„...letztlich ist der Mensch, als Folge oder Krönung der Evolution, nur in der Totalität der Erde begreifbar.“ (Leroi-Gourhan, Hand und Wort, S.22)

Donnerstag, 20. Februar 2020

Hub (Humbert Chabuel): Okko

Vor dreizehn Jahren hielt ich zum erstenmal einen Comic von Hub in der Hand: „Okko – Das Buch des Wassers“ (2005/06), den Auftakt zu einer fünfteiligen Serie über einen herrenlosen Samurai, einen Ronin, der aus einer altehrwürdigen Familie von Dämonenjägern stammt. Er lebt in ‚Pajan‘, ein Anagramm für das mittelalterlichen Japan und außerdem der Name der regierenden Familie. Das Land gerät am Ende der Ära der Familie Pajan in einen verheerenden Bürgerkrieg. In dieser Zeit ist Okko mit seinen Leuten, einem Mönch, einem jungen Diener und einem maskierten Krieger unterwegs, um seine Dienste als Dämonenjäger überall dort anzubieten, wo er gerade gebraucht wird.

Es sind vor allem zwei bis drei Themen, die alle fünf Comicbände durchziehen und in jedem der Bände auf verschiedene Weise variiert werden: a) Die Natur von Dämonen und Menschen, denen sich das Dämonische und das Menschliche nicht eindeutig zuordnen lassen; und b) die Marionette als Metapher für das Schicksal des Menschen. Ein drittes (c) Thema, das alle fünf Bände durchzieht, ist die Ehre, dargestellt als Konflikt zwischen dem Ronin Okko und den Samurais, denen er begegnet. Immer wieder wird in den fünf Bänden die Ehrlosigkeit des Ronin gegen die Ehrenhaftigkeit der Samurai ausgespielt. Dabei schneidet Okkos Ehrlosigkeit gegenüber dem überkommenen, starren Ehrenkodex der Samurai insgesamt besser ab.

Im ersten Band, „Das Buch des Wassers“ (2005/06), erweisen sich zwei Vampirdämonen, die in einer abgelegenen Provinz das Haus des herrschenden Fürsten usurpiert haben, als menschlicher als die Dämonenjäger. Die Vampirdämonen lieben einander und ihr gerade geborenes Kind und sind rührend um das Wohl ihrer kleinen Familie besorgt. Die Dämonenjäger töten alle drei Dämonen. Bevor der den Körper des Fürsten bewohnende Vampirdämon stirbt, sagt er Okko die Wahrheit über die Menschen; und diese Wahrheit ist der Krieg.

Das Marionettenthema wird hier ebenfalls angedeutet: Der Vampirdämon und seine Frau bewohnen die Körper des toten Fürsten und der toten Fürstin. Sie sind also Marionettenspieler, und die menschlichen Leichen sind ihre Marionetten.

Im zweiten Band, „Das Buch der Erde“ (2007/2009), hat sich eine Gruppe von Mönchen der Aufgabe verschrieben, die verletzten Soldaten und Zivilisten auf den Schlachtfeldern im Pajan zu pflegen und zu versorgen. Um dem Krieg ein für allemal ein Ende zu bereiten und die gegenwärtige Gesellschaftsordnung durch eine gerechtere zu ersetzen, erforschen die Mönche die Gesetze von Leben und Tod und finden heraus, wie man die Toten auf den Schlachtfeldern wieder lebendig macht. Sie erschaffen eine Armee von Toten, bekämpfen mit ihr die Armeen der Lebenden und bringen so neues Leid und Unglück über die Menschen. Sie verwandeln sich durch ihr Wissen und trotz ihrer ursprünglich humanen Motivation in ‚Dämonen‘ und werden schließlich von Okko und seinen Dämonenjägern vernichtet.

Das Marionettenthema wird im Verhältnis von Mönchen und Toten aufgegriffen: die Mönche ‚spielen‘ mit der Armee der Toten als ihren Marionetten.

Im dritten Band, „Das Buch der Luft“ (2009/10, 2011), jagt der Dämonenjäger Kubban den maskierten Krieger aus Okkos Gruppe, Noburo, der, wie sich herausstellt, selbst ein Dämon ist. Als Tikku, der junge Diener von Okko, den Dämonenjäger ‚tötet‘, stellt sich heraus, daß Kubban schon längst tot und deshalb als lebender Toter selbst ein Dämon gewesen war. Kubban, der tote Dämonenjäger, war wiederum in einem Bunraku, einer Kampfmarionette, ‚eingebaut‘, also gewissermaßen die mittelalterliche Analogie zu einem modernen Cyborg. Kubban war demnach ein toter Dämonenjäger, der eine Marionettenapparatur bediente; also Dämonenjäger, Dämon und Marionettenspieler in einer Person.

Im vierten Band, „Das Buch des Feuers“ (2011/12, 2013), spielen Dämonen nur am Rande eine Rolle: Kappas bzw. Wasserdämonen. Es fällt auf, mit welcher Grausamkeit Noburo, der ja selbst ein maskierter Dämon ist, gegen die Kappas vorgeht.

Das eigentliche Thema ist ein Schauspieler, der sein Aussehen nach Belieben ändern kann. Er kann das Aussehen von beliebigen Männern und Frauen annehmen. Eine im Marionettenbau erfahrene Familie, die Ataku, hat ihm Seidenfäden unter die Haut gepflanzt und ihn so in eine Marionette verwandelt, die sich selbst ‚spielt‘. Mehrere Personen werden zu Opfern des Schauspielers; unter anderem auch Okko, der keine Ruhe gibt, als bis er seine vom Schauspieler beschmutzte ‚Ehre‘ wieder hergestellt hat. Das steht im Widerspruch zu Okkos sonstiger Ehrlosigkeit. Aber diese Ehrlosigkeit bezieht sich vor allem auf die Samurai-Ehre. Der Schauspieler aber hat Okko in seiner Ehre als kurzfristig angeheuerter Leibwächter des regierenden Pajan-Fürsten und seines Sohnes verletzt, den Okko, durch Tricks und Täuschungen des Schauspielers gezwungen, tötet.

Am Ende nimmt der Schauspieler die Position des wahnsinnig gewordenen Fürsten ein, um sich von im Hintergrund agierenden Beratern dirigieren zu lassen. Die ‚Marionette‘ erweist sich dann aber als eigenständiger, als es den ‚Strippenziehern‘ lieb ist.

Im fünften Band, „Das Buch der Leere“ (2014/15, S017), stellt sich heraus, daß Okko und Noburo Zwillinge sind. Okko wurde als Mensch geboren, Noburo als Dämon. Die Mutter entscheidet sich für den Dämon, mit dem sie aus dem Haus ihres Ehemanns flieht, und überläßt ihm Okko als Stammhalter. In der weiteren Entwicklung der beiden Zwillinge erweist der ‚menschliche‘ Okko sich aber als bösartig und deshalb als der eigentliche Dämon, während der ‚dämonische‘ Noburo durch seine Gutartigkeit auffällt. (Abgesehen von seinem Umgang mit anderen Dämonen! – Siehe die Kappas) Letztlich erweisen sich diese Klassifikationen aber als wertlos. Menschen sind immer zugleich auch Dämonen!

Okko zeigt aber auch, daß seine ursprüngliche Bösartigkeit ihn nicht daran hindert, Gutes zu tun. (Siehe auch im umgekehrten Fall Noburos Verhalten gegenüber den Kappas.) Okko kümmert sich um seine Gruppe, um den Mönch und um Tikku, und er setzt sich auch für andere in Bedrängnis geratene Menschen ein, mit denen er es im Laufe ihrer Abenteuer zu tun bekommt. Er hat es gelernt, seine innere Bösartigkeit, seinen ‚Dämon‘, zu disziplinieren.

In diesem Band wird übrigens in einer Rückschau beschrieben, wie der im dritten Band getötete Kubban zu seiner Marionettenrüstung kommt.

Ich rätsele noch daran herum, was es mit den Händen auf sich hat. Im „Buch der Luft“ wird Okko die Schwerthand abgeschlagen. Er kämpft dann mit der linken Hand weiter. Im „Buch des Feuers“ wird ein Graphiker mit der Amputation seiner Hände bedroht. Die Furcht vor dem Verlust seiner Hände traumatisiert ihn. Schließlich befreit sich der Graphiker von seiner Verlustangst, indem er lernt, seinen Mund als Ersatz für seine Hände zu verwenden. Im „Buch der Leere“ werden einem bösen Zauberer beide Hände abgeschlagen, woraufhin er seine magischen Kräfte verliert. Als aber die künftige Mutter von Okko und Noburo in Vertretung ihres erkrankten Ehemannes über den bösen Zauberer zu Gericht sitzt, verhöhnt der böse Zauberer sie damit, daß er trotz des Verlustes seiner Hände immer noch gefährlich sei, und dann verflucht er sie – benutzt also seine Zunge statt der Hände – und ihre Nachkommen, also auch Okko und Noburo, die als Dämon-Mensch-Mischungen auf die Welt kommen.

Zum einen sind also die Hände Instrumente der Macht und Ausdruck der Vollkommenheit ihrer Besitzer: Okko/Schwertkampf, Graphiker/Kunst, Zauberer/Magie. Andererseits sind sie aber auch ersetzbar: Okko/linke Hand, Graphiker/Mund und Zauberer/Zunge. Vielleicht stehen bei Okko und dem Graphiker die Hände für ihre Fähigkeit, das Schicksal zu meistern und Böses in Gutes zu verwandeln. Und vielleicht ist diese Fähigkeit der Grund, warum Okko nur die Schwerthand verliert, nicht beide Hände, wie der Zauberer, der dem Bösen verhaftet bleibt. Man könnte auch sagen: indem bei Okko die linke Hand an die Stelle der rechten Hand tritt, wird die Dominanz des Dämonischen durch die Dominanz des Menschlichen verdrängt.

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Mittwoch, 19. Februar 2020

Wiedergewinnung des Ausdrucks

Das zentrale Thema des „Doktor Faustus“ (1947/1974), einer fiktiven Biographie des Komponisten Adrian Leverkühn, geschrieben von seinem Kindheitsfreund Serenus Zeitblom, ist die „Wiedergewinnung“ bzw. „Rekonstruktion des Ausdrucks“ mithilfe der Musik. (Vgl. Mann 1947/1974, S.643) Adrian Leverkühns Persönlichkeit wurde von Thomas Mann nach dem Vorbild von Friedrich Nietzsche gestaltet, bis in die Details einer Syphiliserkrankung und einer Adrian Leverkühns Karriere als Komponist beendenden Demenz hinein, die zu einer Rückkehr in die Obhut seiner Mutter führt.

‚Ausdruck‘ und ‚Form‘ stehen in einem spannungsvollen, antagonistischen Verhältnis zueinander: je künstlicher, je konstruierter die Form, um so ausdrucksloser erscheint sie uns. Der Ausdruck wiederum ist vor allem Ausdruck von Gefühl, von Lebensintensität; er ist expressiv. Und Thomas Mann verbindet diese Expressivität insbesondere mit der Expression von Schmerz und Leid, als den ursprünglichsten Zuständen der Kreatur. Insofern ist Ausdruck vor allem Klage, und ihr Gegenteil, das Lachen, zeugt nicht wie bei Plessner, von unserer Menschlichkeit, sondern deutet auf Gefühlskälte. So stellt Serenus Zeitblom fest:
„... die Klage ist der Ausdruck selbst, man kann sagen, daß aller Ausdruck Klage ist, wie denn die Musik, sobald sie sich als Ausdruck begreift, am Beginn ihrer modernen Geschichte, zur Klage wird und zum ‚Lasciatemi morire‘, zur Klage der Ariadne, zum leis widerhallenden Klagegesang von Nymphen.“ (Mann 1947/1974, S.644)
Deshalb ist es auch kein gutes Zeichen, daß Adrian Leverkühn zum Lachen neigt, insbesondere wenn er mit intensiven Gefühlen konfrontiert wird. Es ist ein leicht spöttisches, sich distanzierendes Lachen; da will und kann sich einer nicht gemein machen mit den Niederungen und Peinlichkeiten unserer Menschlichkeit.

Es ist also kein Wunder, daß Leverkühn für das Versprechen, Großes in der Musik schaffen zu können, seine Seele dem Teufel verkauft. Von Anfang an stellt der biedere Humanist Serenus Zeitblom die Musik, in Verbindung mit der Theologie, in der Leverkühn einen Doktortitel erwirbt, also insbesondere die sakrale Musik unter den Verdacht einer unkontrollierbaren Irrationalität, einer Nähe zum Teufel. Kein anderes Medium vermag den dämonischen Bodensatz im Menschen so sehr aufzuwühlen und ihm zum Durchbruch zu verhelfen wie die Musik.

Auf der anderen Seite steht die Künstlichkeit der Musik, ihre mathematische Konstruierbarkeit. Und im Dienste dieser ‚kalten‘ Konstruierbarkeit steht der Komponist Leverkühn. Gerade ihm aber soll es gelingen, in der perfekt konstruierten „Weheklag“ des „Dr. Fausti“ – dieses den Jubel von Beethovens neunter Symphonie zurücknehmenden Faust-Oratoriums, dieser Anti-Symphonie, in der Gott selbst die Welt nicht mehr erschaffen haben will, von ihr nichts mehr wissen will (vgl. Mann 1947/1974, S.643) – den verlorengegangenen Ausdruck wiederzugewinnen: im letzten „nachschwingend(en), im Schweigen hängende(n) Ton“ nämlich, „der nicht mehr ist, dem nur die Seele noch nachlauscht, und der Ausklang der Trauer war, ist es nicht mehr, wandelt den Sinn, steht als ein Licht in der Nacht“. (Vgl. Mann 1947/1974, S.651)

Mit einem Hinweis auf Adorno, der ihn beim Schreiben des Romans beraten hatte (vgl. „Die Entstehung des Doktor Faustus“ (1949/1974)), hebt Thomas Mann die enorme Bedeutung des Expressiven nicht nur für Adorno, sondern auch für den „Doktor Faustus“ hervor:
„Dieser merkwürdige Kopf hat die berufliche Entscheidung zwischen Philosophie und Musik sein Leben lang abgelehnt. Zu gewiß war es ihm, daß er in beiden divergenten Bereichen eigentlich das Gleiche verfolge.“ (Vgl. Mann 1949/1974, S.709)
Das „Gleiche“ in den beiden „divergenten Bereichen“ war für Adorno aber immer das Nicht-Identische, also das, was nicht in begrifflichen (oder musikalischen) Konstruktionen aufging: der Schmerz und das Leid der Kreatur.

Immer wieder kommt Serenus Zeitblom in seiner Biographie auf die verschiedenen Phasen in Leverkühns Leben zu sprechen, in denen die Grenze zwischen anorganischer und organischer Materie, zwischen dem Toten und dem Lebendigen verschwimmt und wo schon der toten Materie eine vergebliche Sehnsucht nach Leben innezuwohnen scheint. Dabei handelt es sich um chemisch-physikalische Experimente von Leverkühns Vater und um Adrians eigene Person, in der die Krankheit, kleinste das Gehirn bewohnende und zersetzende Erreger, geistige und kompositorische Höchstleistungen zu provozieren vermag.

Die unbelebte Materie tut so, als wäre sie belebt, indem sie organische Formen hervorbringt, wie etwa die Eisblumen auf Fensterscheiben im Winter, oder in einer Wasserlösung, die Leverkühns Vater angesetzt hat, in der aus einem anorganischen Bodensatz belebte Pflanzen, Organismen, hervorzuwachsen scheinen, die aber dennoch nichts als tote Materie sind. Serenus Zeitblom ist Augenzeuge und schreibt:
„... das Merkwürdigste, was mir je vor Augen gekommen: merkwürdig nicht so sehr um seines (des Experiments – DZ) allerdings sehr wunderlichen und verwirrenden Ansehens willen, als wegen seiner tief melancholischen Natur. Denn wenn Vater Leverkühn uns fragte, was wir davon hielten, und wir ihm zaghaft antworteten es möchten Pflanzen sein, – ‚nein‘, erwiderte er, ‚es sind keine, sie tun nur so. Aber achtet sie darum nicht geringer! Eben daß sie so tun und sich aufs beste darum bemühen, ist jeglicher Achtung würdig.‘“ (Vgl. Mann 1947/1974, S.65)
Wo Zeitblom selbst ein Unbehagen, aber auch ein vages Mitleid mit der toten Materie empfindet, entlockt das Experiment des Vaters bei Adrian nur ein Lachen.

So wie im chemisch-physikalischen Experiment tote Materie das Leben nachahmt, ahmt das Echo die menschliche Stimme nach. Der klagende Widerhall des Echos wird zur bestimmenden Struktur von „Dr. Fausti Weheklag“. Das Echo scheint Menschenlaute nachzuäffen, die aber nichts anderes sind als tote Naturlaute. So beginnt die Klage als Ausdruck schon in der toten Materie, aus deren Klage der Mensch als derjenige hervorgeht, dem die Stimme gegeben ist, der Klage Ausdruck zu geben. Wir haben es bei „Dr. Fausti Weheklag“ mit der kunstvollen Rekonstruktion eines Echos zu tun, das durch die Jahrtausende hallt. Hier beginnt die kulturelle Evolution des Menschen: mit der Expression, und nicht mit der Proposition, dem Aussagesatz der Linguisten, in dem es um die Mitteilung von Informationen geht.

In der Klage wird die Seele expressiv, die wiederum nichts anderes ist, als die Klage ihres Nicht-Seins, ihres sein Wollens, aber nicht sein Könnens. Und „Dr. Fausti Weheklag“ ist wiederum nichts anderes als die musikalische Rekonstruktion dieser Klage, auf höchstem künstlerischen, rational durchkalkuliertem Niveau, die am Ende umschlägt in Hoffnung, in die Wiedergewinnung dessen, was fehlt, als letztem verklungenen, im Schweigen hängenden Ton.

Aber letztlich: was unterscheidet diese Hoffnung von der Auskristallisation von Eisblumen auf Fensterscheiben? Thomas Manns Antwort: die Transzendenz der Verzweiflung. Ich nenne das die zweite Naivität, eine begriffliche Prägung, bei der sich Plessner übrigens auf Nietzsche beruft! (Vgl. „Die verspätete Nation“, 6/1998 (1935/59), S.174)

PS: Thomas Manns „Zauberberg“ (1924) und sein „Doktor Faustus“ (1947) haben die gleiche Thematik. In beiden Romanen spielen Epochenumbrüche eine zentrale Rolle: die Zeit vor dem ersten Weltkrieg und die Zeit vor dem zweiten Weltkrieg. In beiden Romanen geht es um das Verhältnis von Zeit und Musik, wobei die Musik eine beiden Romanen ähnliche ambivalente Bedeutung hat, als mal dämonisches, mal harmlos unterhaltendes und mal als geistig und seelisch erhebendes Medium. So auch die Krankheit. Der „Zauberberg“ spielt ja in einem Sanatorium; Hans Castorp, der Protagonist, und der Humanist Settenbrini streiten sich darüber, ob die Krankheit den Menschen ‚veredelt‘ bzw. ‚vertieft‘ oder ihn zum Tier erniedrigt. Die Parallele zum „Doktor Faustus“ geht bis hin zum bloß graduellen Hervorgang des organischen Lebens aus der anorganischen Materie, so daß in der Krankheit sich das Anorganische noch auf den Geist auszuwirken und ihn zu beflügeln vermag. Settembrini steht entschieden auf der Seite der Gesundheit. Darin – und auch in seinem Humanismus – gleicht Settembrini dem Biographen Zeitblom. Settembrini bezeichnet sich selbst auch als ‚Pädagogen‘; eine weitere Parallele zum Gymnasiallehrer Zeitblom. In Settembrinis Gegenspieler, Naphta, lassen sich unschwer die verschiedenen Verkörperungen des Mephisto aus „Doktor Faustus“ wiedererkennen.

Hans Castorp wiederum wird von Thomas Mann als jemand beschrieben, der nicht mehr in die schnellebige, sich rasch verändernde Zeit um 1900 paßt. Er ist gleichsam aus der Zeit herausgefallen, so wie ja auch das ganze Sanatorium ein Ort außerhalb der Zeit ist. Das paßt zu Adrian Leverkühn, der ebenfalls kein Zeitgenosse ist und sich auf einen Bauernhof am Rande der gesellschaftlichen Welt zurückgezogen hat. Es gibt also nicht nur thematische, sondern auch personelle Prallelen zwischen den beiden Romanen, bis in das Schicksal der beiden Protagonisten hinein: beide gehen am Ende zugrunde.

„Doktor Faustus“ scheint mir aber literarisch oder auch philosophisch bedeutsamer zu sein als der „Zauberberg“.

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Sonntag, 16. Februar 2020

Kleine politische Farbenlehre (Fortsetzung)

Ich glaube, ich habe im letzten Blogpost deutlich machen können, daß wir es bei der CDU keineswegs mit einer wertkonservativen Partei zu tun haben. Im Sinne eines christlich-bürgerlich-liberalen Wertekanons können wir eher die SPD und die Grünen ‚wertkonservativ‘ nennen. Bei der Linken finden wir eher einen internationalistisch-kollektivistischen Wertekanon. Aber wie die anderen Parteien mit Ausnahme der AfD steht die Linke einwandfrei auf dem Boden des deutschen Grundgesetzes.

Nun darf man aber nicht den Fehler machen, zu denken, das Grundgesetz beinhalte einen Wertekanon! Es vertritt vielmehr eine wertneutrale Haltung, die über den Werten steht, so daß im Geltungsbereich des Grundgesetzes viele verschiedene Wertorientierungen möglich sind. Das Grundgesetz kennt nur einen einzigen Wert, an den sich alle Wertekanons begrenzen lassen müssen: die Würde des Menschen.

An diesen Grundkonsens, der Unantastbarkeit der Würde des Menschen, haben sich alle demokratischen Parteien zu halten, gleichgültig, welchem Wertekanon sie sich verpflichtet fühlen. Auch wenn ich der Werteorientierung der CDU/CSU mißtraue, die allen Ernstes meint, am Ende der Merkel-Ära in die 1950er Jahre zurückkehren zu können; und auch wenn die FDP den Liberalismus auf Wirtschaftsliberalismus verengt, können wir wohl doch davon ausgehen, daß auch in diesen Parteien die Würde des Menschen nicht zur Disposition steht.

Nur eine einzige der im Bundestag und in den Landtagen vertretenen Parteien arbeitet an der Relativierung und damit an der Abschaffung dieses Grundwertes: die AfD. Und genau das ist es, was diese Demokratie nicht tolerieren kann. An diesem Punkt ist das Grundgesetz nicht werteneutral.

Mir wird viel zu viel von der ‚Wertegemeinschaft‘ gesprochen, mit der mal Europa, mal die NATO gemeint ist. Europa ist in erster Linie ein Wirtschaftsraum. Die ‚Werte‘, um die es hier geht, sind Werte des freien Personen- und Warenverkehrs. Die Würde des Menschen spielt da nur am Rande eine Rolle. Es gibt auch keine Wertegemeinschaft mit den USA. Die Werteorientierung der US-Amerikaner unterscheidet sich zum Teil erheblich von der unseren. Die einzige Gemeinsamkeit könnte auch hier wieder nur die Unantastbarkeit der Würde des Menschen bilden. Aber wir wissen ja nur allzu gut, wie es um diesen Grundwert unter dem derzeitigen US-Präsidenten bestellt ist.

Worte wie ‚Wertegemeinschaft‘ sind schnell dahergesagt. Es ist wie mit der Werteorientierung der CDU: so wie sie bestimmte Werte für sich in Anspruch nimmt, ohne daß damit eine substantielle politische Praxis einhergeht, schadet sie ihnen mehr, als sie ihnen nutzt. Und es öffnet dem destruktiven Populismus a la AfD Tür und Tor.

Freitag, 14. Februar 2020

Kleine politische Farbenlehre

Nach dem angekündigten Rücktritt von AKK ist die CDU wiedermal auf der Suche nach einem Vorsitzenden und einem geeigneten Kanzlerkandidaten. Und dabei spielen die Worte ‚konservativ‘ und ‚Werte‘ eine große Rolle. Dabei ist die CDU weder konservativ noch werteorientiert. Sie hat sich vielmehr auf technologischen Fortschritt, Wirtschaftswachstum und umfassende Digitalisierung festgelegt. Das sind aber alles Faktoren, die die Werte, für die die CDU angeblich eintritt, zerstören. Und das ist nicht etwa die Schuld der Bundeskanzlerin. Es war vielmehr immer schon so, daß der angebliche Wertekonservativismus der CDU nur eine fromme Lebenslüge gewesen war, an die nicht wenige in dieser Partei selbst geglaubt haben. Auch als die christliche Werteidylle scheinbar noch in Ordnung gewesen war, betrieb die CDU im Verbund mit der FDP eine Wirtschaftspolitik, die diese ‚Idylle‘ gnadenlos zerstörte. Ich glaube, ich kann mit Fug und Recht behaupten, daß ich konservativer bin als die CDU; vielleicht sogar konservativer als die ominöse Werte-Union.

Ähnliches gilt für alle anderen Parteien. Ich bin grüner als die Grünen, gleichermaßen sozialer und sozialistischer als die SPD und liberaler als die FDP. Nun kann ich zwar nicht behaupten, daß ich linker als die Linke bin, aber ihrer Kapitalismuskritik stimme ich uneingeschränkt zu. Nur daß ich deshalb nicht gleich zum Linkenwähler werde. Solange die Grünen mir keinen Grund geben, ernsthaft an ihrer ökologischen Prinzipientreue zu zweifeln, werde ich sie weiterhin wählen. Denn ich bin überzeugt, daß sich das mit dem Kapitalismus von selbst erledigt, sobald diese Gesellschaft ihre Verantwortung für die kommenden Generationen im Kampf gegen den Klimawandel ernstnimmt.

Heikel wird es, wenn ich an die AfD denke. Ich würde sagen, daß ich heimatverbundener als die AfD bin. Dabei denke ich vor allem an die Verantwortung dieses Landes für die spezifisch deutsche Geschichte. Denn viele Opfer des Nationalsozialismus hatten ihre Heimat in Deutschland: Juden, Sinti und Roma, Sozialisten und Kommunisten, sexuell Diskriminierte, um nur einige zu nennen. Viele von ihnen nannten Deutschland ihre Heimat. Begriffe wie ‚Nation‘ und ‚Volk‘ hingegen sind in diesem Land für alle Zeiten nicht mehr anwendbar. ‚Volk‘ nicht, weil es endgültig untrennbar mit Begriffen wie ‚völkisch‘ und ‚Volksgerichtshof‘ verbunden ist; und ‚Nation‘ nicht, weil zu jeder Nation unweigerlich ein Volk gehört. Nein danke! Ich bin Bürger eines demokratisch verfaßten Gemeinwesens und kein Volksgenosse.

‚Heimat‘ hingegen verstehe ich vor allem regional. Sie ist begrenzt auf eine überschaubare Region. Mit ihr geht eine gewisse geographische Bescheidenheit einher. Heimat ist geopolitisch nicht mißbrauchbar. – Ja. Ich denke, ich kann sagen, ich bin heimatverbundener als die AfD.

Freitag, 7. Februar 2020

150. Geburtstag von Alfred Adler

In diesen Tagen jährt sich der 150. Geburtstag von Alfred Adler (1870-1837). Eine Gelegenheit, um auf Parallelen zwischen seiner Individualpsychologie und meiner Anthropologie hinzuweisen. Alfred Adler pointierte die Ontogenese des Individuums gegenüber den anderen beiden Entwicklungsebenen, der biologischen und kulturellen Phylogenese. Und im Rahmen dieser Positionierung des Individuums hob er den „Minderwertigkeitskomplex“ als das Hauptmotiv für die Entwicklung des individuellen Menschen hervor.

Beides entspricht meinem eigenen Ansatz, insofern ich das Individuum auf der Grenze zwischen Biologie und Kultur positioniere und es als Subjekt der Menschheitsentwicklung verstehe. Der Minderwertigkeitskomplex entspricht wiederum der exzentrischen Positionalität von Helmuth Plessner, denn diese beruht auf der Erfahrung des intentionalen Scheiterns, die zu einem „Hiatus“ führt, zu einem unheilbaren Bruch zwischen Mensch und Welt. Diese Erfahrung des Scheiterns kann man aus psychologischer Sicht ohne weiteres auch als Minderwertigkeitserfahrung bezeichnen und als anthropologische Komplexion, also als eine komplexe Struktur in der menschlichen Psyche begreifen. „Minderwertigkeitskomplex“ bezeichnet also kein Krankheitsbild.

Übrigens wußte auch Jean-Jacques Rousseau in seinem Emile (1760) von diesem Minderwertigkeitskomplex. So beschreibt er das Entwicklungsprinzip des Kindes als ein Streben nach Stärke aus der Position der Schwäche heraus. Versucht man aus falsch verstandener Fürsorge dem Kind über seine Schwäche hinwegzuhelfen bzw. hinwegzutäuschen, nimmt man ihm den Wunsch, zu wachsen. Das kann man auch auf die heutigen digitalen Technologien beziehen. Sie zielen darauf ab, die Menschen an allseitige Befürsorgung (Internet der Dinge) zu gewöhnen. Daraus entsteht ein Bewußtsein der Omnipotenz. Die Menschen hören auf, sich (individuell) zu entwickeln.

Mittwoch, 5. Februar 2020

Sprechverbote: ‚Flüchtling‘

Alle Welt spricht nur noch von ‚Geflüchteten‘.
Was ist mit ‚Säugling‘? – Darf man das jetzt auch nicht mehr sagen?
Oder ‚Liebling‘? – Ist das auch verboten?
Oder ‚Jüngling‘? – Ein schönes altes Wort, das niemand mehr gebraucht. Ein Problem?

Ich bin übrigens selbst ein Flüchtling. Jedesmal, wenn ich mich lesend in ein Buch vertiefe, flüchte ich aus dieser Welt in eine andere.

Sprache lebt von Mehrdeutigkeiten. Ihr Funktionsprinzip ist das der Metapher. Schaffe die Mehrdeutigkeiten ab, und Du schaffst die Sprache ab. ‚Flüchtling‘ könnte negative Konnotationen auslösen? Das kommt darauf an. Manchmal ja und manchmal nein. Wer der Ansicht ist, daß alle Sträflinge dieser Welt zurecht im Gefängnis sitzen, mag das so empfinden. Aber keine Zensur kann solche negativen Konnotationen abschaffen; auch nicht durch die Ersetzung eines Wortes durch ein anderes. Für mich jedenfalls hat das Wort etwas Positives: es deutet auf eine Alternative, eine Option, auf die Möglichkeit eines Entkommens. ‚Geflüchteter‘ hingegen hat in meinen Ohren eher etwas Fatalistisches, und es deutet eher auf einen Verlust als auf einen Gewinn.

Was ist der eigentliche Effekt solcher Sprechverbote? Sie schaffen zusätzliche Kommunikationsbarrieren in einer ohnehin schon kommunikationsgestörten Welt. Auf der einen Seite stehen diejenigen, die das Wort ‚Flüchtling‘ weiterhin verwenden, auf der anderen diejenigen, die ‚Geflüchtete‘ sagen. Wer das eine Wort verwendet, will mit denjenigen, die das andere Wort verwenden, nichts mehr zu tun haben.

Das ist das Schlimmste, was passieren kann. Wer sich nicht mehr traut, mehrdeutige Wörter zu verwenden und ihnen, wie Wittgenstein sagt, durch den Gebrauch allererst einen Sinn zu verleihen, schafft nicht nur die Sprache ab, sondern auch die Kommunikation.

Da fällt mir noch ein fieses Ling-Wort ein: Schmetterling! – Angesichts dessen, womit uns dieses Wort droht, möchte man glatt zum Geflüchteten werden. Doch nein! – Der Duden belehrt uns, daß ‚Schmetterling‘ so viel wie ‚Buttervogel‘ bedeutet.
Uff!

Dienstag, 4. Februar 2020

Meine Petition: Zwischenstand

Am 06. Januar ist meine Petition zur „Gewährleistung des Rechts auf ein Offline-Leben“ auf der Bundestagswebsite online gegangen. Gestern endete die Mitzeichnungsfrist, und die parlamentarische Prüfung der Petition beginnt. Das Quorum von 50.000 Mitzeichnungen habe ich nicht erreicht. Habe ich auch nicht erwartet. Zum Schluß lag der Stand bei 3.526 Mitzeichnungen. Das ist tatsächlich mehr, als ich erwartet hatte. Die meiste Zeit über lag meine Petition bei den Mitzeichnungen auf dem zweiten Platz. Zuletzt machte mir den ersten Platz, den ich in der Statistik erreicht hatte, eine Petition zur Abschaffung der Kassenbonpflicht streitig. Bei den Kommentaren zur Petition lag ich durchgehend an der Spitze.

Die meisten Kommentatoren, Kommentatorinnen waren ernsthaft interessiert. Lediglich ein Kommantator wandte sich mit rhetorischen Tricks gegen die Petition, indem er/sie mir Unredlichkeit vorwarf, weil ich die Petition für ein Offline-Leben online gestellt hatte. Aber gerade dieser Kommentar sorgte mit 32 darauf reagierenden Kommentaren für eine rege Kommentaraktivität. War also im Endeffekt eine gute Sache.

Diese Petition gehört zu meinen letzten Online-Aktionen. Im April beende ich meine Bloggerei, lasse aber meinen Blog online.