Theodor W. Adorno: „Kants ‚Kritik der reinen Vernunft‛ (1959)“ (1995)
1. Mikrologie und Dialektik
2. Metaphysikkritik
3. Verdopplung der Welt
4. Erkenntnistheorie
5. Affektionen und Intentionen
6. Hiatus
7. transgenetisches Ich
In den letzten beiden Blogposts habe ich beschrieben, wie ein auf Letztbegründung ausgerichtetes, metaphysisches Erkenntnisinteresse zu einer Verdopplung der Welt führt. Adorno glaubte, dieses Erkenntnisinteresse mit dem Hinweis auf die Relativitätstheorie und die Quantentheorie rechtfertigen zu können, weil sie angeblich belegen, daß wir uns nicht mit den Grenzen unserer Anschauung bescheiden müssen.
Ich habe meinem Blog nicht umsonst den Titel „Erkenntnisethik“ gegeben. Ich habe zwar ähnlich wie die Erkenntnistheorie ein Interesse insbesondere am Verhältnis von Erkenntnis und Gegenstand, von Mensch und Welt, von Subjekt und Objekt. Aber mein Interesse ist vor allem ethischer Natur, also Erkenntnis-Ethik. Für dieses Interesse scheint mir die Phänomenologie eine geeignete Methode zu sein, allerdings unter der Voraussetzung des Verzichts auf Wesentlichkeit. Mich interessiert vor allem die intentionale Konstellation von Mensch und Welt und von Mensch und Mensch.
Zentrale Momente für eine nähere Bestimmung dieser Konstellation sind Sprache und Kommunikation. Allerdings hat mich die Kommunikationstheorie von Jürgen Habermas nie überzeugen können, weil sie eigentlich auch wieder erkenntnistheoretische Interessen bevorzugt. Es geht bei Habermas nicht so sehr um den Umgang zwischen Menschen und zwischen Mensch und Welt, als vielmehr um Konsensbildung im Dienste gesamtgesellschaftlicher Interessen, welcher Art auch immer. Sein Interesse an Kommunikation ist eher instrumentell als ethisch geprägt, also wie Objektivität durch Intersubjektivität ermöglicht und sichergestellt werden kann.
Adorno geht es einerseits um eine Überwindung der traditionellen Theorie, bleibt dabei aber auch dem erkenntnistheoretischen Interesse verpflichtet. Auch er stellt, wie Habermas, die Gesellschaft ins Zentrum und bestimmt das Verhältnis von gesellschaftlichem Wir und singulärem Ich zunächst als aporetisch: „Das Wir ist als Grundlage der Erkenntnistheorie nicht unmittelbar, sondern höchst vermittelt, dafür allerdings der Zufälligkeit enthoben; das Ich ist dafür in jedem einzelnen Fall unmittelbar, in jedem einzelnen Fall aber auch als Ansatzpunkt gegenüber jenem Wir zufällig, ‒ so daß diese beiden Ausgangsmodelle, isoliert genommen, als starre Modelle genommen, verhältnismäßig zufällig und problematisch bleiben.“ (Adorno 1995, S.260)
Damit greift Adorno einerseits auf Kants Antinomiendiskussion zurück ‒ zwei gegensätzliche Prinzipien werden in eine antinomische Beziehung zueinander gestellt ‒, andererseits macht sich Adorno nun daran, diese starre Isolierung, also ihre radikale Abgrenzung gegeneinander, aufzuheben und in eine Dialektik zu überführen. Das zeigt sich vor allem am „Begriff des Consensus“ (vgl. Adorno 1995, S.217ff.), der nicht von ungefähr an Habermasens Kommunikationstheorie erinnert. Adorno fingiert Kants Reaktion, hätte man ihn mit der Vorstellung eines allgemeingültigen Konsenses konfrontiert: „... dann würde Kant sich bekreuzigen“ und daß Kant ein „Horror“ ergreifen würde, denn, „wenn in der Tat Allgemeinheit vom Consensus sämtlicher Subjekte abhängig gemacht würde, dann wäre ja diese Allgemeinheit ihrerseits eine empirische Tatsache; sie hinge also ab bloß von der Beschaffenheit dieser empirischen Individuen, die darin zusammenstimmen“. (Vgl. Adorno 1955, S.217)
Ein solcher auf Konsens beruhender Allgemeinbegriff könne nämlich, so Adorno zufolge Kant, keine „gültige objektive Erkenntnis konstituieren“ (vgl. Adorno 1995, S.218), und damit wird auch schon klar, daß es Kant immer nur um Erkenntnistheorie geht und warum der eigentliche Grund für die Notwendigkeit von Allgemeinbegriffen, nämlich die Sprache als Mitteilung, hier keine Rolle spielt. Es geht Kant immer nur ums Denken und nicht ums Sprechen. Das Verhältnis von Allgemeinem und Besonderem liegt aber nicht etwa in einem erkenntnistheoretischen Prinzip der Subsumption des einen unter das andere, sondern allererst in der Differenz von meinen und sagen. Wenn wir etwas sagen, gebrauchen wir bloß (allgemeine) Wörter, meinen aber immer etwas Besonderes.
Wenn das Besondere ein konkreter Gegenstand ist, ist das kein Problem. Die Referenz auf den Gegenstand gelingt schon mit der einfachen Namensnennung, möglicherweise unterstützt durch eine Zeigegeste. Wollen wir aber Gefühle zum Ausdruck bringen, mißlingt die Referenz oft. Das allgemeine Wort scheitert am Besonderen, das wir meinen. Es scheitert am expressiven Moment der Sprache. Mit Erkenntnistheorie hat das nichts zu tun.
Auch Adorno verbleibt in seinen Kantvorlesungen im erkenntnistheoretischen Problembereich, was hier aber wohl eher an Kant liegt, als an ihm selbst. Wenn er aber Kants Beschränkung auf die Erkenntnistheorie kritisiert, dann verweist er nicht etwa auf die Problematik eines sprachlichen Allgemeinen, sondern mit dem Begriff des Consensus auf ein gesellschaftliches Allgemeines, weil es ja immer eine Pluralität von Subjekten sei, die sich auf ein Allgemeines einigen müsse, und er stellt die Frage nach dem konstitutiven Verhältnis zwischen einem gesellschaftlichen und einem singulären (empirischen) Subjekt:
„Dann steckt darin (nämlich im Allgemeinen) latent auch so etwas wie: daß in einem gewissen Sinn, den ich Sie richtig zu verstehen bitte, das Subjekt, das dahintersteht, eigentlich überhaupt ein gesellschaftliches und nicht bloß ein empirisches Subjekt ist; das heißt, daß die Formen, um die es sich hier handelt, nicht die Formen sind, die bei der Analyse eines je einzelnen, gegebenen Bewußtseins sich vorfinden, sondern daß die Formen selber ihre Allgemeinheit eben darin haben, daß sie die Formen aller Bewußtseine (wenn ich so sagen darf) sind, und daß denen gegenüber das einzelne Bewußtsein nur das Sekundäre ist.“ (Adorno 1995, S.218; erste Klammer von mir, zweite von Adorno)
Wo Adorno sonst immer sehr für eine Gleichursprünglichkeit aporetischer bzw. antinomischer Begriffe eintritt, darf es jetzt bezeichnenderweise so eine Gleichursprünglichkeit zwischen Gesellschaft und Individualität nicht geben. Statt also von der Kantischen Erkenntnistheorie zu einer Theorie der Sprache zu wechseln, in der einzelne (empirische) Sprecher interagieren, überspringt er diesen Einzelnen einfach als etwas bloß Sekundäres und kommt direkt zu einer Theorie der Gesellschaft, die jetzt, unter Umgehung des singulären Subjekts, das Subjekt sein soll, um das es eigentlich geht.
Meiner Meinung nach sind beide, Kant und Adorno, auf dem Holzweg. Kant, weil er auf ein transzendentales, von empirischen Einzelmeinungen unabhängiges Allgemeines besteht, dessen Geltung absolut ist, und Adorno, der ein wechselseitiges Konstitutionsverhältnis zwischen zwei sprechenden Einzelsubjekten ausblendet zugunsten eines übergeordneten Gesellschaftssubjekts. Ein solches Gesellschaftssubjekt verdoppelt ein weiteres Mal die Welt, weil es sich von einem singulären (empirischen) Subjekt absondert und sich ihm ‒ metaphysisch ‒ überordnet.
Natürlich ist es die Lebenswelt und damit auch die Gesellschaft, die es schon vor uns gab und in die wir hineinwachsen und in der wir sprechen lernen. Aber wenn wir zum ersten Mal auf emphatische Weise Ich sagen, mit sieben oder acht Jahren, und wenn wir dann mit der Pubertät, genauso emphatisch, zum ersten Mal Du sagen, hat das eine andere Qualität. Sich seiner selbst und später sich des anderen Menschen bewußt zu werden, verdanken wir nicht der Lebenswelt und somit auch nicht der Gesellschaft. Sich selbst als Individuum zu entdecken ist eine genuin subjektive Leistung. Davor waren wir Teil einer Herde. Was wir danach sein können, sind wir selbst.
Und natürlich ist es wiederum der Hiatus, das Herausfallen aus der Lebenswelt, der bzw. das uns, unabhängig vom Alter, jederzeit von der Gesellschaft emanzipiert. Deshalb kann es gar nicht die Gesellschaft sein, die Subjektivität in Form individueller Selbstbehauptung ermöglicht, weder in einer unter dem gesellschaftlichen Primat stehenden Wechselseitigkeit noch in einer gleichursprünglichen Wechselseitigkeit, wie sie Adorno in anderen Zusammenhängen vertritt. Selbstbehauptung ist immer auch ein Akt, und das schreibe ich hier wieder mit Adorno, gegen den kollektiven Zwang einer Gesellschaft.
Das also ist das Thema meiner Erkenntnisethik. Und von hier her ist auch mein Versuch motiviert, eine Wechselseitigkeitsbeziehung zwischen Zweien als eigenständige Sozialform von der Gesellschaftstheorie zu unterscheiden und zu begründen.
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