„...letztlich ist der Mensch, als Folge oder Krönung der Evolution, nur in der Totalität der Erde begreifbar.“ (Leroi-Gourhan, Hand und Wort, S.22)

Sonntag, 1. März 2026

Die Schwachstelle im Herrn der Ringe


Lektürefrust


Da mir gerade die Lektüre von Hegel

‒ seine philosophische Attitüde, die stümperhafte Grammatik (insbesondere die grauenhafte Kommasetzung, die die Lektüre seiner „Wissenschaft der Logik“ zusätzlich unnötig erschwert) ‒,

und die Lektüre von Schopenhauer

‒ dem großen und wesentlich sprachgewandteren Hegelantagonisten, dessen „Parerga und Paralipomena“ ich zur Erholung von der Hegellektüre begleitend zu lesen begonnen habe ‒,

beide auf die Nerven gehen, der eine mehr, der andere weniger, machte ich eine Pause von diesen beiden Egomanen und las zur Erholung das erste und das zweite Kapitel im zweiten Buch des ersten Teils von Tolkiens „Der Herr der Ringe“ in der durchgesehenen und revidierten Fassung der Übersetzung von Margaret Carroux von 1993.

Zwei Monate


Seit langem beschäftigt mich der Widersinn, daß Frodo und seine Gefährten zwei Monate in Bruchtal rumhängen und sich erst auf den Weg nach Mordor machen, als der Winter beginnt. In dieser Zeit hatte der Feind alle Zeit der Welt, sich von dem vorübergehenden Verlust der Ringgeister zu erholen und sich auf den entscheidenden Schlag der freien Welt gegen ihn vorzubereiten.

Wären die neun Gefährten früher aufgebrochen, statt zwei Monate lang auf die nutzlosen Berichte der in alle Richtungen ausgesandten Kundschafter zu warten, wären ihnen viele wetterbedingte Rückschläge und Verluste und auch viele der mit den Kriegsvorbereitungen des Feindes verbundenen Gefahren erspart geblieben. Durch die Lektüre der zwei Kapitel wollte ich mein Gedächtnis auffrischen, um im Rahmen eines Blogposts auf Frodos durch mir unverständliche Umständlichkeiten verzögerten Aufbruch zu sprechen zu kommen.

Am 24. Oktober, morgens, wacht Frodo in Bruchtal auf. Nur allmählich, mit Hilfe von Gandalf, der an seinem Bett sitzend Wache hält, findet er sich in der Wirklichkeit wieder und rekonstruiert die seit seinem Zusammenbruch nach der Überquerung der Furt vergangenen Tage. Die von den Ringgeistern zugefügte Wunde ist geschlossen, der Arm verheilt.

Am 25. Oktober findet der geschichtsträchtige Rat unter Leitung des Halbelben Elrond statt, an dem Frodo, endgültig genesen, teilnimmt. Der Rat stellt entsprechend zu den neun Ringgeistern eine Gruppe von neun Gefährten zusammen, unter ihnen Frodo, die den Ringträger nach Mordor begleiten soll, wo der Ring im Feuer des Vulkans Orodruin vernichtet werden soll.

So weit, so gut. Bislang habe ich immer mit Begeisterung von Bilbos hundert­und­elfter Geburtstagsfeier und von der abenteuerlichen Fahrt der Hobbits nach Bruch­tal gelesen, und mit gleicher Hingabe folgte ich lesend der großen Wanderung gen Süden und Osten an den Hängen des Nebelgebirges und des Weißen Gebirges entlang nach Gondor und Mordor. Nur eben die zwei Monate dazwischen, der Rat von Elrond und der Aufbruch nach Süden, das erste und zweite Kapitel des zweiten Buches des ersten Teils der Trilogie, machten mir mit der Zeit immer mehr zu schaffen.

Zwei ganze Monate verweilen die Hobbits und die anderen Gefährten (mit Ausnahme Aragorns, der mit den Kundschaftern unterwegs ist) in Bruchtal. Der Herbst vergeht, der Winter bricht an. Und erst dann machen sich die neun Gefährten auf den Weg. Warum? Mit welcher Begründung? ‒ Frodo gilt als genesen und von seiner verheilten Wunde ist nicht mehr die Rede. Jede unvoreingenommene Leserin, jeder Leser, muß aus guten Gründen davon ausgehen, daß das für das Vorhaben der neun Gefährten vernünftigste Vorgehen darin bestünde, sich sofort und ohne weitere Versäumnisse auf den Weg zu machen.

Ein Grund ist das Wetter: eine Wanderung im Winter ist niemals eine gute Idee! Erst recht nicht bei einer Wanderung, von der das Schicksal von Mittelerde abhängt. Ein anderer Grund sind die Kriegsvorbereitungen des Feindes. Je weiter diese fortgeschritten sind, umso unzugänglicher wird das Ziel der Wanderung: der mitten in Mordor liegende Vulkan Orodruin. Und ein dritter Grund sind die Ringgeister. Durch die tödliche Flutwelle an der Furt sind die gefährlichsten Gegner der neun Gefährten, die Ringgeister, für eine gewisse Zeit außer Gefecht gesetzt. Dieser Vorteil wird durch den zweimonatigen Aufenthalt in Bruchtal zunichte gemacht.

Der Elb Galdor weist im Rat auf diesen Umstand hin: „Die Neun haben ihre Pferde eingebüßt, doch das ist nur ein Aufschub, bis sie neue und schnellere Rosse finden.“ (S.276)

Und was sind nun die Gründe, die den Rat veranlassen, eine andere Entscheidung zu treffen? Ein Grund, der in den Gesprächen der Gefährten u.a. von Bilbo und Gandalf immer wieder genannt wird, besteht darin, daß man sich erst Gewißheit über das Schicksal der Ringgeister verschaffen müsse. Zu diesem Zweck schickt der Rat Kundschafter aus, in alle Himmelsrichtungen, also auch in Regionen von Mittelerde, die mit dem Auftrag der neun Gefährten überhaupt nichts zu tun haben! Und Bilbo macht mit Unterstützung von Gandalf seinen Freunden klar, daß die Gefährten erst aufbrechen können, wenn alle Kundschafter mit ihren Berichten zurückgekehrt sind. Also auch die Berichte jener Kundschafter, die für die Gefährten völlig uninteressant sind. (Vgl. S.282f.)

Wenn Saruman mit im Rat gesessen und darauf hin gearbeitet hätte, die Vernichtung des Rings zu sabotieren, hätte er kaum zu einem besseren Ergebnis kommen können.

Und was sind nun die so sehnlichst erwarteten Ergebnisse, die die Kundschafter Ende Dezember von ihren Erkundungen zurückbringen? Man weiß es nicht. Niemand erfährt etwas. Die letzten Kundschafter, die nach Bruchtal zurückkehren, sind Elladan und Elrohir. „In ein fremdes Land“, heißt es, seien Elladan und Elrohir über den Silberlauf gelangt. Das ist mehrdeutig. Es könnte heißen, daß sie jenseits von Lorien in ferne Länder im Osten gelangten, oder es könnte heißen, daß sie nach Lorien gegangen sind, durch das der Silberlauf fließt, und dann wäre Lorien selbst das fremde Land, das sich gegenüber seiner Umwelt und seinen Nachbarn abgekapselt hat und deshalb der Welt ‚fremd‛ geworden ist. Im ersten Falle wäre das Wissen, das sie gesammelt haben, für die neun Gefährten, deren Reiseziel Mordor ist, nutzlos und man fragt sich, warum Elladan und Elrohir überhaupt auf Kundschaft gegangen sind und warum die neun Gefährten unnötigerweise auf ihre verspätete Rückkehr gewartet haben. Im zweiten Falle macht es keinen Sinn, daß sie ihr Wissen über Lorien nur Elrond preisgeben, denn für niemand wäre dieses Wissen wichtiger gewesen als für die neun Gefährten.

Die Berichte der Kundschafter werden folgendermaßen zusammengefaßt: „Drei der schwarzen Pferde hatte man sofort ertrunken an der überfluteten Furt gefunden. Auf den Felsen der Stromschnellen weiter unten waren dann die Lei­chen von fünf weiteren entdeckt worden und außerdem ein langer, schwarzer Mantel, der zerrissen und zerfetzt war. Von den Schwarzen Reitern war sonst keine Spur zu se­hen, und ihre Anwesenheit war nirgends spürbar. Sie schienen aus dem Norden ver­schwunden zu sein. ‚Über acht von den Neun weiß man wenigstens Bescheid‛, sagte Gandalf. ‚Es wäre voreilig, zu sicher zu sein, doch können wir, glaube ich, hoffen, daß die Ringgeister jetzt zerstreut sind und zu ihrem Herrn in Mordor zurückkehren mußten, so gut sie konnten, leer und gestaltlos. Wenn dem so ist, dann wird es einige Zeit dauern, bis sie die Jagd wieder aufnehmen können. Natürlich hat der Feind noch andere Diener, aber sie würden die ganze Strecke zu den Grenzen von Bruchtal zurücklegen müssen, ehe sie unsere Spur aufnehmen können. Und wenn wir vor­sichtig sind, wird sie schwer zu finden sein. Doch dürfen wir nicht länger säumen.‛“ (S.284f.)

Was also den wichtigsten Punkt betrifft, das Schicksal der Ringgeister, hätte es keiner langwierigen und gefährlichen Reisen in den Süden und Osten bedurft. Ohnehin wurden nach diesen ersten Funden an der Furt keine weiteren Erkenntnisse über die Ringgeister gewonnen. Es ist kaum zu glauben, aber anstatt sich bei Frodos Ankunft zwei Monate zuvor sofort an Bruchtals Grenzfluß nach den Überresten der Ringgeister umzusehen und sich noch am selben Tag darüber zu vergewissern, was von ihnen nach der Flutwelle übriggeblieben war, hat man zwei Monate lang auf die Berichte aus fernen Ländern gewartet! Und das sollte der Grund dafür sein, daß man die Kundschafter ausgeschickt hat?

Das Fehlen hundertprozentiger Gewißheit war jedenfalls kein vernünftiger Grund, um auf den ungeheuren Vorteil, den das zeitweise Ausfallen der Ringgeister für die Wanderung der Gefährten bedeutete, zu verzichten. Denn wie sich später zeigen wird: als die Gefährten sich den Grenzen von Mordor nähern, sind die Ringgeister längst wieder auf neuen Reittieren unterwegs und gefährlicher denn je.

Und was die Spione des Feindes betrifft: wären die Gefährten sofort aufgebrochen, ohne auf die Kundschafter zu warten, wären sie vor ihnen sicher gewesen. Denn dann wäre es für diese Spione vollends zu spät gewesen, ihre Spur wieder aufzunehmen.

Was bleibt noch an Erkenntnissen? Im dritten Kapitel zieht die Gemeinschaft der neun Gefährten in den Süden und durchquert, wie es dort heißt, ein leeres, wachsames Land, das einen trügerischen Frieden vortäuscht. Zwei Monate zuvor sind die Kundschafter hier unterwegs gewesen. Jetzt aber wird die Gemeinschaft von Wolfsrudeln angegriffen, von Schneestürmen auf dem Rothornpaß überrascht, um dann, nach gescheiterter Paßüberquerung, wieder von Kraken, Orks, Balrogs und Ringgeistern angegriffen und verfolgt zu werden.

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