Freitag, 5. Dezember 2014

Nicholas Evans, Wenn Sprachen sterben und was wir mit ihnen verlieren, München 2014 (2010)

(Verlag C.H. Beck, 416 S., 29,95 €)

1. Zusammenfassung
2. Methoden
3. Synchronismus und Diachronismus in der Sprachwissenschaft
4. Sprache als Weitergabe von Information
5. Sprache als Expressivität
6. Gestaltwahrnehmung
7. Verschobene Exzentrik
8. Phylogenese und Ontogenese
9. Wortkunst
10. Rekursivität
11. Plastizität

Trotz des dominierenden Konzepts von der Sprache als einem System der Informationsvermittlung schimmert in Evans Buch an verschiedenen Stellen immer wieder durch, daß es da noch etwas anderes gibt. So heißt es etwa in Evans’ Ausführungen zu Borges’ Bibliothek von Babel, daß sich die verschiedenen Sprecher einer Sprache um „Klarheit und Ausdruck“ bemühen und bei diesem Versuch „neue Grammatiken und Wörter erschaffen“. (Vgl. Evans 2014, S.21) „Glücklicherweise“, so Evans, haben sich diese Sprecher – mit Blick auf das spätere Kapitel zur „Wortkunst“ (vgl. Evans 2014, S.278-310) kann man hier getrost hinzufügen: die Sänger und Rhapsoden – nicht an „Ludwig Wittgensteins berühmte(m) Rat“ (Evans 2013, S.21) gehalten und stattdessen geschwiegen.

Wo vom Streben nach ‚Klarheit‘ und ‚Ausdruck‘ die Rede ist, da ist etwas noch im Unklaren, in der Schwebe, das der Klärung und Formung bedarf. Wie aber formt man etwas noch Ungeformtes? Ist es überhaupt ungeformt? Oder liegt es vielleicht nur in einer anderen, nicht-sprachlichen Form vor und muß nun, zum Zweck der Mitteilung, in eine sprachliche Gestalt umgeformt werden? Und geht es hier wirklich nur um Mit-Teilung für andere? Geht es in der Mitteilung für und im Austausch mit anderen vielleicht nicht immer auch darum, sich selbst besser zu verstehen bzw. sich selbst überhaupt zu verstehen?

Evans ist durchaus sensibel für solche Fragen. Aber als Vergleichender Sprachwissenschaftler bewegt er sich dabei auf einer anderen Ebene. Es gehe in der Sprachwissenschaft darum, so Evans, „sich der Wirklichkeit durch die behutsame und gleichzeitig umfassende Untersuchung der verschiedenen Standpunkte, die uns jede Sprache zur Verfügung stellt, anzunähern, und dies unter Einbeziehung des Vermächtnisses, das Menschen über Jahrtausende in ihrem Versuch, die Wirklichkeit zu erfassen, durch die Ausprägung einer eigenen Sichtweise geschaffen haben.“ (Vgl. Evans 2014, S.67f.)

Evans verortet also die Innen-Außen-Differenz nicht in der Beziehung zwichen Sprecher und Sprache, sondern zwischen Sprache und Sprache. Jede Sprache nimmt im Verhältnis zu einer anderen Sprache eine Innen-Außen-Perspektive ein, wie Evans mit Verweis auf die Doktorarbeit (2006) von Felix Ameka, einem Sprecher der ghanaischen Sprache Ewe, festhält: „Er schließt mit der Beobachtung, dass jede Sichtweise essenziell, aber für sich genommen unzureichend ist, und zitiert dabei Mary Haas, die zu so vielen nordamerikanischen Sprachen gearbeitet hat: ‚Wir erhalten Einblick, indem wir von außen hineinsehen, aber auch, indem wir von innen hinaussehen.‘()“ (Evans 2014, S.336)

Daß wir mit dieser Perspektive, von Sprache zu Sprache, immer noch nicht beim einzelnen Sprecher und seiner inneren Beziehung zur Sprache angekommen sind, deutet sich in einer Bemerkung an, die Evans zu Beginn seines Kapitels zur sozialen Kognition in der Grammatik macht: „Dieses Kapitel beleuchtet die Unterschiedlichkeit der Sprachen aus einer anderen Perspektive und zeigt, warum es sich so anders anfühlt, ‚im Innern‘ einer anderen Sprache zu sein, und man tatsächlich mit jeder Sprache, die man lernt, ein neuer Mensch wird.“ (Evans 2014, S.115) – Hier verweist Evans tatsächlich direkt auf die subjektive Befindlichkeit des sprechenden Menschen, der dadurch, daß er eine neue Sprache lernt, auch ein neuer Mensch wird. Genau das ist der Kern dessen, was ich in diesem Blog immer als Expressivität bezeichne.

An einer anderen Stelle in Evans’ Buch wird deutlich, warum Evans dennoch die enorme Bedeutung der Expressivität für die Entwicklung der Sprache nicht zur Kenntnis nimmt. Die Dominanz des Informationsvermittlungskonzeptes lenkt seine Aufmerksamkeit in eine Richtung, in der die inneren Befindlichkeiten der sprechenden Menschen auf ‚Denken‘ reduziert werden. Aus der Perspektive des Informationsbegriffs ist es gleichgültig, ob jemand etwas wünscht, genießt, fürchtet oder haßt. Die Vielfalt der inneren Zustände sind allesamt nur Informationen, und diese Informationen haben keinen Bezug auf ihren fiktionalen oder sachhaltigen Charakter. Kurz: sie haben keine Innen-Außen-Differenz. Letztlich sind alle unsere inneren Vorgänge nur ‚Denken‘. Entsprechend versucht Evans vor allem das Verhältnis von Denken und Sprechen zu klären und übernimmt dabei eine interessante Formulierung des Psycholinguisten Dan Slobin; wir denken, um zu sprechen: „Egal, wie wir auch denken mögen – und wir können auf vielerlei Weise ohne Worte denken –, am Ende müssen wir es doch in Worte fassen, wenn wir es irgendjemandem mitteilen wollen.“ (Evans 2014, S.252)

In diesem Zitat wird noch einmal die expressive Tendenz im Verhältnis zwischen Sprecher und Sprache deutlich: wir denken nicht einfach nur so für uns vor uns hin, sondern wir sind existentiell darauf angewiesen, unser Denken in Worte zu fassen. Erst im Umweg über den anderen Menschen kommt unser Denken in uns ans Ziel. Deshalb ist Sprache rekursiv! Rekursivität ist ein unverzichtbares Moment von Expressivität.

Zugleich haben wir in diesem Zitat die Grenze zwischen Innen und Außen: es gibt ein inneres Denken, schon bevor wir sprechen! Es bewegt sich zwar immer an der Grenze zur äußeren Sprache entlang, aber es ist noch nicht sprachlich ausgeformt; es ist noch weitgehend intuitiv. Bevor wir in Worten sprechen, denken wir in Bildern.

Diese Grenze ist fundamental und wird durch unser Sprechen nicht aufgehoben. Wir bewegen uns auch, wenn wir sprechen, noch immer auf dieser Grenze zwischen Worten und Bildern, zwischen Außen und Innen. Deshalb greift hier das Informationsvermittlungskonzept nicht. Es werden nicht einfach Informationen in Worte und in Sprache verpackt und komprimiert. (Vgl. Evans 2014, S.53f.) Unser Sprechen wird immer auf spezifische Weise ungenau und unvollständig sein. Es wird deshalb immer in der Poesie und in der Literatur besser aufgehoben sein als in Formeln und in der Mathematik.

Statt also von einer Differenz zwischen Denken und Sprechen zu sprechen, sollten wir lieber von einer Differenz zwischen Meinen und Sagen sprechen. Das Wort ‚Meinen‘ umfaßt alle die inneren Vorgänge und Zustände, die mit dem Wort ‚Denken‘ auf einen einzigen Zustand nivelliert werden. Letztlich vertritt Evans sogar die Auffassung, daß man diesem ‚Denken‘ mit den „experimentellen Methoden der Psychologie“ auf die Spur kommen und es meßbar machen könne. (Vgl. Evans 2014, S.249f.) Damit aber wird dem ‚Denken‘ jeder expressive Drang ausgetrieben, und unsere inneren Zustände werden endgültig auf bloße Informationsvermittlung reduziert.

Alles das, wovon das Informationsvermittlungskonzept der Sprache abstrahiert, kommt aber trotzdem nochmal ausführlich in dem Kapitel zur „Wortkunst“ zu seinem Recht. (Vgl. Evans 2014, S.278-310) Hier geht es um genau die Sänger und Rhapsoden, die durch ihre individuelle Sprachfertigkeit die Sprache einer Gemeinschaft und eines Volkes weiterentwickeln, so wie Martin Luther mit seiner Bibelübersetzung die deutsche Sprache beeinflußt hat: „Koevolution beschränkt sich jedoch nicht auf das Wechselspiel zwischen Kultur und Genen. Im größeren Zusammenhang der Kultur gibt es auch verbundhafte Entwicklungen zwischen Sprache (gemeint ist hier nicht die ‚Sprache‘ als solche, sondern die individuelle Sprachkunst von Sängern, Rhapsoden und Dichtern – DZ) und dem Rest der Kultur ... Zum einen wird dabei das Verhältnis zwischen Sprache und gewohnheitsmäßig eingeschliffenen Denkmustern beleuchtet ..., zum anderen das zwischen gewöhnlicher ‚unbewusster Sprache‘ und bewahrtem ‚poetischem‘ Gebrauch von Sprache, durch den die am meisten geschätzten und bewegendsten Schöpfungen einzelner Kulturen hervorgebracht werden ...“ (Evans 2014, S.241)

Mit „Koevolution“ meint Evans sonst immer das wechselseitige Bedingungsverhältnis von kultureller und biologischer Phylogenese, also von „Kultur und Genen“. (Vgl. auch Evans 2014, S.237f., 240f.) In dieser Verhältnisbestimmung kommt die individuelle Ontogenese nicht vor. In dem Kapitel zur Wortkunst wird aber genau dieser individuelle Einfluß, also die Ontogenese, auf die Sprache thematisiert. Jetzt ist auch von „verbundhafte(n) Entwicklungen“ zwischen ‚Sprache‘ „und dem Rest der Kultur“ die Rede. Mit ‚Sprache‘ ist die Wortkunst gemeint und über die Wortkunst der Einfluß einzelner herausragender Persönlichkeiten auf eine Sprachgemeinschaft.

Mit diesen ‚Persönlichkeiten‘ thematisiert Evans auch wieder die inneren Befindlichkeiten: Es „müssen psychologische Indizien miteinbezogen werden, die uns Hinweise darauf geben, wie Menschen denken, wie Babys lernen und wofür sie sich interessieren, und auch Belege aus Dichtkunst und Musikwissenschaft, um zu verstehen, wie herausragende, schöpferische Persönlichkeiten etwas erschaffen und wie diese Schöpfungen dann in das System der Alltagssprache zurückgelangen.“ (Vgl. Evans 2014, S.241)

Aber damit beschränkt und fokussiert Evans trotz seiner Frage danach, „wie Menschen denken“ und „wie Babys lernen und wofür sie sich interessieren“, das Thema auf die Genies der Wortkunst. So entgeht ihm das, was Tomasello in seinem Buch zur „kulturellen Entwicklung des menschlichen Denkens“ (1999/2002) als „kreative Sprünge“ bezeichnet, die es schon kleinen Kindern ab dem fünften Lebensjahr ermöglichen, zwischen individuellem und kulturellem Denken hin und her zu springen. (Vgl. meinen Post vom 24.05.2011) Das damit gegebene innovative Potential gerade auch für die Weiterentwicklung von Sprache ist enorm und ist deshalb keineswegs auf gereifte und herausragende Persönlichkeiten der Dichtkunst beschränkt. Es ist wiederum Evans selbst, der auf dieses Faktum verweist, ohne es allerdings in seinem Konzept zur biologischen und kulturellen Koevolution zu berücksichtigen. Er vergleicht sprechenlernende Kinder mit „unachtsamen Schreibern“, die beim Abschreiben eines Textes Fehler machen: „Sie bilden die Sprache ihrer Eltern weniger exakt nach, und wenn sie dann einmal selbst Eltern sind, dann dient ihre Sprache als Muster für eine wiederum nicht originalgetreue Wiedergabe durch die nächste Generation.“ (Evans 2014, S.141)

Diese ‚Fehler‘ sind zwar in jeder Generation nur minimal, „aber sie summieren sich irgendwann, und zu manchen Zeiten erfolgt dann ein Umschlag (in eine neue Sprache – DZ).“ (Vgl. Evans 2014, S.143) – Auch hier ist es wieder bezeichnend, daß Evans das Sprechenlernen von kleinen Kindern als ‚fehlerhaft‘ beschreibt. Das entspricht dem Informationsvermittlungskonzept. Aus einer anderen Perspektive, um die es im folgenden Post zur Gestaltwahrnehmung gehen soll, haben wir es nicht mit ‚Fehlern‘ zu tun, sondern mit Kreativität, im Sinne von Tomasellos kreativen Sprüngen.

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