Donnerstag, 31. Januar 2013

Rupert Sheldrake, Der Wissenschaftswahn. Warum der Materialismus ausgedient hat, München 2012

1. Prolog
2. Evolution auf der Basis morphischer Resonanz
3. Der ‚Geist‘ in der Naturwissenschaft
4. Ganzheiten wie z.B. eine Welle
5. Die Metapher des Gravitationsfeldes
6. „Brauchen wir wirklich ein Gehirn?“
7. Rekursivität und Doppelblindverfahren
8. Eine zeitliche Anatomie des Körperleibs

In seinem Vorwort zum „Wissenschaftswahn“ („The Science Delusion“ (2012)) verweist Sheldrake über fünf Seiten ausführlich auf seine beachtliche Karriere. Die beeindruckende Liste wissenschaftlicher Leistungen, die Sheldrake aufführt und die sonst entweder von Festrednern zu runden Geburtstagen oder anderen feierlichen Anlässen vorgetragen oder im Anhang einer Bewerbung auf einen Lehrstuhl aufgeführt werden, könnte den Leser zu dem Verdacht veranlassen, daß er es hier mit einem eitlen, sich selbst ein wenig zu wichtig nehmenden Autor zu tun hat. Wenn man sich aber die breite Palette der Themen anschaut, zu denen Sheldrake in seinem Buch Stellung nimmt und zu denen u.a. auch die Parapsychologie gehört, wird einem klar, daß es sich eher um eine Selbstschutzmaßnahme handelt. Da hat jemand einerseits den Mut, sich am Rande des wissenschaftlichen Mainstreams zu bewegen, ist sich aber zugleich des Risikos für seine wissenschaftliche Reputation bewußt. Dem will Sheldrake gleich auf den ersten Seiten seines Buches einen Riegel vorschieben.

Daß Sheldrakes Hinweise auf seine naturwissenschaftliche Expertise nicht überflüssig sind, zeigt z.B. eine Rezension des Deutschlandfunks (vom 16.12.2012), die einerseits dem „ersten Teil des Buches“ für seine „lesenswerten“ Beschreibungen der aktuellen Sackgassen in der Forschung Anerkennung zollt und auch die „teils berechtigte(n) Fragen“ zur „Debatte über die Erklärungsmacht und die Grenzen der Naturwissenschaften“ als „bereichernd“ lobt, aber ansonsten beklagt, daß „die experimentellen Belege“ für Sheldrakes Thesen „dürftig sind“.

Was den ersten Teil des Buches betrifft, hätte ich schon gerne genauer gewußt, wie weit er sich nach Ansicht des Rezensenten eigentlich erstreckt und wo der zweite, weniger ernstzunehmende Teil des Buches beginnt. Ich vermute, daß vor allem das neunte Kapitel (S.303-339) zur Parapsychologie gemeint ist. Auch Sheldrakes Bezüge auf verschiedene religiöse Praktiken und mystische Erfahrungen werden den Rezensenten wohl eher amüsiert haben. In dieser Hinsicht kann auch ich Sheldrake eine gewisse unkritische Neigung, die Erklärungskraft seiner Thesen zu den morphogenetischen Feldern zu überdehnen, nicht absprechen. Aber Sheldrake hat das unbestreitbare Recht, die Reichweite seiner Thesen in vorsichtig formulierten Anfragen in alle Richtungen durchzureflektieren. Im Rahmen dessen jedenfalls, was sich experimentell belegen läßt, steht er – angesichts der ihm zur Verfügung stehenden Ressourcen – gar nicht mal so schlecht da.

Vor allem, wenn man ihn und seine morphogenetischen Felder mit anderen anerkannten Wissenschaftlern und Wissenschaftsrichtungen vergleicht. Man denke nur an die theoretische Physik mit ihren zehndimensionalen String-Theorien und elfdimensionalen M-Theorien, deren Basis ausschließlich auf mathematischen Formeln beruht und um deren experimentelle Belegbarkeit es weitaus schlechter steht als bei Sheldrakes morphogenetischen Feldern. Kosmologen wie Max Tegmark setzen sogar ganz naiv „mathematische Existenz“ und „physische Existenz“ gleich, „so dass alle mathematischen Strukturen auch physisch existieren müssen“. (Vgl. Sheldrake 2012, S.130) – Wozu also überhaupt noch experimentieren?

Das ist genau der Grund, warum ich mich entschied, in der gemeinsam mit Thomas Altfelix erstellten Graphik zu den Entwicklungslogiken (vgl. meinen Post vom 21.04.2010) die Ebene der kosmischen Evolution nicht mit aufzunehmen. Zu dieser Ebene schien mir angesichts des aktuellen Standes der Physik mit ihrem mathematischen Platonismus (vgl. Sheldrake 2012, S.119ff.) eine seriöse wissenschaftliche Bezugnahme nicht möglich zu sein.

Um unsere damalige Entscheidung gegen die Aufnahme einer kosmischen Evolutionsstufe zu veranschaulichen, habe ich mir die Graphik noch einmal vorgenommen und ergänzt. Daran wird deutlich, daß wir allen Evolutionsebenen – der biologischen, kulturellen und biographischen – ein Fundament zugeordnet haben, aus dem die jeweiligen Entwicklungsprozesse ihre Dynamik beziehen. Ins Zentrum dieser Evolutionsprozesse haben wir immer den Menschen gestellt, wobei die biologische Evolutionsebene des Menschen bis zur Entstehung des Lebens überhaupt zurückreichen sollte. Der ‚Mensch‘ bildet also das Telos der genannten drei Evolutionsebenen, nicht etwa weil wir davon ausgehen, daß die Evolution zwangsläufig auf ihn hat hinauslaufen müssen, sondern aus dem einfachen Grunde, weil wir als Menschen auf diese Evolution zurückblicken und uns nach ihrem Sinn für uns fragen.


Das Fundament der kosmischen Evolution – die ich in der aktualisierten Graphik in Klammern gesetzt habe – bildet nun nach Aussage der theoretischen Physiker nur noch die Mathematik. Sie ist auch nicht mehr in Worten ‚beschreibbar‘, wie die biologische Evolution – für die die Brauchbarkeit der Mathematik im Übergang von der Physik zur Biologie verschwindet bzw. nachläßt (vgl. Sheldrake 2012, S.196) –, sondern nur noch als mathematische Formel darstellbar. Sobald wir versuchen, unanschauliche Pseudophänomene wie den Urknall mit Worten zu beschreiben, finden wir uns in religiösen Erfahrungswelten wieder: „Dazu passt, dass Papst Pius XII. diese Theorie 1951, über fünfzehn Jahre vor ihrer allgemeinen Anerkennung in der Physik, in einer Ansprache vor der Pontifikalakademie der Wissenschaften ausdrücklich begrüßte ...“ (Sheldrake 2012, S.93)

Mathematik ist letztlich vor allem ein Produkt des menschlichen Bewußtseins. Ihre ‚Objektivität‘ besteht darin, von allem zu abstrahieren, was das menschliche Bewußtsein an sinnlichen Wahrnehmungen im Selbst- und Weltverhältnis beinhaltet. Sie ist also praktisch inhaltsleer und vielleicht deshalb so gut ‚anwendbar‘, insbesondere auf ebenfalls abstrakte, aus Kontexten herauslösbare, isolierte Phänomene. Im Unterschied zu den fremden Fundamenten, wie wir sie in der Graphik der biologischen, kulturellen und biographischen Evolution zuordnen, stellt sie letztlich nichts anderes dar als Projektionen eines bestimmten geistigen Zustands, – vor allem dort, wo sich die Bereiche ihrer ‚Anwendung‘ unserer sinnlichen Anschauung prinzipiell entziehen.

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