Eva von Redecker: Dieser Drang nach Härte. Über den neuen Faschismus (2026)
1. Falsche Begriffe und fehlender Wille
2. Die Natur im Anthropozän
3. Kapitalismus und Neoliberalismus
4. Lebenswelt und Phantombesitz
5. Eingedenken
Während Ulrike Herrmann in ihrem Buch „Das Ende des Kapitalismus“ (2022) meint, daß „sich ‚vollendete Barbarei‛ und industrieller, auf Lohnarbeit basierender wirtschaftlicher Fortschritt nur zufällig“ miteinander verbinden (vgl. Redecker 2026, S.82), urteilt Max Horkheimer: „Wer aber vom Kapitalismus nicht reden will, soll auch vom Faschismus schweigen“. (Vgl. Redecker 2026, S.76). Das Zitat von Max Horkheimer ist in Redeckers Buch zur Gänze in Kapitälchen gesetzt, und auch sonst vertritt Eva von Redecker diese Position.
Allerdings unterscheidet sie ausdrücklich zwischen dem Kapitalismus als einer Wirtschaftsform, die den Faschismus begünstigt, und dem Faschismus selbst. Da Redecker den Faschismus als liquidierende Phantombesitzverteidigung definiert, muß eine Wirtschaftsform, die auf einem Eigentumsbegriff basiert, der den Eigentümer zur jederzeitigen, von jeder Verantwortung befreiten Veräußerung seines Eigentums und darüberhinaus ausdrücklich sogar zur völligen Vernichtung seines Eigentums berechtigt (vgl. Redecker 2026, S.86ff.), eines Eigentums, zu dem früher nicht nur Dinge, sondern auch Menschen ‒ Sklaven und Frauen ‒ zählten, als Vorläuferin des Faschismusses verstanden werden.
Das galt so schon für die Demokratie des antiken Griechenlands und für den römischen „pater familias“ der das absolute Verfügungsrecht über Leben und Tod seiner Familienangehörigen hatte, und daß Frauen das Verfügungsrecht über ein eigenes Konto in Deutschland erst in den 1970ern zugesprochen bekamen und sich auch ohne Erlaubnis ihres Ehemanns eine Arbeit suchen durften, belegt auf bedrückende Weise, wie nahe und wie lange schon patriarchale Gesellschaftsformen einem liquidierenden Phantombesitz faschistischer Prägung gestanden hatten.
Was den Kapitalismus als Wirtschaftsform kennzeichnet, ist Redecker zufolge die Art und Weise, wie Dinge (natürliche Ressourcen und Menschen) in Waren verwandelt werden. Die industrielle Produktion spaltet das Ausgangsmaterial zum einen in Waren, die einen ‚Wert‛ haben, also auf dem Markt verkauft werden können. In diesem Produktionsprozeß wird der Arbeiter selbst, als Arbeitskraft, zuvor auf dem ‚Arbeitsmarkt‛ in eine Ware verwandelt. Und zugleich spaltet der Produktionsprozeß vom Ausgangsmaterial einen zurückbleibenden ‚Rest‛ ab, der nichts mehr wert ist: den Müll. (Vgl. Redecker 2026, S.88ff.)
Die Ware erhält also einen ‚Preis‛, während der Müll ‚preisgegeben‛ wird und die natürlichen Kreisläufe (Gezeiten) belastet. Vom Menschen spaltet der industrielle Produktionsprozeß im Kapitalismus die unbezahlte, zumeist weibliche Reproduktionsarbeit ab, auch Care-Arbeit genannt, die der „Wiederherstellung von Leben gewidmet“ ist (vgl. Redecker 2026, S.221f.): „Im fortgesetzten Kapitalismus steht die profitgeleitete Produktion ... in viel größerem Gegensatz zur Reproduktionssphäre denn als bloße Ausbeuterin. Sie führt regelrecht Krieg gegen die Reproduktion, deren Bedingungen sie untergräbt.“ (Vgl. Redecker 2026, S.223)
Die meist weibliche Reproduktionsarbeit gehört also aus Sicht des kapitalistisch-industriellen Produktionsprozesses zum Müll, der von der Ware Arbeitskraft ‚abfällt‛. In diesem Umgang mit den menschlichen und natürlichen Ressourcen sieht Redecker den Ursprung eines enthemmten, liquidierenden Phantombesitzes und führt so den Faschismus auf den Kapitalismus zurück. (Vgl. Redecker 2026, S.72ff.) Vom Faschismus unterscheidet sich der Kapitalismus nur darin, daß die „Marktwirtschaft“ zwar „liquidierende Effekte“ hat, aber dabei nicht „auf ausgewählte Feinde“ zielt. (Vgl. Redecker 2026, S.85)
Damit wird auch der angeblich mit dem Kapitalismus verbundene Fortschritt zum Mythos: „Da das Abgespaltene aber auch weggeworfen fortexistiert, gibt es den Fortschritt tatsächlich nicht. Die Vorstellung von Geschichte, aus der er stammt, ist nicht zu halten.“ (Redecker 2026, S.89)
Neoliberalismus: Der Neoliberalismus entstand, wie im vorangegangen Blogpost gezeigt, wie schon der aktuelle Faschismus zur „Unzeit“, nämlich zu Beginn der 1970er Jahre, als der Bericht des „Club of Rome“ zu den Grenzen des Wachstums erschien und dann, eben wegen erstarkender neoliberaler Tendenzen in einem global entfesselten Kapitalismus, schon früh ökologische Reformen für längere Zeit ganz verhinderte und sie schließlich, als er sie nicht mehr gänzlich verhindern konnte, bis heute behindert und torpediert. Nicht genutzte Zeit ist aber in diesem Fall deshalb Unzeit, weil sie die Zeit, in der noch etwas getan werden kann, vernichtet, wenn nicht sogar schon vernichtet hat.
Wie wir in diesem Blog schon an anderer Stelle gesehen haben, hatte Georg Simmel dem Geld das positive Potenzial zugeschrieben, die Menschen aus sozialen Abhängigkeiten zu befreien und in mit eigenen Rechten ausgestattete Individuen zu verwandeln. Karl Polanyi hob im Unterschied zu Simmel vor allem den mit dieser Individualisierung einhergehenden Verlust an sozialer Sicherheit hervor, während Redecker ihm, ganz im Sinne von Simmel, entgegenhält, „dass manche Vereinzelung, manches Verfallen alter Bindungen auch befreiend sein kann“. (Vgl. Redecker 2026, S.89f.)
Scheinbar gibt sie damit Simmel mit seiner Analyse Recht. Aber ihr Argument ist umfassender und weist beide Ansätze, den von Polanyi und den von Simmel, zurück: „Wenn wir über die Ankerpunkte des Faschismus nachdenken, scheint mir aber der Gegenpol zu solcher Emanzipation im Einklang mit dem Markt aufschlussreich. Als Schutz vor Vermarktlichung posiert nämlich auch etwas, das seinerseits zermürbend und herrschaftsförmig ist.“ (Redecker 2026, S.90)
Wo nämlich CDU/CSU meinen, die Frauen, vor allem die Mütter, vor dem Berufsalltag schützen zu müssen, damit sie sich im geborgenen Schoß der Kleinfamilie ‒ in „patriarchal privatisierte(r) Sorgearbeit und Sexualität“, wie Redecker schreibt ‒ ‚verwirklichen‛ können, kaschieren sie nur, daß in diesen familiären Strukturen eine immer noch fortwirkende, zermürbende und herrschaftsförmige Geschichte fortdauert. (Vgl. Redecker 2026, S.90) Wo also Polanyi den Verlust sozialer Sicherheit beklagt und Simmel sich im Gegensatz dazu über die neuen individuellen Rechte freut, übersehen beide das eigentliche Problem: immer geht es nur darum, wer wen oder wer was besitzen und darüber verfügen darf.
Redecker stellt mit dem Kapitalismus den Neoliberalismus, der vielleicht dessen letzte Erscheinungsform bildet, in einen engen Zusammenhang mit dem Faschismus: „Ich möchte angesichts dieser Fragen vorschlagen, den Neoliberalismus nochmal auf eine andere Weise zu bestimmen: als eine Ordnung, der es gelungen ist, die zukünftige Zeit einzuhegen. Was in den letzten Jahrzehnten auf präzedenzlose Weise gelang, ist, die Zukunft selbst zum besitzbaren und liquidierbaren Gut zu machen.“ (Redecker 2026, S.101)