Freitag, 22. August 2014

Peter Sloterdijk, Die schrecklichen Kinder der Neuzeit. Über das anti-genealogische Experiment der Moderne, Berlin 2014

(Vorbemerkung: Von Erbe, Sünde und Moderne (S.9-29) / Kapitel 1: Die permanente Flut. Über ein Bonmot der Madame de Pompadour (S.31-53) / Kapitel 2: Dasein im Hiatus oder: Das moderne Fragen-Dreieck De Maistre – Tschernyschweski – Nietzsche (S.54-74 / Kapitel 3: Dieser beunruhigende Überschuß an Wirklichkeit. Vorausgreifende Bemerkungen zum Zivilisationsprozeß nach dem Bruch (S.75-94) / Kapitel 4: Leçons d’histoire. Sieben Episoden aus der Geschichte der Drift ins Bodenlose: 1793 bis 1944/1971 (S.95-221) / Kapitel 5: Das Über-Es: Vom Stoff, aus dem die Sukzessionen sind (S.222-311) / Kapitel 6: Die große Freisetzung (S.312-481) / Ausblick: Im Delta (S.483-489))

1. Erbsünde und Korruption
2. Methode (Kulturtheorie) (24.08.2014)

Wie Flammen breiten sich feurige Buchstaben über den dunkelgrünen Umschlag des Buches von Peter Sloterdijk aus, das ich in den nächsten Tagen und Wochen in diesem Blog besprechen werde: „Die schrecklichen Kinder der Neuzeit“ (erste und zweite Auflage 2014). Sie signalisieren einen Weltenbrand, der auf den Rezensenten wie eine nachträgliche Rechtfertigung eines anderen Buches wirkt, das seinem reißerischen Titel, „Du mußt dein Leben ändern“ (2009), so gar nicht entsprochen hatte. (Vgl. meinen Post vom 30.09.2011) Die Folge der Lektüren und Besprechungen wird zeigen, inwiefern Sloterdijk diesmal zur dramatischen Inszenierung seines Themas das passende Buch geschrieben hat.

Bemerkenswert und vielversprechend ist jedenfalls schon Sloterdijks vorbereitende Hinführung zu diesem Thema. Allem Anschein nach schließt Sloterdijk an Hans Blumenbergs Anthropologie und Mythologie an. Ähnlich wie für Blumenberg beginnt für Sloterdijk das Menschsein mit einer Aufrichtung, einer Hebung des Kopfes: „Der Mensch ist das Tier, dem man die Lage erklären muß. Hebt es den Kopf und blickt über den Rand des Offensichtlichen, wird es von Unbehagen am Offenen bedrängt. Unbehagen ist die angemessene Antwort auf den Überschuß des Unerklärlichen vor dem Erschlossenen.“ (Sloterdijk 2014, S.9)

Angesichts einer Wirklichkeit, die es so sehr bedrängt, bleiben diesem Menschentier, wie bei Blumenberg, zwei einander ergänzende Möglichkeiten. Die eine besteht darin, sich mit einer Nahwelt zu bescheiden, die es ähnlich dem Blumenbergschen Höhlenmenschen mit dem „Schein des Sich-Auskennens“ beruhigt: „Verzichtest du auf weitere Fragen, bist du vorläufig in Sicherheit.“ (Vgl. Sloterdijk 2014, S.9f.). Die andere besteht darin, sich Geschichten zu erzählen, wie Sloterdijk in ironischer Abwandlung eines Spruchs von Wittgenstein schreibt: „Wovon man nicht schweigen konnte, davon mußte man erzählen.“ (Sloterdijk 2014, S.10)

Dabei wirken die Geschichten, was die Erklärungsbedürftigkeit des menschlichen In-der-Welt-seins betrifft, einschläfernd und verstärken auf diese Weise den Höhleneffekt der Lebenswelt. Der „dunkle Mythos“, so Sloterdijk, „unterdrückt ... sogar das Aufsteigen des Unbehagens, indem die Erklärung der Empfindung zuvorkommt.“ (Vgl. Sloterdijk 2014, S.11) Deshalb kommt es bei den Mythen auch nicht auf irgendeine Art von sachlicher Richtigkeit an, sondern nur darauf, daß überhaupt etwas erzählt wird: „Die Grundregel der Mythodynamik besagt: Jede Geschichte ist besser als keine Geschichte.“ (Sloterdijk 2014, S.10f.)

Sloterdijks Beschreibungen dessen, was passiert, wenn man Mythen mit Ansprüchen überfrachtet, die dieses grundlegende Bedürfnis des an der Schwelle der Menschwerdung stehenden ‚Tieres‘ ignorieren, erinnern ebenfalls an Blumenberg. Am Beispiel des „mächtigsten Mythos des Westens“, der Vertreibung aus dem Paradies, und seiner dogmatischen Interpretation als „Erbsünde“ zeigt Sloterdijk, wie das zunächst durch die biblische Geschichte beruhigte Unbehagen des Menschen, sich in einer „suboptimalen Welt“ aufzuhalten, durch dogmatische Rationalisierung „in gesteigerter Form wiederkehrt“. (Vgl. Sloterdijk 2014, S.11f.)

Dafür macht Sloterdijk insbesondere den Kirchenvater Augustinus verantwortlich. (Vgl. Sloterdjk 2014, S.11ff., 18f.) Er ist es, der den logischen Aspekt der Erbsünde als einem immanenten Bestandteil von Adams Verstoß gegen das göttliche Gebot durch einen „moralisch-sexualpathologischen“ Aspekt ergänzt (vgl. Sloterdijk 2014, S.13), der die an Adams Tat nicht beteiligten und deshalb eigentlich unschuldigen Nachfahren im nachhinein auch persönlich mitverantwortlich macht: „Wie das zweigeschlechtliche Leben als solches ist die Sünde eine sexuell übertragbare Krankheit. Mehr noch: Der Modus der Übertragung, der Geschlechtsakt, beinhaltet die Wiederholung der ersten Sünde, weil er nicht ohne superbia, das heißt nicht ohne die überhebliche Selbstbevorzugung des Geschöpfs vor seinem Schöpfer, zustande kommt. ... Die sinnliche Wollust, sofern sie die Wendung zum Vorrang des Ich vollzieht, verwirkt die Ewigkeit. ... Im Stand der Korruption ist der Mensch zur Selbstbevorzugung verdammt.“ (Sloterdijk 2014, S.16f.)

So wie sich Adam aufgrund der Verführung durch Eva von seinem Gott abwendet und sein Gebot übertritt, wenden sich also Augustinus zufolge nach ihm alle seine Nachkommen während des Geschlechtsakts von ihrem Gott ab, wiederholen auf diese Weise den Sündenfall und werden nun persönlich schuldig. Damit hat der „Hysteriker von Hippo“, wie Sloterdijk Augustinus nennt (vgl. Sloterdijk 2014, S.13), aus dem Menschen ein Wesen gemacht, das nicht nicht sündigen kann (vgl. Sloterdijk 2014, S.15). „Es gehört“, resümiert Sloterdijk abschließend, „zu Augustinus’ problematischen Verdiensten, wenn die westliche Zivilisation durch seine Anregungen einen Gedanken der Erblichkeit von Schuld, Sünde und Korruption zu entwickeln vermochte, der es mit dem indischen Konzept des Karma von ferne aufnehmen konnte.“ (Sloterdijk 2014, S.18)

Bis hierhin entspricht Sloterdijks Darstellung der Leistungen des Mythos und der menschenfeindlichen Konsequenzen seiner Dogmatisierung dem Blumenbergschen Konzept, wie wir es aus „Arbeit am Mythos“ (1979) und aus „Höhlenausgänge“ (1989) kennen. Doch im ersten Kapitel, das auf seine Vorbemerkungen folgt und auf das ich an dieser Stelle vorgreifen muß, zeigt sich nun eine interessante Differenz zu Blumenberg. Während Blumenberg den Mythos und die Arbeit an ihm letztlich für unbeendbar hält, weil der Mensch für sein Handeln in einer undurchsichtigen Welt immer auf orientierende Vorgaben angewiesen sein wird – „Jede Geschichte ist besser als keine Geschichte.“ (Siehe oben) –, sieht Sloterdijk diesen Vergangenheitsbezug in der Moderne als unheilbar zerstört an.

Die Mythodynamik der „Sammlungen exemplarischer Erzählungen“ ist verbraucht. (Vgl. Sloterdijk 2014, S.33) Das Generationenverhältnis hat sich verdreht, wofür, wie Sloterdijk schreibt, „die emblematische Figur der ‚schrecklichen Kinder‘“ steht. (Vgl. Sloterdijk 2014, S.26) Es sind nicht mehr die Vorfahren, sondern unsere Nachkommen, die dem, was in unserer Gegenwart geschieht, was an Entscheidungen getroffen wird oder versäumt wird, eine Bedeutung verleihen: „Seit Zeit und Zukunft ins Denken drängen, bilden Vergangenheit und Gegenwart die Inkubationszeit eines Ungeheuers, das unter einem trügerisch harmlosen Namen am Horizont auftaucht: das Neue. Wie wäre es, wenn wirklich erst das unerwartet Neu-Gekommene, das nie zuvor Geschehene und völlig Unerwiesene uns dereinst entschlüsselten, was das Heutige, das Gestrige und das Alte davor bedeutet haben werden?“ (Sloterdijk 2014, S.34)

An die Stelle der gegenwärtigen Vergangenheit, wie sie den Mythos und unsere ‚Arbeit‘ an ihm gekennzeichnet hatte, tritt eine Gegenwart als antizipierte Vergangenheit einer noch ausstehenden Zukunft bzw. eine Zukunft, die in der Gegenwart, mit Heidegger gesprochen, schon ‚anwest‘. Nicht umsonst gibt Sloterdijk dieser anti-mythischen Sinnstiftung die grammatische Form eines Futurum II. Denn was an vererbter Schuld und Sündhaftigkeit in rationalisierter Form überlebt, nimmt Sloterdijk zufolge die Form der „neuzeitlichen Kreditwirtschaft“ an (vgl. Sloterdijk 2014, S.24); und diese bildet, wie wir von Engster lernen können, eine „Ökonomie der Zeit“ in Form der zukünftigen Vergangenheit (vgl. meinen Post vom 23.03.2014).

Das Ende des Mythos ist also in einem veränderten Generationenverhältnis begründet: ein Ende, das Blumenberg so nicht eingefallen ist. (Vgl. meinen Post vom 14.08.2014) Allerdings ist Sloterdijks Argumentation nicht mythenspezifisch. Sie trifft weniger den Bedarf an orientierenden Beispielgeschichten, wie schon allein das vierte Kapitel seines Buches belegt, in dem Sloterdijk gleich sieben historische Episoden aus der Geschichte der Drift ins Bodenlose bespricht. (Vgl. Sloterdijk 2014, S.95-221) Das „mythodynamische Grundgesetz“ – „Jede Erzählung ist besser als keine Erzählung“ – bleibt vom Ende des Mythos unberührt. (Vgl. Sloterdijk 2014, S.19)

Letztlich kommt in der Umkehrung des Generationenverhältnisses etwas anderes zum Ausdruck: die Rehabilitierung der progressiven Synthesis der Vernunft. Kant hatte lediglich der regressiven Synthesis, also die Rückverfolgung aktueller Ereignisse auf ihre Gründe und Ursachen, für vernunftswürdig gehalten, weil nur sie eine genügende Erkenntnissicherheit zu gewährleisten vermag. Die progressive Synthesis, also die Prognose der Folgen unseres Handelns, erschien Kant als zu spekulativ. Sloterdijk hält dem mit wünschenswerter Deutlichkeit entgegen, daß es nicht unsere Vergangenheit ist, die über das Schicksal des Planeten entscheidet, sondern die Folgen einer Gegenwart, in der es in unserer Verantwortung liegt, was aus ihr erwachsen wird: Monstren und Ungeheuer oder ... ?

Sloterdijk stellt sich mit seinem Buch die Aufgabe, „eine nicht-theologische Neubeschreibung menschlicher Erbverlegenheiten“ zu unternehmen. (Vgl. Sloterdijk 2014, S.25) Dabei ersetzt er den Begriff der „Erbsünde“ durch den der Korrumpierbarkeit der menschlichen Substanz. (Vgl. Sloterdijk 2014, S.14; vgl. auch S.27f.) „Aufhebung der Korruption“, so Sloterdijk, „wäre das weltliche Gegenstück der Reue, mit der in christlicher Tradition die Wiederaufrichtung des Menschen nach dem Fall beginnt.“ (Vgl. Sloterdijk 2014, S.28)

„Wiederaufrichtung“ wäre auch das Sloterdijksche Pendant zu Blumenbergs aufrechtem Gang, der immer zugleich ein Stolpern, ja, bewegungstechnisch eigentlich ein ständiges Fallen (‚Lapsus‘) ist, – auch in „postlapsaristischen“ Zeiten. (Vgl. Sloterdijk 2014, S.16) Dieser das ständige Fallen begleitenden ständigen Wiederaufrichtung entspricht Sloterdijk zufolge als Lebens- und Kulturform das Lernen: „dieser am weitesten heruntergekommene Begriff der Gegenwart“. (Vgl. Sloterdijk 2014, S.28) Und Sloterdijk setzt darauf, daß dieses Lernen, ungeachtet seiner eigenen gesellschaftspolitischen und bildungspolitischen Korruption, jene Korruption überwinden hilft, die, wenn ich Sloterdijk richtig verstanden habe, in der „‚narzißtische(n)‘ Disposition“ (Sloterdijk 2014, S.16) einer Generation besteht, die sich weder um Vergangenheit noch um Zukunft kümmert.

Dann lohnt es sich jedenfalls, das Buch weiterzulesen. Es könnte sein, daß es der dramatischen Inszenierung des Umschlagtitels entspricht. Diese Einleitung hat mir jedenfalls schon mal ganz gut gefallen.

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