„...letztlich ist der Mensch, als Folge oder Krönung der Evolution, nur in der Totalität der Erde begreifbar.“ (Leroi-Gourhan, Hand und Wort, S.22)

Sonntag, 1. März 2026

Die Differenz im Gleichheitszeichen

Das Gleichheitszeichen in meiner Formel Ich = Du beinhaltet keine Identitätsbehauptung wie in der Logik oder in der Mathematik. Gleichheit ist nicht Selbigkeit. Wenn ich Zweierlei einander gleich setze, setze ich es gleichzeitig als verschieden voraus. Das Wort sagt lediglich eine spezifische Gleichheit hinsichtlich bestimmter Aspekte aus und bestätigt so zugleich die Gleichzeitigkeit von Gleichheit und Verschiedenheit.

Die Frage ist nur, wie sich Gleichheit und Verschiedenheit auf das Paar diesseits und jenseits des Gleichheitszeichens verteilen; was wir also als gleich meinen und was wir damit implizit als verschieden voraussetzen. Es gibt kategoriale Unterschiede hinsichtlich der Materialität der miteinander verglichenen Paare. Die grundlegende Differenz in der Verteilung von Gleichheit und Verschiedenheit ist die zwischen Dingen und Menschen.

Wo wir Dinge miteinander vergleichen, bezieht sich die Gleichheit auf ihre Funktionalität oder auf ihre ästhetische Qualität. Funktionalität und Ästhetik meinen nicht die Dinge für sich selbst, sondern beziehen sich wiederum auf die Menschen. Verschiedene Dinge können hinsichtlich ihrer materialen Eigenschaften für uns entweder funktional oder ästhetisch oder beides ‚gleich‛ bzw. ähnlich sein. Wo wir mit Menschen so verfahren, behandeln wir sie bloß als Dinge.

Wo wir Menschen als Menschen in eine Gleichheit zueinander setzen, im Sinne von Ich = Du, bezieht sich die Gleichheit auf ihre individuelle Einzigkeit und die Verschiedenheit auf ihre individuellen Eigenschaften. Verschiedene Menschen sind einander gleich, weil und insofern sie in ihren Eigenschaften verschieden sind. Das ist die Bedeutung des Gleichheitszeichens in Ich = Du.

Ähnliches gilt auf eine andere Weise für das Ungleichheitszeichen in Wir ≠ Ihr. Verschiedenen Gruppen zugehörige Menschen sind einander ungleich, weil und insofern sie in ihren Eigenschaften gleich sind. Denn diese Eigenschaften kennzeichnen sie als Gruppenzugehörige und nicht in ihrer Einzigkeit. Die Gruppenzugehörigkeit macht sie einander gleich. Daß sie aber verschiedenen Gruppen zugehören, macht sie einander verschieden.