Dienstag, 24. Mai 2011

Michael Tomasello, Die kulturelle Entwicklung des menschlichen Denkens. Zur Evolution der Kognition, Frankfurt a.M. 2002 (1999)

(Vgl. auch meine Posts vom 25.04.26.04. und 27.04.2010 und vom 06.06., 07.06. und 08.06.2012)

1.    Forschungsmethode
2.    Individuelles und kulturelles Lernen

Den folgenden Text habe ich aus meiner Habilitationsschrift „Lernen und Leistung“ (2006, S.175-182) entnommen und für diesen Post überarbeitet.

Tomasello arbeitet vor allem an der Differenz zwischen tierischer und menschlicher Kognition. Er stellt sich die Frage, inwiefern menschliches Lernen zu einer kumulativen Tradition beiträgt, die anders als bei Tieren nicht nur einmal Gelerntes nicht bald wieder vergißt, sondern über die Generationen hinweg zur Modifikation und Verbesserung tradierter Fertigkeiten und tradierten Wissens beiträgt. Diesen Effekt, einmal Gelerntes über Generationen hinweg zu kumulieren, bezeichnet Tomasello als „Wagenhebereffekt“ (Tomasello 2002, S.50ff.).

Der Wagenhebereffekt funktioniert im Grunde wie ein hermeneutischer Zirkel: als Verstehen der Intentionalität des Anderen auf der Basis der eigenen Intentionalität. Aufgrund der spezifisch menschlichen Fähigkeit zur Identifikation mit der Intentionalität seines Gegenübers verliert sich eine einmal entdeckte Fertigkeit nicht in den nächsten Generationen. Die nachwachsenden Generationen steigen nämlich durch angeleitetes Lernen, also durch Unterricht, in das Mensch-/Weltverhältnis der vorhergehenden Generationen, das als Sinnzusammenhang zu verstehen ist, ein wie in einen hermeneutischen Zirkel: d.h. die nachwachsenden Generationen verstehen die Welt so, wie ihre Eltern und Großeltern sie verstanden haben. Und das Einsteigen in diesen traditionellen Sinnzusammenhang ist der von Tomasello bildhaft beschriebene Wagenheber: mit jeder neuen Generationen setzt der Hebel ein wenig höher an.


Das spezifisch Menschliche an diesem Lernen beschreibt Tomasello am Verhalten von Schimpansen. Wenn z.B. Schimpansen bestimmte Techniken von Artgenossen nachahmen, erlernen sie in jeder Generation diese Techniken bei Null. Sie ahmen nicht etwa direkt den Artgenossen nach – er fungiert nicht als Vorbild –, sondern gewissermaßen nur die Idee bzw. den Zweck dieser Technik. Die Bedürfnislage (Intentionalität) des Artgenossen ist dem Schimpansen egal. Wenn sich also ein Schimpanse von einem anderen Schimpansen die Technik abschaut, mit einem Stock Termiten aus ihrem Bau zu angeln, so schaut er sich genaugenommen gar nicht die Technik ab, also die Art und Weise, wie der andere Schimpanse den Stock benutzt, sondern nur die Grundidee, daß man einen Stock verwenden kann. Wie der Schimpanse dann den eigenen Stock verwendet, also die Technik, – das findet er dann ganz von allein auf seine ganz eigene individuelle Weise heraus. (Vgl. (Tomasello 2002, S.52)

Ein Menschenkind würde sich aber genau an das Vorbild seines ‚Lehrers‘ halten, weil es dessen Intentionalität berücksichtigt. Weil es sich an der Intentionalität seines Lehrers orientiert, will es alles ganz genau so wie er machen. Tomasello macht an dieser intentionalen Neuorientierung den Übergang vom Tier zum Menschen fest. Kulturelles Lernen – im Unterschied zu tierischem bzw. bloß individuellem Lernen – wird „durch eine einzige besondere Form sozialer Kognition ermöglicht, nämlich durch die Fähigkeit einzelner Organismen, ihre Artgenossen als ihnen ähnliche Wesen zu verstehen, die ein intentionales und geistiges Leben haben wie sie selbst. Dieses Verständnis ermöglicht es ihnen, sich in die geistige Welt einer anderen Person hineinzuversetzen, so daß sie nicht nur vom anderen, sondern auch durch den anderen lernen können.“ (Tomasello 2002, S.15)

Tomasello macht also die anthropologische Differenz insbesondere zwischen Primaten und dem Menschen nicht am Lernen als solchem fest, sondern er zieht die Grenzlinie zwischen zwei verschiedenen Formen des Lernens. Beide, Primaten und Menschen, sind lernfähig, aber nur der Mensch ist belehrbar bzw. nur der Mensch kann unterrichten und unterrichtet werden. Mit den Primaten hat der Mensch gemeinsam, daß er von dem Verhältnis des anderen Ich zur Welt lernen kann. Unter der Voraussetzung einer aktuell gemeinsamen Bedürfnislage kann ich vom Verhalten meines Mitprimaten lernen, was ich mit einem Gegenstand tun kann.

Wenn ein Schimpanse mit dem zurechtgestutztem Zweig Termiten aus ihrem Bau angelt, kann ein anderer Schimpanse, der ebenfalls Appetit auf Termiten hat, von ihm lernen, dasselbe zu tun. (Vgl. Tomasello 2002, S.41f., 50ff.) ‚Dasselbe‘ heißt hier aber nicht ‚auf gleiche Weise‘. Im Vordergrund steht nämlich nicht, was der andere Schimpanse tut, sondern das eigene Bedürfnis und sein Gegenstand, nämlich die Termiten in ihrem Bau. Mit dem anderen Schimpansen besteht Tomasello zufolge kein Umgangsverhältnis. Die Absichten des anderen Schimpansen sind dem von ihm lernenden Schimpansen gleichgültig. Das eigentliche, nämlich auf aktuellen Bedürfnissen beruhende – wenn auch etwas einseitige – Umgangsverhältnis besteht nur zwischen dem Schimpansen und seinem Gegenstand, den Termiten. Auf dieser Ebene des Umgangsverhältnisses (Schimpanse/Termiten) kann im Grunde nur von feed-back-Mechanismen die Rede sein, ähnlich wie sie die Behavioristen als Konditionierung beschrieben haben. Die positive Verstärkung ist rein egoistisch.

Aufgrund des fehlenden Umgangsverhältnisses mit dem anderen Schimpansen – im Sinne wechselseitiger Bedürfnisorientierung – formt sich die soziale Beziehung zwischen den beiden Schimpansen zu keinem referentiellen, auf einen gemeinsamen Gegenstand bezogenen Dreieck. Wir haben es mit Lernen zu tun, aber nicht mit Unterricht. Auf den Menschen bezogen können wir sagen: die Gegenstandsbeziehung des Lernsubjekts bleibt primordial.

Als Beispiele für individuelles Lernen auf dieser primordialen Ebene nennt Tomasello Emulationslernen (vgl. Tomasello 2002, S.41), das in der Beobachtung des Verhaltens des Anderen besteht. Die Intentionalität des Anderen gehört nicht zum Kontext dieser Lernerfahrung. Das Verhalten des Anderen wird unter völliger Ignoranz gegenüber seiner Verhaltensstrategie nachgeahmt. Dem stellt Tomasello das Imitationslernen gegenüber (vgl. Tomasello 2002, S.41), das auch die Verhaltensstrategie des nachgeahmten Verhaltens, also die Intentionalität des Anderen berücksichtigt. Ein weiteres Beispiel für individuelles Lernen, das Tomasello nennt, ist die ontogenetische Ritualisierung (vgl. Tomasello 2002, S.43), in dem kommunikative Signale aufgrund zufälliger Übereinstimmungen in der physischen Interaktion zweier Akteure gelernt werden, ohne daß die Akteure dazu etwas über die Absichten ihres Gegenübers wissen müssen. Tomasello führt aus: „Alle verfügbaren Belege sprechen dafür, dafür, daß ontogenetische Ritualisierung und nicht Imitationslernen dafür verantwortlich ist, daß Schimpansen kommunikative Gesten erwerben.“ (Tomasello 2002, S.43)

Bei der Bewertung von Tomasellos Forschungsergebnissen sind vor allem zwei Momente zu berücksichtigen: zum einen unterscheidet er zwischen wild lebenden und zahmen Schimpansen. Zahme Schimpansen, die in menschlicher Gesellschaft geboren und aufgewachsen sind und vergleichbare Fähigkeiten der Identifikation mit ihren menschlichen Lebenspartnern aufweisen, werden gewissermaßen von der sie umfassenden Intentionalität der mit ihnen vertrauten menschlichen Umgebung getragen. Wild lebende Schimpansen zeigen nach Tomasello diese Fähigkeit nicht; sie tritt ihm zufolge bei wilden Schimpansen nicht spontan auf. Zum anderen: Zwar weisen neuere Forschungsergebnisse (ebenfalls Tomasello) darauf hin, daß Schimpansen dennoch auch spontan fähig sind, die Intentionalität ihrer Mitschimpansen zu verstehen, aber nur vor konkurrenzorientiertem Kontext. Sie können Leckerbissen voreinander verstecken, da sie das Begehren der anderen Schimpansen verstehen. Sie können sie aber nicht teilen. Entsprechende Gesten, z.B. vom Menschen, verstehen sie nicht.

Bei de Waal spielt übrigens die Unterscheidung zwischen wild lebenden und ‚zahmen‘ Schimpansen keine Rolle. Für ihn kommt es vor allem darauf an, daß Schimpansen in ihrer Gruppe leben können und nicht aus ihr entfernt werden. Denn der Bezug auf die anderen Schimpansen in der Gruppe – ungestört von artfremden Einflüssen – ist wichtiger als die Umgebung eines Zoos oder eines Naturreservates. In bezug auf diese in Gruppen ‚beheimateten‘ Schimpansen kommt de Waal dann auch zu ganz anderen Ergebnissen hinsichtlich ihres spontanen Verhaltens.

Zurück zu Tomasello. Was können uns seine Forschungsergebnisse über die menschliche Kognition sagen? Tomasello faßt folgendermaßen zusammen: „In meiner Deutung dieser Unterscheidung (von individueller und kultureller Vererbung – DZ) hat die individuelle Linie der kognitiven Entwicklung ... mit solchen Dingen zu tun, die der Organismus kennt und alleine lernt, und zwar ohne direkten Einfluß anderer Personen oder ihrer Artefakte.“ (Tomasello 2002, S.66) Ab dem neunten Lebensmonat ist der Mensch Tomasello zufolge, in der Lage, diese primordiale Welt zu verlassen und sich auf die Intentionalität eines anderen Menschen zu beziehen.

Erst wenn die beiden Akteure ihre Gegenstandsbeziehungen miteinander koordinieren, – wenn sie unabhängig von ihren jeweiligen aktuellen Bedürfnissen zu einer gemeinsamen Aufmerksamkeit auf einen Gegenstand fähig sind, entsteht ein referentielles Dreieck und damit Unterricht. (Vgl. Tomasello 2002, S.78) Das ist etwas anderes, als gemeinsam zu jagen oder gemeinsam einen Feind zu vertreiben. Für diese gemeinsamen Aktionen reichen die jeweils aktuellen egoistischen Bedürfnisse durchaus aus. Bei der gemeinsamen Aufmerksamkeit auf einen Gegenstand steht aber nicht das eigene Bedürfnis im Vordergrund, sondern die Absichten des anderen Ich bzw. seine Intentionalität. Der Mensch lernt nicht nur vom anderen Menschen, wie Tomasello sagt, sondern auch durch den anderen Menschen, d.h. das Ich identifiziert sich mit einem anderen Ich. Jetzt besteht ein Umgangsverhältnis zwischen Lehrer und Schüler, in dem beide das Umgangsverhältnis des jeweils Anderen zum Lerngegenstand zu verstehen versuchen; insofern dieses gemeinsame Umgangsverhältnis also in der gemeinsamen Aufmerksamkeit auf einen Gegenstand fundiert ist, wird Unterricht möglich.

Wenn Menschenkinder von Erwachsenen lernen, mit Gegenständen bestimmte Zwecke zu verwirklichen, so übernehmen sie die Technik des Erwachsenen so genau wie möglich: sie ahmen ihn nach, weil sie sich mit ihm identifizieren. Damit wird kulturelle Akkumulation möglich, die es Tomasello zufolge bei Schimpansen nicht gibt. Um ein drastisches Beispiel zu wählen: sowohl unter Schimpansen wie auch unter Menschen gibt es Kannibalismus. Aber nur Menschen essen den anderen Menschen, um sich dessen Persönlichkeit ‚einzuverleiben‘.

Schimpansen lernen, folgt man Tomasello, immer nur durch Versuch und Irrtum, – auch dort, wo sie den anderen Schimpansen nachahmen. Das ist in gewisser Weise viel effektiver, als das menschliche Lernen. Wo Menschenkinder die Technik des Erwachsenen nachahmen, übernehmen sie auch die Fehler, die er macht. Schimpansen versuchen es stattdessen gleich besser zu machen als der Andere. Das Lernen direkt am Gegenstand, ohne Umweg über die Vermittlung eines Anderen, ist also eine wichtige Lernmethode.

Nun ist es nicht etwa so, daß Tomasello das von ihm beobachtete individuelle Lernen der Schimpansen gegenüber der menschlichen Fähigkeit, am Vorbild des anderen Menschen zu lernen, abwertet. Im Gegenteil stellt Tomasello beide Lernformen, die individuelle und die kulturelle, einander gleich! Beide Lernformen haben ihre Vor- und Nachteile: der Vorteil des Schimpansen ist, daß er beim Lernen nicht die ‚Fehler‘ des Artgenossen reproduziert. Der Vorteil des Menschenkindes ist es, daß nun in kultureller Tradition über Generationen hinweg Techniken und Wissen akkumuliert werden können. Der Nachteil liegt aber auch auf der Hand: einmal gelernte Techniken werden u.U. auch dann beibehalten, wenn sie für den Fortbestand der Gemeinschaft lebensbedrohlich werden.

Es bedarf also einer institutionalisierten Unterbrechung und Öffnung des hermeneutischen Zirkels, gewissermaßen einer Rückstelltaste am Wagenheber. Denn im Unterschied zum Schimpansen kann der Mensch zwischen beiden Lernformen wechseln und entwickelt dabei eine typisch menschliche Spontaneität und Kreativität: „... die interessantesten Aspekte der Entwicklung während dieser Zeitspanne (sind) gerade in den Interaktionen zwischen den individuellen und kulturellen Entwicklungslinien zu finden. Denn das Kind übernimmt die kulturellen Konventionen, die es durch Imitation oder eine andere Form kulturellen Lernens erworben hat, und macht dann einen kreativen Sprung, der über sie hinausgeht. ... Diese kreativen Sprünge beruhen zwar manchmal selbst auf einem kulturellen Instrument, wie z.B. der Sprache, mathematischen Symbolen oder konventionellen bildhaften Vorstellungen ... Trotzdem deuten alle Belege auf die Tatsache hin, daß im Alter von vier bis fünf Jahren sich das Gleichgewicht zwischen der Tendenz der Kinder, andere nachzuahmen, und ihrer Tendenz, ihre eigenen kreativen kognitiven Strategien zu entwickeln, verlagert hat. Denn in dieser Zeit haben sie, hauptsächlich durch sprachliche Interaktionen, viele verschiedene Perspektiven verinnerlicht, die ihnen erlauben, für sich selbst in einer stärker selbstregulierten Weise zu reflektieren und zu planen, obwohl die dabei benutzten Mittel manchmal wiederum kulturellen Ursprungs sind.“ (Tomasello 2002, S.67)

Was Tomasello hier „kreative Sprünge“ nennt, zu denen die Kinder ab vier bis fünf Jahren durch das Wechseln zwischen individuellem und kulturellem Lernen befähigt werden, stellt nun nichts anderes dar als ein spontanes Einsteigen in den und Aussteigen aus dem hermeneutischen Zirkel, der sie mit der Intentionalitätsstruktur der Erwachsenenwelt verbindet. Insofern sich Kinder gleichermaßen an der Intentionalität der von ihnen bewunderten Erwachsenen orientieren wie auch von ihnen abwenden und ihre eigenen Ziele verfolgen können, öffnet sich die Tür zu überraschender Kreativität und entsteht das scheinbar unendlich plastische Potential individueller Bildsamkeit.

Wir können also mit Tomasello eine Fundamentalbedingung des Schulunterrichts festhalten: Die Fähigkeit des Menschenkindes, sich mit der Intentionalität seines Mitmenschen zu identifizieren, ermöglicht etwas, das Tomasello als „gemeinsame Aufmerksamkeit“ (Tomasello 2002, S.71-113) bezeichnet. Gemeinsame Aufmerksamkeit stellt ein „referentielles Dreieck“ (Tomasello 2002, S.78) dar, in dem einer den Anderen auf ein Drittes zu lenken versucht, das entweder aus dem gezeigten Gegenstand besteht oder sich über ihn vermittelt, wie z.B. bei einem Geschenk, das dem Anderen mein Interesse an ihm ausdrücken soll. (Vgl. Tomasello 2002, S.78)

Diese gemeinsame Aufmerksamkeitslenkung stellt nun eine ‚extrinsische‘ Motivation besonderer Art dar: sie bildet eine über den Anderen vermittelte Motivation und ist trotzdem im eigentlichen Sinne intrinsisch! Dabei ist es wichtig, festzuhalten, daß das individuelle Lernen nicht etwa mit Kontextlosigkeit gleichzusetzen ist. Natürlich lernt man auch in individueller Weise nicht unabhängig von Situationen und Kontexten. Der Unterschied zwischen dem individuellen und dem kulturellen Lernen liegt ausschließlich in der Intentionalität des Lernsubjekts: ein Lernsubjekt, dem die Absichten seines Gegenübers völlig gleichgültig sind und dem es nur um seine eigenen, auf den Gegenstand bezogenen Bedürfnisse geht, befindet sich in einer primordialen (subjektiven) Erkenntnisorientierung. Mit anderen Worten: es gebraucht seinen eigenen Verstand, ohne sich dem eines Anderen unterzuordnen. Das Bewußtsein des Lernsubjekts ist gleichzeitig so gegenstandsabhängig, wie es konsensunabhängig ist.

Ein Lernsubjekt, das sich an den Absichten seiner Mitmenschen orientiert, befindet sich in einer intersubjektiven Erkenntnisorientierung. Das Bewußtsein dieses Lernsubjekts ist gleichzeitig so konsensabhängig, wie es gegenstandsunabhängig ist, was manchmal dazu führen kann – wie z.B. im Spiel –, daß der Gegenstand völlig gleichgültig ist. Hauptsache man macht es gemeinsam und hat Spaß dabei.

Was man bei Tomasello also lernen kann, ist der Unterschied zwischen individuellem und kulturellem Denken. Darauf ist er gekommen, indem er vor allem auf die Unterschiede zwischen Mensch und Tier, zwischen Menschenkindern und Schimpansen geachtet hat. Ich halte es durchaus für möglich, daß seine Beobachtungen von Schimpansen gegenüber de Waals Beobachtungen nicht bestehen können, daß also de Waal im Vergleich gegen Tomasello Recht behält. Dennoch eröffnen Tomasellos Studien tiefere Einsichten in das menschliche Denken und Lernen als de Waals Forschungsergebnisse. Vielleicht hinkt der Vergleich zwischen beiden, da Tomasello die Kognition und de Waal die Empathie in den Mittelpunkt ihrer Arbeiten stellen. Aber Tomasello liefert immerhin ein Unterscheidungskritierium zwischen individueller Ontogenese und kultureller Phylogenese und darüberhinaus auch ein Kriterium zu ihrer wechselseitigen Vermittlung. Und diese Kriterien halte ich für sehr brauchbar, – unabhängig von ihrer empirischen Basis im Tier-Mensch-Vergleich.

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