„...letztlich ist der Mensch, als Folge oder Krönung der Evolution, nur in der Totalität der Erde begreifbar.“ (Leroi-Gourhan, Hand und Wort, S.22)

Mittwoch, 3. Oktober 2018

Emanuele Coccia, Die Wurzeln der Welt. Eine Philosophie der Pflanzen, München 2018 (2016)

1. Zusammenfassung
2. Wahrer als Sein
3. Wissenschaft als Zunft oder performativer Widerspruch

Emanuele Coccia, der selbst Professor für Philosophiegeschichte an der École des Hautes Études en Sciences Sociales in Paris ist, positioniert sich sehr kritisch gegenüber der Universität. (Vgl. Coccia 2018, S.141ff.) Anstatt das Ideal der antiken „enkyklios paideia“, also einer „globalen, multidisziplinären, enzyklopädischen Bildung“ zu vertreten (vgl. Coccia 2018, S.142), ist die „universitas“ zu einer „Zunft“ degeneriert:
„Wissen heißt einer Zunft anzugehören. Der kognitive Akt wird damit durch eine juristische Bindung begründet und eine politische Zugehörigkeit, das Ideal des bios theoretikos wird unmittelbar und zwangsläufig mit socii geteilt. .. Die Spezialisierung ist die epistemologische Umsetzung eines korporatistischen Wissensideals – weil sich die Gelehrten zu einer rechtlich geschlossenen Gemeinschaft zusammengeschlossen haben.“ (Vgl. Coccia 2018, S.143f.)
So sehr ich Coccias Kritik an den wissenschaftlichen Institutionen teile, so wenig stimme ich mit ihm darin überein, daß man die Disziplingrenzen auflösen müsse, entsprechend seiner Pflanzenphilosophie, derzufolge „alles in allem immanent ist“. (Vgl. Coccia 2018, S.94) Das Wissen ist nie einfach nur Wissen, sondern immer auch eine Methode, d.h. einer bestimmten Perspektive verpflichtet, sowohl des Forschers wie auch der Sache. Coccia hält diese methodische Bedingtheit alles Wissens aber für ein Problem, weil sie nicht zur Wahrheit führt. (Vgl. Coccia 2018, S.145) Was aber sollen wir unter ‚Wahrheit‘ verstehen?

Einerseits gibt es Coccia zufolge eine Wahrheit, die wahrer ist als das Sein: die Pflanzenwahrheit. (Vgl. Coccia 2018, S.150) Andererseits aber heißt es, „dass die Welt ein Raum ist, in dem Dinge und Ideen ganz heterogen, disparat, ja unvorhersagbar gemischt sind“. (Vgl. Coccia 2018, S.145) Wenn letzteres aber der Fall ist, kann die Pflanzenwahrheit nur eine Wahrheit unter anderen und keinesfalls vor den anderen ‚Wahrheiten‘ ontologisch irgendwie ausgezeichnet sein. Und gerade dann kommt es eben auf die Methode an, der Coccia keinerlei Bezug zur Wahrheit zugestehen will.

Tatsächlich soll die Wahrheit ein Exzeß sein, wie Coccia schreibt, nämlich ein „Wissensexzess“, der alle Disziplingrenzen einzureißen vermag. (Vgl. Coccia 2018, S.141) Wenn Coccia meint, damit einer Transdisziplinarität das Wort reden zu können, nämlich einer Verantwortung der Wissenschaft gegenüber der Gesellschaft, der sie dient, hat er sich geirrt. Noch weniger ermöglicht so ein Exzeß Interdisziplinarität; denn ohne Disziplinarität gibt es sie nicht. So wenig wie jene Multidisziplinarität, die Coccia am antiken Bildungsideal so positiv zu würdigen scheint.

Jedenfalls macht das Ausspielen pflanzlicher gegen menschlicher Erkenntnisform keinen epistemologischen Sinn. Wenn die „Anthropologie“, wie Coccia schreibt, nichts mehr vom eigenen „sprachlichen Selbstwissen“ lernen können dürfen soll, sondern nur noch von den Strukturen einer Blüte (vgl. Coccia 2018, S.146), bewegen wir uns in einem performativen Widerspruch, weil alles, was wir noch sagen können, schon von der Struktur her im vorhinein nur noch falsch sein kann.

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Dienstag, 2. Oktober 2018

Emanuele Coccia, Die Wurzeln der Welt. Eine Philosophie der Pflanzen, München 2018 (2016)

1. Zusammenfassung
2. Wahrer als Sein
3. Wissenschaft als Zunft oder performativer Widerspruch

Emanuele Coccias „Philosophie der Pflanzen“ ist irgendwo zwischen Ontologie und Phänomenologie angesiedelt. Coccias Begriffe stammen teilweise aus beiden philosophischen Konzepten. So bezeichnet er z.B. seine „Pneumatologie“ (von ‚pneuma‘: Hauch) auch als „Phänomenologie der konkreten Existenz“. (Vgl. Coccia 2018, S.48) Und wenn er sich in das ‚Bewußtsein‘ der Pflanzen hineinzuversetzen versucht, erinnert das an phänomenologische Meditationen.

An die Ontologie erinnern Coccias Aussagen über den Wahrheitsgehalt seiner Pneumatologie: „Die Atmosphäre ist wahrer als das Sein.“ (Coccia 2018, S.150) – Die Atmosphäre wiederum bezeichnet Coccia als eine „ontologische Tatsache“. (Vgl. Coccia 2018, S.87)

Trotz solcher Anleihen aus Ontologie und Phänomenologie distanziert sich Coccia aber von den statischen Implikationen von Begriffen wie „Wesen“ und „Form“:
„Im Atem verbinden sich für einen Moment das Tier und der Kosmos und prägen eine andere Einheit als die, die Wesen oder Form markiert.“ (Coccia 2018, S.77)
Wesen und Form sind also nicht vereinbar mit dem universellen Fließen, von dem alles Lebendige ‚durchquert‘ wird, so daß Begriffe wie ‚Substanz‘ oder ‚Ding‘ ihre Gültigkeit verlieren; denn das „paradoxeste Merkmal des Atems“ ist seine „Substanzlosigkeit“. (Vgl. Coccia 2018, S.72) Der Atem bildet eine eigene Erkenntnisweise, in der nicht zwischen Subjekt und Objekt differenziert wird, weil sich im wechselseitigen Umfaßtsein von Lebensform und Atmosphäre Subjekt- und Objektposition immer wieder austauschen: „Man kann die Welt nur eratmen.“ (Coccia 2018, S.78)

Coccia versucht mit seiner Pneumatologie zwei Prinzipien, die sich gegenseitig ausschließen, zusammenzudenken: wechselseitige Durchdringung und Trennung. Das eine Prinzip dynamisiert die Grenze zwischen Innen und Außen so sehr, daß es sie letztlich auflöst:
„In jedem Klima ist das Verhältnis von Umfassendem und Umfasstem ständig reversibel: Was Ort ist, wird Umfasstes, was Umfasstes ist, wird Ort.“ (Coccia 2018, S.41)
Es gibt kein eigenes, individuelles Verhältnis zu dieser Grenze, nur die wechselseitige Durchquerung, die Coccia als „Mischung“ bezeichnet, um sie so von „Vermengung“, also dem bloßen Nebeneinander von Dingen, und „Verschmelzung“, also der Erzeugung einer neuen Form mit neuen Eigenschaften, zu unterscheiden. (Vgl. Coccia 2018, S.70ff.) Die Mischung ermöglicht das Zusammenwirken von Teilen in einem Ganzen, ohne daß die Teile ihre individuelle Form verlieren.

Die Mischung ermöglicht also eine Trennung in der Durchquerung: „... in eben dieser Bewegung (begründet) das Lebendige und die Welt ihre Trennung.“ (Vgl. Coccia 2018, S.77)

Es scheint also so etwas wie einen Hiatus, eine Diskontinuität in der Mischung zu geben, insofern „das Leben ein Bruch in der Asymmetrie zwischen Umfassendem und Umfasstem ist“. (Vgl. Coccia 2018, S.23) Aber das täuscht. Durchdringung und Trennung bilden in Coccias Pneumatologie nicht wirklich zwei verschiedene Prinzipien, sondern stehen unter dem übergreifenden Postulat kosmologischer Kontinuität, in der alle Materie und alles Leben miteinander verbunden sind:
„Die wahre Immanenz ist die, die jedes Ding innerhalb jedes anderen Dings existieren lässt. Alles in allem bedeutet, dass alles in allem immanent ist.“ (Coccia 2018, S.94)
Da Coccia die pflanzliche Sichtweise als Paradigma dieses „Alles in allem“ darstellt, bedeutet das zugleich, daß er auch die animalische Perspektive auf sie zurückführt. Das animalische Weltverhältnis wird nicht eigens gewürdigt. Damit geht auch die spezifisch menschliche Bewegungsfreiheit auf der Grenze zwischen Innen und Außen verloren, denn, so Coccia, es ist uns „unmöglich“, uns von unserem „Milieu zu befreien“. (Vgl. Coccia 2018. S.89) Das Milieu bzw. die ‚Sphäre‘ wird so zur Höhle des Platonischen Gleichnisses. Hans Blumenberg aber hatte seine Anthropologie noch vor allem an deren Ausgängen orientiert. (Vgl. Blumenberg: „Höhlenausgänge“ (1989))

Statt also die Humanität zu würdigen oder sie auch nur zu reflektieren, wird dem Menschen ein antispezietistischer „Chauvinismus“ unterstellt:
„Unser tierische Chauvinismus() weigert sich, das Terrain einer ‚Tiersprache‘ zu verlassen, ‚die für eine Bezugnahme auf eine Pflanzenwahrheit ungeeignet ist‘.() In diesem Sinn ist der antispeziesistische (Schreibweise des Autors – DZ) Animalismus nur ein Anthropozentrismus unter Einbeziehung des Darwinismus ...“ (Coccia 2018,S.16)
Dieser Chauvinismus bezieht sich nicht nur auf das Ignorieren von Pflanzenwahrheiten, neben denen es auch noch animalische Wahrheiten geben könnte, denn wie schon erwähnt: „Die Atmosphäre ist wahrer als das Sein.“ (Coccia 2018, S.150) – Wo Coccias Pneumatologie die Anthropologie hätte bereichern und ergänzen können, wird diese Anthropologie im Zeichen pflanzlich-kosmischer Kontinuität gleich ganz abgeschafft. Dabei verstrickt sich Coccia in begriffliche Widersprüche. Er konfrontiert zwei seiner Ansicht nach sich gegenseitig ausschließende philosophische Perspektiven, Husserls Geozentrismus (vgl. Coccia 2018, S.115ff.) und den Heliozentrismus von Kopernikus (vgl. Coccia 2018, S.118ff.) und schlägt sich dabei ganz auf die Seite des Heliozentrismusses, den er für die kosmische Dimension in Anspruch nimmt. Und er radikalisiert diesen Heliozentrismus sogar noch zu einer Astrologie (also nicht Astronomie), in der sich Gestirne und irdische Lebensformen wechselseitig beeinflussen (durchqueren). (Vgl. Coccia 2018, S.117f.)

Dem Husserlschen Geozentrismus wirft Coccia seine Bodenverhaftetheit vor. Wer mit seinen zwei Füßen auf dem Erdboden steht, widersteht dem universellen Fließen und Zirkulieren und macht die Erde zu einem vom übrigen Kosmos abgegrenzten Ort. (Vgl. Coccia 2018, S.115f.) Das widerspricht aber Coccia zufolge der pflanzlichen Anatomie, die mit Wurzel und Blatt in beiden Sphären beheimatet ist: der Erde und dem Himmel. Sie ist es, die die wechselseitige Durchquerung von Erde und Kosmos ermöglicht, und die Erde in einen „astralen Raum“ verwandelt. (Vgl. Coccia 2018, S.122)

Plötzlich werden also die Weltverhältnisse umgekehrt: nicht mehr die Pflanze ist bewegungslos an ihren Ort gebunden, sondern der Mensch, der mit seinen beiden Füßen auf dem Erdboden steht. Das ist nicht einfach nur paradox; hier stimmen vielmehr die Begriffe nicht mehr. Weitere Widersprüche tun sich dort auf, wo Coccia seltsamerweise die Unbewohnbarkeit des Kosmos mit der Bewohnbarkeit der Erde wechselseitig miteinander zu verbinden versucht:
„... dass die Erde ein astraler Raum ist, bedeutet anzuerkennen, dass es auch Unbewohnbares gibt, dass der Raum nie endgültig bewohnbar sein wird.“ (Coccia 2018, S.122)
Anstatt also seinerseits anzuerkennen, daß die geozentrische Perspektive durchaus ein Bewußtsein davon beinhaltet, daß die Erde eine winzige Oase in den lebensfeindlichen Weiten des Weltraums ist, soll es nun gerade genau umgekehrt sein: Nur wenn wir anerkennen, daß die Erde ein astraler Raum sei, soll das zur Erkenntnis von der Unbewohnbarkeit vom Rest des Universums führen! – Die Logik ist verquer: die Erde ist als astraler Raum Teil des Kosmos, und das ist ein Beleg dafür, daß der Kosmos unbewohnbar ist?

Dieser kognitiven Zumutung fügt Coccia sogleich noch ein weiteres ‚Paradox‘ hinzu:
„Jede Behausung tendiert zur Unbewohnbarkeit, wird Himmel und nicht Haus.“ (Coccia 2018, S.122)
Auch wenn Coccias Pneumatologie auf dem Umstand der Mischung beruht, in der alles in allem enthalten ist, heißt das noch lange nicht, daß sich auch alle Begriffe einfach so mischen lassen! Der Begriff ‚Haus‘ beinhaltet denknotwendigerweise seine Bewohnbarkeit. Wenn ein Haus nicht mehr bewohnbar ist, haben wir es mit einer Ruine zu tun und nicht mit einem Haus. Die Ruine ist die einzige Tendenz eines Hauses, mit der es aufhört, ein Haus zu sein. In diese Ruine mag dann durchaus der Himmel hineinleuchten. Das bedeutet aber noch lange nicht, daß das ehemalige Haus jetzt zum Himmel geworden ist. Sollte in diesem Sinne auch die Erde zum ‚Himmel‘ werden, hätte sie ihre verletzliche Hülle, Ozonschicht und Magnetfeld, verloren und wäre tatsächlich endgültig unbewohnbar. Für Pflanzen übrigens auch.

Es ist also allererst der Geozentrismus – also das Faktum der einzigartigen Bewohnbarkeit unserer Erde –, der bzw. das uns die Unbewohnbarkeit des Universums zu denken erlaubt. Kein ‚Fluidum‘ vermag zwischen den Gestirnen und uns auf der Erde zu vermitteln, wenn die Erde vielleicht einmal unbewohnbar geworden sein wird.

Die Nivellierung des Tierisch-Menschlichen auf Pflanzenphysiologie beinhaltet auch ein Vernunftkonzept, das merkwürdigerweise der naturwissenschaftlichen Ratio sehr nahesteht. Coccia verzichtet zwar weitgehend auf die Subjekt-Objekt-Differenz, aber das ist den Naturwissenschaftlern, die alles Subjektive unter Irrationalitätsverdacht stellen, gar nicht so fremd, wie man meinen könnte. Coccia ist jedenfalls ebenfalls der Meinung, daß man so etwas wie ein schöpferisches Subjekt nicht braucht, um bei der Gestaltung und Umgestaltung von Welt erfolgreich zu sein:
„Der Abstraktion des Schöpfens und der Technik – beides kann Formen gestalten, sofern Schöpfer und Produzent des Umformprozesses ausgeschlossen bleiben – stellt die Pflanze die Unmittelbarkeit der Metamorphose gegenüber: Etwas zu erzeugen, bedeutet immer, sich selbst umzuformen.“ (Cocca 2018, S.25)
Das klingt zwar irgendwie spirituell, meint aber letztlich nur, daß die Pflanze auf ein Schöpfer- und Produzentensubjekt ganz gut verzichten kann. Trotzdem geht sie bei ihren Umformungsprozessen aber wie ein menschlicher Ingenieur vor, der die Realität ‚modelliert‘. Auch die Pflanzen greifen Coccia zufolge auf in den Erbanlagen vorrätige Modelle zurück, anhand deren sie Formen in die Welt setzen (vgl. Coccia 1018, S.25), und ihre Produktionsstätte, ihre Fabrik, sind Blüte und Samen:
„Sie (die Blüte – DZ) ist an sich der vollkommene Ausdruck für den vollständigen Zusammenfall von Leben und Technik, Materie und Vorstellungskraft, Geist und Ausdehnung.“ (Coccia 2018, S.130)
Die Blüte (und der Samen) bildet Coccia zufolge die „paradigmatische Form der Rationalität“:
„Denken heißt immer, sich in die Sphäre der Äußerlichkeiten zu begeben, nicht um eine verborgene Innerlichkeit auszudrücken, nicht um zu sprechen, etwas zu sagen, sondern um verschiedene Wesen kommunizieren zu lassen.“ (Vgl. Coccia 2018, S.137)
Damit wird die Intelligenz bzw. das Bewußtsein von jeder Notwendigkeit ‚sich auszudrücken‘, also von der Expressivität als wiederum der paradigmatischen Form der spezifisch menschlichen Intentionalität, befreit. An ihre Stelle treten ‚Algorithmen‘ wie der „Gencode“, den Coccia dann sogar als „Wissen“ mit dem „Wesen“ zusammenfallen läßt, womit er vollends in eine ontologische Redeweise zurückfällt, die er an anderer Stelle eigentlich schon als obsolet und reformbedürftig dargestellt hatte:
„Während das Bewusstsein beim Menschen oder beim Tier ein akzidentelles, vergängliches Faktum ist, fällt im Samen (und man könnte sagen auch im Gencode) das Wissen mit dem Wesen zusammen, dem Leben, mit Kraft und Tat an sich.() Die Gene sind das Gehirn der Materie, sein Geist.“ (Coccia 2018, S.132)
Trotz seiner ‚radikalen‘ Haltung hinsichtlich des tierisch-menschlichen Chauvinismusses verträgt sich Coccias Pflanzenphilosophie erstaunlich gut mit dem aktuellen technisch-naturwissenschaftlichen Mainstream. Auch was die anscheinend unausrottbaren reproduktionsmedizinischen ‚Irrtümer‘ betrifft: denn es ist nicht der Gencode, der das neue Leben ‚produziert‘ und auf den Coccia den Samen zu reduzieren versucht, sondern die Zelle.

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Montag, 1. Oktober 2018

Emanuele Coccia, Die Wurzeln der Welt. Eine Philosophie der Pflanzen, München 2018 (2016)

1. Zusammenfassung
2. Wahrer als Sein
3. Wissenschaft als Zunft oder performativer Widerspruch

Emanuele Coccia entwickelt in seinem Buch „Die Wurzeln der Welt“ eine neue Philosophie, die sich an den Prinzipien des pflanzlichen Weltverhältnisses orientiert. Vieles daran erinnert mich an Helmuth Plessners „Stufen des Organischen“ (1928/1975), mit dem ich mich in diesem Blog ebenfalls schon auseinandergesetzt habe, was z.B. das Verhältnis der Pflanzen zu ihrer Umwelt betrifft und ihre Position im Weltgefüge als offene Formen. (Vgl. insbesondere meinen Blogpost vom 22.10.2010) Da Coccia Plessner nicht erwähnt, sind diese inhaltlichen Parallelen wohl zum einen auf die Sache zurückzuführen, zum anderen aber vermutlich auch auf Gustav Theodor Fechners Buch „Nanna oder Über das Seelenleben der Pflanzen“ (1848), auf das sich Coccia explizit bezieht und das auch Plessner nicht unbekannt gewesen sein dürfte.

Interessanterweise spielt die Anatomie der Pflanze bei Coccia eine ähnlich wichtige Rolle wie bei Plessner die Anatomie des Menschen, so daß man hier ebenfalls von einer Art ‚Körperleib‘ sprechen könnte, etwa wenn Coccia auf den „metaorganischen Rahmen“ verweist, aus dem jeder Organismus besteht. Das ist aber schon die äußerste Nähe der Pflanze zu tierischen Organismen, die Coccia zuzugestehen bereit ist; denn ansonsten bildet die Pflanze anatomisch und physiologisch das genaue Gegenteil zu allen anderen irdischen Lebensformen. Was‚Bewußtsein‘ bzw. ‚Intelligenz‘ betrifft, ist die Pflanze gewissermaßen auf den ‚Kopf‘ gestellt, denn alle Philosophen waren sich seit der Antike darin einig, daß das pflanzliche Bewußtsein in der Wurzel zu verorten sei, daß also „die Wurzel ganz und gar dem entspricht, was beim Tier das Gehirn ist, weil sie über dieselben Fähigkeiten verfügt“:
„Über das Wurzelsystem nämlich erwirbt eine Pflanze die meisten Informationen über ihren Zustand und den des Milieus, in das sie eingetaucht ist; und ebenfalls über die Wurzeln tritt sie in Kontakt mit den benachbarten Individuen und managt kollektiv Risiken und Schwierigkeiten des unterirdischen Lebens.“ (Coccia 2018, S.104)
Aber nicht nur in anatomischer Hinsicht ist die Pflanze das genaue Gegenteil zum tierischen Organismus, sondern, wie Coccia Dumas und Boussingault zitiert, auch physiologisch:
„Während das Tierreich einen unermesslichen Verbrennungsapparat darstellt, stellt dagegen das Pflanzenreich einen unermesslichen Reduktionsapparat dar.“ (Coccia 2018, S.81)
Während Tiere also Sauerstoff atmen und mit seiner Hilfe Kalorien verbrennen, ‚reduzieren‘ Pflanzen das dadurch entstehende CO2 wieder zu Sauerstoff. Damit sind wir aber schon mittendrin im pflanzlichen Weltverhältnis. Pflanzen sind aufgrund der Fähigkeit zur Photosynthese, als der Umwandlung von Licht in Energie, in der Lage, anorganische Stoffe in organische Stoffe umzuwandeln. Und die Organe, die sie dazu befähigen, sind die Blätter, die evolutionsbiologisch älter sind als die Wurzeln:
„Über Millionen Jahre verzichteten die Pflanzen auf sie – im Meer wie auf dem Land.“ (Coccia 2018, S.101)
Die Blätter und die Photosynthese sind also fundamentaler für die Pflanzen als die Wurzeln. Deshalb fängt Coccia auch mit den Blättern an (vgl. Coccia 2018, S.39ff.), um dann zunächst zu den Wurzeln (vgl. Coccia 2018, S.101ff.) und zum Schluß zu den Blüten (vgl. Coccia 2018, S.125ff.) zu kommen. Die Blätter machen die Pflanzen zu dem, was sie sind: zu Geschöpfen und Schöpfern der Atmosphäre bzw. des Klimas (zwei Begriffe, die Coccia immer synonym verwendet):
„Die gesamte Pflanze identifiziert sich im Blatt, die anderen Organe sind lediglich seine Fortsätze.“ (Coccia 2018, S.40)
Das Blatt ist ein rein nach außen gerichtetes Organ, dem kein ‚Inneres‘ entspricht. – Allerdings sollte man Coccia zufolge bei Pflanzen nicht von Organen sprechen; er selbst hält sich aber nicht immer daran. – Auch diese Umweltbezogenheit unterscheidet die Pflanzen als Wesen der Oberfläche von den Tieren und damit auch von Plessners Bestimmung des Menschen als Körperleib, also als einem Wesen auf der Grenze zwischen Innen und Außen. Die Photosynthese des Blatts dynamisiert die Innen-Außen-Grenze zu einem ständigen Austausch der Stoffe, zu einem kosmischen Prozeß des Fließens, wie Coccia schreibt:
„Die Photosynthese ist nur der kosmische Prozess des Fließendmachens des Universums, einer der Bewegungen, über die sich das Fluidum der Welt herausbildet: was die Welt atmen lässt und in einem Zustand dynamischer Spannung hält.“ (Coccia 2018, S.55)
Atmosphäre und Atem – zwei Worte, die eine ähnliche Etymologie aufweisen: ‚Dunst‘ und (Lebens-)‚Hauch‘ – sind deshalb die zentralen Begriffe der Cocciaschen Pflanzen-Philosophie, in der er das wechselseitige ‚Umfassen‘ und ‚Eintauchen‘ von Pflanze und Atmosphäre bzw. Klima hervorhebt:
„Fließend ist die Struktur der universellen Zirkulation, der Ort, an dem alles mit allem in Kontakt kommt und sich mischen kann, ohne dabei Form und eigene Substanz zu verlieren. Das Blatt ist die paradigmatische Form dieser Öffnung: das Leben, das in der Lage ist, sich von der Welt durchqueren zu lassen, ohne von ihr zerstört zu werden.“ (Coccia 2018, S.42)
Sich in einer Atmosphäre aufzuhalten, sich bedingungslos von ihr ‚durchqueren‘ zu lassen, ohne selbst seinen Ort verlassen zu können, ist für animalisch strukturierte Wesen wie dem Menschen schwer nachvollziehbar. Dennoch sind auch wir von einer Atmosphäre umfaßt und in sie eingetaucht. Coccia bringt als Beispiel den Fisch:
„Das In-der-Welt-Sein alles Lebendigen wäre demnach aus der Welterfahrung des Fischs heraus zu verstehen. Dieses In-der-Welt-Sein, das also auch unseres ist, ist immer ein Im-Meer-der-Welt-Sein. Es ist eine Form des Eintauchens.“ (Coccia 2018, S.47)
Der Fisch liefert das Stichwort des ‚Eintauchens‘. In eine Welt eingetaucht zu sein, einer Welt, die uns gleichermaßen durchquert wie wir sie durchqueren, die gleichermaßen in uns ist wie wir in ihr, verändert unsere Beziehung zur Welt als Subjekten zu einem Objekt. Diese Differenz löst sich auf. Allerdings nicht vollständig. Denn auch der Fisch löst sich nicht auf. Er bleibt als Individuum erhalten. Wie soll man also ein Weltverhältnis beschreiben, in das man ‚eingetaucht‘ ist, und dennoch als Individuum erhalten bleibt?

Um das Eintauchen der verschiedenen Lebensformen in ihre Sphären: Erde, Wasser und Luft, nach dem Vorbild der Pflanzen zu beschreiben, unterscheidet Coccia zwischen Vermengung, Verschmelzung und Vermischung. (Vgl. Coccia 2018, S.70ff.) Vermengung meint das Nebeneinander und Durcheinander von Dingen in einem Haufen wie z.B. Getreidekörner in einem Getreidehaufen. Sie behalten ihre Gestalt bei und sind durch nichts miteinander verbunden als durch die Schwerkraft. Mit Verschmelzung ist gemeint, wie verschiedene Gegenstände ihre eigene Form aufgeben und sich zu einer neuen Form mit neuen Eigenschaften verbinden, wie etwa bei Metallegierungen. Mit Mischung ist gemeint, daß verschiedene Teile sich zu einem neuen Ganzen verbinden, das neue Eigenschaften aufweist, ohne daß dabei die Teile ihre Form verlieren; sie bleiben als individuelle Teile erhalten. Das Paradigma für so ein neues Ganzes als Mischung bildet die Atmosphäre. (Vgl. Coccia 2018, S.72)

Der Begriff der Atmosphäre und mit ihm der ‚Atem‘ bildet zugleich das Zentrum einer neuen Erkenntnistheorie: der „Pneumatologie“. (Vgl. Coccia 2018, S.96) ‚Pneuma‘ kommt von griechisch ‚Hauch‘ und wird auch oft mit ‚Geist‘ übersetzt. Begriffshistorisch ist Coccias pneumatologischer Ansatz irgendwo zwischen Ontologie (Heidegger) und Phänomenologie (Husserl) angesiedelt, denen er vorwirft, die Welt noch als Behältnis, in dem sich etwas befindet bzw. in das etwas ‚hineingeworfen‘ werden kann, zu konzipieren (vgl. Coccia 2018, S.89) oder noch an einer geozentrischen Anthropologie festzuhalten (vgl. Coccia 2018, S.115). Coccias Pneumatologie ist in vielerlei Hinsicht eine ‚Mischung‘ aus ontologischen und phänomenologischen Begriffen, auch wenn er selbst darauf besteht, daß die ganze Anatomie und Physiologie der irdischen Lebensformen im Lichte seiner Pneumatologie einer gründlichen begrifflichen Revision unterzogen werden müsse:
„Wenn das Leben immer und zwangsläufig ein Eintauchen ist, dann dürfen die meisten Begriffe und Unterteilungen, die wir bei anatomischen und physiologischen Beschreibungen verwenden, genauso neu geschrieben werden wie die aktive Ausübung der Körperkräfte, die uns zu leben ermöglichen; im Grunde die Phänomenologie der konkreten Existenz aller Lebewesen.“ (Coccia 2018, S.47f.)
Der Ansatz einer solchen Neubeschreibung liegt in der Bewegungslosigkeit und Ortsfestigkeit der Pflanzen, die sich ihren jeweiligen Umwelten bedingungslos öffnen und trotz des Fehlens manipulativer Organe Welten erschaffen:
„Das Fehlen der Hände ist kein Zeichen eines Mangels, sondern vielmehr Folge eines restlosen Eintauchens in eben die Materie, die sie unentwegt gestalten. Die Pflanzen werden eins mit den Formen, die sie erfinden: Alle Formen sind für sie Abwandlungen des Seins und nicht lediglich des Tuns und Handelns. Eine Form zu erschaffen, bedeutet, sie mit seinem ganzen Wesen zu durchschreiten, so wie man Zeitalter oder Phasen seines eigenen Lebens durchschreitet.“ (Coccia 2018, S.25)
An die Stelle der Bewegung tritt die gegenseitige Durchdringung von Pflanze und Welt. Anders als Tiere und Menschen, deren Weltverhältnis über manipulative Organe vermittelt ist, ist das Weltverhältnis der Pflanzen unmittelbar und deshalb „kosmogonisch“:
„Die Pflanzen zu denken bedeutet, ein In-der-Welt-Sein zu denken, das unmittelbar kosmogonisch ist.“ (Coccia 2018, S.58)
Sie haben die Welt, den ‚Kosmos‘, erschaffen, die tierisches Leben möglich machte. Und da sie mit ihren Wurzeln zugleich auch das Innere der Erde bewohnen, vermitteln sie über Blatt und Wurzel zwischen Himmel und Erde. Dank den Pflanzen wird die Erde selbst zu einem „astrale(n) Raum“ (Coccia 2018, S.122), so daß alles Leben auf der Erde als „himmlisches Ereignis“ verstanden werden kann, als ein Faktum, in dem das Göttliche „mit der Wirklichkeit der Formen und Zufälle“ zusammenfällt. (Vgl. Coccia 2018, S.120)

Doch so universell und kosmologisch Coccias Pneumatologie auch angelegt ist, muß man festhalten, daß dieser Kosmos auf totaler Immanenz beruht. Der Sphärenbegriff (Atmo-Sphäre) – Coccia setzt sich an dieser Stelle auch kritisch mit Peter Sloterdijk auseinander (vgl. Coccia 2018, S.85f.) – kennt weder Transzendenz noch Exzentrik im Plessnerschen Sinne:
„Gerade die Wechselseitigkeit der Inhärenz macht den Atem zu einem ausweglosen Zustand: unmöglich, sich von dem Milieu zu befreien, in das man eingetaucht ist, unmöglich, dieses Milieu von unserer Gegenwart zu reinigen.“ (Coccia 2018, S.89)
Auf diese Problematik werde ich im folgenden Blogpost detaillierter eingehen.

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Montag, 3. September 2018

Svenja Flaßpöhler, Die potente Frau. Für eine neue Weiblichkeit, Berlin 2018

1. Zusammenfassung
2. Dekonstruktivismus, Essentialismus und ‚neue‘ Phänomenologie
3. Medien

Svenja Flaßpöhler hat ein grundsätzliches Problem mit dem medialen Auftritt von #metoo. Das Anliegen dieser Bewegung ist medial ambivalent, weil hier intime Erfahrungen mit einem öffentlichen Interesse verquickt werden, das moralisch nicht einwandfrei ist. Andere Frauenthemen wie etwa ‚Gleiches Geld für gleiche Arbeit‘ würden nicht annähernd auf das gleiche mediale Interesse stoßen, wie sexueller Mißbrauch in seinen verschiedenen Erscheinungsformen. So verweist Flaßpöhler z.B. auf die Illustrierte „Focus“, die ihre Leserinnen dazu auffordert, von ihren Mißbrauchserfahrungen zu berichten:
„‚Haben auch Sie Erfahrungen mit sexueller Belästigung gemacht? Schicken Sie uns Ihre Geschichte per Mail an ...‘,() ermuntert beispielsweise der Focus seine Leserinen; so billig kommt die Zeitschrift, für ihre feministische Grundhaltung nicht gerade bekannt, nie wieder an heiße Geschichten.“ (Flaßpöhler 2018, S.12)
Die Autorin spricht hier eine Problematik an, die in meinem Blog anhand der Differenz zwischen Zweitpersonalität und Drittpersonalität diskutiert wird. Sexuelle Begegnungen beinhalten zumeist eine gewisse Exklusivität wie sie der Zweitpersonalität entspricht. Sie vertragen keine Beobachterperspektive, zumindestens solange diese nicht Teil der sexuellen Praktik ist. Die dritte Person, also die ‚Drittpersonalität‘, nimmt in diesem heiklen Bereich eine prekäre Position ein: Normativität mischt sich mit Skandalisierung. Nicht zuletzt diese Mischung stellt die öffentliche Aufmerksamkeit sicher.

Wer darüberhinaus versucht, mit Gesetzesinitiativen sexuelle Praktiken zu normieren, wie Flaßpöhler es der #neinheißtnein-Bewegung vorwirft (vgl. Faßpöhler 2018, S.23ff.), macht das schlechthin Intime geradezu zwanghaft öffentlich und verwandelt es in ein Vertragsverhältnis. Die aktuelle Änderung des §177 StgB nötigt die begehrenden Subjekte zu einer ständigen Eruierung des wechselseitigen Willens, zu einer Art ‚hermeneutischer Wachsamkeit‘, wie Flaßpöhler schreibt, um nur ja nicht den Moment zu verpassen, wo der/die Andere nicht mehr will. (Vgl. Flaßpöhler 2018, S.25) Früher nannte man sowas Achtsamkeit. Dabei wird vor allem eins unter Tabu gestellt: sich im sexuellen Akt zu verlieren und aus sich heraus zu treten, was man auch „Ekstase“ nennt. (Vgl. Flaßpöhler 2018, S.26)

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Sonntag, 2. September 2018

Svenja Flaßpöhler, Die potente Frau. Für eine neue Weiblichkeit, Berlin 2018

1. Zusammenfassung
2. Dekonstruktivismus, Essentialismus und ‚neue‘ Phänomenologie
3. Medien

Es sind vor allem zwei Positionen, von denen sich Svenja Flaßpöhler absetzen will: der dekonstruktive Gender-Feminismus und der Essentialismus. Bei dem Essentialismus handelt es sich um die patriarchalische Festlegung der Frau auf ein ‚Wesen‘. Sie ist Gefährtin eines Mannes und die Mutter seiner Kinder. Ihr Reich ist das Haus. Die Frau ist vor allem durch die Biologie bestimmt. Der Gender-Feminismus wendet sich gegen diesen Essentialismus, indem er leugnet, daß es so etwas wie eine Biologie bzw. ein biologisch festgelegtes Geschlecht überhaupt gibt. Die Definition des ‚Geschlechts‘ als ‚Gender‘, also als kulturelles Konstrukt, stammt von Judith Butler (1990), und Flaßpöhler zollt ihrem Beitrag zur Emanzipation der Frau ihre Anerkennung. (Vgl. Flaßpöhler 2018, S.31f.) Allerdings meint sie, daß der Gender-Feminismus inzwischen über sein Ziel hinausgeschossen sei:
„Butler weist nämlich nicht nur auf die Gefahren eines biologischen Essenzialismus hin, sondern sie entzieht darüber hinaus der weiblichen Position gleich jede Grundlage.“ (Flaßpöhler 2018, S.33)
Im Entzug dieser Grundlage steht der Dekonstruktivismus des Gender-Feminismus, wie Flaßpöhler schreibt, der patriarchalen Position von Sigmund Freud und Jacques Lacan nahe, die durch einen Satz von Lacan pointiert wird: „DIE Frau existiert nicht.“ (Faßpöhler 2018, S.33) – Letztlich, so Flaßpöhler, wiederholt Judith Butler diesen Satz, „wenn auch mit anderen Vorzeichen und mit einer anderen Intention“:
„Und mit verheerender Konsequenz: Das Subjekt Frau existiert nicht – und also auch keine weibliche Potenz.“ (Faßpöhler 2018, S.33)
Die Grundlage, auf der Flaßpöhler zufolge die weibliche Position beruhen muß, besteht in eben der leiblichen Erfahrung, die der Gender-Feminismus als bloß kulturell bedingt dekonstruiert. (Vgl. Flaßpöhler 2018, S.35f.) Flaßpöhler bezeichnet ihren Ansatz als „Experienzialismus“. (Vgl. Flaßpöhler 2018, S.33) Mir gefällt diese Wortbildung nicht, und sie ist auch überflüssig. Besser gefällt mir schon der Begriff „neue Phänomenologie“ (Flaßpöhler 2018, S.34), wobei ich mich allerdings frage, was an ihr ‚neu‘ sein soll; es sei denn mit ‚neu‘ ist gemeint, daß Flaßpöhler die Phänomenologie erstmals auf ihre Version des Feminismus anwendet. Ich selbst gehe in meinem Blog schon seit vielen Jahren phänomenologisch vor, und zwar in genau dem Sinne, wie es auch Flaßpöhler versteht, nämlich als eine den subjektiven Schein der eigenen Wahrnehmung ernstnehmende Denkweise:
„Wie der Name schon sagt, geht es Phänomenologinnen und Phänomenologen nicht um Wesenhaftigkeit, sondern um Phänomene, sprich: Erscheinungen. Nicht das Sein, sondern der Schein ist die Grundlage der Erkenntnis.“ (Flaßpöhler 2018, S.34)
So wie Flaßpöhler den Dekonstruktivismus und den Essenzialismus der Phänomenologie gegenüberstellt, haben wir es hier mit zwei Formen des Strukturdenkens zu tun: die eine, der Essenzialismus, nimmt den Schein nicht ernst, weil er hinter oder unter ihm verborgene Strukturen behauptet, die wahrer sind als der Schein; die andere, der Dekonstruktivismus, nimmt den Schein nicht ernst, weil er ihn mit Strukturen gleichsetzt, die falsch sind und überwunden werden müssen. Beiden entgeht dabei das Subjekt, dem etwas erscheint, und um dieses Subjekt geht es wiederum in der Phänomenologie und deshalb auch der Autorin, die ja die Frau wieder in ihre Potenz bringen will:
„Anstatt den Mann zu kastrieren, muss die Frau selbst in die Potenz finden: Aktion statt Reaktion. Positivität statt Negativität. Fülle statt Mangel. Anstatt dem Mann die Schuld für das Verharren in Passivität in die Schuhe zu schieben – beruflich, sexuell, existenziell –, kommt die potente Frau in die Lust. Sie begehrt und verführt, befreit sich aus der Objektposition, ist souveränes Subjekt auch der Schaulust. ... niemand kann sie von der Aufgabe entlasten, selbstbestimmt zu handeln. Niemand kann ihr abnehmen, die zu werden, die sie sein will.“ (Flaßpöhler 2018, S.44)
Grundlage dieser Selbstermächtigung ist die eigene leibliche Erfahrung. Der ‚Leib‘ bezeichnet die innere Erfahrung vom eigenen Körper; er ist das, „was wir von innen wahrnehmen“ (vgl. Flaßpöhler 2018, S.35). Flaßpöhler spricht also vom ‚Körperleib‘, wie wir ihn in diesem Blog schon von Helmuth Plessner kennen. Zu dieser subjektiven Erlebnisweise der eigenen Leiblichkeit gehört selbstverständlich auch die Sexualität, die sich nicht einfach als kulturell konstruiert wegerklären läßt. Sie hat ihre eigene (Lebens-)Geschichte, ihre Biographie, die sich bei jedem Menschen unterscheidet. (Vgl. Flaßpöhler 2018, S.36) Wir haben es also mit einer dreidimensionalen Komplexität zu tun, Biologie, Biographie und Kultur, die alle zusammen einen individuellen Menschen ergeben, dessen Perspektive sich von jedem anderen Menschen unterscheidet.

So unterscheiden sich also schon Männer von Männern und Frauen von Frauen. Noch mehr aber unterscheiden sich Männer und Frauen:
„Was Männlichkeit und Weiblichkeit unterscheidet, ist die unbestreitbare Exklusivität ganz bestimmter, leiblich gebundener Erfahrungen sowie die faktische Unmöglichkeit, sich den Erfahrungsraum des jeweils anderen Geschlechts vollständig zu erschließen.“ (Flaßpöhler 2018, S.37
Letztlich haben wir es bei der Heterosexualität also mit einem besonders schwierigen Begehren zu tun: kein anderes Begehren ist so von der wechselseitigen Fremdheit der Partner geprägt wie dieses. Aber für Flaßpöhler ist das kein Grund, dieses prekäre Begehren nun abwehren zu müssen und es zu pathologisieren, sondern im Gegenteil der Grund für eine intensivere wechselseitige Zuwendung:
„Es wäre an der Zeit, dass an die Stelle dieser tieftraurigen Verteidigung des Eigenen ein wechselseitiges Erkennen, eine absolute Hinwendung zum Anderen träte.“ (Flaßpöhler 2018, S.31)
Das ist also Flaßpöhlers dritter Weg: neue Formen des Miteinanders zu finden, die auf der Anerkennung subjektiven Begehrens beruhen, das seine biologischen, kulturellen und eben auch individuellen Motive nicht verleugnen kann und darf, wenn wir, Frauen und Männer, in unser menschliches Potenzial finden wollen.

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Samstag, 1. September 2018

Svenja Flaßpöhler, Die potente Frau. Für eine neue Weiblichkeit, Berlin 2018

1. Zusammenfassung
2. Dekonstruktivismus, Essentialismus und ‚neue‘ Phänomenologie
3. Medien

Beworben wird Svenja Flaßpöhlers Buch, „Die potente Frau“ (2018), vom Ullstein-Verlag als ein „Beziehungsratgeber“, als ein Ratgeber für „Partnerschaft & Liebe“. Selten ist mir eine irreführendere Werbung begegnet als das. „Philosophische Streitschrift“ paßt schon besser. Denn Flaßpöhlers Buch ist beides: philosophisch und streitbar. Schon der Prolog liest sich mit seinen prägnanten, kurzen Sätzen wie ein Manifest. Die beiden Eingangssätze bringen eine Utopie auf den Punkt, die der Autorin zufolge schon Wirklichkeit geworden ist:
„Rechtlich ist das Patriarchat passé. Die potente Frau hat es auch psychisch überwunden.“ (Flaßpöhler 2018, S.7)
Diese Worte setzen sich im Bewußtsein des Rezensenten fest und hallen darin nach. Alles, was folgt, baut darauf auf: in der gesellschaftlichen Verfassung ist das Patriarchat überwunden, nun gilt es, ihn auch in den Köpfen zu überwinden! Die Emanzipation ist keine Frage der Gesetzgebung mehr, sondern vor allem eine Frage der Selbstermächtigung. Wer weiterhin den Weg des Gesetzes gehen will, wie die #neinheißtnein-Kampagne, infantilisiert die Frau, die sich nur ‚in ihre Potenz findet‘, wie Flaßpöhler es ausdrückt (vgl. Flaßpöhler 2018, S.13 u.ö.), wenn sie auf ihre eigenen Möglichkeiten setzt: auf ihre Potenzialität.

Svenja Flaßpöhler spielt mit der Doppeldeutigkeit der Potenz als Macht und als Möglichkeit und definiert die potente Frau als einen Menschen, der seine „Kraft vielmehr aus der Möglichkeit schöpft“. (Vgl. Flaßpöhler 2018, S.39) – Dabei geht es nicht um einen Essenzialismus, als bestünde das Ziel darin, alle Möglichkeiten auszuschöpfen, so daß nur, wer sein Potenzial voll entwickelt, sich auch als Mensch verwirklicht. Das unausgeschöpfte Potenzial ist nichts Negatives, das überwunden werden müßte, wie Flaßpöhler in aller wünschenswerten Klarheit festhält:
„Ich kann – aber ich muss nicht; Hauptsache, ich werde die, die ich bin. Die nichtrealisierte Option ist dabei nicht weniger wert als die realisierte.“ (Flaßpöhler 2018, S.39)
Frauen sind nicht auf ein Wesen festgelegt. Sie können sich anders entscheiden. Möglichkeiten bilden Angebote, keine Verpflichtung. Aber sie bleiben trotzdem, auch wenn sie im Hintergrund bleiben, etwas Positives; und dazu gehört Flaßpöhler zufolge auch die Sexualität, die sich nicht im Nein-Sagen, in der Abwehr der männlichen Sexualität erschöpft. (Vgl. Flaßpöhler 2018, S.15) Den „Hashtag-Feministinnen“ wirft Flaßpöhler vor, daß sie an diesem patriarchalisch geprägten Bild der weiblichen Sexualität, der Abwehr des Mannes, festhalten. (Vgl. Flaßpöhler 2018, S.30) Die Heldinnen der Hashtag-Bewegten sind auf ihren Opferstatus festgelegt. Und Opfer sind alle, denn es wird nicht mehr differenziert. (Vgl. Flaßpöhler 2018, S.13) Vergewaltigung und Belästigung sind ein und dasselbe. Heterosexualität wird unter Generalverdacht gestellt. (Vgl. Flaßpöhler 2018, S.33)

Der Begriff der Potenzialität räumt deshalb auch noch mit diesem  Mißverständnis auf. Flaßpöhler wirft der #metoo-Bewegung vor, nicht mehr hinreichend zwischen Vergewaltigung, Belästigung und Verführung zu differenzieren. Auf Verführung, so Flaßpöhler, sollten wir nicht verzichten, denn sie entspricht unserer Potenzialität. Wer sich nicht mehr verführen lassen kann, ist innerlich erstarrt. Und die Belästigung gehört zur Verführung dazu, so daß sie letztlich nur ihre andere Seite bildet. Denn Verführung ist etwas zutiefst Subjektives, und was der oder dem anderen schmeichelt, wird jemand anderes als Belästigung erleben:
„Je nachdem, ob eine Frau einen Mann attraktiv findet oder nicht, ob sie in Stimmung ist oder nicht, und je nachdem, wie sie sozialisiert wurde, kann ein und derselbe Sprechakt, kann ein und dieselbe Geste als Verführung oder als Belästigung wahrgenommen werden (dasselbe gilt natürlich auch für den Fall, dass eine Frau einen Mann verführen will). Daraus folgt: Wer eine Welt ohne Belästigung will, will in letzter Konsequenz eine Welt ohne Verführung.“ (Flaßpöhler 2018, S.13f.)
Die potente Frau hält deshalb Belästigungen aus, ohne den Gesetzgeber oder die stets empörungsbereite Öffentlichkeit zu Hilfe zu rufen. Sie ist in der Lage, sich eigene „Handlungsoptionen“ zu eröffnen und zu nutzen. (Vgl. Flaßpöhler 2018, S.13) Sie ist bereit, sich nach den Worten Kants aus selbstverschuldeter Unmündigkeit zu befreien:
„Auch Frauen sind verpflichtet, sich aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit zu befreien und die ihnen durch jahrhundertelangen Emanzipationskampf bereitgestellte Möglichkeit zu einer selbstbestimmten Existenz willentlich zu ergreifen oder dies zumindest ernsthaft zu versuchen.“ (Flaßpöhler 2018, S.29)
Autonomie bedeutet Flaßpöhler zufolge nicht, daß einem geschriebene oder ungeschriebene Gesetze den Weg ebnen. Autonomie bedeutet, daß wir uns auch in ungünstigen und psychisch belastenden Situationen zu behaupten versuchen. Es war, so Flaßpöhler, „noch nie einfach, Selbstbestimmung nur zu fordern, sondern auch konkret zu leben“. (Vgl. Flaßpöhler 2018, S.15)

Die potente Frau geht Svenja Flaßpöhler zufolge einen eigenen, jenseits von Dekonstruktivismus und Essenzialismus liegenden dritten Weg, denn sie schöpft ihre Kraft aus der Erfahrung, die sie mit ihren Möglichkeiten macht. (Vgl. Flaßpöhler 2018, S.34ff.) Darauf gehe ich im folgenden Blogpost ein.

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Mittwoch, 1. August 2018

Begriffe statt Recherchen

An meiner letzten Rezension zu Adam Alter (01.07.-06.07.2018) kritisierte eine befreundete Bloggerin unter anderem eine Stelle zu heroinsüchtigen Vietnamveteranen, die ihr unglaubwürdig vorkam. Sie bat mich, da nochmal nachzurecherchieren. Mit dieser Bitte traf die Bloggerin einen Schwachpunkt meines gesamten Blogs. Die inzwischen insgesamt 927 Blogposts bestehen in ihrer überwiegenden Mehrzahl aus Rezensionen. Und nie habe ich in diesen Rezensionen die Quellen der besprochenen Bücher nachgeprüft.

Das ist zunächst einer Notlage geschuldet, in der wir uns alle befinden, wenn wir uns mit ‚Informationen‘ auseinandersetzen, die aus zweiter Hand sind, was bei Sachbüchern eigentlich immer der Fall ist. Informationen aus zweiter Hand haben immer ein Glaubwürdigkeitsproblem und müßten deshalb solange unter Vorbehalt zur Kenntnis genommen werden, wie sie nicht durch eigenen Augenschein bestätigt worden sind. Allerdings gibt es da unterschiedliche Plausibilitätsgrade. Im Vergleich zu anderen Medien haben Bücher einen entscheidenden Vorteil: Welche andere Quelle läßt eine vergleichbar gründliche Auseinandersetzung mit dem Standpunkt eines Menschen zu? Anders als beim direkten Gespräch, das oft genug unter Zeitdruck steht, hat man hier Zeit und Muße, sich mit den Argumenten des Autors in aller Ruhe auseinanderzusetzen. Und anhand der Systematik der Argumentation und mit Hilfe der vom Autor aufgeführten Quellen ist ein Urteil über dessen Redlichkeit allemal besser fundiert, als alles, was Fernsehen oder Internet zu bieten haben.

Trotzdem stellt sich die Frage nach dem sachlichen Gehalt meiner Rezensionen, um so mehr als ich den Blog in den nächsten zwei Jahren nach und nach ausklingen lassen und beenden will. Eine zumindest vorläufige Rechtfertigung dessen, was ich hier die letzten acht Jahre so gemacht habe, scheint mir angebracht zu sein.

Ursprünglich hatte ich mit diesem Blog die Erwartung verbunden, daß er ein Diskussionsforum zu meinen Texten bildet. Das hat sich nicht erfüllt. Die Leute sind anscheinend damit zufrieden, zu kommen und zu gehen und die Texte, so weit sie sie zur Kenntnis nehmen, so zu nehmen, wie sie sind. Aber was ist eigentlich der objektive Gehalt dieser Texte? Ich lese Bücher und rezensiere sie und vertraue zunächstmal den Quellen, auf die sich die Autoren beziehen. Das ist ein Problem der Zeitökonomie. Eigene Recherchen wären so aufwendig, daß ich kaum noch dazu käme, Bücher zu anderen Themen zu lesen. Eigentlich dürfte ich dabei nicht stehen bleiben, denn auch die Quellen selbst bieten ja zumeist nur Informationen aus zweiter Hand, so daß ich strenggenommen auch deren Quellenlage wieder prüfen müßte. Meine Interessen sind aber so weit gestreut, daß ich beim längeren Verharren bei einem Thema leicht ungeduldig werde. Jetzt, zum absehbaren Ende des Blogs, kommt hinzu, daß ich eigentlich weniger vorm Monitor hocken will; Recherchen aber würden mich dazu zwingen, noch mehr durchs Internet zu surfen. Die nächste Bibliothek ist weit weg, und außerdem bin ich berufstätig.

Ich beurteile Bücher vor allem nach ihrer Systematik. Es stehen also die Begriffe im Zentrum. Wenn die Autoren bei den Begriffen unsauber arbeiten, ist auch alles Fachwissen, das sie einbringen, nichts mehr wert. Ich beurteile also nie das Fachwissen – es sei denn ich kann auf eigenes Fachwissen zurückgreifen –, sondern immer nur die Begriffe und die Methoden.

Christina von Braun hat mal mir gegenüber ihre Anerkennung für die „Genauigkeit“ meiner „Lektüre“ zum Ausdruck gebracht. Genau darin liegt mein Ehrgeiz.

Das weitgehend fehlende Fachwissen – ich trete immer als Laie auf – ist vor allem bei den Sachbüchern problematisch. Bei rein philosophischen Texten kommt es eigentlich nie auf das Fachwissen, sondern nur auf die Begriffe an. Wenn ich also philosophische Bücher rezensiere, bin ich ganz in meinem Element. Hier kann ich nach Herzenslust rumkritisieren. Ein paar Orientierungsmarken wie Humanismus und Verstandesautonomie reichen, um mit jedem Philosophen auf Augenhöhe zu sein.

Ich kann Leserinnen und Lesern meines Blogs also nur empfehlen, daß sie sich meinen Texten gegenüber genauso verhalten wie bei überhaupt allen Texten, die sie lesen: nicht zu versuchen, am Ende der Lektüre das Gelesene als ein Inventar von Fakten dem eigenen meist eher unzuverlässigen Gedächtnis einzuverleiben, sondern stets, auch dem eigenen naiven Weltglauben gegenüber, dafür offen zu bleiben, daß alles – wenn vielleicht auch nicht ganz, so doch irgendwie – anders sein könnte.

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