Mittwoch, 14. Januar 2015

Kontinuität und Diskontinuität in der Entwicklung des Menschen

Es gibt in der Natur keine enormen Anomalien, sagt Frans de Waal. (Vgl. meine Posts vom 15.05.2011 und vom 08.12.2014) Die biologische Evolution ist kontinuierlich und nicht diskontinuierlich. Vielleicht bezieht sich dieses Primat der Kontinuität sogar auf die Entstehung des Lebens. Die geologischen Prozesse des Planeten, die im Endeffekt zu Leben auf ihm geführt haben, sind sicherlich in der Hauptsache anorganischer Natur. Aber sie erinnern in der beständigen Umwälzung der Materie, aus der u.a. eine sauerstoffhaltige Atmosphäre hervorgegangen ist, an Stoffwechselprozesse. Das Terraforming macht den Eindruck, als sei dieser Planet lange vor der Entstehung biologischen Lebens auf gewisse Weise schon ein lebendiger Planet gewesen, wobei das eigentliche biologische Leben, sobald es entstand, wiederum auf die geologischen Prozesse zurückwirkte und mit ihnen wechselwirkte. So formten Pflanzen maßgeblich die Oberfläche des Planeten und schränkten die Wirkungen der Erosion ein. Erst so konnte so etwas wie eine ‚Landschaft‘ entstehen. Die Vielgestaltigkeit der Landschaften verdankt sich allererst dem Pflanzenbewuchs und später auch der Wechselwirkung zwischen Pflanzen und Tieren. Ohne Pflanzen wäre die Oberfläche des Planeten öde und eintönig.

Links zur Geologie:
Gleichgewichte - Ansichten eines belebten Planeten. Teil 1: Die Anfänge
Gleichgewichte - Ansichten eines belebten Planeten. Teil 2: Meere
Gleichgewichte - Ansichten eines belebten Planeten. Teil 3: Zivilisationen

Vielleicht kann man geologische und biologische Prozesse tatsächlich als einen kontinuierlichen Evolutionsprozeß zusammenfassen, in dem Leben nicht als eine diskontinuierliche Anomalie auftritt. In dieser Kontinuität befindet sich auch noch die biologische Phylogenese des Menschen. Zu Anomalien kommt es erst in der kulturellen ‚Phylogenese‘, so daß man hier eigentlich nicht mehr von einer Phylogenese, also nicht von einer ‚Stammesgeschichte‘ des Menschen sprechen kann. Die kulturelle Entwicklung des Menschen führt vielmehr ständig zu Abbrüchen und Sackgassen, die einerseits parasitären Fehlentwicklungen geschuldet sind, in denen ‚Kulturen‘ einseitig die Ressourcen ihrer ökologischen Nischen verbrauchen, so daß sie schließlich ihren eigenen Fortbestand gefährden. Oder der Wechsel der Generationen gerät außer Kontrolle, unterminiert die kulturelle Tradition und führt auf diesem Wege zum Zusammenbruch von Gesellschaftsformen. Hier gibt es offensichtlich eine anachronistische Spannung zwischen kultureller und individueller Entwicklung, da mit jedem Menschen die kulturelle Entwicklung von einer Nullage aus neu beginnt.

Um meine Überlegungen zu veranschaulichen, habe ich die Graphik in meinem Post vom 21.04.2010 umgearbeitet. Geologie und Biologie stelle ich auf eine Ebene: sie stehen für einen kontinuierlichen Evolutionsprozeß, in dem es keine prinzipielle Differenz zwischen anorganischen und organischen Stoffwechselprozessen gibt. Natürlich gibt es auf organischer Ebene die eine Innen/Außen-Differenz stiftende Zellmembran. Dennoch nehme ich hier um des Gedankens willen den Übergang zwischen toter und lebender Materie als gleitend an. Dieser gleitende Übergang gilt auch für die Evolution der menschlichen Gattung, die prinzipiell tierischer Herkunft ist. Biologisch gesehen ist der Mensch ein Menschenaffe.


Die Sprache stiftet zwar eine prinzipielle Differenz zwischen Tier und Mensch und setzt den Menschen aus der Tierheit heraus (exzentrische Positionalität). Aber die lange Phase der Mündlichkeit ist noch durch Kontinuität geprägt. Die Menschen verharren über viele Generationenwechsel hinweg in einer kulturellen Stabilität, in der sich der tatsächliche kulturelle Wandel der individuellen Wahrnehmbarkeit entzieht (shifting baselines). Der Mensch ist auf individueller Ebene nur potentiell exzentrisch positioniert. Tatsächlich umhüllt ihn seine Lebenswelt wie eine Höhle. Mag es auch, was den Aufenthalt in realen Höhlen betrifft, ein Mythos sein, daß der Frühmensch ein Höhlenmensch gewesen sei. Was seine Lebenswelt betrifft, war er es jedenfalls.

Insofern ist die Phase der Mündlichkeit noch Teil der Stammesgeschichte der Gattung ‚Mensch‘, und erst die Schriftlichkeit katapultiert den Menschen in eine Geschichte, die ihm die Rückkehr in die höhlenartige Geborgenheit einer intakten Lebenswelt auf immer verwehrt. Jetzt trennt sich das Individuum von der Gattung und wird sich selbst zur Spezies. Von nun an hat der exzentrisch positionierte Mensch eine Biographie, und diese verläuft anachron zur kulturellen Entwicklung.

Das bedeutet, daß sich der kulturelle Entwicklungsprozeß in der individuellen Ontogenese nicht ungebrochen linear fortsetzt, sondern mit jedem einzelnen Menschen aufs Neue beginnt. Biologische und historische ‚Epochen‘ werden so jedes Mal aufs Neue gemischt, und diese Gemengelage ergibt in der Gesamtheit einer Generation so etwas wie einen kulturellen Fingerabdruck, der sich nicht vererbt. Er wirkt sich nur dahingehend aus, daß sich die jeweils nächste Generation von ihm her auf wiederum konkret-individuelle Weise kulturalisiert.

Mit dem Beginn der Schriftlichkeit bildet also der moderne Mensch in den letzten 5000 Jahren eine Anomalie bzw. er produziert fortwährend Anomalien, und das nicht im biologischen Sinne, so daß Frans de Waal mit seiner Behauptung Recht behält.

Anmerkung zum technologischen Charakter der menschlichen Kulturentwicklung: Die kulturellen und individuellen Entwicklungslinien stellen keine nahtlose Fortsetzung der biologischen Entwicklungslinie dar. Insofern haben wir es auch nicht mit einer Beschleunigung der biologischen Evolution zu tun. Die biologische Evolution hat ihren eigenen Rhythmus, von dem sich die Rhythmen der kulturellen Entwicklungsprozesse und ihrer Abbrüche deutlich absetzen. Für die zunehmende, fortlaufend Anomalien hervorbringende Beschleunigung des kulturellen Fortschritts stehen in der globalisierten Welt die Technologie und ihre Innovationen.

Anomalien bilden z.B. die Kunststoffe, mit denen wir die Weltmeere von der Oberfläche bis in die Sedimente hinein verseuchen. ‚Kunststoffe‘ sind keine ‚Naturstoffe‘. Unter Kunststoffen verstehe ich auch die 18 Millionen Tonnen Giftstoffe jährlich, die allein die Deutschen in Salzbergwerken versenken und die immer giftig bleiben werden, weil es keinen natürlichen Kreislauf gibt, der sie abbauen könnte. Die ‚Natur‘ wäre niemals auf die Idee gekommen, Kunststoffe hervorzubringen. Es ist die Frage, ob sich die Technik, wenn sie sich in eine ‚Bionik‘ verwandelt und der Biologie abgeschaute Produkte entwickelt, wieder in den Kreislauf der Natur einzugliedern vermag. Das wäre jedenfalls zu hoffen. Aber die Gentechnik schaut der ‚Natur‘ ihre Vorgehensweise nicht einfach nur ab, sondern greift direkt in den Evolutionsprozeß ein und überschreitet somit maximal die Grenzen des Wißbaren und des Verantwortbaren. Und ein Geoengineering, das den auftretenden Problemen hinterherlaufend den Kreislauf der Natur nachträglich zu reparieren versucht oder ihn letztlich sogar durch einen planetarischen Cyborg zu ersetzen versucht, wird nur immer wieder neue enorme Anomalien hervorbringen.

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