„...letztlich ist der Mensch, als Folge oder Krönung der Evolution, nur in der Totalität der Erde begreifbar.“ (Leroi-Gourhan, Hand und Wort, S.22)
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Mittwoch, 1. März 2017

Raoul Schrott, Erste Erde Epos, München 2016

1. Gestalt und Struktur
2. Muster

Von Anfang an war für mich die Kosmologie in diesem Blog kein ernstzunehmender Gegenstand und ich schloß sie aus dem Umkreis der Themen, mit denen ich mich in meinem Blog befassen wollte, aus. Die hanebüchenen Spinnereien der Astrophysiker, die fern jeder Anschaulichkeit nur auf verworrenen mathematischen Gleichungen fußen, waren und sind in meinen Augen wissenschaftlich indiskutabel. Wissenschaft hat meiner Ansicht nach ganz wesentlich etwas damit zu tun, die Welt mit unseren Händen und Sinnen zu (be-)greifen und wahrzunehmen. Die Kosmologen haben diesen Anspruch längst aufgegeben. Sie entwickeln Theorien, die jenseits jeder Phänomenologie liegen:
„In Gab es einen Big Bang? sieht David Berlinski 1998 damit Wissenschaft übergehen auf das Gebiet der ‚Priester, Weissager, Dichter, Politiker, Romanciers, Generäle, Mystiker, Künstler, Astrologen‘ ...“ (Schrott 2016, S.693)
Nicht ohne Ironie ist es dabei, daß sich die ‚Astronomie‘ in ihrer Namensgebung ursprünglich von der unwissenschaftlichen ‚Astrologie‘ hatte absetzen wollen. Raoul Schrott weist ausdrücklich auf die Verwandtschaft der heutigen, sich als wissenschaftlich verstehenden Kosmogonien mit dem Stein der Weisen der Alchemie hin:
„Die auf der späteren Quantenmechanik basierende Vorstellung, dass die chemischen Elemente Schritt um Schritt von leichteren synthetisiert werden, entspricht der Grundidee der Alchemie und ihrer Suche nach Transmutationen durch den lapis philosophorum, dem Stein der Weisen.“ (Schrott 2016, S.700)
Jetzt hat Raoul Schrott ein Buch vorgelegt, „Erste Erde Epos“ (2016), in dem er sich genau mit jener Kosmologie auseinandersetzt, mit der ich nichts mehr zu tun haben wollte. Allerdings geht es bei ihm nicht um abstrakte „mathematische gleichungen“ (Schrott 2016, S.108), in denen bei der „Suche nach kausalen Abhängigkeiten und Gesetzmässigkeiten“ der moralische und symbolische „Bezug“ des Menschen „zu den Dingen verloren“ gegangen ist (vgl. Schrott 2016, S.20). Stattdessen versucht Schrott das „dichte Denken“, also das Formeldenken der Wissenschaften, in „dichterische(s) Denken“ zu transformieren (vgl. Schrott 2016, S.24), ihm also mittels Bildern, Metaphern, An- und Gleichklängen von Wörtern, rhythmischen Gliederungen von Versen und Satzfragmenten einen auch für das „alltägliche() Denken“ nachvollziehbaren Ausdruck zu verleihen (vgl. Schrott 2016, S.24 und 25):
„Deshalb ist dieses Buch in beiden, einander ergänzenden Teilen anthropozentrisch: es will das Eigentliche im Uneigentlichen erkennen, die Umrisse des Menschen, wie sie von kosmologischen, geologischen, biochemischen und evolutionären Abläufen figuriert werden – als Schnittpunkte komplexer Verbindungen, die nicht allzu einfach dargestellt werden sollten, um nicht die ihnen eigene objektive Sachlichkeit zu verlieren.“ (Schrott 2016, S.26)
Damit führt Schrott sein Projekt von „Gedicht und Gehirn“ (2011) weiter, das ich in diesem Blog auch schon einmal besprochen habe (vgl. meine Posts vom 07.07. bis 26.07.2011) und in dem ich damals wie heute die „Ästhesiologie“ von Helmuth Plessner wiederzuerkennen glaube, nämlich als eine die biologische, kulturelle und individuelle Dimension umfassende Beschreibung des Menschen. Es geht Schrott um die Einbeziehung des aktuellen kosmologischen Wissensstandes in einen menschheitsgeschichtlichen Horizont. Damit fügt er den drei bis vier Entwicklungslinien, die ich bislang thematisiert habe, der Geologie, Biologie, Kultur und Individualität (vgl. meine Posts vom 31.01.2013 und vom 14.01.2015), die kosmische Entwicklungslinie als eine fünfte Dimension hinzu. Und diese Entwicklungslinien konvergieren nicht etwa im Menschen, sondern sie – wie es die Berliner Schriftstellerin ‚Martina Guilliani‘ (vgl. Schrott 2016, S.155-175) formuliert – brechen sich in ihm. (Vgl. Schrott 2016, S.160) Hier deutet sich der Anachronismus an, der das Verhältnis der Entwicklungslinien zueinander kennzeichnet.

Allerdings geht Schrott bei seinem Bemühen, den unsichtbaren Strukturen der Natur Bedeutung und Anschaulichkeit zu verleihen, gelegentlich ein wenig zu weit. So verwischt er den „unterschied zwischen wort und ding“ (Schrott 2016, S.271), indem er die „architekturen der natur und des seins“ als Codes deutet, die sich „letztlich gleichen“ (vgl. Schrott 2016, S.273). Damit nivelliert er die bedeutungsstiftende Differenz zwischen Meinen und Sagen, die sich nur aus der Präsenz eines individuellen Bewußtseins ergibt.

Außerdem reduziert Schrott die kulturelle Evolution der menschlichen Kooperation in erstaunlich naiver Weise auf den Gebrauch von Waffen. Aus dem Fund eines „1,8 Millionen Jahre alten Vorrats von faustgrossen Steinen“, die Schrott als „Wurfsteine“ identifiziert, deduziert er, daß der Ursprung der menschlichen Kooperation im Gebrauch von Waffen liege:
„... ein David konnte damit den Goliath der Gruppe töten, was egalitäre Existenzformen im gleichen Mass beförderte, wie die Drohung von Waffeneinsatz Gruppenkooperation erzwingen konnte.“ (Schrott 2016, S.832)
Und an anderer Stelle spricht Schrott mit der amerikanischen Kunsthistorikerin ‚Francis Wolfs‘ von einer „gemeinschaft einander erzwungenermassen gleichrangiger“. (Schrott 2016, S.603) – Die us-amerikanische Waffenlobby wird es freuen, daß ihr Pochen auf das Recht, Waffen zu besitzen, evolutionsbiologisch gerechtfertigt ist. Und Michael Tomasello hätte sich seine jahrzehntelange Forschung an Primaten und Kleinkindern, derzufolge die menschliche Kooperationsfähigkeit auf geteilter Intentionalität und Hilfsbereitschaft beruht, ersparen können.

Die verschiedenen Kapitel des Epos präsentieren die jeweiligen Perspektiven verschiedener menschlicher Akteure, teilweise fiktive, teilweise reale Persönlichkeiten, die Schrott bei seinen Reisen zur Vorbereitung des Buches persönlich kennengelernt hat, und nicht zuletzt auch Schrott selbst. So beklagt sich ‚Michael Höss‘, einer von drei Astrophysikern (vgl. Schrott 2016, S.103-127), die gemeinsam eine Sylvesternacht in der Sternwarte auf dem Cerro Armazones verbringen, über die Spekulativität kosmologischer Weltbilder, deren „grundlage von radaraufnahmen mathematischen gleichungen und probalitäten“ gebildet wird. (Vgl. Schrott 2016, S.108) Michael Höss gesteht, daß er – ganz entgegen der professionell bedingten Theorielastigkeit seiner Kollegen – „etwas auch in händen halten“ können muß, um sich seines Gegenstands gewiß sein zu können. (Vgl. Schrott 2016, S.108)

Michael Höss bezeichnet den Menschen als ein „wesen der oberfläche“, der sich „in einer fast oberflächenlosen welt“ befindet, „dem festen verhaftet während ringsumher sich alles im fluss findet“ (vgl. Schrott 2016, S.109), und bringt damit die phänomenologische Aporie eines mit beschränkten Sinnen und beschränktem Verstand ausgestatteten Körperwesens auf den Punkt. Diese paradoxe Befindlichkeit des Astrophysikers, daß seine Erkenntnisse und Einsichten „nur mittelbar noch nachvollziehbar“ sind (vgl. Schrott 2016, S.19), also über Metaphern, Bilder und eben auch über Formeln, die ja nur Krücken eines um sich selbst kreiselnden „denkens“ bilden (vgl. Schrott 2016, S.114), teilt Michael Höss mit Schrott selbst. Immer wieder geht es in Schrotts Epos darum, daß der Mensch etwas in Händen halten möchte, das er greifen und begreifen kann, weshalb Michael Höss auch Meteoritenkundler geworden ist, weil er es hier mit einem Bereich der Astrophysik zu tun hat, in dem er sein Denken an konkreten Fundstücken verankern kann, um so dem „selbstbezogenen kreiseln unsres denkens“ zu entgehen.

Das Gegenstück zu dem nach konkreter Berührung sich verzehrendem Astrophysiker bildet ironischerweise ein Photograph, der von Haus aus eigentlich ein geborener Phänomenologe sein müßte, dem Oberflächen über alles gehen: Detlef Orloff. (Vgl. Schrott 2016, S.129-140) Tatsächlich gibt sich Orloff aber alle Mühe, die Naturphänomene, die sich seinem unbewaffneten Auge darbieten, mittels spezieller Kameratechniken unkenntlich zu machen und stattdessen verborgene Strukturen, die auf ihre ferne Herkunft aus einer verborgenen geologischen Tiefe oder kosmologischen Fremde verweisen (vgl. Schrott S.131, 133, 137, 139), sichtbar werden zu lassen:
„ich habe für meine fotos das quadrat gewählt um die proportio | divina der üblichen formate zu vermeiden ⋅ und bin auch noch | von seiner gleichseitigkeit leicht abgewichen damit sich nichts | dem blickpunkt einer gleichsam göttlichen überschau anbiedert | und ich habe schliesslich sogar auf alle horizontlinien verzichtet | die vorder- und hintergründe angeglichen und die tiefe ebenso | in sich zerfallen lassen wie das davor und das danach des lichts | damit in einer verschlusszeit strukturen von welt zu tage treten“ (Schrott 2016, S.133)
Der Photograph behauptet entgegen der phänomenologischen Grundwahrheit, daß die Natur sich offen zeige, daß die Natur „diskret“ sei, also ihre Verborgenheit! (Vgl. Schrott 2016, S.137) Detlef Orloff ist zutiefst vom verborgenen Strukturalismus der sichtbaren Welt überzeugt. Dieser Strukturalismus bietet sich niemals dem ersten oder zweiten Blick dar, sondern er bedarf einer langen Übung in phänomenologischer Abstinenz. Orloff ist mehr Astrophysiker als die Astrophysiker selbst, denen Schrott eine zutiefst persönliche Beziehung zum Kosmos bescheinigt und die vergebens versuchen, ihre Erkenntnisse mittels „computersimulation oder ultraviolettaufnahme“ zu popularisieren, was Schrott aber mehr an „malen nach zahlen“ erinnert als an ernsthafte Wissenschaft. (Vgl. Schrott 2016, S.145)

Michael Höss und Detlef Orloff bilden zwei Antipoden, die für zwei miteinander unvereinbare Dimensionen des Formbegriffs stehen: für ‚Gestalt‘ und für ‚Struktur‘. Die Gestalt ist das, was der Phänomenologe auf den ersten Blick erfaßt und was er dann in vielen Sätzen und Wörtern in die lineare Struktur von Zeilen beschreibend zu übertragen versucht. Die Struktur ist das, was der Strukturalist hinter der sichtbaren Oberfläche verborgen sieht und was er durch mühsames Graben und aufwendiges Deduzieren in Formeln zur Darstellung bringt. Auf der Grenze zwischen Anschauung und Formelwissen bewegt sich Schrott mit seiner Hermeneutik:
„das gedicht ist eine zelle - eine sich abgrenzende form | sich selbständig erhaltend und amöbenhaft auf reize | von aussen reagierend ⋅ nahrung aufnehmend | für den metabolismus seiner zeilen die autopoiesis eines lebens | das struktur ist und information | metrum und reim: in denen das sein einen sinn ergibt“ (Schrott 2016, S.206)
Zugleich beruht der Großteil des Sprachdenkens auf vorsprachlichen Fähigkeiten der Bild- bzw. Gestaltwahrnehmung: „Wenn wir von Dingen reden, die wir mögen, wird der emotionale Gehalt nur zu 7% durch die Wortwahl selbst bestimmt; 38% vermitteln sich durch den Ton der Aussage, 55% über nicht-verbale Hinweise – also durch Körpersprache, die wir evolutionär am besten und schnellsten verstehen.“ (Schrott 2016, S.835)

Folgt man dieser Statistik und setzt man den emotionalen Gehalt mit ‚Information‘ gleich – wer außer informationsverarbeitenden Maschinen kann beides schon sauber voneinander trennen? –, so ist die menschliche Sprache nur zu 7 Prozent an Grammatik und Syntax gebunden und in diesem Sinne informativ. Zu 93 Prozent ist sie expressiv.

So sehr Schrott mit seinem Buch das Kosmologische ins Epische und Poetische transformiert, um seine Bedeutung für den Menschen zu erkunden, hält er doch nichts davon, es dem Leser dabei allzu leicht zu machen. Der Großteil des knapp 850 Seiten umfassenden, aufwendig in zwei Farben gedruckten Textes ist trotz des festen Einbandes und zweier Lesebändern kein reines Lesevergnügen. Schrott verzichtet konsequent auf jede Großschreibung und auch weitgehend auf jede Zeichensetzung. Nur in der Kapitelübersicht, im Vorwort und im umfänglichen Anhang finden wir wieder Groß- und Kleinschreibung samt dazugehöriger Zeichensetzung. Gleichsam als Ersatz, aber ohne erkennbarem syntaktischen Sinn sind zwischen den Wort- und Satzkonglomeraten feine kleine Pünktchen und Strichlein verstreut, als handelte es sich um kosmischen Staub. Es ist, als wollte Schrott auf diese Weise das Bewußtsein des Lesers in eine Analogie zu den Grundkräften des Universums bringen: zu Anziehung und Abstoßung, aus denen nach dem Urknall Sterne und Galaxien entstanden.

Der Leser sieht sich so mit einer Flut von Zeichen konfrontiert, nur grob geordnet nach Silben, Absätzen und Zeilenenden. Diese Partikel müssen mit Hilfe der geistigen Schwerkraft des Lesers allererst zu Satzteilen und Sätzen zusammengefügt werden. Lesend vollzieht er also nach, was im kosmischen Maßstab geschieht. Er wird so selbst zum Autor, dem der eigentliche Autor, Raoul Schrott, nur das Rohmaterial liefert. Vielleicht erkennt er sich auf diese Weise selbst als einen Kosmos im Kosmos, als etwas, das Sinn in der Leere schafft.

Aber es lohnt sich; zum Beispiel die Gewißheit, die uns allein die Kosmologie zu vermitteln mag: „die welt begann ohne den menschen - sie wird auch ohne ihn enden“. (Schrott 2016, S.127)

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Montag, 13. Oktober 2014

Lee Smolin, Im Universum der Zeit. Auf dem Weg zu einem neuen Verständnis des Kosmos, München 2014 (2013)

1. Kosmologische natürliche Selektion
2. Des Kaisers neue Kleider
3. Sich zeigen und sich verbergen
4. Effektive Theorien
5. Mathematik als Platonismus
6. Das Universum als Totalität
7. Informationstheorie statt Physik
8. Ethik

Wenn es also keine fundamentalen Theorien gibt, sondern nur effektive Theorien (vgl. meinen Post vom 11.10.2014), dann bedeutet das, daß diese Theorien, deren Gültigkeitsbereich auf Subsysteme innerhalb des Universums beschränkt ist, nicht auf das ganze Universum ausgedehnt werden können. Das Universum wird üblicherweise als eine Entität beschrieben, die es nur einmal gibt. Das bedeutet, daß das Universum ein Objekt ist, mit dem nicht experimentiert werden kann. Es kann weder unter Laborbedingungen präpariert werden, noch können Experimente mit anderen Objekten seiner Art wiederholt werden. (Vgl. Smolin 2014, S.25)

Die Einzigkeit des Universums beinhaltet desweiteren, daß es zu diesem Universum auch kein Außen gibt (vgl. Smolin 2014, S.330), was ebenfalls ein Hindernis für Experimente mit diesem ‚Objekt‘ darstellt: „Wenn wir einen Teil des Universums beschreiben, lassen wir uns selbst und unsere Messwerkzeuge außerhalb des Systems. Wir lassen unsere Rolle bei der Auswahl oder Präparation des Systems aus, das wir untersuchen. Wir lassen die Bezugspunkte aus, die dazu dienen, festzustellen, wo sich das System befindet. Am entscheidendsten für unser Anliegen im Hinblick auf das Wesen der Zeit ist jedoch die Tatsache, dass wir die Uhren auslassen, mit denen wir Veränderungen im System messen.“ (Smolin 2014, S.25)

Man kann bei potentiellen Experimenten mit dem Universum also keine externen Lineale und Uhren verwenden (vgl. Smolin 2014, S.25 und S.129), Meßinstrumente, die sich notwendigerweise außerhalb des Experiments befinden müssen: „Wenn wir Kosmologie betreiben, haben wir es mit einem neuen Umstand zu tun: Es ist unmöglich, aus dem System herauszutreten, wenn das System das gesamte Universum ist.“ (Smolin 2014, S.25)

Wenn sich aber zu etwas, das es nur einmal gibt, kein externer Standpunkt gewinnen läßt (vgl. Smolin 2014, S.152) und wenn etwas aus einer Menge von Beziehungen bzw. ‚Teilen‘ besteht, ohne selbst ein ‚Teil‘ von etwas anderem zu sein (vgl. Smolin 2014, S.330), dann bildet es selbst ein nicht reduzierbares Ganzes bzw., philosophisch ausgedrückt, eine ‚Totalität‘: „Das Universum ist eine andere Art von Entität als irgendeines seiner Teile. Auch ist es nicht einfach die Summe seiner Teile. In der Physik werden alle Eigenschaften von Objekten des Universums im Sinne von Beziehungen oder Interaktionen mit anderen Objekten verstanden. Aber das Universum ist die Summe all dieser Beziehungen und kann als solche keine Eigenschaften haben, die durch Beziehungen zu einer anderen ähnlichen Entität definiert werden.“ (Smolin 2014, S.149)

An dieser Stelle können die Physiker tatsächlich mal etwas von den Philosophen lernen, z.B. von Hans Blumenberg. Für genau solche, phänomenologisch gesehen, ‚Monströsitäten‘, von denen man keine direkte Anschauung (intentio directa) haben kann, sondern nur indirekte Anschauungen (intentio indirecta), hat er seine „Theorie der Unbegrifflichkeit“ entwickelt. (Vgl. meine Posts vom 06.09. bis zum 10.09.2011) Zu diesen ‚Phänomenen‘ zählt Blumenberg ‚Begriffe‘ wie Sein, Welt und Geschichte. Über diese ‚Phänomene‘ läßt sich deshalb so schwer etwas begrifflich Präzises aussagen, weil man sich immer nur in ihnen befindet und niemals außerhalb ihnen gegenüber. Diese ‚Phänomene‘ bilden also Totalitäten. Und nach allem, was Smolin über das Universum zu sagen weiß, bildet auch das Universum so eine geschichtliche und weltliche Totalität.

Über Totalitäten kann man sich Blumenberg zufolge nur indirekt verständigen (intentio indirecta). Alles was wir über sie aussagen können, hat immer nur den Status von Metaphern, die uns eine indirekte, ‚intuitive‘ Anschauung vermitteln. So ist z.B. der Vergleich der Welt mit einem umgestürzten Nachttopf, vor dem ein Kind sitzt und weint, so eine Metapher. (Vgl. Büchner, Woyzeck) Allerdings handelt es sich dabei um eine besondere Art von Metapher: um eine absolute Metapher. Normale Metaphern kann man nämlich präzisieren und nach und nach in eindeutige Begriffe umwandeln. Bei absoluten Metaphern, die eine prekäre Anschauung von Totalitäten vermitteln, geht das aber prinzipiell nicht. Absolute Metaphern lassen sich niemals in Begriffe umwandeln!

Es ist also tatsächlich unwahrscheinlich, daß es für das Universum jemals eine universell gültige Weltformel geben wird. Wir haben es hier mit einer Totalität zu tun, und wir werden uns damit bescheiden müssen, uns darüber nur mit Hilfe von Metaphern verständigen zu können.

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Samstag, 11. Oktober 2014

Lee Smolin, Im Universum der Zeit. Auf dem Weg zu einem neuen Verständnis des Kosmos, München 2014 (2013)

1. Kosmologische natürliche Selektion
2. Des Kaisers neue Kleider
3. Sich zeigen und sich verbergen
4. Effektive Theorien
5. Mathematik als Platonismus
6. Das Universum als Totalität
7. Informationstheorie statt Physik
8. Ethik

Unveränderliche und zeitlos gültige physikalische Naturgesetze sind im Grunde genommen nur in die reale Welt versetzte mathematische Objekte: „Innerhalb des Newton’schen Paradigmas kann ein zeitloser Konfigurationsraum als mathematisches Objekt beschrieben werden. Die Gesetze können genauso wie ihre Lösungen ebenfalls durch mathematische Objekte repräsentiert werden, die mögliche Entwicklungen des Systems sind.“ (Smolin 2014, S.328) – Und an anderer Stelle: „... Kurven und andere mathematische Gegenstände leben nicht in der Zeit.“ (Smolin 2014, S.45; vgl. auch S.52 und S.77)

Wenn physikalische Prozesse sich mathematisch formalisieren und experimentell replizieren lassen, verleiht ihnen das die Aura zeitlos gültiger Wahrheit. Hinzu kommt dann noch ein religiös anmutender Mystizismus: Smolin unterscheidet unter den Physikern zwischen „Mystikern“ und „Pragmatikern“. (Vgl. Smolin 2014, S.75) Der Unterschied besteht darin, daß erstere die ‚Schönheit‘, also die schlichte Eleganz physikalischer Formeln als eine Bestätigung der in ihnen ausgedrückten zeitlosen Wahrheiten verstehen. (Vgl. Smolin 2014, S.56 und S.167f.)

Smolin widerspricht dieser Auffassung entschieden und verweist auf das Ptolemäische System, in dem die Erde den Mittelpunkt des Universums bildet und das über tausend Jahre hervorragend funktioniert hat. Es sagte „die Positionen der Planeten, der Sonne und des Mondes mit einer Genauigkeit von einem Tausendstel voraus“. (Vgl. Smolin 2014, S.55f.) Es gab also keinen Grund, den mathematischen Formeln des Ptolemäischen Systems zu mißtrauen und ihre Wahrheit anzuzweifeln. Und schön war es außerdem auch noch! Smolin konstatiert: „Wir erhalten hier eine Lektion, die uns sagt, dass weder die mathematische Schönheit noch die Übereinstimmung mit Experimenten garantieren kann, dass die Vorstellungen, auf denen eine Theorie beruht, auch nur die geringste Beziehung zur Wirklichkeit haben. Manchmal führt uns die Deutung der Muster in der Natur in die falsche Richtung.“ (Smolin, 2014, S.56)

Übertragen wir dieses Beispiel auf die Relativitätstheorie und auf die Quantentheorie, so besteht wirklich kein Grund, diese Theorien für irgendwie fundamentaler zu halten als das Ptolemäische System. Und nur weil aus diesen modernen Paradigmen beeindruckende Technologien hervorgegangen sind, die funktionieren, heißt das nicht, daß sie irgendwie der Wirklichkeit entsprechen! Das sollte uns nachdenklich stimmen und möglicherweise auch etwas besorgt machen.

Smolin geht jedenfalls davon aus, daß es sich auch bei der Relativitätstheorie und bei der Quantentheorie nur um Annäherungen an die physikalische Wirklichkeit handelt und nicht um fundamentale Theorien. (Vgl. Smolin 2014, S.81 und S.152) Mittlerweile sprechen viele Physiker deshalb nicht mehr von fundamentalen oder ‚wahren‘ Theorien, etwa im Sinne der berüchtigten ‚Weltformel‘, die alles erklären können soll, sondern von effektiven Theorien: „Alle bedeutenden Theorien der Physik sind Modelle von Verkürzungen der Natur, die von Experimentatoren erzeugt werden. Bei ihrer Erfindung mag man sie sich zwar als fundamentale Theorien vorgestellt haben, aber mit der Zeit sind die Theoretiker dahin gelangt, sie als effektive Beschreibungen einer begrenzten Anzahl von Freiheitsgraden zu verstehen.“ (Smolin 2014, S.166)

Effektive Theorien beschreiben physikalische Prozesse in begrenzten, isolierbaren Subsystemen des Universums. Auf dieser Ebene ‚funktionieren‘ sie und sind deshalb effektiv. Aber sie lassen sich nicht auf das ganze Universum ausdehnen. Ihre Gültigkeit ist begrenzt: „Der Begriff einer effektiven Theorie räumt mit manch abgedroschenen Vorstellungen auf, wie etwa der Plattitüde, daß Einfachheit und Schönheit die Kennzeichen der Wahrheit sind.“ (S.167) – Einfachheit und Schönheit sind keine Kennzeichen der Wahrheit mehr, „sondern die eines erfolgreich konstruierten, angenäherten Modells eines begrenzten Phänomenbereichs.()“ (Vgl. Smolin 2014, S.168)

Von hier aus ist der Weg allerdings nur kurz zu einer Wissenschaftsauffassung, die sich damit begnügt, daß die Theorien ‚funktionieren‘, ohne verstehen zu wollen, warum. Für eine solche falsche (und auch heuchlerische) Selbstbescheidung ist die Welt, in der wir leben, zu brüchig und fragil, und die Folgewirkungen unserer Technologien sind zu katastrophenträchtig, als daß wir es uns und diesen Wissenschaftlern durchgehen lassen könnten, sich mit bloßer Effektivität zufriedenzugeben.

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Freitag, 10. Oktober 2014

Lee Smolin, Im Universum der Zeit. Auf dem Weg zu einem neuen Verständnis des Kosmos, München 2014 (2013)

1. Kosmologische natürliche Selektion
2. Des Kaisers neue Kleider
3. Sich zeigen und sich verbergen
4. Effektive Theorien
5. Mathematik als Platonismus
6. Das Universum als Totalität
7. Informationstheorie statt Physik
8. Ethik

Smolin beginnt das erste Kapitel seines Buches mit einem Hinweis auf Heraklit: „Bevor wir uns auf diese oder irgendeine andere Entdeckungsreise begeben, sollten wir den Rat Heraklits befolgen, der, obwohl er kaum ein paar Schritte in der heroischen Geschichte namens Wissenschaft gemacht hatte, so weise war, uns zu warnen, dass die ‚Natur sich zu verbergen liebt‘. Das tut sie in der Tat, wenn man bedenkt, dass die meisten der Kräfte und Teilchen, die die Naturwissenschaft mittlerweile für fundamental hält, bis zum letzten Jahrhundert im Atom verborgen lagen.“ (Smolin 2014, S.39)

Als einzige fundamentale Naturkraft, die sich nicht unserer Anschauung entzieht, nennt Smolin die Gravitation: „Die größte Ausnahme von der Bescheidenheit der Natur ist die Gravitation. Sie ist die einzige der Grundkräfte, deren Wirkungen jeder beobachtet, ohne dafür spezielle Instrumente zu benötigen.“ (Smolin 2014, S.39) – Eine schöne Formulierung übrigens: „Bescheidenheit der Natur“. Das erinnert an das Noli-me-tangere, mit dem Plessner die Seele beschreibt, die es auch liebt, sich zu verbergen.

Für jemanden wie mich, der prinzipiell phänomenologisch denkt, ist Heraklits Behauptung starker Tobak. Von Phänomenen auszugehen bedeutet, sie als das zu nehmen, als was sie sich zeigen. Phänomene verbergen sich nicht! So stellt z.B. Helmuth Plessner fest: „Die Geheimnisse der Natur liegen nicht hinter ihr oder in ihr wie geheimer Text in Chiffren versteckt, sie liegen öffentlich zutage.“ („Stufen des Organischen“ (1928/1975), S.226) – Es kommt nur darauf an, richtig hinzuschauen. Husserl spricht sogar davon, daß erst mit Hilfe der Mathematik ein „Ideenkleid“ über die Phänomene gezogen wurde, das die „‚objektiv wirkliche und wahre‘ Natur“ allererst verschleiert und verbirgt. (Vgl. „Die Krisis der europäischen Wissenschaften“ (3/1996), S.55; vgl. auch meinen Post vom 04.05.2013) Anstatt daß sich die Natur zu verbergen liebt, wird sie verborgen, indem sie durch die Mathematisierung der Naturwissenschaft unserer Anschauung entzogen wird!

Smolin selbst ist übrigens keineswegs für eine völlige Abkehr von der intuitiven Basis des Menschen. Er plädiert für das Befahren flacher Gewässer, die uns den Blick auf den Boden noch gerade so erlauben. (Vgl. Smolin 2014, S.44) Diese intuitive Basis besteht Smolin zufolge darin, daß man am natürlichen Zeitempfinden festhält: „Die Zeit wird sich als der einzige Aspekt unserer Alltagserfahrung erweisen, der wirklich fundamental ist.“ (Smolin 2014, S.34f.)

In diesem Sinne soll die Zeit fundamentaler sein als der mathematisierbare Raum, der im Unterschied zu anderen Sinnesqualitäten wie Geschmack oder Geruch als einziger „direkt mathematisierbar“ ist. (Vgl. meinen Post vom 04.05.2013) Alle angeblich ewig gültigen Naturgesetze bekommen so einen Zeitfaktor. Sie werden zu bloßen Gewohnheiten im Sheldrakeschen Sinne, den Smolin in diesem Zusammenhang allerdings nicht erwähnt. (Vgl. Smolin 2014, S.209)

Smolin argumentiert, daß die zeitliche Starrheit der angeblich universell gültigen Naturgesetze zu unlösbaren Paradoxien führt und Annahmen über die ‚Natur‘ des Universums erzwingt, die nicht falsifizierbar sind. Wenn also starke Annahmen wie die der Zeitlosigkeit zu unwissenschaftlichen Spekulationen verführen, sei es wissenschaftlich vernünftig, auf schwächere Annahmen zurückzugreifen. (Vgl. Smolin 2014, S.155, 177) Und wenn man die Zeit als einen fundamentalen Faktor versteht, bleibt einem auch gar nichts anderes übrig: „Es gibt einen Grund dafür, dass kein mathematischer Gegenstand je eine vollständige Darstellung der Geschichte des Universums liefern wird, nämlich den, dass das Universum eine Eigenschaft besitzt, die keine mathematische Darstellung von ihm haben kann. Hier in der wirklichen Welt ist immer eine bestimmte Zeit, ein bestimmter gegenwärtiger Augenblick. Das ist eine Eigenschaft, die kein mathematischer Gegenstand haben kann, weil mathematische Gegenstände zeitlos sind, sobald sie einmal konstruiert wurden.()“ (Smolin 2014, S.77)

So ist auch die „Theorie der natürlichen Auslese“, die sich mit wesentlich in der Zeit entfaltenden Naturprozessen befaßt, mathematisch nicht modellierbar. (Vgl. Smolin 2014, S.330) Das war übrigens auch der Grund, warum man anfangs Darwins Thesen gegenüber so skeptisch gewesen war. Mit ihnen ließen sich keine Vorhersagen machen. Ohne Vorhersagbarkeit galt eine Theorie aber nicht als wissenschaftlich. Wenn Smolin also von der Notwendigkeit spricht, sich in der Kosmologie schwächeren Theorien als denen der logischen Notwendigkeit zuzuwenden, so ist damit genau dieser Ansatz einer kosmologischen natürlichen Selektion gemeint.

Daß dieser Ansatz nun aber keineswegs zu intuitiv zugänglicheren Konzeptionen des Kosmos führt, habe ich schon im vorangegangenen Post hervorgehoben. Wenn also die Zeit die einzige intuitive Basis von Smolins Konzept bleibt, so ist auch sie kein Garant für Anschaulichkeit. Dabei liegt die moderne Physik eigentlich ziemlich dicht bei der phänomenologischen Einsicht, daß es auf den Beobachter ankommt. Phänomene, die sich zeigen, brauchen Beobachter, die sie zur Kenntnis nehmen. Ohne Beobachter, grundsätzlicher: ohne Subjektivität, keine Phänomene!

Der Beobachterstandpunkt spielt auch in der Relativitätstheorie und in der Quantentheorie eine zentrale Rolle. Einstein hatte seine Relativitätstheorie voll und ganz auf dem Beobachterstandpunkt aufgebaut. Smolin bezeichnet diese Vorgehensweise als Operationalismus: „Wenn man einen operationalen Ansatz in der Wissenschaft verfolgt, stellt man sich nicht die Frage, was wirklich ist, sondern was ein Beobachter beobachten könnte. Die Situierung des Beobachters im Universum muss berücksichtigt werden, einschließlich seines Standpunkts und der Art seiner Bewegung. Dadurch lässt sich die Frage stellen, ob verschiedene Beobachter über das, was sie sehen, übereinstimmen werden.“ (Smolin 2014, S.99)

Die einzige Möglichkeit, festzustellen, ob etwas wirklich ist, besteht darin, daß möglichst viele Beobachter darin übereinstimmen können. Trotz der Fundamentalität des Beobachterstandpunkts führt das allerdings zu keiner Phänomenologie. Oder anders ausgedrückt: sie führt zu einer kontraintuitiven Phänomenologie; wenn man denn bereit ist, in diesem Zusammenhang überhaupt noch von einer Phänomenologie zu sprechen.

Das Kontraintuitive an der Einsteinschen Relativitätstheorie besteht gerade in der Relativität des Beobachterstandpunkts hinsichtlich der Wahrnehmung von Gleichzeitigkeit. Wenn zwei verschiedene Ereignisse hinreichend weit von den Beobachtern entfernt sind und sie nicht kausal miteinander verknüpft sind, ist es für die Beobachter von ihren verschiedenen Standpunkten aus praktisch unmöglich, zu einer übereinstimmenden Entscheidung darüber zu kommen, ob diese Ereignisse gleichzeitig stattfinden oder nicht. (Vgl. Smolin 2014, S.99f.)

Das Problem der Einsteinschen ‚Phänomenologie‘ besteht darin, daß sie die Wahrnehmung des einzelnen Beobachters entwertet und nur die übereinstimmenden Wahrnehmungen von mehreren Beobachtern berücksichtigt. Mehrere Beobachter können aber von ihren verschiedenen Standpunkten aus nur hinsichtlich kausal miteinander verknüpfter Ereignisse zu übereinstimmenden Wahrnehmungen kommen. Damit wird die Gleichzeitigkeit – und mit der Gleichzeitigkeit auch die Zeit selbst – in der Relativitätstheorie eliminiert, und an ihre Stelle tritt eine mit mathematischen Formeln erfaßbare, wiederum von ihrer eigenen Zeitlichkeit abstrahierte Kausalität: „Wenn man alles, was den Beobachtungen einzelner Beobachter entspricht, anhand der speziellen Relativitätstheorie aus der Beschreibung der Natur entfernt, bleibt die kausale Struktur übrig. Da sie das Einzige ist, was beobachterunabhängig ist, muss sie – wenn die Theorie wahr ist – der physikalischen Wirklichkeit entsprechen.“ (Smolin 2014, S.102)

Einstein selbst war übrigens im hohen Maße unzufrieden mit dieser Eliminierung der Gegenwart als einer bevorzugten, Vergangenheit und Zukunft voneinander trennenden Zeiterfahrung. Seiner Ansicht nach durfte es nicht bei diesem Stand der Theorieentwicklung bleiben, da er eine wesentliche Erfahrung des Menschen im Hier und Jetzt ignoriert: „Einsteins Unbehagen läuft auf eine einfache Erkenntnis hinaus. Um erfolgreich zu sein, muss eine naturwissenschaftliche Theorie uns die Beobachtungen erklären, die wir in der Natur machen. Doch unsere grundlegende Beobachtung ist die, dass die Natur zeitlich organisiert ist. Wenn die Naturwissenschaft eine Geschichte erzählen muss, die alles, was wir in der Natur beobachten, umfasst und erklärt, sollte das nicht auch unser Erleben der Welt als einen Fluss von Augenblicken einschließen? Ist nicht die elementarste Tatsache der Struktur unserer Erfahrung auch ein Teil der Natur, den unsere fundamentale Theorie der Physik widerspiegeln sollte?“ (Smolin 2014, S.142)

Smolins Konzept einer kosmologischen natürlichen Selektion beinhaltet deshalb auch die absolute Gleichzeitigkeit weit von einander entfernter kosmischer Ereignisse: „Das impliziert einen universalen physikalischen Begriff von Gleichzeitigkeit, der entfernte Ereignisse und in der Tat auch das ganze Universum einschließt. Man könnte dies eine ‚bevorzugte globale Zeit‘ nennen (wobei ‚global‘ hier bedeutet, dass die Definition der Zeit sich über das gesamte Universum erstreckt).“ (Smolin 2014, S.230)

Ich sehe mich im Moment nicht in der Lage, dieses Konzept einer bevorzugten globalen Zeit zu bewerten. Es fällt mir schwer, mir in einem dynamischen universellen Prozeß so etwas wie einen „bevorzugten Zustand der Ruhe“ vorzustellen, der Smolin zufolge aus seinem Konzept geschlußfolgert werden müsse. (Vgl. Smolin 2014, S.231) Wenn das aber bedeuten sollte – und da bin ich mir keineswegs sicher –, daß der einzelne Beobachter und seine Wahrnehmungen wieder rehabilitiert werden, wäre das in der Tat eine Rückkehr zu einer echten phänomenologischen Grundeinstellung in der Kosmologie.

Was eine solche Rückkehr zur Phänomenologie betrifft, ist hier noch eine spezielle Variante der Quantentheorie erwähnenswert: die Formdynamik (shape dynamics). Sie will das physikalische Realitätsprinzip nicht an Messungen im Koordinatenkreuz der Raumzeit festmachen, sondern an der phänomenalen Gestalt von Objekten. (Vgl. Smolin 2014, S.234ff.) Beobachter werden bei entfernten Objekten hinsichtlich ihrer genauen räumlichen Anordnung und hinsichtlich ihrer Größenverhältnisse niemals zu einer genauen Übereinstimmung kommen können. Wenn ich in meiner Reichweite eine Maus und eine Schachtel habe und die Maus in die Schachtel hineintun kann, ist es sinnvoll, die Schachtel als größer als die Maus zu beschreiben. Aber in weiten Entfernungen kann ich solche Aussagen über Objekte nicht mehr mit Sicherheit machen. Mit Sicherheit kann ich aber sagen, daß die Maus immer noch wie eine Maus und die Schachtel wie eine Schachtel aussieht: „Was man vergleichen kann, sind die Formen, weil Formen nicht denselben willkürlichen Veränderungen unterliegen.“ (Vgl. Smolin 2014, S.236)

Die Formdynamik nimmt also die Dinge wieder als das, als was sie sich zeigen. Und das ist nun wirklich phänomenologisch!

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Donnerstag, 9. Oktober 2014

Lee Smolin, Im Universum der Zeit. Auf dem Weg zu einem neuen Verständnis des Kosmos, München 2014 (2013)

1. Kosmologische natürliche Selektion
2. Des Kaisers neue Kleider
3. Sich zeigen und sich verbergen
5. Mathematik als Platonismus
6. Das Universum als Totalität
7. Informationstheorie statt Physik
8. Ethik

Als ich meinem Schwager, einem promovierten Physiker, von Lee Smolins Buch erzählte, erwähnte ich zwei alternative Ideen zur Ausdehnung des Universums: die eine faßt das Universum als endlich, aber unbegrenzt, und die andere als begrenzt, aber unendlich. Die Reaktion meines Schwagers war spontan: „Und was passiert an der Grenze? Fällt man da runter?“

Die Reaktion meines Schwagers, der mich sonst mit seiner physikalischen Expertise immer wieder überwältigt und an die Wand drängt, überraschte mich und freute mich zugleich. So intuitiv reagiere normalerweise nur ich auf die Absurditäten der modernen Physik. Es hat etwas von Andersens Märchen: Alle Untertanen sind gehalten, die neuen Kleider ihres nackten Kaisers zu bewundern und damit die eigene Anschauung Lügen zu strafen. Das nennt man dann ‚kontraintuitiv‘. Ein kleines Mädchen muß dann die tatsächlichen Verhältnisse wieder zurechtrücken und rufen: „Aber er hat ja gar keine Kleider an!“ – Und alle schämen sich jetzt und wundern sich, wie sie sich so manipulieren lassen konnten.

Auch Alexander Unzickers Buch „Vom Urknall zum Durchknall. Die absurde Jagd nach der Weltformel“ (2010) hat etwas vom Recht dieser Naivität gegenüber einer naturwissenschaftlichen Attitüde, die wiederum Lee Smolin als einen „Deckmantel“ bezeichnet, unter dem sich Scharlatane und Bauernfänger versammeln. (Vgl. Smolin 2014, S.44) Doch trotz Smolins Plädoyer für das Befahren flacher Gewässer, in denen die Sicht auf den Boden nicht ganz verloren geht, kommt auch er mit seiner alternativen kosmologischen Version um kontraintuitive Formeln nicht herum. Und zu diesen Formeln gehört eben jene eingangs erwähnte Aussage über ein unendliches, aber begrenztes, und über ein endliches, aber unbegrenztes Universum: „Wenn das Universum räumlich nicht geschlossen ist, muss seine räumliche Ausdehnung unendlich sein. Das bedeutet kontraintuitiverweise, dass der Raum eine Grenze hat.“ (Smolin 2014, S.310) – Wer soll das verstehen? Ich jedenfalls zunächst einmal nicht.

Mein Unverständnis hängt mit einer anderen Aussage über das Universum zusammen. Demnach ist das Universum so angeordnet, daß ein Beobachter auf der Erde „die große Mehrheit der Galaxien in jeder Richtung“ von sich wegfliegen sieht. Dazu heißt es weiter: „Darüber hinaus haben wir auch gute Belege dafür, dass die Galaxien gleichförmig im Raum verteilt sind, zumindest wenn man einen Durchschnitt ihrer Positionen über einen hinreichend großen Maßstab bildet – das heißt, das Universum scheint gleich auszusehen, egal in welcher Richtung man es betrachtet. Aus diesen Tatsachen können wir ableiten, dass es an jedem Punkt im Raum einen besonderen Beobachter geben wird, der sieht, wie sich die Galaxien in jeder Richtung mit gleicher Geschwindigkeit von ihm wegbewegen.()“ (Smolin 2014, S.232)

Ich finde beide Aussagen über den Beobachter auf der Erde und über die anderen Beobachter an anderen Stellen im Raum völlig absurd und miteinander unvereinbar. Wenn sich die Galaxien, von verschiedenen Ruhezuständen aus beobachtet, in alle Richtungen wegbewegen, dann bewegt sich jede Galaxie zur gleichen Zeit in verschiedene Richtungen. Denn logischer Weise müßten sich von jenen anderen Beobachtern aus einige Galaxien in Richtung auf den Beobachter auf der Erde zubewegen, während sich dieselben Galaxien, von diesem irdischen Beobachter aus beobachtet, von ihm wegbewegen. Von einer ‚Mehrheit‘ von sich wegbewegenden Galaxien kann also keine Rede sein, wenn es „an jedem Punkt im Raum einen besonderen Beobachter“ gibt, von dem sich einige Galaxien, insgesamt also sehr viele, nicht nur von diesem Beobachter weg, sondern auch auf den irdischen Beobachter zubewegen. Es sei denn, sie befänden sie in einem Quantenzustand, in dem beide Bewegungsrichtungen gleichzeitig gelten könnten.

Ich habe mich lange mit diesen Aussagen herumgequält, bis ich auf die Lösung gekommen bin. Diese Lösung wird aber von Lee Smolin – entgegen seinem Versprechen, daß in seinem Buch alles, was der Leser „wissen muss, um meinen Argumenten zu folgen“, erklärt werde (vgl. Smolin 2014, S.20) – in keiner Weise erklärt. Der Leser muß selbst drauf kommen. In meiner intuitiven Raumauffassung ist der Beobachterraum als eine Grenzlinie zwischen Innen und Außen definiert. Das ‚Innen‘ dieses Raumes bildet zugleich das Zentrum des Außenraumes, der selbst wiederum eine Verschachtelung von Innen- und Außenräumen bildet. Diese Raumauffassung teilt der Beobachter mit allen anderen Beobachtern. Alle Beobachter befinden sich im Zentrum des von ihnen beobachteten Raumes, den sie mit anderen Beobachtern teilen. Das bedeutet aber, daß die von einem besonderen Beobachter beobachteten Prozesse, in denen sich eine große Mehrheit von etwas in alle Richtungen von ihm wegbewegt, von anderen Beobachtern ganz anders wahrgenommen werden müssen. Denn diese anderen Beobachter müssen sich in eine ganz bestimmte, von jenem besonderen Beobachter abhängigen Richtung von ihm wegbewegen. Smolin selbst weist auf diesen besonderen Status jenes Beobachters, von dem sich (mehr oder weniger) alles wegbewegt, hin: „Aber das kann nur für einen Beobachter gelten, weil jemand, der sich schnell von uns weg- und in den Raum hineinbewegt, sehen würde, dass die Galaxien, die vor ihm sind und relativ zu denen er aufholt, sich langsamer bewegen als jene, die er hinter sich lässt.“ (Smolin 2014, S.232)

Dieser bevorzugte Beobachter befände sich also im Zentrum des Universums! Und es können sich wohl kaum alle möglichen Beobachter überall im Zentrum des Universums befinden. Vielmehr wären deren Bewegungen relativ zum Zentrum, in dem sich der bevorzugte Beobachter befindet.

Nehmen wir eine andere Aussage, die mit dieser Raumproblematik zusammenhängt und die mir zunächst ebenfalls als völlig absurd erschien: das Universum dehnt sich seit 13 Milliarden Jahren aus. An einer Stelle in Smolins Buch – eine genaue Zitatangabe kann ich jetzt leider nicht machen – verweist der Autor darauf, daß das Universum eine Ausdehnung von 93 Milliarden Lichtjahren hat. Wie kann das sein? Wenn wir davon ausgehen, daß sich der Urknall im Zentrum einer sich ausdehnenden Inflationsblase befindet, kann das Universum logischerweise nur eine Ausdehnung von maximal 26 Milliarden Lichtjahren haben!

Damit habe ich mich, wie gesagt, längere Zeit herumgeärgert, bis jene kontraintuitive Annahme zur Sprache kam, daß das Universum entweder unendlich, aber begrenzt, oder endlich, aber unbegrenzt sei. Das endliche, aber unbegrenzte Universum ist aber eine Kugel! Und zwar nicht das Kugelinnere, wie es meiner intuitiven Raumauffassung von Innen-Außenverhältnissen entsprechen würde; alle Beobachter befänden sich dann im Inneren der Kugel, und ihre Blicke könnten dann prinzipiell nicht weiter reichen als bis zum alles begrenzenden Firmament der Kugelwölbung. Dann wäre das Kugeluniversum nicht gleichermaßen endlich und unbegrenzt.

Alle Beobachter befinden sich vielmehr auf der Kugeloberfläche. Wir hätten es also nicht mit einem dreidimensionalen Raum mit seinen Innen-Außengrenzen zu tun, sondern mit einem zweidimensionalen Raum. Auf einer sich ausdehnenden Kugeloberfläche kann sich nämlich tatsächlich an jedem beliebigen Punkt die große Mehrheit der Galaxien in ‚alle‘ Richtungen von allen möglichen Beobachtern fortbewegen, weil sie nämlich kein Zentrum hat! Es kann auch möglich sein, daß sie eine Ausdehnung von 93 Milliarden Lichtjahren hat, obwohl der Urknall erst vor 13 Milliarden Jahren stattgefunden hat. Allerdings haben wir es hier mit einem seltsamen Zwitter zwischen einem dreidimensionalen und einem zweidimensionalen Raum zu tun. Denn der Urknall befände sich dann im inneren Zentrum der dreidimensionalen Kugel, während sich die 93 Milliarden Lichtjahre auf die Ausdehnung der zweidimensionalen Oberfläche beziehen würde. – Es sei denn, eine Kugeloberfläche hat die Eigenschaft, daß sie sich von einem bestimmten Punkt auf ihrer Oberfläche aus, also vom Urknall aus – der dann absurderweise das Zentrum der Kugelobefläche bilden würde –, 13 Milliarden Jahre lang ausdehnen und dabei eine Oberfläche von 93 Milliarden Lichtjahren erreichen kann.

Auch mit der Lesart, daß sich der Begriff des Universums nur auf eine Kugeloberfläche und ihre Zweidimensionalität bezieht, lassen sich also nicht alle kontraintuitiven Absurditäten auflösen; abgesehen davon, daß der ‚Raum‘ eigentlich immer dreidimensional sein sollte und Galaxien, die sich in alle Richtungen fortbewegen, dies nicht nur nach rechts und links, nach vorn und nach hinten tun, sondern eben auch nach oben und nach unten. Die kontraintuitiven Absurditäten, die mit einem unendlichen, aber begrenzten Raum verbunden sind, habe ich dabei noch gar nicht aufgeführt.

Eine der vielen anderen Absurditäten hat damit zu tun, daß angeblich nichts schneller als die Lichtgeschwindigkeit sein kann. Nun hat man aber vor kurzem ‚herausgefunden‘, daß sich das Universum nicht nur ausdehnt, sondern daß sich diese Ausdehnung auch noch beschleunigt: „Eine Folge der exponentiellen Expansion besteht darin, dass Galaxiecluster sich so schnell voneinander trennen, dass sie einander schon bald nicht mehr sehen können. Photonen, die ein Cluster verlassen und sich mit Lichtgeschwindigkeit bewegen, sind nicht schnell genug, um die anderen Cluster einzuholen.“ (Smolin 2014, S.314) – Die Galaxiecluster können sich also irgendwann schneller voneinander weg bewegen als die Lichtgeschwindigkeit! Naja, ich gebe zu: vielleicht bewegt sich ja irgendwann alles gleichschnell, eben mit Lichtgeschwindigkeit. Auch dann könnten die Photonen keinen Beobachter woanders im Universum mehr erreichen. Aber wenn sich alles gleich schnell bewegt, bewegt sich gar nichts mehr, relativ gesehen. Smolin bleibt jedenfalls eine nähere Erklärung schuldig.

Das sind aber nur die üblichen kontraintuitiven Absurditäten, mit denen uns das bislang gültige Standardmodell des Universums belästigt. Smolin selbst will ja in seinem Buch ein Alternativmodell präsentieren, das insgesamt intuitiver und außerdem falsifizierbar ist. Seine Theorie der kosmologischen natürlichen Selektion besteht darin, daß wir es nicht mit einer Vielzahl von simultan existierenden, aber mit einander nicht verbundenen Multiversen zu tun haben, sondern mit einer Sequenz von Universen (vgl. Smolin 2014, S.321), die kausal miteinander verbunden sind. Als Modell dient ihm die biologische Evolution: „Die Grundannahme der kosmologischen natürlichen Evolution besteht darin, dass Universen sich durch die Erzeugung neuer Universen innerhalb von schwarzen Löchern fortpflanzen. Unser Universum ist somit ein Nachkomme eines anderen Universums, das in einem seiner schwarzen Löcher geboren wurde, und jedes schwarze Loch in unserem Universum ist der Same für ein neues Universum. Das ist ein Szenario, innerhalb dessen wir das Prinzip der natürlichen Selektion anwenden können.“ (Smolin 2014, S.182)

Aufgrund der evolutionsbiologischen Verknüpfung zwischen diesen Universen müßte es in unserem aktuellen Universum „Überbleibsel()“ der früheren Universen geben, die sich auch nachweisen lassen müßten. (Smolin 2014, S.179) Mögliche Kandidaten für solche Überbleibsel wären Echos von „Kollisionen zwischen den großen schwarzen Löchern“ in den vorangegangenen Universen. (Vgl. Smolin 2014, S.320) Wenn sich solche Echos nicht nachweisen lassen, wäre Smolins Konzept falsifiziert. Diese Falsifizierbarkeit ist Smolin zufolge der große Vorteil seines Konzepts.

Aber Smolins Konzept weist ein großes logisches Defizit auf. Seiner eigenen Definition zufolge bildet das Universum eine Totalität: Es kann nur eins geben! Immer wieder weist Smolin darauf hin. (Vgl.u.a. Smolin 2014, S.25, 152, 284) Es kann also keine Beziehung „zu einer anderen ähnlichen Entität“ haben. (Vgl. Smolin 2014, S.149). Wie kann es also in einer sequentiellen Beziehung zu früheren Universen stehen? Diese Frage wird von Smolin weder gestellt noch beantwortet. Dieses unreflektierte Mix von grundlegenden Definitionen mit ihren einerseits logischen Implikationen und andererseits logischen Brüchen, dieses Durcheinander von intuitiven und kontraintuitiven Annahmen kennzeichnet die ganze Kosmologie. Das ist der Grund, warum ich mich vor einigen Jahren von diesem Bereich der ‚Naturwissenschaft‘ abgewandt habe. Es lohnt das Denken nicht.

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Mittwoch, 8. Oktober 2014

Lee Smolin, Im Universum der Zeit. Auf dem Weg zu einem neuen Verständnis des Kosmos, München 2014 (2013)

1. Kosmologische natürliche Selektion
2. Des Kaisers neue Kleider
3. Sich zeigen und sich verbergen
4. Effektive Theorien
5. Mathematik als Platonismus
6. Das Universum als Totalität
7. Informationstheorie statt Physik
8. Ethik

Das Hauptanliegen von Lee Smolins Buch „Im Universum der Zeit“ (2014) besteht darin, das physikalische Weltbild zu korrigieren, dem er vorwirft, die Zeit aus der wissenschaftlichen Naturauffassung ausgetrieben zu haben: „Wir handeln zwar in der Zeit, aber beurteilen unsere Handlungen nach zeitlosen Maßstäben. Infolge dieser Paradoxie leben wir in einem Zustand der Entfremdung von dem, was wir am meisten schätzen. Diese Entfremdung betrifft jede unserer Bestrebungen.“ (Smolin 2014, S.14)

Der erste Teil seins Buches handelt deshalb zunächst auch von der „Austreibung der Zeit“ (Smolin 2014, S.37-137), während es im zweiten Teil um die „Wiedergeburt der Zeit“ (Smolin 2014, S.139-336) geht. In einem Epilog zum „Denken in der Zeit“ (Smolin 2014, S.337-361) befaßt sich Smolin abschließend mit einer wissenschaftlichen Ethik im Rahmen einer durch unverrückbare Fristen (Klimawandel) gekennzeichneten Verantwortung des gegenwärtigen Menschen für die künftigen Lebenschancen seiner Kinder und Enkel.

Die „Austreibung der Zeit“ erinnert an den Titel eines von Friedrich Kittler herausgegebenen Buches: „Austreibung des Geistes aus den Geisteswissenschaften“ (1980). Kittler pointiert mit diesem Titel ein gegen die Geisteswissenschaften gerichtetes strukturalistisches Programm, gegen das sich wiederum Smolins Versuch richtet, die Zeit wieder zu einem Faktor naturwissenschaftlichen Denkens und Forschens zu machen. Damit liegt Smolin auf einer Linie mit Thomas Nagels ebenfalls in diesem Blog besprochenen Buch „Geist und Kosmos“ (2013), in dem es Nagel darum geht, daß der Geist in naturwissenschaftlichen Theorien als ein immanenter Bestandteil der kosmologischen Entwicklung berücksichtigt werden muß, anstatt ihn entweder einfach wegzuerklären oder in einer späten Phase der biologischen Evolution auf rätselhafte Weise emergieren zu lassen. (Vgl. meine Posts vom 14.12. bis zum 21.12.2013) Bei ‚Zeit‘ und ‚Geist‘ geht es gleichermaßen um grundlegende Intuitionen, die das Selbst- und Weltverhältnis des Menschen prägen. Smolin meint nämlich keineswegs eine bloß physikalische Zeit, im Sinne einer objektiven Uhrzeit, sondern es geht ihm um eine „Alltagserfahrung“, um eine Erfahrung, die all unser Denken, Empfinden und Tun bestimmt. (Vgl. Smolin 2014, S.11) Die Zeit, die Smolin zum fundamentalen Faktor einer neuen Physik machen will, ist also zunächstmal ein Bewußtseinsphänomen, von dem aus er auf entsprechende Eigenschaften des Universums ‚extrapoliert‘. (Vgl. Smolin 2014, S.360)

Smolin geht davon aus, daß sich die gegenwärtige Kosmologie in einer Krise befindet. (Vgl. Smolin 2014, S.332) Diese Krise besteht darin, daß die aktuellen kosmologischen Theorien „sich auf Dinge beziehen, die jenseits der Reichweite unserer Beobachtungen der Fall sein könnten“. (Vgl. Smolin 2014, S.334) Was aber jenseits der Reichweite unserer Beobachtungen der Fall sein könnte, wie z.B. die Multiversumstheorien des Standardmodells, ist schlichtweg nicht falsifizierbar. Über andere Universen läßt sich zwar hervorragend spekulieren, aber das ist dann auch schon alles. Theorien, die nicht falsifizierbar sind, sind unwissenschaftlich: „... wenn eine Idee nicht anfällig für Falsifikationen ist, ist sie keine Wissenschaft.“ (Smolin 2014, S.200) – Die Krise der Kosmologie besteht also darin, daß sie keine Wissenschaft mehr ist.

Smolin sieht das Grundproblem in der Zeitlosigkeit der wichtigsten physikalischen Paradigmen der Neuzeit und des 20. Jahrhunderts, dem Newtonschen Paradigma, der Relativitätstheorie, der Quantentheorie und dem aus der Relativitätstheorie und der Quantentheorie zusammengesetzten Standardmodell der Elementarteilchenphysik: „Jede dieser Theorien teilt die Welt in zwei Teile auf, einen Teil, der sich in der Zeit ändert, und einen zweiten, von dem angenommen wird, dass er fixiert und unveränderlich ist. Der erste Teil ist das System, das untersucht wird und dessen Freiheitsgrade sich in der Zeit verändern. Der zweite Teil ist das übrige Universum; wir können ihn als Hintergrund bezeichnen.“ (Smolin2014, S.157)

Die Vorstellung eines absoluten Hintergrund-Raums (Universum), der sich niemals ändert und dem gegenüber die Zeit bloß emergent und relativ ist, eine Illusion unserer Einbildungskraft (vgl.u.a. Smolin 2014, S.11, 344), hat die Physik aus der Mathematik geerbt. Smolin bezeichnet die Mathematik, die er mit Platons Ideenkosmos verbindet (vgl. Smolin 2014, S.12, 16, 40, 46), als einen „Ausdruck des Glaubens an die zeitlose Vollkommenheit des Himmels“ (Smolin 2014, S.52). Die Mathematik galt im antiken Griechenland als nur auf den Sternenhimmel und auf die Musik anwendbar. Die irdische Sphäre war das Reich des Zufalls und der Unvollkommenheit: „... das irdische Reich ist nicht vollkommen, weshalb es ihnen (den Griechen – DZ) wahrscheinlich sonderbar erschienen wäre, die Bewegungen auf der Erde anhand vollkommener mathematischer Kurven zu beschreiben. Die Aufteilung der Welt in ein irdisches Reich und himmlische Sphären wurde in der aristotelischen Physik kodifiziert.“ (Smolin 2014, S.51)

Das galt so bis ins europäische Mittelalter hinein. Es mußte erst jemand wie Galileo Galilei auf die damals als völlig absurd erscheinende Idee kommen (1564-1641), daß die Mathematik auch auf irdische Verhältnisse anwendbar sei und mit ihr z.B. die Fallgesetze beschrieben werden können. (Vgl. Smolin 2014, S.53f.) Fallgesetze, die dann, wie alle Naturgesetze und wie der Sternenhimmel, zeitlos gültig sein sollten. Insofern naturgesetzlich geregelte Kausalität ihren adäquaten Ausdruck in mathematischen Formeln finden sollte – eine Annahme, die seit Galilei und Newton die Grundlage der Naturauffassung der modernen Physik bildet –, wird Kausalität auf Logik zurückgeführt: „Das Newtonsche Paradigma ersetzt also kausale Prozesse – Prozesse, die sich im Laufe der Zeit vollziehen – durch eine logische Implikation, die zeitlos ist.“ (Smolin 2014, S.94)

Damit waren die beiden Sphären, die Erde und der Himmel, einander gleich gestellt. Was auf der Erde galt, galt auch im Himmel, und was im Himmel galt, galt auch auf der Erde. Die Kopernikanische Revolution, die die Erde auf eine Umlaufbahn um die Sonne versetzte, war vollendet. An die Stelle der menschlichen Intuition, für die bis heute die Sonne am Horizont auf- und untergeht, trat die Mathematik.

Smolin will die menschliche Intuition zumindestens teilweise wieder rehabilitieren. Zwar wimmelt auch seine Version einer Kosmologie, mit der er die Krise der Kosmologie überwinden will, nur so von kontraintuitiven Paradoxien, die einem Nicht-Physiker das Mitdenken enorm erschweren. Aber immerhin soll mit der Wiedereinführung der Zeit als einem fundamentalen kosmologischen Faktor wieder ein Stück weit Boden unter unseren Füßen sichtbar gemacht und so der menschliche Verstand gestärkt werden: „Ohne Gewässer befahren zu haben, die flach genug sind, dass wir den Boden sehen können, werden wir leichte Beute sein für Leute, die uns in die Irre führen und uns radikale metaphysische Fantasien unter dem Deckmantel der Naturwissenschaft verkaufen wollen.“ (Smolin 2014, S.44)

Smolins Alternative zum physikalischen Platonismus ist die „kosmologische natürliche Selektion“, die an die Stelle der üblichen Multiversums-Theorien treten soll. (Vgl. Smolin 2014, S.181ff.) In einer „Reihe von Urknallereignissen“ (Smolin 2014, S.178), die sequentiell aufeinander folgen und kausal miteinander verbunden sind, werden die Universen nach dem Kriterium der Häufigkeit von in ihnen vorkommenden schwarzen Löchern, Sternen und Galaxien selektiert. Deren Häufigkeitsverteilung in einem Universum entscheidet Smolin zufolge über die ‚Fruchtbarkeit‘ eines Universums. Insofern ist unser Universum nicht etwa ein seltenes und unwahrscheinliches Ereignis, sondern eher typisch. (Vgl. Smolin 2014, S.184)

In einem Universum, das in der Zeit evolviert, ist die Zeit fundamental, während die Naturgesetze nur eine Art von Gewohnheiten sind, die sich aufgrund von vermehrt auftretenden Präzedenzfällen herausbilden: „In der angelsächsischen Tradition beruht das Gewohnheitsrecht auf einem Präzedenzprinzip, durch das Richter gehalten sind, so zu urteilen, wie Richter das in der Vergangenheit bei ähnlichen Fällen taten. Was ich vorschlagen möchte, ist, dass etwas Ähnliches auch in der Natur am Werk sein könnte.“ (Smolin 2014, S.209)

Das erinnert an Rupert Sheldrakes morphogenetische Felder (vgl. meine Posts vom 31.01. bis zum 08.02.2013), den Smolin allerdings mit keinem Wort erwähnt. Dabei könnten Sheldrakes morphogenetische Felder einige der Fragen beantworten helfen, die Smolin sich bezüglich einer ‚Natur‘ stellt, die in der Lage ist, Präzedenzfälle zu erkennen und deren Vergangenheit mit der Gegenwart neuer ‚Gewohnheitsrechte‘ wechselwirken zu lassen. (Vgl. Smolin 2014, S.214)

Smolin verzichtet in seinem Buch völlig auf Formeln. Er vertraut auf die Kraft von Argumenten, die auch dem Verstand eines Laien zugänglich sind: „Ich habe versucht, die Argumente dieses Buchs dem Durchschnittsleser ohne spezielles Hintergrundwissen in der Physik oder der Mathematik zugänglich zu machen. Es gibt keine Gleichungen, und alles, was er wissen muss, um meinen Argumenten zu folgen, wird erklärt.“ (Smolin 2014, S.20)

Dieses Vorhaben ist lobenswert, und der Rezensent ist ihm sehr dankbar dafür, auch wenn aus seiner eigenen Leseerfahrung heraus zu konstatieren ist, daß es Smolin leider nicht gelungen ist, durchweg verständlich zu sein. Das liegt zum einen an der Materie: Für Kosmologien gibt es wohl prinzipiell keine intuitive Basis, gleichviel, ob wir nun den Raum absolut setzen oder die Zeit. Deshalb muß für den Rezensenten die Frage, ob die Krise der Kosmologie überhaupt lösbar ist, offenbleiben. Auch nach der Lektüre von Smolins Buch bleibt es für ihn zweifelhaft, inwiefern die Kosmologie überhaupt als eine Wissenschaft gelten darf.

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Samstag, 2. August 2014

Klaus Mainzer, Die Berechnung der Welt. Von der Weltformel zu Big Data, München 2014

(Verlag C.H. Beck, mit zahlreichen farbigen Abbildungen, geb. 24,95 €, S.352)

1. Methode und These I
2. Methode und These II
3. Sätze und Formeln
4. Zelluläre Automaten und der Strukturalismus
5. Superpositionen, Metaphern und Intuitionen
6. Semantik
7. Anthropologie

Zum Schluß möchte ich noch einmal auf die Anthropologie zurückkommen, die meine ganze Auseinandersetzung mit Klaus Mainzers Buch begleitet hat. Dabei geht es mir insbesondere um die Berechenbarkeit des Faktors Mensch im „Human Factor Engineering“. Ich will zeigen, daß sich dieser ‚Faktor‘ ganz und gar nicht auf den Anwendungsbereich „integrierte(r) hybride(r) System- und Architekturkonzepte für eine verteilte analoge/digitale Kontrolle und Steuerung, Mensch-Technik-Interaktion und integrierte Handlungsmodelle, soziotechnische Netzwerke und Interaktionsmodelle“ begrenzen läßt, wie Mainzer meint. (Vgl. Mainzer 2014, S.183f.)

Mainzer selbst differenziert im größeren Maßstab zwischen gestaffelten Entwicklugsdynamiken: „Neben der Komplexität ist der Faktor Zeit zu berücksichtigen. Physikalische, chemische, biologische, psychologische und soziologische Theorien operieren auf unterschiedliche Zeitskalen. So erklären sich auch die Naturkonstanten in der Physik.“ (Mainzer 2014, S.225)

So verlegt Mainzer den Beginn der „Laufzeit“ des Planckschen Wirkungsquantums auf eine Zeit noch vor dem Big Bang, während er die Gravitationskonstante erst mit diesem Big Bang auftreten läßt. Danach kam irgendwann die Feinstrukturkonstante hinzu. (Vgl. Mainzer 2014, S.225) Wenn ich Mainzers Ausführungen zu mathematischen Modellen richtig verstanden habe, kann man davon ausgehen, daß für jeden Zeitpunkt des Hinzutretens einer Naturkonstante neue mathematische Modelle nötig werden, die deren Wirkungsweise beschreiben und außerdem auch die Wechselwirkung zwischen diesen Naturkonstanten zu formalisieren versuchen. Da wir es hier mit dynamischen Zuständen zu tun haben, braucht man dazu Differentialgleichungen, die Kurvenverläufe modellieren: „Die Naturgesetze bestimmen häufig Zustandsveränderungen von Systemen. Sie werden daher durch Differentialgleichungen modelliert. Damit wird die Natur berechenbar: Die Lösungen solcher Gleichungen für bestimmte Anfangs- und Nebenbedingungen entsprechen Zuständen in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.“ (Mainzer 2014, S.114) – Wie gesagt: Ich äußere mich hier als absoluter Laie, der wirklich nichts davon versteht, und wahrscheinlich ist alles falsch, was ich hier schreibe.

Ich will mich deshalb auch nicht weiter auf das dünne Eis hinauswagen und es bei diesen vagen Andeutungen belassen. Stattdessen möchte ich direkt auf die wirklich interessanten Berührungspunkte zu meinem anthropologischen Konzept eines anachronistischen Prozesses aus drei verschiedenen Entwicklungslinien, der biologischen, kulturellen und der individuellen Linie, zu sprechen kommen, die nur als Ganzes einen Menschen ergeben. Mainzer fügt nämlich den verschiedenen ‚Laufzeiten‘ der Naturkonstanten noch die biologische Evolution und das menschliche Verhalten hinzu: „Biologische Prozesse der Evolution traten erst mit Beginn des Lebens auf. Verhaltensregeln des Menschen gibt es erst seit wenigen Millionen Jahren. Sie korrelieren mit der Entwicklung des Gehirns.“ Mainzer 2014, S.225)

Mainzers Zusammenfassung der drei Entwicklungslinien brachte mich auf die Idee, eine frühere Graphik (vgl. meinen Post vom 14.04.2014) zu überarbeiten. In dieser neuen Graphik bilden die beiden Entwicklungslinien (Biologie und Kultur), die in der individuellen Entwicklungslinie zusammentreffen und sich in ihr brechen, mathematisch gesprochen ‚Trajektorien‘: „Zeitliche Entwicklungsbahnen (Trajektorien) im Zustandsraum der klassischen Mechanik sind weder vollständig regulär noch vollständig irregulär, sondern hängen empfindlich von den gewählten Anfangsbedingungen ab. Winzige Abweichungen von den Anfangsdaten führen zu völlig verschiedenen Entwicklungstrajektorien. Daher können die zukünftigen Entwicklungen in einem chaotischen System langfristig nicht vorausberechnet werden, obwohl sie mathematisch wohl definiert und determiniert sind.()“ (Mainzer 2014, S.132)


Diese Beschreibung von Trajektorien entspricht ziemlich genau dem, was ich unter ‚Anachronismus‘ verstehe. Möglicherweise könnte es also ein mathematisches Modell zur Berechnung des menschlichen Anachronismusses geben, das von den unterschiedlichen Logiken der drei Entwicklungslinien abstrahiert und lediglich deren Wechselbeziehung modelliert. Das Ganze verhält sich wie ein seinen Ausgangsbedingungen gegenüber äußerst empfindliches Chaos. Dabei muß man wissen, daß das Chaos, mathematisch gesehen, sich dadurch vom bloßen Zufall unterscheidet, daß chaotische Ereignisse wechselseitig aufeinander reagieren, während Zufallsereignisse unabhängig von anderen Ereignissen stattfinden: „Im Unterschied zu chaotischen sind zufällige Entwicklungen prinzipiell (also auch kurzfristig) nicht vorausberechenbar, da (wie z.B. beim fairen Münzwurf) alle Ereignisse unabhängig sind. Der Zufall ist zwar im Alltag eine mathematische Fiktion, da es dort z.B. keine perfekte faire Münze geben kann – solange wir uns in der makroskopischen Physik bewegen. In der Quantenwelt gehören zufällige ‚Quantensprünge‘ zu den Grundgesetzen. Wie wir später sehen werden, ist es daher leichter, das Verhalten eines Menschen mit Big Data vorauszuberechnen als das eines einzelnen Elementarteilchens mit der Quantenmechanik.“ (Mainzer 2014, S.135)

In meinem anthropologischen Konzept bildet also der Anachronismus der drei Entwicklungslinien ein chaotisches System. In meiner Graphik habe ich noch einmal zwischen der individuellen Perspektive und dem Generationenverhältnis unterschieden. In der individuellen Perspektive wirken sich biologische (b) und kulturelle (c) Prozesse nur auf die individuelle Biographie des einzelnen Menschen aus. Wenn sich der Mensch aber reproduziert, wirken sich alle drei Prozesse, (a), (b) und (c) auch auf die nachfolgende Generation aus. Das ist natürlich wiederum nur verkürzt dargestellt. Denn auch Menschen, die sich nicht vermehren, hinterlassen durch ihre Lebensführung ein Erbe, das das künftige Leben nachfolgender Generationen beeinflußt.

In der Graphik habe ich im oberen Teil neben den Naturkonstanten noch die Geologie als eine weitere Entwicklungsdynamik hinzugefügt, die von Mainzer nicht erwähnt wird. Mit ‚Geologie‘ sollen zwar auch, aber nicht nur die im engeren Sinne geologischen Prozesse dieses Planeten gemeint sein. Letztlich soll damit zum Ausdruck gebracht werden, daß sich der ganze Planet wie ein lebendes, quasi ‚intelligentes‘ Wesen verhält, das nicht nur Leben ermöglicht, sondern ganz spezifisch eben auch menschliches Leben. Wir arbeiten zur Zeit daran, das zu ändern und den Planeten in etwas zu verwandeln, das menschlichem Leben nicht mehr zuträglich sein wird.

Ich kann Mainzer deshalb nur mit ganzem Herzen zustimmen, wenn er festhält: „Daher werden wir uns ändern müssen, wenn wir unter komplexen Zivilisationsbedingungen weiter existieren wollen.“ (Mainzer 2014, S.226) – Allerdings habe ich den Eindruck, daß er das nicht auf die von mir gemeinte Notwendigkeit einer menschenfreundlichen ‚Geologie‘ bezieht, sondern auf die Notwendigkeit einer Anpassung des Menschen an die technische Zivilisation, der die, so Mainzer, „Verhaltensprogramme der Steinzeit“ nicht gewachsen sind. (Vgl. ebenda)

In dieser Beziehung zwischen Mensch und Technik, als alleiniger Zweckbestimmung des „Human Factor Engineering“, werden weder Biologie noch Geologie mitgedacht. Und das ist einfach zu kurz gedacht.

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Mittwoch, 18. Dezember 2013

Thomas Nagel, Geist und Kosmos. Warum die materialistische neodarwinistische Konzeption der Natur so gut wie sicher falsch ist, Berlin 2013

1. These
2. Methode
3. Sprache und Logik
4. Letztbegründungsansprüche
5. Mensch/Welt und Teil/Ganzes
6. Doppelaspektivität
7. Werterealismus
8. Sinn von Sinn

In meinem ersten Post zu „Geist und Kosmos“ hatte ich darauf hingewiesen, daß Nagels Vorstellungen von einer Teleologie ohne Intentionalität (vgl. Nagel 2013, S.136) in sich widersprüchlich seien und es im Rahmen seines Buches nur zwei Optionen gebe, diesen Widerspruch aufzulösen. (Vgl. meinen Post vom 14.12.2013) Auf die eine Option, Sheldrakes Feldbegriff, bin ich im betreffenden Post schon eingegangen. Jetzt möchte ich nochmal auf die andere Option eingehen: auf das Verhältnis von Teil und Ganzem.

Nagel spricht von einem sowohl raumzeitlichen wie auch mentalen „Verhältnis vom Teil zum Ganzen“. (Vgl. Nagel 2013, S.94) Die raumzeitlichen Beziehungen nicht als Kausalverhältnis, sondern als ein aus Teilen zusammengesetztes Ganzes zu verstehen, ist ungewöhnlich. Eigentlich wird eine solche Verhältnisbestimmung üblicherweise eher für mentale Sinnprozesse reserviert. Nagel behauptet aber ganz im Gegenteil, daß wir „keine (mit dem raumzeitlichen Ganzen – DZ) vergleichbar klare Idee“ davon haben, „wie mentale Zustände auf der Ebene des Organismus aus den Eigenschaften von Mikroelementen zusammengesetzt sein könnten“ und „ob diese Eigenschaften vom Typ her unseren Erlebniszuständen ähnlich oder verschieden sind.“ (Vgl. Nagel 2013, S.94)

Mit dieser Feststellung impliziert Nagel, daß die Zerlegbarkeit und Zusammensetzbarkeit der physikalischen Raumzeit in ihre „Mikroelemente“ als das Vorbild für alle bislang in Frage kommenden Teil-Ganzes-Beziehungen zu verstehen sei und daß zu diesem raumzeitlichen Ganzen auch die mentalen Zustände gehören, die folglich ebenfalls „aus den Eigenschaften“ dieser Mikroelemente zusammengesetzt sein müßten. Außerdem, so Nagel, stellt sich die Frage, ob „unsere() Erlebniszustände()“ mit ähnlichen Eigenschaften wie jene Mikroelemente ausgestattet sind. Alles in allem stellt sich Nagel zufolge das Verhältnis von Teil und Ganzem nicht als eine Eigenschaft von Gestalten dar, wie in der Gestaltwahrnehmung, oder als Erleben von Sinn und Bedeutung, sondern als aus Bauteilen zusammengesetzte geräteartige Dinge. Die Wahrnehmung wird entsprechend von Nagel abgewertet, als eine der Vernunft untergeordnete, physiologische Funktion: „Bei der gewöhnlichen Wahrnehmung sind wir wie Mechanismen, die einem (grob) wahrheitserhaltenden Algorithmus gehorchen.“ (Nagel 2013, S.122)

Zwar gibt es auch andere Stellen, wo sich Nagel gegen die Vorstellung vom „Geist“ als eines aus Einzelteilen zusammengesetzten geräteartigen Ganzen wendet, das „aus einer riesigen Anzahl transistorähnlicher Homunculi aufgebaut ist“. (Vgl. Nagel 2013, S.128) Aber diesen „Geist“ setzt Nagel nicht mit der Wahrnehmung gleich, sondern mit der Vernunftsrationalität. Die Wahrnehmung ist nicht in das Ganze der Vernunftsrationalität einbezogen. Sie bildet nur einen raumzeitlichen Mechanismus.

An keiner Stelle stellt Nagel eine Verbindung seines Teleologiebegriffs mit einem sinnhaften und sinnverstehenden Ganzen her, wie es das menschliche Bewußtsein ausmacht. Dabei würde eine nicht-mechanistische Zuordnung von Teilen zu einem Ganzen, z.B. im Sinne von Figur und Hintergrund oder im Sinne von Sagen und Meinen, verständlich machen, inwiefern es eine Teleologie ohne Intentionalität geben könnte. Gestalthafte Naturprozesse, also Naturphänomene, stellen dann nicht mehr einfach nur mechanische Verknüpfungen von Ursachen und Wirkungen dar und sie wären auch nicht einfach aus irgendwelchen Mikroelementen zusammengesetzt, sondern sie bildeten darüberhinaus relativ stabile Formen bzw. Figurationen, die sich selbst erhalten. Gestalterhaltungs- und -wandlungsprozesse, also Stoffwechselprozesse aller Art, sind in diesem Sinne ‚teleologisch‘ oder ‚autopoietisch‘, ohne zugleich auch intentional zu sein, also notwendigerweise Bewußtsein zu beinhalten.

Insbesondere das Mensch-Welt-Verhältnis, als ein Selbst- und Weltverhältnis des Menschen, ist in diesem Sinne als eine Teil-Ganzes-Beziehung zu denken. (Vgl. meinen Post vom 11.07.2013) Obwohl Nagel sich selbst das Ziel stellt, „ein plausibles Bild davon zu geben, wie wir in die Welt passen“ (vgl. Nagel 2013, S.42), versäumt er es doch, das Mensch-Welt-Verhältnis näher zu bestimmen. Die Folge ist die Abkopplung der Vernunftsrationalität von elementaren Prozessen der Gestaltwahrnehmung.

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Sonntag, 15. Dezember 2013

Thomas Nagel, Geist und Kosmos. Warum die materialistische neodarwinistische Konzeption der Natur so gut wie sicher falsch ist, Berlin 2013

1. These
2. Methode
3. Sprache und Logik
4. Letztbegründungsansprüche
5. Mensch/Welt und Teil/Ganzes
6. Doppelaspektivität
7. Werterealismus
8. Sinn von Sinn

Ich teile nicht nur Nagels Anliegen, die „unqualifizierte Reaktion der Ungläubigen gegenüber der reduktionistischen, neodarwinistischen Erklärung für den Ursprung und die Evolution des Lebens (zu) verteidigen“. (Vgl. Nagel 2013, S.15) Darüber hinaus teile ich auch die mit dieser Verteidigungsmaßnahme implizierte Selbstermächtigung des Amateurs und Autodidakten, der sich mit aus fachlicher Sicht eher minderwertigen Popularisierungen wissenschaftlicher Erkenntnisse begnügt, „die den Nichtspezialisten die zeitgenössische Naturwissenschaft erklär(en).“ (Vgl. Nagel 2013, S.14)

Die Methodik, mit der sich Thomas Nagel als Nicht-Naturwissenschaftler zu naturwissenschaftlichen Fragen äußert, muß nicht notwendigerweise selber eine naturwissenschaftliche sein. Zweifel an ihren Erklärungsansprüchen sind auch jenen erlaubt, die zwar über keine eigene naturwissenschaftliche Expertise verfügen, dafür aber über einen eigenen Verstand. Wer sich dieses Verstandes zu bedienen weiß – Nagel spricht vom „Alltagsverstand“ (Nagel 2013, S.15) oder von der „Autorität der Vernunft“ (Nagel 2013, S.47), vom „Common Sense“ (Nagel 2013, S.48) oder auch vom „gesunden Menschenverstand“ (Nagel 2013, S.183) – hat es nicht nötig, sich von „gängige(n) Orthodoxie(n) zur kosmischen Ordnung“ bevormunden zu lassen. (Vgl. Nagel 2013, S.15)

Diese Selbstermächtigung des Laien ist zutiefst demokratisch und wird von der schlichten „Überzeugung“ getragen, „dass uns die verfügbaren wissenschaftlichen Belege – trotz des bestehenden Konsenses der wissenschaftlichen Meinung – in dieser Angelegenheit vernünftigerweise nicht abverlangen, die Ungläubigkeit des Alltagsverstandes abzuwerten.“ (Vgl. Nagel 2013, S.16) – Dem wäre noch hinzuzufügen, daß man als Laie gut beraten ist, den publizierten Belegen in den Fachjournalen ein gesundes Mißtrauen entgegenzubringen, da in diesen Publikationen, die sich ausschließlich an sogenannte ‚Peers‘ richten, für gewöhnlich weder ein auch die Laien einbeziehendes ausreichendes Verständnis für die Experimentieranordnungen sichergestellt wird noch die Aussagekraft der Forschungsergebnisse hinreichend diskutiert und begrenzt wird. Denn letzteres könnte ja die mögliche Finanzierung künftiger Forschungsvorhaben gefährden.

Letztlich aber ist Nagels laienhafte Selbstermächtigung in einer phänomenologischen Haltung begründet: die eigene Verstandesautonomie hängt an der kognitiven Anerkennung des Offensichtlichen, das durch reduktionistische Erklärungsansätze, die dieses Offensichtliche auf verborgene, kontraintuitive Gesetzmäßigkeiten zurückführen, geleugnet wird. Mit dieser methodischen Leugnung des Offensichtlichen wird unser Selbstvertrauen vollkommen untergraben. (Vgl. Nagel 2013, S.42)

Nagel geht es deshalb nicht um mathematisch begründete, physikalische Evidenzen, sondern um „ein plausibles Bild davon“, „wie wir in die Welt passen“. (Vgl. Nagel 2013, S.42) Es geht darum, einen „Kern kognitiven Vertrauens“ intakt zu erhalten. (Vgl. Nagel 2013, S.46) Nagel scheut nicht davor zurück, „Sympathie“ zu einem Prüfkriterium für die Plausibilität naturwissenschaftlicher Konzeptionen zu erheben: „Das Beste, was wir tun können, ist, auf jedem wichtigen Gebiet so vollständig und sorgfältig wie möglich konkurrierende alternative Konzeptionen zu entwickeln, die sich nach unseren jeweiligen Sympathien richten, und zu prüfen, wie sie gegeneinander abschneiden. Das ist eine glaubwürdigere Form des Fortschritts als der entscheidende Beweis oder die Widerlegung.“ (Nagel 2013, S.181)

Eine naturwissenschaftliche Objektivität, die sich durch Sympathie und Glaubwürdigkeit begrenzen läßt, ist ein interessanter und – wie ich finde – erfreulicher Gedanke. Es entspricht meiner Verhältnisbestimmung von Naivität und Kritik. (Vgl.u.a. meine Posts vom 05.08.2010, vom 17.11. und vom 07.12.2010, vom 01.01. und vom 24.01.2011) Angesichts dessen, „wie wenig wir wirklich von der Welt verstehen“, so Nagel, sollten wir offener sein für das, „was nicht als undenkbar angesehen wird“. (Vgl. Nagel 2013, S.181)

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Samstag, 14. Dezember 2013

Thomas Nagel, Geist und Kosmos. Warum die materialistische neodarwinistische Konzeption der Natur so gut wie sicher falsch ist, Berlin 2013

1. These
2. Methode
3. Sprache und Logik
4. Letztbegründungsansprüche
5. Mensch/Welt und Teil/Ganzes
6. Doppelaspektivität
7. Werterealismus
8.. Sinn von Sinn

Die grundlegende These von Thomas Nagels Buch „Geist und Kosmos“ (2013) besteht darin, daß die reduktionistischen Erklärungsansätze der Physik, Chemie (Molekularbiologie) und Biologie (Evolutionstheorie) die Welt, in der der Mensch lebt, nicht zu erklären vermögen: „Die Existenz bewusster Wesen mit Geist und ihr Zugang zu den evidenten Wahrheiten der Ethik und Mathematik gehören mit zu den Daten, die eine Theorie der Welt und unseres Platzes in ihr erst noch zu erklären hat.“ (Nagel 2013, S.52)

Eine Welt, in der es Menschen gibt, bedarf nicht-reduktionistischer Erklärungsansätze, die die Tatsache berücksichtigen, daß wir Menschen „Fälle von etwas“ sind, „das objektiv physikalisch von außen und subjektiv mental von innen ist“ (vgl. Nagel 2013, S.65); eine Tatsache, die Helmuth Plessner als Doppelaspektivität bezeichnet. (Vgl.u.a. meine Posts vom 21.10., 22.10. und vom 28.10.2010) Nagel unterscheidet deshalb zwischen „reduktionistischen“ und „reduktiven“ Erklärungsansätzen: „Ich werde ‚reduktiv‘ als den allgemeinen Terminus für Theorien verwenden, die Eigenschaften komplexer Ganzheiten in die Eigenschaften ihrer basalen Elemente zerlegen. Ich werde ‚reduktionistisch‘ weiterhin für den speziellen Typ reduktiver Theorie verwenden, der höherstufige Phänomen(e) ausschließlich unter dem Gesichtspunkt physikalischer Elemente und deren physikalische(n) Eigenschaften analysiert.“ (Nagel 2013, S.83, Fußnote Nr. 14)

Reduktive Erklärungsansätze berücksichtigen also die Komplexität ihres Gegenstands. Auch sie wollen ihn zwar in seine Bestandteile zerlegen, wie die reduktionistischen Erklärungsansätze, aber dabei sollen keine Qualitäten, die zum Wesen ihres Gegenstands gehören, verloren gehen. Für den Menschen gehören zu diesen wesentlichen Qualitäten Bewußtseinsphänomene wie Bewußtsein (vgl. Nagel 2013, S.55-104), Vernunft (vgl. Nagel 2013, S.105-139) und Moral (vgl. Nagel 2013, S.140-180).

Reduktionistische Erklärungsansätze können diese humanen Qualitäten nicht erklären. Entweder wollen sie das gar nicht, was sie wiederum mit reduktiven Erklärungsansätzen vereinbar macht. (Vgl. Nagel 2013, S.83, Fußnote Nr. 14) Denn dann beschränken sie sich durchaus selbst in ihrem Erklärungsanspruch: Wer gar nicht beabsichtigt, menschliches Bewußtsein zu erklären, wird auch nicht in einen Widerspruch zu den Resultaten seines Forschungsprogramms geraten können. Was reduktionistische und reduktive Erklärungsansätze an dieser Stelle unterscheidet, ist, daß sich letztere nicht damit begnügen wollen, nur physikalische und chemische Prozesse zu untersuchen.

Dann gibt es aber noch die reduktionistischen Erklärungsansätze, die ihren Erklärungsanspruch unverhältnismäßig überziehen und auch Bewußtseinsphänomene mit reduktionistischen Methodiken erklären wollen. Diesen Erklärungsansprüchen spricht Nagel jede Berechtigung ab. Er findet „diese Auffassung“, nämlich die „herrschende Form des Naturalismus“, „von vornherein unglaubhaft“. (Vgl. Nagel 2013, S.182f.) Und Nagel geht sogar noch weiter: Er bezeichnet den maßlosen Erklärungsanspruch des herrschenden reduktionistischen Materialismus als einen „heroische(n) Triumph ideologischer Theorie über den gesunden Menschenverstand“. (Vgl. Nagel 2013, S.183)

An dieser Stelle begegnen sich Thomas Nagels Anliegen und das Anliegen dieses Blogs: es geht ihm darum – und dieses Anliegen teile ich –, den menschlichen Alltagsverstand vor den reduktionistischen Erklärungsansprüchen des herrschenden Naturalismus zu schützen. Er will ihnen eine „Form des Verstehens“ entgegensetzen, „die uns in die Lage versetzt, uns selbst und andere bewusste Organismen als spezifische Ausdrucksformen der zugleich physikalischen und mentalen Beschaffenheit des Universums zu sehen.“ (Vgl. Nagel 2013, S.103)

Nagel geht davon aus, daß eine Berücksichtigung des Geistes in der Naturordnung sich rückwärts auf die materiellen Erklärungsansätze von der Entstehung des Kosmos und des Lebens in diesem Kosmos auswirken muß. (Vgl. Nagel 2013, S.18) Das entspricht der Plessnerschen Ästhesiologie. Plessner will nicht den Geist von den Sinnesorganen her, also von der ‚Biologie‘ her erklären, sondern die Sinnesorgane vom Geist her (vgl. meinen Post vom 14.07.2010); also „rückwirkend“, wie Nagel schreibt: das „Auftreten“ des Geistes „wirft einen Schatten, der sich rückwirkend über den gesamten Prozess und über die Bestandteile und Prinzipien, auf denen der Prozess beruht, legt.“ (Vgl. Nagel 2013, S.18)

Dem herrschenden Naturalismus, der allen, den Geist bzw. das Bewußtsein berücksichtigenden Erklärungsansätzen gerne pauschal vorwirft, lediglich die Erklärungslücken im physikalisch-chemischen Evolutionsprozeß mit dem Lückenbüßer ‚Geist‘ oder ‚Gott‘ auszufüllen, wirft Nagel nun seinerseits vor, alle, den Geist bzw. das Bewußtsein betreffenden Erklärungslücken im Evolutionsprozeß mit neodarwinistischen Spekulationen zu füllen; und er spricht, das Argument umkehrend, vom „Materialismus und Darwinismus der Lücken“. (Vgl. Nagel 2013, S.181)

Obwohl Nagel selbst keineswegs an einen göttlichen Kreator glaubt, der die Welt erschaffen hat – ihm fehlt es, schreibt er, „am sensus divinitatis“ (Nagel 2013, S.24) –, anerkennt er den positiven Effekt kreationistischer Welterklärungstheorien: diese „Bilderstürmer“ haben, so Nagel, dazu beigetragen, die „Skepsis gegenüber der Wahrscheinlichkeit der orthodoxen reduktiven Auffassung in Anbetracht der vorhandenen Belege“ zu wecken und öffentlich zu machen. (Vgl. Nagel 2013, S.23) Dafür, meint Nagel, „verdienen die Verteidiger des Intelligent Design unsere Dankbarkeit“. (Vgl. Nagel 2013, S.24) – Es ist etwas irritierend, daß Nagel in diesem Zitat von der „orthodoxen reduktiven Auffassung“ spricht, wo doch eigentlich von der „orthodoxen reduktionistischen Auffassung“ die Rede sein sollte. Doch diesen Unterschied macht er ja erst gut 60 Seiten später. Möglicherweise hat er vergessen, die frühere Textstelle rückwirkend zu korrigieren.

Nagel unterscheidet zwischen intentionalistischen und teleologischen Erweiterungen des naturalistischen Erklärungsanspruchs. Als ‚intentionalistisch‘ bezeichnet Nagel summarisch alle theistischen Erklärungsansätze, in denen ein göttlicher Urheber die physikalisch-chemischen Weltprozesse in Gang setzt. (Vgl. Nagel 2013, S.37ff.) Er distanziert sich von diesen Erklärungsansätzen, weil sie mit ihrem Erklärungsanspruch eine willkürliche Grenze ziehen, an der die Erklärungsversuche enden. (Vgl. Nagel 2013, S.37 und 39)

Er selbst bevorzugt einen teleologischen Erklärungsansatz, den er seltsamerweise als nicht-intentionalistisch versteht: „Ich bin aber zu der Überzeugung gelangt, dass die Idee teleologischer Gesetze kohärent ist und sich von der Idee einer Erklärung durch die Intentionen eines absichtsvollen Wesens, das die Mittel zu seinen Zwecken durch Entscheidung erzeugt, stark unterscheidet.“ (Nagel 2013, S.99f.) – Es ist eine schwer nachvollziehbare Position, von der Zielgerichtetheit von Naturprozessen auszugehen, dieser Zielgerichtetheit aber keine Intentionalität zugrundelegen zu wollen. Zielgerichtetheit und Absichtlichkeit gehören logisch zusammen, so daß nie das eine ohne das andere auftreten kann. Auch Nagel gesteht ein: „Ich bin mir nicht sicher, ob diese aristotelische Idee einer Teleologie ohne Intention sinnvoll ist, aber augenblicklich sehe ich nicht, warum sie es nicht sein sollte.“ (Nagel 2013, S.136)

Es gibt im Zusammenhang seines Buches eigentlich nur zwei Optionen, die eine solche intentionslose Zielgerichtetheit verständlich machen können. Bei der einen handelt es sich darum, das Mensch-Welt-Verhältnis als ein Verhältnis von Teil und Ganzem zu beschreiben. (Vgl. Nagel 2013, S.94, 128) Darauf werde ich in einem späteren Post noch einmal genauer eingehen.

Die andere Option erinnert an Sheldrakes morphogenetische Felder. Nagels Darstellung teleologischer Prozesse erinnert an den sogenannten „Potenzialtopf“. (Vgl. meinen Post vom 04.02.2013). Die „Naturteleologie“ geht Nagel zufolge von nicht-deterministischen Naturprozessen aus, die mehr oder weniger wahrscheinlich sind. Unter den verschiedenen „Zukunftsmöglichkeiten“ kommen einige „mehr in Frage ... als andere“: „Die Existenz der Teleologie verlangt, dass die Folgezustände in dieser Untergruppe eine signifikant höhere Wahrscheinlichkeit haben, als es die Gesetze der Physik allein mit sich bringen – und zwar einfach deswegen, weil sie auf dem Weg zu einem bestimmten Ergebnis sind.“ (Nagel 2013, S.135)

Wenn Nagel in diesem Zusammenhang von der „Selbstorganisation der Materie“ spricht (vgl. ebenda), kann man einfach nicht anders, als an Sheldrakes morphogenetische Felder zu denken. Der Feldbegriff hat dabei den Vorteil, keine Teleologie ohne Intentionalität zu beinhalten.

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Freitag, 1. Februar 2013

Rupert Sheldrake, Der Wissenschaftswahn. Warum der Materialismus ausgedient hat, München 2012

1. Prolog
2. Evolution auf der Basis morphischer Resonanz
3. Der ‚Geist‘ in der Naturwissenschaft
4. Ganzheiten wie z.B. eine Welle
5. Die Metapher des Gravitationsfeldes
6. „Brauchen wir wirklich ein Gehirn?“
7. Rekursivität und Doppelblindverfahren
8. Eine zeitliche Anatomie des Körperleibs

Sheldrakes Theorie der morphogenetischen Felder ist schwer einzuordnen. Sie ist weder eine reine Naturwissenschaft noch eine reine Geisteswissenschaft. Tatsächlich übernimmt bei Sheldrake der Feldbegriff die Funktionen des ‚Geistes‘ bzw. der ‚Seele‘ oder, schlichter formuliert, des Sinns in den Geisteswissenschaften: „So gut wie überall sind Felder an die Stelle der Seele der klassischen und mittelalterlichen Philosophie getreten.()“ (Sheldrake 2012, S.52)

Tatsächlich gibt es zahlreiche Analogien in der Funktionsweise von Feldern und der ‚Seele‘, auf die ich in einigen der folgenden Posts noch eingehen werde. Für jetzt mag es genügen, wenn ich hier festhalte, daß ich mich mit Sheldrakes Konzept nicht so sehr aus einer naturwissenschaftlichen, sondern mehr aus einer geisteswissenschaftlichen Perspektive heraus befassen werde. Dabei interessiert mich insbesondere Sheldrakes feldtheoretischer Zugang zum Gestaltbegriff.

Mit dem Gestaltbegriff habe ich mich im Rahmen dieses Blogs erstmals bei meiner Lektüre von Plessners Büchern befaßt. (Vgl. meine Posts vom 21.06.22.10. und vom 29.10.2010) Plessner faßt den Gestaltbegriff auf der Ebene biologischer Gattungen als Ausdrucksbeziehung zwischen der Gattung und den Individuen: die Individuen bewegen sich in ihrer Ontogenese im Rahmen der von der Gattung vorgegebenen Form, die sie auf jeweils individuelle Weise verwirklichen. Die Gestalt einer Gattung hat keine eigene materielle Basis, sondern fungiert als Idee, die wiederum eine Art „Spielraum“ für die individuelle Ontogenese darstellt. (Vgl. Plessner 1975/1928, S.137) Ihren materiellen ‚Ausdruck‘ – ob Plessner zu diesem Zeitpunkt der Begriff der Genexpression schon geläufig war, ist wohl eher unwahrscheinlich – findet die „Gestaltidee“ also in den Individuen.

So versteht Plessner auch die Evolution als einen fortlaufenden, kontinuierlichen Gestaltwandlungsprozeß, in dem ‚Individuen‘ zu neuen Ausdrucksformen ihrer Gestaltideen finden, die sich wiederum entsprechend diesen individuellen Variationen selbst ändern und zu neuen Gestaltideen formen. Zugleich haben die Gestaltideen eine stabilisierende Funktion. Sie bilden das Beharrende im individuellen Werden, das dieses Werden trägt, so wie das individuelle Werden im Finden konkreter Ausdrucksformen die Gestaltideen allererst realisiert, also diese wiederum ‚trägt‘: „Das Werden bestimmt sich als das Werden eines Etwas (des Beharrenden) in dem Modus, daß das Beharren das Werden ‚trägt‘, oder das Beharren bestimmt sich als das Etwas eines Werdens, wobei das Werden das Beharren trägt. Jede Bestimmungsform ist ein Moment dessen, was Prozeß heißt.“ (Vgl. Plessner 1975/1928, S.134) – Wir haben also bei Plessner einen engen Zusammenhang zwischen der biologischen Ebene der Gestaltentwicklung und geistigen Phänomenen.

In meiner Habilitationsschrift „Lernen und Leistung“ (2005) habe ich mich mit dem Lernbegriff der geisteswissenschaftlichen Pädagogik auseinandergesetzt. Auch dort gibt es einen Gestaltbegriff, der vor allem auf geistige Phänomene, auf Sinnphänomene bezogen ist. Beim geisteswissenschaftlichen Lernbegriff geht es um die ‚exemplarische‘ Beziehung zwischen Lerngegenstand und Lernsubjekt. Diese exemplarische Beziehung beschreibt Hans Scheuerl („Die exemplarische Lehre“ (1964)) anhand eines Kraftfeldes, und er bezieht sich dabei auf das Atommodell: „... unteilbar, und doch aus Elementarteilen zusammengesetzt, die nur deshalb nicht auseinanderbersten, weil sie – mit ungeheuren gegensätzlichen Energien geladen – ineinander verklammert sind.“ (Zitiert nach Zöllner 2005, S.253)

Lerngegenstand und Lernsubjekt bilden also Kraftfelder, die sich gegenseitig anziehen, wobei das Kraftfeld des Lerngegenstands in der exemplarischen Beziehung auf andere ‚Kraftfelder‘, sprich Lerngegenstände abstrahlt, die nun ebenfalls in den Fokus des Lernsubjekts geraten und sein Interesse wecken. Scheuerls Kraftfeld-Metaphorik, die vor allem die Funktionsweise des individuellen Interesses bzw. der ‚Lernmotivation‘ veranschaulichen soll, soll dazu beitragen, die traditionelle Schulfachsystematik durch ein Curriculum zu ersetzen, das vor allem vom individuellen Interesse der Lernsubjekte geprägt ist.

Schon in den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts hatte der Gestaltpsychologe Wolfgang Köhler Analogien zwischen psychischen und physikalischen Prozessen gezogen und sich dabei des Feldbegriffs bedient: „W. Köhler hat Faradays und Maxwells Begriff des Feldes () für die Psychophysiologie zu nutzen gesucht. In einer Veröffentlichung aus dem Jahre 1920 () legte er dar, daß die beiden Kriterien, die von Ehrenfels 1890 () für den ‚Gestalt‘-Charakter erlebter Zustände und Vorgänge, z.B. einer Melodie, benannt hatte, auch bei einigen physikalischen Gegenständen erfüllt sind.“ (Wilhelm Witte in: Historisches Wörterbuch der Philosophie, Bd.2: d-F, 1972, Sp.926) Mit Hilfe des Feldbegriffs entwickelte Köhler physikalische Modelle für die Gestaltwahrnehmung.

Der Sozialpsychologe Kurt Lewin bezeichnete in den 40er Jahren des vergangenen Jahrhunderts den „Lebensraum“ des Menschen als „psychologisches Feld“: „Um das psychologische Feld angemessen zu charakterisieren, hat man derart spezifische Dinge wie besondere Ziele, Reize, Bedürfnisse, soziale Beziehungen als auch allgemeinere Eigenschaften des Feldes wie die Atmosphäre (beispielsweise die freundliche, gespannte, feindliche Atmosphäre) und das Maß an Freiheit zu berücksichtigen. Die Eigenschaften des ganzen Feldes sind in der Psychologie so wichtig wie beispielsweise in der Physik das Gravitationsfeld für die Erklärung von Ereignissen im Rahmen der klassischen Physik.“ (Verhalten und Entwicklung als eine Funktion der Gesamtsituation (2012/1946), S.273)

Tatsächlich reicht der Gedanke eines physikalische wie psychische Phänomene umfassenden, einheitlichen Feldbegriffs bis in die griechische Antike zurück. Der Feldbegriff hat seine Wurzeln in dem „Pneuma“ der Stoa, „denn im Gegensatz zur Aristotelischen geometrischen Kinematik (Kreisbewegung) und der atomistischen Kombinatorik (Komplexionen von Atomen) ist nach den Stoikern die Ordnung, die Einheit und der Zusammenhang des Kosmos dynamisch dadurch bestimmt, daß ein() alle Stoffe durchdringendes Pneuma eine Spannung (τóνος) erzeugt, die die Ursache aller Bewegungen und aller spezifischen Qualitäten der Stoffe ist ().“ (Vgl. HWdPh, Sp.923)

Dieser vielleicht etwas umständlich erscheinende Umweg über Plessner, Scheuerl, Köhler, Lewis und die Stoiker soll erklären, inwiefern ich Sheldrakes morphogenetische Felder gerade aus einer geisteswissenschaftlichen Perspektive so interessant finde.  Da Sheldrake keinen prinzipiellen Unterschied zwischen materiellen und geistigen Feldzuständen sieht, werden plötzlich über die morphische Resonanz Wechselwirkungen denkbar, die die traditionellen Naturwissenschaften im Rahmen eines dogmatischen Materie-Geist-Dualismus oder eines nicht minder dogmatischen monistischen Materialismus nicht zulassen konnten: „Unter dem Gesichtspunkt der morphischen Resonanz besteht zwischen der genetischen Vererbung von Form und Verhalten und der kulturellen Vererbung von Verhaltensmustern nur ein gradueller und kein grundsätzlicher Unterschied.“ (Sheldrake 2012, S.243)

Indem Sheldrake morphischen Feldern ein Gedächtnis zuspricht, wirken sie wie ‚Ideen‘, also entsprechend Plessners Gestaltideen: „Sie tragen Zeit in sich; sie besitzen durch morphische Resonanz gegebene Erinnerungen an ähnliche frühere Systeme, und sie ziehen Organismen durch rückwärts wirkende Kausalität zu End- oder Zielpunkten hin.“ (Sheldrake 2012, S.197) – Zwischen morphischen Feldern und morphischer Resonanz unterscheidet Sheldrake, indem die Wirkungsweise der Felder lokal und die Wirkungsweise der Resonanz nicht-lokal ist. (Vgl. Sheldrake 2012, S.138) Insofern die morphogenetischen Felder „selbstorganisierende Systeme“ stabilisieren, zu denen Sheldrake „Atome, Moleküle, Kristalle, Zellen, Gewebe, Organe, Pflanzen, Tiere, Tiergesellschaften, Ökosysteme, Planeten, Sonnensysteme und Galaxien“ zählt (vgl. Sheldrake 2012, S.172f.), haben wir es mit Gestaltideen zu tun, die über die nicht-lokale, also raumzeitlich unabhängige Resonanz miteinander in Wechselwirkung stehen.

Ich habe versucht, das in Form einer weiteren Modifikation unserer Graphik vom 21.04.2010 darzustellen. Sheldrake beschreibt den Evolutionsprozeß als einen ‚kreativen‘ Prozeß, – nicht etwa weil wir es mit einem göttlichen Urheber zu tun hätten, sondern weil die Naturgesetze Sheldrake zufolge nicht festgelegt sind. Der Begriff Natur-‚Gesetz‘ bildet vielmehr nur eine anthropomorphisierende Metapher, die die Naturwissenschaft zum Dogma erhoben hat: „Sobald wir die ewigen Gesetze einmal in Frage stellen, werden sie tatsächlich fragwürdig, und zwar aus zwei Gründen: Erstens ist schon der Begriff ‚Naturgesetz‘ anthropozentrisch. Nur Menschen kennen Gesetze ...“ (Sheldrake 2012, S.117)



Sheldrake versteht die Naturgesetze bloß als Gewohnheiten, was auch den mathematischen Zwang, das Universum zu multiplizieren, überflüssig macht. Wenn feststehende Naturgesetze in Form von Naturkonstanten es extrem unwahrscheinlich machen, daß aus dem Urknall ein Universum entsteht, das eine biologische Evolution und den Menschen ermöglicht, so daß man sich gezwungen sieht, eine Fülle von Paralleluniversen anzunehmen, von denen unser Universum nur noch eines unter vielen und deshalb nicht mehr ganz so unwahrscheinlich wäre, besteht der Vorteil der Annahme, daß es sich bei den ‚Naturgesetzen‘ nur um Gewohnheiten handelt, „die durch Gewohnheit stärker werden“, einfach darin, auf jene mathematisch begründete Zwangsvorstellung verzichten zu können. (Vgl. Sheldrake 2012, S.133)

Sheldrake geht also von einem ‚kreativen‘ Evolutionsprozeß aus, einfach weil ihm dies als vernünftiger erscheint, getreu dem Motto: „Ich bin uneingeschränkt für Wissenschaft und Vernunft, solange sie wissenschaftlich und vernünftig sind.“ (Sheldrake 2012, S.430)

Die modifizierte Graphik erscheint nun insgesamt als viel weniger kompliziert als die Graphik, die ich gestern vorgestellt habe. Sie ist einfacher und eleganter. Alle Evolutions- und Entwicklungsebenen werden von ihren spezifischen morphischen Feldern getragen und stabilisiert. Zugleich befinden sie sich über die morphische Resonanz in ständiger Wechselwirkung zueinander.

Allerdings hat diese Graphik gerade aufgrund ihrer Eleganz und Schlichtheit einen gravierenden Nachteil: sie kann nicht erklären, wie es zu Diskontinuitäten kommen kann, zu Abbrüchen, zu singulären Katastrophen wie etwa das Aussterben von Arten oder den Kollaps von Kulturen. Sie kann nicht den sich stets erneuernden Bruch zwischen den Generationen erklären, der den humanitären Bestand gefährdet und durch Erziehung und Bildung überbrückt werden muß. Kurz: Sheldrakes Theorie versagt angesichts der anthropologischen Verfassung, die Plessner als exzentrische Positionalität beschreibt. Allerdings finden sich bei Sheldrake hier und da durchaus einige parallele Ansätze, auf die ich insbesondere im letzten Post noch zu sprechen kommen werde.

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