„...letztlich ist der Mensch, als Folge oder Krönung der Evolution, nur in der Totalität der Erde begreifbar.“ (Leroi-Gourhan, Hand und Wort, S.22)

Montag, 3. September 2018

Svenja Flaßpöhler, Die potente Frau. Für eine neue Weiblichkeit, Berlin 2018

1. Zusammenfassung
2. Dekonstruktivismus, Essentialismus und ‚neue‘ Phänomenologie
3. Medien

Svenja Flaßpöhler hat ein grundsätzliches Problem mit dem medialen Auftritt von #metoo. Das Anliegen dieser Bewegung ist medial ambivalent, weil hier intime Erfahrungen mit einem öffentlichen Interesse verquickt werden, das moralisch nicht einwandfrei ist. Andere Frauenthemen wie etwa ‚Gleiches Geld für gleiche Arbeit‘ würden nicht annähernd auf das gleiche mediale Interesse stoßen, wie sexueller Mißbrauch in seinen verschiedenen Erscheinungsformen. So verweist Flaßpöhler z.B. auf die Illustrierte „Focus“, die ihre Leserinnen dazu auffordert, von ihren Mißbrauchserfahrungen zu berichten:
„‚Haben auch Sie Erfahrungen mit sexueller Belästigung gemacht? Schicken Sie uns Ihre Geschichte per Mail an ...‘,() ermuntert beispielsweise der Focus seine Leserinen; so billig kommt die Zeitschrift, für ihre feministische Grundhaltung nicht gerade bekannt, nie wieder an heiße Geschichten.“ (Flaßpöhler 2018, S.12)
Die Autorin spricht hier eine Problematik an, die in meinem Blog anhand der Differenz zwischen Zweitpersonalität und Drittpersonalität diskutiert wird. Sexuelle Begegnungen beinhalten zumeist eine gewisse Exklusivität wie sie der Zweitpersonalität entspricht. Sie vertragen keine Beobachterperspektive, zumindestens solange diese nicht Teil der sexuellen Praktik ist. Die dritte Person, also die ‚Drittpersonalität‘, nimmt in diesem heiklen Bereich eine prekäre Position ein: Normativität mischt sich mit Skandalisierung. Nicht zuletzt diese Mischung stellt die öffentliche Aufmerksamkeit sicher.

Wer darüberhinaus versucht, mit Gesetzesinitiativen sexuelle Praktiken zu normieren, wie Flaßpöhler es der #neinheißtnein-Bewegung vorwirft (vgl. Faßpöhler 2018, S.23ff.), macht das schlechthin Intime geradezu zwanghaft öffentlich und verwandelt es in ein Vertragsverhältnis. Die aktuelle Änderung des §177 StgB nötigt die begehrenden Subjekte zu einer ständigen Eruierung des wechselseitigen Willens, zu einer Art ‚hermeneutischer Wachsamkeit‘, wie Flaßpöhler schreibt, um nur ja nicht den Moment zu verpassen, wo der/die Andere nicht mehr will. (Vgl. Flaßpöhler 2018, S.25) Früher nannte man sowas Achtsamkeit. Dabei wird vor allem eins unter Tabu gestellt: sich im sexuellen Akt zu verlieren und aus sich heraus zu treten, was man auch „Ekstase“ nennt. (Vgl. Flaßpöhler 2018, S.26)

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Sonntag, 2. September 2018

Svenja Flaßpöhler, Die potente Frau. Für eine neue Weiblichkeit, Berlin 2018

1. Zusammenfassung
2. Dekonstruktivismus, Essentialismus und ‚neue‘ Phänomenologie
3. Medien

Es sind vor allem zwei Positionen, von denen sich Svenja Flaßpöhler absetzen will: der dekonstruktive Gender-Feminismus und der Essentialismus. Bei dem Essentialismus handelt es sich um die patriarchalische Festlegung der Frau auf ein ‚Wesen‘. Sie ist Gefährtin eines Mannes und die Mutter seiner Kinder. Ihr Reich ist das Haus. Die Frau ist vor allem durch die Biologie bestimmt. Der Gender-Feminismus wendet sich gegen diesen Essentialismus, indem er leugnet, daß es so etwas wie eine Biologie bzw. ein biologisch festgelegtes Geschlecht überhaupt gibt. Die Definition des ‚Geschlechts‘ als ‚Gender‘, also als kulturelles Konstrukt, stammt von Judith Butler (1990), und Flaßpöhler zollt ihrem Beitrag zur Emanzipation der Frau ihre Anerkennung. (Vgl. Flaßpöhler 2018, S.31f.) Allerdings meint sie, daß der Gender-Feminismus inzwischen über sein Ziel hinausgeschossen sei:
„Butler weist nämlich nicht nur auf die Gefahren eines biologischen Essenzialismus hin, sondern sie entzieht darüber hinaus der weiblichen Position gleich jede Grundlage.“ (Flaßpöhler 2018, S.33)
Im Entzug dieser Grundlage steht der Dekonstruktivismus des Gender-Feminismus, wie Flaßpöhler schreibt, der patriarchalen Position von Sigmund Freud und Jacques Lacan nahe, die durch einen Satz von Lacan pointiert wird: „DIE Frau existiert nicht.“ (Faßpöhler 2018, S.33) – Letztlich, so Flaßpöhler, wiederholt Judith Butler diesen Satz, „wenn auch mit anderen Vorzeichen und mit einer anderen Intention“:
„Und mit verheerender Konsequenz: Das Subjekt Frau existiert nicht – und also auch keine weibliche Potenz.“ (Faßpöhler 2018, S.33)
Die Grundlage, auf der Flaßpöhler zufolge die weibliche Position beruhen muß, besteht in eben der leiblichen Erfahrung, die der Gender-Feminismus als bloß kulturell bedingt dekonstruiert. (Vgl. Flaßpöhler 2018, S.35f.) Flaßpöhler bezeichnet ihren Ansatz als „Experienzialismus“. (Vgl. Flaßpöhler 2018, S.33) Mir gefällt diese Wortbildung nicht, und sie ist auch überflüssig. Besser gefällt mir schon der Begriff „neue Phänomenologie“ (Flaßpöhler 2018, S.34), wobei ich mich allerdings frage, was an ihr ‚neu‘ sein soll; es sei denn mit ‚neu‘ ist gemeint, daß Flaßpöhler die Phänomenologie erstmals auf ihre Version des Feminismus anwendet. Ich selbst gehe in meinem Blog schon seit vielen Jahren phänomenologisch vor, und zwar in genau dem Sinne, wie es auch Flaßpöhler versteht, nämlich als eine den subjektiven Schein der eigenen Wahrnehmung ernstnehmende Denkweise:
„Wie der Name schon sagt, geht es Phänomenologinnen und Phänomenologen nicht um Wesenhaftigkeit, sondern um Phänomene, sprich: Erscheinungen. Nicht das Sein, sondern der Schein ist die Grundlage der Erkenntnis.“ (Flaßpöhler 2018, S.34)
So wie Flaßpöhler den Dekonstruktivismus und den Essenzialismus der Phänomenologie gegenüberstellt, haben wir es hier mit zwei Formen des Strukturdenkens zu tun: die eine, der Essenzialismus, nimmt den Schein nicht ernst, weil er hinter oder unter ihm verborgene Strukturen behauptet, die wahrer sind als der Schein; die andere, der Dekonstruktivismus, nimmt den Schein nicht ernst, weil er ihn mit Strukturen gleichsetzt, die falsch sind und überwunden werden müssen. Beiden entgeht dabei das Subjekt, dem etwas erscheint, und um dieses Subjekt geht es wiederum in der Phänomenologie und deshalb auch der Autorin, die ja die Frau wieder in ihre Potenz bringen will:
„Anstatt den Mann zu kastrieren, muss die Frau selbst in die Potenz finden: Aktion statt Reaktion. Positivität statt Negativität. Fülle statt Mangel. Anstatt dem Mann die Schuld für das Verharren in Passivität in die Schuhe zu schieben – beruflich, sexuell, existenziell –, kommt die potente Frau in die Lust. Sie begehrt und verführt, befreit sich aus der Objektposition, ist souveränes Subjekt auch der Schaulust. ... niemand kann sie von der Aufgabe entlasten, selbstbestimmt zu handeln. Niemand kann ihr abnehmen, die zu werden, die sie sein will.“ (Flaßpöhler 2018, S.44)
Grundlage dieser Selbstermächtigung ist die eigene leibliche Erfahrung. Der ‚Leib‘ bezeichnet die innere Erfahrung vom eigenen Körper; er ist das, „was wir von innen wahrnehmen“ (vgl. Flaßpöhler 2018, S.35). Flaßpöhler spricht also vom ‚Körperleib‘, wie wir ihn in diesem Blog schon von Helmuth Plessner kennen. Zu dieser subjektiven Erlebnisweise der eigenen Leiblichkeit gehört selbstverständlich auch die Sexualität, die sich nicht einfach als kulturell konstruiert wegerklären läßt. Sie hat ihre eigene (Lebens-)Geschichte, ihre Biographie, die sich bei jedem Menschen unterscheidet. (Vgl. Flaßpöhler 2018, S.36) Wir haben es also mit einer dreidimensionalen Komplexität zu tun, Biologie, Biographie und Kultur, die alle zusammen einen individuellen Menschen ergeben, dessen Perspektive sich von jedem anderen Menschen unterscheidet.

So unterscheiden sich also schon Männer von Männern und Frauen von Frauen. Noch mehr aber unterscheiden sich Männer und Frauen:
„Was Männlichkeit und Weiblichkeit unterscheidet, ist die unbestreitbare Exklusivität ganz bestimmter, leiblich gebundener Erfahrungen sowie die faktische Unmöglichkeit, sich den Erfahrungsraum des jeweils anderen Geschlechts vollständig zu erschließen.“ (Flaßpöhler 2018, S.37
Letztlich haben wir es bei der Heterosexualität also mit einem besonders schwierigen Begehren zu tun: kein anderes Begehren ist so von der wechselseitigen Fremdheit der Partner geprägt wie dieses. Aber für Flaßpöhler ist das kein Grund, dieses prekäre Begehren nun abwehren zu müssen und es zu pathologisieren, sondern im Gegenteil der Grund für eine intensivere wechselseitige Zuwendung:
„Es wäre an der Zeit, dass an die Stelle dieser tieftraurigen Verteidigung des Eigenen ein wechselseitiges Erkennen, eine absolute Hinwendung zum Anderen träte.“ (Flaßpöhler 2018, S.31)
Das ist also Flaßpöhlers dritter Weg: neue Formen des Miteinanders zu finden, die auf der Anerkennung subjektiven Begehrens beruhen, das seine biologischen, kulturellen und eben auch individuellen Motive nicht verleugnen kann und darf, wenn wir, Frauen und Männer, in unser menschliches Potenzial finden wollen.

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Samstag, 1. September 2018

Svenja Flaßpöhler, Die potente Frau. Für eine neue Weiblichkeit, Berlin 2018

1. Zusammenfassung
2. Dekonstruktivismus, Essentialismus und ‚neue‘ Phänomenologie
3. Medien

Beworben wird Svenja Flaßpöhlers Buch, „Die potente Frau“ (2018), vom Ullstein-Verlag als ein „Beziehungsratgeber“, als ein Ratgeber für „Partnerschaft & Liebe“. Selten ist mir eine irreführendere Werbung begegnet als das. „Philosophische Streitschrift“ paßt schon besser. Denn Flaßpöhlers Buch ist beides: philosophisch und streitbar. Schon der Prolog liest sich mit seinen prägnanten, kurzen Sätzen wie ein Manifest. Die beiden Eingangssätze bringen eine Utopie auf den Punkt, die der Autorin zufolge schon Wirklichkeit geworden ist:
„Rechtlich ist das Patriarchat passé. Die potente Frau hat es auch psychisch überwunden.“ (Flaßpöhler 2018, S.7)
Diese Worte setzen sich im Bewußtsein des Rezensenten fest und hallen darin nach. Alles, was folgt, baut darauf auf: in der gesellschaftlichen Verfassung ist das Patriarchat überwunden, nun gilt es, ihn auch in den Köpfen zu überwinden! Die Emanzipation ist keine Frage der Gesetzgebung mehr, sondern vor allem eine Frage der Selbstermächtigung. Wer weiterhin den Weg des Gesetzes gehen will, wie die #neinheißtnein-Kampagne, infantilisiert die Frau, die sich nur ‚in ihre Potenz findet‘, wie Flaßpöhler es ausdrückt (vgl. Flaßpöhler 2018, S.13 u.ö.), wenn sie auf ihre eigenen Möglichkeiten setzt: auf ihre Potenzialität.

Svenja Flaßpöhler spielt mit der Doppeldeutigkeit der Potenz als Macht und als Möglichkeit und definiert die potente Frau als einen Menschen, der seine „Kraft vielmehr aus der Möglichkeit schöpft“. (Vgl. Flaßpöhler 2018, S.39) – Dabei geht es nicht um einen Essenzialismus, als bestünde das Ziel darin, alle Möglichkeiten auszuschöpfen, so daß nur, wer sein Potenzial voll entwickelt, sich auch als Mensch verwirklicht. Das unausgeschöpfte Potenzial ist nichts Negatives, das überwunden werden müßte, wie Flaßpöhler in aller wünschenswerten Klarheit festhält:
„Ich kann – aber ich muss nicht; Hauptsache, ich werde die, die ich bin. Die nichtrealisierte Option ist dabei nicht weniger wert als die realisierte.“ (Flaßpöhler 2018, S.39)
Frauen sind nicht auf ein Wesen festgelegt. Sie können sich anders entscheiden. Möglichkeiten bilden Angebote, keine Verpflichtung. Aber sie bleiben trotzdem, auch wenn sie im Hintergrund bleiben, etwas Positives; und dazu gehört Flaßpöhler zufolge auch die Sexualität, die sich nicht im Nein-Sagen, in der Abwehr der männlichen Sexualität erschöpft. (Vgl. Flaßpöhler 2018, S.15) Den „Hashtag-Feministinnen“ wirft Flaßpöhler vor, daß sie an diesem patriarchalisch geprägten Bild der weiblichen Sexualität, der Abwehr des Mannes, festhalten. (Vgl. Flaßpöhler 2018, S.30) Die Heldinnen der Hashtag-Bewegten sind auf ihren Opferstatus festgelegt. Und Opfer sind alle, denn es wird nicht mehr differenziert. (Vgl. Flaßpöhler 2018, S.13) Vergewaltigung und Belästigung sind ein und dasselbe. Heterosexualität wird unter Generalverdacht gestellt. (Vgl. Flaßpöhler 2018, S.33)

Der Begriff der Potenzialität räumt deshalb auch noch mit diesem  Mißverständnis auf. Flaßpöhler wirft der #metoo-Bewegung vor, nicht mehr hinreichend zwischen Vergewaltigung, Belästigung und Verführung zu differenzieren. Auf Verführung, so Flaßpöhler, sollten wir nicht verzichten, denn sie entspricht unserer Potenzialität. Wer sich nicht mehr verführen lassen kann, ist innerlich erstarrt. Und die Belästigung gehört zur Verführung dazu, so daß sie letztlich nur ihre andere Seite bildet. Denn Verführung ist etwas zutiefst Subjektives, und was der oder dem anderen schmeichelt, wird jemand anderes als Belästigung erleben:
„Je nachdem, ob eine Frau einen Mann attraktiv findet oder nicht, ob sie in Stimmung ist oder nicht, und je nachdem, wie sie sozialisiert wurde, kann ein und derselbe Sprechakt, kann ein und dieselbe Geste als Verführung oder als Belästigung wahrgenommen werden (dasselbe gilt natürlich auch für den Fall, dass eine Frau einen Mann verführen will). Daraus folgt: Wer eine Welt ohne Belästigung will, will in letzter Konsequenz eine Welt ohne Verführung.“ (Flaßpöhler 2018, S.13f.)
Die potente Frau hält deshalb Belästigungen aus, ohne den Gesetzgeber oder die stets empörungsbereite Öffentlichkeit zu Hilfe zu rufen. Sie ist in der Lage, sich eigene „Handlungsoptionen“ zu eröffnen und zu nutzen. (Vgl. Flaßpöhler 2018, S.13) Sie ist bereit, sich nach den Worten Kants aus selbstverschuldeter Unmündigkeit zu befreien:
„Auch Frauen sind verpflichtet, sich aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit zu befreien und die ihnen durch jahrhundertelangen Emanzipationskampf bereitgestellte Möglichkeit zu einer selbstbestimmten Existenz willentlich zu ergreifen oder dies zumindest ernsthaft zu versuchen.“ (Flaßpöhler 2018, S.29)
Autonomie bedeutet Flaßpöhler zufolge nicht, daß einem geschriebene oder ungeschriebene Gesetze den Weg ebnen. Autonomie bedeutet, daß wir uns auch in ungünstigen und psychisch belastenden Situationen zu behaupten versuchen. Es war, so Flaßpöhler, „noch nie einfach, Selbstbestimmung nur zu fordern, sondern auch konkret zu leben“. (Vgl. Flaßpöhler 2018, S.15)

Die potente Frau geht Svenja Flaßpöhler zufolge einen eigenen, jenseits von Dekonstruktivismus und Essenzialismus liegenden dritten Weg, denn sie schöpft ihre Kraft aus der Erfahrung, die sie mit ihren Möglichkeiten macht. (Vgl. Flaßpöhler 2018, S.34ff.) Darauf gehe ich im folgenden Blogpost ein.

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Mittwoch, 1. August 2018

Begriffe statt Recherchen

An meiner letzten Rezension zu Adam Alter (01.07.-06.07.2018) kritisierte eine befreundete Bloggerin unter anderem eine Stelle zu heroinsüchtigen Vietnamveteranen, die ihr unglaubwürdig vorkam. Sie bat mich, da nochmal nachzurecherchieren. Mit dieser Bitte traf die Bloggerin einen Schwachpunkt meines gesamten Blogs. Die inzwischen insgesamt 927 Blogposts bestehen in ihrer überwiegenden Mehrzahl aus Rezensionen. Und nie habe ich in diesen Rezensionen die Quellen der besprochenen Bücher nachgeprüft.

Das ist zunächst einer Notlage geschuldet, in der wir uns alle befinden, wenn wir uns mit ‚Informationen‘ auseinandersetzen, die aus zweiter Hand sind, was bei Sachbüchern eigentlich immer der Fall ist. Informationen aus zweiter Hand haben immer ein Glaubwürdigkeitsproblem und müßten deshalb solange unter Vorbehalt zur Kenntnis genommen werden, wie sie nicht durch eigenen Augenschein bestätigt worden sind. Allerdings gibt es da unterschiedliche Plausibilitätsgrade. Im Vergleich zu anderen Medien haben Bücher einen entscheidenden Vorteil: Welche andere Quelle läßt eine vergleichbar gründliche Auseinandersetzung mit dem Standpunkt eines Menschen zu? Anders als beim direkten Gespräch, das oft genug unter Zeitdruck steht, hat man hier Zeit und Muße, sich mit den Argumenten des Autors in aller Ruhe auseinanderzusetzen. Und anhand der Systematik der Argumentation und mit Hilfe der vom Autor aufgeführten Quellen ist ein Urteil über dessen Redlichkeit allemal besser fundiert, als alles, was Fernsehen oder Internet zu bieten haben.

Trotzdem stellt sich die Frage nach dem sachlichen Gehalt meiner Rezensionen, um so mehr als ich den Blog in den nächsten zwei Jahren nach und nach ausklingen lassen und beenden will. Eine zumindest vorläufige Rechtfertigung dessen, was ich hier die letzten acht Jahre so gemacht habe, scheint mir angebracht zu sein.

Ursprünglich hatte ich mit diesem Blog die Erwartung verbunden, daß er ein Diskussionsforum zu meinen Texten bildet. Das hat sich nicht erfüllt. Die Leute sind anscheinend damit zufrieden, zu kommen und zu gehen und die Texte, so weit sie sie zur Kenntnis nehmen, so zu nehmen, wie sie sind. Aber was ist eigentlich der objektive Gehalt dieser Texte? Ich lese Bücher und rezensiere sie und vertraue zunächstmal den Quellen, auf die sich die Autoren beziehen. Das ist ein Problem der Zeitökonomie. Eigene Recherchen wären so aufwendig, daß ich kaum noch dazu käme, Bücher zu anderen Themen zu lesen. Eigentlich dürfte ich dabei nicht stehen bleiben, denn auch die Quellen selbst bieten ja zumeist nur Informationen aus zweiter Hand, so daß ich strenggenommen auch deren Quellenlage wieder prüfen müßte. Meine Interessen sind aber so weit gestreut, daß ich beim längeren Verharren bei einem Thema leicht ungeduldig werde. Jetzt, zum absehbaren Ende des Blogs, kommt hinzu, daß ich eigentlich weniger vorm Monitor hocken will; Recherchen aber würden mich dazu zwingen, noch mehr durchs Internet zu surfen. Die nächste Bibliothek ist weit weg, und außerdem bin ich berufstätig.

Ich beurteile Bücher vor allem nach ihrer Systematik. Es stehen also die Begriffe im Zentrum. Wenn die Autoren bei den Begriffen unsauber arbeiten, ist auch alles Fachwissen, das sie einbringen, nichts mehr wert. Ich beurteile also nie das Fachwissen – es sei denn ich kann auf eigenes Fachwissen zurückgreifen –, sondern immer nur die Begriffe und die Methoden.

Christina von Braun hat mal mir gegenüber ihre Anerkennung für die „Genauigkeit“ meiner „Lektüre“ zum Ausdruck gebracht. Genau darin liegt mein Ehrgeiz.

Das weitgehend fehlende Fachwissen – ich trete immer als Laie auf – ist vor allem bei den Sachbüchern problematisch. Bei rein philosophischen Texten kommt es eigentlich nie auf das Fachwissen, sondern nur auf die Begriffe an. Wenn ich also philosophische Bücher rezensiere, bin ich ganz in meinem Element. Hier kann ich nach Herzenslust rumkritisieren. Ein paar Orientierungsmarken wie Humanismus und Verstandesautonomie reichen, um mit jedem Philosophen auf Augenhöhe zu sein.

Ich kann Leserinnen und Lesern meines Blogs also nur empfehlen, daß sie sich meinen Texten gegenüber genauso verhalten wie bei überhaupt allen Texten, die sie lesen: nicht zu versuchen, am Ende der Lektüre das Gelesene als ein Inventar von Fakten dem eigenen meist eher unzuverlässigen Gedächtnis einzuverleiben, sondern stets, auch dem eigenen naiven Weltglauben gegenüber, dafür offen zu bleiben, daß alles – wenn vielleicht auch nicht ganz, so doch irgendwie – anders sein könnte.

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Freitag, 6. Juli 2018

Adam Alter, Unwiderstehlich. Der Aufstieg suchterzeugender Technologien und das Geschäft mit unserer Abhängigkeit, Berlin 2018

1. Zusammenfassung
2. Grundbedürfnisse
3. Köder
4. Suchtanthropologie
5. Digitalisierung
6. Intentionalitätsfehlschluß

Adam Alters Begriffe sind meistens gut begründet. Seine Definition der Sucht ist keineswegs naiv. Dennoch gibt es Stellen, wo die Begriffe nicht stimmen, weil sie die Phänomene, um die es geht, nicht korrekt beschreiben. Aufschlußreicherweise ist das da der Fall, wo der Autor die Begriffe eines Neurowissenschaftlers unbefragt übernimmt, und Neurowissenschaftler neigen wiederum ihrerseits dazu, einfach, ohne genauer hinzusehen, auf Alltagsbegriffe zurückzugreifen.

Adam Alter hält sich unkritisch an diese Begrifflichkeit, ohne nachzuprüfen, ob die entsprechenden Phänomene damit auch zutreffend beschrieben werden. In einem Experiment glaubt der Neurowissenschaftler Kent Berridge, nachgewiesen zu haben, daß Ratten, denen er durch die operative Einstellung der „Dopaminproduktion in ihren Gehirnen“ den Appetit auf Zuckerwasser raubte, zwar kein Zuckerwasser mehr wollten, aber es trotzdem immer noch mochten:
„Ohne Dopamin verloren sie ihren Appetit auf Zuckerwasser, genossen es aber weiterhin, sobald sie davon probierten. ... Berridge und seine Kollegen hatten gezeigt, dass es einen großen Unterschied machte, ob man eine Droge mochte oder ob man eine Droge wollte. Bei Sucht ging es um mehr als nur darum, etwas zu mögen. Süchtige waren nicht die Leute, die zufälligerweise die Drogen mochten, die sie nahmen – es waren Leute, die diese Drogen selbst dann noch sehr dringend wollten, als sie sie bereits nicht mehr mochten, weil sie ihre Leben zerstörten. Sucht ist deshalb so schwer zu behandeln, weil Wollen sehr viel schwerer zu bezwingen ist als Mögen.“ (Alter 2018, S.91f.)
Wir haben es hier mit einem klassischen Intentionalitätsfehlschluß zu tun: Bei dem, was Alter hier mit Berridge als ‚Wollen‘ und als ‚Mögen‘ beschreibt, handelt es sich allererst um die Differenz zwischen ‚Verlangen‘ und ‚Lust‘. Die Ratten bzw. die Menschen, die auf der Suche nach Zuckerwasser bzw. Drogen sind, wollen diese Zuckerwasserdroge nicht, denn es handelt sich hier nicht um eine Sache des freien Willens. Sie verlangen vielmehr nach ihrer Zuckerwasserdroge und können nicht anders, als ihr hinterherzujagen.

Wenn bei diesen Süchtigen dann durch eine Gehirnoperation die Dopaminproduktion ausgeschaltet wird, hört dieses Verlangen auf. Wenn ihnen dann trotzdem die Zuckerwasserdroge angeboten wird, bereitet ihnen ihr Konsum immer noch Lust, aber eben kein Verlangen mehr. Mit dem Unterschied zwischen Wollen und Mögen hat das nichts zu tun.

Dieser Intentionalitätsfehlschluß taucht noch an verschiedenen anderen Stellen auf. So beschreibt Adam Alter z.B. das Dollarauktionsspiel, bei dem ein Spielleiter dem Publikum einen Zwanzigdollarschein zur Versteigerung anbietet. (Vgl. Alter 2018, S.152ff.) Am Ende müssen die beiden Höchstbietenden bezahlen, aber nur der letzte Höchstbietende bekommt den Zwanzigdollarschein. Für den Anbieter des Zwanzigdollarscheins ist das ein gutes Geschäft, denn die Summe der beiden Höchstgebote liegt in der Regel höher als der Zwanzigdollarschein wert ist. Für den letzten Höchstbietenden ist es ebenfalls ein gutes Geschäft, wenn sein Höchstgebot unter dem Wert des Zwanzigdollarscheins liegt. Dumm nur, wenn der Zweitbieter weiterbietet und über den Wert des Zwanzigdollarscheins hinausgeht, denn dann geraten die beiden in einen Teufelskreis. Für beide Bieter werden die drohenden Verluste schließlich so hoch, daß keiner von beiden mehr aufhören kann. Und genau das passiert bei diesen Spielen. Adam Alter beschreibt die Mimik zweier Studenten, die aus dem Spiel nicht mehr herausfinden:
„Ihre Mimik zeigt, mit den Worten des Neurowissenschaftlers Kent Berridge, dass sie zwar weiterbieten wollen, das ganze Erlebnis jedoch beileibe nicht mögen.“ (Alter 2018, S.155)
Auch hier haben wir es mit einem Intentionalitätsfehlschluß zu tun: Es ist eben nicht der freie Wille, der die Studenten dazu zwingt, weiterzubieten. Wir haben es vielmehr mit einer Kombination aus scheinbarer Ratio und Zwang zu tun. Die ‚Ratio‘, die sich schließlich als irrational herausstellt, bestand in der Gewinnerwartung und in der Meinung, man könne rechtzeitig aus dem Spiel wieder aussteigen, bevor es zu spät ist. Das Spiel ist aber so gestrickt, daß niemand vorausberechnen kann, welches Zweitgebot das Letzte sein wird, so daß man es mit seinem eigenen Gebot noch gefahrlos überbieten kann. Die Ratio versagt also und an ihre Stelle tritt ein ökonomisch begründeter Zwang, der darin besteht, bloß nicht derjenige sein zu müssen, der den Verlust zu tragen hat. Mit einer Differenz zwischen ‚Wollen‘ und ‚Mögen‘ hat das wenig bis gar nichts zu tun.

An einer weiteren Stelle beschreibt Adam Alter, wie Menschen oft Dinge tun, die sie nicht wollen. Sie nehmen Unannehmlichkeiten in Kauf, um so einen Vorteil zu gewinnen, den sie auf anderem Wege nicht erhalten können, z.B. einer Lohnarbeit nachzugehen, um sich am Leben zu erhalten und vielleicht sogar eine Familie gründen zu können:
„Wie der Neurowissenschaftler Kent Berridge herausfand, wollen Menschen manchmal Dinge, obwohl sie ihnen schon seit langem keine Freude mehr bereiten.“ (Alter, 2018, S.188)
Auch hier haben wir es wieder mit einem Intentionalitätsfehlschluß zu tun. Die Menschen wollen nicht etwa die Lohnarbeit, sondern sie wollen ihr Leben erhalten und noch etwas darüber hinaus, das ihrem Leben Sinn gibt. Sie wollen also keineswegs etwas, das ihnen keine Freude bereitet. Sie sind lediglich gezwungen, arbeiten zu gehen, um das zu bekommen, was sie wirklich wollen.

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Donnerstag, 5. Juli 2018

Adam Alter, Unwiderstehlich. Der Aufstieg suchterzeugender Technologien und das Geschäft mit unserer Abhängigkeit, Berlin 2018

1. Zusammenfassung
2. Grundbedürfnisse
3. Köder
4. Suchtanthropologie
5. Digitalisierung
6. Intentionalitätsfehlschluß

Die digitale Technologie beruht auf Rechenprozessen: deshalb ‚Computer‘. Ihre Grundlage bildet ein binäres Zahlensystem: deshalb ‚digital‘. Aber diese ‚Digitalisierung‘ der Technologie, die sie auch grundlegend von analoger Technik wie dem Rad oder der Mühle unterscheidet, beschränkt sich nicht nur auf Rechenmaschinen; sie prägt längst auch unseren Alltag, unsere Lebenswelt. Wir leben in einer durchdigitalisierten Lebenswelt, weil wir selbst uns eine „Rechenmentalität“ angeeignet haben, wie Katherine Schreiber, Expertin für Fitneßsucht, es ausdrückt:
„‚Technologien spielen insofern eine Rolle, als sie eine Rechenmentalität fördern‘, sagt Schreiber. ‚Sie verstärken zum Beispiel unsere Aufmerksamkeit auf die Anzahl der gelaufenen Schritte oder die Anzahl der Stunden, die wir im R.E.M.-Schlaf verbringen. Ich hatte noch nie eines dieser Geräte benutzt, ich weiß, sie würden mich in den Wahnsinn treiben. Sie lösen in mir alle möglichen suchtartigen Verhaltensweisen aus.‘“ (Alter, 2018, S.186)
Zahlen haben für viele Menschen eine magische Qualität, so wie für mich früher das gedruckte Wort. Ich glaubte alles, was in einem Buch geschrieben stand. Heute glauben viele, sehr viele Menschen alles, was in Zahlen ausgedrückt wird. Daher auch die Macht der Statistik. Zahlen unterdrücken die natürlichen Intuitionen unseres Körpers, der uns z.B. bei unseren Fitneßübungen ‚sagt‘, daß wir unsere physischen Grenzen erreicht haben; auf den wir aber nicht hören, weil wir unsere 14 000 Schritte noch nicht gelaufen sind. So hält Leslie Sims, ebenfalls Expertin für Fitneßsucht, fest:
„Schritte- und Kalorienzählen hilft uns nicht, wenn wir abnehmen wollen; es macht uns nur zwanghafter. Wir verlieren, was Sport und Essen angeht, unsere Intuition.“ (Alter 2018, S.117)
Zahlen unterdrücken also unsere körperliche Intuition, und sie fixieren uns auch auf eine extrinsische Motivation; denn wir mühen uns nicht um einer Sache willen ab, sondern für das Erreichen von Zahlenwerten. (Vgl. Alter 2018, S.187) Manche Menschen „tragen“, wie Alter sich ausdrückt, Serien mit sich „herum“ wie ein dumpfes Schicksal, wie eine Krankheit. (Vgl. Alter 2018, S.119) So versuchen Läufer täglich ein bestimmtes Pensum abzulaufen, Wochen, Monate und sogar über Jahre hinweg, und sie können keinen einzigen Tag aussetzen, weil das die Serie entwerten würde.

Adam Alter bezeichnet deshalb die digitalen Technologien als ‚aufdringlich‘. (Vgl. Alter 2018, S.26) Sie drängen uns ihre Rechenmentalität auf und verändern unser Bewußtsein, indem sie es entkörperlichen. Ohne Körperbezug aber werden unsere grundlegenden geistigen Fähigkeiten untergraben:
„Technologien untergraben grundlegende geistige Fähigkeiten, die einst universell gültig waren.“ (Alter 2018, S.240)
Das ist ein weiterer Unterschied der digitalen Technologie zur analogen Technik: Werkzeuge wie Messer, Hammer, Axt und Spaten bilden Fortsätze unserer körperlichen Fähigkeiten. Sie erweitern das Potential unseres Körperleibs. Unser Bewußtsein, wenn wir sie gebrauchen, bleibt geerdet. Deshalb kommt es bei ihrem Gebrauch, im Guten wie im Bösen, immer auf die Person an. Sie sind tatsächlich neutral.

Digitale Technologien sind hingegen keineswegs neutral. Sie bedienen unsere mentalen Bedürfnisse auf so perfekte Weise, daß die Realität ihnen gegenüber alt aussieht. Unser individuelles Bewußtsein wird entmachtet. Solche Technologien können nicht neutral sein. Wer sie gebraucht, beginnt einen Kampf um seine Selbstbehauptung. Und es ist ungewiß, wie er ausgehen wird.

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Mittwoch, 4. Juli 2018

Adam Alter, Unwiderstehlich. Der Aufstieg suchterzeugender Technologien und das Geschäft mit unserer Abhängigkeit, Berlin 2018

1. Zusammenfassung
2. Grundbedürfnisse
3. Köder
4. Suchtanthropologie
5. Digitalisierung
6. Intentionalitätsfehlschluß

Ich habe schon im ersten Blogpost zu Adam Alters Buch angedeutet, daß ich es anthropologisch verstehe: sein Buch liefert viele interessante Details zur Natur des Menschen, und deshalb haben wir es hier weniger mit einem Buch über Sucht als vielmehr mit einer Suchtanthropologie zu tun. Aus einer phänomenologischen Perspektive interessiert mich hier insbesondere die Ergänzung des Intentionalitätsbegriffs, also die Differenzierung des Spannungsbogens, der das menschliche Bewußtsein auf die Welt, also auf die Mitmenschen und die Dinge, ausrichtet. Eine solche Differenzierung besteht vor allem in den „sechs Zutaten“ , die Adam Alter zufolge unsere Anfälligkeit für „Verhaltenssüchte“ befeuern: (1) das Streben nach Zielen; (2) die Anfälligkeit für positives Feedback; (3) der Wunsch, uns selbst zu verbessern; (4) das Bedürfnis, Erfolgserlebnisse – eigentlich: das damit verbundene Belohnungserlebnis – zu wiederholen; (5) das Bedürfnis, Spannungen aufzulösen; und (6) das Bedürfnis nach starken sozialen Bindungen. (Vgl. Alter 2018, S.17 und S.97ff.)

Zu 1: Menschen werden Adam Alter zufolge „von einem Sinn für Fortschritt angetrieben“. (Vgl. Alter 2018, S.98) Dieser Sinn wird zusätzlich durch eine Kultur unterstützt, die das Zielesetzen als solches zu einem Wert an sich erhoben hat; eine Kultur, die durch Perfektionismus und Selbstoptimierung dominiert wird. (Vgl. Alter 2018, S.109) In so einer Kultur geht der Sinn für das bereits Erreichte verloren: hat man bestimmte Ziele erreicht, können wir sie nicht mehr genießen, sondern suchen uns sofort neue Ziele. Dieses Verhalten ist suchtaffin und wird von Computerspielen, aber auch von Serienangeboten weidlich ausgenutzt. Denn Serien verleiten uns dazu, uns Zielmarken zu setzen, die wir täglich oder wöchentlich oder jährlich einzuhalten versuchen, etwa 14 000 Schritte pro Tag zu laufen. Dabei versucht der Läufer zu vermeiden, auch nur einen Tag auszusetzen, da das die Serie entwerten würde:
„Serien decken den größten Makel bei der Verfolgung von Zielen auf: Man verbringt die ganze Zeit damit, einem Ziel hinterherzujagen, statt die Früchte seines Erfolgs zu genießen.“ (Alter 2018, S.119)
Inzwischen brauchen wir uns unsere Ziele nicht mehr mühsam selbst zu setzen. Diese Entscheidung wird uns durch die Technologie abgenommen:
„... heutzutage laden sich Ziele selbst ein, sie besuchen uns ungefragt. Kaum hat man sich bei einem sozialen Netzwerk angemeldet, beginnt man, sich Follower und Likes zu wünschen. Mit jedem neuen E-Mail-Account beginnt von neuem die vergebliche Jagd nach dem leeren Posteingang. Kaufen Sie sich eine Fitnessuhr, werden Sie nicht umhin kommen, jeden Tag eine gewisse Anzahl an Schritten zu gehen, spielen Sie Candy Crush, werden Sie sich gezwungen sehen, ihre persönliche Bestleistung immer wieder zu verbessern.“ (Alter 2018, S.122)
Zu 2: Die menschliche Anfälligkeit für positives Feedback habe ich schon im vorangegangenen Blogpost thematisiert. Computeroberflächen überfluten die Nutzer mit einer Vielzahl von positiven Feedbacks, die ihre Aufmerksamkeit dauerhaft binden. Im vorangegangenen Post hatte ich schon Alters Beispiel mit dem kleinen Kind erwähnt, das im Fahrstuhl eines Wolkenkratzers zum Ärger der Anderen alle Knöpfe drückt, weil die so schön leuchten:
„Wie der kleine Junge, der im Aufzug alle möglichen Knöpfe drückte, werden auch Erwachsene nie ganz der Faszination attraktiver Licht- undTonfolgen überdrüssig.“  (Alter 2018, S.136) 
Adam Alter zitiert Bennett Foddy, Spieledesigner und Professor am Game Center der New York University:
„Videospiele werden von vielen mikroskopischen Gesetzmäßigkeiten bestimmt‘, sagt Foddy. ‚Sobald der Cursor über einen ausgewählten Bereich gleitet, erscheint ein Text oder wird ein Ton abgespielt. Entwickler setzen auf diese Art von Mikrofeedback, um die Spieler an den Bildschirm zu fesseln. Sie sollen dranbleiben.“ (Alter 2018, S.139)
Spieledesigner bezeichnen diese aufmerksamkeitsbindenden Effekte als „Juice“. (Vgl. Alter 2018, S.140f.)

Zu 3: Menschen haben ein starkes Bedürfnis danach, in irgendetwas besonders gut zu sein, also ein Bedürfnis nach Meisterschaft. Computerspiele wie Super Mario Bros. bedienen dieses Bedürfnis, indem sie für jeden Anfänger zugänglich sind, weil sie praktisch keine Einstiegshürden haben. Indem die Spieler nacheinander verschiedene Levels meistern, die sich immer in der „Zone der nächsten Entwicklung“ des Spielers befinden, werden die Spieler angefeuert, diesen nächsten Schritt zu bewältigen. (Vgl. Alter 2018, S.176) Dazu kommt ein „Flow“-Erlebnis, das „nur in jenen seltenen Situationen verlässlich aufkommt, in denen die anstehenden Herausforderungen und die Fähigkeit, diese Herausforderungen gerade so zu meistern, in Einklang sind“. (Vgl. Alter 2018, S.177) Adam Alter bezeichnet diese Spiele als „räuberische Spiele“, weil sie „die Art, wie wir Menschen gestrickt sind, missbrauchen“. (Vgl. Alter 2018, S.158)

Zu (4): Die Erfolgserlebnisse, die mit dem Bewältigen von Aufgaben (Zielen) verbunden sind, werden wie bei Substanzsüchten mit der Ausschüttung von Dopamin belohnt. Und wie bei Substanzsüchten bedarf es einer ständigen Erhöhung der Dosis, wenn das ‚erfolgreiche‘ Verhalten zu leicht bzw. in zu kurzen aufeinander folgenden Abständen belohnt wird. (Vgl. Alter 2018, S.76) Deshalb ist die Erhöhung des Schwierigkeitsgrads von Levels bei Computerspielen oder die Erhöhung der Schrittzahlen bei wöchentlichen und sogar jährlichen Laufpensen. wie  sie unter dem Dach der United States Running Streak Association (USRSA) protokolliert werden, fast schon zwangsläufig:
„Für die meisten Menschen, die eine Serie mit sich herumtragen, sind die Kosten psychischer Natur. Nachdem sie eine Serie von 130 Tagen aufgestellt hatte, erkannte Michelle Fitz, dass die Serie ‚zum Götzen‘ wird. Sie hatte keine Zeit mehr für ihren Ehemann und ihre Kinder und beschloss, einen Tag nicht zu laufen. ‚Nachdem ich die Serie beendet hatte, ging es mir wirklich besser‘, erinnert sie sich, obwohl sie mittlerweile in einer neuen Hundert-Tage-Serie steckt.“ (Alter 2018, S.119)
Zu (5): Wenn wir eine Aufgabe gestellt bekommen, wollen wir sie auch erledigen. Den meisten Menschen ist es regelrecht unangenehm, wenn man sie von ihrer Aufgabe entbindet, und sie beschäftigen sich danach noch längere Zeit innerlich damit, anders als diejenigen, die ihre Aufgabe zu Ende bearbeiten konnten, und die sie praktisch gleich danach sofort wieder ‚vergessen‘. (Vgl. Alter 2018, S.193f.) Die Psychologien Bluma Zeigarnik, die dieses Phänomen zum erstenmal beschrieb – wir bezeichnen es heute als „Cliffhanger“ –, entdeckte es, als sie einen Kellner in einem Wiener Café dabei beobachtete, wie er die vielen Bestellungen beim Rundgang durch sein Revier immer zuverlässig erledigte:
„Jede Bestellung war für den Kellner ein kleiner Cliffhanger, der sich auflöste, sobald das richtige Essen beim richtigen Gast angekommen war. Zeigarniks Kellner erinnerte sich an die offenen Bestellungen, weil sie ihn nicht in Ruhe ließen – sie gingen ihm genauso auf die Nerven, wie den frustrierten Zuschauern der schwankende Bus in The Italian Job. Doch sobald der Kellner die Bestellung servierte, löste sich seine Spannung, und er konnte sich unbeschwert dem neuen Cliffhanger zuwenden, den die nächste Bestellung darstellte.“ (Alter 2018, S.193)
Mit genau diesem menschlichen Unvermögen, Spannungen längere Zeit auszuhalten, arbeiten auch Fortsetzungsromane und Fernsehserien. Sie lösen die in einer aktuellen Folge erzeugte Spannung nicht einfach auf, wie es sich für eine gut erzählte Geschichte gehört, sondern beenden sie mit einer neuen Spannung, in der ein Protagonist einen Unfall erleidet oder von einem Unbekannten mit einer Schußwaffe bedroht wird; und natürlich möchte der Zuschauer nun unbedingt wissen, ob der Protagonist überlebt.

Zu 6: Das Bedürfnis nach starken sozialen Bindungen wird insbesondere von Online-Foren wie Facebook und Instagramm und von Handy-Apps wie SMS  und wiederum Instagramm manipuliert und ausgebeutet. Dabei verlernen die Nutzer, zwischen Online-Kommunikation und Face-to-Face-Interaktionen zu unterscheiden:
„‚Die Wirkung sozialer Netzwerke ist gewaltig‘, erzählte mir ein anderer Psychologe. ‚Soziale Netzwerke haben die Gehirne meiner jüngeren Patienten komplett umgeformt. ... Nachdem ich fünf bis zehn Minuten mit einer jungen Person über ihren Streit mit ihrem Freund oder ihrer Freundin gesprochen habe, frage ich sie, ob das Streitgespräch über SMS, Telefon, soziale Netzwerke oder von Angesicht zu Angesicht stattgefunden habe. Und immer öfter lautet die Antwort: ‚SMS‘ oder ‚soziale Netzwerke‘. Doch am Anfang, wenn sie mir die Geschichte erzählen, ist das für mich alles andere als klar. Für mich hört es sich an, als sprächen sie von einer ‚echten‘ Unterhaltung von Angesicht zu Angesicht. Ich halte daraufhin kurz inne und denke nach. Die Person unterscheidet nicht auf dieselbe Weise wie ich zwischen verschiedenen Kommunikationsformen ... und das Ergebnis ist eine Landschaft voller Unverbundenheit und Sucht.‘“ (Alter 2018, S.14f.)
Dabei ist es interessant, daß es inzwischen nicht mehr nur die Eltern sind, die sich über die Handy-Abhängigkeit ihrer Kinder beklagen, sondern auch umgekehrt die Kinder sich über ihre Eltern beklagen:
„‚Meine Mutter sitzt immer mit ihrem iPad beim Abendessen‘, erzählte der siebenjährige Colin der Psychologin. ‚Sie ist immer nur kurz am Gucken.‘ Penny, ebenfalls sieben, berichtete: ‚Die ganze Zeit frage ich sie (ihre Mutter – DZ), ob wir was spielen können, aber sie schreibt immer nur SMS auf ihrem Handy.‘“ (Alter 2018, S.46)
Das Verhalten der Eltern ist in diesem Fall besonders wichtig, weil ihr Umgang mit dem mobilem Internet auch den Umgang der Kinder prägt:
„Mit Hilfe von Stirnkameras haben Forscher herausgefunden, dass Kinder instinktiv den Augen der Eltern folgen. Zerstreute Eltern ziehen zerstreute Kinder groß, denn Eltern, die sich nicht konzentrieren können, bringen ihren Kindern dieselben Aufmerksamkeitsmuster bei.“ (Alter 2018, S.46)
Die Gefahren für die entscheidenden Entwicklungsphasen von Kindern, was ihr Empathievermögen und ihr soziales Verhalten betrifft, sind enorm. Hilarie Cash, Psychologin und Mitgründerin der Therapieeinrichtung reSTART, benutzt bei Gruppensitzungen immer eine drastische Metapher:
„Denkt dran: Hat man euer Gurken-Gehirn einmal eingelegt, kann es nie wieder eine frische Gurke werden.“ (Alter 2018, S.229)
Wenn also einmal bestimmte Entwicklungsfenster verpaßt sind, ist das frische Gehirn endgültig zu einer sauren Gurke geworden:
„Erhalten Kinder nicht die Möglichkeit, von Angesicht zu Angesicht zu interagieren, ist es sehr wahrscheinlich, dass sie diese Fähigkeiten nie erlernen. Cash hat Dutzende von Jugendlichen gesehen, vor allem Jungen, aber auch Mädchen, die ohne Probleme mit ihren Online-Freunden kommunizieren, aber keine Unterhaltung führen können, wenn sie jemandem am Tisch gegenübersitzen.“ (Alter 2018, S.232)
reStART behandelt übrigens nur Jungen, weil eine gemischte Klientel nicht in der Lage war, sich an das „Verbot physischer Intimität“ zu halten. Damals waren Mädchen bzw. Frauen mit Internetsucht noch in der Minderheit, so daß sich die Einrichtung für die Jungen entschied:
„Doch jetzt mit dem Durchbruch von nicht auf Gewalt basierenden Casual Games und Social Games, haben wir fast genauso viele Anfragen von Frauen wie von Männern. Vielleicht ist es an der Zeit, unser Reglement zu überdenken.“ (Alter 2018, S.232)
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