Eva von Redecker: Dieser Drang nach Härte. Über den neuen Faschismus (2026)
1. Falsche Begriffe und fehlender Wille
2. Die Natur im Anthropozän
3. Kapitalismus und Neoliberalismus
4. Lebenswelt und Phantombesitz
5. Eingedenken
Eva von Redeckers bildhafte Begrifflichkeit zum Phantombesitz hat den Nachteil, ein sehr unkörperliches Phänomen, die Lebenswelt, in Analogie zu bestimmten Körperteilen zu verorten. Das lenkt von der anthropologischen Ortlosigkeit dieser zum Begriff erhobenen Metapher ab. Auch wenn Redecker von „Fleisch, Gewohnheit und Neigung“ spricht (vgl. Redecker 2026, S.91), vermengt sie Anatomie und Bewußtsein. Die „ehemalige Sachherrschaft“, schreibt sie, ist „eingefleischt ... Identität geworden“, so daß die „Emanzipation manchen als Amputation (erscheint)“ (vgl. Redecker 2026, S.92).
So griffig und eingängig die Metaphern vom, vom Phantomschmerz abgeleiteten, ‚Phantombesitz‛ und vom ‚Fleisch‛ auch sind und das Verständnis für Redeckers Anliegen erleichtern, haben wir es bei den Phantomschmerzen in erster Linie doch mit einem kollektiven Bewußtseinsphänomen und nicht mit einem individuellen, an einen konkreten, verletzten Körper gebundenen Bewußtsein zu tun. Wenn von ‚eingefleischten‛ Gewohnheiten und Neigungen die Rede ist, geht es vor allem um die Lebenswelt. Die Lebenswelt ist der kollektive Raum, in dem sich ein individuelles Selbstbewußtsein entwickeln kann und aus dem es hervorgeht, ohne ihn jemals gänzlich hinter sich lassen zu können. Die Lebenswelt ist grundsätzlich unüberwindbar. Denkbar ist nur ein kritisch-distanzierter Umgang mit ihr.
Die Vorstellung, wir hätten es hier mit letztlich bloß individuellen Phantomschmerzen zu tun, wie sie eben mit konkreten Amputationstraumen einhergehen, liefe darauf hinaus, das Problem an eine Vergangenheit zurückzubinden und es damit gewissermaßen als erledigt anzusehen. Aber als lebensweltliches Phänomen wird es über die Gegenwart hinaus in jede denkbare Zukunft hinein fortdauern.
Intentionalität
Auf diese latente, auf Gelegenheiten erneuter Aktivierung wartende Fortdauer des Phantombesitzes, also von ‚eingefleischten‛, längst überholten Besitzansprüchen weist auch Redecker selbst hin, wenn sie vom „Nachleben der Sachherrschaft“ spricht: „(D)er Zugriff ist nicht mehr rechtlich verbrieft, sondern in Verhaltensmustern und Affekten aufrecht erhalten.“ (Vgl. Redecker 2026, S.19)
Der Ort für das „Nachleben der Sachherrschaft“, also der Ort, in dem diese untote Sachherrschaft als Phantombesitz virulent bleibt, ist die Lebenswelt. Beides, Phantombesitz und Lebenswelt, sind Bewußtseinsbegriffe, d.h. sie haben keine Realität für sich, sondern nur für uns. Zugleich verweist der Begriff des Phantombesitzes auf die Struktur des menschlichen Bewußtseins als Intentionalität. Intentionalität meint nichts anderes als die Ausrichtung unseres Bewußtseins auf Objekte. Kein Subjekt ohne Objekt.
Zwar bezweifelt Redecker mit Verweis auf Adornos „Studien zum autoritären Charakter“ (1949) die intentionale Struktur des autoritären Phantombesitzstrebens: „... das todesgetriebene Unbewusste im autoritären Charakter hatte keine klaren, bewussten Intentionen.“ (Redecker 2026, S.217) ‒ Aber trotzdem wertet sie den „Wegfall der Welt“ als Auslöser für das, was sie „Unzeit“ nennt: „Was die Unzeit ausmacht, ist der Wegfall der Welt. Es geht ja nur noch um Phantasmen und Phantombesitz.“ (Redecker 2026, S.233)
Mit der Welt aber ist immer das Gesamt von Objekten gemeint, die einem oder mehreren Subjekten gegeben sind. Diese Subjekte haben nur insofern ein Bewußtsein, das sich in ein Selbstbewußtsein verwandeln kann, als sie sich nach Objekten ausrichten (‚tendieren‛). Wo mit der Welt die Objekte wegfallen, fällt auch das subjektive Bewußtsein weg oder, wo sie wegzufallen droht, verwandelt es sich in Phantombesitzverteidigung. In meinem Blog spreche ich statt von Intentionalität oft vom Willen oder vom Begehren oder einfach von Bedürfnissen.
Im Phantombesitz haben wir es also mit ehemaligen, nunmehr irrealen Besitzrechten zu tun, deren scheinbare Subjekte andere Subjekte in Abjekte verwandeln, also in vom Subjekt abgespaltene Gegen-Subjekte (Phantasmen), auf die der verdrängte, längst stattgefundene Objektverlust projiziert wird, indem sie als potenzielle Plünderer und Diebe diffamiert und im Extremfall liquidiert werden. Da derartige Phantombesitzverteidigung so überaus eng mit der intentionalen Struktur des menschlichen Bewußtseins verflochten ist, ist es praktisch unmöglich, sie durch Aufklärung dauerhaft zu überwinden. Denn Objekte ‒ und zwar gleichermaßen Mitmenschen wie Dinge ‒ sind mindestens so oft real wie fiktiv, also nicht bloß Produkt unserer Wahrnehmung, sondern auch unseres Denkens und Empfindens.
Mit dieser Bewußtseinsstruktur unaufdröselbar verflochten ist auch der Phantombesitz, und das Abgleiten in das Extrem einer liquidierenden Phantombesitzverteidigung, die Redecker als spezifisch faschistisch bezeichnet, kann und muß durch eine rechtstaatlich gestützte Zivilgesellschaft unter Kontrolle gehalten werden.
Mimesis und Mythos
Für mich ist besonders interessant, wie Redecker auf den Bewußtseinsbegriff der Kritischen Theorie eingeht. (Vgl. Redecker 2026, S.173ff.) Zum einen weil die Kritische Theorie durch eine Aversion gegen das subjektive Bewußtsein geprägt ist und zum anderen weil ich dank Redeckers Darstellung erstmals Einblick in den Zusammenhang zweier für die Kritische Theorie typische Begriffe erhalte, die ich bisher nur als singuläre Termini kannte: „Mimesis“ und „Mythos“. (Vgl. Redecker 2026, S.174)
Redecker beginnt mit dem Begriff der „Reflexion“, die sie als Wechselbeziehung zwischen „Rezeptivität“ und „Einbildungskraft“, also als Wechselbeziehung zwischen Wahrnehmung und Vorstellung beschreibt. (Vgl. Redecker 2026, S.174) Diese Begriffskonstellation erinnert mich an die Bildungstheorie von W.v. Humboldt.
Rezeptivität und Einbildungskraft decken in der Kritischen Theorie das ab, was ich weiter oben als Intentionalität bezeichne. Redecker ordnet diesen beiden Momenten der Reflexion die „Extrempole ‚Mimesis‛ und ‚Mythos‛“ zu (vgl. Redecker 2026, S.174), wobei Mimesis die Rezeptivität in Richtung einer äußersten, „weichen“ bis „fließenden“ Anschmiegung ans Objekt ausdehnt, während der Mythos zu einer Erstarrung und Verhärtung der Einbildungskraft in der anderen Richtung führt: „Er führt dazu, den eigenen Impuls zur Verhärtung der äußeren Natur zuzuschreiben. Dort ist es hart, da wütet ein Gott oder es herrschen unerbittliche Gesetze. Der mythische Pol der Reflexion projiziert also eigene Ängste, Wünsche und Vorstellungsbilder auf jedwede Regung der Welt.“ (Redecker 2026, S.175)
Vor diesem Hintergrund könnte Blumenbergs Mythosbegriff als Gegenbegriff zu dem der Kritischen Theorie verstanden werden.
Reflexion ist angesichts solcher Fehlentwicklungen das Vermögen, Rezeptivität und Einbildungskraft auszubalancieren und ein Abdriften in das eine oder andere Extrem zu verhindern. Das Mißtrauen der Kritischen Theoretiker gegenüber dem subjektiven Bewußtsein kommt daher, daß sie ihm nicht zutrauen, unter widrigen gesellschaftlichen Verhältnissen (kollektive Zwänge) an einer eigenständigen Reflexion festzuhalten. Sie gehen von vornherein davon aus, daß es gegenüber der Gesellschaft kein eigenständiges individuelles Potenzial gibt: „Der innere ‚Ausfall der Reflexion‛ lässt sich überhaupt nicht mehr auf das wie auch immer verzerrte Wechselspiel von Deutungsentwurf und Empfänglichkeit ein, sondern nimmt den Absprung in die abgekapselten Extrempositionen von Mythos und Mimesis.“ (Redecker 2026, S.176f.)
In Redeckers Darstellung bezieht sich der Reflexionsausfall zwar nur auf den „autoritären Charakter“, aber sie ist durchaus grundsätzlich auch gegen das subjektive Bewußtsein gerichtet. Da es Adorno zufolge kein Richtiges im Falschen geben kann (vgl. „Minima Moralia“, 1951), kann es in einer ‚falschen‛ Gesellschaft auch nur falsches subjektives Bewußtsein geben.
Redecker überträgt den autoritären Charakter auf ihren Faschismusbegriff: „Dem faschistisch freidrehenden Mythos, also die Bildung von Phantasmen, nennt Adorno selbst, im Anschluss an Sigmund Freud ‚pathische Projektion‛.() Ihren Gegenpol, die auslöschende Angleichung, würde ich als ‚höhnische Mimesis‛ beschreiben. Diese beiden Figuren bilden das Innenleben des Faschismus.“ (Redecker 2026, S.177)
„Objektbeziehungen“
Wenn Redecker vom „todesgetriebene(n) Unbewusste(n) im autoritären Charakter“ spricht, übernimmt sie Freudsche Kategorien, um den lebensweltlichen Mechanismus der Phantombesitzverteidigung zu beschreiben. Dazu gehört wiederum die intentionale Struktur des subjektiven Bewußtseins, nämlich als „Objektbeziehung“, im Sinne von Mensch und Welt, aber diesmal nicht in Richtung auf ein waches Selbstbewußtsein, sondern auf ein ‚Unbewußtes‛. Ich halte diesen Begriff für problematisch, denn wir haben es hier selbstverständlich immer noch mit einer Form des Bewußtseins zu tun, weshalb ich lieber den Begriff der Lebenswelt verwende.
Das sogenannte Unbewußte hat einen kollektiven Hintergrund, wie schon C.G. Jung gezeigt hatte. Wir haben es hier insgesamt mit einer Form der Objektbeziehung zu tun, die das Bewußtsein in den Dienst von triebhaften Regungen und Affekten stellt, also ähnlich wie Ranciere, der die Intelligenz, also eine wache, ihrer selbst bewußte Form der Intelligenz, in den Dienst des Willens stellt, ihr dabei aber die Aufgabe zuteilt, uns über das, was wir wollen, und wie wir es umsetzen können, aufzuklären, während Freuds Ich von oben durch ein Über-Ich gegängelt, von unten durch ein ‚Unbewußtes‛ bedrängt nicht Herr im eigenen Hause ist.
Für letzteres findet Redecker eine sehr brauchbare Metapher. Über-Ich, Ich und Es stehen für eine dreifache Spiegelung des Ich, ähnlich den in einem Spiegelkabinett oben, unten und auf allen Seiten verteilten Spiegeln: „Auch die Decke spiegelt. Und erst recht im Neoliberalismus würde das unter Druck stehende Ich von oben nur sein Spiegelbild zu Gesicht bekommen: Du bist es selbst. Unselbständig, schwach, schuld am eigenen Unglück. Das Ich wendet entsetzt den Blick ab. Oder vielleicht hat es, als gebeugtes, ohnehin schon nach unten geschaut. Auch am Boden sind Spiegel. Sich selbst kann es kaum erkennen, eine leiblose Fratze inmitten von irrlichternden Flecken, die von der Decke und den Wänden widerscheinen.“ (Redecker 2026, S.177f.)
Die Metapher überbietet sogar noch den Begriff der Ich-Schwäche, wie er auch von Redecker bei Faschisten diagnostiziert wird. Denn hinter den Spiegeln, in denen das Ich sich selbst zu erkennen meint, ist nichts.
Eva von Redecker übernimmt die psychoanalytische Theorie der Objektbeziehungen, weil sich der „autoritäre Charakter“ nicht „ohne seine Objekte theoretisieren“ läßt. (Vgl. Redecker 2026, S.189f.) Dem stimme ich nochmal ausdrücklich zu, denn wir haben es auch aus Sicht einer philosophisch reflektierten Anthropologie beim menschlichen Bewußtsein allererst mit einer Subjekt-Objekt-Konstellation zu tun, also mit einer ‚Objektbeziehung‛, also Intentionalität. Und die Objekte, reale wie fiktive, sind sozial und individuell konstruiert und ihre Realitätshaltigkeit als Phantombesitz ist potenziell pathologisch: „Es (das Individuum ‒ DZ) phantasiert Objekte, die kontrolliert und gegen Feinde verteidigt werden müssen, Objekte, die missbraucht und zwecks Souveränitätsdemonstration bestraft werden sollen, oder Objekte, die im Interesse der Selbst-Ausweitung eingenommen und konsumiert werden.“ (Vgl. Redecker 2026, S.204)
Um den „verschiedenen Ausprägungen von Gewalt“ auf die Spur zu kommen, spricht Redecker von zwei spezifischen Objektkonstruktionen: dem „Phantom“ und dem „Phantasma“. Der Begriff des Phantoms bezieht sich auf die faschistoide Form des Eigentums, das Redecker als Phantombesitz bezeichnet, also Objektkonstrukte, die als abwesende und irreale Objekte in Besitz genommen werden; ähnlich wie amputierte Gliedmaßen Phantomschmerzen hervorrufen.
Der Begriff des Phantasmas bezieht sich auf Subjekte, auf die wir „pathisch projizieren“ (vgl. Redecker 2026, S.178): „Denn jüdische Menschen fungieren für ihre Verfolger:innen als Phantasma, nicht als Phantombesitz. Sie werden zum Ziel pathischer Projektion und höhnischer Verfolgung, nicht zum eingehegten und verdinglichten Gegenstand.“ (Vgl. Redecker 2026, S.190f.)
Redecker unterscheidet im autoritären Charakter drei verschiedene Typen des obsessiven, hysterischen und narzißtischen Charakters (vgl. Redecker 2026, S.202f.), die wiederum spezifische, nämlich mal durch eine drei-, mal durch eine zwei-, mal durch eine eingliedrige Verteilung von Subjekt, Objekt und Abjekt (vgl. Redecker 2026, S.27) gekennzeichnete Pathologien beinhalten. Beim obsessiven Charakter ergibt sich eine dreifache Konstellation, insofern er als ‚Subjekt‛ sein ‚Objekt‛, also seinen scheinbaren Besitz, vor dem ‚Abjekt‛, also demjenigen, der ihm seinen ‚Besitz‛ wegnehmen will, verteidigt. Das wäre die dreifache Konstellation. (Vgl. Redecker 2026, S.202)
Der hysterische Charakter identifiziert sein Objekt als Lustobjekt und braucht nun kein anderes, ihn bedrohendes Abjekt mehr, weil das lustbesetzte Objekt selbst zum Phantasma wird, das als Doppelgänger die Position des hysterischen Subjekts bedroht. (Vgl. Redecker 2026, S.202f.) Das wäre die zweifache Konstellation.
Der narzißtische Charakter besteht im „akkumulierende(n) und konsumierende(n) Verhältnis zum Phantombesitz“, das man auch als spezifisch kapitalistisch bezeichnen könnte. (Vgl. Redecker 2026, S.203) Es kommt zu einer Identifikation von Subjekt und Objekt, insofern das narzißtische Subjekt versucht, sich über den Konsum seiner Objekte auszudehnen, was in einer kapitalistischen Wirtschaftsform die Grundlage für ein unbegrenztes Wirtschaftswachstum bildet. Was das Wirtschaftssystem betrifft, kommt es zur Abspaltung eines Abjekts, das in diesem Fall nicht via Projektion die Subjektposition pervertiert, sondern als Abfall aus der Verwandlung des Objekts in Ware hervorgeht. Was den narzißtischen Charakter betrifft, haben wir es nunmehr nur noch mit einer einfachen Konstellation zu tun.
Diese drei verschiedenen Charaktere treten selten in Reinform auf. Meistens mischen sie sich, wobei der Schwerpunkt mal auf dem einen, mal auf einem anderen liegt.
Progressive Phantombesitzverteidigung
Kann man vor diesem Hintergrund überhaupt zwischen einer guten und einer schlechten Vergesellschaftung unterscheiden, indem man von einer verhärteten Gesellschaft, der Phantombesitzgesellschaft, spricht? ‒ „Die Verhärtung der Gesellschaft“, schreibt Redecker, „ist keine allgemeine, sie heftet sich an die Bannkreise des Phantombesitzes: Das sind die Linien, die sich aufrüsten und verteidigen lassen.“ (Redecker 2026, S.122)
Der Begriff des Phantombesitzes ist viel zu sehr Teil der Lebenswelt, als daß er bloß einer gesellschaftlichen Verhärtung geschuldet sein könnte. Die als ‚Gesellschaft‛ etikettierte Lebenswelt, verhärtet oder nicht, umfaßt alle Höhen und Tiefen unserer Menschlichkeit, in der immer alles zwei Seiten hat: eine helle und eine dunkle. Die verschiedenen Gesellschaftsformen unterscheiden sich lediglich darin, welchen der beiden Aspekte sie begünstigen und welchen sie zu bändigen versuchen.
Das ganze menschliche Potenzial, im Guten wie im Schlechten, ist immer in allen ‚Gesellschaften‛ virulent. Deshalb ist auch der Phantombesitz nicht eindeutig als negativ bewertbar. Redecker bestätigt die Ambivalenz des Phantombesitzes, wenn sie im weiteren ausführt: „Aber es sind eben auch die Linien (der Phantombesitzverteidigung ‒ DZ), von denen aus jene ihre Gegenwehr organisieren, deren Selbstbesitz gegen die überkommene Hoheitssphäre der anderen neu errungen wurde.“ (Redecker 2026, S.122)
„Selbstbesitz“ ist eben auch ein Phantombesitz, egal ob er von rechts oder von links beansprucht und verteidigt wird: „Das eigentliche Unterscheidungsmerkmal ist der Anspruch auf das Menschsein aller. Keine rechte Position kann den ernsthaft vertreten, denn sie braucht ihre verdinglichten Unterworfenen und ihre entmenschlichten Feinde.“ (Redecker 2026, S.122f.)
Redecker spricht ausdrücklich vom „progressiven Phantombesitz“: „Erstaunlicherweise wird also der progressive Phantombesitz derer, die einmal selbst fiktives Eigentum waren, nach demselben Muster zugeschnitten wie der reaktionäre, nach dem die Privilegierten weiter greifen. ‚My body, my choice‛ ist um Welten besser als ‚Your body, my choice‛.() Aber es ist noch nicht die ganze Freiheit, sondern die nach wie vor parzellierte. ... Auch Politiken progressiven Phantombesitzes können sich verabsolutieren, können den Blick für die Proportionen verlieren, so dass sie die Rechte des Gegenüber zugunsten der eigenen unversehrten Grenzen missachten.“ (Redecker 2026, S.126f.)
Als Beispiele solcher Parzellierungen nennt Redecker eine „insulare Identitätspolitik“ und sich auf die eigene Gegenwart beschränkende „intersektionale Anstrengungen“. (Vgl. Redecker 2026, S.127)
Ein Beispiel für progressiven Phantombesitz ist das Recht auf ein eigenes Konto und auf freie Berufswahl, das für Frauen in Deutschland erst in den 1970er Jahren eingeführt worden ist.