„...letztlich ist der Mensch, als Folge oder Krönung der Evolution, nur in der Totalität der Erde begreifbar.“ (Leroi-Gourhan, Hand und Wort, S.22)

Sonntag, 18. September 2022

„Das Ende des Kapitalismus“ – Fazit

Je weiter ich in meiner Lektüre von Ulrike Herrmanns Buch „Das Ende des Kapitalismus“ vorangekommen bin, um so mehr begann ich an meinen kapitalismuskritischen Gewißheiten zu zweifeln. Herrmann führt solche vermeintlichen Gewißheiten auf ein Mißverständnis zurück, in dem sich übrigens witzigerweise Kapitalismuskritiker und Kapitalisten einig sind; denn auch letztere haben, wie Herrmann ihnen bescheinigt, den Kapitalismus, den sie betreiben, nicht verstanden. (Vgl. Herrmann 2022, S.84)

Das Mißverständnis, um das es sich hier handelt, besteht in der Annahme, daß im Kapitalismus Mindestlöhne den Profit erhöhen würden. Das ist ja ein grundlegendes Merkmal des Ausbeutungstheorems: den Lohnarbeitern wird ein Maximum an Arbeitsleistung für ein Minimum an Lohn abgepreßt. Dieses Mißverständnis beruht auf realer Anschauung. Nur dem Druck der Gewerkschaften und der Streikbereitschaft der Arbeiter ist es zu verdanken, daß die Wochenarbeitszeit gekürzt und die Löhne angehoben wurden.

Tatsächlich aber ist es nicht so, widerspricht Herrmann, und ich habe mich von ihren Argumenten überzeugen lassen. Kapitalismus gibt es nicht ohne ständiges Wachstum. Wir haben es mit einer dynamischen Wirtschaftsweise zu tun, die ohne ununterbrochenes Wachstum nicht bestehen kann. Dieses Wachstum kann aber nur durch Maschinen gewährleistet werden, die die Produktivität über alles menschliche Maß hinaus endlos steigern. Maschinen rentieren sich aber nur, wenn die Lohnkosten hoch sind. (Vgl. Herrmann 2022, 33f.)

In Ländern, in denen die Lohnkosten niedrig sind, lohnt sich die Investition in Maschinen nicht, und die Wirtschaft stagniert. Im Grunde haben wir es dann mit einer Art Kreislaufwirtschaft zu tun.

Dieses Argument kannte ich bislang noch nicht. Das zweite Argument ist hingegen schon bekannter. Man kennt es von Henry Ford und dem Model T. Henry Ford fehlte es an Abnehmern seiner Autoproduktion. Also stellte er ein Modell her, das billig genug war, daß es sich auch seine Arbeiter leisten konnten. – Es ist also aus kapitalistischer Sicht klug, den Arbeitern einen Lohn auszuzahlen, der es ihnen erlaubt, sich die Produkte zu kaufen, die sie herstellen.

Dennoch haben das die Kapitalisten bis heute nicht verstanden. Man denke nur an die Einführung eines Mindestlohns in Deutschland, die noch nicht so lange her ist. Die Kapitalisten jammern immer noch. Weil sie, wie Herrmann lapidar feststellt, den Kapitalismus nicht verstehen.

So geht es auch mit all den anderen Übeln, die wir, wie wir es gewohnt sind, auf den Kapitalismus zurückführen. Z.B. den Kolonialismus und den Imperialismus. Herrmann wendet ein, daß alle diese kostenintensiven Übergriffe auf fremde Territorien und die Menschen, die dort lebten, die Rendite erheblich gemindert hätten. Sie stellten nicht nur eine fundamentale Mißachtung der Menschenrechte dar, sondern waren auch reine Verlustgeschäfte. (Vgl. Herrmann 2022, S.70ff.) Mit Kapitalismus, so Herrmann, hatte das nichts zu tun.

Was das betrifft, fällt es mir aber schwer, Herrmanns Argumentation zu folgen. Mir scheint es nicht unerheblich zu sein, daß all die Versklavung von Menschen und die Vernichtung von Ressourcen, wenn es auch ein ‚Mißverständnis‘ gewesen sein mag, doch unter den Bedingungen einer kapitalistischen Wirtschaftsweise stattfand und noch immer stattfindet, zumal sich all die ‚Entdecker‘, Eroberer und Unternehmer zur Rechtfertigung ihres Treibens immer gerne auf diesen Kapitalismus berufen hatten.

Allerdings belehrt mich Herrmanns Darstellung, daß ich mich selbst an meine eigene Regel halten sollte, die darin besteht, daß nicht alles, was gleichzeitig geschieht, miteinander auch kausal verknüpft ist. So ist gewiß nicht all das Gute wie Gesundheitssysteme und Demokratien dem Kapitalismus zu verdanken, nur weil sie sich gleichzeitig entwickelten. An dieser Stelle widerspreche ich Herrmann, die genau diesen Zusammenhang herstellt.

Aber dasselbe gilt wohl auch für all das Übel, das ich bislang immer umstandslos dem Kapitalismus zugeschrieben habe. Nicht alles Übel kommt vom Kapitalismus. Immerhin: einiges schon, und dazu gehört auch das Wachstum. Und da bin ich mit Herrmann ganz einig, denn es ist genau diese Wachstumsdynamik, die das Lebenselixier des Kapitalismus bildet und deshalb angesichts des Klimawandels und der Begrenztheit der planetarischen Ressourcen beendet werden muß. Was sich noch durch uns Menschen regulieren läßt. Denn enden wird der Kapitalismus ohnehin. Aber wenn wir untätig bleiben, gehen wir mit ihm unter.

Nach dem ganzen Ärger des ersten Teils zum „Aufstieg des Kapitals“ – immerhin habe ich schon drei Blogposts ihrem Buch gewidmet – habe ich die anderen beiden Teile zum „grünen Wachstum“ – Herrmann: den gibt es nicht; es gibt nur grünes Schrumpfen – und zum Ende des Kapitalismus mit zunehmender Zustimmung und großem Interesse gelesen. Die umfassenden Kenntnisse von Ulrike Herrmann, die sie in ihrem Buch ausbreitet und die sie verständlich und engagiert präsentiert, sind bewundernswert. Ich möchte mich jetzt nur noch auf zwei Momente beziehen: auf die Rolle des Geldes als Wachstumsmotor und auf die Auflösung des Ausstiegsdilemmas, die Herrmann uns vorschlägt. Denn alle Wachstumskritiker und Klimaschützer reden über das, was an die Stelle des Kapitalismus treten soll. Aber keiner hat eine Antwort darauf, wie das geschehen soll, ohne daß sofort alles zusammenbricht. Die kapitalistische Dynamik läßt es nicht zu, daß wir innehalten und gewissermaßen eine Pause machen, um uns zu besinnen. Es gibt keine Gleichzeitigkeit von Wachstum und Schrumpfung: „Eine schrumpfende Wirtschaft endet schnell im Chaos.“ (Herrmann 2022, S.207)

Dabei sind wir uns dieses Dilemmas gar nicht bewußt, wie Herrmann schreibt: „... die Vision wird meist mit dem Weg verwechselt. Das Ziel soll zugleich der Übergang sein. Nur selten wird gefragt, wie man eigentlich aus einem ständig wachsenden Kapitalismus aussteigen soll, ohne eine schwere Wirtschaftskrise zu erzeugen und Millionen Menschen in die Arbeitslosigkeit zu schicken.“ (Herrmann 2022, S.12)

Schuldscheine

Kommen wir zum Geld. Herrmann beschreibt, wie das Geld aus Schuldscheinen hervorgegangen ist. Schon vor über 4.000 Jahren überbrückten Kleinbauern in Babylon und Assyrien Dürren, indem sie sich Getreide liehen, um ihre Familien bis zur nächsten Ernte ernähren zu können. (Vgl. Herrmann 2022, S.90) Dafür wurden Schuldscheine ausgestellt, die bei der Rückerstattung getilgt wurden. In der Zwischenzeit verkauften die Gläubiger die Schuldscheine weiter. Sie wurden zu Zahlungsmitteln, bis schließlich der letzte Besitzer eines Schuldscheins fristgerecht die Erstattung des Getreides samt ‚Zinsen‘ einforderte: „Mit diesem Kreisverkehr der Schuldscheine war das sogenannte ‚Kreditgeld‘ geboren, das in dem Moment entsteht, in dem ein Darlehen vergeben wird.() Wird der Kredit zurückgezahlt, verschwindet auch das Geld wieder.“ (Herrmann 2022, S.90)

So leicht verständlich ist mir das Rätsel ‚Geld‘ bislang noch nicht erklärt worden. Das erinnert mich an eine Stelle aus dem Kapital, wo Karl Marx schreibt, daß das Geld, das beim Kauf einer Ware den Besitzer wechselt, den Wert der Ware speichert. Und er fügt hinzu, daß der Kaufakt erst dann vollendet sei, wenn sich die Ware, z.B. eine neue Schaufel, verbraucht hat. Ich habe diese Stelle nie so recht verstanden, denn das würde bedeuten, daß der Verkäufer mit seinem Geldschein so lange nichts anfangen kann, bis der Käufer nach zwanzig Jahren oder mehr die alte, verbrauchte Schaufel wegwirft. Natürlich wartet der Verkäufer nicht so lange, sondern verwendet ihn möglicherweise gleich wieder, um damit etwas anderes zu kaufen. Also nicht anders, als damals mit Schuldscheinen umgegangen worden war.

Aber was den Geldschein betrifft, ist das paradox. Lädt sich der Geldschein jetzt mit dem neuen Kaufakt ein weiteres Mal mit Wert auf? Was ist mit dem vorherigen Wert, der Schaufel, die immer noch da ist und sich noch nicht verbraucht hat? Das ganze erschien mir irgendwie unsinnig.

Ich könnte mir vorstellen, daß Marx dabei an die Geschichte mit den Schuldscheinen gedacht hat. Der Schuldschein wird ja auch getilgt, wenn der Schuldner (Käufer) das geliehene Getreide mit Zinsen zurückerstattet hat. Möglicherweise hat Marx sich ja bei der merkwürdigen Regel, daß der Kaufakt erst dann abgeschlossen ist, wenn sich die gekaufte Ware verbraucht hat, an den Tilgungsfristen von Schuldscheinen orientiert?

Wie dem auch sei. Geld ist also eine Art Schuldschein; es ist „Kreditgeld“. Es entsteht dadurch, daß wir Schulden machen. Wenn wir unser Konto überziehen und uns dabei bei der Bank verschulden, entsteht neues Geld. Geld, das vorher nicht da gewesen ist. Es entsteht aus dem Nichts: „Geld und Kredit entstehen immer zusammen.“ (Herrmann 2022, S.91)

Und das ist genau der Motor, der das beständige Wachstum antreibt, denn um geliehenes Geld mit Zinsen wieder zurückzahlen zu können, muß es Wachstum geben. Ohne Kredit kein Geld. Ohne Zinsen kein Kredit. Ohne Wachstum keine Zinsen: „Wachstum kann nur entstehen, wenn Kredite aufgenommen werden – aber genau diese Darlehen lassen sich anschließend nur zurückzahlen, wenn es weiteres Wachstum gibt. Es ist kein Zufall, dass der Kapitalismus gleichzeitig eine Geldwirtschaft ist.“ (Herrmann 2022, S.88)

Man könnte es auch so formulieren: ohne Maschinen wäre Wachstum nicht möglich. Ohne Geld gäbe es keinen Grund für Wachstum.

Genial!

Der Weg in eine Kreislaufwirtschaft

Wie schon erwähnt, wird zwar immer viel über die Kreislaufwirtschaft geredet, als wäre das schon die Lösung. Dabei wird übersehen, daß sie nur das Ziel ist und daß damit noch lange nicht geklärt ist, wie man vom Kapitalismus auf gute Art wegkommt, ohne daß sofort alles zusammenbricht und die verarmte Bevölkerung sich schließlich verzweifelt in die Arme irgendeines skrupellosen Diktators wirft. (Vgl. Herrmann 2022, S.12 und S.241) Über das Ziel kann man sich relativ leicht einigen. Der Weg dahin aber ist das eigentliche Problem.

Ulrike Herrmann hat einen Lösungsvorschlag. Es gibt ein historisches Beispiel, das zeigt, wie eine Wachstumswirtschaft schrumpfen kann, ohne daß es in eine wirtschaftliche Katastrophe mündet: die britische Kriegswirtschaft zwischen 1941 und 1945. (Vgl. Herrmann 2022, S.226ff.) Das hatte damals sogar so gut funktioniert, daß man diese Kriegswirtschaft nach dem Krieg noch weitere sieben Jahre weiterbetrieben hat.

Drei Dinge machen die britische Kriegswirtschaft für Herrmann interessant: Großbritannien war trotz Monarchie eine Demokratie. Die Briten befanden sich in einer „unfreiwilligen Notsituation“. Und die Zeit war knapp: weil die Briten den Krieg nicht hatten kommen sehen, mußten sie „ihre normale Wirtschaft in kürzester Zeit stark herunterfahren“; denn militärisch waren sie nicht vorbereitet, und die ganze Wirtschaftsleistung mußte auf die Produktion von Kriegsgerät umgestellt werden. (Vgl. Herrmann 2022, S.227f.)

Das Beispiel zeigt also, daß eine Demokratie in der Lage ist, ein Wirtschaftssystem so umzufunktionieren, daß der ganze private Sektor heruntergefahren wird, ohne daß Aufstände ausbrechen. Dabei war die Situation, was die Vorbereitungszeit betrifft, vergleichbar mit dem Klimawandel, an den wir ebenfalls nicht geglaubt haben, so daß es auch für uns schon fast zu spät ist. Analog zur britischen Kriegswirtschaft können wir von der Notwendigkeit einer „Überlebenswirtschaft“ sprechen. (Vgl. Herrmann 2022, S.15) Und dennoch können wir noch etwas tun, so wie die Briten es damals vorgemacht hatten.

Ein weiteres interessantes Merkmal der britischen Kriegswirtschaft ist der Umstand, daß sich der Eingriff des Staates in die private Wirtschaft darauf beschränkte, den Betrieben Vorgaben zu machen, was sie produzieren sollten, und ihnen die Mittel, also Material und Arbeitskräfte, zuzuteilen. Die Betriebe wurden nicht enteignet. Sie konnten also ihre eigenen Lösungen für die Vorgaben des Staates suchen und entwickeln. Wir haben es mit eine „privaten Planwirtschaft“ zu tun. (Vgl. Herrmann 2022, S.237)

Das betrifft auch den Konsum. Die Lebensmittel und Gebrauchsartikel wurden rationalisiert. Interessanterweise führte das eben nicht zu den befürchteten Aufständen der Bevölkerung. Im Gegenteil waren die Rationierungsprogramme äußerst beliebt, „weil jeder Brite genau das Gleiche bekam“. (Vgl. Herrmann 2022, S.240) – Zum erstenmal fühlten sich auch die nicht privilegierten, nichtadligen Bevölkerungsschichten in dieser bis heute extremen Klassengesellschaft als vollwertige Mitbürger anerkannt. Und die Lebensmittelrationen führten sogar dazu, daß erstmals alle Briten ausreichend zu essen bekamen: „Nun, mitten im Krieg, war die Bevölkerung so gesund wie nie, wobei ‚die Fitness der Babys und Schulkinder besonders hervorstach‘().“ (Herrmann 2022, S.40)

Eine solche private Planwirtschaft wäre also ein Weg, um eine Kreislaufwirtschaft zu errichten, die dann aber keineswegs auf dem Niveau der heutigen Wirtschaftsleistung funktionieren würde. Die Wirtschaft muß eben tatsächlich geschrumpft werden, und zwar um die Hälfte der heutigen Wirtschaftsleistung. Herrmann verweist auf das Jahr 1978, um einen Eindruck davon zu geben, was das für uns alle bedeuten würde. (Vgl. Herrmann 2022, S.203) Die Lebenszufriedenheit im Vergleich zu heute ist gleich groß gewesen. Die Wirtschaft ist seitdem also gewachsen, die Zufriedenheit aber nicht.

* * *

Ulrike Herrmann ist sich bewußt, daß ihre Vorschläge auf große Skepsis stoßen werden. Wie sie schreibt, können wir uns eher das Ende der Welt vorstellen, als das Ende des Kapitalismus (vgl. Herrmann 2022, S.23), und die Ökonomen sind unfähig, so etwas wie eine schrumpfende Wirtschaft auch nur zu denken: „Ihre Theorien würden allesamt zusammenbrechen, wenn der Kapitalismus endet.“ (Herrmann 2022, S.216)

Ein Zitat von Ulrike Herrmann soll deshalb das Schlußwort meines Blogposts bilden: „Eine ‚Überlebenswirtschaft‘ scheint derzeit politisch nicht durchsetzbar. Trotzdem folgt daraus nicht, dass die Analyse falsch wäre, dass der Kapitalismus enden muss. Es wäre fatal, wenn nur noch gedacht würde, was politisch als mehrheitsfähig gilt. Dann könnte man das Denken ganz einstellen – und würde die Gegenwart zur Zukunft erklären.“ (Herrmann 2022, S.269)

Samstag, 17. September 2022

Personalpronomina

Ein Gedanke ging mir durch den Kopf, der mir ausbaufähig zu sein schien. Zunächst fiel mir auf, daß es trotz der allgegenwärtigen Differenzierung zwischen den Geschlechtern in der deutschen Sprache zwei Wörter gibt, die sich nicht gendern lassen: die erste und zweite Person ‚ich‘ und ‚du‘. In der Unmittelbarkeit des Bezugs ist immer diejenige Person gemeint, auf die sie sich beziehen. Und das geht sogar über die binäre Differenz hinaus, weil es ausnahmslos alle inkludiert.

Dann schweiften meine Gedanken weiter. In der dritten Person, so fiel mir auf, wird dann wieder zwischen männlich und weiblich differenziert. Alle anderen werden als ‚neutral‘ qualifiziert. Was das Genderproblem betrifft, ist das also eher suboptimal. Aber dann erhellte ein weiterer Gedankenblitz meine umherschweifenden Überlegungen: das gilt nur für die dritte Person Singular! In der Pluralversion gibt es nur ein Personalpronomen: das ‚sie‘. Könnte es sein, daß wir hier in weiblicher Form auf eine Mehrzahl von Menschen verweisen, unter der die Männer lediglich mitgemeint sind?

Ein Blick in den Duden scheint meine Vermutung zu bestätigen. Die dritte Person Plural bedient sich des weiblichen Personalpronomens Singular. Daß die dritte Person Plural dann als höfliche Anredeform (‚Sie‘) wiederum das ‚Du‘ ersetzt, hat nur indirekt etwas mit dem weiblichen Personalpronomen Singular zu tun. Da geht es wohl eher, wie ich vermute, darum, die angesprochene Person durch die Verwendung eines Pluralität behauptenden Personalpronomens aus Höflichkeit quantitativ aufzuwerten.

Aber wahrscheinlich hinke ich mit diesen Überlegungen wiedermal hinterher und das ist alles längst Bestandteil des öffentlichen Diskurses und außerdem sowieso belanglos.

Donnerstag, 15. September 2022

Maschinen, Lohnarbeit und Sklaverei

Herrmann setzt den Beginn des Kapitalismus mit der Erfindung und dem Bau von Maschinen an, die die Produktivität der menschlichen Arbeitskraft so erhöhten, daß ein ständiges Wachstum der Gewinne denkbar wurde. (Vgl. Herrmann 2022, S.30ff.) Diese Maschinen, zunächst die mechanischen Webstühle, wären zum Teil schon im antiken Griechenland technisch möglich gewesen, und es sind in China zur Zeit der Qing-Dynastie (1644-1911) sogar einzelne Prototypen entwickelt worden. Aber die Sklaverei im antiken Griechenland und das reichliche Angebot an billiger Arbeitskraft in China bewirkten, daß diese Volkswirtschaften auf dem status quo beschränkt blieben und es zu keinem Wirtschaftswachstum kam.

Im England des frühen 18. Jhdts. aber waren die Arbeitslöhne so hoch, daß die Investition in mechanische Webstühle und in Dampfkraft wirtschaftlich rentabel war. So wurde England zum Mutterland des Kapitalismus.

So weit die Erzählung von Ulrike Herrmann. Von anderen Erzählungen zur Entwicklung des Kapitalismus unterscheidet sie sich darin, daß Herrmann ihn erst relativ spät, im 18. Jhdt., beginnen läßt. Karl Marx läßt den Kapitalismus schon im 16. Jhdt. in Schottland mit der „ursprünglichen Akkumulation“ beginnen; also mit der gewaltsamen Inbesitznahme der Allmenden (commons), frei zugängliche Ländereien, die allen zur Verfügung standen, um dort ihr Vieh zu weiden. Diese Allmenden sicherten auch den ärmeren Bevölkerungsschichten ohne Landbesitz ein Auskommen. Durch den Landraub bzw. durch die ‚Einzäunung‘ wurden diese  Ländereien privatisiert und die Menschen waren gezwungen, ihre Arbeitskraft zu verkaufen. Sie wurden zu Lohnarbeitern.

Marx läßt also den Kapitalismus mit der Ausbeutung der menschlichen Arbeitskraft durch Lohnarbeit beginnen. Maschinen kamen erst später und dienten vor allem der Produktivitätssteigerung der menschlichen Arbeitskraft.

Josef W. Moore und Raj Patel („Entwertung. Eine Geschichte der Welt in sieben billigen Dingen“ (2018)) lassen den Kapitalismus noch viel früher beginnen: im 15. Jhdt. Sie verweisen dabei nicht auf Maschinen wie Herrmann oder auf die Lohnarbeit wie Marx, sondern auf die Zuckerrohrplantagen in den amerikanischen Kolonien. Diese Plantagen wurden nicht mit Maschinen und auch nicht mit Lohnarbeitern, sondern mit Sklaven betrieben. Dabei weisen Moore/Patel Christoph Kolumbus eine entscheidende Rolle zu.

Noch bevor Kolumbus sich auf den Weg machte, ‚Indien‘ bzw. den Weg dorthin zu entdecken, experimentierte er auf Madeira mit Zuckerrohrplantagen, um herauszufinden, wie sich die größtmögliche Produktivität aus Land und Leuten herauspressen läßt. Die ursprünglich waldreiche Insel Madeira ist durch Zuckerrohrplantagen von der Art, wie Kolumbus sie betrieb, vollständig entwaldet worden. So weit also das Ergebnis, was das Land betrifft.

Was die Leute betrifft, haben wir es auf diesen Plantagen nicht mit Lohnarbeitern, sondern mit Sklaven zu tun. Kolumbus war Sklavenhalter, und zwar nicht im Sinne eines ‚netten‘ Patriarchaten, der schonend mit seinem Besitz umgeht, sondern als auf größtmöglichen Profit versessener Kapitalist. Um herauszufinden, wieviel Gewinn sich aus der Sklavenarbeit herausholen ließe, ging er bis zur psychischen und physischen Vernichtung der ihm ausgelieferten Arbeitskräfte.

Moore/Patel heben hervor, daß Kolumbus dabei Methoden einer industriellen Produktionsweise entwickelte, die dann für die späteren Fabriken beispielhaft wurden: „Madeira wurde zu einem Experimentierfeld, auf dem man die Grenzen menschlicher Widerstandsfähigkeit und Kraft auslotete und neue Ordnungs-, Prozess- und Spezialisierungstechnologien erprobte, wie sie Jahrhunderte später in den industriellen Fabriken in England zum Einsatz kommen sollten.“ (Moore/Patel 2018, S.43)

Um auf den Punkt zu kommen: Sklaverei ist einer kapitalistischen Produktionsweise nicht wesensfremd. Nicht die Technologie und nicht die Lohnarbeit machen den Kapitalismus aus, sondern der unbedingte Wille zum größtmöglichen Profit. Ein anderes Wort für unbegrenztes Wachstum.

Dennoch ist Herrmanns Sichtweise auf die Maschine als Produktionsfaktor spannend. So stellt sie u.a. fest, daß die ersten Maschinen, also die ersten mechanischen Webstühle und Dampfmaschinen, nicht im Verbund von investitionsbereiten Unternehmern und wissenschaftlicher Forschung entwickelt wurden: „Die frühen Textilmaschinen wurden nicht etwa von Wissenschaftlern gebaut, sondern meist von Handwerkern, die kaum lesen und schreiben konnten.“ (Herrmann 2022, S.31)

Das gilt so sogar noch für die ersten Dampfmaschinen. (Vgl. Herrmann 2022, S.43f.) Hinter diesen Erfindern und Bastlern stand kein finanzkräftiges Kapital. Sie beschäftigten sich außerhalb ihrer Berufe oder in prekären Lebensverhältnissen mit der Entwicklung ihrer Erfindungen.

Kapitalismus und Technologie fanden also erst später zusammen, im Bündnis mit der modernen Wissenschaft. Aber die der industriellen Technologie zugrundeliegende Kreativität ist eine menschliche Ressource, die der Kapitalismus zwar ausbeutet, aber weder ermöglicht, noch erschaffen hat.

Mittwoch, 14. September 2022

„Der Kapitalismus war außerordentlich segensreich.“ (Fortsetzung)

Das erste Kapitel von Ulrike Herrmanns Buch „Das Ende des Kapitalismus“ zeichnet die Entwicklung des Kapitalismus nach, beginnt aber mit einer Art Nachruf, in dem die Autorin, getreu der Maxime „über die Toten nur Gutes“, noch einmal im einzelnen ausführt, worin genau denn eigentlich der Segen besteht, den uns der Kapitalismus angeblich beschert hat. Dazu gehören der Reihe nach aufgezählt:

  • die Beseitigung von Hungersnöten (S.19)
  • die Schaffung von Gesundheit und Komfort (S.20)
  • die Entwicklung von Technologien (S.22)
  • die totale Durchdringung aller Lebensverhältnisse (S.22f.)
  • die Ermöglichung von Schulbildung für alle (S.24)
  • die Gewährleistung von Bürgerrechten (S.24f.)
  • die Beglückung des weniger entwickelten ‚Südens‘ mit steigender Lebenserwartung und geringerer Kindersterblichkeit (S.26f.)

Beseitigung von Hungersnöten

Ich gehe die einzelnen Punkte durch. Die Abschaffung von Hungersnöten betrifft, wie Herrmann selbst feststellt, vor allem den westeuropäischen Raum. Ansonsten wird trotz der Milleniumsziele zur Abschaffung des Hungers überall auf der Welt, insbesondere in ehemaligen Kolonien, gehungert. Was die Hungersnöte in Westeuropa betrifft, waren sie gerade zur Blütezeit des Kapitalismus im 18. und 19. Jhdt. am größten. Nehmen wir z.B. die drei Hungersnöte in Irland (1845-1848): In Irland waren die Kartoffeln das ausschließliche Grundnahrungsmittel, so daß jede Mißernte unmittelbar zur Katastrophe wurde. Gleichzeitig wurde von den englischen Großgrundbesitzern Weizen  ins Ausland verkauft, wo höhere Gewinne erzielt werden konnten.

Irland war also eine Kolonie Englands, die Landwirtschaft war eine Monokultur, und die Renditeorientierung der Großgrundbesitzer führte dazu, daß wertvolle Nahrungsmittel ins Ausland verschifft wurden. Alles das sind Merkmale eines florierenden Kapitalismus. Wenn es dann doch zu einer Abschaffung von Mißernten und Hungersnöten kam, lag das gewiß nicht an einem dem Kapitalismus inhärenten Humanismus. Letztlich müßte man die direkt durch den Kapitalismus verschuldeten Todeszahlen, die auf die Verelendung und Entrechtung großer Teile der ausgebeuteten Bevölkerungsschichten zurückzuführen sind, mit den andersartig begründeten Sterberaten in vorkapitalistischen Gesellschaftsformen verrechnen, um eine entsprechende Aussage rechtfertigen zu können.

Gesundheit und Komfort

Was die Gesundheit und den Komfort betrifft, den wir dem Kapitalismus angeblich zu verdanken haben, sollten wir uns an die Regel halten, daß nicht alles, was zur gleichen Zeit unser Leben bestimmt, kausal miteinander verknüpft ist. Nur weil unsere Gesundheitssysteme und unsere komfortable Lebensführung sich gleichzeitig mit dem Kapitalismus entwickelt haben, haben wir diese noch lange nicht dem Kapitalismus zu verdanken. Es ist noch nicht mal so, daß der Kapitalismus uns ein gesundes und komfortables Leben ermöglicht hat; jedenfalls wenn wir mal davon absehen, daß wir, die wir im Kapitalismus leben, immer mehr oder weniger gezwungen sind, uns mit den kapitalistischen Rahmenbedingungen zu arrangieren, und daß wir deshalb auf die Mittel zurückgreifen müssen, die sie uns zur Verfügung stellen.

Jedenfalls sind es vor allem Frauen, einzelne herausragende Persönlichkeiten beiderlei Geschlechts und gesellschaftliche Organisationen wie die Gewerkschaften, die sich engagiert, empathisch und kompetent gerade auch gegen die kapitalistischen Prärogative dafür eingesetzt haben, soziale, hygienische und medizinische Mißstände zu überwinden. Und da sind es natürlich eben die Frauen, die die notwendige Care-Arbeit geleistet haben und noch immer leisten, ohne dafür honoriert zu werden. Und es ist gerade der Kapitalismus, der am meisten von dieser Care-Arbeit profitiert hat und ohne die er gar nicht funktionieren würde. Denn er ist ein Parasit, der sich an den Ressourcen, zu denen auch unser Mitgefühl gehört, sattsaugt.

Deshalb war es auch gar keine gute Idee, Allgemeingüter zu privatisieren, wie wir jetzt in der Coronakrise gelernt haben, wo die auf finanzielle Effizienz getrimmten, schlecht ausgestatteten Krankenhäuser der Aufgabe, die Erkrankten zu versorgen, nur dank des unterbezahlten und insgesamt zu wenigen Pflegepersonals gerade so eben gerecht werden konnten.

Was den Komfort betrifft, führt Herrmann unter anderem die Smartphones an, da sie unser Leben angeblich so sehr bereichern. Das Smartphone steht aber gerade für die letzte Phase des Kapitalismus vor seinem Abgang: es dient in erster Linie der gewinnträchtigen Abschöpfung der Aufmerksamkeitsressourcen ihrer Nutzer. Komfortabel ist das vor allem für die Smartphone-Betreiber. Nie war es so leicht, die Kunden die ganze Arbeit selbst machen zu lassen. Produktionsstätten und Arbeiterschaft sind überflüssig.

Entwicklung von Technologien

Um die großartigen Technologien, die wir dem Kapitalismus verdanken, angemessen zu würdigen, verweist Herrmann auf Marx, den größten Kapitalismuskritiker: „Marx und Engels waren lebenslang fasziniert von den technischen Erfindungen ihrer Zeit, und penibel wurden die ‚Wunderwerke‘ aufgezählt ...“ (Herrmann 2022, S.22) Aufschlußreicherweise steht ganz zu Beginn dieser Liste der bewundernswerten technischen Errungenschaften die „Unterjochung der Natur“. Letztlich standen Marx und Engels und mit ihnen der Kommunismus in der ungebrochenen Kontinuität des Kapitalismus: „Sie begrüßten das entfesselte Wachstum“. (Vgl. ebenda)

Glücklicherweise hat Herrmann in der Einleitung ausdrücklich festgehalten, daß es mit dem Wachstum, wie eben auch mit dem Kapitalismus, jetzt ein Ende haben muß. Mich irritiert aber dennoch, wieso sie an dieser Stelle das Wachstum für einen „Segen des Kapitalismus“ hält.

Durchdringung aller Lebensverhältnisse

Aber auch andere Aspekte des Kapitalismus, die man gewohnt ist, zu dessen negativen Seiten zu zählen, sind bei Herrmann Teil der positiven Bilanz: „Der Kapitalismus ist aber weit mehr als nur ein Wirtschaftssystem, das Wachstum und Wohlstand ermöglicht. Er prägt uns von der Wiege bis zur Bahre und ist längst in unser intimstes Privatleben vorgedrungen.“ (Herrmann 2022, S.23) – Herrmann spricht hier von einem Phänomen, das bei Habermas als „Kolonialisierung der Lebenswelt“ beschrieben wird. Kolonien gab es nicht nur in Amerika, Afrika, Asien und Australien. Es gab und gibt auch eine Kolonisierung des menschlichen Bewußtseins selbst. Und zwar allererst in Europa.

Das findet Herrmann nicht weiter schlimm. Zu den „Errungenschaften des Kapitalismus“ zählt sie „Liebesheiraten“, die erst durch den „steigende(n) Wohlstand“ möglich wurden, also dem Kapitalismus zu verdanken sind. (Vgl. Herrmann 2022, S.23) – Ob sie dabei wohl an Hollywood dachte? Wo sonst könnten Liebesheiraten kapitalismusförmiger sein als dort.

Ermöglichung von Schulbildung

Das einzige Interesse, das der Kapitalismus an Kindern hat, ist Kinderarbeit. Das kann man überall dort sehen, wo er noch nicht durch eine humane Gesetzgebung reguliert ist. Herrmann ignoriert diese geschichtliche Tatsache und hält sich an den entwickelten Kapitalismus unserer Tage, dem sie ein ureigenes Interesse an einer guten Schulbildung attestiert: „Bildung ist ein Menschenrecht, aber erst der Kapitalismus hat zahllose Stellen geschaffen, die gut geschultes Personal erfordern.“ (Herrmann 2022, S.24)

Das ist sicher so. Heutzutage findet man ohne Abitur keine Stelle mehr. Für ungelernte Arbeiter gibt es keinen Bedarf. Aber erstens ist Bildung mehr als berufliche Qualifikation. An solcher Bildung hat unsere Gesellschaft kein Interesse mehr, wenn man sich anschaut, was an Schulen und bologna-reformierten Universitäten passiert. Zweitens hat die einseitige Ausrichtung auf eine umfassende Digitalisierung längst ein anderes Problem geschaffen: Es fehlt an Handwerkern und Pflegepersonal.

Drittens dient schulische Bildung nicht den Interessen des Kapitalismus, sondern Schülerinnen und Schülern; jedenfalls forderte das Wilhelm von Humboldt, der sich für ein zweigeteiltes Bildungssystem – erst Allgemeinbildung, dann Berufsausbildung – einsetzte, um Wirtschaftsinteressen aus der Schule rauszuhalten.

Gewährleistung von Bürgerrechten

Folgt man Herrmanns Darstellung, so verdanken wir es dem Kapitalismus, daß wir gegen ihn protestieren können: „Der Kapitalismus ist kein Paradies und hat längst nicht alle Ungleichheiten beseitigt. Neu ist aber, dass gegen Benachteiligungen zumindest protestiert werden kann.“ (Herrmann 2022, S.24f.)

* * *

Alle diese Fortschritte und Wohltaten verdanken wir also dem Kapitalismus. Sogar außerhalb Europas darf man sich freuen, „dass der Kapitalismus den globalen Süden erreicht hat und nicht auf die traditionellen Industrieländer beschränkt bleibt“. (Vgl. Herrmann 2022, S.26) – Die Lebenserwartung steigt, und Neugeborene haben „heute mehr Chancen, ihren fünften Geburtstag zu erreichen“. (Vgl. ebenda)

Kein Wort darüber, daß der Kapitalismus schon vor Jahrhunderten dort angekommen war: in Gestalt von Kolonialismus und Imperialismus. Eigentlich war man dort eher froh gewesen, daß man ihn im Laufe des 20. Jhdts. nach und nach wieder losgeworden war.

Aber natürlich hat sich der Kapitalismus nur der Gestalt als Kolonialmacht entledigt. Solange nicht alle Ressourcen erschöpft sind, wird er in anderer Gestalt bleiben.

Dienstag, 13. September 2022

„Der Kapitalismus war außerordentlich segensreich.“

Ulrike Herrmann schreibt in ihrem Buch „Das Ende des Kapitalismus“ (2022) zwei Sätze dicht hintereinander. Dem einen kann ich zustimmen, dem anderen nicht.

  1. „Klimaschutz ist nur möglich, wenn wir den Kapitalismus abschaffen.“ (Herrmann 2022, S.10f.)
  2. „Der Kapitalismus war außerordentlich segensreich.“ (Herrmann 2022, S.11)

Dem zweiten Satz, dem ich nicht zustimmen kann, folgt ein Verweis auf unser heutiges Sozialsystem und auf unseren heutigen Wohlstand. – Das ist ungefähr so sinnvoll wie: „Die Sklaverei im antiken Griechenland war außerordentlich segensreich.“ – mit dem Verweis auf die athenische Demokratie und die griechische Kultur und Philosophie.

Herrmanns Behauptung ist schon deshalb sinnlos, weil es keine Antwort auf die Frage gibt, welche Entwicklung die europäische Gesellschaft ohne den Kapitalismus genommen hätte. Es fehlt also jede Vergleichsgrundlage.

Wenn man sich aber den faktischen Geschichtsverlauf seit Beginn des Kapitalismus ansieht, so bleibt nur die nüchterne Feststellung, daß alle die gesellschaftlichen Fortschritte, die wir angeblich dem Kapitalismus verdanken, ihm in einem mühsamen, von unsäglichem Elend und Leid gekennzeichneten, Jahrhunderte andauernden Kampf abgerungen werden mußten. Von Anfang an beruhte der Kapitalismus auf der gnadenlosen Ausbeutung von menschlichen und planetarischen Ressourcen, basierend auf dem unstillbaren Hunger nach grenzenlosem Wachstum.

Dieses Wachstum interpretiert Herrmann deshalb auch ganz richtig als den eigentlichen Kern des Kapitalismus, weshalb sie, ab hier folge ich wieder ihrer Darstellung, die Vorstellung eines „grünen Wachstums“ für eine Illusion hält. (Vgl. Herrmann 2022, S.11) An die Stelle des Wachstums muß eine „ökologische Kreislaufwirtschaft“ treten (vgl. Hermann 2022, S.12), wenn auch heute niemand genau sagen kann, wie diese im einzelnen auszugestalten sein wird. Doch eines ist schon jetzt gewiß: diese Kreislaufwirtschaft kann nicht auf dem Niveau der europäischen Wohlstandsgesellschaft von heute funktionieren: „Wenn die grüne Energie reichen soll, bleibt nur ‚grünes Schrumpfen‘.“ (Herrmann 2022, S.12)

Das so ehrlich auf den Punkt zu bringen, ist immer noch selten in unserer Gesellschaft. Die ganze Politik, auch die der Grünen, ist immer noch darauf ausgerichtet, den Leuten weiszumachen, daß sich die kapitalistische Wirtschaftsform und damit die Grundlage unseres Wohlstands ökologisch nachbessern ließe. Wörter wie ‚Verzicht‘ oder ‚schrumpfen‘ werden peinlich vermieden. Herrmann fügt den bisherigen Komposita (Risko-, Informations-, Leistungs- etc.)-gesellschaft ein neues Kompositum hinzu: aus der Wohlstandsgesellschaft muß eine „Überlebensgesellschaft“ werden. (Vgl. Herrmann 2022, S.15)

Damit benennt Herrmann den Stand der Dinge. Der Kapitalismus ist am Ende. Die Frage ist, ob die Menschen sein Ende überleben.

PS (17.09.2022): Es heißt nicht „Überlebensgesellschaft“, sondern „Überlebenswirtschaft“. Ich habe mich verlesen.

Sonntag, 4. September 2022

Der Mensch, sein Wille und die Intelligenz

Joseph Jacotot (1770-1840), ein französischer Gelehrter und Didaktiker, ging davon aus, daß die Intelligenz aller Menschen gleich ist. Dabei begründete er die Intelligenz nicht als eine abstrakte Problemlösungskompetenz, wie sie mittels der späteren formalen Intelligenztests (IQ) quantifiziert werden kann. Er setzte sie vielmehr in ein Verhältnis zu den menschlichen Bedürfnissen: „Der Mensch ist ein Wille, dem eine Intelligenz dient“, lautet sein vielleicht bekanntester Lehrsatz.

Bei einer Recherche im Internet bin ich auf eine ähnliche Aussage des Historikers Heinrich von Treitschke (1834-1896) gestoßen, die er zugleich mit einer bemerkenswerten Schlußfolgerung verbindet: „Nicht die Intelligenz beherrscht den Menschen, sondern der Wille, dem die Intelligenz nur dient. Man kann deshalb auch nicht die Intelligenz zum Maßstab nehmen für den moralischen Fortschritt des Menschen.“

Von Treitschke, der seine Verhältnisbestimmung von Wille und Intelligenz wohl von Jacotot übernommen hat, erkennt also die Bedürfnisse der Menschen als alleiniger Zweckbestimmung der menschlichen Intelligenz an. Sie steht jenseits einer moralischen Bewertung.

Allerdings greift Treitschke dabei noch zu kurz. Er berücksichtigt noch nicht den Umstand, daß Jacotot zufolge die Intelligenz bei allen Menschen gleich ist. Die Intelligenz der Menschen ist also nicht nur moralisch, sondern auch auf andere Weise nicht bewertbar. Es gibt keinen niedrigen oder hohen IQ. Es gibt nur eine Intelligenz, die dem Willen des Menschen genügt oder nicht genügt. Und das hängt von jedem einzelnen Menschen selbst ab.

Denn daß die Intelligenz bei allen Menschen gleich ist, heißt nicht, daß auch der Wille aller Menschen gleich ist. Die Bedürfnisse der Menschen sind verschieden; und zwar nicht nur zwischen den Menschen, sondern auch in jedem Menschen selbst. Wenn wir also unseren Willen nicht kennen, wenn wir eine verworrene Bedürfnisorganisation haben – dann wird jede intelligente Problemlösungsstrategie versagen. Wir werden mit unserem Leben scheitern.

Das ist übrigens nicht nur eine anthropologische Feststellung, sondern auch eine Zeitdiagnose. Inmitten all unserer ‚intelligenten‘ Technologien werden wir untergehen, weil wir nicht wissen, was wir wollen.

Hingegen wird ein eher schlichter Mensch, der seine Bedürfnisse kennt, weniger Probleme haben, intelligente Wege zu finden, sein Leben zu führen. Andere Menschen, die auf der Höhe ihrer Zeit und ihrer Technologien ein Maximum an Lustbefriedigung anstreben, werden voraussichtlich, was die ‚intelligenten‘ Möglichkeiten betrifft, dieses Ziel zu erreichen, wohl eher plötzlich mit leeren Händen dastehen. – Ich glaube, daß es das ist, was Jacotot meinte, als er postulierte, daß die Intelligenz aller Menschen gleich ist. Intelligent sind die Menschen, denen es gelingt, das zu tun, was sie wollen.

Deshalb gibt es auch keine KI; keine ‚künstliche‘ Intelligenz. Da eine verbreitete Vorstellung darin besteht, daß KI substratunabhängig sei, hat sie keine organische Basis. Mit anderen Worten: sie hat keine Bedürfnisse. Und nochmal anders formuliert: sie hat keinen Willen. Wo aber kein Wille ist, da ist auch keine Intelligenz, die ihm dienen könnte.

Dienstag, 23. August 2022

Eine Welt ohne Olivettis – Ein Nachruf

Mein Offline-Projekt beschränkt sich momentan darauf, auf ein Smartphone zu verzichten und keine Online-Geschäfte zu tätigen. Schon das erweist sich zunehmend als schwierig genug. Ohne diverse Smartphone-Apps, von der Corona-Überwachung über die Buchung von Mietwagen bis zu Bahnreisen, ist man von vielen gesellschaftlichen und Konsumangeboten ausgeschlossen.

Für die Verwaltung meines Bankkontos benutze ich den Online-Zugang; aber nicht um Geschäfte oder Einkäufe zu machen. Ansonsten brauche ich das Internet als Recherchemedium und Publikationsersatz und den PC offline als Schreibmaschine.

Gerade lese ich bei Günter Grass eine Liebeserklärung an seine Schreibmaschine, eine „Olivetti lettera“. PC-Schreibangeboten verweigerte er sich. Von seinen Olivetti lettera besaß er drei, an verschiedenen Standorten in Portugal, Dänemark und Deutschland:

„Alle drei sind mir mechanische Musen. Andere habe ich nicht. In dem Gedichtband ‚Fundsachen für Nichtleser‘, der Ende des letzten Jahrhunderts erschien und in Aquadichten mehr als meine Siebensachen aufzählt, habe ich ihnen einen Vierzeiler gewidmet. Nie ist die portugiesische auf die dänische oder die Behlendorfer Olivetti auf die beiden ausländischen eifersüchtig. Und wie sie mich dreistimmig lieben, bleibe ich ihnen, nur ihnen zugetan.“ (Günter Grass, Beim Häuten der Zwiebel, Göttingen 2006, S.451)

Das Gedicht in den „Fundsachen für Nichtleser“ (1997, S.43) lautet:

MEINE ALTE OLIVETTI
ist Zeuge, wie fleißig ich lüge
und von Fassung zu Fassung
der Wahrheit
um einen Tippfehler näher bin.

Es bedarf des Internets und seiner Foren, um das Lügen massentauglich zu machen. Die Schreibmaschine hingegen lädt dazu ein, individuell so lange an Texten zu arbeiten, bis eine Fassung bis in die Tippfehler hinein der Wahrheit ähnlicher ist als alle anderen. Und die offene Weite jenseits seines geöffneten Fensters reicht dem Autor Grass, um sich bemerkbar zu machen:

„Stimmt, sie hat ihre Macken. Oft klemmt das Farbband. Doch bin ich mir sicher: sie altert, aber veraltet nicht. Ihr Klappern meldet bei offenem Fenster weithin, daß wir leben, wir beide immer noch leben: hört! Nicht enden will unser Zwiegespräch. Ihr zu beichten, bin ich katholisch genug.“ (Grass 2006, S.451)

Nun – auch Grass lebt nicht mehr. Als veraltet müssen sich diejenigen empfinden, denen es geht wie ihm. Ich bin mir sicher, daß eine Welt ohne Olivettis nicht mehr die seine ist. Jedenfalls ist sie nicht mehr meine.