Montag, 1. Dezember 2014

Nicholas Evans, Wenn Sprachen sterben und was wir mit ihnen verlieren, München 2014 (2010)

(Verlag C.H. Beck, 416 S., 29,95 €)

1. Zusammenfassung
2. Methoden
3. Synchronismus und Diachronismus in der Sprachwissenschaft
4. Sprache als Weitergabe von Information
5. Sprache als Expressivität
6. Gestaltwahrnehmung
7. Verschobene Exzentrik
8. Phylogenese und Ontogenese
9. Wortkunst
10. Rekursivität
11. Plastizität

Nicholas Evans’ Buch „Wenn Sprachen sterben“  (2010/2014) ist ein Plädoyer für die Erhaltung einer größtmöglichen Sprachenvielfalt oder zumindestens für ihre sprachwissenschaftliche Erfassung. Von den derzeit noch weltweit existierenden ca. 6000 Sprachen wird wahrscheinlich bis zum Ende dieses Jahrhunderts die Hälfte aussterben. (Vgl. Evans 2014, S.11) Und mit diesen Sprachen verschwinden dann nicht nur beliebige Variationen von Möglichkeiten, einander Informationen mitzuteilen, die man einander so auch in jeder anderen Sprache mitteilen könnte, sondern spezifisches, an den jeweiligen Wortschatz und ihre Grammatik gebundenes kulturelles Wissen über die natürliche und die geistige Welt einer Sprachgemeinschaft.

Ein Beispiel für ein derartig spezielles, durch eine Einzelsprache tradiertes Wissen ist das nur noch von etwa 500 Menschen gesprochene Seri in Mexiko, das spezielle Wörter für eine bis zu ihrer sprachwissenschaftlichen Erfassung (1975) unbekannte Getreideart, den Monat ihrer Reife und den Indikator für ihre Ernte hat. (Vgl. Evans 2014, S.45f.) Dabei handelt es sich um „Seegras (Zostera marina L.)“, um den April als dem „Monat der Seegrasernte“ und um die „schwarzbäuchige Ringelgans“, die „ins Wasser taucht, um das Seegras zu fressen“, die in Seri als „Wahrsager des Seegrassamens“ bezeichnet wird. (Vgl. Evans 2014, S.46) Bis zur sprachwissenschaftlichen Erfassung des Seri war diese Getreideart nicht nur gänzlich unbekannt; sie ist auch die einzige bislang bekannte Art, die in Salzwasser wächst. Bei der aktuellen weltweiten Versalzung von Süßwasser ist so ein Wissen praktisch unbezahlbar.

Sprachen bilden Evans zufolge keine universellen Kommunikationsmedien, die nach dem Vorbild von Chomskys generativer Transformationsgrammatik allesamt denselben strukturellen Prinzipien unterworfen sind und deren Inhalte beliebig von einer Sprache in die andere ‚übertragen‘ werden können. Gegen einen nach wie vor zwischen Universalisten und Relativisten tobenden Streit über die strukturelle Gleichheit oder Verschiedenheit von Sprachen plädiert Evans für einen „Pluralismus“, der die „Mehrsprachigkeit“ positiv bewertet. (Vgl. Evans 2014, S.321)

Tatsächlich stellt Evans die Sprachenvielfalt auf eine Ebene mit der Biodiversität, zwischen denen es sogar eine statistische Korrelation gibt. In einer Tabelle (vgl. Evans 2014, S.39), die die 25 Länder mit der größten Vielfalt an einheimischen Sprachen und Sprachfamilien und die 25 Länder mit der größten Artenvielfalt an höheren Wirbeltieren erfaßt, korrelieren die sprachliche und die biologische Vielfalt miteinander: „Zehn der zwölf Länder mit außerordentlich hoher biologischer Vielfalt spielen auch in der höchsten Liga der sprachlichen Vielfalt, welche die 25 Länder mit den meisten indigenen Sprachen umfasst.()“ (Evans 2014, S.42)

Das paßt zu Evans These einer Koevolution zwischen Biologie und Kultur bzw. Sprache, die er weitgehend mit dem Kulturbegriff gleichsetzt. (Vgl. Evans 2014, S.237f.) Darauf werde ich noch in einem späteren Post eingehen. Für jetzt ist vor allem wichtig, daß die enge Beziehung zwischen der Biosphäre und der „Logosphäre“ (Evans 2014, S.167ff.) dem Wort ‚Landessprache‘ eine ganz neue Bedeutung gibt. Evans zufolge sind Sprachen immer schon mehr an die Regionen gebunden, in denen sie gesprochen werden, als an das Volk, das sie spricht. Ein Volk umzusiedeln, wie das in den letzten Jahrhunderten immer wieder den Indianern in den USA widerfahren ist, bedeutet deshalb nicht nur eine geographische, sondern auch eine sprachliche Entwurzelung dieses Volkes. (Vgl. Evans 2014, S.44) Die Sprache paßt nicht mehr zum Land, in dem dieses Volk jetzt leben soll.

Hierzu erzählt Evans eine gleichermaßen makabre wie erbauliche Geschichte aus seinem Heimatkontinent (Evans ist Australier und lehrt am „Department of Linguistics“ der „School of Culture, History und Language“ in Canberra). Die betreffende Geschichte sollte klären, ob die Aborigenes im Norden Australiens (Arnhem-Land) noch die eigenen traditionellen Regeln und Rituale befolgten oder nicht:
„Als er (Pluto Bentinck) gefragt wurde, ob das traditionelle Recht auch Sanktionen gegen Eindringlinge enthalte, erzählte er von einem Vorfall während des Zweiten Weltkriegs, als ein Pilot bei Bentinck Island an Land schwamm, nachdem sein Flugzeug ins Meer gestürzt war. Pluto erzählte mir, dass dieser weiße Mann danda negijinda dukl, ngada warngiida kangka kamburij (‚das ist mein Land; ich spreche nur diese eine Sprache‘) gesagt hatte, als er ohne seinen Kayardild-Sprachführer an Land kroch. Als ich ihn frage, woher er denn gewusst habe, was der Mann gesagt hatte, wo er doch selber kein Englisch könne, sagte Pluto: Mrralwarri dangkaa, ngumbanji kangki kamburij (‚er war ein Mann ohne Ohren (verrückt), er sprach Deine Sprache‘). Auf Bentinck Island Englisch zu sprechen war für Pluto so, als hätte jemand die Insel für Englischsprachige beansprucht. ... ‚Und ich zog ihm meinen Knüppel über den Schädel.‘()“ (Evans 2014, S.28)
Für die Clans im Arnhem-Land ist die Sprache so etwas wie eine „Besitzurkunde“. (Vgl.Evans 2014, S.29) Wer eine bestimmte Sprache spricht, beansprucht zugleich das Land, in dem er diese Sprache spricht, für sich. Wer also Englisch in einem Land spricht, in dem Kayardild gesprochen wird, sagt im Grunde, unabhängig davon, was er sonst noch sagen mag, nichts anderes als: „Ich beanspruche dieses Land für mich!“ – Ein Aborigine, der auf Wanderschaft geht und dabei ständig alle paar Dutzend Kilometer Landes- und Sprachgrenzen überschreitet, wechselt dabei auch die Sprachen. Wenn er beim Wandern ein Lied singt, singt er das Lied in der zum neuen Land gehörigen Sprache weiter:
„Es heißt, dass viele natürliche Ressourcen, wie etwa Quellen, nur dem zugänglich sind, der sie in der jeweiligen Lokalsprache aussprechen kann. Aus diesen Gründen bestehen enge emotionale und spirituelle Verbindungen zwischen einer Sprache und dem Land, in dem sie gesprochen wird. Reisende singen Lieder, in denen die Ortsnamen, die auf der Strecke liegen, vorkommen, und wechseln die Sprache, wenn sie Bächer und andere Grenzen zwischen Clan-Territorien überschreiten. In epischen Erzählungen von mythischen Reisen ist es üblich, anzuzeigen, wo sich die Figuren befinden, indem man einfach die Erzählsprache wechselt.“ (Evans 2014, S.27)
Für diese Wertschätzung der Vielsprachigkeit steht bei Evans der Turmbau zu Babel, der infolgedessen keine Katastrophe war, sondern eigentlich den Urzustand der menschlichen Mehrsprachigkeit beschreibt. Mit Bezug auf Jorge Borges schreibt Evans: „Für Borges war die Bibliothek von Babel eine geeignete Metapher, weil sie dazu einlädt, sich eine nahezu endlose Menge von Geschichten und Ideen vorzustellen. Dazu braucht man bloß die Zahl der Sprachen, in der diese aufgeschrieben sind, beliebig zu erhöhen. Jede Sprache drückt so ihren Meisterwerken ihren eigenen Stempel in Form eines eigenen Rhythmus und einer einzigartigen Sichtweise der Welt auf ...“ (Evans 2014, S.20)

Dieser an die Sprachenvielfalt gebundene kulturelle Wissenschatz wird sowohl durch die Globalisierung und die damit verbundene Dominanz von Mehrheitssprachen wie „Englisch, Spanisch, Mandarin und Hindi“ (vgl. Evans 2014, S.21) wie auch durch einen wissenschaftlichen Universalismus bedroht, in der das Englische als Wissenschaftssprache andere Wissenschaftssprachen verdrängt. (Vgl. Evans 2014, S.42f.) Dieser Wissenschaftsuniversalismus geht davon aus, „dass alles, was klug und wichtig ist, auf Deutsch oder in anderen sprecherstarken Sprachen ausgedrückt werden kann und ausgedrückt worden ist“ und ist „ein wesentlicher Grund, warum Sprachen aussterben“. (Vgl. Evans 2014, 17)

Damit ist aber nicht nur ein grundsätzliches Problem des Wissenschaftssystems angesprochen. Wir haben es hier zugleich auch mit einem methodischen Problem der Sprachwissenschaft selbst zu tun. Darauf wird im nächsten Post noch einzugehen sein. Für jetzt will ich aber schon auf das Problem der Referenzsprache verweisen, die die von Evans beschriebene dreifache Abbildungsproblematik – Laut/Bedeutung, Wort/Sache, Grammatik/Kosmologie (Vgl. Evans 2014, S.85-131) – um einen vierten Aspekt ergänzt: auf welche Sprache soll die neue, noch unbekannte Sprache ‚abgebildet‘ werden bzw. in welcher Sprache soll sie beschrieben werden?

Wenn es weder genetische (biologische) noch strukturelle Universalien gibt, die die Grammatik und die Semantik aller jemals auf dieser Welt gesprochenen Sprachen bestimmen, und wenn die Grammatik und die Semantik einer Sprache nicht einfach nur im Dienst einer Informationsverarbeitungsmaschinerie steht, die sich algorithmisieren läßt (vgl. Evans’ diesbezügliche, an Fritz Mauthner erinnernde Äußerungen zur „Wortkunst“ S.237-310), dann gibt es auch keine einfache Übertragung des kulturellen Wissens einer Sprache in eine andere; erst recht nicht unter der Voraussetzung, daß diese andere Sprache den Anspruch einer Wissenschaftssprache erhebt: „Der Widerspruch, der sich ergibt, wenn es um andere Sprachen geht, besteht darin, dass wir zwar eine originalgetreue, ausführliche Darstellung des Studienobjekts anstreben, sie aber gleichzeitig für all jene verständlich machen müssen und wollen, die nur unsere Sprache sprechen.“ (Evans 2014, S.14)

Die Leser des von Robert Mailhammer ins Deutsche übersetzten Buches können sich immerhin über den ausdrücklichen Respekt freuen, den Nicholas Evans gegenüber einer eigenständigen sprachwissenschaftlichen Tradition in Deutschland äußert:
„Als jemand, den die stolze Tradition der Sprachforschung in Deutschland und das ungeheure Interesse an der Dokumentation von Sprachen, das dort seit etwa 20 Jahren besteht, enorm viel gelehrt hat, ist es mir eine besondere Freude, diese deutsche Übersetzung gedruckt zu sehen. Zum einen erhoffe ich mir, dass sich dadurch zukünftig noch mehr Sprachwissenschaftler für die vielen bestaunenswerten Dinge interessieren, die die Sprachen der Welt in sich bergen. Zum anderen möchte ich damit meine Dankbarkeit gegenüber einer Reihe von deutschen Organisationen, die meine Arbeit großzügig unterstützt haben ..., sowie meinen Gastgerbern an der Universität Köln ... Ausdruck verleihen.“ (Evans 2014, S.356)
So erfreulich für den Rezensenten dieser Hinweis auf das Deutsche als Wissenschaftssprache auch ist – immerhin sind die deutschen Universitäten eifrig dabei, das Deutsche in allen Disziplinen abzuschaffen und durch das Englische zu ersetzen –, so bleibt doch der nicht zu leugnende Tatbestand, daß das Englische zur selben Sprachfamilie gehört und sich unser ‚Verlust‘ in dieser Hinsicht – während weltweit die Sprachen sterben – doch in Grenzen hält.

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