, und tatsächlich deutet sich in Paragraph 74 ein Ausweg aus diesem Dilemma an, vom Dasein auf Geschichte, Volk und Geschick umzustellen.“ (Jahraus 2026, S.76f.)
Der sich ab 1929 abzeichnende Erfolg des Nationalsozialismusses bot Heidegger den hochwillkommenen Anlaß, sich vom „Dasein“, also vom Menschen, vom Subjekt ab- und sich „Geschichte, Volk und Geschick“ zuzuwenden: „... wo Heidegger nach einer radikal neuen Alternative für das Subjektparadigma sucht, entdeckt er nicht nur die Seinsgeschichte, sondern er engagiert sich auch für den Nationalsozialismus.“ (Jahraus 2026, S.193)
So klar, so einfach. Eigentlich wäre damit alles gesagt und das Thema Heidegger könnte zu den Akten gelegt werden. Aber so weit will Jahraus dann doch nicht gehen. Hatte Jahraus noch 50 Seiten zuvor, von Heideggers verweigerter Verantwortungsübernahme geschrieben und festgehalten, daß „seine Philosophie in ihrem Kern“ vom Nationalsozialismus beeinflußt gewesen ist (vgl. Jahraus 2026, S.91), so zieht Jahraus auf Seite 142 sein gegenteiliges Fazit: Heideggers Philosopeme „zeigen durchaus eine Nähe zum Nationalsozialismus an, sind jedoch ihrerseits nicht geeignet, seine Philosophie als nationalsozialistisch auszuweisen.“ (Vgl. Jahraus 2026, S.142)
Und auf den letzten Seiten seines Buchs fordert Jahraus dann sogar abschließend, man müsse auch in Zukunft mit Heidegger gegen Heidegger denken. Vernichtende Kritik verwandelt sich in kleinmütige Apologie.
Bewußtseinsphilosophie: Die Kritische Theorie bezeichnet mit „Bewußtseinsphilosophie“ eine Philosophie, die den Menschen von innen heraus und nicht von der Gesellschaft her zu verstehen versucht. Adorno kennzeichnet eine solche Philosophie mal als idealistisch, mal als bürgerlich. Aber der Mensch ist als Subjekt nicht von der Gesellschaft her begründbar. In der Gesellschaft gibt es nur Intersubjektivität, und das, was die Intersubjektivität begründet, das Subjekt, entzieht sich ihr. Luhmann könnte so etwas geahnt haben, als er schrieb, daß es in der Gesellschaft keine Menschen gäbe.
In Adornos „Zur Metakritik der Erkenntnistheorie“ (1956/70/90) finde ich eine Textstelle zum Ich, die seine Kritik an der „überholte(n) Bewußtseinsphilosophie“ (vgl. Adorno 1990, S.235) auf den Punkt bringt: „In ihm (dem Ich ‒ DZ) ist ‚Intersubjektivität‛ mitgesetzt, nur nicht als beliebige reine Möglichkeit, sondern als die reale Bedingung von Ichsein, ohne welche die Einschränkung auf ‚mein‛ Ich nicht kann verstanden werden.“ (Adorno 1990, S.231)
In dieser Textstelle wendet Adorno die gesellschaftliche Intersubjektivität, als empirische Voraussetzung, gegen die subjektive, sich selbst in Besitz nehmende Formel „mein Ich“. Adorno geht es darum, daß es dieses sich selbst in Besitz nehmende Ich nur unter der Voraussetzung einer gesellschaftlichen Intersubjektivität gibt. Wer immer also „mein Ich“ sagt, setzt immer schon Intersubjektivität voraus.
Ich sehe das völlig anders, und diese Textstelle widerspricht auch dem, was Adorno in der 18. Vorlesung seiner Vorlesungsreihe „Kants ‚Kritik der reinen Vernunft‛“ (1959/95) über das Ich der Apperzeption sagt; denn ‚mein Ich‛ ist ein apperzipierendes Ich. Mit anderen Worten: dieses Ich begründet sich über seine Wahrnehmungen und nicht über die Intersubjektivität, die vielmehr durch die subjektive Wahrnehmung, also eben über das apperzipierende Ich, begründet wird. Und ich möchte ergänzen: hinzu kommt die wechselseitige Stiftung eines Ich in der Ansprache eines Du: indem Ich es anspricht oder selbst als Du angesprochen wird.
Wahrnehmung und Begegnung, also empirische Ereignisse, bilden demnach gemeinsam den Ursprung des Ich-Erlebens, zu dem die Intersubjektivität hinzukommt.
Adornos Darlegungen kann ich zu meiner Überraschung auch entnehmen, daß das, was das ‚transgenetische‛ oder auch ‚transleszente‛ Ich betrifft, schon von Kant angedacht worden ist; auch wenn er dabei auf halbem Weg stehen geblieben ist. Letztlich geht es bei diesem Ich darum, daß es, trotz seines transzendentalen Status, eine empirische Genese hat. Es entspricht also dem, was Kant das empirische Ich nennt. Beides, transzendentales und empirisches Ich, denkt er aber als unvereinbare Gegensätze, zwischen denen es keine Vermittlung gibt.
Trotzdem sieht Kant, daß das transzendentale Ich erst dadurch zu einer (unwesentlichen) Seele wird, daß es sich mit empirischen (sinnlichen) Daten füllt. Adorno führt aus: „Da die Data aber selber ein zeitlich Bestimmtes, ein zeitlich Wechselndes und sich Veränderndes sind, so könnte man ‒ und das ist implizit in dem Kantischen Argument enthalten ‒ sagen, daß diese Data uns gar nicht dazu ermächtigen, diesem Seelischen ein absolutes Sein über dem Wechsel seiner konkreten Verinhaltlichung, also der konkreten Manifestation, die ich als innere Anschauung in mir selbst wahrnehme, überhaupt zuzusprechen.“ (Adorno 1995, S.302)
Kants Denken bricht also an der Stelle ab ‒ und bleibt damit auf halbem Wege stehen ‒, wo wir uns entscheiden müssen, ob wir es hier mit einer substanziellen oder mit einer kontingenten (unwesentlichen) Seele zu tun haben.
Was die Apperzeption betrifft, konvergiert Kants „Kritik der reinen Vernunft“ an dieser Stelle mit meinem Konzept von der Einzigkeit des Ich: „Daß das Ich der Apperzeption, folglich in jedem Denken, ein Singular sei, der nicht in eine Vielheit der Subjekte aufgelöst werden kann, mithin ein logisches einfaches Subjekt bezeichne, liegt schon im Begriff des Denkens, ist folglich ein analytischer Satz ...“ (Kritik der reinen Vernunft, Bd.II, B407, S.346 der Weischedelausgabe; zitiert nach Adorno 1995, S.303)
Adorno kommentiert: „Hier ist bei Kant ganz eindeutig ausgesprochen, das, was ich Ihnen gesagt habe und was Sie sonst übrigens so einfach kaum je in der ‚Kritik der reinen Vernunft‛ ausgesprochen finden: nämlich daß der Satz ‚Ich denke‛ überhaupt nur dann einen Sinn hat, wenn er sich auf die Singularität eines bestimmten Ich bezieht, dessen Erlebnisse dadurch, daß sie seine und nicht eines anderen sind, miteinander zusammenhängen ...“ (Adorno 1995, S.303)
Individualität und Singularität sind, das ist mein Ansatzpunkt bei meinem Konzept von Ich = Du, die Kennzeichen eines transgenetischen Ich, dessen empirische Fülle sich von der Reinheit des transzendentalen Ich unterscheidet, mit dem es allerdings gemeinsam hat, daß jeder Mensch Ich sagen kann. Ich sehe also eine Vermittlung zwischen dem transzendentalen und dem empirischen Ich, die Kant nur als Gegensätze denken kann.
Adorno, der wie kein anderer das Nichtidentische bedacht hat, hat nicht erkannt, daß das Subjekt, das keine Substanz ist, ein Nichtidentisches ist, das jeder Mensch von sich sagen kann, wenn er Ich sagt. Das Ich und das Du sind eine Möglichkeit der Subjekt-Objekttrennung. Der Ursprung des Menschlichen liegt in einer Spaltung. Es ist dieselbe Spaltung, die Plessner als Hiatus bezeichnet. Ohne sie machte sich die Gesellschaft unser ohne Rest zueigen. Es ist nicht die Vergesellschaftung, die den Menschen zum Menschen macht.
Mich wundert, wie Adorno, der in der 18. Vorlesung so klar die logischen Folgen aus der Annahme eines apperzipierenden Ich herausgearbeitet hat: Individualität und Einzigkeit, das damit implizierte nichtidentische Moment übersehen konnte.