Theodor W. Adorno: „Kants ‚Kritik der reinen Vernunft‛ (1959)“ (1995)
1. Mikrologie und Dialektik
2. Metaphysikkritik
3. Verdopplung der Welt
4. Erkenntnistheorie
5. Affektionen und Intentionen
6. Hiatus
7. transgenetisches Ich
Mit dem Hinweis auf die „Doppelheit des Dingbegriffs“ als empirisches Phänomen und als absolutes Ding (vgl. Adorno 1995, S.164f.) benennt Adorno das Problem, weswegen ich von der Notwendigkeit einer unwesentlichen Phänomenologie spreche: „(D)ie Welt wird (von Kant ‒ DZ) auf diese Weise gewissermaßen selber verdoppelt, und zwar auf die, wenn Sie wollen: paradoxe Weise, daß das wahre Sein dabei zu dem gemacht wird, was gleichzeitig als das gänzlich Unbestimmte, Abstrakte, Nichtige gedacht werden muß, während umgekehrt das, was wir wissen: das Bestimmte, das positive Sein, in gewisser Weise bloßer Trug der Erscheinung sein soll, bloß der Zusammenhang der Phänomene, die wir haben, ‒ und uns sind über das wahre Sein eigentlich entscheidende Schlüsse überhaupt nicht erlaubt.“ (Vgl. Adorno 1995, S.165)
Die Verdopplung der Welt führt also zu einer Verdopplung der Skepsis, gegen das Sein, über das wir nichts wissen können, und gegen den Schein, weil er sowieso schon immer falsch ist. Seit ich meinen Blog zur Erkenntnisethik schreibe, gehört zu den Grundprinzipien meines Denkens, daß ich den Strukturalismus von einem phänomenologischen Standpunkt aus kritisiere. Dabei verstehe ich unter Phänomenen alles, was unsere Sinne unmittelbar affiziert. Phänomene sind Dinge, die wir, bildlich gesprochen, in die Hand nehmen können. Die Erscheinungsweisen der Dinge entsprechen unserer menschlichen Sinnesorganisation (Plessner: Einheit der Sinne; vgl. auch Adorno 1995, S.148), aber sie erscheinen uns nur, weil sie sich uns geben und weil wir in Fühlung mit ihnen sind. Darin, daß die Dinge sich uns geben müssen, damit sie uns entsprechend unserer Sinnesorganisation erscheinen können, liegt eine Widerständigkeit auf Seiten der Dinge, die sich unserem Denken und Handeln auch widersetzen können. (Dazu im Gegensatz Kant; vgl. Adorno 1995, S.150f.)
Nun lerne ich aus Adornos Kantvorlesungen, daß Kant unter den Dingen „bloße() Verhältnisse von etwas überhaupt zu den Sinnen“ verstand. (Vgl. Adorno 1995, S.158) ‒ Adorno ergänzt: „Darüber hinaus aber heißt bei Kant Erscheinung nun auch Objekt, das Ding ... eben dieses durch meinen Verstand gesetzmäßig gefaßte Verhältnis zwischen diesen einzelnen Wahrnehmungen, zwischen den einzelnen unmittelbaren Gegebenheiten(.)“ (Vgl. Adorno 1995, S.159; Hervorhebung ‒ DZ)
Damit, also mit der gesetzmäßigen, d.h. strukturellen „Verhältnisbestimmung“ des Dings bzw. Phänomens sowohl in Bezug auf unsere Wahrnehmungen wie auch in Bezug auf andere Dinge, löst Kant die eine unwesentliche Phänomenologie vor allem interessierenden Affektionen, also die „Gegebenheiten, wie Kant es nennt“ (vgl. Adorno 1995, S.186), in Strukturen auf. An die Stelle des sinnlich wahrgenommenen Dings tritt eine unsinnliche Verhältnisbestimmung, eine Gesetzen unterworfene Vermittlung. An die Stelle von sinnlichen Affektionen treten geistige Strukturen. Und damit wären wir bei Hegel angelangt.
Nach meiner Auffassung bildet Hegels spekulative Dialektik unter der Maßgabe einer geistigen Verhältnisbestimmung von Phänomenen/Dingen einen Strukturalismus und hat deshalb auch nichts Prozeßhaftes an sich. Wieder verdoppeln wir die Welt in eine uneigentliche (falsche) Sinneswelt und in eine wahre geistige Welt.
Dank Adornos Vorlesungen wird mir jetzt klar, daß mit meiner Entscheidung gegen Gott und gegen die Metaphysik auch der Verzicht auf eine andere Welt verbunden ist. Es gibt keine Hinterwelt, kein Jenseits, keine Verdopplung der Welt. Deshalb gibt es auch nur die Phänomene, dank deren wir über unsere Sinnesorganisation mit der Welt, in der wir leben, in Fühlung sind. Wenn wir affiziert werden, dann werden wir nicht von uns selbst affiziert, sondern von einem Stück Welt. Wir werden affiziert von einem Stück Welt, das sich uns in der Weise gibt, die uns gemäß ist: als Phänomen oder einfach als Ding. So ein Stück Welt sind wiederum auch wir selbst, so daß wir auch uns selbst ein Phänomen sind, mit dem wir in Fühlung sind. Und ja: auch wir werden also doch von uns selbst affiziert. Denn wir sind nicht mit uns selbst identisch. An dieser Stelle spricht Helmuth Plessner übrigens vom Körperleib.
Darüber hinaus gibt es noch all die anderen Weltausschnitte, mit denen wir nicht in Fühlung sind, weil unsere Sinnesorganisation beschränkt ist. Diese Weltausschnitte bilden für uns keine Phänomene, aber andere Lebewesen mit einer anderen Sinnesorganisation können mit ihnen in Fühlung sein. Zum Teil leben sie in gewisser Weise in einer anderen Welt, zum Teil überschneiden sich ihre Wahrnehmungen aber auch mit unseren Wahrnehmungen, und so teilen wir mit ihnen einen Teil dieser Welt, in der wir gemeinsam leben. So verschieden sich auch die Welt uns und anderen Lebewesen ‚gibt‛, ist es doch ein und dieselbe Welt, die wir auf verschiedene Art und Weise wahrnehmen. Es ist ein und dieselbe Welt, mit der sie und wir in Fühlung sind.
Zu der eingangs beschriebenen Verdopplung von Ding und Welt kommt es, weil das unsere Wahrnehmungen begleitende „Ich denke“, wie es Kant beschrieben hat, von seinen Nachfolgern als eine geistige Substanz aufgefaßt wurde, die unabhängig von unseren Wahrnehmungen ist und diese als ‚seine‛ Wahrnehmungen in Besitz nimmt. Das führt zu einer Zwei-Welten-Theorie, die aus einer subjektiven und einer objektiven Welt besteht. Adorno beschreibt diesen Vorgang mit folgenden Worten:
„Der Gedankengang hier ist also der, ... daß alle meine Erlebnisse bestimmt sind eben als Erlebnisse von mir und nicht von einem anderen, daß die (formale Identität des Bewußtseins) über eine gegenständliche, inhaltliche, objektive Identität der Person ‒ so als ob diese eine ihrer konkreten Beschaffenheit nach dauernde in mir stets gegenwärtige wäre ‒ eigentlich gar nichts ausmacht; sondern daß das eben nur die Verwechslung der reinen Denkformen der Identität mit einer solchen materialen Identität, also mit dem Bleibenden wäre.“ (Vgl. Adorno 1995, S.307; Hervorhebungen von Adorno, Klammer von mir)
So sehr also Kant auf einem Primat der Erscheinungswelt gegenüber den reinen Denkformen beharren mag: „daß nämlich die Rede von Ich und alle die Momente, die bei Kant als transzendentale Momente behauptet werden, ihrem eigenen Sinn nach so etwas wie empirische Individualität voraussetzen“ (vgl. Adorno 1995, S.307) ‒ so sehr gilt eben auch, so Adorno, daß trotz dieses Primats die Vorstellung von reinen Denkformen zwangsläufig zu einer Verdopplung der‚Welt‛ führen muß, in diesem Fall einerseits des individuellen Ich und andererseits eines „Reich(s) gewissermaßen reiner Formen“ (vgl. Adorno 1995, S.313).
Adorno führt also den Gedankenfehler, die Verwechslung der reinen Denkformen mit den erscheinenden Dingen, auf einen impliziten Denkfehler des Kantischen Dualismusses von Erscheinung und reiner Form zurück, den Kants Nachfolger a la Hegel dann übernommen und als explizites Denkprinzip zu einer spekulativen Dialektik ausgebaut haben. Dennoch hält Adorno mit eben diesen Nachfolgern unkritisch an einem Wissensbegriff fest, der ja gerade Teil genau dieser Verwechslung ist, wenn er schreibt, daß man nicht vom „Wesen einer Sache“ sprechen könne, ohne dabei mit zu denken, „daß diese Sache auch eine Oberfläche oder eine Erscheinung habe“: „Und daß umgekehrt von der Fassade oder der Oberfläche einer Sache zu reden sinnlos ist, wenn man nicht ebenso auch ein Wesen von ihr postuliert.“ (Vgl. Adorno 1995, S.317)
Adorno postuliert hier ein wechselseitiges Voraussetzungsverhältnis von Wesen und Erscheinung, indem weder der reinen Form noch der Erscheinung das Primat zugesprochen wird, das aber genauso zu jener Verdopplung der Welt führt, mit der ich diesen Blogpost begonnen habe. Und das ist wiederum genau der Grund, warum ich es möglichst vermeide, vom Wesen einer Sache zu reden. Die Gleichursprünglichkeit von Wesen und Erscheinung ‒ kein Wesen ohne Erscheinung, keine Erscheinung ohne Wesen ‒ ist nur ein weiterer Grund dafür, daß es zu eben jener Verdopplung der Welt kommt. Deshalb gehe ich von der Notwendigkeit aus, zu Kants Primat der Erscheinungswelt zurückzukehren. Weder das Primat des Geistes (Hegel) noch die Gleichursprünglichkeit von Wesen und Erscheinung (Adorno) ermöglichen es, diese Welt als einzige zu denken. Ich halte an Kant fest: Die Sachen kommen im Phänomen selbst zur Erscheinung, die, nicht an sich, aber für uns, das Primat haben muß.
Adorno berücksichtigt nicht, daß der Begriff des Wesens ein weiterer Denkbegriff ist, der eine Logizität des Wesens impliziert, obwohl er selbst immer wieder auf diese Logizität (reine Denkform) hinweist. (Vgl.u.a. Adorno 1995, S.332: „von der Logizität ist ausgeborgt der Gedanke an die Einheit und an die Einstimmigkeit“) Eine solche Logizität geht dem Ding an sich, das, anders als das Wesen, keine Denkform ist, sondern ein Grenzbegriff, ab. Das Ding an sich steht für nichts anderes als für die Begrenztheit der Erscheinungsformen, also letztlich für die Begrenztheit unserer Sinnesorganisation. Alles Logische, das wir über die Erscheinungen zu sagen wissen, hängt von der Art und Weise ab, wie wir sie mit unserem Denken begleiten. Die Erscheinungen selbst sind zufällig und regellos, weshalb es zwischen ihnen auch keinen Widerspruch gibt. Den gibt es nur im Denken.
Aber so begrenzt unsere Sinnesorganisation auch ist, so ist es doch die Welt bzw. die Natur, die sich in ihr zeigt. Sie verbirgt sich nicht. Es gibt keine Hinterwelt. Alles liegt offen zutage. Das Nichtidentische, das Zufällige liegt deshalb nicht in der Begrenztheit unserer Sinnesorganisation, sondern in der Begrenztheit unseres Denkens. Das Nichtidentische liegt in seiner Widerständigkeit gegenüber der intentionalen Struktur unseres Bewußtseins und gegenüber der Struktur unserer animalischen Bedürfnisse.
Adornos behauptet mit Verweis auf Relativitätstheorie und Quantentheorie, daß Kants Beschränkung des Wissens auf die Anschauung widerlegt sei. Dem widerspreche ich energisch. Wissen ohne Anschauung ist nach wie vor kein Wissen, sondern entweder philosophische Spekulation oder mathematische Konstruktion, ungeachtet des technischen Nutzens solchen Pseudowissens. Hier nochmal Adornos Position:
„Wie es denn überhaupt ... so den Anschein hat, als ob die Entdeckungen, welche die Naturwissenschaft ungefähr während der letzten 60 Jahre (Vorlesung von 1959) gemacht hat und die ja im wesentlichen und entscheidenden eben doch bezeichnet sind durch die Relativitätstheorie und die Quantentheorie, wesentlich damit zusammenhängen ..., daß es dem Gedanken gelungen ist, durch seine Konsequenz und durch die Beziehung seiner Konsequenz auf mögliche Beobachtungen gewissermaßen ein kleines Guckloch zu finden, durch das wir aus dem Gefängnis herausschauen können, das uns durch unsere anthropologische intellektuelle Konstitution auferlegt wird, ‒ wodurch die Vorstellung von Kant, daß eben das, was wir wissen können, schlechterdings und ausschließlich durch die Beschaffenheit unserer eigenen intellektuellen Veranlagung bestimmt sei, nun in der Tat als widerlegt betrachtet werden kann.()“ (Vgl. Adorno 1995, S.350f.; Klammer von mir)
Adorno meint mit der Metapher vom „Guckloch“ so etwas wie einen Rest von Anschauung retten zu können. Aber die eigentliche gedankliche Konsequenz liegt nicht darin, mit der Mathematik die Grenzen unseres Vorstellungsvermögens auf ein Mirakulöses hin zu überschreiten und mit den Mitteln der Physik Metaphysik zu betreiben, sondern darin, endlich zu akzeptieren, daß unser Vorstellungsvermögen an diesen Planeten, auf dem wir leben, angepaßt ist und deshalb nur jenes Wissen für uns relevant ist und letztlich überhaupt nur Wissen genannt werden kann, das dem Menschen hilft, auf diesem Planeten zu überleben.
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Inzwischen ist der Zeitpunkt gekommen, wo die maschinelle Enteignung des Wissens eine neue Stufe erreicht hat. KI löst mathematische Rätsel, an denen sich menschliche Mathematiker bislang vergeblich versucht hatten. Es ist absehbar, daß die Mathematiker der Geschwindigkeit und der Komplexität der KI-Lösungen nicht mehr gewachsen sein werden, sie nicht mehr nachvollziehen und nicht mehr verstehen werden können. Das Wissen wird sich endgültig dem menschlichen Verstand, der Verbindung von Denken und Anschauung entziehen. Die Erfolge der KI-Anwendungen sind vielleicht auch dadurch erklärbar, daß die Mathematik selbst eine reine Denkform ist und deshalb tautologisch. Immerhin zeichnet sich hier eine Grenze ihres ‚Wissens‛ ab. Möglicherweise werden es letztlich die begrenzten planetaren Ressourcen sein, die der KI Einhalt gebieten. Denn die einzige ökologische Nische, in der die KI überleben kann, bilden wir Menschen. Eine andere Realität hat sie nicht und mit dem Menschen wird auch sie untergehen.