Montag, 8. Dezember 2014

Nicholas Evans, Wenn Sprachen sterben und was wir mit ihnen verlieren, München 2014 (2010)

(Verlag C.H. Beck, 416 S., 29,95 €)

1. Zusammenfassung
2. Methoden
3. Synchronismus und Diachronismus in der Sprachwissenschaft
4. Sprache als Weitergabe von Information
5. Sprache als Expressivität
6. Gestaltwahrnehmung
7. Verschobene Exzentrik
8. Phylogenese und Ontogenese
9. Wortkunst
10. Rekursivität
11. Plastizität

Mit an Fritz Mauthner (2/1906; vgl. meine Posts vom 13.10. und vom 15.10.2013) erinnernder Radikalität führt Evans die Sprache auf das gesprochene Wort zurück: „Die Rede dagegen ist völlig vergänglich; sie existiert nur so lange, wie die Schwingungen in der Luft sie übermitteln. Das macht die Sprache zum Kurzlebigsten, was es auf diesem Planeten gibt.“ (Evans 2014, S.48) – Es ist aber gerade diese an das individuelle Sprechen des Menschen gebundene Kurzlebigkeit der Sprache, auf die übrigens auch schon Wilhelm von Humboldt hingewiesen hatte, weshalb Evans’ lediglich auf zwei Entwicklungslinien basierendes Modell der Koevolution (vgl. Evans 2014, S.237f., 240f.) unzureichend ist.

Von diesen beiden Entwicklungslinien ist es überhaupt nur die biologische Phylogenese, die weiter zurückreicht, als die individuelle Ontogenese. Die kulturelle ‚Phylogenese‘ ist stammesgeschichtlich gebrochen. Sie bildet keine Kontinuität, weil die individuelle Ontogenese immer mit einer kulturellen Nullage beginnt. (Vgl. Dux 2000/2005, S.62; vgl auch meinen Post vom 03.12.2014) Auch wenn der Einfluß der individuellen Ontogenese, wie Evans betont, auf die kulturelle Phylogenese nur minimal sein mag, so summiert sich dieser Einfluß aufs Ganze der auf die individuelle Kommunikation angewiesenen Kulturentwicklung doch beträchtlich. (Vgl. Evans 2014, S.143)

Der Einfluß einzelner Sprecher ist dabei natürlich in kleineren Sprachgemeinschaften, wie sie die Menschheitsgeschichte insgesamt dominiert haben, besonders groß. Es bedurfte oftmals lediglich der Entscheidung einer einzelnen einflußreichen Persönlichkeit, um eine Sprache zu verändern. Dabei braucht man noch nicht mal an Rhapsoden oder Sänger zu denken, die das Denken und Sprechen ihrer Mitmenschen lediglich indirekt beeinflußten. (Vgl. meinen Post vom 05.12.2014) Der sprachverändernde Einfluß konnte durchaus auch schon mal durch einen direkten administrativen Akt ausgeübt werden: „Verglichen mit den anderen Varietäten des Buin (ca. 17 500 Sprecher) hat der Uisai-Dialekt auf Bougainville Island (1500 Sprecher) alle Genuszuordnungen komplett umgekehrt.() Alles was maskulin war, ist also nun feminin, und alles, was feminin war, ist jetzt maskulin. Weil aber nun kein bekannter Mechanismus des normalen Sprachwandels solch einen Effekt hervorrufen könnte, nimmt Don Laycock an, dass ‚ein einflussreicher Sprecher des Uisai absichtlich eine Änderung eingeführt hat, um seine Gruppe vom Rest des Buin-Volkes abzugrenzen‘. Dies ist ein weiteres Beispiel für den großen Einfluss von Einzelnen in einer kleinen Sprechergemeinschaft.“ (Evans 2014, S.33)

Solche einsamen administrativen Akte wurden durch die gruppendynamische Neigung zur „Esoterogenisierung“, also durch „das Hervorbringen von Unterschieden und sprachlicher Unklarheit“ unterstützt. (Vgl. Evans 2014, S.34) Die zu einer gemeinsamen Sprachfamilie gehörenden Gruppen versuchten durch sprachliche Distinktion die eigene kulturelle Identität gegenüber der der anderen Gruppen zu stärken. In gewisser Weise funktioniert die Literatur noch heute auf diese Weise. ‚Literatur‘ – insbesondere die ‚gehobene‘ Literatur, aber nicht selten auch die kulturellen Elaborate der sogenannten Subkulturen – erscheint vor diesem Hintergrund als ein Verfahren, sich von anderen Gesellschaftsschichten abzusetzen. Nur wer eine gewisse ‚Bildung‘ genossen hat, gehört zu den Eingeweihten, die diese Literatur verstehen können.

Ein anderes Beispiel steht für die Abkehr regionaler Sprachgemeinschaften von der Globalisierung. Bu Mangrikaan, ein Sprecher des Sa (Pfingstinsel), war im Zweiten Weltkrieg amerikanischer Soldat. Er lehnte nach dem Krieg das Angebot, us-amerikanischer Bürger zu werden, ab: „Was er ... von der Außenwelt gesehen hatte, hatte ihn dermaßen enttäuscht, dass er lieber in sein Heimatdorf zurückkehrte. Nach dem Abbau der Kirche riet er zu einer Rückkehr zu duan apay – dem traditionellen kastom (Brauchtum, Kultur).“ (Evans 2014, S.324) – Die anderen Bewohner seines Heimatdorfes ließen sich von ihm überzeugen und setzten ihr „traditionelles Leben mit einer Selbstversorgungswirtschaft auf der Grundlage von Jamswurzeln“ fort. (Vgl. ebenda)

Die Sprachgemeinschaft existiert bis heute, genießt die staatliche Anerkennung durch die Regierung und hat die „vollständige Besitzgewalt über ihre Lebensgrundlagen“. (Vgl. Evans 2014, S.325)

‚Diversität‘ ist also ein weiteres Stichwort, das eng mit der individuellen Ontogenese, also dem Einfluß einzelner Personen auf eine Gemeinschaft verknüpft ist. Auf die entsprechende Parallele zwischen der biologischen und der kulturellen Phylogenese bin ich schon zu sprechen gekommen. (Vgl. meine Posts vom 01.12. und vom 03.12.2014) Die der biologischen Artenvielfalt entsprechende kulturelle ‚Artenvielfalt‘ ist aber anders als die biologische nicht über die Gene abgesichert, sondern hängt am mit jeder neuen Generation verbundenen, nicht ganz ‚fehlerfreien‘ Erlernen der Sprache einer Sprechergemeinschaft. Dieses Sprechenlernen ist genetisch nicht abgesichert. Es gibt keine sich immer wieder naturgesetzlich durchsetzenden Universalien, die die Einheitlichkeit aller Sprachen oder auch nur den kulturellen Bestand einer bestimmten Sprache sicherstellen würden.

Deshalb haben wir es hier mit keiner wirklichen Koevolution von biologischer und kultureller Phylogenese zu tun. Die kulturelle Phylogenese beginnt mit jeder Geburt aufs Neue. Nur die biologische Phylogenese setzt sich – trotz aller Mutationen – ungebrochen fort, so wie es auch schon Darwins Konzept von der „Entstehung der Arten“ postuliert. Darwin zufolge entstehen neue Arten nicht in erster Linie durch Mutationen, sondern aufgrund des Aussterbens von Zwischengliedern, die Lücken hinterlassen, so daß die überlebenden Lebensgemeinschaften allererst über diese Lücken als Arten sichtbar werden. Auch Frans de Waal weist ausdrücklich darauf hin, daß es in der biologischen Evolution keine Anomalien gibt, sondern die Kontinuität dominiert. (Vgl. meinen Post vom 15.05.2011) Nur die kulturelle Evolution ist nicht immun gegenüber Monsterbildungen, wie man aus Peter Sloterdijks „Die schrecklichen Kinder der Neuzeit“ (2014) lernen kann. (Vgl. meine Posts vom 22.08. bis zum 08.09.2014) Nur so wird auch verständlich, warum derzeit aus allen Ländern der Welt junge Menschen den kulturellen Traditionen ihrer Eltern und Großeltern den Rücken kehren und freiwillig nach Syrien in den Krieg ziehen, um den IS-Terror zu unterstützen.

Evans’ ‚Koevolution‘ ist über die individuelle Ontogenese vermittelt. Deshalb haben wir es tatsächlich nicht mit lediglich zwei, sondern vielmehr mit drei verschiedenen Entwicklungsprozessen und ihren unterschiedlichen Logiken zu tun. Denn trotz allen Beharrens einer bestimmten kulturellen Entwicklungstendenz – wie etwa auf der Osterinsel, wo kein Mensch auf die Idee gekommen war, daß das Abholzen der Bäume das menschliche Leben auf der Insel künftig unmöglich machen würde – bietet die individuelle Ontogenese mit ihren kreativen Sprüngen immerhin auch die Chance, den sich in diesem Fall katastrophal auswirkenden Wagenhebereffekt außer Kraft zu setzen und aus einer verhängnisvollen Entwicklung wieder auszusteigen. (Vgl. meinen Post vom 24.05.2011)

So gesehen führte die Sprachlichkeit des Menschen nicht etwa zu einer dem Wagenhebereffekt verdankten beschleunigten kulturellen Akkumulation und, wie manche meinen, zur Globalisierung. Dieser Effekt wäre vor allem auf die vor 5000 Jahren beginnende Entwicklung der Schrift zurückzuführen. Die Sprachlichkeit führte vielmehr über lange, hunderttausende von Jahren umfassende Zeiträume hinweg zu einer Beschleunigung und Vergrößerung von Diversität.

PS vom 14.12.2014:
In der letzten Woche hat eine demagogische Stellungnahme der CSU zur deutschen Sprache als einem wichtigen Integrationsmittel für Zuwanderer noch einmal deutlich gemacht, auf was für einem ideologisch verminten Gelände ich mich hier bewege, wenn ich auf die Gefahren einer die kulturelle Diversität bedrohenden Globalisierung hinweise. Die Vorstellung des CSU-Papiers, das Sprechen der Menschen bis in ihre intimste Privatsphäre hinein kontrollieren zu wollen, ist gleichermaßen heuchlerisch wie dumm und bewegt sich auf unterstem Stammtischniveau. Prompt wurden in zeitlicher und räumlicher Nähe zum CSU-Parteitag drei Ausländerheime angezündet.
Heuchlerisch ist die CSU-Stellungnahme, weil es auch in Bayern, namentlich in München, Universitäten gibt, auf die Seehofer und Konsorten so gerne stolz sein wollen, die aber, wie überall in Deutschland, seit den berüchtigten Bologna-Beschlüssen alles dafür tun, das Deutsche als Wissenschaftssprache durch Englisch zu ersetzen. Das ist natürlich kein Problem für die Stammtischstrategen der CSU.
Dumm ist die CSU-Stellungnahme, weil Mehrsprachigkeit als ein Lernvorteil gilt. Sogar im innerdeutschen Kulturbereich haben Kinder, die neben Hochdeutsch auch einen Dialekt beherrschen, mit ihrem größeren Wortschatz einen meßbaren Lernvorteil gegenüber den Kindern, die nur Hochdeutsch können. Aber vielleicht gilt das ja nicht für das Bayrische. Hier scheint es sich eher um einen den intellektuellen Horizont beschränkenden Dialekt zu handeln.
Schon Wilhelm von Humboldt hatte von den Vorteilen der gesellschaftlichen Vielfalt gewußt. Diese Vielfalt war Teil seines Bildungskonzepts. Er stufte das Bildungsniveau einer Gesellschaft als umso höher ein, je mehr innere Vielfalt sie zulassen konnte, ohne auseinanderzubrechen. Diversität ist ein Bildungsgut. Der größte Feind von Bildung ist Uniformität.

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