Sonntag, 15. Mai 2011

Frans de Waal, Das Prinzip Empathie. Was wir von der Natur für eine bessere Gesellschaft lernen können, München 2011 (2009)

1.    Forschungsmethoden
2.    Die Natur des Menschen
    a)    Merkmale, Ursprungsmythen und Prinzipien
    b)    Egoismus und Selbst
    c)    Die russische Puppe (Schichtenmodell)
3.    Haltung und Empathie
    a)    Verkörperte Kognition
    b)    Der zweiteilige Prozeß
    c)    Der Abschaltknopf
4.    Unbeteiligte Perspektivenübernahme
5.    Ko-Emergenz-Hypothese

Es gab eine Zeit, so schreibt Frans de Waal in seinem Buch „Das Prinzip Empathie“ (2011), wo Zoologen nach einem Vortrag über Parallelen zwischen Menschen und Tieren mit kaltem Wasser übergossen wurden. (Vgl.de Waal 2011, S.14) Diesem, gelinde gesagt, befremdlichen Verhalten lag die unglückselige wissenschaftliche Legitimation wirtschaftlicher und politischer Konzepte durch den Sozialdarwinismus zugrunde, der noch bis heute das wirtschaftskonservative Denken bestimmt, nach dem im Grunde nur die Tüchtigen und Leistungsfähigen ein menschenwürdiges Leben verdient haben. Allen anderen wird allerhöchstens das nackte Überleben gegönnt, das – im Sinne des Sozialdarwinismus – eigentlich schon zu viel des Guten ist. Den gesellschaftspolitischen Exzeß dieses Denkens haben die Deutschen mit dem biologischen Rassismus des Nationalsozialismus in den dreißiger und vierziger Jahren des 20. Jhdts. erlebt.

Ein Effekt dieser humanitären Katastrophe war jedenfalls ein beständiges Mißtrauen gegenüber Tier-Mensch-Vergleichen, was de Waals Geschichte mit dem Eimer kaltem Wasser erklärt. Seltsamerweise gab es aber schon Anfang des 20. Jhdts. bis in die sechziger und siebziger Jahre hinein völlig unbeeinflußt von diesen gesellschaftspolitisch bedingten Empfindlichkeiten eine wissenschaftliche Richtung, die den Menschen nicht nur mit Tieren verglich – vorzugsweise mit Ratten und Mäusen –, sondern auch die Tiere selbst auf bloße Reiz-Reaktions-Maschinen reduzierte, ohne ihr artspezifisches Verhalten zur Kenntnis zu nehmen: eine Wissenschaftrichtung, die sich aber trotzdem selbst als „Behaviorismus“ bezeichnete: „Der Name bringt die Überzeugung zum Ausdruck, dass Verhalten – behavior – alles ist, was wissenschaftlich gesehen und erkannt werden kann, und dass wir uns deshalb um mehr nicht zu kümmern bräuchten. Der Geist, so es ihn denn geben sollte, bleibt eine Blackbox. Emotionen sind weitgehend bedeutungslos. Diese Einstellung tabuisierte das Innenleben von Tieren: Es galt, Tiere als Maschinen zu beschreiben, und Forscher, die sich mit Tierverhalten beschäftigten, mussten eine Terminologie entwickeln, die bar aller menschlichen Konnotationen war.“ (de Waal 2011, S.24)

Anstatt also das Verhalten von Mensch und Tier in der Fülle seiner Erscheinungsformen zum Gegenstand zu machen, reduzierten die Behavioristen es auf einige abstrakte Bestandteile, eben auf Reiz und Reaktion, und nahmen ihm so seinen Gestaltcharakter. Das Verhalten war nicht mehr ‚Ausdruck‘ eines Inneren, einer Persönlichkeit, der gegenüber bestimmte ‚Umgangsformen‘ angebracht wären, also eine Ethik, sondern letztere wurde im Gegenteil als schädlich für die Entwicklung des Menschen angesehen. So hatte auch diese wissenschaftliche Richtung schlimme Folgen, diesmal für den Umgang mit Kindern in „Findel- und Waisenhäusern“, wo den Pflegerinnen jede zärtliche Zuwendung zu den Kindern untersagt wurde, so daß die Kinder hospitalisierten. (Vgl.de Waal 2011, S.24u.ö.)

Frans de Waal ist sich also bewußt, daß er sich als Biologe mit seinem Buch und den darin enthaltenen gesellschafts- und wirtschaftspolitischen Überlegungen auf vermintes Terrain begibt. (Vgl.de Waal 2011, S.14) Deshalb zieht er auch klare Grenzlinien zwischen mechanistisch-reduktionistischen Erklärungsansätzen und seinem eigenen Verfahren: „Ich habe kein Problem damit, Gene ‚egoistisch‘ zu nennen, solange klar ist, dass damit nichts über die tatsächlichen Motive von Menschen oder Tieren ausgesagt wird ...“ – Und de Waal fügt hinzu, daß es sich bei der Unterscheidung zwischen Genen und Motiven um eine „Trennung“ handelt, „die in der Biologie so selbstverständlich ist wie die zwischen Kirche und Staat überall außerhalb Georgia.“ (de Waal 2011, S.59)

De Waal zufolge sind die Motive tierischen und menschlichen Verhaltens „autonom“ (vgl.de Waal 2011, S.60), also nicht abhängig von dem ursprünglichen Zweck, aus dem sich ein bestimmtes Verhalten entwickelt hat: „Das Tierreich ist voller Merkmale, die sich aus einem bestimmten Grund entwickelt haben, aber auch für andere Zwecke verwendet werden. ... Auch beim Verhalten verrät uns die ursprüngliche Funktion nicht immer, wie und warum eine Verhaltensweise im Alltag Verwendung findet. Die Motive des Verhaltens sind autonom.“ (de Waal 2011, S.60)

In gewisser Weise steht de Waal den Sozialdarwinisten und Behavioristen aber durchaus nahe. Wie sie ist er weniger am Unterschied, als an der Ähnlichkeit zwischen Mensch und Tier interessiert. Er verfolgt die Evolution der Empathie zurück ins Tierreich, wo er ihre Spuren – vor allem bei den Säugern – in den unterschiedlichsten Ausprägungen von der einfachen Gefühlsansteckung bis hin zur komplexen Perspektivenübernahme auffindet. Und genau darin unterscheidet sich de Waal radikal von den genannten Wissenschaftsrichtungen. De Waal spricht nicht von einem wechselseitigen Ausmerzungskampf, in dem die Tüchtigsten die weniger Tüchtigen rücksichtslos verdrängen, sondern er findet überraschende Beispiele für gegenseitige Unterstützung bis hin zur Bereitschaft der Selbstaufopferung zum Wohle anderer.

Schon Darwin war kein Vertreter eines egozentrischen, rücksichtslosen Konkurrenzkampfes aller gegen alle gewesen. Vielmehr glaubte er, daß „kooperative Tier- oder Menschengruppen ... weniger kooperativen überlegen (seien)“. (Vgl.de Waal 2011, S.50) De Waal hält deshalb fest: „Für den Darwinisten gibt es nichts Logischeres als die Annahme emotionaler Kontinuität.“ (de Waal 2011, S.266) – Aus dieser Grundeinstellung ergibt sich für Frans de Waal, daß er sich in seinen Experimenten mit Tier- und Menschenaffen rigoros an eine klare Ethik zu halten hat. So wendet er sich zum Beispiel gegen Experimente, die den Tieren Schmerzen oder Leid zufügen, um ihre Empathiefähigkeit zu testen: „Ist es nicht schrecklich, dass solche Verfahren für notwendig erachtet werden, um zu beweisen, wie sensibel Tiere aufeinander reagieren? Kann die Empathie von Tieren nicht erforscht werden, ohne unsere eigene Empathie wachzurufen? ... Im Vergleich zur Aufmerksamkeit, die man in der Forschung negativen Emotionen wie Furcht und Aggression geschenkt hat, sind die positiven außerordentlich vernachlässigt worden. Es sollte doch möglich sein, Empathie auf rücksichtsvollere Weise zu untersuchen, wie es bei Menschen geschieht. ... In meinen eigenen Studien vermeide ich es, Schmerz oder Deprivation zu verursachen ...“ (de Waal 2011, S.105)

Außerdem sollten de Waal zufolge Tier- und Menschenaffen in ihrer ‚natürlichen‘ Umgebung ‚getestet‘ werden. Mit ‚natürlich‘ ist nicht nur gemeint, in der Freiheit eines Naturreservates, sondern durchaus auch im Zoo, aber dort eben im Umfeld ihrer Gruppe, in der sie leben, und nicht isoliert in einem Labor und konfrontiert mit einem menschlichen Versuchsleiter: „Im typischen Experiment sieht sich der Affe einem unbekannten weißbekittelten Versuchsleiter gegenüber, der außerhalb des Käfigs sitzt und den Gebrauch eines neuen Werkzeugs demonstriert, das in der Umgebung des Affen keine Bedeutung hat. Nach vielleicht fünf standardisierten Vorführungen wird dem Affen das Werkzeug ausgehändigt, um zu sehen, wie er es verwendet. Dabei kümmert nicht, dass Affen keine Fremden mögen und die Beziehung zu einer anderen Spezies immer schwieriger ist als zur eigenen.() Im Vergleich zu Kindern schneiden Affen bei diesen Tests schlecht ab. Doch die Kinder sitzen eben nicht hinter Gittern, sondern fröhlich und zufrieden auf dem Schoß ihrer Mütter. ... Obwohl man in diesen Studien offenbar Äpfel mit Birnen vergleicht, stützt man mit ihnen das Postulat einer kognitiven Kluft zwischen Affen und Kindern.“ (de Waal 2011, S.78)

De Waals Experimente sind deshalb extrem zeitaufwendig und auch nicht wiederholbar. Wenn seine Tier- und Menschenaffen nur in ihrer natürlichen Umgebung auf freiwilliger Basis mitmachen, hängt es natürlich sehr von ihrer jeweiligen Stimmung und vielen anderen Zufallsfaktoren ab, ob ein Experiment überhaupt durchgeführt werden kann: „Wir rufen sie mit Namen und können nur hoffen, dass sie zum Test erscheinen (sie kennen übrigens nicht nur ihre eigenen Namen, sondern auch die der anderen, was uns die Möglichkeit gibt, einen Schimpansen aufzufordern, einen anderen zu holen). Adulte Männer sind im allgemeinen zu beschäftigt für unsere Tests: Ihre Machtkämpfe und die Notwendigkeit, die sexuellen Abenteuer der anderen im Augen zu behalten, haben Priorität. Frauen dagegen haben ihre Reproduktionszyklen und Kinder. ... Wenn die Frauen sexuell attraktiv sind – also ihre ballonartigen Genitalschwellungen zur Schau stellen –, sind sie vielleicht zur Teilnahme bereit, doch dann haben wir drei Männer vor der Tür, die hineinwollen, ständig dagegen schlagen und keine Möglichkeit zur Konzentration lassen. Vielleicht haben auch zwei Schimpansen, die an einem gepaarten Test teilnehmen, am Morgen ohne unser Wissen einen Streit gehabt und weigern sich jetzt, einander auch nur einen Blick zu schenken. ‚Irgendwas ist immer‘, pflegen wir zu sagen, und das erklärt, warum traditionelle Forschung Versuchsanordnungen vorzieht, bei denen Affen mit einem menschlichen Versuchsleiter interagieren. Auf diese Weise ist wenigstens eine Partei unter Kontrolle.“ (de Waal 2011, S.82)

In diesem Zitat fällt übrigens noch eine andere Eigenart von de Waal auf: Er spricht in bezug auf Schimpansenmännchen und -weibchen immer von Männern und Frauen, und überhaupt macht er keinen prinzipiellen Unterschied zwischen Mensch und Tier. Eine Wendung, die man öfter in seinem Buch findet, lautet: „Menschen und andere Tiere“. (de Waal 2011, S.122u.ö.)

Aufgrund der Schwierigkeit, Experimente zu wiederholen, wendet sich de Waal gegen die Dominanz statistischer Methoden in der Verhaltensforschung, und er hebt die empirische Relevanz von Einzelbeobachtungen hervor. (Vgl.de Waal 2011, S.138f.) Gerade was die Empathiefähigkeit von Tier- und Menschenaffen betrifft, haben wir es im Grunde genommen immer mit „nicht zu testenden Situationen“ (de Waal 2011, S.139) zu tun; wenn z.B. ein Tier in einer Gruppe in eine mit Schmerz und Leid verbundene Notsituation gerät und ihm ein anderes Tier zu Hilfe kommt, verbietet es ja gerade die Ethik des Experimentators, so eine Situation absichtlich herbeizuführen: „... die eindruckvollsten Beispiele für empathische Perspektivenübernahme bei Mensch wie bei Tier betreffen Einzelereignisse.“ (de Waal 2011, S.139)

De Waal ist deshalb nicht nur ein bemerkenswert sensibler Beobachter tierischen (und menschlichen) Verhaltens, sondern auch ein eifriger Sammler von „Anekdoten“ (vgl. de Waal 2011, S.138f.) Überhaupt scheint mir dies die Stärke seines Buches zu sein: die Fülle an Beobachtungen und Anekdoten zur Empathiefähigkeit, die es aus allen Bereichen tierischen und menschlichen Lebens liefert, und weniger die begriffliche Analyse. Aus manchen Beobachtungen hätte de Waal mehr herausholen können, gerade auch was die Spezifität der menschlichen Natur betrifft. De Waals Stärke ist insofern auch zugleich seine Schwäche. Anders als z.B. Tomasello, der sich mehr für die Unterschiede zwischen Menschenaffen und Kindern interessiert (und deshalb den Fehler macht, die Unterschiede größer zu machen, als sie tatsächlich sind), interessiert sich de Waal mehr für die Ähnlichkeiten zwischen Menschen und Menschenaffen und zwischen Menschenaffen und Tieraffen. Das verleitet ihn dazu, die Bedeutung gesellschaftlicher und kultureller Bedingungen des menschlichen Verhaltens geringer einzuschätzen als die Bedeutung der biologischen Bedingungen.

Download

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen