„...letztlich ist der Mensch, als Folge oder Krönung der Evolution, nur in der Totalität der Erde begreifbar.“ (Leroi-Gourhan, Hand und Wort, S.22)

Mittwoch, 1. April 2026

Hegel und ich

G.W.F. Hegel, Wissenschaft der Logik. Hauptwerke in sechs Bänden, 3.Bd. (1999): Die Lehre vom Sein (1832) / Die Lehre vom Wesen (1813)
(In „Die Lehre vom Wesen“ verändern die Herausgeber die Seitenzählung und stellen den Seitenzahlen eine Raute (#) voran.)

  1. Meine Probleme mit Hegel
  2. Setzen statt Geben: der Satz vom Sein
  3. Logik und Ethik
  4. dialektischer Fehlschluß
  5. zur mythischen Struktur in der Hegelschen Logik
  6. Identität und Verschiedenheit
  7. Hegel und Kant
  8. Hegel und Husserl
  9. Hegel und Nishitani
  10. Hegel und Adorno
Seit meiner ersten Lektüre der „Phänomenologie des Geistes“ (verschiedene Ausgaben zwischen 1807 und 1841; in der Ausgabe von 1952 bei F.Meiner) vor 35 Jahren ist mein Bild von Hegel durchgehend negativ bestimmt. Dieser ersten Lektüre folgte auch keine weitere, denn mir war damals klar, daß alles, was mir wichtig war (und bis heute wichtig geblieben ist), im Gegensatz zu Hegels Phänomenologie stand.

Als ich mich dazu durchrang, mich jetzt doch nochmal mit Hegels „Wissenschaft der Logik“ zu befassen, lag das vor allem daran, daß ich bei meinen Lektüren in den letzten ein, zwei Jahren häufiger auf Hegelzitate stieß, deren Hermetik mich einerseits erneut abstieß, die mir aber doch wichtig genug zu sein schienen, mir wenigstens einen gewissen Eindruck davon zu verschaffen, worum es in diesen Zitaten eigentlich geht, auch wenn ich mir im Letzten kein wirkliches Verständnis davon würde erarbeiten können.

Tatsächlich glaube ich wieder genug verstanden zu haben, um meinen ursprünglichen Eindruck zu bestätigen: ich kann mit Hegel einfach nichts anfangen! Zugleich wurden für mich gewisse Verbindungslinien zwischen Hegel und einigen Philosophen, die mir wichtig sind, deutlich, auf die ich auch noch in den letzten vier Blogposts näher eingehen werde. Insgesamt aber bringt der Titel, den ich allen zehn Blogposts gegeben habe, „Hegel und ich“, zum Ausdruck, daß Leserinnen und Leser hier keineswegs Wissenswertes über Hegel erwarten dürfen, denn es geht ausschließlich um meine Probleme mit Hegel.

Es gibt mehrere Gründe, warum Hegel für viele Leserinnen und Leser ein so extrem schwieriger Autor ist. Zwei der wichtigsten Gründe sind seine fehlende Bereitschaft, auf die Lesefreundlichkeit seiner Texte zu achten, und seine grauenhafte Syntax, zu der ich auch die Interpunktion, also die Zeichensetzung zähle. Was die Satzstellung betrifft, die grammatische Vollständigkeit und eben die Interpunktion, erweist sich Hegel als eine sprachliche Katastrophe.

Hegels Syntax: Ich habe selten dermaßen verkorkste Sätze wie in der „Wissenschaft der Logik“ gelesen. Ein Beispiel: „Aber die Negation entwickelt, so daß der Gegensatz seines Daseyns und der Negation als ihm immanenter Grenze selbst das Insichseyn des Etwas, und dieses somit nur Werden an ihm selbst sey, macht seine Endlichkeit aus.“ (Hegel 1999, S.116)

Hegel kann partout keine Kommata setzen. Anstatt das Verstehen ohnehin schwieriger Gedanken durch eine transparente Syntax zu erleichtern, erschweren Satzstellung und Kommasetzung es unnötig. In diesem Fall kommt hinzu, daß der einführende Satzteil und die folgende Erläuterung (so daß ...) unvollständig sind, weshalb die ab­schließende Schlußfolgerung (und dieses somit ...) in der Luft hängt, weil sie keinen inhaltlichen Bezug zum zuvor Gesagten hat.

Richtig müßte der Satz wohl so formuliert werden: „Aber die Negation entwickelt (sich selbst), so daß der Gegensatz seines Daseyns und der Negation als ihm immanenter Grenze das Insichseyn des Etwas() und dieses somit nur Werden an ihm selbst sey, (was) seine Endlichkeit aus(macht).“ (Vgl. Hegel 1999, S.116) ‒ Das macht den Satz zwar auch nicht schöner und es bedarf immer noch einiger Mühe, ihn zu verstehen, aber man kann doch irgendwie erahnen, was gemeint ist; und er ist wenigstens grammatisch korrekt.

In meinem Blog halte ich mich beim Zitieren deshalb nicht an Hegels Schreibweise ‒ er konnte einfach kein Deutsch! ‒, sondern ich korrigiere sie stillschweigend, insbesondere seine Kommasetzung. Ich zitiere ihn also nur vergleichend mit Hinweis auf das Original.

Denkverbot: Was mich am meisten verärgert: Hegel verbietet seinen Leserinnen und Lesern das Denken! ‒ Und das gleich zu Beginn seines Buches, in dem zunächst gar nicht so sehr von Lesern, sondern von Zuhörern die Rede ist:

„Ein plastischer Vortrag erfordert dann auch einen plastischen Sinn des Aufnehmens und Verstehens; aber solche plastische Jünglinge und Männer so ruhig mit der Selbstverleugnung eigener Reflexionen und Einfälle, womit das Selbstdenken sich zu erweisen ungeduldig ist, nur der Sache folgende Zuhörer, wie sie Plato dichtet, würden in einem modernen Dialoge nicht aufgestellt werden können; noch weniger dürfte auf solche Leser gezählt werden. Im Gegentheil haben sich mir zu häufig und zu heftig solche Gegner gezeigt, welche nicht die einfache Reflexion machen mochten, daß ihre Einfälle und Einwürfe Kategorien enthalten, welche Voraussetzungen sind und selbst erst der Kritik bedürfen, ehe sie gebraucht werden. ... Solche Voraussetzungen, daß die Unendlichkeit verschieden sei von der Endlichkeit, der Inhalt etwas anderes als die Form, das Innere ein anderes als das Aeussere, die Vermittlung ebenso nicht die Unmittelbarkeit sey, als ob einer dergleichen nicht wüßte, werden zugleich belehrungsweise vorgebracht und nicht sowohl bewiesen als erzählt und versichert. In solchem Belehren als Benehmen liegt ‒ man kann es nicht anders nennen ‒ eine Albernheit(.) ... Aber () Bildung und Zucht des Denkens, durch welche ein plastisches Verhalten desselben (Zuhörer/Leser ‒ DZ) bewirkt und die Ungeduld der einfallenden Reflexion überwunden würde, wird allein durch das Weitergehen, das Studium und die Production der ganzen Entwicklung verschaft.“ (Vgl. Hegel 1999, S.18f.)

Mit Verweis auf Zuhörer, die ständig den Vortrag ihres Meisters unterbrechen, legt Hegel zugleich auch seinen Leserinnen und Lesern nahe, sich jeden Einspruchs zu enthalten, weil ihnen das Resultat am Ende beweisen wird, daß er von Anfang an Recht gehabt habe.

Daß man einen Vortrag nicht durch Zwischenrufe unterbrechen sollte, erfordert eigentlich schon die Höflichkeit. Ich selbst unterlasse sogar das verneinende Kopfschütteln, mit dem ich zu bestimmten Stellen dem Vortragenden meinen Unwillen signalisieren könnte. Ich finde, das tut man einfach nicht. Dafür muß dann aber dem Publikum am Ende des Vortrags auch Zeit für Rede und Gegenrede eingeräumt werden.

Was aber das Lesen eines Buches betrifft, sieht die Sache ganz anders aus. Die Autorin, der Autor hatte ungestört alle Zeit der Welt gehabt, seine Gedanken zu entwickeln, und ich frage mich, was uns Hegel eigentlich damit sagen will, daß wir uns als Leser selbst zu ‚verleugnen‛ und beim Lesen auf ‚Reflexion‛ zu verzichten hätten. Will er uns ernsthaft nahelegen, bei der Lektüre seines Buchs das Denken einzustellen? Ich glaube, daß es genau darauf hinausläuft!

Indem wir bei der Lektüre seines Buchs nicht mitdenken dürfen, sichert Hegel sich und das von ihm angestrebte Resultat gegen jede Kritik ab.

Gerade der Anfang seiner Wissenschaft der Logik ist nämlich für jeden Einspruch mitdenkender Leser besonders empfindlich. Lassen ihm die Leser diesen Anfang, daß das Sein und das Nichts dasselbe seien, durchgehen, kann nichts mehr den weiteren Verlauf der Hegelschen Spekulation aufhalten.

Da wundert mich jene Textstelle nicht mehr, in der Hegel sich über den Verlust der Metaphysik des (deutschen) Volks beklagt: „So merkwürdig es ist, wenn einem Volke z.B. die Wissenschaft seines Staatsrechts, wenn ihm seine Gesinnungen, seine sittlichen Gewohnheiten und Tugenden unbrauchbar geworden sind, so merkwürdig ist es wenigstens, wenn ein Volk seine Metaphysik verliert, wenn der mit seinem reinen Wesen sich beschäftigende Geist kein wirkliches Daseyn mehr in demselben hat.“ (Vgl. Hegel 1999, S.5)

Das Volk braucht eine Metaphysik und die Leser sollen sich des Denkens enthalten, wenn sie Hegel lesen. Das paßt alles in allem sehr gut zusammen.

Wörter statt Gesten: Hinweisende Gesten haben immer einen Realitätsbezug. Wenn wir auf einen Baum zeigen, ist das etwas anderes als ‚dieser Baum da‛ zu sagen, denn mit ‚dieser‛ verbleiben wir innerhalb der Grenzen der Sprache. Hegel ersetzt die Zeigegeste durch den deiktischen Ausdruck ‚dieses‛ und reduziert so den konkreten Gegenstand auf ein rein sprachliches Problem: „Man meynt, durch ‚Dieses‛ etwas vollkommen bestimmtes auszudrücken; es wird übersehen, daß die Sprache als Werk des Verstandes nur Allgemeines aus­spricht, außer in dem Nahmen eines Gegenstandes; der individuelle Nahme ist aber ein sinnloses in dem Sinne, daß er nicht ein allgemeines ausdrückt(.)“ (Vgl. Hegel 1999, S.105)

Es ist keine nebensächliche Attitüde des Autors, die Zeigegeste nicht als ein „Werk des Verstandes“ anzuerkennen. Es fällt ihm auf diese Weise leichter, die Differenz zwischen Etwas und Anderem, die durch die Zeigegeste als dieses Etwas und als dieses Andere räumlich und zeitlich fixiert würden, dialektisch aufzuheben. Mit der Zeigegeste ist eine Hier-und-Jetzt-Bestimmung verbunden. Diese Raum-Zeit-Konstellation widersetzt sich der dialektischen Bewegung, in der sich Verschiedenes letztlich, also im Resultat, als identisch erweisen wird.

Indem Hegel also auf den sprachlichen Charakter des Wortes ‚dieses‛ hinweist und die Zeigegeste gar nicht erst erwähnt, verschafft er sich zusammen mit seinem Denkverbot den von Zwischenrufen ungestörten Freiraum für einen dialektischen Monolog, mit dem er die widersinnigsten Behauptungen in die Welt setzen kann, die sich dann im Lichte des Resultats, das sich diesem Vorgehen verdankt, als richtig erweisen. Das hat etwas Zirkelhaftes, insofern dieses Resultat angeblich zum Anfang zurückkehrt. Tatsächlich aber wird der angeblich dialektische Prozeß fortwährend durch willkürliche Setzungen des Autors angereichert, deren logische Notwendigkeit sich (mir) selten erschließt und die lediglich vom Autor behauptet wird.

Sonntag, 1. März 2026

Die Schwachstelle im Herrn der Ringe


Lektürefrust


Da mir gerade die Lektüre von Hegel

‒ seine philosophische Attitüde, die stümperhafte Grammatik (insbesondere die grauenhafte Kommasetzung, die die Lektüre seiner „Wissenschaft der Logik“ zusätzlich unnötig erschwert) ‒,

und die Lektüre von Schopenhauer

‒ dem großen und wesentlich sprachgewandteren Hegelantagonisten, dessen „Parerga und Paralipomena“ ich zur Erholung von der Hegellektüre begleitend zu lesen begonnen habe ‒,

beide auf die Nerven gehen, der eine mehr, der andere weniger, machte ich eine Pause von diesen beiden Egomanen und las zur Erholung das erste und das zweite Kapitel im zweiten Buch des ersten Teils von Tolkiens „Der Herr der Ringe“ in der durchgesehenen und revidierten Fassung der Übersetzung von Margaret Carroux von 1993.

Zwei Monate


Seit langem beschäftigt mich der Widersinn, daß Frodo und seine Gefährten zwei Monate in Bruchtal rumhängen und sich erst auf den Weg nach Mordor machen, als der Winter beginnt. In dieser Zeit hatte der Feind alle Zeit der Welt, sich von dem vorübergehenden Verlust der Ringgeister zu erholen und sich auf den entscheidenden Schlag der freien Welt gegen ihn vorzubereiten.

Wären die neun Gefährten früher aufgebrochen, statt zwei Monate lang auf die nutzlosen Berichte der in alle Richtungen ausgesandten Kundschafter zu warten, wären ihnen viele wetterbedingte Rückschläge und Verluste und auch viele der mit den Kriegsvorbereitungen des Feindes verbundenen Gefahren erspart geblieben. Durch die Lektüre der zwei Kapitel wollte ich mein Gedächtnis auffrischen, um im Rahmen eines Blogposts auf Frodos durch mir unverständliche Umständlichkeiten verzögerten Aufbruch zu sprechen zu kommen.

Am 24. Oktober, morgens, wacht Frodo in Bruchtal auf. Nur allmählich, mit Hilfe von Gandalf, der an seinem Bett sitzend Wache hält, findet er sich in der Wirklichkeit wieder und rekonstruiert die seit seinem Zusammenbruch nach der Überquerung der Furt vergangenen Tage. Die von den Ringgeistern zugefügte Wunde ist geschlossen, der Arm verheilt.

Am 25. Oktober findet der geschichtsträchtige Rat unter Leitung des Halbelben Elrond statt, an dem Frodo, endgültig genesen, teilnimmt. Der Rat stellt entsprechend zu den neun Ringgeistern eine Gruppe von neun Gefährten zusammen, unter ihnen Frodo, die den Ringträger nach Mordor begleiten soll, wo der Ring im Feuer des Vulkans Orodruin vernichtet werden soll.

So weit, so gut. Bislang habe ich immer mit Begeisterung von Bilbos hundert­und­elfter Geburtstagsfeier und von der abenteuerlichen Fahrt der Hobbits nach Bruch­tal gelesen, und mit gleicher Hingabe folgte ich lesend der großen Wanderung gen Süden und Osten an den Hängen des Nebelgebirges und des Weißen Gebirges entlang nach Gondor und Mordor. Nur eben die zwei Monate dazwischen, der Rat von Elrond und der Aufbruch nach Süden, das erste und zweite Kapitel des zweiten Buches des ersten Teils der Trilogie, machten mir mit der Zeit immer mehr zu schaffen.

Zwei ganze Monate verweilen die Hobbits und die anderen Gefährten (mit Ausnahme Aragorns, der mit den Kundschaftern unterwegs ist) in Bruchtal. Der Herbst vergeht, der Winter bricht an. Und erst dann machen sich die neun Gefährten auf den Weg. Warum? Mit welcher Begründung? ‒ Frodo gilt als genesen und von seiner verheilten Wunde ist nicht mehr die Rede. Jede unvoreingenommene Leserin, jeder Leser, muß aus guten Gründen davon ausgehen, daß das für das Vorhaben der neun Gefährten vernünftigste Vorgehen darin bestünde, sich sofort und ohne weitere Versäumnisse auf den Weg zu machen.

Ein Grund ist das Wetter: eine Wanderung im Winter ist niemals eine gute Idee! Erst recht nicht bei einer Wanderung, von der das Schicksal von Mittelerde abhängt. Ein anderer Grund sind die Kriegsvorbereitungen des Feindes. Je weiter diese fortgeschritten sind, umso unzugänglicher wird das Ziel der Wanderung: der mitten in Mordor liegende Vulkan Orodruin. Und ein dritter Grund sind die Ringgeister. Durch die tödliche Flutwelle an der Furt sind die gefährlichsten Gegner der neun Gefährten, die Ringgeister, für eine gewisse Zeit außer Gefecht gesetzt. Dieser Vorteil wird durch den zweimonatigen Aufenthalt in Bruchtal zunichte gemacht.

Der Elb Galdor weist im Rat auf diesen Umstand hin: „Die Neun haben ihre Pferde eingebüßt, doch das ist nur ein Aufschub, bis sie neue und schnellere Rosse finden.“ (S.276)

Und was sind nun die Gründe, die den Rat veranlassen, eine andere Entscheidung zu treffen? Ein Grund, der in den Gesprächen der Gefährten u.a. von Bilbo und Gandalf immer wieder genannt wird, besteht darin, daß man sich erst Gewißheit über das Schicksal der Ringgeister verschaffen müsse. Zu diesem Zweck schickt der Rat Kundschafter aus, in alle Himmelsrichtungen, also auch in Regionen von Mittelerde, die mit dem Auftrag der neun Gefährten überhaupt nichts zu tun haben! Und Bilbo macht mit Unterstützung von Gandalf seinen Freunden klar, daß die Gefährten erst aufbrechen können, wenn alle Kundschafter mit ihren Berichten zurückgekehrt sind. Also auch die Berichte jener Kundschafter, die für die Gefährten völlig uninteressant sind. (Vgl. S.282f.)

Wenn Saruman mit im Rat gesessen und darauf hin gearbeitet hätte, die Vernichtung des Rings zu sabotieren, hätte er kaum zu einem besseren Ergebnis kommen können.

Und was sind nun die so sehnlichst erwarteten Ergebnisse, die die Kundschafter Ende Dezember von ihren Erkundungen zurückbringen? Man weiß es nicht. Niemand erfährt etwas. Die letzten Kundschafter, die nach Bruchtal zurückkehren, sind Elladan und Elrohir. „In ein fremdes Land“, heißt es, seien Elladan und Elrohir über den Silberlauf gelangt. Das ist mehrdeutig. Es könnte heißen, daß sie jenseits von Lorien in ferne Länder im Osten gelangten, oder es könnte heißen, daß sie nach Lorien gegangen sind, durch das der Silberlauf fließt, und dann wäre Lorien selbst das fremde Land, das sich gegenüber seiner Umwelt und seinen Nachbarn abgekapselt hat und deshalb der Welt ‚fremd‛ geworden ist. Im ersten Falle wäre das Wissen, das sie gesammelt haben, für die neun Gefährten, deren Reiseziel Mordor ist, nutzlos und man fragt sich, warum Elladan und Elrohir überhaupt auf Kundschaft gegangen sind und warum die neun Gefährten unnötigerweise auf ihre verspätete Rückkehr gewartet haben. Im zweiten Falle macht es keinen Sinn, daß sie ihr Wissen über Lorien nur Elrond preisgeben, denn für niemand wäre dieses Wissen wichtiger gewesen als für die neun Gefährten.

Die Berichte der Kundschafter werden folgendermaßen zusammengefaßt: „Drei der schwarzen Pferde hatte man sofort ertrunken an der überfluteten Furt gefunden. Auf den Felsen der Stromschnellen weiter unten waren dann die Lei­chen von fünf weiteren entdeckt worden und außerdem ein langer, schwarzer Mantel, der zerrissen und zerfetzt war. Von den Schwarzen Reitern war sonst keine Spur zu se­hen, und ihre Anwesenheit war nirgends spürbar. Sie schienen aus dem Norden ver­schwunden zu sein. ‚Über acht von den Neun weiß man wenigstens Bescheid‛, sagte Gandalf. ‚Es wäre voreilig, zu sicher zu sein, doch können wir, glaube ich, hoffen, daß die Ringgeister jetzt zerstreut sind und zu ihrem Herrn in Mordor zurückkehren mußten, so gut sie konnten, leer und gestaltlos. Wenn dem so ist, dann wird es einige Zeit dauern, bis sie die Jagd wieder aufnehmen können. Natürlich hat der Feind noch andere Diener, aber sie würden die ganze Strecke zu den Grenzen von Bruchtal zurücklegen müssen, ehe sie unsere Spur aufnehmen können. Und wenn wir vor­sichtig sind, wird sie schwer zu finden sein. Doch dürfen wir nicht länger säumen.‛“ (S.284f.)

Was also den wichtigsten Punkt betrifft, das Schicksal der Ringgeister, hätte es keiner langwierigen und gefährlichen Reisen in den Süden und Osten bedurft. Ohnehin wurden nach diesen ersten Funden an der Furt keine weiteren Erkenntnisse über die Ringgeister gewonnen. Es ist kaum zu glauben, aber anstatt sich bei Frodos Ankunft zwei Monate zuvor sofort an Bruchtals Grenzfluß nach den Überresten der Ringgeister umzusehen und sich noch am selben Tag darüber zu vergewissern, was von ihnen nach der Flutwelle übriggeblieben war, hat man zwei Monate lang auf die Berichte aus fernen Ländern gewartet! Und das sollte der Grund dafür sein, daß man die Kundschafter ausgeschickt hat?

Das Fehlen hundertprozentiger Gewißheit war jedenfalls kein vernünftiger Grund, um auf den ungeheuren Vorteil, den das zeitweise Ausfallen der Ringgeister für die Wanderung der Gefährten bedeutete, zu verzichten. Denn wie sich später zeigen wird: als die Gefährten sich den Grenzen von Mordor nähern, sind die Ringgeister längst wieder auf neuen Reittieren unterwegs und gefährlicher denn je.

Und was die Spione des Feindes betrifft: wären die Gefährten sofort aufgebrochen, ohne auf die Kundschafter zu warten, wären sie vor ihnen sicher gewesen. Denn dann wäre es für diese Spione vollends zu spät gewesen, ihre Spur wieder aufzunehmen.

Was bleibt noch an Erkenntnissen? Im dritten Kapitel zieht die Gemeinschaft der neun Gefährten in den Süden und durchquert, wie es dort heißt, ein leeres, wachsames Land, das einen trügerischen Frieden vortäuscht. Zwei Monate zuvor sind die Kundschafter hier unterwegs gewesen. Jetzt aber wird die Gemeinschaft von Wolfsrudeln angegriffen, von Schneestürmen auf dem Rothornpaß überrascht, um dann, nach gescheiterter Paßüberquerung, wieder von Kraken, Orks, Balrogs und Ringgeistern angegriffen und verfolgt zu werden.

Donnerstag, 19. Februar 2026

Im Alter


Es gibt für uns kein Kind,
wenn wir beieinanderliegen,
weil wir nicht mehr fruchtbar sind
und keins mehr kriegen.

Doch fehlt das Dritte nicht:
unriskant bleibt die Begattung.
Nein ‒ uns bindet keine Pflicht
an die Gattung.

Was zwischen uns geschieht,
steigert sich zur Lebensfeier;
denn es bleibt, was wächst und blüht,
die Freiheit zweier.

Donnerstag, 8. Januar 2026

Phantasmen und Visionen

Judith Butler, Wer hat Angst vor Gender? (2024/25)


1. Korrekturen
2. kollektives Imaginieren
3. Kritik und Urteilskraft
4. Kategorien
5. Butlers Anthropologie
6. Entwicklungsebenen
7. individuelle Entwicklungsebene
8. Mißbrauch

Man muß heute niemanden mehr darüber aufklären, daß man die Sprache auch mißbrauchen kann. Als erstes fällt einem in diesem Zusammenhang die Lüge ein. Aber die direkte und einfache Lüge hat schon wieder etwas biederes, fast schon ehrliches an sich, etwa in Gestalt der Notlüge. Die Notlüge ist die Waffe der Schwächsten unter uns, die nichts zur Verfügung haben, um sich vor Übergriffen und Machtmißbrauch zu schützen. Die hinterhältigste Form der Lüge ist wohl die Wortverdreherei, z.B. wenn jemandem in einer Auseinandersetzung das Wort im Munde verdreht und gegen ihn gewendet wird oder wenn Machthaber respektable Wörter wie Demokratie oder Freiheit verwenden, um mit ihnen Unrecht und Gewalt zu legitimieren.

Zu den Wörtern, mit denen Mißbrauch getrieben wird, gehört inzwischen auch das Wort Mißbrauch, wie Judith Butler schreibt: „Allerdings wird ,Missbrauch‛ als Begriff mittlerweile wohl allzu häufig falsch verwendet, um ihn hier unhinterfragt zu übernehmen.() Um es noch einmal zu wiederholen: Der Vorwurf des Missbrauchs beutet das angesichts von Kindesmissbrauch entstehende moralische Entsetzen aus. Dabei sollte dieses Entsetzen doch genau an der Seite derer bleiben, zu denen es gehört, nämlich an die Seite der Kinder, die geschlagen, verstümmelt, verlassen oder ihrer Lebensgrundlage beraubt werden ...“ (Vgl. Butler 2025, S.154; vgl. auch S.151)

Unterstützt vom Vatikan und den letzten zwei Päpsten Benedikt und Franziskus wird der Gender-Theorie potenzieller Mißbrauch an Kindern vorgeworfen, weil sie sich für Lebensweisen einsetzt, die dem kirchlichen Menschenbild widersprechen: „Lesbische und schwule Ehe wird zum Äquivalent für Päderastie und Pädophilie, wobei beide aus moralischer Sicht gleichermaßen weit entfernt von der Norm der heterosexuellen Ehe sind.“ (Butler 2025, S.126)

Mit solchen Verlautbarungen unterstützt der Vatikan nicht nur populistische und autoritäre Kampagnen gegen andersliebende und anderslebende Menschen, sondern wendet auch schamlos trotz sexueller Übergriffe der eigenen Priesterschaft den Vorwurf des Mißbrauchs gegen schutzbedürftige Minderheiten: „Dass sich die Lesben- und Schwulenbewegung ausdrücklich gegen den sexuellen Missbrauch von Kindern positioniert hat und die katholische Kirche, würde sie all den ,Schutzbefohlenen‛, die sie über die Jahrzehnte hinweg missbraucht hat, Entschädigungen zahlen, Bankrott anmelden müsste, spielt keine Rolle.() Umgetrieben von ihrer eigenen Missbrauchsgeschichte, externalisiert die Kirche den Ursprung der sexuellen Übergriffe gegen Kinder und weist ihn sexuellen und Gender-Minderheiten zu ...“ (Vgl. Butler 2025, S.126)

Ein weiterer Mißbrauch an der Sprache besteht in dem Anspruch der katholischen Kirche, staatlich vor ‚Diskriminierung‛ geschützt zu werden. So gibt es z.B. im deutschen Strafgesetzbuch den Tatbestand der Blasphemie (§166), was der Kirche in Sachen Meinungsfreiheit ein Sonderrecht einräumt. Sie könnte es immer, wenn sie sich beleidigt fühlt, aktivieren und Anzeige erstatten. Was schon lange nicht mehr geschehen ist, weil sie sich heutzutage damit lächerlich machen würde. Aber sowas kann sich schnell ändern.

Was aber nach wie vor aktuell ist, sind die kirchlichen Sonderrechte im Arbeitsrecht. Kirchliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dürfen entlassen werden, wenn ihre Paarbeziehungen den patriarchalen Vorstellungen ihres Arbeitgebers hinsichtlich der Ehe nicht entsprechen. Versuchen, das kirchliche Arbeitsrecht an das Grundgesetz und an die heutigen Lebensumstände anzupassen, verweigert sich die Kirche, da das ihre religiösen Grundprinzipien verletzt. Über den Umgang des Vatikans mit dem Begriff der Diskriminierung schreibt Butler unter dem ironischen Titel „Freiheit zur Diskriminierung“:

„Die Freiheit, andere zu diskriminieren, die Etablierung sozialer und wirtschaftlicher Ungleichheit und die Verweigerung grundlegender Rechte ist gerechtfertigt, weil ,Antidiskriminierung‛ offenbar nur eine Finte ist. Hier die Haltung des Vatikans in seinem Schreiben ,Als Mann und Frau schuf er sie‛ aus dem Jahr 2019: ‚Tatsächlich verbirgt der allgemeine Begriff der ,Nicht-Diskriminierung‛ oft eine Ideologie, die die Differenz und die natürliche Aufeinanderverwiesenheit von Mann und Frau leugnet.‛“ (Butler 2025, S.107f.)

Ich habe oft in diesem Blog zum Mißbrauch und seinen verschiedenen Erscheinungsformen Stellung genommen. Neben dem sexuellen Mißbrauch gibt es den hier schon angesprochenen sprachlichen Mißbrauch und den Machtmißbrauch gegenüber abhängig Beschäftigten und gegenüber Schutzbefohlenen kirchlicher und pädagogischer Einrichtungen. Diese verschiedenen Mißbrauchsformen können einzeln für sich auftreten, plötzlich und unerwartet in ,harmlosen‛ Gesprächen, strukturell bedingt in gesellschaftlichen Einrichtungen oder allgemein im öffentlichen Raum, wo immer wir unterwegs sind. Sie können aber auch in geballter und vermischter Form zum Ausbruch kommen, etwa beim Mobbing am Arbeitsplatz oder in der Schule.

Meine eigene Empfindlichkeit für Mißbrauch aller Art stammt vor allem aus meiner Herkunft aus dem katholischen Milieu. Später kamen Erfahrungen in der Schule, an der Universität und als Erzieher in einem Landerziehungsheim hinzu. Was aber meine persönliche Lebensgestaltung betrifft, war es insbesondere die mit dem Begriff der Sünde verbundene kirchliche Sexualmoral, die meine Entwicklung so sehr beeinflußt hat, daß ich nie zu einem unbefangenen Verhältnis zu meinen Bedürfnissen und meinem Begehren gefunden habe.

Hinzu kam mit dem Beginn der Pubertät ein diffuses Unbehagen hinsichtlich der biologisch begründeten Rollenverteilung, die das Verhältnis von Frauen und Männern betraf. Ohne daß ich es damals so hätte auf den Punkt bringen können, verletzten sie mein Gerechtigkeitsempfinden, denn ich hatte einen großen Respekt vor den mit dem Ausleben sexueller Bedürfnisse verbundenen, das ganze Leben umfassenden Risiken, die vor allem Frauen zu tragen haben, während Männer sich ihrer Verantwortung leichter entziehen können.

Dieses Gerechtigkeitsempfinden vermengte sich bei mir mit dem kirchlichen Sündenbegriff, und alles zusammen übertrug ich auf die religiöse Vorstellung von einem göttlichen Willen, angesichts dessen man selbst nicht wollen darf, was man will. Dieser zutiefst pathokathologische Mix wurde für mich zur Quelle aller Miß­brauchs­praktiken in Kirche, Staat und Gesellschaft: des Mißbrauchs der Macht, des Mißbrauchs der Sprache und der institutionell verankerten sexuellen Übergriffe des Klerus.

Mittwoch, 7. Januar 2026

Phantasmen und Visionen

Judith Butler, Wer hat Angst vor Gender? (2024/25)


1. Korrekturen
2. kollektives Imaginieren
3. Kritik und Urteilskraft
4. Kategorien
5. Butlers Anthropologie
6. Entwicklungsebenen
7. individuelle Entwicklungsebene
8. Mißbrauch

Was das ‚verkörperte‛ Leben betrifft (vgl. Butler 2025, S.59), also die individuelle Ebene der Ontogenese, spielt die Biologie vor allem in der Entwicklungsphase der Pubertät, in der wir eine Geschlechtsidentität ausbilden, eine Rolle. Aber selbst auf dieser Ebene erlebt jeder Mensch die Pubertät auf eine andere Weise, und manche eilen seltsam unberührt durch sie hindurch. Aber auch unter denjenigen, die zahlreiche Konflikte mit ihrer eigenen Körperlichkeit und ihrer sozialen Umgebung zu durchleiden haben, gibt es die, die nicht an der ihnen bei der Geburt zugewiesenen Geschlechtsidentität zweifeln, und die, die mit ihrer Geschlechtszuweisung hadern. Für diese beiden Konfliktformen aber gilt, was Butler über die Einverstandenen schreibt: „Selbst diejenigen, die das ihnen zugewiesene Geschlecht mögen und dabei bleiben, müssen sich trotzdem zu dieser Zuordnung in Beziehung setzen, was bedeutet, dass sie eine imaginierte Beziehung zu ihrem Geschlecht durchlaufen.“ (Butler 2025, S. 260)

Selbst also, wenn wir nicht mit unserer Geschlechtszuweisung hadern, ergibt sich also ein Problem mit der Selbstdefinition: „Solange wir uns einig sind, dass die Kategorie Geschlecht in Verbindung mit einer Vorstellung, einer Anforderung, einem komplexen Rahmen, einem impliziten Set von Kriterien in unser Leben tritt, erkennen wir an, dass das Geschlechtliche von Anfang an von einer phantasmatischen Bedingung geprägt ist, sich also in seiner Abgrenzung verwirklicht. Was bedeutet, dass Gender bereits am Werk ist.“ (Butler 2025, S.260)

,Gender am Werk‛: das ist eine treffende Beschreibung für das, was sich für die meisten in der Pubertät vollzieht. Und damit aus dem Vollzug des Genderns, in dem biologische und gesellschaftliche Mechanismen sich blind ineinander verwirren (,ko-konstruieren‛), eine Praxis des Genderns werden kann, müssen wir auf der Ebene, auf der wir hier und jetzt existieren, zu Subjekten unserer Lebensführung werden. Die individuelle Entwicklungsebene muß zur biologischen und gesellschaftlichen als eine dritte Entwicklungsebene hinzutreten und sich auf eine Weise ‚verkörpern‛, die unseren Bedürfnissen entspricht.

Früher nannte man das Bildung. Obwohl Butler bei ihrem Zwei-Ebenen-Modell mit der biologischen und der gesellschaftlichen Entwicklungsebene verharrt, adressiert auch sie diese dritte Ebene, wenn sie uns die Fähigkeit ,Nein‛ zu sagen zugesteht: „Konventionen, die Art der Ansprache und institutionelle Formen von Macht wirken bereits vor jenem Moment, in dem wir ihren prägenden Einfluss zum ersten Mal wahrnehmen, vor dem Auftauchen des ,Ichs‛, das davon ausgeht, dass wir selbst entscheiden, wer oder was wir sein wollen. Selbstverständlich gelangen wir manchmal an den Punkt, an dem wir mit den uns auferlegten Normen brechen, Anrufungen, die an uns herangetragen wurden, ablehnen, Frieden finden in diesem ,Nein‛ und damit einen anderen Weg einschlagen.“ (Butler 2025, S.59)

Was also ist Gender, wenn wir das Gendern als eine selbstbestimmte Praxis verstehen wollen, als Teil einer eigenständigen, individuellen Lebensführung? Zunächst könnten wir damit aufhören, Gender nur als ein biologisches und gesellschaftliches Schicksal zu begreifen, denn, so Butler: „... auch die These, dass das Geschlecht ,eine feste Veranlagung‛ sei, (ist) eine Gender-Theorie“. (Vgl. Butler 2025, S.72)

In gewohnt rhetorischer Form fragt sie: „Können Menschen ihr Geschlecht und ihre Sexualität frei wählen oder nicht, oder sollten sie die Freiheit haben, gemäß ihrem Geschlecht und ihrer Sexualität zu leben?“, um diese Frage dann gleich selbst zu beantworten: „Allen steht das Recht auf ein freies Leben zu, das heißt, ihre Forderung nach politischer Freiheit setzt nicht unbedingt voraus, dass Geschlecht oder Sexualität frei gewählt wurden.“ (Butler 2025, S.72f.)

Bestimmte Fragen, so Butler, sind einfach überflüssig. Selbst dann, wenn wir unsere Geschlechtsidentität letztlich eben nicht frei und selbstbestimmt konstruieren können, kann uns niemand das Recht nehmen, uns zu dem Geschlecht zu bekennen, das unserem Begehren entspricht. Und zu diesem Begehren gehört eben auch das Scheitern, also das, was Plessner als Scheitern unseres Willens an der Welt beschreibt und in diesem Fall eben das Scheitern an unserer Geschlechtlichkeit meint:

„Tatsächlich kann es uns passieren, dass wir dem Anspruch, den eine solche Bezeichnungspraxis erhebt, nicht gerecht werden und ein ,Scheitern‛ sich womöglich als Befreiung herausstellt.() Daher wurzelt unsere Fähigkeit zur Ideologiekritik notwendigerweise in der Position als schlechtes oder gebrochenes Subjekt: eine Person, die daran gescheitert ist, sich den Normen zu unterwerfen, denen Individuation unterliegt. Was uns in die schwierige Lage bringt, mit unserer eigenen Erziehung oder Selbstwerdung brechen zu müssen, um auf unsere eigene Art kritisch denken zu können, neu denken zu können, aber auch, um zu einer Person zu werden, die nicht in vollem Umfang den Erwartungen entspricht, die so häufig mit der Geschlechtszuweisung bei Geburt an uns herangetragen wird.“ (Butler 2025, S.35)

Hier gelingt Butler etwas großartiges: sie beschreibt das Scheitern als eine Befreiung! Das Scheitern befreit uns von den Phantasmen und Illusionen gesellschaftlicher Konventionen, die uns von Geburt an eingeflößt wurden, also von dem, was ich mit Husserl und Blumenberg Lebenswelt nenne. Dieses Scheitern an den Fremdbestimmungen, wie wir zu lieben und zu leben haben, macht uns wieder frei, zu Subjekten unserer Lebensführung zu werden. Hatte Butler es in „Das Unbehagen der Geschlechter“ (1990/91) noch abgelehnt, den Begriff des Subjekts als Erbe einer weiß und männlich deformierten Aufklärung zu verwenden, spricht sie jetzt vom „schlechten oder gebrochenen Subjekt“, aber nicht mehr als heteronormative Deformation, sondern als daran gescheitert, sich der Heteronormativität zu unterwerfen.

Es gibt eine Alternative zu Phantasmen und Visionen aller Art. Sie besteht darin, zwischen Naivität und Kritik zu balancieren und so unsere anfängliche Naivität hinter uns zu lassen.

Dienstag, 6. Januar 2026

Phantasmen und Visionen

Judith Butler, Wer hat Angst vor Gender? (2024/25)


1. Korrekturen
2. kollektives Imaginieren
3. Kritik und Urteilskraft
4. Kategorien
5. Butlers Anthropologie
6. Entwicklungsebenen
7. individuelle Entwicklungsebene
8. Mißbrauch

Trotz der im vorangegangenen Blogpost vorgebrachten Kritik bleibt es dabei, daß Judith Butler die Biologie in ihrem ko-konstruktiven Ansatz wieder auf Augenhöhe mit Gesellschaft und Politik bringt, auch wenn sie einschränkend ergänzt, daß man außerhalb dieser Ko-Konstruktivität „nicht wirklich über biologische Tatsachen nachdenken“ könne. (Vgl.Butler 2025, S.248) Das ist, zumindestens in der deutschen Übersetzung, sogar unbestreitbar richtig, denn ‚Tat‛-Sachen sind keine ‚Daten‛. Sie sind interpretierte Daten.

Aber ich will jetzt keine Wortklauberei veranstalten. Bleiben wir erstmal bei der Feststellung eines neuen Grundkonsenses. Es ist aus Sicht der Gender-Theorie wieder erlaubt, über Biologie zu reden. Deshalb gestehe ich Butler zu, daß sie von einem Zwei-Ebenen-Modell von Entwicklung ausgeht ‒ von einer ‚Phylogenese‛ und von einer kulturellen Genese des Menschen: „Der interaktive Ansatz der Entwicklungsbiologie geht davon aus, dass beides, Biologie und soziale Umgebung, zur Bestimmung und Entwicklung von Geschlecht beitragen.“ (Butler 2025, S.16)

Daß Butlers Zwei-Ebenen-Modell mit meinem Konzept der drei Entwicklungsebenen, die zusammen einen Menschen ergeben, vergleichbar ist, liegt vor allem daran, daß Butler jetzt den Faktor Zeit in ihre Überlegungen einbezieht. Die verschiedenen Entwicklungsebenen verweisen auf eine Komplexität, die sich schon innerhalb des Sozialen nicht auf die Gesellschaft beschränken läßt. Im Ansatz deutet sich hier bei Butler schon so etwas wie eine eigene individuelle Dimension an: „Das Begehren eines Erwachsenen ist bereits angeregt und gelernt von einer Reihe von vorherigen Begehren, denen jener Erwachsener nämlich, welche diese Person als Kind angesprochen und aufgezogen haben. ... Wenn es stimmt, dass wir von Normen geformt werden, dann nur deswegen, weil irgend ein unmittelbares, verkörpertes, unfreiwilliges Verhältnis zu ihrer Aufprägung bereits wirkt.“ (Butler 2025, S.58)

Allerdings wird nicht ganz klar, wo Butler hier die Grenze zwischen Psychologie und Physiologie zieht. Letztlich läuft bei ihr alles auf Biologie und Gesellschaft hinaus. Sie verweist auf den Biowissenschaftler und Immunologen Thomas Pradeu: „Pradeu zufolge sind Gene zwar eine von mehreren für die Entwicklung eines Organismus notwendigen Bedingungen, aber die ,kausale Macht der DNS‛ für die Entwicklung erwächst erst aus der Interaktion mit anderen Faktoren. Dabei arbeitet er die Position, der er sich verschrieben hat, als ,Ko-Konstruktion‛ heraus.()“ (Butler 2025, S.289)

Insgesamt zählt Butler rund acht verschiedene Faktoren auf, die im Rahmen des ko-konstruktiven Ansatzes zusammenwirken: „Bei der Ausformung und in den Lebensprozessen eines menschlichen Wesens sind jedoch komplexe und interaktive Beziehungen zwischen verschiedenen Bereichen am Werk, und dazu gehören in unserer Zeit Physiologie, Anatomie, formative Prozesse im Sozialen und Intimen, psychologische Strukturen und Widerstandskraft sowie gesellschaftliche und politische Formen der Anerkennung und Unterstützung.“ (Butler 2025, S.292)

Unter diesen acht Faktoren kann ich mehrere individuelle Momente ausmachen, von Butler aber als solche nicht eigens gekennzeichnet werden: Intimität, psychologische Strukturen und Widerstandskraft. Wichtig ist, daß Butler zufolge innerhalb dieses „komplexen Gefüges von Interaktionen ... einige schneller ablaufen als andere“. (Vgl. Butler 2025, S.264) ‒ Und damit kommen wir zum Faktor Zeit: „Die Zeitlichkeit von Normen ist nicht dieselbe wie die Zeitlichkeit dieses oder jenes verkörperten Lebens.“ (Butler 2025, S.59)

Auch hier vermeidet Butler es, vom Individuum zu sprechen, und spricht lieber vom verkörperten Leben und fokussiert so die biologische Ebene. Sie bleibt beim Zwei-Ebenen-Modell. Aber schon damit eröffnen sich verschiedene zeitliche Dimensionen, nämlich die Zeitlichkeit gesellschaftlicher Prozesse und die Zeitlichkeit des verkörperten Lebens zwischen Geburt und Tod. Die Zeitlichkeit des verkörperten Lebens bleibt auf die wiederum körperliche Ontogenese vom Embryo bis zum geborenen erwachsenen Menschen beschränkt. Es geht also um Lebenszeit, und die ist individuell. Sprach ich eingangs noch von Phylogenese und von kultureller Genese, habe ich deshalb Phylogenese in Anführungszeichen gesetzt.

Wenn wir nicht die Ontogenese, sondern die Phylogenese in den Blick nehmen, dann haben wir es mit einer ganz anderen ,Biologie‛ zu tun, nämlich mit der Evolution des Menschen. Hier rechnen wir nicht mehr mit sechzig, siebzig oder achtzig Jahren, sondern mit Jahrhunderttausenden und Jahrmillionen. Wenn wir vom ‚Geschlecht‛ bzw. vom ‚Sex‛ reden, dann spielt auch diese biologische Zeitlichkeit eine Rolle und wirkt sich auf die anderen Zeitlichkeiten von kulturellen Epochen und individueller Lebenszeit aus. In der Gegenwart haben wir es zudem noch mit technologischen Innovationen zu tun, deren zunehmende Beschleunigung sich zerstörerisch auf die anderen Entwicklungsebenen auswirkt.

Aber die drei Entwicklungsebenen, wie ich sie verstehe, Biologie, Kultur und Individuen, sind in ihrer Zeitlichkeit selbst anachronistisch zueinander, was sich an den Zivilisationskrankheiten des ‚verkörperten‛ Lebens und an der, im Vergleich zur evolutionären, beschleunigten Zeitlichkeit kultureller Prozesse zeigt, die einerseits in ihrer Fragilität regelmäßig zu epochalen Abbrüchen und Umbrüchen führen und sich andererseits schon immer desaströs auf Flora und Fauna auswirken. Die heutigen technologischen Innovationen haben der Beschleunigung letztlich nur einen zusätzlichen Dreh verliehen.

Mit ihrem Zwei-Ebenen-Modell ist Butler also einerseits auf dem richtigen Weg, aber sie ist ihn noch nicht konsequent zuende gegangen. Immerhin erkennt sie schon, daß mit der unterschiedlichen Zeitlichkeit von gesellschaftlichen Prozessen und individueller Lebenszeit eine rekursive bzw. mit ihren Worten „iterative Logik“ verbunden ist. (Vgl. Butler 2025, S.59) Mit ,iterativ‛ meint Butler, daß Normen nicht nur in Gesetzen und Institutionen verkörpert sind, sondern unbestimmte biographische und geschichtliche Quellen haben. Diese Quellen aktualisieren bzw. ,wiederholen‛ sich in den verschiedenen Phasen der individuellen Ontogenese.

Butler sieht darin eine Chance: „Eben weil die Normen, die uns formen, nicht nur einmalig auf uns einwirken, sondern wiederkehrend im Verlauf der Zeit, ergeben sich Chancen, ihre Reproduktion aus dem Tritt zu bringen. Dieser wiederholbare Prozess eröffnet Möglichkeiten der Korrektur und der Verweigerung, weswegen Geschlecht eine eigene Zeitlichkeit besitzt und sich nicht gut verstehen lässt, ohne es als historisch geformt und revidierbar zu begreifen.“ (Butler 2025, S.59f.)

Möglichkeiten der Korrektur und der Verweigerung für wen? Warum kommt Butler nicht auf den Punkt? Es gibt nur einen möglichen Adressaten für diese Chance, die sich nach Butler hier eröffnet: das Individuum. Und tatsächlich kommt sie in ihrem Buch immer wieder auf diesen Adressaten zu sprechen, so daß sogar ihre Vorstellungen von dem, was Gender ist, letztlich doch immer nur dieses Individuum meinen. Es gibt also noch eine individuelle Entwicklungsebene, die nicht einfach nur verkörpertes Leben ist, sondern als Subjekt einer sinnvollen Lebensführung anzusprechen ist. Es gibt eine individuelle Entwicklungsebene. Dazu mehr im nächsten Blogpost.

Montag, 5. Januar 2026

Phantasmen und Visionen

Judith Butler, Wer hat Angst vor Gender? (2024/25)


1. Korrekturen
2. kollektives Imaginieren
3. Kritik und Urteilskraft
4. Kategorien
5. Butlers Anthropologie
6. Entwicklungsebenen
7. individuelle Entwicklungsebene
8. Mißbrauch

In meinem zweiten Blogpost (02.08.2019) zu Judith Butlers „Das Unbehagen der Geschlechter“ (1990/91) hatte ich kritisiert, daß sie die Biologie als ein ideologisches Konstrukt aus der Gender-Theorie ausschloß. Deshalb war ich auf das sechste Kapitel in ihrem neuen Buch, „Was ist denn nun mit dem biologischen Geschlecht?“ (vgl. Butler 2025, S.240ff.), besonders neugierig und las es zuerst.

In diesem Kapitel scheint es zunächst wieder um eine abstrakte Kategorienlogik zu gehen: was gehört in welche Kategorie und was nicht. Unter anderem geht es dabei um die Eignung der Gebärfähigkeit als einer weiblichen Eigenschaft für ein Kriterium zur kategorialen Bestimmung von Frauen; eine Gebärfähigkeit, die dank der „Möglichkeiten künstlicher Befruchtung“ die Zahl der Kandidaten für die „Kategorie Frau“ erhöht. (Vgl. Butler 2025, S.242 und S.243)

Was mich an der Gebärfähigkeit wirklich interessiert, ist nicht ihre Eignung als kategoriales Kriterium, sondern ihre Auswirkung auf die individuelle Lebensführung, angefangen mit der ersten Menstruation bis hin zur Menopause. Aber Butler sind diese körperlichen Symptome nicht einmal eine Marginalie wert.

Zur individuellen Lebensführung gehört auch die Familienplanung, die Butler mit der politischen Forderung nach reproduktiver Freiheit verknüpft. Damit wird ein ganzer Komplex moralischer Fragen aufgeworfen, von denen Butler, ohne es zu hinterfragen, nur das individuelle, genderunabhängige Recht auf ein leibliches Kind fokussiert. Butler hält es für falsch, die Gebärfähigkeit auf das weibliche Geschlecht zu beschränken, das zumindest bislang, vorsichtig formuliert, biologisch besser dafür ausgestattet gewesen war, Kinder zu gebären. Sie bezeichnet diese Beschränkung der Gebärfähigkeit als „Sexuierung“ und hält sie für diskriminierend: „Dieses Kriterium (die ,Sexuierung‛ ‒ DZ) unterwirft Frauen der Erwartung, sich fortzupflanzen, selbst wenn sie es nicht können oder wollen, und leugnet zugleich, wie wichtig die Fähigkeit, schwanger zu werden, für jene sein kann, die außerhalb der Kategorie Frau oder an deren Grenzen leben.“ (Butler 2025, S.243)

Schon auf dieser Ebene haben wir es also bei der Forderung nach reproduktiver Freiheit mit einem hochkomplexen Thema zu tun. Ich finde aber, daß dieser politischen Forderung noch die Klärung der Frage nach dem Recht auf ein Kind vorausgehen müßte. Mir scheint der unbedingte Wille, leibliche Kinder in die Welt zu setzen und das, buchstäblich, um jeden Preis, eher ein Luxusproblem zu sein, und kein Menschenrecht. Ich habe Zweifel an den Motiven künftiger Eltern, gleichgültig welcher Geschlechtsidentität sie sich zuordnen, und die Kinder auch adoptieren könnten, aber sich stattdessen unter allen Umständen biologisch fortpflanzen wollen. Wo sie ihren Kinderwunsch nur unter erheblichem technischen und finanziellen Aufwand umsetzen können, kann man nach meinem Ermessen nicht mehr von einem Recht auf ein Kind reden. Ich habe vielmehr den Eindruck, daß es hier nicht mehr um das Wohl des künftigen Kindes geht, sondern um eine aus welchen individuellen oder gesellschaftlichen Quellen auch immer sich speisende Projektion.

Die Forderung der „reproduktiven Freiheit“ beinhaltet drei Motivkomplexe: das Recht auf Abtreibung (Verfügungsgewalt über den eigenen Körper), das Recht auf biologische Beschränkungen aufhebende Unterstützung durch eine medizinische und gesellschaftliche Infrastruktur (künstliche Befruchtung, Leihmütter etc.) und den Verzicht auf Mutterschaft (Selbstdefinition). Die ethische Frage nach der individuellen Selbstbestimmung, also das erste und das dritte Motiv (Abtreibung und Verzicht auf Mutterschaft), wird durch das Problem einer als Fremdbestimmung wahrgenommenen biologischen Beschränkung der Gebärfähigkeit in den Hintergrund gedrängt. Die Frage nach dem Recht auf ein Kind kann so nicht mehr gestellt werden.

Abgesehen von der gleichermaßen moralischen wie politischen Aufwertung von biologischen Beschränkungen als ‚Diskriminierung‛ entwickelt Butler im sechsten Kapitel auch eine Anthropologie, in derem Zentrum vor allem zwei Entwicklungsebenen stehen: die gesellschaftliche und die biologische bzw. ,materielle‛. Damit nimmt sie meines Wissens erstmals positiv auf die Biologie Bezug: „Die transauschließenden Feministinnen wiederholen unbeirrt ihre Forderung, dass die Infragestellung des biologischen Determinismus nicht zu einer Infragestellung der Biologie an sich führen dürfe. Einverstanden. Was wir als Gender-Theorie bezeichnen, hat eine Weile lang tatsächlich in diese Richtung argumentiert.“ (Butler 2025, S.248; fehlendes Gender-Gap durch die Autorin)

Zur Aufwertung der biologischen Entwicklungsebene gehört auch die Ergänzung des Begriffs ,De-Konstruktion‛ durch den der „Ko-Konstruktion von materiellem und gesellschaftlichem Leben“ (vgl. Butler 2025, S.249). ‒ Ko-Konstruktion funktioniert „reiterativ“, ein Begriff, den Butler in der Einleitung einführt (vgl. Butler 2025, S.47), und er bedeutet, dass Kontexte und Umstände miteinander wechselwirken. Auch Biologie und Gesellschaft wechselwirken miteinander und ko-konstruieren gemeinsamen das, was wir heute als ,Gender‛ bezeichnen.

Butler berücksichtigt aber nur zwei Entwicklungsebenen. Das Fehlen der individuellen Entwicklungsebene fällt besonders auf, wenn Butler dem „komplexen Zusammenspiel von ,materiellem‛ und gesellschaftlichem Leben“ noch die technologische Intervention hinzufügt: „Manchmal wird eine ,Fähigkeit‛“ ‒ und damit meint Butler vor allem die Gebärfähigkeit ‒ „nur mithilfe einer technologischen Intervention aktiviert, und dann kann Schwangerschaft so verstanden werden, dass sie aus mehr als einem Agens entsteht, nämlich aus einem komplexen Zusammenspiel von menschlichen und technologischen Kräften.()“ (Butler 2025, S.249)

Was für ein Glück also, daß fortpflanzungswillige ‚Individuen‛ auf technologische Innovationen zurückgreifen können, ohne selbst als „Agens“ einer eigenständigen Lebensführung in Erscheinung treten zu müssen! Ihre einzige Initiative besteht darin, als Kunden eine Reproduktionsindustrie in Gang zu setzen, die sich fürsorglich ihres Kinderwunsches annimmt. Letztlich ist es genau das, was Butler unter Individuation versteht: nicht etwa die individuelle Lebensführung, sondern die Möglichkeit, frei zwischen den zur Verfügung stehenden technologischen Innovationen wählen zu können. Wer sein Menschenbild an den technischen Möglichkeiten ausrichtet, braucht in der Tat keine dritte, die individuelle Ontogenese betreffende Entwicklungsebene mehr. Es reichen Biologie und Gesellschaft.

Immerhin stellt Butler zwar nicht die Frage nach dem Recht auf ein Kind, aber doch eine andere, ebenfalls sehr berechtigte Frage: „Ist reproduktive Freiheit mit der Freiheit der gesellschaftlichen Selbstbestimmung verknüpft?“ ‒ Allerdings fragt sie nicht ernsthaft, sondern bloß rhetorisch. Die Antwort kann nur ja lauten: „Falls ja, dann gibt es gute Gründe für eine Form von Solidarität, die feministische, transgeschlechtliche und nonbinäre Kämpfe zusammenbindet.“ (Butler 2025, S.244) ‒ Zu einer ernsthaft gestellten Frage hätte es allererst einer Diskussion des Begriffs „gesellschaftliche Selbstbestimmung“, in dem Individuelles und Kollektives unterschiedslos zusammengewürfelt wird, bedurft. Wo Biologie und Gesellschaft aber mittels Technik miteinander kurzgeschlossen werden, werden solche Fragen überflüssig.

Das Individuum spielt in so einer Anthropologie keine Rolle mehr. Konsequenterweise hebt Butler auch die Differenz zwischen Innen und Außen auf. (Vgl. Butler 2025, S.250f.) Sie verwandelt den Menschen, mit Plessner gesprochen, in eine ‚Pflanze‛, die nicht ‚exzentrisch‛, sondern ‚offen‛ positioniert ist, weil die „Außenwelt“ durch alle Poren ihres Körpers hereinströmt; denn: „sonst überlebt er nicht“. (Vgl. Butler 2025, S.251) ‒ Tatsächlich sind wir bzw. unser „Körper“ „von Beginn an außerhalb unserer selbst, in den Händen anderer, Elementen wie Luft, Nahrung und Obdach ausgesetzt“. (Vgl. Butler 2025, S.251) Wobei ungeklärt bleibt, inwiefern Obdach ein ‚Element‛ ist, dem wir ‚ausgesetzt‛ sind.

Wichtig ist dieses in die Außenwelt bzw. in die Umwelt Eingepflanzt-Sein, worauf letztlich das interaktive Modell der Ko-Konstruktion ohne individuelle Entwicklungsebene hinausläuft: „Nun ist aber diese Welt der sozialen und ökonomischen Infrastrukturen und Lebensprozesse eine, in der der biologische Körper lebt und überlebt und das Leben bereits unauflöslich mit sozialen und ökonomischen Institutionen verbunden ist, die wiederum mit anderen Lebensformen verbunden sind.“ (Butler 2025, S. 250)

Das ist Butlers Anthropologie: nirgendwo ein Mensch, der sein Leben führt. Stattdessen all überall eine große Verbundenheit, ein poröses Ein- und Ausströmen der Außenwelt, grenzenlose „Durchlässigkeit“, wie es im letzten Satz dieses Kapitels heißt. (Vgl. Butler 2025, S.262) Offen positioniert, nannte Helmuth Plessner das und meinte damit die Pflanzenwelt. Da ist man versucht, noch einmal darüber nachzudenken, was mit „offener Kategorie“ gemeint sein könnte.