Donnerstag, 19. Mai 2011

Frans de Waal, Das Prinzip Empathie. Was wir von der Natur für eine bessere Gesellschaft lernen können, München 2011 (2009)

1.    Forschungsmethoden
2.    Die Natur des Menschen
    a)    Merkmale, Ursprungsmythen und Prinzipien
    b)    Egoismus und Selbst
    c)    Die russische Puppe (Schichtenmodell)
3.    Haltung und Empathie
    a)    Verkörperte Kognition
    b)    Der zweiteilige Prozeß
    c)    Der Abschaltknopf
4.    Unbeteiligte Perspektivenübernahme
5.    Ko-Emergenz-Hypothese

Vom zweiteiligen Prozeß aus Spiegelung (Empathie) und mentaler Trennung (Kognition) war schon in meinem Post vom 16.05.2011 die Rede. Auf die dort aufgeführten Beispiele für die Bedeutung dieses arbeitsteiligen Bewußtseinsprozesses möchte ich hier deshalb nur noch kurz verweisen: dabei ging es um eine Orang-Utan-Mutter, die aufgrund ihrer empathischen Anteilnahme nicht in der Lage gewesen ist, ihrer Tochter in einer Notsituation zu helfen, und um einen älteren Schimpansen, der einem jungen Schimpansen in einer ähnlichen Situation ruhig und sachgerecht aus einer Schlinge heraushalf. (Vgl.de Waal 2011, S.137)

Spiegelung und Trennung ähneln damit nicht von ungefähr meiner eigenen Darstellung des unabhängigen Verstandesgebrauchs, in der ich zwischen den beiden Momenten der Naivität und der Kritik bzw. der Reflexion unterscheide. Als Naivität bezeichne ich den Mut, dem eigenen Verstand mehr zu trauen, als der Autorität von selbsternannten und sonstigen sogenannten ‚Experten‘ und von politischen und religiösen Führern. Hinzu kommt hier ein erheblicher lebensweltlicher Anteil an Vorurteilen und Routinen, so daß Naivität nicht nur auf individueller Erfahrung beruht, sondern zugleich schon immer auch ein inneres, subjektives Moment der Lebenswelt bildet. Vor allem aber bei den lebensweltlichen Aspekten der Naivität haben wir es mit den erwähnten Spiegelungsprozessen zu tun, also mit der Verschmelzung von Ich und dem Anderen.

Um diese verschiedenen Momente zu durchschauen und zu kontrollieren, bedarf es eben der mentalen ‚Trennung‘, – eine der möglichen Bedeutungen von ‚Kritik‘. ‚Trennung‘ steckt auch im ‚Urteil‘, im Sinne einer Ur-Teilung zwischen Subjekt und Objekt. Somit ist also auch der eigene Verstandesgebrauch ein zweiteiliger Prozeß, und er wurzelt, wie wir bei de Waal sehen können, tief in biologischen Prozessen, die wir zumindestens mit den Menschenaffen gemeinsam haben, möglicherweise auch mit den Cetacea (Delphine, Wale) und Elephanten. Vielleicht finden wir ihn auch bei einigen Rabenvögeln. Er ist verbunden mit dem Spiegelstadium, womit in diesem Fall weniger die ‚Spiegelung‘ von Ich und dem Anderen gemeint ist, als die Fähigkeit, sich im Spiegel zu erkennen. Darauf werde ich aber noch in einem späteren Post zu sprechen kommen.

Trotz dieser gerade genannten Gemeinsamkeiten bleibt aber der autonome Verstandesgebrauch des Menschen etwas Besonderes, da er eng mit der exzentrischen Positionalität des Menschen verbunden ist, die ihn mit schöner und auch unschöner Regelmäßigkeit aus seiner Lebenswelt (und aus seiner Haltung) herausfallen läßt. In diesem Fall wäre es interessant, zu wissen, inwiefern es z.B. bei Menschenaffen eine der menschlichen Ontogenese vergleichbare Phase der Pubertät gibt. Dabei müßte man allerdings auch nachweisen, daß die ‚pubertierenden‘ Menschenaffen nicht einfach nur Verhaltensunsicherheiten an den Tag legen. Ich denke auch nicht an den rein physiologischen Aspekt mit den Hormonen. Mir geht es vor allem um mit einer existentiellen Krise einhergehende Identitätszweifel. Wären diese bei Menschenaffen nachweisbar, wäre die Vermutung, daß auch Menschenaffen exzentrisch positioniert sind, gut belegt.

Solange diese psychologischen Folgen der Pubertät aber ein rein menschliches Phänomen sind bzw. zu sein scheinen, halte ich allerdings die exzentrische Positionalität für ein Alleinstellungsmerkmal des Menschen.

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