„...letztlich ist der Mensch, als Folge oder Krönung der Evolution, nur in der Totalität der Erde begreifbar.“ (Leroi-Gourhan, Hand und Wort, S.22)
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Mittwoch, 5. April 2017

Fritz Breithaupt, Die dunklen Seiten der Empathie, Berlin 2017

(suhrkamp taschenbuch wissenschaft 2196, Broschur, 227 S., 16,-- € )

1. Vorab: Kritik
2. Zusammenfassung
3. Methode
4. Begriffe und Logik
5. Gruppen
6. Exzentrizität

Breithaupt stellt in dem Kapitel zu Nietzsche (vgl. Breithaupt 2017, S.44-78) eine wichtige Frage. Der Begriff der Empathie ist bei ihm vor allem an die Beobachterposition gebunden. Es ist vor allem der empathische Beobachter, an dem er den Begriff entfaltet. Dieser empathische Beobachter ist in dem Nietzsche-Kapitel der „objektive Mensch“, der um der Objektivität willen, also um der möglichst genauen Erfassung der wahrgenommenen Objekte willen, sein eigenes Selbst, seine Identität verliert. (Vgl. Breithaupt 2017, S.45f.) Er wird zum flachen Spiegel, zur nachgiebigen Form, die das fremde Objekt in sich aufnimmt und sich ihm vollkommen anschmiegt.

Breithaupt schreibt nun mit Bezug auf diesen objektiven Menschen:
„Wir dürfen uns fragen, warum sein ausgezeichneter Wahrnehmungsapparat nicht mit einer besseren Selbstbeobachtungsfähigkeit einhergeht.“ (Breithuapt 2017, S.54) 
Breithaupt beantwortet diese Frage mit dem Hinweis auf den technischen Charakter, den diese Selbstaufgabe des objektiven Menschen bei Nietzsche hat. Nietzsche bezieht sich bei der Wahrnehmung des objektiven Menschen nicht auf das lebendige Auge, sondern auf eine Kamera, die die äußere Wirklichkeit detailgetreu ablichtet:
„Hätte Nietzsche etwa die Metapher des ‚Auges‘ benutzt, wäre der metaphorische Weg zu einem ‚inneren Auge‘ schnell bei der Hand gewesen. Von der Metapher der Kamera dagegen führt kein direkter Weg zur Selbstsichtbarkeit. Der blinde Fleck der Beobachtung durch die Kamera ist ihre Mechanik.“ (Breithaupt 2017, S.54f.)
Bei diesem Hinweis auf die mangelnde Selbstbeobachtungsfähigkeit des objektiven Menschen und im weiteren Verlauf des Buches des empathischen Beobachters bleibt es dann aber auch. Eine Rückwendung des Beobachters auf sich selbst wird dann nur noch als Technik der Empathieunterdrückung bei Tätern gegenüber ihren Opfern thematisiert, also, wie im Falle der Nazis, „das Mitleid im Entstehen umzukehren und statt auf andere auf sich zu richten“. (Vgl. Breithaupt 2017, S.79)

Breithaupt versäumt es, eine exzentrische Position des objektiven Menschen in Betracht zu ziehen, wie wir sie von Helmuth Plessner kennen. Mit dieser Exzentrizität gäbe es nicht diese Schicksalshaftigkeit des Selbstverlustes in der objektiven Wahrnehmung. Eine wirklich phänomenologische Position wäre möglich, wie sie z.B. Lambert Wiesing in seinem Buch „Das Mich der Wahrnehmung“ (2009) beschreibt. (Vgl. meine Posts vom 04.06. bis 05.06.2010) Bei Wiesing ist der wahrnehmende Mensch keineswegs ein Sklave seiner Wahrnehmung; vielmehr befreit ihn die Wahrnehmung aus dem Solipsismus seiner Selbstbefangenheit.

Nur an zwei Stellen wird bei Breithaupt die Möglichkeit einer solchen exzentrischen Positionalität angedeutet. Da sind zunächst die Frauen, denen Nietzsche eine besondere Fähigkeit zuschreibt:
„Frauen spielen bei Nietzsche eine besondere Rolle in der Beziehung zwischen dem objektiven Menschen und dem starken Ich. Sie nehmen eine dritte Position ein. Frauen sind in Nietzsches Gedankenwelt von Jenseits von Gut und Böse Meister in der Manipulation der Art und Weise, wie sie von anderen Menschen wahrgenommen werden. Sie verstehen, dass und wie andere Menschen sie beobachten, doch sie verhalten sich anders als der objektive Mensch nicht schlicht rezeptiv-projektiv gegenüber der Beobachtung, sondern eignen sich diese Beobachtung durch andere an, indem sie sich verkleiden, maskieren, verschönern und entziehen. Nietzsche verhandelt die Strategien der Frauen unter dem Sichtwort der ‚Scham‘, also der Sensibilität für das Beobachtetwerden. In diesem Sinne sind Frauen die eigentlichen Meister der Empathie, die ihr weder als Objekt noch als Subjekt zum Opfer fallen.()“ (Breithaupt 2017, S.56)
Die „dritte Position“, die Breithaupt hier den Frauen mit Nietzsche zubilligt, besteht also darin, daß diese sich zu Beobachterinnen des Beobachtetwerdens emanzipieren und so zu Meisterinnen der Empathie werden. Sie befreien sich vom empathischen Beobachter und wenden seine subtilen Manipulationen gegen ihn. Damit befinden sich die Frauen auf der Höhe ihrer Möglichkeiten. Es ist schade, daß Breithaupt diese Ehrenposition am Schluß seines Buches dadurch entwertet, daß er den Ehrentitel eines „Meister(s) der Empathie“ auch Donald Trump zuspricht. (Vgl. Breithaupt 2017, S.211)

An noch einer anderen Stelle scheint die Möglichkeit einer exzentrischen Position durch. Breithaupt verweist auf die Bedeutung der Ironie in Nietzsches Denken:
„Für Nietzsche ist Ironie ein Ausweg, denn sie findet einen Weg, der weder in die Position der Schwäche des empathischen Menschen mündet noch die unreflektierte Barbarei des Ich glorifiziert. Ironie erscheint als Möglichkeit, in jeder Äußerung und in jeder Handlung. Im Falle des Mitleidens äußert sich Ironie als distanzierte Beobachtung seiner Effekte. Der Ironiker erfindet sich, indem er sich von der Handlung der Empathie absetzt, distanziert. Er beobachtet, wie andere Menschen durch Mitleid und Rezeptivität geprägt werden.“ (Breithaupt 2017, S.63)
An diesen zwei Stellen, den Frauen und der Ironie, scheint die Möglichkeit einer Empathiebegrenzung auf, die befreit, ohne anderen zu schaden.

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Dienstag, 4. April 2017

Fritz Breithaupt, Die dunklen Seiten der Empathie, Berlin 2017

(suhrkamp taschenbuch wissenschaft 2196, Broschur, 227 S., 16,-- € )

1. Vorab: Kritik
2. Zusammenfassung
3. Methode
4. Begriffe und Logik
5. Gruppen
6. Exzentrizität

Indem Fritz Breithaupt seinem Begriff der Empathie eine dreistufige Architektur zugrundelegt, zu der auch vielfältige Blockademechanismen samt Umgehungs- und Aufhebungsmöglichkeiten gehören, faßt er den psychischen Mechanismus der Empathie so weit, daß diese Empathie im Grunde das ganze Bewußtsein umfaßt. Viele notwendige Differenzierungen innerhalb dieses Bewußtseins gehen dadurch verloren: z.B. der Unterschied zwischen Gefühlsansteckung bzw. „emotionaler Ansteckung“ (Breithaupt 2017, S.35) und Massenansteckung (vgl. Breithaupt 2017, S.84). Statt eine differenzierte Verhältnisbestimmung zwischen diesen beiden Affekten vorzunehmen, bezeichnet Breithaupt sie zusammenfassend lediglich als problematisch:
„Umgekehrt müssen aber manche Fälle, die eher problematisch sind, durchaus der Empathie zugerechnet werden. Dazu gehören die emotionale Ansteckung, das Schwarmverhalten und ähnliche nicht willentliche Reaktionen.“ (Breithaupt 2017, S.35)
Der Unterschied zwischen der Gefühlsansteckung, zu der auch das Mitleid gehört, und dem Schwarmverhalten ist aber so gravierend, daß man Breithaupt deren pauschale Zuordnung zur Empathie nicht durchgehen lassen kann. Es gibt nichts empathieloseres als menschliches Schwarmverhalten. Die Menschen werden in der Masse von Affekten angesteckt, die sich nicht auf ein individuelles Du richten bzw. die nicht von einem individuellen Du ausgelöst werden. Sie werden vielmehr im Gegenteil von einer Masse entindividualisiert, die „in sich selbst verliebt“ ist. (Vgl. meinen Post vom 23.08.2011)

Mit der Nivellierung der Differenz von Mitleid und Schwarmverhalten als gleichermaßen problematisch geht aber noch mehr verloren: die Differenz zwischen kleinen und großen Gruppen (Gemeinschaft/Gesellschaft) und damit zusammenhängend die Differenz zwischen Zweitpersonalität und Drittpersonalität. Breithaupt zieht eine zweitpersonale Beziehung überhaupt nicht in Betracht. Allerdings ist interessant, was er zur Identifikation mit symbolisch überhöhten Führungspersönlichkeiten schreibt:
„In dem Moment, wo Empathie einem institutionell überhöhten Individuum gilt, kann die menschliche Gruppengröße immens wachsen, und politische Institutionen entstehen.“ (Breithaupt 2017, S.73f.)
Breithaupt gibt hier einen Hinweis darauf, wie die zweitpersonalen Verbindlichkeiten zwischen Ich und Du in kleinen Gruppen durch Identifikation mit einer Führungspersönlichkeit in Form von symbolischer Loyalität auf die drittpersonale Ebene übertragen werden könnten. Dennoch, grundsätzlich geht Breithaupt von einem „Drei-Personen-Modell der Empathie“ aus. (Vgl. Breithaupt 2017, S.105) Dieses Drei-Personen-Modell faßt er als Parteinahme, also als eine dritte Instanz, die über die gemeinsamen Bedürfnisse von zwei Personen hinausgeht:
„Der Beobachter erlebt die emotionale Situation von A mit, entwickelt Empathie. Empathie ist hier aber nicht der Endpunkt, sondern zugleich Ausgangspunkt von erneuter Parteinahme und damit also wiederholter und verstärkter Entscheidung für diese Partei. Es ist dabei sehr wahrscheinlich, dass der Beobachter-Empathiker nun erneut die Partei der bereits gewählten Partei ergreift und sein erstes schnelles Urteil solcherart erhärtet.“ (Breithaupt 2017, S.107)
Das gilt so nicht nur für politische Situationen, wie etwa beim Präsidentschaftswahlkampf in den USA, auf den sich Breithaupt in diesem Zitat bezieht. Von der Beobachterperspektive ausgehend stellt Breithaupt auch im Zusammenhang von basalen Hilfeleistungen die Frage nach der Notwendigkeit einer „Helfer-Identifikation“ (Breithaupt 2017, S.129), die dazu beiträgt, daß der Helfer „das ihm zustehende Lob“ erhält. (Vgl. Breithaupt 2017, S.131) Auch hier also wieder drei Personen: Beobachter, Helfer, Opfer; wobei das Opfer hier nur am Rande ‚eine Rolle‘ spielt. Auch hier transformiert sich Breithaupt zufolge wieder das aktuelle Mitfühlen mit einer Person, in diesem Fall eines Beobachters mit dem Helfer, zu einer Parteinahme für diese Person.

In Breithaupts Empathiebegriff gibt es keine Zweitpersonalität. Wenn man berücksichtigt, daß die Drittpersonalität in der Philosophie immer gerne mit normativen Moralvorstellungen verknüpft wird, erstaunt es schon sehr, wenn Breithaupt trotzdem darauf beharrt, daß „Empathie weder eine Morallehre ersetzen kann noch der beste Anstoß moralischen Handelns ist“. (Vgl. Breithaupt 2017, S.205) Mit der automatischen Parteinahme schon im einfachsten Fall der Gefühlsansteckung ist die normative Aufladung zur Drittpersonalität unvermeidbar. Zugleich wird auf diese Weise die spezifische moralische Qualität der Zweitpersonalität verdeckt.

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Montag, 3. April 2017

Fritz Breithaupt, Die dunklen Seiten der Empathie, Berlin 2017

(suhrkamp taschenbuch wissenschaft 2196, Broschur, 227 S., 16,-- € )

1. Vorab: Kritik
2. Zusammenfassung
3. Methode
4. Begriffe und Logik
5. Gruppen
6. Exzentrizität

Immer wieder stößt man bei der Lektüre von Fritz Breithaupts Buch auf sachliche Ungenauigkeiten bei zentralen Begriffsbestimmungen, auf logische Widersprüche und auf etwas, das ich als ‚Begründungsunterstellung‘ oder als ‚Begründungserschleichung‘ bezeichnen möchte: nämlich in Form von Zitaten oder von Verweisen auf Autoritäten, die für das Gegenteil dessen stehen, für das Breithaupt glaubt, sie in Anspruch nehmen zu können. Eine zentrale Autorität für Breithaupts Empathiebegriff ist z.B. Frans de Waal. Breithaupt faßt eine Publikation von de Waal und seiner Co-Autorin Stephanie Preston mit folgenden Worten zusammen:
„Stephanie Preston und Frans de Waal haben vorgeschlagen, dass Menschen und manche andere Tierarten lernen können, zwischen sich und anderen zu unterscheiden, und dadurch die Emotionen der anderen ausblenden können.“ (Breithaupt 2017, S.90)
Diese Zusammenfassung entspricht dem, was ich von Frans de Waal erwarten würde, dessen Buch „Das Prinzip Empathie“ (2011) ich vor einigen Jahren in diesem Blog besprochen habe. (Vgl. meine Posts vom 15.05. bis 21.05.2011) Um Empathie zu kontrollieren und zu steuern, bedarf es bestimmter kognitiver Techniken, und die kann man lernen. Empathie und Kognition sind also nicht dasselbe. Breithaupt schlußfolgert aber etwas ganz anderes:
„So betrachtet besteht die Funktion des Ich oder Selbst darin, das Individuum von den Gefühlen und Emotionen der anderen abzuschirmen. Empathie besteht entsprechend im Verstehen und Mitfühlen bei gleichzeitigem Bewusstsein der Differenz zwischen Ich und anderem.“ (Breithaupt 2017, S.90)
Anstatt also Kognition und Empathie als zwei verschiedenartige Bewußtseinsprozesse zu fassen, wie es Breithaupts eigene – und korrekte! – Zusammenfassung nahelegt, nimmt er die mit seiner Zusammenfassung verbundene Berufung auf die Autorität von Frans de Waal als Argument, das angeblich das genaue Gegenteil belegt: daß nämlich Kognition (Differenzbewußtsein) einen immanenten Bestandteil von Empathie bildet.

An anderer Stelle zitiert Breithaupt aus Edmund Burkes „A Philosophical Enquiry into the Origins of our Ideas of the Sublime and Beautiful“ (1757):
„Ich bin davon überzeugt, dass wir einen Grad an Vergnügen, und keines kleinen, an dem wirklichen Unglück und dem Schmerz von anderen haben. Wenn diese Leidenschaft schlicht schmerzhaft wäre, würden wir mit der größten Umsicht alle Personen und Orte vermeiden, die sie erregen könnten ... . Und wie unser SCHÖPFER es besorgt hat, sollten wir durch die Bande der Sympathie vereint sein ... . ... es ist absolut notwendig, dass mein Leben außerhalb von jeder konkreten Gefahr ist, bevor ich das Vergnügen an dem Leiden von realen oder imaginären anderen empfinden kann. ...()“ (Zitiert nach Breithaupt 2017, S.152)
Wenn dieses Zitat etwas klar und deutlich zum Ausdruck bringt, dann daß man nur dann ein Vergnügen am Schmerz von anderen haben kann, wenn man diesen Schmerz nicht am eigenen Leib verspürt und wenn man sich selbst „außerhalb von jeder konkreten Gefahr“ befindet. Schmerz verbindet die Menschen also nicht miteinander. Und sie teilen ihn auch nicht. Denn dann könnten die einen kein Vergnügen am Schmerz der anderen mehr empfinden. Breithaupt macht auch hier das genaue Gegenteil daraus:
„Burkes Logik an dieser Stelle lautet, dass Schmerz Menschen aneinander bindet, weil wir den Schmerz alle teilen. Die Sym-Pathie ist ein gemeinsames Leiden. Wenn wir also das Leiden eines anderen wahrnehmen, freuen wir uns, weil dieses Teilen des Leidens eine Gemeinsamkeit und Verbindung evoziert.“ (Breithaupt 2017, S.152)
Das ist das, was ich eine Begründungserschleichung nennen möchte.

Das führt uns noch einmal zum Empathiebegriff selbst, denn hier leistet sich Breithaupt Verkürzungen und Bewertungen, die eher suggestiv sind als analytisch. Zunächst heißt es, daß „emotionale Ansteckung“ als „nicht willentliche Reaktion“ „eher problematisch“ sei, und Breithaupt rückt sie in die Nähe von Schwarmverhalten. (Vgl. Breithaupt 2017, S.35) In der Folge spricht Breithaupt dann nicht von emotionaler Ansteckung, sondern von „Über-Empahtisierung“ (Breithaupt 2017, S.83), die er zur ersten Stufe seiner dreistufigen Empathie-Architektur macht. Breithaupt stellt nun fest, daß Menschen ständig „hyperempathisch“ (Breithaupt 2017, S.85, 92) seien und schlußfolgert, daß es eines effektiven Blockademechanismusses bedarf, der die problematische Über-Empathisierung unter Kontrolle hält (vgl. Breithaupt 2017, S.85). Dieser Blockademechanismus soll die zweite Stufe seines Empathie-Modells bilden. Dabei bleibt gleichermaßen unerörtert, inwiefern emotionale Ansteckung, Schwarmverhalten und Über-Empathisierung sich unterscheiden und ob wir es bei den verschiedenen Ebenen der emotionalen Beteiligung und der reflexiven Distanz überhaupt mit ‚Stufen‘ innerhalb ein und desselben psychischen Mechanismusses zu tun haben, statt mit zwei völlig verschiedenartigen antagonistischen Prozessen.

Die ersten beiden Stufen der dreistufigen Architektur des Empathiebegriffs beruhen also auf lauter ungeklärten Begriffen und suggestiven Bewertungen.

Auch Breithaupts Begriff der „falschen Empathie“ krankt an diesen sprachlichen Ungenauigkeiten. So legte seiner Ansicht nach Angela Merkel falsche Empathie an den Tag, als sie ein weinendes Syrermädchen mit der Bemerkung zu trösten versuchte, daß sie ihre Sache „doch prima gemacht“ habe, so als ginge es dem Mädchen, das mit einer drohenden Abschiebung konfrontiert war, nur um seine mediale Darstellung. (Vgl. Breithaupt 2017, S.142) Breithaupt berücksichtigt nicht, daß Merkel vielleicht die falschen Worte gewählt hat, aber deshalb noch lange nicht falsche Empathie gezeigt hat. Sie hat zunächst mal nur auf der kognitiven Ebene versagt, aber nicht unbedingt wegen falscher Empathie. Da Breithaupt aber zwischen Empathie und Kognition nicht trennt, betrifft aus seiner Sicht Merkels Versagen auch die Empathie. Es mutet auch leicht absurd an, wenn Breithaupt bei Angela Merkel einen angeblichen Mangel an Empathie diskutiert und gleichzeitig Donald Trump bescheinigt, ein „Meister der Empathie“ zu sein. (Vgl. Breithaupt 2017, S.211)

Solche sachlichen Ungenauigkeiten bei Definitionen finden sich immer wieder. Zum Begriff der Strafe schreibt Breithaupt:
„Die Leistung des Strafens besteht in der Unterbrechung einer der Gemeinschaft schadenden Tat.“ (Breithaupt 2017, S.163)
Es ist eigentlich so offensichtlich, daß Strafe keine „Unterbrechung“ einer „schadenden Tat“ bildet, daß es hier fast schon überflüssig ist, das noch einmal eigens hervorzuheben: Strafe ist keine Intervention! Bestrafung erfolgt, wenn die ‚schadende‘ Tat längst vollzogen ist, also im nachhinein, und ‚gemeinschaftlich‘ bzw. gesellschaftlich dient sie vor allem zur Prävention, also zur Verhütung künftiger Straftaten durch Abschreckung.

Seltsam mutet es auch an, wenn Breithaupt auf die methodischen Unzulänglichkeiten einer Meta-Studie zu der Veränderung von Einstellungen zur Empathie zwischen 1979 und 2009 eingeht (vgl. Breithaupts 2017, S.67ff.), und dann im nächsten Kapitel – in völliger Ignoranz gegenüber seiner eigenen Kritik – genau diese Studie als Beleg dafür nimmt, daß „bei der heutigen Jugend zumindest in Amerika eine rapide Abnahme von Empathie zu verzeichnen ist“. (Vgl. Breithaupt 2017, S.79)

Alle diese Fahrlässigkeiten, Verdrehungen und Inkonsequenzen im Umgang mit Zitaten, Begriffen und Schlußfolgerungen schaden dem berechtigten Anliegen des Autors, den dunklen Seiten der Empathie auf die Spur zu kommen.

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Sonntag, 2. April 2017

Fritz Breithaupt, Die dunklen Seiten der Empathie, Berlin 2017

(suhrkamp taschenbuch wissenschaft 2196, Broschur, 227 S., 16,-- € )

1. Vorab: Kritik
2. Zusammenfassung
3. Methode
4. Begriffe und Logik
5. Gruppen
6. Exzentrizität

Eine der Stärken von Fritz Breithaupts Buch besteht in der ausführlichen Methodendiskussion in der Einleitung. (Vgl. Breithaupt 2017, S.24ff.) Breithaupt stellt insgesamt vier mögliche Ansätze zur Untersuchung des Empathiebegriffs vor: die Evolutionsbiologie, die Theory-of-Mind, die Hirnforschung und die Phänomenologie.

Vor allem die ersten drei Ansätze geben eine spezifische Sichtweise auf die Empathie vor, die weniger durch den Gegenstand bestimmt ist als vielmehr durch die Methodik. So beschränkt sich die Evolutionsbiologie auf die beobachtbaren Handlungen der Individuen, da sie es sind, die letztlich selektiert werden:
„Doch viele Aspekte der Kooperation sind nicht leicht zu beobachten, denn zahlreiche Reaktionen finden verzögert statt, und Intentionen sind nicht zu beobachten.“ (Breithaupt 2017, S.27)
Deshalb müssen die eigentlichen „Prozesse und das Bewusstsein anderer Tierarten“ im Dunkeln bleiben. (Vgl. Breithaupt 2017, S.28)

Bei dem Ansatz der Theory of Mind liegt der Fokus vor allem auf den intellektuellen Aspekten der Empathie, die mithilfe rekursiver Annahmen über das Wissen der anderen Menschen bestimmte Verhaltensentscheidungen vorhersagbar machen. Das führt zur Annahme einer Berechenbarkeit von Bewußtseinsprozessen:
„Sowohl Philosophen als auch Informatiker greifen die Konzeption der Theory of Mind gerne auf, da diese Form von intellektueller Empathie sich in der Fähigkeit zu begründeten Annahmen und Aussagen ausdrückt.“ (Breithaupt 2017, S.32)
Auch in der künstlichen Intelligenzforschung wird gerne auf dieses Konzept zurückgegriffen. (Vgl. ebenda)

Da das wichtigste Instrument der Hirnforscher in der Nutzung bestimmter Technologien wie der funktionellen Magnet-Resonanz-Tomographie besteht, faßt dieser methodische Ansatz Empathie als Korrelation von Gehirnaktivitäten unterschiedlicher Testpersonen:
„Die Definition von Empathie, die derartige Studien leitet bzw. aus ihnen resultiert, zielt auf die große Ähnlichkeit zwischen der Gehirnaktivität bei dem Handelnden (Fühlenden) und der beim empathischen Beobachter: Empathie besteht in der Simulation bzw. dem Teilen (sharing) der Gehirnaktivität des Beobachteten. Nicht als Empathie gelten dann intellektuelle Verstehensprozesse des Denkens oder Fühlens eines anderen.“ (Breithaupt 2017, S.34f.)
Dementsprechend liegt keine Empathie vor, wenn ein Beobachter für einen anderen Menschen Empathie empfindet, beim Beobachteten aber keine entsprechenden Gehirnaktivitäten vorliegen, weil er seine Situation ganz anders erlebt als sein Beobachter. Paradoxerweise legt dieser Beobachter zwar Empathie an den Tag – mit den entsprechenden beobachtbaren Gehirnaktivitäten –, aber da das nicht mit den Gehirnaktivitäten des Beobachteten korreliert, liegt keine Empathie vor. (Vgl. Breithaupt 2017, S.35)

Interessant ist auch Breithaupts Hinweis, daß neue, verbesserte Gehirnkarten von „180 funktional differenzierten Arealen“ ausgehen. Da die bisherigen Laborstudien von nur 80 Arealen ausgegangen sind, muß man annehmen, daß „viele aneinandergrenzende Areale schlicht als zusammengehörig“ aufgefaßt wurden und die Studien deshalb jetzt wertlos seien. (Vgl. Breithaupt 2017, S.36)

Insgesamt wirft Breithaupt den drei bisher aufgeführten Ansätzen vor, daß „die empirische Beweisbarkeit dabei eigentlich erst die Konzeption (generiert)“. (Vgl. Breithaupt 2017, S.31) Dabei legt Breithaupt eine kritische Einstellung gegenüber dem verbreiteten Methodenoptimismus in der Wissenschaft an den Tag:
„Als ich ein Student war, hat mich nichts so sehr fasziniert wie die methodischen Prämissen einer jeden Arbeit. Meine Annahme war ganz im Geist der 1990er Jahre, dass die Ergebnisse dem Forscher, wenn er seine methodischen Annahmen und Vorgehensweisen erst einmal geklärt hat, wie von selbst zufliegen. Die methodische Perspektive bestimmt die Ergebnisse, dachte ich, und also lohnt sich der Streit eigentlich nur um sie.“ (Breithaupt 2017, S.24)
Inzwischen sieht Breithaupt das anders: die Methode geht den Erkenntnissen bzw. Resultaten der Untersuchung nicht voran, sondern muß dem Erkenntnisprozeß fortlaufend angepaßt werden. (Vgl. Breithaupt 2017, S.24)

Die Phänomenologie hat Breithaupt zufolge den anderen Ansätzen gegenüber den Vorteil, daß sie „besonders sensibel für einzelne Fälle und Fallgeschichten“ ist, „in denen Empathie eine Rolle spielt“. (Vgl. Breithaupt 2017, S.38) Dabei legt Breithaupt den Fokus weniger auf das subjektive Bewußtsein als solches als vielmehr auf „Verfahrensabläufe und Situationen, die ohne Empathie beginnen, dann aber zum ‚Einschalten‘ von Empathie führen und diese in andere Prozesse integrieren“. (Vgl. ebenda) Hier zeigt sich, daß Breithaupt bei dem phänomenologischen Ansatz, an dem er sich, wie er schreibt, auch in den folgenden Kapiteln hauptsächlich orientieren will (vgl. Breithaupt 2017, S.43), vor allem an ‚Ästhetik‘ denkt.

Die „Verfahrensabläufe“, von denen hier die Rede ist, denkt sich Breithaupt vor allem in Form von ‚Szenen‘ in Literatur, Film oder auf der Bühne.  (Vgl. Breithaupt 2017, S.127f.) Breithaupts wichtigster Referenzpunkt für empathische ‚Situationen‘ (eigentlich Szenen) bildet die Tragödie. (Vgl. Breithaupt 2017, S.150ff.) Hier zeigt sich, daß Breithaupt seine eigene methodische Herkunft als Literaturwissenschaftler nicht mitreflektiert. (Vgl. Breithaupt 2017, S.14f.) Indem er von vornherein von einer inszenierten Empathie ausgeht, entgeht ihm die Bedeutung der Gefühlsansteckung als empathischer Basisemotion. Auch Breithaupt bevorzugt, wie die Theory-of-Mind, einen intellektualistischen Empathiebegriff.

Es ist zwar richtig, daß beide, Ästhetik und Phänomenologie, von der Wahrnehmung ausgehen; dennoch muß man festhalten, daß die Ästhetik vor allem an den Manipulationstechniken der Aufmerksamkeitslenkung interessiert ist. Das ist gewissermaßen das gemeinsame Basisinteresse von Kunst und Politik. Und von hierher ergibt sich das Dunkle an der Empathie, ihre Mißbrauchbarkeit, um die es Breithaupt in seinem Buch geht.

Auch die Phänomenologie ist sehr an den Täuschungen interessiert, in die sich das subjektive Bewußtsein immer wieder verfängt. Aber ihr geht es dabei vor allem darum, herauszufinden, was das Bewußtsein überhaupt ist und wie es funktioniert. Manipulationen wie Husserls eidetische Variationen bilden nur ein Mittel, unserem Bewußtsein auf die Spur zu kommen. Phänomenologen sind eher wie Kinder. Husserl bezeichnet den Phänomenologen als ewigen Anfänger, weil das Staunen die wichtigste Motivation seiner Erkenntnissuche bildet. Künstler und Politiker hingegen sind Manipulatoren, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, andere an alternative Realitäten glauben zu machen.

Empathie steht aber nicht am Ende eines komplizierten Bewußtseinsprozesses, sondern am Anfang. Die zwingende Gewißheit, die uns via Gefühlsansteckung widerfährt, daß andere so sind wie wir und wir wie andere, führt dazu, daß wir zu denken beginnen.

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Samstag, 1. April 2017

Fritz Breithaupt, Die dunklen Seiten der Empathie, Berlin 2017

(suhrkamp taschenbuch wissenschaft 2196, Broschur, 227 S., 16,-- € )

1. Vorab: Kritik
2. Zusammenfassung
3. Methode
4. Begriffe und Logik
5. Gruppen
6. Exzentrizität

Fritz Breithaupt beginnt sein Buch „Die dunklen Seiten der Empathie“ (2017) mit einer Diskussion des „objektiven Menschen“ von Friedrich Nietzsche (1844-1900) in „Jenseits von Gut und Böse“ (1886). Als Textbasis bezieht sich Breithaupt dabei auf den § 207, den er ausführlich zitiert. (Vgl. Breithaupt 2017, S.45-47) Zwar distanziert sich Breithaupt von „Nietzsches pathologische(r) Aufwertung des Ich“ (Anm.5, S.50), die in einem dualistischen Drama zwischen Selbstbehauptung und Selbstverlust gipfelt. Breithaupt konstatiert, daß Nietzsche „nur bedingt als Gewährsmann für die in diesem Buch vorgestellten Thesen in Frage“ komme. (Vgl. Breithaupt 2017, S.67) Tatsächlich aber übernimmt er Nietzsches Gleichsetzung von Wahrnehmung und Empathie und macht sie zum grundlegenden Argument für einen Ästhetizismus, in dem sich der die Qualen seiner Opfer genießende Folterknecht als empathischer Sadist erweist. (Vgl. Breithaupt 2017, S.203)

Mit dem Kapitel zu Nietzsche legt Breithaupt die Grundlage zu einem Empathiebegriff, der auf der ästhetischen Differenz zwischen einem „empathischen Beobachter“ und dem leidenden Anderen beruht:
„Wir können nun unsere Definition von Empathie genauer fassen: Empathie besteht im Mit-Erleben mit einem anderen, wobei sich der empathische Beobachter in die Situation des anderen versetzt sieht und diese Situation zumindest mit einem minimalen Aspekt von Selbst-Interesse aus der Perspektive des anderen betrachtet sowie emotional erlebt. Eine direkte Simulation von Gefühlen und Empfindungen ist nicht notwendig Voraussetzung oder Resultat dieses Prozesses. Empathie führt zudem nicht notwendig zu einem Einsetzen für den anderen.“ (Breithaupt 2017, S.22)
Der empathische Beobachter ist meilenweit entfernt von einer emotionalen Ansteckung. Er befindet sich in einer Zuschauerposition, die den Akt der ‚Einfühlung‘ ästhetisiert. Er ist nicht direkt involviert in eine Situation, sondern beobachtet Szenen der Empathie, der Strafe, der Scham etc. (Vgl. Breithaupt 2017, S.127f., 184f., 175) Diese Szenen sind wie eine Tragödie inszeniert, mit „Anfang, Mitte und Ende“. (Vgl. Breithaupt 2017, S.96) Solche ‚Szenen‘ sind für den empathischen Beobachter besonders attraktiv, weil sie ihm mit dem antizipierten Ende eine Rückzugsoption bieten und ihn so vor empathischer Überforderung schützen:
„Die Tragödie verspricht dem Zuschauer, dass er sich empathisch oder identifikatorisch einfühlen kann, ohne dass er sich dauerhaft verloren geht, denn das Objekt seiner Einfühlung, der Held der Tragödie, wird ja sein Ende finden, so dass der Zuschauer ‚sich zu sich‘ zurückziehen kann.“ (Breithaupt 2017, S.155)
Von der Tragödie führt Breithaupt zufolge der direkte Weg zu den verschiedenen dunklen Seiten der Empathie; denn das empathische Mitleiden bzw. Mit-‚Erleben‘ des Zuschauers findet sich in den verschiedensten alltäglichen und weniger alltäglichen Situationen wieder: im drohenden „Selbstverlust“, weshalb Helfer wie Chirurgen, Sanitäter und Pfleger „Techniken zur Unterbindung von Empathie“ entwickeln müssen, um einen Burnout zu vermeiden (vgl. Breithaupt 2017, S.85); im „Schwarz-Weiß- bzw. Freund-Feind-Denken“, wie man es ebenfalls als narratives Element in der Literatur findet (vgl. Beithaupt 2017, S.119); in der falschen Empathie, wenn man sich statt mit dem Opfer mit dem Helfer identifiziert, insbesondere wenn man es aus den falschen Gründen tut (vgl. Breithaupt 2017, S.140ff.); im empathischen Genießen des Schmerzes von anderen; und in Formen des Vampirismus. (Vgl. Breithaupt 2017, S.22f.) Alle diese dunklen Seiten der Empathie haben ihren Ursprung in der ästhetischen Grundhaltung von Zuschauern in einer Tragödie oder zumindestens eine gewisse Nähe zu ihr.

Breithaupt schlägt eine dreistufige Architektur der Empathie vor (vgl. Breithaupt 2017, S.79ff.): Die erste Stufe besteht in der anthropologisch fundierten „Übermacht der Einfühlung“. Menschen sind immer schon empathisch und deshalb ständig vom Selbstverlust bedroht. An dieser Stelle müßte man eigentlich von Gefühlsansteckung sprechen, was Breithaupt aber vermeidet. Er hält die Gefühlsansteckung als „nicht willentliche Reaktion“ für „eher problematisch“ (vgl. Breithaupt 2017, S.35) Tatsächlich aber bildet sie die erste Stufe der von ihm vorgeschlagenen Empathie-Architektur.

Von der „Über-Empathisierung“ (Breithaupt 2017, S.83) führt der Weg direkt zur zweiten Stufe:
„Wenn Menschen hyperempathisch sind, müssen wir fragen, mit welchen Mechanismen oder Techniken sie den Selbstverlust verhindern oder limitieren. Einfach gefragt: Wie gelingt es ihnen, ihre Empathie zu kontrollieren, zu fokussieren und zu blockieren?“ (Breithaupt 2017, S.85)
Die zweite Stufe der Empathie besteht in einer Vielfalt von Blockademechanismen, die die Empathie (also in diesem Fall die Gefühlsansteckung) unter Kontrolle halten. (Vgl. Breithaupt 2017, S.85ff.) Zu diesen Blockademechanismen gehören alle möglichen Formen der „Attribution“, mit denen wir Menschen in Schubladen einordnen. (Vgl. Breithaupt 2017, S.87) Am beliebtesten ist die Zuordnung zu einer Fremdgruppe. Wer zu einer Fremdgruppe gehört, löst weniger schnell (oder gar nicht) Empathie aus als jemand, der zur eigenen Gruppe gehört:
„Wir wissen aus zahlreichen Studien, dass Menschen im Durchschnitt weniger Empathie mit Menschen haben, die nicht Teil ihrer Gruppe sind. ... allerdings ist hier nicht klar, ob wir eher von Empathie-Blockade oder umgekehrt von einer Empathie-Bevorzugung sprechen sollten.“ (Breithaupt 2017, S.89)
Eine andere Möglichkeit, Empathie zu reduzieren, besteht darin, Menschen als schuldig zu attribuieren, weswegen auch immer, so daß man sie empathiefrei ‚bestrafen‘ kann. (Vgl. Breithaupt 2017, S.88f.)

Die dritte Stufe der Empathie-Architektur besteht in der Auflösung bzw. in der Umgehung der Blockademechanismen, die die Empathie gewohnheitsmäßig und dauerhaft unter Kontrolle halten, so daß Empathie wieder zugelassen wird. (Vgl. Breithaupt 2017, S.92ff.) Zu solchen Auslösern zählt Breithaupt wieder die schon erwähnte Gefühlsansteckung: „Körperliche Reaktionen gehören hierher, denn Beobachtungen eines anderen werden vielfach leiblich wahrgenommen.“ (Breithaupt 2017, S.93) Außerdem können ‚starke‘ Empathie-Auslöser das „Abwehrsystem“ durchbrechen. (Vgl. Breithaupt S.94) Ein anderer interessanter Empathie-Auslöser, den Breithaupt erwähnt, besteht in der heftigen Abneigung gegen einen anderen Menschen, die unmittelbar in Empathie umschlagen kann. (Vgl. Breithaupt 2017, S.98f.) Als Beispiel nennt Breithaupt die romantische Liebe in Film und Literatur, die oft mit diesem Klischee arbeiten.

Breithaupt erklärt dieses Paradox damit, daß die dreistufige Architektur der Empathie eine „Systemeinheit“ bildet, in der „die Aktivierung eines einzelnen Elements der Architektur bereits das ganze System und die Empathie-Routinen aktiviert“. (Vgl. Breithaupt 2017, S.99) Da reicht es schon aus, daß überhaupt starke Emotionen erregt werden, durch die dann Empathie gewissermaßen ‚miterregt‘ wird. Eine solche Empathie stiftende „Dynamik der Parteinahme“ – gleichgültig ob für oder gegen jemanden – hat Breithaupt auch im Wahlkampf von Donald Trump beobachtet. (Vgl. Breithaupt 2017, S.101ff.) Trump hat Emotionen erregt und ebendeshalb auch Empathie.

Aber auch wenn dieser Mechanismus zutrifft, ist es doch sehr gewagt, Trump zu einem „Meister der Empathie“ zu erklären, wie Breithaupt es tut. (Vgl. Breithaupt 2017, S.211) Mag er auch ein Meister der Emotionalisierung anderer Menschen sein, so ist es doch sehr die Frage, inwieweit er auch nur die eigenen Emotionen im Griff hat. Und Mitgefühl für andere Menschen legt er, falls er es überhaupt hat, schon gar nicht an den Tag. Zu einer Klärung des Empathiebegriffs tragen solche Vergleiche jedenfalls nicht bei.

Indem Breithaupt die „ Blockade-Mechanismen als Teil der Empathie-Architektur“ versteht, verbindet er Empathie und Kognition zu einer untrennbaren begrifflichen Einheit. Schon die Kognition, also die Instanz, die die Empathie kontrolliert und reguliert, ist selbst ein immanenter Bestandteil dieser Empathie. Das ist logisch inkonsistent. Außerdem lassen sich fundamentale Dilemmata des Helfen-Wollens nicht mehr adäquat beschreiben. Frans de Waal beschreibt eine Situation, die er bei Orang-Utans (vgl. „Das Prinzip Empathie“ (2011), S.136, und meinen Post vom 16.05.2011) und bei Schimpansen (vgl. ebenda, S.137, und meinen Post vom 19.05.2011) beobachtet hat. Eine verzweifelte Orang-Utan-Mutter versucht ihre Tochter aus einer Seilschlinge, in der sie sich gefangen hat, zu befreien und erwürgt sie dabei. In der gleichen Situation, in der sich ein junger Schimpanse in einer Seilschlinge verfangen hat, geht ein älterer Schimpanse umsichtig und bedacht vor, befreit schließlich den Jüngeren und rettet ihm so das Leben.

Die Orang-Utan-Mutter war offensichtlich so ‚hyperempathisch‘ von der Not ihrer Tochter in Anspruch genommen, daß sie ihr nicht helfen konnte. War sie nun aber weniger empathisch als der ältere Schimpanse in der anderen Situation, weil sie in diesem verzweifelten Moment nicht über dessen kognitive Kompetenz verfügte? Nach Breithaupts Modell wäre das nämlich der Fall: die Kognition, also die Blockademechanismen, gehört untrennbar zur Empathie dazu. Wer nicht über sie verfügt, hat eine reduzierte Empathie.

Frans de Waal sieht das anders: Empathie und Kognition sind zwei verschiedene Bewußtseinsprozesse, die aber insofern zusammengehören, als wir ohne Empathie nicht helfen würden und ohne Kognition nicht helfen könnten.

Letztlich erhebt Breithaupt die Empathie mit ihrer dreistufigen Architektur als Systemeinheit auf die Ebene eines vollständigen Bewußtseins. Alles ist Empathie, und so wird sie zu dem Hammer, von dem Breithaupt selbstironisch festhält, daß für ihn alles wie ein Nagel aussieht. (Vgl. Breithaupt 2017, S.188)

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Sonntag, 5. März 2017

Fritz Breithaupt, Die dunklen Seiten der Empathie, Berlin 2017

(suhrkamp taschenbuch wissenschaft 2196, Broschur, 227 S., 16,-- € )

1. Vorab: Kritik
2. Zusammenfassung
3. Methode
4. Begriffe und Logik
5. Gruppen
6. Exzentrizität

Es ist ungewöhnlich, daß ich eine Rezension mit der Kritik beginne, um dann erst in den folgenden Blogposts auf das betreffende Buch detaillierter einzugehen. Doch scheint mir an dieser Stelle vorab eine Klarstellung angebracht zu sein. Was mir an Fritz Breithaupts Buch „Die dunklen Seiten der Empathie“ (2017) vor allem aufgefallen ist, sind die vielen begrifflichen Ungenauigkeiten und logischen Widersprüchlichkeiten, von denen seine Analysen durchsetzt sind. Zunächst war ich von der Einleitung, in der der Autor eine Klärung des Empathiebegriffs unternimmt, begleitet von einer umfassenden Methodendiskussion, positiv beeindruckt gewesen, und ich hatte mich für meine weitere Lektüre auf ein insgesamt hohes Niveau eingestellt. Ich sah mich dann aber getäuscht.

Das liegt nicht nur an den genannten begrifflichen Schwächen, auf die ich im Verlauf meiner Lektüre immer häufiger stieß und auf die ich in meinen folgenden Blogposts noch zu sprechen kommen werde. Es gibt auch durchaus einige interessante Thesen, die eine logisch stringentere Diskussion verdient hätten, wie z.B. daß ‚empathische Sadisten‘ ihre Opfer nur quälen, um sie besser zu verstehen: „denn den Gequälten kann er verstehen und mit ihm leiden“. (Vgl. Breithaupt 2017, S.130) – Diese These zum Sadismus ist durchaus interessant. Aber zugleich sträuben sich mir beim Wort „empathischer Sadist“ die Nackenhaare: ein empathischer Sadist, was soll das sein?

Ein Sadist, der gerne mit seinem Opfer mitleidet: ist das nicht eigentlich eher ein Masochist?

Dennoch: das begriffliche Grundproblem liegt nicht in erster Linie beim Autor, sondern beim Begriff der ‚Empathie‘! Und es ist ein begriffshistorisches Problem. Denn die für den Rezensenten wichtigste Information gibt der Autor in einer Anmerkung in seiner Einleitung, und er wiederholt sie dann nochmal an verschiedenen Stellen in seinem Buch: „Das Wort ‚Einfühlung‘ wurde 1909 von Edward Titchener als ‚empathy‘ ins Englische übersetzt,() von wo aus es als ‚Empathie‘ ins Deutsche rückübersetzt wurde.“ (Breithaupt 2017, S.80f.; vgl. auch Anm. 56, S.39; S.44f. und S.150f.)

Das ist in der Tat auch für mich neu. Ich gebe zu, daß ich den Begriff der Empathie bislang für wesentlich älter gehalten habe und glaubte, daß er ursprünglich aus dem Griechischen ins Deutsche übernommen worden sei. Tatsächlich aber stand am Anfang der Begriffsgeschichte ein Buch von Theodor Lipps (1851-1914), „Vom Fühlen, Wollen und Denken“ (1902), in dem Lipps eine Theorie der Einfühlung entwickelt. Dieses Wort „Einfühlung“ hat Edward Titchener (1867-1927) 1909, wie Breithaupt schreibt, als „empathy“ ins Englische übersetzt, von wo es dann als „Empathie“ wieder zurück nach Deutschland kam.

Bedenklich an diesem Übersetzungsverlauf ist, daß an die Stelle einer im Deutschen eigentlich recht klaren Unterscheidung zwischen ästhetischer ‚Einfühlung‘ und spontanem ‚Mitleid‘ nun ein Wort getreten ist, das beide Bereiche miteinander vermengt, was weder der kulturell bedingten ästhetischen Einfühlung noch dem eng mit unserer animalischen Physiologie verbundenen Mitleid guttut.

Eine Konsequenz aus dieser Vermengung bildet Breithaupts Behauptung, daß die Empathie ein menschliches Monopol sei, das uns von den Tieren unterscheide. (Vgl. Breithaupt 2017, S.11 und S.76) Mit Bezug auf Frans de Waal behauptet Breithaupt, die Voraussetzung von Empathie liege in der „Trennung zwischen Ich und anderen“, die den Menschen vor der „emotionalen Ansteckung“ bewahre. (Vgl. Breithaupt 2017, Anm.2, S.9) Einfühlung bzw. Mitleid haben demnach nichts mit dem animalischen Erbe des Menschen gemein; und Gefühlsansteckung nichts mit Empathie.

Ich selbst habe Frans de Waals Buch „Das Prinzip Empathie“ (2011) vor einigen Jahren in diesem Blog besprochen. (Vgl. meine Posts vom 15.05. bis 21.05.2011) Frans de Waal besteht darauf, daß sich der Mensch hinsichtlich der Empathie überhaupt nicht von den anderen Säugetieren unterscheidet; und übrigens auch nicht von einigen Vogelarten. Allerdings gehört bei de Waal zur Empathie ganz selbstverständlich auch die Gefühlsansteckung dazu, also das spontane Mitleid. Wer den Schmerz eines anderen Lebewesens mitempfindet, empfindet diesen Schmerz als den eigenen: unmittelbar und körperlich. Von hier führt kein Weg zum Sadismus, und schon gar nicht zu einem empathischen Sadismus.

Breithaupt ist jedenfalls der Ansicht, daß die Gefühlsansteckung als „nicht willentliche Reaktion“ „eher problematisch“ sei (vgl. Breithaupt 2017, S.35), ohne sie allerdings ausdrücklich aus seinem Empathiebegriff völlig auszuschließen. Statt von Mit-Leiden spricht er lieber von Mit-Erleben: „Mit-Erleben beinhaltet zudem deutlicher als das Teilen von Gefühlen und Affekten“ – also die Gefühlsansteckung – „auch Aktionen und vor allem zahlreiche kognitive Prozesse wie das Vorausschauen, das Erwägen der Umstände und das Mitüberlegen, was zu tun ist.“ (Breithuapt 2017, S.16)

Hier wirft Breithaupt nun alles in einen Topf: Empathie ist irgendwie auch, aber auf eher problematische Weise Mitleid (Gefühlsansteckung), aktive Intervention (im Falle des Helfens oder seines Gegenteils: des Quälens) und außerdem noch Kognition. Empathie ist irgendwie alles zusammen, und insoweit umfaßt sie im Grunde das gesamte menschliche Bewußtsein. Wie Breithaupt an einer anderen Stelle selbstironisch schreibt: es ist wie mit dem Hammer, für den alles wie ein Nagel aussieht. (Vgl. Breithaupt 2017, S.188) Allerdings glaubt er ganz unbescheiden, er verwende seinen Empathie-Hammer zum Erschaffen einer Skulptur.

Wenn Breithaupt also von ‚empathischen Sadisten‘ spricht und es sogar für vorstellbar hält, daß Folterer empathisch sind (vgl. Breithaupt 2017, S.203), dann ignoriert er großzügig, daß viele Menschen, einschließlich dem Rezensenten und nicht zu vergessen Frans de Waal, sehr wohl Gefühlsansteckung für den Basisfall der Empathie halten. Und wer die Schmerzen eines anderen Lebewesens genießt, mag vielleicht eine ästhetische Einstellung zu diesem Lebewesen einnehmen; aber eins tut er gewiß nicht: mitleiden!
Der Hauptteil der Rezension ist für Anfang April geplant!
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Samstag, 19. November 2016

Bettina Stangneth, Böses Denken, Reinbek bei Hamburg 2/2016

(rowohlt, Hardcover, 254 Seiten, 19,95 €)

1. Zusammenfassung
2. Unterscheidung von gut und böse
3. Formen des bösen Denkens
4. Grenzen des Denkens
5. Empathie als Kognition
6. Handlungssubjekte
7. Schlichtes Handeln

Bettina Stangneth überfordert die menschliche Kognition und damit das Denken mit Aufgaben, für die die mit unseren körperlichen Funktionen, insbesondere unserer Physiologie verbundene Empathie zuständig ist. Auf diese physiologischen Voraussetzungen kommt Stangneth nur ein einziges Mal zu sprechen. Sie verweist auf die Spiegelneuronen als einer Voraussetzung dafür, die Empfindungen anderer Menschen nachempfinden zu können. Allerdings schränkt sie die Bedeutung dieser Spiegelneuronen gleich wieder ein, indem sie auf die Ungesichertheit des diesbezüglichen neurophysiologischen Wissens verweist und festhält, daß auch die Spiegelneuronen nichts daran ändern, „dass menschliche Gefühle in einem Ausmaß individuell, also durch die eigene Geschichte so nachhaltig überschrieben sind, dass jeder Versuch, sich das Fühlen eines anderen vorzustellen, zu einem wesentlichen Teil Projektion bleibt“. (Vgl. Stangneth 2/2016, S.220)

Nun bin ich selbst nicht gerade ein Freund der neurophysiologischen Attitüde, als alles erklärende anthropologische Instanz aufzutreten. Aber es ist immerhin bezeichnend, daß Stangneth keine anderen Empathie ermöglichenden körperleiblichen Merkmale einfallen als die Spiegelneuronen. Kein Hinweis auf muskuläre Bedingtheiten der menschlichen Körperhaltung und auf die Mimesis, die sie ermöglichen. Kein Wort zum Körperleib als gleichermaßen weltzugewandtem wie weltoffenem Prinzip, das uns zum Mitvollzug der Gefühle unserer Mitmenschen befähigt, und zwar auf einer Ebene, die unserem Denken nur begrenzt zugänglich ist. Stattdessen hält Stangneth apodiktisch fest:
„Wir können schlicht die Gefühle anderer nicht wahrnehmen, sondern immer nur sichtbare Anzeichen oder Beschreibungen von Gefühlen auf dem Hintergrund unserer eigenen Erfahrung und unseres Wissens über die Situation und die konkrete Person deuten.“ (Stangneth 2/2016, S.220)
Dieser Satz ist gleich in zweifacher Hinsicht von einer bestürzenden Gedankenlosigkeit. Zum einen nimmt Stangneth die unbestreitbare Tatsache, daß wir die Erlebnisse der Mitmenschen stets von unserem eigenen Hintergrund her erleben und bewerten, als Beleg dafür, daß wir deren tatsächlichen Gefühle nicht kennen können. Das ist ungefähr so unsinnig wie die Behauptung, daß wir die wirkliche Wirklichkeit nicht kennen, weil wir sie nur mit unseren Sinnesorganen wahrnehmen können. Als wenn nicht genau das die Definition der Wirklichkeit wäre, daß wir sie nämlich mit unseren eigenen Sinnen wahrnehmen!

Zum zweiten reduziert Stangneth das Miterleben der Empfindungen unserer Mitmenschen auf einen wissensbasierten Deutungsvorgang. Sie faßt also Empathie als Kognition. Dafür steht, daß es nach Stangneths Auffassung einer bewußten Projektion von sich auf den Anderen bedarf, um sich so dessen Empfinden zu vergegenwärtigen. (Vgl. Stangneth 2/2016, S.220) Stangneth beschreibt diesen Projektionsvorgang als eine Art vergleichender Beobachtung und Einschätzung der sensiblen Stellen des Menschen uns gegenüber, was, wie ich finde, besonders krass in ihrer Version von besonders gutem und gleichzeitig grenzwertigem Sex zum Ausdruck kommt:
„... wir wissen sehr genau, dass derjenige, der uns gut beobachtet und sich möglichst genau vorzustellen versucht, was er anrichtet, damit nicht nur derjenige ist, der Lust steigern kann, sondern auch derjenige sein könnte, der uns Schmerz zu bereiten in der Lage wäre, wie es sonst niemand vermag.“ (Stangneth 2016, S.221)
Bei dieser Darstellung von Sex gruselt es einem nicht von ungefähr. Denn der kühle Beobachter, der die Kenntnis unserer Schwachstellen für die Anstachelung zu höchsten Lustempfindungen zu nutzen vermag, ist zugleich der berechnend vorgehende Folterknecht, der sich, wie Stangneth meint, ‚empathisch‘ in seine Opfer hineinversetzt, um sie so noch besser quälen zu können:
„Folter ist, abgesehen davon, dass sie durch nichts zu rechtfertigen ist, niemals bloß eine erlernte Technik. Sie ist immer auch geradezu hingebungsvolle Beobachtung und praktische Vorstellungskraft.“ (Stangneth 2016, S.222)
An keiner Stelle ihrer Beschreibung der verschiedenen Schattenseiten empathischer Fähigkeiten kommt Stangneth auf die Idee, daß Empathie keineswegs schon selbst und allererst eine Kognition ist, sondern lediglich die körperleibliche Voraussetzung für ihren kognitiven Mißbrauch bildet. Letztlich fällt ihr zur Empathie nicht mehr ein, als sie zur „notwendige(n) Bedingung des Sadismus“ zu deklarieren. (Vgl. Stangneth 2/2016, S.214) Aber es ist plausibler, daß der Folterer selbst nicht wirklich mitempfindet, wenn seine Opfer unter den trickreichen Ergebnissen seiner kognitionslastigen Beobachtungs- und Erfindungsgabe leiden. Er müßte ja die Schmerzen gleichsam am eigenen Leib spüren. Man müßte diesbezüglich mal experimentell überprüfen, wie er sich verhält, wenn er selbst gefoltert würde. Nein, wo seine Opfer leiden, empfindet er nicht wirklich Empathie, sondern Befriedigung über den Erfolg seiner diesbezüglichen Kognitionen.

Wo Michael Tomasello an der geteilten Intentionalität und am Vertrauen in die Hilfsbereitschaft unserer Mitmenschen den Ursprung der menschlichen Kognition festmacht und wo Frans de Waal von der Empathie als einem gemeinsamen vorrationalen Erbe unserer animalischen Herkunft spricht, befindet sich bei Stangneth nur ein blinder Fleck in Form der Gefühle der Anderen. Wenn dennoch Vertrauen möglich wird, dann nicht etwa als natürliche Gabe, sondern als „gewaltige Leistung“ (vgl. Stangneth 2/2016, S.233); nämlich als Leistung einer kognitiven Anstrengung, die keineswegs selbstverständlich ist.

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Samstag, 21. Mai 2011

Frans de Waal, Das Prinzip Empathie. Was wir von der Natur für eine bessere Gesellschaft lernen können, München 2011 (2009)

1.    Forschungsmethoden
2.    Die Natur des Menschen
    a)    Merkmale, Ursprungsmythen und Prinzipien
    b)    Egoismus und Selbst
    c)    Die russische Puppe (Schichtenmodell)
3.    Haltung und Empathie
    a)    Verkörperte Kognition
    b)    Der zweiteilige Prozeß
    c)    Der Abschaltknopf
4.    Unbeteiligte Perspektivenübernahme
5.    Ko-Emergenz-Hypothese

In den bisherigen Posts zu Frans de Waal war schon öfter von der ‚Spiegelung‘ die Rede (vgl.de Waal 2011, S.163f., 239), mit der nicht etwa die sogenannte „Spiegelphase“ gemeint war – also der Zeitpunkt, an dem sich die Fähigkeit, sich im Spiegel zu erkennen (vgl.de Waal 2011, S.162f., 193ff.), entwickelt –, sondern die Verschmelzung vom Ich und dem Anderen zum Selbst. Auf diese Spiegelung würde übrigens auch Waldenfes’ „Zwischenleiblichkeit“ passen, allerdings ohne deren Verabsolutierung. Zur Spiegelung bzw. zur Verschmelzung gehört eben auch die Trennung als dem anderen Bestandteil eines zweiteiligen Prozesses. Im Grunde kennzeichnet die Spiegelphase genau den Moment in der menschlichen Ontogenese, von dem an wir zu dieser Trennung fähig sind. Diese Fähigkeit teilen wir mit einigen Tierarten, natürlich mit unseren ‚Vettern‘, den Menschenaffen, aber auch mit Cetacea (Delphinen und Walen), Elephanten und sogar mit einigen Vogelarten, insbesondere mit den Rabenvögeln und möglicherweise sogar noch mit anderen Tierarten. (Vgl.de Waal 2011, S.195)

Mit der Fähigkeit, sich selbst im Spiegel zu erkennen – nicht nur zu verstehen, daß das Spiegelbild kein fremdes Tier oder fremder Mensch ist (vgl.de Waal 2011, S.194f.), sondern sich aktiv für das eigene Erscheinungsbild im Spiegel zu interessieren –, gehen bestimmte kognitive und soziale Fähigkeiten einher, die nur höherentwickelte Arten besitzen. So wurde z.B. getestet, ab welchem Alter Kinder, die eine Person mit zerbrochenem Löffel und traurigem Gesicht vor einer Schüssel Quark sitzen sehen, ihnen ihren eigenen oder einen anderen Löffel als Ersatz anbieten: „Kinder, die prosozial gehandelt hatten, bestanden den (Spiegel-)Test, während die Kinder, die keinerlei Hilfe geleistet hatten, durchfielen.“ (de Waal 2011, S.163)

Diesen Zusammenhang von „Spiegel-Selbst-Erkennen“ und bestimmten kognitiven und sozialen Fähigkeiten bezeichnet de Waal als „Ko-Emergenz-Hypothese“: die eine Fähigkeit tritt nie ohne die anderen auf. (Vgl.de Waal 2011, S.162ff., 168f., 181f., 193f.)  Zu diesen Fähigkeiten gehören u.a. Schamgefühle, ein prägnantes Selbstbewußtsein und Als-ob-Spiele: „Etwa im gleichen Alter, in dem sie (Kinder mit zwei Jahren – DZ) den Rougetest bestehen, werden sie empfänglich für die Art, wie sie von anderen angesehen werden, zeigen Verlegenheit, benutzen Personalpronomen (‚Das ist meins!‘ und ‚Schau mich an‘) und entwickeln die Fähigkeit zum Als-ob-Spiel – kleine Szenen, die sie mit Puppen und anderem Spielzeug aufführen. Diese Entwicklungen stehen im Zusammenhang miteinander. Kinder, die den Rougetest bestehen, benutzen mehr persönliche Fürwörter und sind öfter bei Als-ob-Spielen zu beobachten.“ (de Waal 2011, S.162) – Es wundert kaum, daß zu diesen Fähigkeiten nicht zuletzt auch die „höher entwickelte Empathie“ gehört. (Vgl.de Waal 2011, S.163)

De Waals Ko-Emergenz-Hypothese geht von „Parallelen zwischen Ontogenese und Phylogenese“ aus: „... d.h., dass die gleichen Fähigkeiten, die sich zusammen in einem zweijährigen Kind entwickeln, sich auch bei manchen Tierarten zusammen herausgebildet haben.“ (de Waal 2011, S.165) – Eine vergleichbare Parallelisierung nahm z.B. Ernst Haeckel zwischen Phylogenese und Embryogenese an, daß nämlich Embryos in ihrer Entwicklung die Stammesgeschichte ihrer jeweiligen Art wiederholen. (Vgl.de Waal 2011, S.310 (Anm. 10))

Insgesamt sieht de Waal durch den Zusammenhang von Spiegel-Selbst-Erkennen und hochentwickelten kognitiven und sozialen Fähigkeiten seine These bestätigt, daß sich die menschliche Natur nicht prinzipiell von der Natur einiger Tierarten unterscheidet: „Die Ko-Emergenz-Hypothese liefert eine hübsche, schlüssige Geschichte, die Ontogenese, Phylogenese und Neurobiologie miteinander verbindet. Es ist keine Geschichte, die dem Menschen eine Sonderrolle reserviert, obwohl wir von allem mehr haben: mehr Empathie, mehr VEN-Zellen und mehr Selbstwahrnehmung.“ (de Waal 2011, S.182)

Ich finde es besonders bemerkenswert, daß mit dem Spiegel-Selbst-Erkennen auch erste Schamgefühle – de Waal spricht von „Verlegenheit“ – auftreten, und hier würde mich insbesondere interessieren, ob diese Schamgefühle auch bei den Tierarten beobachtet werden können, die mit uns die Fähigkeit zum Spiegel-Selbst-Erkennen teilen. (Vgl. hierzu meinen Post zu Günther Anders vom 23.01.2011)

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Freitag, 20. Mai 2011

Frans de Waal, Das Prinzip Empathie. Was wir von der Natur für eine bessere Gesellschaft lernen können, München 2011 (2009)

1.    Forschungsmethoden
2.    Die Natur des Menschen
    a)    Merkmale, Ursprungsmythen und Prinzipien
    b)    Egoismus und Selbst
    c)    Die russische Puppe (Schichtenmodell)
3.    Haltung und Empathie
    a)    Verkörperte Kognition
    b)    Der zweiteilige Prozeß
    c)    Der Abschaltknopf
4.    Unbeteiligte Perspektivenübernahme
5.    Ko-Emergenz-Hypothese

De Waal beschreibt die „unbeteiligte Perspektivenübernahme“ (de Waal 2011, S.272ff., 276f., 282ff.) als eine Art des Wissens um das Wissen anderer, die sich nicht darauf erstreckt, „was der andere möchte, braucht oder empfindet.“ (Vgl.de Waal 2011, S.135) – Unbeteiligte Perspektivenübernahme gehört nicht zu de Waals Schichtenmodell und unterliegt auch keinem Automatismus. De Waal scheint vielmehr der Meinung zu sein, daß es einer besonderen Disziplin bedarf, die uns erst die Fähigkeit verleiht, uns aus der ursprünglichen Bindung der „Ur-Anteilnahme“ zu lösen. Allerdings ist das nur eine Vermutung, denn wir erfahren nicht mehr darüber, als daß es sich um eine „außerordentliche Fähigkeit“ handelt und daß ihre Grundlage eine andere ist als die der Empathie: „Unbeteiligte Perspektivenübernahme ist, sofern man darüber verfügt, eine außerordentliche Fähigkeit, Empathie jedoch beruht auf einer anderen Grundlage, die eher mit der Situation und den Emotionen des anderen zu tun hat.“ (de Waal 2011, S.135)

An anderer Stelle bezeichnet de Waal die Perspektivenübernahme als „eine neutrale Fähigkeit“, die gleichermaßen „konstruktiven wie destruktiven Zwecken dienen“ kann. (Vgl.de Waal 2011, S.272) Die Spannbreite ihrer Funktionalität reicht von sachgerechten Hilfeleistungen, wie wir sie am Beispiel des älteren Schimpansen kennengelernt haben, der einem jüngeren Schimpansen aus einer Schlinge, in die er sich verfangen hatte, heraushilft (vgl.de Waal 2011, S.136), bis hin zu „Verbrechen gegen die Menschheit“, die, wie de Waal schreibt, „häufig auf dieser Fähigkeit (beruhen).“ (Vgl.de Waal 2011, S.272)

Leisten wir sachgerechte Hilfe, wie in dem Beispiel mit den beiden Schimpansen, haben wir es mit einer empathischen Perspektivenübernahme zu tun, benutzen wir sie hingegen als Instrument unserer Aggression, haben wir es mit einer unbeteiligten Perspektivenübernahme zu tun. – An dieser Stelle entstehen nun allerdings begriffliche Schwierigkeiten. De Waal differenziert nicht zwischen Empathie und anderen Emotionen. Er erweckt immer wieder den Eindruck, daß die Empathiefähigkeit den ganzen emotionalen Bereich abdeckt. Nur so kann der Begriff der unbeteiligten Perspektivenübernahme überhaupt verständlich werden: Wer keine Empathie zeigt, hat dann auch gleich überhaupt keine Emotionen, und wenn er dann ausgeklügelte Methoden der Gewaltausübung anwendet, so beruhen diese zwar auf einer Perspektivenübernahme – denn wie sonst sollte der professionelle Gewalttäter um ihre Wirksamkeit wissen –, aber diese Perspektivenübernahme ist eben unbeteiligt; denn hätte er Mitgefühl, wäre er ja nicht dazu fähig, anderen Schmerzen zuzufügen.

De Waal äußert durchaus selbst Zweifel an so einer jeder Emotionalität baren Perspektivenübernahme: allerdings nicht explizit gegen sein Modell einer unbeteiligten Perspektivenübernahme selbst, sondern indirekt, indem er sich gegen die Perspektivenübernahme als einer „Theorie des Geistes“ wendet. (Bgl.S.132): „Diese Terminologie ist problematisch, weil sie den Eindruck erweckt, das Verstehen anderer wäre ein abstrakter Prozess ... Ich bezweifle entschieden, dass der Mensch oder irgendein anderes Tier die Geistesverfassung eines anderen theoretisch erfassen könnte.“ (de Waal 2011, S.133)

An dieser Stelle argumentiert de Waal vor allem für sein Modell einer empathischen Perspektivenübernahme, – als einem Modell, das für die Menschen eine Universalie darstellt. (Vgl.de Waal 2011, S.270) Demnach gilt für jedes Politikmodell und für jede denkbare Gesellschaftsform, daß sie mit der Empathie der Menschen zu ‚rechnen‘ hat, – daß wir die Empathie in unseren sozialen Prinzipien und staatlichen Gesetzen positiv zu berücksichtigen haben; aus dem einfachen Grund, weil sich die Menschen in einer egoistischen Konkurrenzgesellschaft nicht wohlfühlen.

Dabei übersieht de Waal aber, daß er genau diese „Theorie des Geistes“ für die unbeteiligte Perspektivenübernahme in Anspruch nimmt: „Viel Ärger in der Welt lässt sich auf Menschen zurückführen, deren russische Puppe eine leere Hülle ist. Wie Wesen von einem anderen Planeten sind sie geistig in der Lage, den Standpunkt eines anderen ohne die begleitenden Gefühle einzunehmen. Mit Erfolg täuschen sie Empathie vor.“ (de Waal 2011, S.274) – Es sind also vor allem die „Soziopathen“ (vgl.de Waal 2011, S.63) und „Psychopathen“ (vgl.de Waal 2011, S.273), diejenigen, denen die Verbindung mit dem empathischen „Säugetierkern“ (ebd.) abhanden gekommen ist, die uns zeigen, daß es wohl doch möglich ist, „die Geistesverfassung eines anderen theoretisch (zu) erfassen“.

Ich denke aber, daß es doch eher so ist, daß Perspektivenübernahme immer ‚beteiligt‘ ist, ob nun im engeren Sinne empathisch oder im weiteren Sinne ‚emotional‘. Ich gehe mit Helmuth Plessner und Jan Philipp Reemtsma („Vertrauen und Gewalt“ (2009)) davon aus, daß Menschen nichts tun können, ohne damit etwas ‚auszudrücken‘ bzw. ohne sich damit zu identifizieren: „Menschen handeln nie einfach instrumentell, stets ist ein ‚existentielles‘ Moment im Spiel. ... Jede Tat ist auch eine Auskunft über den Täter und sagt, wer er ist und wer er sein will.“ (Reemtsma 2009, S.107)

Diese Feststellung richtet Reemtsma ganz explizit auf Gewalttäter aller Art und auf ihre emotionale Beteiligung an Gewaltakten. Es steht ihnen keine Entschuldigung zu, daß sie persönlich nicht Böses beabsichtigt hätten, – nicht einmal die Entschuldigung einer Pathologie. Die Gefühle selbst mögen pathologisch sein. Aber ohne Gefühlsbeteiligung gäbe es keine Handlung. Möglicherweise gibt es Krankheiten mit Zuständen vollständiger Apathie. Aber vollständige Apathie bedeutet eben auch vollständige Passivität.

De Waals Feststellung, daß Perspektivenübernahme und Empathie nicht die gleiche Grundlage haben, ist also letztlich nicht mal von de Waals eigenen Überlegungen her begründbar. Und überhaupt bleibt de Waal eine separate Grundlegung der unbeteiligten Perspektivenübernahme schuldig, es sei denn wir verstehen den Verweis auf die Psychopathologien als Versuch so einer Grundlegung. Aber reicht das für eine Funktion, die de Waal als „außerordentliche Fähigkeit“ kennzeichnet? (Vgl.de Waal 2011, S.135)

Statt also die kognitive oder die pathologische Dimension der unbeteiligten Perspektivenübernahme im Detail zu erkunden, wendet sich de Waal gegen Ende seines Buches der Frage zu, ob der Mensch einen „Killerinstinkt“ hat. De Waal bestreitet das ganz entschieden: „Die meisten Männer haben keinen Killerinstinkt. Es ist eine seltsame Tatsache, dass die Mehrheit der Soldaten, obwohl gut bewaffnet, niemals tötet. Im Zweiten Weltkrieg feuerte von fünf amerikanischen Soldaten nur einer tatsächlich auf den Feind. ... Ähnlich hat man errechnet, dass amerikanische Soldaten im Vietnamkrieg pro getötetem Soldaten mehr als fünfzigtausend Patronen verschossen. Die meisten Schüsse müssen in die Luft abgegeben worden sein.“ (de Waal 2011, S.282)

De Waal verweist noch auf einige ähnliche Beispiele, aus denen hervorgeht, daß auch gut ausgebildete Soldaten nur unter äußerstem Druck zum Töten bereit sind und dazu selbst mitten in der Schlacht noch von ihren Unteroffizieren wortwörtlich in den Hintern getreten werden müssen. So „besorgt den weit überwiegenden Teil allen Tötens im Krieg“ nur „1 oder 2 Prozent“ der Soldaten, und de Waal vermutet, daß diese zu jener „Kategorie der Menschheit“ gehören, „die gegen das Leiden anderer immun sind.“ (Vgl.de Waal 2011, S.283)

Vielleicht bin ich an dieser Stelle de Waals Thesen gegenüber zu kritisch. Wirkliche Gegenargumente stehen mir im Moment nicht zur Verfügung, und ich kann nur auf die in sich widersprüchliche Logik der de Waalschen Argumentation verweisen. Deshalb möchte ich diesen Post mit einer vertiefenden Lektüreempfehlung abschließen: Sönke Neitzel/Harald Welzer, Soldaten. Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben, Fischer S. Verlag.

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Donnerstag, 19. Mai 2011

Frans de Waal, Das Prinzip Empathie. Was wir von der Natur für eine bessere Gesellschaft lernen können, München 2011 (2009)

1.    Forschungsmethoden
2.    Die Natur des Menschen
    a)    Merkmale, Ursprungsmythen und Prinzipien
    b)    Egoismus und Selbst
    c)    Die russische Puppe (Schichtenmodell)
3.    Haltung und Empathie
    a)    Verkörperte Kognition
    b)    Der zweiteilige Prozeß
    c)    Der Abschaltknopf
4.    Unbeteiligte Perspektivenübernahme
5.    Ko-Emergenz-Hypothese

De Waal bezeichnet Empathie als einen automatischen Prozeß, auf den wir bewußt nur einen geringen Einfluß haben: „Empathie ist eine automatische Reaktion, auf die wir nur begrenzten Einfluss haben. Wir können sie unterdrücken, intellektuell abwehren oder nicht nach ihr handeln, doch abgesehen von einem winzigen Prozentsatz – den sogenannten Soziopathen –, ist niemand dagegen gefeit, auf die Situationen, in denen sich andere befinden, emotional zu reagieren.“ (de Waal 2011, S.63, 109, 163f., 269) – Und: „Dieser Mechanismus ist uralt: Er ist automatisch, setzt bereits in frühem Kindesalter ein und kennzeichnet wahrscheinlich alle Säugetiere.“ (de Waal 2011, S.163f.)

Natürlich bedeutet das nicht, daß wir ihn nicht doch auch kontrollieren könnten. Wir können ihn sogar ignorieren: „Der Begriff bezeichnet nur das Tempo und die unterbewusste Natur des Prozesses, nicht die Unfähigkeit, sich über ihn hinwegzusetzen.“ (S.109) – Aber auch wenn wir uns über unsere Emotionen hinwegsetzen, bleiben sie dennoch wirksam und warten gewissermaßen nur auf ihre Chance, uns die Zügel aus der Hand zu reißen.

Wenn de Waal also durchaus eine gewisse Beeinflußbarkeit von Emotionen zugesteht, so fehlt bei ihm doch der Bezug auf Bildung, Kultur und Lebenswelt. Mit den Momenten der Verhaltenssynchronisation, der Körpersprache und der Gefühlsansteckung haben wir es bei der Empathie zwar durchaus insgesamt mit einem unterbewußten Automatismus zu tun, aber eben auch mit ‚Haltung‘, also mit einer Gesamtgestalt aus Körper, Seele und Geist. Und mit dem Begriff der ‚Bildung‘ ist eine Durchbildung, eine Durchgeistigung des menschlichen Organismus verbunden, der allererst verantwortliches Handeln ermöglicht. Der Begriff der Freiheit, den wir hier verwenden müssen, geht weit über jene Mechanismen hinaus – wenn wir auf sie zu unserer Freiheit auch nicht verzichten können – , die uns de Waal zufolge dazu befähigen, uns über diesen Automatismus „hinwegzusetzen“.

Zu den von de Waal genannten Mechanismen, mit denen sowohl Frauen wie Männer geschlechtsunabhängig ihre Empathie ‚abstellen‘ können, gehören z.B. Abgrenzungsprozesse – der andere Mensch gehört nicht zur eigenen Gruppe, sondern, im Extremfall, zur „Feindgruppe“ (vgl.de Waal 2011, S.276) – und die Bestrafung von unfairem Verhalten (vgl.de Waal 2011, S.276, 281). Bei Männern kommt noch die Konkurrenz um Macht und Frauen (Kompetition) hinzu. (Vgl.de Waal 2011, S.278) Ein weiteres geschlechtstypisches Merkmal ist, daß Männer, wie de Waal sich ausdrückt, über „den wirksameren Abschaltknopf“ (de Waal 2011, S.276) verfügen: „Interkulturelle Studien bestätigen, dass Frauen überall für empathischer gehalten werden als Männer, infolgedessen wurde die These aufgestellt, dass das weibliche (im Gegensatz zum männlichen) Gehirn für Empathie verdrahtet ist.() Ich bezweifle, dass der Unterschied so absolut ist, doch richtig ist, dass neugeborene weibliche Säuglinge Gesichter länger betrachten als männliche Säuglinge, die dafür mehr Ausdauer haben, wenn sie sich mechanische Mobiles anschauen.“ (de Waal 2011, S.276f.)

Der Mechanismus der Empathie wird also um so unwiderstehlicher, je mehr sich die Individuen in einer Gruppe miteinander verbunden fühlen, und er wird um so schwächer, je weniger sie sich miteinander verbunden fühlen, so daß eine Empathie bei Gruppenfremden sogar ganz zum Erliegen kommen kann: „Das wichtigste Tor der Empathie ist Identifikation. Wir sind bereit, die Gefühle von jemandem zu teilen, mit dem wir uns identifizieren, weshalb es uns bei den Menschen so leicht fällt, die zu unserem inneren Kreis gehören: Für sie bleibt das Tor immer einen Spalt breit offen. Außerhalb dieses Kreises haben wir die Wahl.“ (de Waal 2011, S.275f.)

Identifikation ist demnach der wichtigste Schalter, mit dem wir Empathie ein- und ausschalten können: „Wenn die Identifikation mit anderen das Tor zur Empathie aufstößt, schließt der Mangel an Identifikation dieses Tor.“ (de Waal 2011, S.110) – Diese Identifikation kann auch auf Gruppen übertragen werden. So kann z.B. die beständige Bereitschaft von Männern, miteinander um Macht und um Frauen zu konkurrieren, in besonderen Männergruppen durch „Loyalität“ unter Kontrolle gehalten werden. (Vgl.de Waal 2011, S.280)

Alles in allem fällt also auf, daß de Waal mit seinem Versuch, der biologischen Natur des Menschen Hinweise auf eine bessere Gesellschaft zu entnehmen, sich in einem Bereich des menschlichen Lebens bewegt, der sich auf Gruppendynamiken beschränkt und mit gesellschaftlichen Strukturen nur wenig zu tun hat. Sein Nachweis, daß weder der Behaviorismus noch der Sozialdarwinismus biologisch belegbares anthropologisches Wissen beinhalten, mit dem man bestimmte kybernetisch (Behaviorismus) oder kapitalistisch (Sozialdarwinismus) orientierte Wirtschafts- und Politikmodelle begründen kann, ist zwar auf dieser allgemeinen Ebene durchaus hilfreich, um bestimmte, immer wiederkehrende politische Ideologien zurückzuweisen. De Waals Beobachtungen und Studien liefern durchaus auch gute Argumente gegen wissenschaftliche Denkschulen wie die Luhmannsche Systemtheorie, die meiner Ansicht nach in der geistigen Tradition des Behaviorismus steht.

Aber de Waals – von ihm mit aller Vorsicht formulierter – Wunsch, die Reichweite der Empathie zugunsten einer alle Völker umfassenden globalen Empathiefähigkeit zu erhöhen, sollte ihm dieser gottgleiche Eingriff in die menschliche Natur gewährt werden (vgl.de Waal 2011, S.264), zeigt letztlich nur, daß er kein Verständnis für den über die Biologie hinausgehenden Sinn der Differenz von Gemeinschaft und Gesellschaft hat. Um Empathie an den Grenzen von Gemeinschaft und Gesellschaft in einer individuellen Persönlichkeit zu integrieren, kann nur Bildung helfen, – und das ist etwas ganz anderes als eine bloße Manipulation der biologischen Grenzen der menschlichen Natur.

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Frans de Waal, Das Prinzip Empathie. Was wir von der Natur für eine bessere Gesellschaft lernen können, München 2011 (2009)

1.    Forschungsmethoden
2.    Die Natur des Menschen
    a)    Merkmale, Ursprungsmythen und Prinzipien
    b)    Egoismus und Selbst
    c)    Die russische Puppe (Schichtenmodell)
3.    Haltung und Empathie
    a)    Verkörperte Kognition
    b)    Der zweiteilige Prozeß
    c)    Der Abschaltknopf
4.    Unbeteiligte Perspektivenübernahme
5.    Ko-Emergenz-Hypothese

Vom zweiteiligen Prozeß aus Spiegelung (Empathie) und mentaler Trennung (Kognition) war schon in meinem Post vom 16.05.2011 die Rede. Auf die dort aufgeführten Beispiele für die Bedeutung dieses arbeitsteiligen Bewußtseinsprozesses möchte ich hier deshalb nur noch kurz verweisen: dabei ging es um eine Orang-Utan-Mutter, die aufgrund ihrer empathischen Anteilnahme nicht in der Lage gewesen ist, ihrer Tochter in einer Notsituation zu helfen, und um einen älteren Schimpansen, der einem jungen Schimpansen in einer ähnlichen Situation ruhig und sachgerecht aus einer Schlinge heraushalf. (Vgl.de Waal 2011, S.137)

Spiegelung und Trennung ähneln damit nicht von ungefähr meiner eigenen Darstellung des unabhängigen Verstandesgebrauchs, in der ich zwischen den beiden Momenten der Naivität und der Kritik bzw. der Reflexion unterscheide. Als Naivität bezeichne ich den Mut, dem eigenen Verstand mehr zu trauen, als der Autorität von selbsternannten und sonstigen sogenannten ‚Experten‘ und von politischen und religiösen Führern. Hinzu kommt hier ein erheblicher lebensweltlicher Anteil an Vorurteilen und Routinen, so daß Naivität nicht nur auf individueller Erfahrung beruht, sondern zugleich schon immer auch ein inneres, subjektives Moment der Lebenswelt bildet. Vor allem aber bei den lebensweltlichen Aspekten der Naivität haben wir es mit den erwähnten Spiegelungsprozessen zu tun, also mit der Verschmelzung von Ich und dem Anderen.

Um diese verschiedenen Momente zu durchschauen und zu kontrollieren, bedarf es eben der mentalen ‚Trennung‘, – eine der möglichen Bedeutungen von ‚Kritik‘. ‚Trennung‘ steckt auch im ‚Urteil‘, im Sinne einer Ur-Teilung zwischen Subjekt und Objekt. Somit ist also auch der eigene Verstandesgebrauch ein zweiteiliger Prozeß, und er wurzelt, wie wir bei de Waal sehen können, tief in biologischen Prozessen, die wir zumindestens mit den Menschenaffen gemeinsam haben, möglicherweise auch mit den Cetacea (Delphine, Wale) und Elephanten. Vielleicht finden wir ihn auch bei einigen Rabenvögeln. Er ist verbunden mit dem Spiegelstadium, womit in diesem Fall weniger die ‚Spiegelung‘ von Ich und dem Anderen gemeint ist, als die Fähigkeit, sich im Spiegel zu erkennen. Darauf werde ich aber noch in einem späteren Post zu sprechen kommen.

Trotz dieser gerade genannten Gemeinsamkeiten bleibt aber der autonome Verstandesgebrauch des Menschen etwas Besonderes, da er eng mit der exzentrischen Positionalität des Menschen verbunden ist, die ihn mit schöner und auch unschöner Regelmäßigkeit aus seiner Lebenswelt (und aus seiner Haltung) herausfallen läßt. In diesem Fall wäre es interessant, zu wissen, inwiefern es z.B. bei Menschenaffen eine der menschlichen Ontogenese vergleichbare Phase der Pubertät gibt. Dabei müßte man allerdings auch nachweisen, daß die ‚pubertierenden‘ Menschenaffen nicht einfach nur Verhaltensunsicherheiten an den Tag legen. Ich denke auch nicht an den rein physiologischen Aspekt mit den Hormonen. Mir geht es vor allem um mit einer existentiellen Krise einhergehende Identitätszweifel. Wären diese bei Menschenaffen nachweisbar, wäre die Vermutung, daß auch Menschenaffen exzentrisch positioniert sind, gut belegt.

Solange diese psychologischen Folgen der Pubertät aber ein rein menschliches Phänomen sind bzw. zu sein scheinen, halte ich allerdings die exzentrische Positionalität für ein Alleinstellungsmerkmal des Menschen.

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Mittwoch, 18. Mai 2011

Frans de Waal, Das Prinzip Empathie. Was wir von der Natur für eine bessere Gesellschaft lernen können, München 2011 (2009)

1.    Forschungsmethoden
2.    Die Natur des Menschen
    a)    Merkmale, Ursprungsmythen und Prinzipien
    b)    Egoismus und Selbst
    c)    Die russische Puppe (Schichtenmodell)
3.    Haltung und Empathie
    a)    Verkörperte Kognition

    b)    Der zweiteilige Prozeß
    c)    Der Abschaltknopf
4.    Unbeteiligte Perspektivenübernahme
5.    Ko-Emergenz-Hypothese

Im Bezug auf die Empathie spricht de Waal auch von der „verkörperten Kognition“ (vgl.de Waal 2011, S.84), also von einer Kognition, die weitgehend unbewußt und mit hohem Tempo vor sich geht (vgl.de Waal 2011, S.109): „Das Forschungsfeld der ‚verkörperten‘ Kognition steckt noch weitgehend in den Kinderschuhen, ist aber von weitreichender Bedeutung für unser Verständnis menschlicher Beziehungen. Unwillkürlich versetzen wir uns in die Körper der Menschen in unserer Umgebung, so dass ihre Bewegungen und Gefühle ein Echo in uns hervorrufen, als wären es unsere eigenen.“ (de Waal 2011, S.84)

Das erinnert an Damasios „rasche Kognition“ und an das, was ich Haltung nenne. (Vgl.u.a. meinen Post vom 31.12.2010) Bei de Waal kommt allerdings noch eine Komponente hinzu, die ich im Begriff der Haltung bislang vernachlässigt habe, obwohl die mit der Haltung verbundene Expressivität sie eigentlich impliziert: gemeint ist die wechselseitige Verständlichkeit von Haltungen, die de Waal auch in Analogie zum Mind-Mapping als „Body-Mapping“ beschreibt (vgl.de Waal 2011, S.75f., 91): „Wir beginnen zu ahnen, in welch starkem Maße menschliche wie tierische Kognition sich über den Körper vollzieht. Unser Gehirn ist nicht wie ein kleiner Computer, der den Körper herumkommandiert, vielmehr ist die Körper-Gehirn-Beziehung eine Zweibahnstraße. ... Körper bringen sich in alles ein, was wir wahrnehmen und denken.“ (de Waal 2011, S.83f.)

‚Haltung‘ habe ich bislang eher als ein Sich-Halten verstanden, also als eine Form der Selbstverankerung gegenüber der beständigen Neigung zur Stimmungsübertragung. Damit ging es mir vor allem darum, die Basis der individuellen Urteilskraft sicherzustellen. Gerade weil mir wie de Waal die ungeheure Bedeutung von synchronisierenden Mechanismen der Verhaltenskoordination und der Gefühlsansteckung, die wir mit einem psychologischen Begriff einfach als Gruppendynamik beschreiben können, bewußt ist, habe ich im Begriff der Haltung immer dieses Moment des Sich-Festhaltens gegenüber dem Moment des Sich-Loslassens besonders hervorgehoben. Dennoch macht es wohl keinen Sinn, Haltung nur als eine Form der Selbst-Expression zu verstehen. Body-Mapping verweist darauf, daß es auch ein kommunikatives Moment in der Haltung gibt, in der wir nicht nur uns selbst halten, sondern uns auch mit dem Anderen halten, – daß wir uns zueinander verhalten!

Genauso wie Damasio hebt de Waal also hervor, daß die „Körper-Gehirn-Beziehung“ keine Einbahnstraße darstellt, sondern eine Wechselbeziehung, in der, zumindest was die Empathie betrifft, der Körper das Primat hat. Als neuronale Grundlage dieser „Körpersprache“ (de Waal 2011, S.21, 104, 112ff., 202u.ö.) nennt de Waal die Spiegelneuronen (vgl.de Waal 2011, 108f., 156u.ö.). Allerdings verweist er hier auf ein Problem, das seiner Ansicht nach allein mit dem Verweis auf Spiegelneuronen nicht geklärt werden kann: „Ich muß sagen, dass ich die Nachahmung bei Neugeborenen höchst verwirrend finde. Wie kann ein Baby – ob Mensch oder nicht – einen Erwachsenen nachahmen? Die Forscher mögen neuronale Resonanz oder Spiegelneuronen ins Spiel bringen, doch damit lässt sich kaum das Rätsel lösen, wie das Gehirn (besonders ein so unreifes wie das des Neugeborenen) die Körperteile eines anderen Individuums zutreffend auf den eigenen Körper projiziert. () Das bezeichnet man als Korrespondenzproblem. Woher weiß das Baby, dass die eigene Zunge, die es nicht einmal sehen kann, dem rosigen fleischigen Muskelorgan entspricht, das es zwischen den Lippen eines Erwachsenen hervorgleiten sind? Wobei das Wort wissen irreführend ist, da das alles offenkundig unbewusst geschieht. Artgrenzen überschreitendes Body-Mapping ist noch verwirrender.“ (de Waal 2011, S.75f.)

De Waal nennt als weiteres unerklärliches Phänomen die Nachahmung zwischen verschiedenen Spezies, wenn z.B. ein Mensch mit den Armen wedelt und ein Delphin, ihn nachahmend,  mit den Brustflossen wackelt. (Vgl.ebd.) Ich selbst finde die Leistungen von Blindenhunden bemerkenswert, die ein erstaunliches Einfühlungsvermögen in die körperlichen Beschränkungen menschlicher Mobilität an den Tag legen, wenn sie ihr blindes Frauchen oder Herrchen an Schranken vorbeiführen, unter die sie selbst bequem drunter durch schlüpfen könnten.

Diese ganze Problematik gehört im Grunde zu jener Fragestellung, die Phänomenologen schon immer beunruhigt hat: woher wissen wir, daß unser Gegenüber lebendig ist und genauso fühlt und empfindet wie wir? Husserl hat hier vom Problem der Intersubjektivität gesprochen und sie mit einem umständlichen Analogieverfahren, also mit einem kognitiven Prozeß zu erklären versucht: Wir schließen von unseren eigenen Gefühlen auf die Gefühle unseres Gegenübers! Wenn de Waal von verkörperter Kognition und von Body-Mapping spricht, geht er von einer gegenteiligen These aus. Es wird hier nichts umwegig geurteilt und geschlossen, sondern wir verstehen die Gefühle von Tieren und Mitmenschen unmittelbar. Anstatt also erst umständlich darüber nachdenken zu müssen, was der andere empfindet, ist es vielmehr umgekehrt so, daß wir dieses unmittelbare ‚Wissen‘ um die Gefühle des Anderen erst mühselig verdrängen und verlernen müssen, um uns als Menschen von Tieren abzugrenzen: „Mit Bedacht verdrängen die Menschen, was sie seit Kindesbeinen wissen: dass Tiere Gefühle haben und für andere sorgen. Wieso und warum die halbe Menschheit diese Überzeugung aufgibt, sobald Bart und Brüste wachsen, wird mir stets ein Rätsel sein, doch übrig bleibt der landläufige Trugschluss, dass wir in dieser Hinsicht einzigartig seien.“ (de Waal 2011, S.173)

Letztlich hat Plessner das von de Waal angesprochene Rätsel, woher das Baby weiß, wo sich die Zunge befindet, wenn es das Rausstrecken der Zunge nachahmt, damit beantwortet, daß das Gehirn schon immer ein Körpermodell hat, den Leib nämlich, der zugleich als Modell für alle anderen Körper fungiert, mit denen wir es in der Welt nach unserer Geburt zu tun haben werden. Unseren Körper lernen wir als erstes, noch vor unserer Geburt, kennen, und alle Dinge, tote wie lebende, strukturieren wir später nach diesem Modell, so daß wir sie tatsächlich immer schon als lebendig wahrnehmen und es erst lernen müssen, daß es viele eben nicht sind. (Vgl. meinen Post vom 21.10.2010) Das kann nun sicherlich erklären, woher das Baby weiß, wo sich seine Zunge befindet, aber die Analogien zwischen den Spezies, zwischen Flossen (Delphine) und Armen (Menschen) bleiben damit unbeantwortet.

De Waal hebt immer den Automatismus hervor, wenn er von Empathie, Körpersprache und Body-Mapping spricht, wenn wir also von den Gefühlen anderer angesteckt werden. (Vgl.de Waal 2011, 63, 109ff., 122, 156, 163f., 239, 264, 269) Er verweist zwar auch auf Mechanismen, die es uns ermöglichen, diese Automatismen abzustellen und zu kontrollieren – de Waal spricht hier von „selektive(r) Aufmerksamkeit und Identifikation“ (de Waal 2011, S.109f.; vgl. auch ebd.S.173, 275f.) –, aber insgesamt fehlt bei de Waal jenes Moment der Übung und der Bildung, das ich mit dem Begriff der Haltung verbinde. Es fehlt das Moment, daß wir durch bewußtes Verhalten unbewußte Handlungsmechanismen anbahnen können (Priming), in Form von Einstellungen und Haltungen, die uns im Ernstfall einer Situation eine umständliche Analyse ersparen und es uns ermöglichen, sofort, also ‚unmittelbar‘ das Richtige zu tun.

Solche Haltungen können natürlich auch in Form von Vorurteilen und schlechten Gewohnheiten äußerst hinderlich und sogar schädlich sein. Insgesamt bewegen wir uns hier im Bereich der Lebenswelt, deren Anforderungen wir nur durch eine Kombination aus Naivität und Kritik, eben durch Bildung gerecht werden können. ‚Bildung‘ bedeutet hier, die Autonomie des eigenen Verstandesgebrauchs weitgehend zu bewahren.

Auf einen bezeichnenden Schwachpunkt in de Waals Analyse muß ich hier noch zu sprechen kommen. De Waal stellt zwei seiner Darstellung nach sich widersprechende Theorien zur verkörperten Kognition vor, – die „Körper-zuerst-Theorie“ und die „Emotion-zuerst-Theorie“: „Eine Überlegung – ich möchte sie die ‚Körper-zuerst-Theorie‘ nennen – besagt, dass der Körper vorangeht und die Emotionen folgen. Die Körpersprache eines anderen wirkt auf unseren Körper ein und erzeugt dann ein emotionales Echo, das ein entsprechendes Gefühl in uns hervorruft. ... nach dieser Theorie entstehen Gefühle in unserem Körper.“ (de Waal 2011, S.112) –  De Waal fügt hinzu, daß das „Primat des Körpers“ in dem Satz zum Ausdruck kommt: „Ich muss Angst haben, denn ich laufe davon ...“ (de Waal 2011, S.113)

Die Emotion-zuerst-Theorie geht nun de Waal zufolge davon aus, daß nicht der Körper die Emotionen hervorruft, sondern daß es die Emotionen sind, die den Körper bewegen: „Schließlich bedeutet ‚Emotion‘ doch ‚Aufwühlen‘ oder ‚Bewegung‘. Das ist in der Tat die zweite Überlegung, die ich folgerichtig die ‚Emotion-zuerst-Theorie‘ nennen möchte. Wenn wir die Körpersprache eines Menschen sehen oder seinen Tonfall hören, schließen wir auf seine Gemütsverfassung, die dann die unsere beeinflusst.“ (de Waal 2011, S.113)

De Waal spricht hier von einem Schlußverfahren, in dem wir von einem äußeren Zeichen – etwa dem Tonfall – auf die innere Gemütsverfassung schließen. Demnach wäre also die emotionale Reaktion auf dieses ‚Zeichen‘ ein kognitiver Prozeß! Als Beispiel für die Emotion-zuerst-Theorie bringt de Waal ein Experiment, in dem Versuchspersonen „Bilder von furchsamen Körperhaltungen“ betrachten, bei denen die Gesichter geschwärzt sind: „Obwohl dadurch Gesichtsmimikry ausgeschlossen wurde, zeigten die Gesichter der Versuchpersonen Furcht. Gefühlsansteckung beruht also auf einem unmittelbaren Kanal zwischen den Emotionen des anderen und den unseren.“ (de Waal 2011, S.113)

In diesem Beispiel geht de Waal nun also nicht mehr von einem Schlußverfahren von äußerlichen Zeichen auf innere Erlebnisse aus; stattdessen spricht er von einem „unmittelbaren Kanal“! Was soll dieser unmittelbare Kanal sein, wenn nicht die Körperhaltung, zumal ja aufgrund des geschwärzten Gesichts der Gesichtsausdruck hier nicht in Frage kommt?

Auch sein anderes Beispiel, wo es darum geht, daß sich ein Mitarbeiter der zornigen Stimmung seines Chefs intuitiv in Form unterwürfiger, beschwichtigender Gesten anpaßt, spricht eher für eine unmittelbare als für eine wohl durchdachte, also primär kognitive Reaktion. Denn wie de Waal ganz zurecht feststellt, kommt es eben auf eine möglichst ‚rasche‘ Bestimmung der „Gemütsverfassung“ des Chefs an, gleichgültig, ob er nun „recht oder unrecht“ hat. (Vgl.ebd.)

Wenn de Waal deshalb meint, daß alles das für die „Emotion-zuerst-Theorie“ spricht und nicht für die „Körper-zuerst-Theorie“ und man die Differenz zwischen beidem im Umweg über ein kognitionsähnliches Schlußverfahren der „Emotion-zuerst-Theorie“ sehen soll, so verstehe ich die Beispiele nicht, die ja vor allem die Unmittelbarkeit der Gefühlsansteckung hervorheben.

Zu dieser Verwirrung paßt, daß de Waal seltsamer Weise auch zwischen Körperhaltungen und Gesichtsausdrücken unterscheidet: „Trotz der Bedeutung von Körperhaltungen und Bewegungen bleibt das Gesicht der Königsweg zur Emotion: Es bietet den raschesten Zugang zum anderen.()“ (de Waal 2011, S.113) – Diese recht seltsame Differenzierung, die den Eindruck macht, als sollten Emotionen vor allem über Gesichtsausdrücke und weniger über Körperhaltungen ausgelöst werden, paßt weder zu dem beschriebenen Versuch mit den Körperhaltungen und den geschwärzten Gesichtern noch zu den zwei Seiten vorher beschriebenen Befunden der Neurowissenschaft: „Wie die belgische Neurowissenschaftlerin Beatrice de Gelder gezeigt hat, reagieren wir ebenso rasch auf Körperhaltungen wie auf Gesichtsausdrücke. Mühelos können wir Körper deuten – furchtsame Haltungen etwa (Bereitschaft davonzulaufen; Hände, die Gefahr abwehren) oder zornige (Brust heraus und einen Schritt vor).“ (de Waal 2011, S.111)

Halten wir deshalb fest: Es gibt weder einen Grund, zwischen Körperhaltungen und Gesichtsausdrücken in dem Sinne zu differenzieren, daß die einen mehr bzw. weniger mit Emotionen zu tun haben als die anderen, noch gibt es einen Grund, zwischen Körper und Emotion zu unterscheiden. Mit Damasio macht es hingegen viel mehr Sinn zwischen Emotionen und Gefühlen zu unterscheiden, insofern die Emotionen unmittelbar mit Veränderungen des Organismus einhergehen und weitgehend unbewußt bleiben. Der Teil der Emotionen, der uns bewußt wird, sind die Gefühle. (Vgl. Ich fühle, also bin ich (8/2009), S.49-103) Emotionen sind also immer unmittelbar und meistens unbewußt, denn jede Veränderung unseres Organismus geht mit Emotionen einher.

Insofern ist es auch keine sinnvolle Frage, was zuerst kommt, Körper oder Emotion, wenn wir die Körpersprache eines anderen in Form einer Gefühlsansteckung ‚verstehen‘. Denn mit dem Verstehen der Körpersprache eines anderen gehen unmittelbar Modifikationen unserer eigenen Körperhaltung einher, die wiederum unmittelbar die Form von Emotionen annehmen, mit deren Hilfe, so Damasio, das Gehirn die beständigen Veränderungen in ‚seinem‘ Organismus ununterbrochen beobachtet. (Vgl. Descartes’ Irrtum (5/2007), S.16)

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Dienstag, 17. Mai 2011

Frans de Waal, Das Prinzip Empathie. Was wir von der Natur für eine bessere Gesellschaft lernen können, München 2011 (2009)

1.    Forschungsmethoden
2.    Die Natur des Menschen
    a)    Merkmale, Ursprungsmythen und Prinzipien
    b)    Egoismus und Selbst
    c)    Die russische Puppe (Schichtenmodell)
3.    Haltung und Empathie
    a)    Verkörperte Kognition
    b)    Der zweiteilige Prozeß
    c)    Der Abschaltknopf
4.    Unbeteiligte Perspektivenübernahme
5.    Ko-Emergenz-Hypothese

Das zweite Bild, das de Waal verwendet, um die menschliche Natur zu beschreiben, ist neben dem vom krummen Holz die russische Puppe. (Vgl.de Waal 2011, S.269) Man kennt sie auch als „Babuschka“. Dabei handelt es sich um einen Satz verschieden großer, ineinander steckender Holzfiguren. De Waal will an diesem Beispiel verdeutlichen, daß die menschliche Empathiefähigkeit sich ebenfalls aus unterschiedlichen, aufeinander aufbauenden Schichten zusammensetzt, die im Laufe der Säugetierevolution entstanden sind.

Im Unterschied zu einer neurophysiologischen Betrachtungsweise der menschlichen Evolution, in der vor allem die verschiedenen evolutionären Schichten des Gehirns in den Fokus genommen werden, interessiert sich de Waal vor allem für die körperliche Dimension der Empathie: „Unsere edleren Bestrebungen kommen erst zum Zug, wenn unsere Grundbedürfnisse befriedigt sind. Falls Bindung und Empathie so fundamental sind, wie behauptet, sollten wir ihnen in allen Diskussionen mehr Beachtung schenken. Es gibt keinen Grund, diese Fähigkeiten nur von Menschen zu erwarten. Sie sollten bei jedem warmblütigen Geschöpf mit Haaren, Brustwarzen und Schweißdrüsen – die zu den definierenden Merkmalen von Säugetieren gehören – anzutreffen sein.“ (Vgl.de Waal 2011, S.96) – Diesen von de Waal hervorgehobenen Säugetiermerkmalen entspricht beim Gehirn vor allem das limbische System. (Vgl.de Waal 2011, S.95)

Anstatt also ein Schichtenmodell des menschlichen Bewußtseins zu entwickeln, wie es z.B. Damasio vorgelegt hat (vgl. Descartes’ Irrtum (8/2009) S.208ff.), legt de Waal ein Schichtenmodell der menschlichen Empathiefähigkeit vor: „Ich denke, dass die Empathie zu einem Erbe gehört, das so alt wie die Abstammungslinie der Säugetiere ist. Die Empathie nutzt Hirnareale, die mehr als hundert Millionen Jahre alt sind. Die Fähigkeit entstand vor langer Zeit mit motorischer Nachahmung und Gefühlsansteckung, woraufhin die Evolution Schicht um Schicht hinzufügte, bis unsere Vorfahren nicht nur fühlten, was andere fühlten, sondern auch verstanden, was sie möglicherweise wünschten oder brauchten.“ (de Waal 2011, S.269)

De Waal befindet sich damit im Einklang mit Damasio, der ja ebenfalls großen Wert auf die Bedeutung der körperlichen Emotionalität für das menschliche Bewußtsein legt. Aber es ist eben eine andere Blickrichtung: nicht vom Gehirn auf den Körper, sondern vom Körper aus auf das Gehirn, bei dem dann eben auch vor allem das limbische System interessiert.

De Waals Schichtenmodell besteht aus folgenden Elementen: dem Synchronismus, der Gefühlsansteckung, der einfachen Empathie, der entwickelten Empathie, der Sympathie und der beteiligten Perspektivenübernahme, der eine unbeteiligte Perspektivenübernahme entspricht, die sich aber außerhalb dieses Empathiesystems befindet, und auf die wir in einem späteren Post noch gesondert eingehen wollen. Zu diesem Schichtenmodell gehört die „Ur-Anteilnahme“, bei der ich mir aber unsicher bin, ob ich sie dem Synchronismus oder der Gefühlsansteckung zuordnen soll, weil sie vom Synchronismus ein primär motorische Moment des Verhaltens und von der Gefühlsansteckung ein primär emotionales Moment beinhaltet. Bei der Ur-Anteilnahme handelt es sich um eine „blinde“, also dem Bewußtsein entzogene „Anziehung“, die z.B. Rhesusaffen veranlaßt, die Nähe notleidender Artgenossen aufzusuchen, ohne dabei ein wirkliches, zielbewußtes Tröstungsverhalten an den Tag zu legen oder gar Beistand zu leisten: „Es ist so, als hätte die Natur dem Organismus eine simple Verhaltensregel mit auf den Weg gegeben: ‚Spürst du, dass ein anderer leidet, geh hin und stelle Kontakt her.‘“ (de Waal 2011, S.129) – De Waal fügt hinzu, daß man daraus den Schluß ziehen könne, daß sich mitfühlendes Verhalten „noch vor dem Mitgefühl entwickelt“ habe. (Vgl.de Waal 2011, S.130)

Synchronismus bzw. „unbewußter Synchronismus“, wie es an einer Stelle heißt (vgl.de Waal 2011, S.71), ist jedenfalls ein reines Verhaltensphänomen. In Analogie zur Gefühlsansteckung könnte man hier vielleicht von ‚Verhaltensansteckung‘ sprechen. Dazu gehört das Schwarmverhalten von Fischen und Vögeln und das Herdenverhalten von Säugetieren, und mit Synchronismus ist auch das Gähnen, Applaudieren, Tanzen oder Marschieren gemeint, also allesamt Phänomene, bei denen das Verhalten kleinerer und größerer Gruppen von Individuen koordiniert werden muß. Synchronismus ist de Waal zufolge die „älteste Form der Anpassung an andere“ (de Waal 2011, S.74) und bildet damit die unterste Schicht bzw. den innersten Kern der russischen Puppe.

Die „Gefühlsansteckung“ (de Waal 2011, S.93, 103, 132, 185, 269u.ö.) geht über die bloße Verhaltenskoordinierung hinaus. Körperhaltungen und Gesichtsausdrücke anderer Menschen versetzen uns automatisch in entsprechende Gefühlszustände. Sehen wir fröhliche Menschen, sind wir selbst fröhlich gestimmt, sehen wir traurige Menschen, sind wir selbst melancholisch gestimmt. Das widerfährt uns, ohne daß wir es kontrollieren können, selbst wenn wir Gesichter nicht bewußt wahrnehmen, wie z.B. bei Bildern auf einem Bildschirm, die nur ganz kurz gezeigt werden: „Gesichtsausdrücke auf einem Bildschirm bringen unsere Gesichtsmuskeln nicht nur zum Zucken, sondern lösen auch Emotionen aus. Die Versuchspersonen, denen man glückliche Gesichter gezeigt hatte, berichteten von positiveren Gefühlen als diejenigen, denen zornige Gesichter dargeboten worden waren, obwohl keine Gruppe die leiseste Ahnung hatte, was sie gesehen hatte.() Wir haben es hier also mit echter Empathie zu tun, wenn auch mit einer ziemlich primitiven Form, die man Gefühlsansteckung nennt.()“ (de Waal 2011, S.93)

De Waal unterscheidet zwischen einfacher und höher entwickelter Empathie. Bei der einfachen Empathie empfinden wir einfach nur mit, was ein anderer empfindet. Empathie ist also, wie schon das Wort sagt, ‚Mitgefühl‘. (Vgl.de Waal 2011, S.131) Zur höher entwickelten Empathie kommt noch die Fähigkeit der Perspektivenübernahme hinzu: „Diese Kombination aus emotionaler Erregung, die unsere Anteilnahme weckt, und dem kognitiven Ansatz, der uns eine Beurteilung der Lage ermöglicht, kennzeichnet die empathische Perspektivenübernahme. Diese beiden Seiten müssen sich die Waage halten.“ (de Waal 2011, S.136)

Als weiteren Schritt über die höher entwickelte Empathie hinaus nennt de Waal die Sympathie: „Sympathie unterscheidet sich von Empathie dadurch, dass sie proaktiv ist. Als Empathie bezeichnen wir einen Prozess, mit dessen Hilfe wir Informationen über jemand anderen sammeln. Sympathie dagegen spiegelt Besorgnis um den anderen wider und den Wunsch, dessen Lage zu verbessern.“ (S.120) – De Waal beschreibt z.B. unser Verhalten gegenüber Bettlern oder Obdachlosen. Wir fühlen durchaus mit ihnen mit und versetzen uns dabei in ihre Lage. Aber trotz dieser voll entwickelten Empathie, die wir an den Tag legen, müssen wir ihnen nicht unbedingt helfen. (Vgl.de Waal 2011, S.120f.) Wir können auch an ihnen vorbeigehen und sie ignorieren. Um zu helfen, muß oft noch etwas hinzukommen, ein zusätzliches Gefühl, das de Waal als „Sympathie“ bezeichnet. Sympathie geht also über Empathie hinaus, weil sie „proaktiv“ ist.

Wir könnten natürlich auch eine besondere ‚caritative‘ Einstellung haben, die uns jederzeit zum Helfen veranlaßt, ob wir den Hilfsbedürftigen nun mögen oder nicht. Das wäre aber schon ein komplizierteres kognitives Gebilde als z.B. die auf der Trennung von Ich und Anderem beruhende Perspektivenübernahme in der entwickelten Empathie. Bei einer bewußt caritativen Einstellung hätten wir es schon mit einer Weltanschauung zu tun. Sympathie steht aber noch in engerer Verbindung mit den verkörperten Automatismen der Empathie. Insgesamt bleibt diese von de Waal als „zweiteiliger Prozess“ beschriebene Verbindung von empathischen und kognitiven Ebenen der höher entwickelten Empathie (vgl.de Waal 2011, S.136) begrifflich unklar. Man hätte sich eine tiefergehende begriffliche Analyse gewünscht, in der emotionale, kognitive und proaktive Elemente der höher entwickelten Empathie im Detail deutlicher voneinander abgegrenzt werden, als es in de Waals Buch der Fall ist.

Letztlich handelt es sich also bei der Sympathie um eine weitere und insgesamt fortgeschrittenere Form der beteiligten bzw. „empathischen Perspektivenübernahme“ (de Waal 2011, S.136). Das Schichtenmodell der menschlichen Empathiefähigkeit überschreitet irgendwann in den späteren Schichten die Grenze zum Bewußtsein und wird zu dem, was Damasio im Unterschied zur Emotion ein Gefühl nennt: „Im Kern befindet sich ein automatischer Prozess, den viele Arten gemeinsam haben. Ihn umgeben äußere Schichten, die für eine Feinabstimmung von Zielen und Reichweite sorgen. Nicht alle Arten besitzen alle Schichten: Nur wenige übernehmen die Perspektive anderer, eine Fähigkeit, die wir meisterhaft beherrschen. Doch selbst die höchstentwickelten Schichten der Puppen bleiben normalerweise mit ihrem ursprünglichen Kern verbunden.“ (de Waal 2011, S.269)

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