„...letztlich ist der Mensch, als Folge oder Krönung der Evolution, nur in der Totalität der Erde begreifbar.“ (Leroi-Gourhan, Hand und Wort, S.22)
Posts mit dem Label Geologie werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Geologie werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Mittwoch, 14. Januar 2015

Kontinuität und Diskontinuität in der Entwicklung des Menschen

Es gibt in der Natur keine enormen Anomalien, sagt Frans de Waal. (Vgl. meine Posts vom 15.05.2011 und vom 08.12.2014) Die biologische Evolution ist kontinuierlich und nicht diskontinuierlich. Vielleicht bezieht sich dieses Primat der Kontinuität sogar auf die Entstehung des Lebens. Die geologischen Prozesse des Planeten, die im Endeffekt zu Leben auf ihm geführt haben, sind sicherlich in der Hauptsache anorganischer Natur. Aber sie erinnern in der beständigen Umwälzung der Materie, aus der u.a. eine sauerstoffhaltige Atmosphäre hervorgegangen ist, an Stoffwechselprozesse. Das Terraforming macht den Eindruck, als sei dieser Planet lange vor der Entstehung biologischen Lebens auf gewisse Weise schon ein lebendiger Planet gewesen, wobei das eigentliche biologische Leben, sobald es entstand, wiederum auf die geologischen Prozesse zurückwirkte und mit ihnen wechselwirkte. So formten Pflanzen maßgeblich die Oberfläche des Planeten und schränkten die Wirkungen der Erosion ein. Erst so konnte so etwas wie eine ‚Landschaft‘ entstehen. Die Vielgestaltigkeit der Landschaften verdankt sich allererst dem Pflanzenbewuchs und später auch der Wechselwirkung zwischen Pflanzen und Tieren. Ohne Pflanzen wäre die Oberfläche des Planeten öde und eintönig.

Links zur Geologie:
Gleichgewichte - Ansichten eines belebten Planeten. Teil 1: Die Anfänge
Gleichgewichte - Ansichten eines belebten Planeten. Teil 2: Meere
Gleichgewichte - Ansichten eines belebten Planeten. Teil 3: Zivilisationen

Vielleicht kann man geologische und biologische Prozesse tatsächlich als einen kontinuierlichen Evolutionsprozeß zusammenfassen, in dem Leben nicht als eine diskontinuierliche Anomalie auftritt. In dieser Kontinuität befindet sich auch noch die biologische Phylogenese des Menschen. Zu Anomalien kommt es erst in der kulturellen ‚Phylogenese‘, so daß man hier eigentlich nicht mehr von einer Phylogenese, also nicht von einer ‚Stammesgeschichte‘ des Menschen sprechen kann. Die kulturelle Entwicklung des Menschen führt vielmehr ständig zu Abbrüchen und Sackgassen, die einerseits parasitären Fehlentwicklungen geschuldet sind, in denen ‚Kulturen‘ einseitig die Ressourcen ihrer ökologischen Nischen verbrauchen, so daß sie schließlich ihren eigenen Fortbestand gefährden. Oder der Wechsel der Generationen gerät außer Kontrolle, unterminiert die kulturelle Tradition und führt auf diesem Wege zum Zusammenbruch von Gesellschaftsformen. Hier gibt es offensichtlich eine anachronistische Spannung zwischen kultureller und individueller Entwicklung, da mit jedem Menschen die kulturelle Entwicklung von einer Nullage aus neu beginnt.

Um meine Überlegungen zu veranschaulichen, habe ich die Graphik in meinem Post vom 21.04.2010 umgearbeitet. Geologie und Biologie stelle ich auf eine Ebene: sie stehen für einen kontinuierlichen Evolutionsprozeß, in dem es keine prinzipielle Differenz zwischen anorganischen und organischen Stoffwechselprozessen gibt. Natürlich gibt es auf organischer Ebene die eine Innen/Außen-Differenz stiftende Zellmembran. Dennoch nehme ich hier um des Gedankens willen den Übergang zwischen toter und lebender Materie als gleitend an. Dieser gleitende Übergang gilt auch für die Evolution der menschlichen Gattung, die prinzipiell tierischer Herkunft ist. Biologisch gesehen ist der Mensch ein Menschenaffe.


Die Sprache stiftet zwar eine prinzipielle Differenz zwischen Tier und Mensch und setzt den Menschen aus der Tierheit heraus (exzentrische Positionalität). Aber die lange Phase der Mündlichkeit ist noch durch Kontinuität geprägt. Die Menschen verharren über viele Generationenwechsel hinweg in einer kulturellen Stabilität, in der sich der tatsächliche kulturelle Wandel der individuellen Wahrnehmbarkeit entzieht (shifting baselines). Der Mensch ist auf individueller Ebene nur potentiell exzentrisch positioniert. Tatsächlich umhüllt ihn seine Lebenswelt wie eine Höhle. Mag es auch, was den Aufenthalt in realen Höhlen betrifft, ein Mythos sein, daß der Frühmensch ein Höhlenmensch gewesen sei. Was seine Lebenswelt betrifft, war er es jedenfalls.

Insofern ist die Phase der Mündlichkeit noch Teil der Stammesgeschichte der Gattung ‚Mensch‘, und erst die Schriftlichkeit katapultiert den Menschen in eine Geschichte, die ihm die Rückkehr in die höhlenartige Geborgenheit einer intakten Lebenswelt auf immer verwehrt. Jetzt trennt sich das Individuum von der Gattung und wird sich selbst zur Spezies. Von nun an hat der exzentrisch positionierte Mensch eine Biographie, und diese verläuft anachron zur kulturellen Entwicklung.

Das bedeutet, daß sich der kulturelle Entwicklungsprozeß in der individuellen Ontogenese nicht ungebrochen linear fortsetzt, sondern mit jedem einzelnen Menschen aufs Neue beginnt. Biologische und historische ‚Epochen‘ werden so jedes Mal aufs Neue gemischt, und diese Gemengelage ergibt in der Gesamtheit einer Generation so etwas wie einen kulturellen Fingerabdruck, der sich nicht vererbt. Er wirkt sich nur dahingehend aus, daß sich die jeweils nächste Generation von ihm her auf wiederum konkret-individuelle Weise kulturalisiert.

Mit dem Beginn der Schriftlichkeit bildet also der moderne Mensch in den letzten 5000 Jahren eine Anomalie bzw. er produziert fortwährend Anomalien, und das nicht im biologischen Sinne, so daß Frans de Waal mit seiner Behauptung Recht behält.

Anmerkung zum technologischen Charakter der menschlichen Kulturentwicklung: Die kulturellen und individuellen Entwicklungslinien stellen keine nahtlose Fortsetzung der biologischen Entwicklungslinie dar. Insofern haben wir es auch nicht mit einer Beschleunigung der biologischen Evolution zu tun. Die biologische Evolution hat ihren eigenen Rhythmus, von dem sich die Rhythmen der kulturellen Entwicklungsprozesse und ihrer Abbrüche deutlich absetzen. Für die zunehmende, fortlaufend Anomalien hervorbringende Beschleunigung des kulturellen Fortschritts stehen in der globalisierten Welt die Technologie und ihre Innovationen.

Anomalien bilden z.B. die Kunststoffe, mit denen wir die Weltmeere von der Oberfläche bis in die Sedimente hinein verseuchen. ‚Kunststoffe‘ sind keine ‚Naturstoffe‘. Unter Kunststoffen verstehe ich auch die 18 Millionen Tonnen Giftstoffe jährlich, die allein die Deutschen in Salzbergwerken versenken und die immer giftig bleiben werden, weil es keinen natürlichen Kreislauf gibt, der sie abbauen könnte. Die ‚Natur‘ wäre niemals auf die Idee gekommen, Kunststoffe hervorzubringen. Es ist die Frage, ob sich die Technik, wenn sie sich in eine ‚Bionik‘ verwandelt und der Biologie abgeschaute Produkte entwickelt, wieder in den Kreislauf der Natur einzugliedern vermag. Das wäre jedenfalls zu hoffen. Aber die Gentechnik schaut der ‚Natur‘ ihre Vorgehensweise nicht einfach nur ab, sondern greift direkt in den Evolutionsprozeß ein und überschreitet somit maximal die Grenzen des Wißbaren und des Verantwortbaren. Und ein Geoengineering, das den auftretenden Problemen hinterherlaufend den Kreislauf der Natur nachträglich zu reparieren versucht oder ihn letztlich sogar durch einen planetarischen Cyborg zu ersetzen versucht, wird nur immer wieder neue enorme Anomalien hervorbringen.

Download

Samstag, 2. August 2014

Klaus Mainzer, Die Berechnung der Welt. Von der Weltformel zu Big Data, München 2014

(Verlag C.H. Beck, mit zahlreichen farbigen Abbildungen, geb. 24,95 €, S.352)

1. Methode und These I
2. Methode und These II
3. Sätze und Formeln
4. Zelluläre Automaten und der Strukturalismus
5. Superpositionen, Metaphern und Intuitionen
6. Semantik
7. Anthropologie

Zum Schluß möchte ich noch einmal auf die Anthropologie zurückkommen, die meine ganze Auseinandersetzung mit Klaus Mainzers Buch begleitet hat. Dabei geht es mir insbesondere um die Berechenbarkeit des Faktors Mensch im „Human Factor Engineering“. Ich will zeigen, daß sich dieser ‚Faktor‘ ganz und gar nicht auf den Anwendungsbereich „integrierte(r) hybride(r) System- und Architekturkonzepte für eine verteilte analoge/digitale Kontrolle und Steuerung, Mensch-Technik-Interaktion und integrierte Handlungsmodelle, soziotechnische Netzwerke und Interaktionsmodelle“ begrenzen läßt, wie Mainzer meint. (Vgl. Mainzer 2014, S.183f.)

Mainzer selbst differenziert im größeren Maßstab zwischen gestaffelten Entwicklugsdynamiken: „Neben der Komplexität ist der Faktor Zeit zu berücksichtigen. Physikalische, chemische, biologische, psychologische und soziologische Theorien operieren auf unterschiedliche Zeitskalen. So erklären sich auch die Naturkonstanten in der Physik.“ (Mainzer 2014, S.225)

So verlegt Mainzer den Beginn der „Laufzeit“ des Planckschen Wirkungsquantums auf eine Zeit noch vor dem Big Bang, während er die Gravitationskonstante erst mit diesem Big Bang auftreten läßt. Danach kam irgendwann die Feinstrukturkonstante hinzu. (Vgl. Mainzer 2014, S.225) Wenn ich Mainzers Ausführungen zu mathematischen Modellen richtig verstanden habe, kann man davon ausgehen, daß für jeden Zeitpunkt des Hinzutretens einer Naturkonstante neue mathematische Modelle nötig werden, die deren Wirkungsweise beschreiben und außerdem auch die Wechselwirkung zwischen diesen Naturkonstanten zu formalisieren versuchen. Da wir es hier mit dynamischen Zuständen zu tun haben, braucht man dazu Differentialgleichungen, die Kurvenverläufe modellieren: „Die Naturgesetze bestimmen häufig Zustandsveränderungen von Systemen. Sie werden daher durch Differentialgleichungen modelliert. Damit wird die Natur berechenbar: Die Lösungen solcher Gleichungen für bestimmte Anfangs- und Nebenbedingungen entsprechen Zuständen in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.“ (Mainzer 2014, S.114) – Wie gesagt: Ich äußere mich hier als absoluter Laie, der wirklich nichts davon versteht, und wahrscheinlich ist alles falsch, was ich hier schreibe.

Ich will mich deshalb auch nicht weiter auf das dünne Eis hinauswagen und es bei diesen vagen Andeutungen belassen. Stattdessen möchte ich direkt auf die wirklich interessanten Berührungspunkte zu meinem anthropologischen Konzept eines anachronistischen Prozesses aus drei verschiedenen Entwicklungslinien, der biologischen, kulturellen und der individuellen Linie, zu sprechen kommen, die nur als Ganzes einen Menschen ergeben. Mainzer fügt nämlich den verschiedenen ‚Laufzeiten‘ der Naturkonstanten noch die biologische Evolution und das menschliche Verhalten hinzu: „Biologische Prozesse der Evolution traten erst mit Beginn des Lebens auf. Verhaltensregeln des Menschen gibt es erst seit wenigen Millionen Jahren. Sie korrelieren mit der Entwicklung des Gehirns.“ Mainzer 2014, S.225)

Mainzers Zusammenfassung der drei Entwicklungslinien brachte mich auf die Idee, eine frühere Graphik (vgl. meinen Post vom 14.04.2014) zu überarbeiten. In dieser neuen Graphik bilden die beiden Entwicklungslinien (Biologie und Kultur), die in der individuellen Entwicklungslinie zusammentreffen und sich in ihr brechen, mathematisch gesprochen ‚Trajektorien‘: „Zeitliche Entwicklungsbahnen (Trajektorien) im Zustandsraum der klassischen Mechanik sind weder vollständig regulär noch vollständig irregulär, sondern hängen empfindlich von den gewählten Anfangsbedingungen ab. Winzige Abweichungen von den Anfangsdaten führen zu völlig verschiedenen Entwicklungstrajektorien. Daher können die zukünftigen Entwicklungen in einem chaotischen System langfristig nicht vorausberechnet werden, obwohl sie mathematisch wohl definiert und determiniert sind.()“ (Mainzer 2014, S.132)


Diese Beschreibung von Trajektorien entspricht ziemlich genau dem, was ich unter ‚Anachronismus‘ verstehe. Möglicherweise könnte es also ein mathematisches Modell zur Berechnung des menschlichen Anachronismusses geben, das von den unterschiedlichen Logiken der drei Entwicklungslinien abstrahiert und lediglich deren Wechselbeziehung modelliert. Das Ganze verhält sich wie ein seinen Ausgangsbedingungen gegenüber äußerst empfindliches Chaos. Dabei muß man wissen, daß das Chaos, mathematisch gesehen, sich dadurch vom bloßen Zufall unterscheidet, daß chaotische Ereignisse wechselseitig aufeinander reagieren, während Zufallsereignisse unabhängig von anderen Ereignissen stattfinden: „Im Unterschied zu chaotischen sind zufällige Entwicklungen prinzipiell (also auch kurzfristig) nicht vorausberechenbar, da (wie z.B. beim fairen Münzwurf) alle Ereignisse unabhängig sind. Der Zufall ist zwar im Alltag eine mathematische Fiktion, da es dort z.B. keine perfekte faire Münze geben kann – solange wir uns in der makroskopischen Physik bewegen. In der Quantenwelt gehören zufällige ‚Quantensprünge‘ zu den Grundgesetzen. Wie wir später sehen werden, ist es daher leichter, das Verhalten eines Menschen mit Big Data vorauszuberechnen als das eines einzelnen Elementarteilchens mit der Quantenmechanik.“ (Mainzer 2014, S.135)

In meinem anthropologischen Konzept bildet also der Anachronismus der drei Entwicklungslinien ein chaotisches System. In meiner Graphik habe ich noch einmal zwischen der individuellen Perspektive und dem Generationenverhältnis unterschieden. In der individuellen Perspektive wirken sich biologische (b) und kulturelle (c) Prozesse nur auf die individuelle Biographie des einzelnen Menschen aus. Wenn sich der Mensch aber reproduziert, wirken sich alle drei Prozesse, (a), (b) und (c) auch auf die nachfolgende Generation aus. Das ist natürlich wiederum nur verkürzt dargestellt. Denn auch Menschen, die sich nicht vermehren, hinterlassen durch ihre Lebensführung ein Erbe, das das künftige Leben nachfolgender Generationen beeinflußt.

In der Graphik habe ich im oberen Teil neben den Naturkonstanten noch die Geologie als eine weitere Entwicklungsdynamik hinzugefügt, die von Mainzer nicht erwähnt wird. Mit ‚Geologie‘ sollen zwar auch, aber nicht nur die im engeren Sinne geologischen Prozesse dieses Planeten gemeint sein. Letztlich soll damit zum Ausdruck gebracht werden, daß sich der ganze Planet wie ein lebendes, quasi ‚intelligentes‘ Wesen verhält, das nicht nur Leben ermöglicht, sondern ganz spezifisch eben auch menschliches Leben. Wir arbeiten zur Zeit daran, das zu ändern und den Planeten in etwas zu verwandeln, das menschlichem Leben nicht mehr zuträglich sein wird.

Ich kann Mainzer deshalb nur mit ganzem Herzen zustimmen, wenn er festhält: „Daher werden wir uns ändern müssen, wenn wir unter komplexen Zivilisationsbedingungen weiter existieren wollen.“ (Mainzer 2014, S.226) – Allerdings habe ich den Eindruck, daß er das nicht auf die von mir gemeinte Notwendigkeit einer menschenfreundlichen ‚Geologie‘ bezieht, sondern auf die Notwendigkeit einer Anpassung des Menschen an die technische Zivilisation, der die, so Mainzer, „Verhaltensprogramme der Steinzeit“ nicht gewachsen sind. (Vgl. ebenda)

In dieser Beziehung zwischen Mensch und Technik, als alleiniger Zweckbestimmung des „Human Factor Engineering“, werden weder Biologie noch Geologie mitgedacht. Und das ist einfach zu kurz gedacht.

Download

Sonntag, 15. Juni 2014

Al Gore, Die Zukunft. Sechs Kräfte, die unsere Welt verändern, München 2014

(Siedler Verlag, 624 S., 26.99 €)

(Einleitung, S.11-31; Die Welt AG, S.35-76; Das Weltgehirn, S.81-131; Machtfragen, S.135-193; Auswüchse, S.197-272; Die Neuerfindung von Leben und Tod, 277-370; Am Abgrund, S.375-476; Schluss, S.479-496)

Al Gores Buch ist in sechs Kapitel unterteilt, die den sechs im Titel seines Buches „Die Zukunft“ (2014) genannten, etwas unschön übersetzten „Kräften“ (drivers) entsprechen. Passender wäre es gewesen, ‚drivers‘ mit ‚Einflußfaktoren‘ zu übersetzen. Was die Sache betrifft, brächte es aber ‚Kontexte‘ besser auf den Punkt. Mit der „Welt AG“ (1) geht es Gore vor allem um die „stark vernetzte globale Wirtschaft“. Beim „Weltgehirn“ (2) denkt Al Gore an das „globale() elektronische() Kommunikationsnetz()“. Bei „Machtfragen“ (3) geht es um den Antagonismus zwischen Lebenswelt und Finanzkapital, den Gore analog zu Habermasens Kolonialisierungsthese beschreibt, ohne diesen eigens zu nennen. Bei den „Auswüchse(n)“ (4) denkt Gore an die Exzesse eines Wirtschaftswachstums, dem er ein mit dem Adjektiv ‚nachhaltig‘ versehenes Wirtschaftswachstum entgegenhält, ohne das Wachstum selbst, zumindestens schon im Rahmen seiner Einleitung, in Frage zu stellen. Mit der „Neuerfindung von Leben und Tod“ (5) geht es um „revolutionäre() Techniken in der Biochemie, der Genetik und de(n) Materialwissenschaften“, und „Am Abgrund“ (6) meint das angesichts des Klimawandels aus dem Gleichgewicht geratene Verhältnis von Zivilisation und Ökosystem. (Vgl. Gore 2014, S.12f.)

Jedem der Kapitel hat Gore ein detailliertes mind map vorangestellt, das einen Überblick über das Geflecht der mit diesem Kapitel verbundenen Themen bietet. Diese mind maps ergänzen das Register am Ende des Buches, indem sie die verschiedenen Schlagworte in Gruppen ordnen und diese Gruppen wiederum gruppieren und eine assoziative Systematik andeuten, die zum Mit-Denken einlädt. Eine schöne Idee.

Die umfassenden Recherchen zu diesen Kapiteln/Kontexten des menschlichen Handelns und Denkens und ihre Analyse haben ihm, so Gore, „neue Möglichkeiten des Verstehens eröffnet“. (Vgl. Gore 2014, S.13) Gore bezeichnet sich selbst als einen Optimisten, der sich weder naiv dem Ernst der Lage verschließen noch der „Neigung zum Pessimismus“ hingeben will, der blind ist für die „Umstände, die legitimen Anlass zu der Hoffnung geben, dass wir doch noch einen gangbaren Weg durch die vor uns liegenden Gefahren finden“. (Vgl. Gore 2014, S.30) Als wichtigste Instrumente auf so einem Weg nennt Gore einen ‚reformierten‘, insbesondere wiederum ‚nachhaltigen‘ „Kapitalismus“ (vgl. Gore 2014, S.25) und eine nicht durch das Geld ‚verzerrte‘ und ‚korrumpierte‘ „Demokratie“, in der „aus der Interaktion von Menschen unterschiedlicher Sichtweisen, Neigungen und Lebenserfahrungen Weisheit und Kreativität“ entstehen können (vgl. Gore 2014, S.24).

Al Gore geht also nicht nur von einer Vereinbarkeit von Nachhaltigkeit und maximaler Profitorientierung aus, sondern glaubt darüberhinaus, daß sich die Kolonialisierungseffekte eines „von der Sphäre des Marktes in die der Demokratie“ vordringenden „konzentrierte(n) Reichtum(s)“ innerhalb desselben kapitalistischen Systems, das diese Kolonialisierung bewirkt hat, wieder rückgängig machen lassen; und er denkt an so etwas wie eine erneuerte, ökologisch ausgerichtete „Allianz von Kapitalismus und repräsentativer Demokratie“. (Vgl. Gore 2014, S.23)

Für diese Naivität, den american way of life nur ein wenig reformieren zu wollen und ihn ansonsten einfach nur fortzusetzen wie gehabt, gibt es ein passendes Sprichwort: „Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht naß!“

Dabei ist Al Gore durchaus nicht zimperlich in seiner Kritik an den Exzessen und der Korrumpierung von Wirtschaft und Politik der einzigen verbliebenen Supermacht. Er ist sich auch durchaus der singulären Situation der Menschheit im noch jungen 21. Jahrhundert bewußt: „Dass die nahe Zukunft völlig anders sein wird als alles, was wir aus der Vergangenheit kennen, ist unstrittig. Die Unterschiede sind qualitativer, nicht so sehr quantitativer Art. Kein Wandel, der sich in der Vergangenheit vollzogen hat, lässt sich mit dem vergleichen, was der Menschheit bevorsteht.“ (Gore 2014, S.13) – Angesichts einer solchen Feststellung wirkt Al Gores Festhalten an der Vorstellung eines nachhaltigen Kapitalismus nicht einmal mehr naiv, sondern einfach dumm.

Doch ist dieses Urteil vielleicht etwas voreilig. Ich bin noch bei der Einleitung des Buches, das ich in den folgenden Tagen und Wochen Kapitel für Kapitel lesen und besprechen werde. Und dumm ist Al Gore nun wirklich nicht. Schon in der Einleitung finden sich andere, durchaus lesenswerte Stellen, und auf eine will ich hier noch kurz eingehen, weil sie einen umfassenderen Blick auf die Situation des Menschen auf diesem Planeten ermöglicht.

Al Gore unternimmt eine zeitliche Perspektivierung des Menschen auf seinem Planeten, die mich an meine drei Entwicklungslinien (Biologie/Kultur/Individuum) erinnert. (Vgl. meinen Post vom 21.04.2010) Zunächst verweist Gore auf die ‚natürliche‘ Beschränktheit unseres Zeitempfindens auf unsere eigene Lebenszeit, die uns für „kurzfristiges Denken“ anfällig macht. (Vgl. Gore 2014, S.28) Das läßt sich so zwar nicht unbedingt verallgemeinern, weil wir durchaus von anderen, nicht-kapitalistischen Kulturen mit zyklischen Lebensrhythmen wissen, die dazu in der Lage gewesen sind, über mehrere Generationen hinweg zu planen und zu handeln. Diese Fähigkeit ist ja gerade das, was man eigentlich unter ‚Nachhaltigkeit‘ versteht. (Vgl. Ulrich Grober, Die Entdeckung der Nachhaltigkeit. Kulturgeschichte eines Begriffs, München 2010) Dennoch trifft Gore einen richtigen Punkt, weil es in mündlichen Kulturen eine natürliche Grenze für die Verläßlichkeit des kollektiven Gedächtnisses gibt. Dieses Gedächtnis erstreckt sich nur über drei bis vier Generationen, weil es hier noch eine konkrete Kommunikation zwischen Großeltern und Enkeln gibt. (Vgl. meinen Post vom 07.02.2011) Alles, was noch weiter zurück reicht, beruht auf Hörensagen und ist ‚graue Vorzeit‘. Veränderungen, die außerhalb dieses intergenerativen Erfahrungsaustausches liegen, werden nicht wahrgenommen.

Das Phänomen der ‚shifting baselines‘ gibt es aber nicht nur für mündliche Kulturen. Auch in modernen, schriftbasierten Gesellschaften fällt es schwer, Veränderungen, die sich zu unseren Lebzeiten ereignen, wahrzunehmen, wenn sie nur langsam genug sind. Oder andersrum: wir nehmen Veränderungen bald nicht mehr als solche wahr, selbst wenn wir sie einmal bewußt befürwortet oder abgelehnt hatten. Und genau das hat viel mit dem zu tun, was Gore „kurzfristiges Denken“ nennt. Die Politik muß, um die Aufmerksamkeit der Wähler zu gewinnen und zu erhalten, möglichst den Eindruck erwecken, viele wichtige Entscheidungen zu fällen, und das auch möglichst noch kurz vor den nächsten Wahlen, weil viele Wähler meist schon vergessen haben, was an Positivem oder Negativem nur ein Jahr zuvor geschehen ist. Wenn Veränderungen einmal eingetreten sind, erleben wir sie bald als ‚normal‘, so, als wäre es schon immer so gewesen. Das ist das Funktionsprinzip der Lebenswelt.

Al Gore spricht nun von insgesamt vier „Uhren“, die wir im Blick behalten müssen. Wir müssen unsere persönliche Uhr, die unsere Lebenszeit anzeigt, mit drei anderen Uhren synchronisieren: mit der Uhr, die die „Jahrhunderte und Jahrtausende“ der menschlichen Kulturgeschichte anzeigt; mit der Uhr, „die die Zeitabläufe der Evolution misst“; und mit der „planetarischen Uhr“, die „geologische() Zeitspanne(n)“ umfaßt. (Vgl. Gore 2014, S.17f.)

Warum müssen wir das? – Weil unser jetziges Handeln „Störungen“ in den „natürlichen Systemen der Erde“ verursacht, die sich auf die weitere Kulturgeschichte, auf die weitere biologische Evolution des Menschen und auf die Geologie der Erde auswirken. (Vgl. Gore 2014, S.17) Al Gore bringt dabei als Beispiel die „90 Millionen Tonnen Schmutz, die wir jeden Tag in die Atmosphäre pusten und mit denen wir die globale Erwärmung beschleunigen“. Dieser ‚Schmutz‘ „wird auch in 10 000 Jahren noch dort oben sein und Wärme am Entweichen hindern.()“ (Vgl. Gore 2014, S.18) Dabei erwähnt Gore noch nicht mal die noch längeren Zeiträume, die der giftige Atomabfall überdauert, oder die Chemieabfälle, von denen allein die Deutschen jährlich 18 Millionen Tonnen in ihren Salzbergwerken versenken und die immer, immer giftig bleiben werden, auf ewig! (Vgl. „Wissenschaft im Brennpunkt“, DLF, 24.05.2010)

Bei Al Goeres Uhren handelt es sich um eine invertierte Perspektive auf die drei Entwicklungslinien, zu denen noch die geologische Entwicklungslinie, die ich bislang nicht berücksichtigt hatte, hinzukommt. Statt den Menschen nur von seiner Biologie, Kultur und Individualität her verstehen zu wollen, müssen wir ihn auch auf seine individuelle Verantwortung für seine künftige Kultur, Biologie und eben auch ‚Geologie‘ (Zeitspannen von vielen hunderttausend Jahren und mehr) hin denken. Erst dieses Zusammendenken von Individualität, Geschichte, Biologie und Geologie, also die Verbindung von individueller und planetarischer ‚Uhr‘ wird der immensen Aufgabe gerecht, die sich dem Menschen in unserer Zeit stellt.

Angesichts der Ungeheuerlichkeit und der Diskrepanz dieser ‚Verzeitlichung‘ erstaunt es umso mehr, daß Gore seine Hoffnung auf einen reformierten Kapitalismus setzt. Jedes Jahr 400.000.000 Tonnen Giftmüll weltweit: das ist wohl kaum einem bloßen Exzeß des Kapitalismus zuzuschreiben, so als gäbe es noch einen anderen nicht-exzessiven, gutartigen Kapitalismus.

Download