„...letztlich ist der Mensch, als Folge oder Krönung der Evolution, nur in der Totalität der Erde begreifbar.“ (Leroi-Gourhan, Hand und Wort, S.22)

Sonntag, 7. Juni 2015

Julian Jaynes, Der Ursprung des Bewußtseins, Reinbek bei Hamburg 1993 (1976)

(Einführung: Das Problem des Bewußtseins (S.9-30) – Erstes Buch: Bewußtsein, Geist, Gehirn und Seele (S.33-182) – Zweites Buch: Das Beweismaterial der Geschichte (S.185-381) – Drittes Buch: Gegenwart: Relikte der bikameralen Psyche in der modernen Welt (S.385-546))

5. Bikamerale Kulturen
6. Stimmverlust
7. Hiatus
8. Körperleib

Der bikamerale Mensch war Jaynes zufolge ein ‚Gewohnheitstier‘, das in einem „Globalsystem anhaltender Stimulierungswiderspiele zwischen den Polen ‚gefährlich‘ und ‚sicher‘, ‚angenehm‘ und ‚unangenehm‘“ lebte. (Vgl. Jaynes 1993, S.110) Seine Lebensgrundlage bildete also der Reflexbogen und deshalb entsprach er perfekt dem behavioristischen Weltbild. Jaynes zitiert ein dazu passendes sumerisches Sprichwort: „Handle unverzüglich, mach deinem Gott Vergnügen.“ – Und er kommentiert es wie folgt: „Denke nicht nach: laß keinen Zeit-Raum sein zwischen dem Hören deiner bikameralen Stimme und der Ausführung dessen, was sie dich tun heißt.“ (Vgl. Jaynes 1993, S.251)

Das ‚Denken‘ des bikameralen Menschen läuft also auf einer anderen, vorbewußten Ebene ab. Es entspricht dem, was Antonio Damasio „rasche Kognition“ nennt. (Vgl. Descartes’ Irrtum. Fühlen, Denken und das menschliche Gehirn, Berlin 5/2007, S.V) Bei Schizophrenen findet sich das in der Klage wieder, daß sie keine Zeit zum eigenen Denken finden, weil ihnen etwas in ihrem Inneren immer zuvorkommt: „Es ist nichts Ungewöhnliches, Patienten in bestimmten Stadien der Krankheit darüber klagen zu hören, daß die Stimmen ihre Gedanken aussprechen, bevor sie selber Zeit gehabt hätten, sie zu denken.“ (Jaynes 1993, S.504)

Es liegt also nahe, daß das, was wir bewußtes Denken nennen, ein eher mühsames und vergleichsweise ‚langweiliges‘ Geschäft ist, ein ‚Nachdenken‘ im Sinne eines unseren vorbewußten Denkprozessen Hinterher-Denkens. Das bewußte Denken bedarf der Unterbrechung des Reflexbogens, um seine Chance zu erhalten, des „Hiatus“, wie Plessner das nennt. (Vgl. meinen Post vom 24.10.2010) Jaynes spricht von der „profanisierenden Pause“ und meint mit Profanisierung wahrscheinlich das Verstummen der göttlichen Stimmen, das es dem subjektiven Bewußtsein erlaubt, selbst zu Wort zu kommen. (Vgl. Jaynes 1993, S.251) Diese ‚Pause‘ braucht aber einen „wirksame(n) Schutzschild“, der sie vor Ablenkung durch das umweltliche „Globalsystem anhaltender Stimulierungswiderspiele“ bewahrt. Mit anderen Worten: es bedarf „eines Analog-Raums mit einer Komponente namens ‚Ich‘“. (Vgl. ebenda)

Dabei kehrt Jaynes die Genese von Ich und Fremd-Ich um. In der Husserlschen Phänomenologie war immer die Fremdpsyche das Problem: woher weiß ich, daß der andere Mensch mir gegenüber ebenfalls ein Bewußtsein hat wie ich? In der bikameralen Welt konnten sich die Menschen schon deshalb diese Frage nicht stellen, weil es zu ihrer Welt zumeist keine Außenperspektive gab, was übrigens der Husserlschen Definition der Lebenswelt entspricht. Erst über den Handel in der Begegnung mit fremden Menschen konnte das Problem bewußt werden, daß die fremden Menschen die gleiche Welt ‚mit anderen Augen‘ sahen.

An dieser Stelle greift Jaynes zu einem verblüffenden Argument: nicht ich selbst bin mir von vornherein meiner selbst gewiß und übertrage diese Selbstgewißheit auf das fremde Bewußtsein. Es ist vielmehr umgekehrt: weil ich sehe, daß der fremde Mensch die gleiche Welt anders wahrnimmt als ich, muß er ein inneres Erleben haben, das sich von meiner Wahrnehmung unterscheidet: „Es wäre also möglich, daß der Einzelmensch, bevor er zu seinem eigenen inneren Selbst kam, dieses zuerst unbewußt in anderen Menschen, vor allem in Fremden, als die Ursache ihres andersartigen und bestürzenden Verhaltens voraussetzte. Mit anderen Worten: Die philosophische Tradition, für die die Erkenntnis des Fremdpsychischen in einer Logik des Schließens von der eigenen Subjektivität auf die Subjektivität anderer gründet, stellt die tatsächlichen Verhältnisse auf den Kopf.“ (Jaynes 1993, S.267)

Wir entdecken also unser eigenes Bewußtsein in dem Moment, wo es sich am Bewußtsein des fremden Menschen ‚bricht‘; wo also unsere Wahrnehmungsroutinen durch die Begegnung mit fremden Menschen aufgebrochen werden. Auch das wäre ein Hiatus im Plessnerschen Sinne.

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Samstag, 6. Juni 2015

Julian Jaynes, Der Ursprung des Bewußtseins, Reinbek bei Hamburg 1993 (1976)

(Einführung: Das Problem des Bewußtseins (S.9-30) – Erstes Buch: Bewußtsein, Geist, Gehirn und Seele (S.33-182) – Zweites Buch: Das Beweismaterial der Geschichte (S.185-381) – Drittes Buch: Gegenwart: Relikte der bikameralen Psyche in der modernen Welt (S.385-546))

5. Bikamerale Kulturen
6. Stimmverlust
7. Hiatus
8. Körperleib

In der Zeit zwischen 2000 und 1000 v.Chr. begannen die Stimmen der Götter allmählich zu verstummen. (Vgl. Jaynes 1993, S.243, 306, 533) Jaynes führt das einerseits auf von einem gewaltigen Vulkansausbruch auf der griechischen Insel Thera und durch große Kriege ausgelöste Völkerwanderungen zurück, die ein solches soziales Chaos anrichteten, daß die Stimmen des bikameralen Menschen nicht damit fertig wurden (vgl. Jaynes 1993, S.257f. uns S.261ff.), und auf die Erfindung der Schrift um 2500 v.Chr. (vgl. Jaynes 1993, S.332). Die Schrift war notwendig geworden, weil die bikamerale Kultur überall dort an ihre Grenze gekommen war, wo die städtischen Zivilisationen wie in Ägypten und in Assyrien zu Großreichen angewachsen waren: „Und in der Tat meine ich, daß sich hier (in Memphis um 2100 v.Chr. – DZ) die Schwachstelle der bikameralen Psyche zeigte, ihre Unzulänglichkeit angesichts wachsender Komplexität, und daß ein solch vollständiger Zusammenbruch politischer Machtstrukturen nur daraus zu erklären ist.“ (Jaynes 1993, S.243)

Es gibt Jaynes zufolge historische, bis in die Zeit um 1000 v.Chr. zurückreichende Schriftquellen, die den Übergang von der bikameralen Kultur zum subjektiven Bewußtsein dokumentieren. Zu diesen Quellen zählt Jaynes die Ilias und die Odyssee und die Schriften des Alten Testamentes. Die von Ereignissen um 1200 v.Chr. berichtende Ilias (vgl. Jaynes 1993, S.100) handelt noch von durch und durch bikameralen Menschen, während Odysseus der erste Held der Menschheitsgeschichte ist, der in einem Epos mit einem subjektiven Bewußtsein ausgestattet wird. Die erste Niederschrift der Ilias erfolgte um 900 v.Chr. (vgl. Jaynes 1993, S.90), die der Odyssee etwa hundert Jahre später (vgl. Jaynes 1993, S.331).

Die „Helden der ‚Ilias‘“, so Jaynes, „überlegen nicht, was als nächstes zu tun sei. Sie haben kein Bewußtsein in dem Sinn, wie wir das von uns sagen, und auf gar keinen Fall verfügen sie über die Gabe der Introspektion. Für uns mit unserer Subjektivität ist es unmöglich nachzuempfinden, wie das ist. ... Stets ist es ein Gott, der die Heere in die Schlacht führt, der in kritischen Momenten zu den einzelnen Kriegern spricht, der Hektor vorschlägt und ihn lehrt, was er tun soll, der die Krieger antreibt oder ihre Niederlage bewirkt, indem er einen lähmenden Bann auf sie legt oder ihr Gesichtsfeld vernebelt. ... Kurzum, die Götter spielen die Rolle des Bewußtseins.“ (Jaynes 1993, S.94f.)

So etwas wie bewußte Täuschung, Hinterlist und Betrug kennen die Helden der Ilias nicht. Mit diesen Fähigkeiten wird erst Odysseus ausgestattet. Die Odyssee, so Jaynes, „ist das Epos des gewundenen Wegs zum Ziel. Ihr Thema ist die ‚Verschlagenheit‘: Sie wird hier entdeckt, erfunden und gefeiert.“ (Jaynes 1993, S.332)

Bemerkenswert an diesen zwei Epen ist Jaynes zufolge insbesondere, daß sie nicht von einem einzelnen Autoren verfaßt wurden, der alle Charaktere und Handlungsverläufe bewußt geplant und ausgeführt hätte. Jaynes glaubt nicht an einen einzelnen Autor namens Homer. (Vgl. Jaynes 1993, S.100) Die Autoren bzw. ‚aoidoi‘, wie Jaynes sie nennt, waren vielmehr noch bikameral geprägt. Umso erstaunlicher sei es, daß sie in der Lage gewesen waren, anhand von Odysseus’ Abenteuern eine ihnen unbekannte Bewußtseinsverfassung vorwegzunehmen: „Ich meine nämlich – und muß mich anstrengen, mir selbst zu glauben –, daß diese ganze Sagengeschichte mit ihrer gründlich durchkomponierten Anlage, in der sich unverkennbar die metaphorische Abbildung des gewaltigen Umschwungs zum Bewußtsein entdecken läßt, weder in ihren Einzelelementen verfaßt noch im Großen geplant und kompiliert wurde von Dichtern, die sich ihres Tuns bewußt gewesen wären. Es ist, als hätte sich die Gott-Komponente dem Bewußtseinszustand genähert, die rechte Hemisphäre früher als die linke. ... Wie kann ein Epos, das in sich selbst vielleicht eine Art Impulsgeber für das Bewußtsein war, von nichtbewußten Menschen verfaßt worden sein?“ (Jaynes 1993, S.337)

Wenn man aber Jaynes’ eigene Ausführungen zur rechten Gehirnhemisphäre heranzieht, so ist diese bikamerale Leistung doch nicht so ungewöhnlich, wie Jaynes an dieser Stelle meint. Schließlich liegt die Stärke der rechten Hemisphäre ja gerade in der Gestaltwahrnehmung und im Erkennen von Sinnzusammenhängen, weshalb sie ja auch lange Zeit so ein guter und verläßlicher Ratgeber des bikameralen Menschen gewesen ist. Da ist es eigentlich sogar naheliegend, daß die damaligen Menschen auf noch unbewußte Weise ahnten, was auf sie zukam und welche Veränderungen in ihrer Lebensführung notwendig werden würden. Wo die Grenzen solcher vagen Intuitionen liegen, ist schwer zu sagen. Aber möglicherweise bildet die Odyssee ja tatsächlich eine Form des Abschieds der göttlichen Stimmen aus dem Lebensalltag des Menschen.

Mit der Einführung der Schrift wurden die göttlichen Stimmen also allmählich überflüssig. Anweisungen und Gesetze konnten nun in schriftlicher Form festgehalten und abgelesen werden, ohne daß die Menschen Stimmen halluzinieren mußten, die ihnen sagten, was sie zu tun hatten. Dabei dürfte in der Übergangsphase das Lesen selbst noch mit dem Halluzinieren einer Stimme einhergegangen sein: „Lesen dürfte also im dritten Jahrtausend v.Chr. eine Sache des Hörens der Keilschrift gewesen sein, das heißt des Halluzinierens gesprochener Rede beim Betrachten ihrer Bild-Symbole, ungleich dem visuellen Lesen von Silben nach unserer Art.“ (Jaynes 1993, S.224)

In einer solchen Übergangsphase wurden auch die Gesetzestexte von Hammurabis (um 1750 v.Chr.) verfaßt. Überliefert ist der Codex Hammurabis auf einer Stele. Dazu gehört ein Relief, das Hammurabis stehend vor seinem Gott Marduk zeigt. (Vgl. Jaynes 1993, S.245) Dieses Relief sagt einiges über das Verhältnis des bikameralen Menschen zu seinen Göttern aus: „Zum Großartigsten dieser Szene gehört die trancegleiche Unerschütterlichkeit, mit der Gott und Intendant (‚Verwalter‘, also Hammurabis – DZ), beide gleichermaßen majestätisch ruhig, die Blicke ineinandersenken ... Noch nichts ist hier zu finden von den Selbstdemütigungen, der bettlerischen Haltung im Angesicht eines Gottes, wie sie nur wenige Jahrhunderte später in Erscheinung treten.“ (Jaynes 1993, S.246)

Was auf dieser Stele als Relief dargestellt wird, ist zugleich im Keim schon durch die ebenfalls auf dieser Stele schriftlich festgehaltenen Gesetze  bedroht: „Um 2100 v.Chr. begann man in Ur damit, die Urteilssprüche, die die Götter durch den Mund ihrer Statthalter kundgaben, schriftlich festzuhalten. Hier liegen die Anfänge der Idee des Rechts. Solche in Schriftform niedergelegten Urteile konnten räumlich gestreut werden und bewahrten Dauer in der Zeit ... Wir begegnen hier erstmals einem Verfahren der sozialen Kontrolle, das, wie wir im nachhinein feststellen können, binnen kurzem die bikamerale Psyche ablösen sollte.“ (Jaynes 1993, S.244f.)

Im ausgehenden vorletzten Jahrtausend v.Chr. beginnt in Assyrien eine Epoche der Gewalt- und Schreckensherrschaft, für die insbesondere der Großkönig Tiglat-Pileser I. (1115-1077 v.Chr.) steht: „Warum diese brutale Härte? Und dies zum erstenmal in der Geschichte der Zivilisation? Die einzige Erklärung liegt darin, daß die vorausgegangene Methode der sozialen Kontrolle vollständig zusammengebrochen sein mußte. Und diese Form der sozialen Kontrolle war die bikamerale Psyche. Eben diese Anwendung von Grausamkeit in dem Bemühen, eine Schreckensherrschaft aufzurichten, markiert nach meinem Dafürhalten den Übertritt zum subjektiven Bewußtsein.“ (Jaynes 1993, S.264)

Mit dem Entstehen des subjektiven Bewußtseins und der Schrift gingen dem Menschen die göttlichen Stimmen und die mit ihnen verbundenen Gewißheiten verloren. Die Schrift hatte nicht mehr dieselbe Gewalt über den Menschen wie die Stimme: „... sobald das Wort Gottes tonlos auf stummen Tontafeln oder schweigsamen Steinblöcken erschien, konnte man sich den göttlichen Befehlen oder den königlichen Anweisungen kraft eigener Anspannung zuwenden oder auch von ihnen abwenden ...“ (Jaynes 1993, S.256)

Mit dieser Abwendungsbewegung des Menschen von seinen Göttern entstand eine seltsame Ambivalenz in seiner psychischen Verfassung, die etwas mit dem zu tun hat, was ich in diesem Blog immer als ‚Seele‘ bezeichne. Ähnlich der sich gleichzeitig zeigen und verbergen wollenden Seele ging nämlich die Abwendung des Menschen von seinen Göttern mit dem Bedürfnis einher, sich diesen Göttern wieder zuzuwenden, weil die Menschen Sehnsucht nach der verlorengegangen Sicherheit hatten, die die Götter ihnen einst gegeben hatten. Zugleich wurde das Schweigen der Götter als eine Abwendung von und als ein sich Verbergen der Götter vor dem abtrünnigen Menschen empfunden. So entstand die Vorstellung von Gut und Böse und von Sünde, die der bikamerale Mensch noch nicht gekannt hatte: „... die Vorstellung von Gut und Böse, die Vorstellung von einem guten Menschen, von der Erlösung von Sünde und göttlicher Vergebung – dergleichen kam erst auf mit dem quälerischen Nachgrübeln über die Ursachen des Verstummens der göttlichen Führer.“ (Jaynes 1993, S.278)

Die Götter verbargen sich also vor dem suchenden Menschen, der sie ‚verraten‘ hatte, und es entstanden Kulte und Religionen, die an die Stelle der alten bikameralen Götter traten. Das Verstummen der Götter ist, so Jaynes, die „Geburtsstunde der modernen Religiosität“: „Noch wir selber vermögen uns in diesem psalmistischen Verlangen nach religiöser Gewißheit wiederzuerkennen, das seit der Zeit des Tukulti-Nimurta bis weit in das erste Jahrtausend v.Chr. die akkadische Literatur durchzieht.“ (Jaynes 1993, S.309)

Ein die fortwährende Unsicherheit des modernen Menschen kompensierendes ‚Relikt‘ der bikameralen Psyche bildet Jaynes zufolge u.a. die „Besessenheit“, die nicht mit der Schizophrenie verwechselt werden darf, sondern einen Bewußtseinszustand meint, in den Wahrsager und Propheten verfallen, wenn sie ihre Voraussagen und Prophezeiungen machen. Sie geht mit Bewußtseinsschwund einher, denn die betreffenden ‚Medien‘ wissen hinterher nicht, was sie gesagt oder getan haben. (Vgl. Jaynes 1993, S.415) Außerdem treten Orakel aller Art an die Stelle der bisherigen göttlichen Stimmen. Insbesondere die Los-Orakel erinnern an die heute noch beliebten Glücksspiele, wobei die Menschen in der Übergangsphase vor dreitausend Jahren und auch noch lange Zeit danach sich von uns heutigen Menschen dadurch unterschieden, daß sie nicht an Zufall glaubten. Das Werfen von Stäbchen oder Knochen, das Lesen aus den Eingeweiden von Tieren mußte in ihrer Vorstellung zwangsläufig zu verläßlichen Voraussagen über die Zukunft führen, weil alles kausal miteinander verknüpft und determiniert war: „Denn da es keinen Zufall gab, mußte das Resultat von den Göttern bewirkt sein, deren Absichten auf diese Weise offenbart wurden.“ (Jaynes 1993, S.293) – Auf diese Weise konnte man also die Götter zum Sprechen zwingen.

Dieser Glaube an umfassende Determination erinnert sehr an den Determinismus der modernen Naturwissenschaften. Auch Lévi-Strauss hatte auf diesen Zusammenhang in seinem Buch über „Das Wilde Denken“ hingewiesen. (Vgl. meinen Post vom 18.05.2013) Ganz ähnlich zieht Jaynes diese Parallele zwischen dem Bedürfnis des bikameralen Menschen und seiner ‚modernen‘ Nachfolger nach Sicherheit und Autorität und der heutigen Wissenschaft: „Auffällig wird diese Suche (nach den „verlorenen Direktiven“ – DZ) in der assyrischen Omenliteratur mit der ... die Wissenschaft anhebt. Nicht minder augenfällig wird sie ein bloßes halbes Jahrtausend später in der griechischen Kultur, wenn Pythagoras die entschwundenen Invarianten des Lebens in einer Theologie der göttlichen Zahlen und ihrer Relationen dingfest zu machen sucht und damit die Mathematik begründet. Und das geht ohne Wandel in den Motiven über zwei Jahrtausende hin weiter, bis Galilei die Mathematik als die Sprache Gottes bezeichnet und Pascal und Leibniz, das Stichwort aufnehmend, in der ehrfurchtgebietenden Ordnung der Mathematik die Stimme Gottes zu vernehmen meinen.“ (Jaynes 1993, S.530f.)

Wie schon erwähnt, bildet Jaynes zufolge auch das Alte Testament eine schriftliche Quelle, die den Übergang zwischen der bikameralen Kultur und dem modernen subjektiven Bewußtsein dokumentiert: „Die These, auf die wir uns in diesem Kapitel verpflichten wollen, besagt, daß diese herrliche Sammlung von Geschichten und Gedichten, Gelehrsamkeit und Beredsamkeit, Predigt und Poesie im groben Umriß nichts anderes darstellt als die Geschichte vom Verlust der bikameralen Psyche und ihrer Ersetzung durch die Subjektivität im Lauf des ersten Jahrtausends v.Chr.“ (Jaynes 1993, S.358f.)

Neben der in diesem Zusammenhang naheliegenden Geschichte vom Paradies (der bikameralen Epoche) und der Vertreibung aus ihr (vgl. Jaynes 1993, S.364) befaßt sich Jaynes insbesondere mit den Büchern „Amos“ und „Prediger Salomo“, die er auf das achte Jhdt. und auf das zweite Jhdt. v.Chr. datiert. Zu Amos hält Jaynes fest: „Wörter wie ‚Seele, ‚denken‘, ‚glauben‘, ‚verstehen‘ oder auch nur im entferntesten mit diesem verwandte Wörter gibt es im Buch Amos nicht. Amos erwägt niemals etwas in seinem Herzen: Dazu ist er nicht in der Lage, mehr noch: Er wüßte einfach nicht zu sagen, was das überhaupt ist. ... Sein Denken wird anderwärts für ihn erledigt.“ (Jaynes 1993, S.360f.)

Die Verfasser des Buches von Prediger Salomo verfügten hingegen schon über ein modernes subjektives Bewußtsein: „Man braucht ein Analogon ‚Ich‘, das einen Seelenraum überblickt, um so (wie Prediger Salomo – DZ) sehen zu können. Und in den berühmten Versen des 3. Kapitels: ‚Alles hat seine Zeit, und alles unter dem Himmel geht vorüber nach seiner Zeit ...‘ haben wir exakt die bewußtseinstypische Spatialisierung der Zeit, ihre lineare Projektion in den inneren Raum vor uns.“ (Jaynes 1993, S.361)

In dem erst spät in das Alte Testament eingegliederten, beim Säubern und Reinigen des Tempels in Jerusalem wiederentdeckten 5. Buch Moses findet Jaynes „die quälende Sehnsucht eines subjektiv bewußten Volkes nach der verlorenen Bikameralität“. Und er hält fest: „Nichts anderes ist Religion.“ (Jaynes 1993, S.362)

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Freitag, 5. Juni 2015

Julian Jaynes, Der Ursprung des Bewußtseins, Reinbek bei Hamburg 1993 (1976)

(Einführung: Das Problem des Bewußtseins (S.9-30) – Erstes Buch: Bewußtsein, Geist, Gehirn und Seele (S.33-182) – Zweites Buch: Das Beweismaterial der Geschichte (S.185-381) – Drittes Buch: Gegenwart: Relikte der bikameralen Psyche in der modernen Welt (S.385-546))

5. Bikamerale Kulturen
6. Stimmverlust
7. Hiatus
8. Körperleib

Der von Jaynes geprägte Begriff der bikameralen Psyche verweist auf die beiden Gehirnhälften, die die biologische Grundlage einer „Zwei-Kammer-Psyche“ bilden. Der mit so einer Psyche ausgestattete bikamerale Mensch hat kein eigenes Bewußtsein von sich und seiner Welt und läßt sich stattdessen von in der Regel aus seiner rechten Gehirnhälfte stammenden, vom wiederum in der Regel in der linken Gehirnhälfte befindlichen Wernicke-Zentrum verbalisierten ‚Stimmen‘ leiten: „Wollen, Planung und Handlungsanstoß kommen ohne irgendwelches Bewußtsein zustande und werden sodann dem Individuum fix und fertig in seiner vertrauten Sprache ‚mitgeteilt‘, manchmal allein in einem Stimmphänomen. Das Individuum gehorcht diesen Stimmen, weil es nicht ‚sieht‘, was es von sich aus tun könnte.“ (Jaynes 1993, S.98)

Die ‚Stimmen‘, die die bikameralen Menschen hören, sind für sie physisch so präsent und real wie die Stimmen ihrer realen Zeitgenossen. Sie erscheinen entweder bloß als unkörperliche Gehörshalluzinationen oder gemeinsam mit visuellen Halluzinationen entweder in Form von verstorbenen Verwandten oder in Gestalt männlicher oder weiblicher Götter. Solche individuellen Halluzinationen wurden auch in Form von Statuetten oder lebensgroßen oder überlebensgroßen Statuen der öffentlichen Anbetung durch eine Gemeinschaft zugänglich gemacht. Dabei war das „Standbild“ der Gott selbst und nicht einfach nur eine Abbildung von ihm. (Vgl. Jaynes 1993, S.221) Das unterscheidet die bikamerale Kultur des Neolithikums von der Übergangszeit zwischen dem vorletzten und dem letzten vorchristlichen Jahrtausend, wo solche Statuen und Altäre zunehmend zu „Halluzinationshilfen“ wurden, weil die Götter immer schweigsamer wurden und nicht mehr ohne weiteres von sich aus sprachen. (Vgl. Jaynes 1993, S.205)

Auslöser für die ‚Stimmen‘ war Streß. Der bikamerale Mensch war ein ‚Gewohnheitstier‘, dessen Leben nach festgelegten Mustern und Ritualen verlief. Sobald Störungen in seinem Lebensablauf auftraten, meldeten sich die Stimmen, die ihm sagten, was er jetzt zu tun habe: „Der einzig erforderliche Streß war der, der auftritt, wenn irgend etwas hinzutretend Neuartiges an einer Situation eine Verhaltensänderung notwendig macht. Alles, womit nicht auf habitueller Basis fertig zu werden war, jeder Konflikt zwischen Leistungsanforderung und Erschöpfungsgrad, zwischen Angriffs- und Fluchtmeldung, jede Wahl, wem man gehorchen und was man tun sollte, kurzum alles, was irgendeine Entscheidung erforderte, reichte aus, um eine Gehörshalluzination zu bewirken.“ (Jaynes 1993, S.120)

Durch das einfache Aufwachsen in einer bikameralen Kultur hatte sich in jedem Menschen auf individuell ontogenetischer Ebene ein reicher Erfahrungsschatz an Praktiken angesammelt, die es ihm ermöglichten, Problemsituationen zu bewältigen. Dieser Erfahrungsschatz, dieses lebensweltliche Wissen hatte (und hat auch heute noch) seinen Sitz in der rechten Gehirnhälfte, das Jaynes zufolge für Gestaltwahrnehmung und Sinnzusammenhänge zuständig ist. Auch heute noch liegt Jaynes zufolge eine „der heute residual noch verbliebenen Funktionen der rechten Hemisphäre im Organisatorischen ..., in der taxonomischen Gliederung der innerhalb einer Kultur anfallenden Erfahrungen und ihrer Integration zu einer figuralen Ganzheit, die dem Individuum ‚sagt‘, was es zu tun hat.“ (Jaynes 1993, S.149)

Die ‚Stimmen‘ des bikameralen Menschen sind mit erzieherischer Autorität ausgestattet: „Die Götter, so habe ich an früherer Stelle noch ein bißchen spekulativ gesagt, waren Amalgame aus erzieherischen Erfahrungen, Mischprodukte aus sämtlichen Befehlen, die dem Individuum je erteilt worden waren.“ (Jaynes 1993, S.136)

In diesem Sinne heißt ‚hören‘ beim bikameralen Menschen so viel wie ‚gehorchen‘. Die Autorität dieser Stimmen ist um so größer, als sie ohne Zwischenraum – es sei denn einem halluzinierten Zwischenraum – ertönen. Noch für uns heutige, moderne Menschen gehen die Worte unserer Mitmenschen uns um so mehr ‚unter die Haut‘, je geringer der Abstand des Sprechers zu uns ist. Wird ein Sicherheitsabstand überschritten, fühlen wir uns durch die Worte eines leibhaftigen Sprechers regelrecht bedroht. Um wieviel mehr, so Jaynes, muß die Gewalt von Worten empfunden worden sein, wo es wie bei den halluzinierten Stimmen keinerlei „räumliche(n) Fixpunkt“ gibt, „von dem die Stimme ausgeht: eine Stimme, der man nicht ausweichen, zu der man nicht auf Distanz gehen kann, die einem so nahe ist, ‚als wär’s ein Stück von mir‘, nämlich vom eigenen Ich ...“ (Vgl. Jaynes 1993, S.126) – „(D)ie Stimme hören“, bringt Jaynes die Befindlichkeit des bikameralen Menschen auf den Punkt, „hieß ihr gehorchen“, (Vgl. Jaynes 1993, S.127)

Ein eigentliches Zeiterleben im heutigen Sinne gab es Jaynes zufolge für den bikameralen Menschen nicht. Er lebte vom Aufstehen bis zum Schlafengehen in einem „Globalsystem anhaltender Stimulierungswiderspiele“ (vgl. Jaynes 1993, S.110): „Das Wissen des bikameralen Menschen war Verhaltenswissen, ein Reagieren auf die Hinweisreize zum Aufstehen und Schlafengehen, für die Aussaat und für die Ernte: Hinweisreize, die so wichtig waren, daß sie – wie etwa in Stonehenge – zum Gegenstand kultischer Verehrung gemacht wurden und wahrscheinlich an und für sich schon halluzinogen wirkten. Für die Angehörigen einer Kultur, in der die Achtsamkeit auf derlei Hinweisreize von einem anderen Zeitgefühl abgelöst wurde, bedeutet die krankheitsbedingte Einbuße jenes Schemas der räumlichen Aufeinanderfolge soviel wie in eine mehr oder weniger zeitgemäße Welt hineinversetzt zu werden.“ (Jaynes 1993, S.515) – In einer ‚zeitgemäßen‘ Welt, also in unserer heutigen, würden diese bikameralen Menschen wahrscheinlich auf Schizophrenie diagnostiziert.

Die bikamerale Psyche war Jaynes zufolge eine Reaktion auf die zunehmende kulturelle Komplexität des Neolithikums mit seinen ersten durch die Landwirtschaft ermöglichten städtischen Zivilisationen: „Zivilisation ist die Kunst des menschlichen Zusammenlebens in Städten von solcher Größe, daß nicht mehr jeder jeden kennt. ... Wir haben die Hypothese aufgestellt, daß es die bikamerale Psyche war, die die sozialorganisatorischen Rahmenbedingungen dafür schuf.“ (Jaynes 1993, S.185)

Es waren Jaynes zufolge die ‚Stimmen‘, die dazu beitrugen, daß die Menschen im Rahmen einer immer komplexer werdenden Arbeitsteilung bei der Stange gehalten wurden und nicht einfach bei ersten Ermüdungserscheinungen den Krempel hinschmissen, um sich irgendwo in den Schatten zu legen und sich ein Nickerchen zu gönnen. Wenn etwa ein bikameraler Mensch von seinem Clanchef die Aufgabe erhielt, ein Fischwehr anzulegen – und der Clanchef darüberhinaus selbst einen Bestandteil der inneren Stimmen dieses bikameralen Menschen bildete –, so begleitete ihn diese Stimme bei der Arbeit und drangsalierte ihn solange, bis er seine Arbeit erledigt hatte: „Ein Mensch des mittleren Pleistozäns würde sofort wieder vergessen haben, was er da zu tun im Begriff war. Doch der sprechende Mensch hätte seine Sprache, ihn daran zu erinnern: entweder indem er sich selbst das Kommando wiederholt – was einen Typ des Wollens voraussetzt, zu dem er meiner Meinung nach seinerzeit noch nicht in der Lage war – oder aber, wie es wahrscheinlich ist, vermittels wiederholter ‚innerer‘ Sprachhalluzination, die ihm sagt, was zu tun ist.“ (Jaynes 1993, S.169)

Diese Funktionsbestimmung der göttlichen Stimmen erinnert an die Zweitpersonalität, die Tomasello einer bestimmten Phase der Sprachevolution zuordnet. (Vgl. meine Posts vom 29.10. und vom 02.11.2014) Der Frühmensch vor etwa 400.000 Jahren organisierte Tomasello zufolge die  arbeitsteiligen Tätigkeiten bei der Großwildjagd über Ich-Du-Interaktionen, die noch frei waren von der dritte-Person-Perspektive einer komplexeren Sozialordnung. Ganz ähnlich haben wir es bei der bikameralen Psyche nicht etwa mit einer auf das individuelle Bewußtsein gerichteten komplexen sozialen Hierarchie zu tun, sondern mit vielen verschiedenen Ich-Du-Interaktionen zwischen dem bikameralen Menschen und seinen Göttern.

Diese Götter waren durchaus hierarchisch komplex organisiert. Es gab komplizierte Systeme von Privatgöttern bis hinauf zu kollektiven höherrangigen Gottheiten, die auch öffentlich in zentralen Gotteshäusern zur Schau gestellt wurden. (Vgl. Jaynes 1993, 226f. und S.255) Diese Gottheiten bildeten aber gegenüber dem bikameralen Menschen keine die Ich-Du-Perspektive überschreitende dritte Perspektive. Der bikamerale Mensch bedurfte dieser dritten Perspektive nicht, um in der sozialen Gemeinschaft zu funktionieren. Er mußte weder gesellschaftlich noch staatlich kontrolliert und beaufsichtigt werden. Es gab keine Polizei. (Vgl. Jaynes 1993, S.248) Polizei und staatliche Kontrolle gab es erst, als die bikamerale Kultur zusammenzubrechen begann: „In der bikameralen Epoche war die bikamerale Psyche die soziale Kontrolle – und nicht Schrecken oder Unterdrückung oder auch nur Gesetz und Recht. ... weil der bikamerale Mensch keinen inneren Raum hatte, in dem er hätte privat, also ‚für sich‘ sein können, und kein Analogon namens ‚Ich‘ ... Die Binnenbeziehungen in einem bikameral verfaßten Staatsgebilde waren daher höchstwahrscheinlich friedlicher und freundschaftlicher als in jeder anderen Zivilisation seither.“ (Jaynes 1993, S.252)

Deshalb ist Jaynes’ Vergleich der göttlichen Stimmen mit Freuds Überich irreführend. (Vgl. Jaynes 1993, S.97) Jenseits des Ich-Du zwischen dem bikameralen Menschen und seinen Göttern gab es keine dritte Perspektive bzw. kein Überich, dem er sich hätte unterwerfen müssen, weil er einfach keine Vorstellung davon hatte, was es überhaupt hätte bedeuten können, sich seinen Göttern zu widersetzen. Der bikamerale Mensch lebte mit seinen Mitmenschen und mit seinen Göttern in genau der moralfreien dyadischen Zweitpersonalität, wie sie Michael Tomasello dem Frühmenschen zuordnet.

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Donnerstag, 4. Juni 2015

Julian Jaynes, Der Ursprung des Bewußtseins, Reinbek bei Hamburg 1993 (1976)

(Einführung: Das Problem des Bewußtseins (S.9-30) – Erstes Buch: Bewußtsein, Geist, Gehirn und Seele (S.33-182) – Zweites Buch: Das Beweismaterial der Geschichte (S.185-381) – Drittes Buch: Gegenwart: Relikte der bikameralen Psyche in der modernen Welt (S.385-546))

2. Bewußtseinstheorien
3. Metaphern
4. Differenz von Innen und Außen

Die Differenz zwischen Innen und Außen bildet Jaynes zufolge ein unverzichtbares Moment eines jeden Bewußtseins. Mit dem Verlust dieser Differenz geht beim modernen, mit subjektivem Bewußtsein ausgestatteten Menschen eine schwere Geisteskrankheit einher: „Und wenn es (das Ich-Bewußtsein – DZ) dann, wie das in der Schizophrenie geschieht, zu schwinden und der Raum, in dem es zu Hause ist, einzustürzen beginnt – was für eine grauenhafte Erfahrung muß das sein!“ (Jaynes 1993, S.510)

Der Schizophrene befindet sich in derselben psychischen Verfassung wie der bikamerale Mensch. Er unterscheidet sich von diesem nur dadurch, daß er in einer Kultur lebt, die dieser psychischen Verfassung keine Anerkennung gewährt: „Im Ergebnis ist der Schizophrene eine schutzlos ihrer Umwelt preisgegebene Psyche, ein Lakai der Götter in einer entgötterten Welt.“ (Jaynes 1993, S.528)

So wichtig also die Konstitution eines Innenraums ist, eines Raums, in dem sich ein „Analogon unserer selbst“, ein ‚Ich‘ herausbilden kann (vgl. Jaynes 1993, S.510), so sehr betont Jaynes demgegenüber aber auch, daß wir es hier nicht mit einem realen physischen Ort, einem im Körper lokalisierbaren physiologischen „Gewebe“ (Jaynes 1993, S.61) zu tun haben: „Tatsächlich hat das Bewußtsein überhaupt keinen Ort außer dem, den wir ihm in unserer Vorstellung zuweisen.“ (S.62f.) – Das Bewußtsein entsteht allererst durch metaphorische Projektion. (Vgl. meinen gestrigen Post)

Die durch metaphorische Projektion auf den psychischen Innenraum übertragenen Raumeigenschaften (vgl. Jaynes 1993, S.74) verwandeln sich in eine Reihe von psychologischen Prädikaten. Die fundamentalste Eigenschaft, aus der sich die meisten anderen Prädikate ergeben, besteht in der Innenräumlichkeit selbst, die Jaynes auch als „Spatialisierung“ der menschlichen Psyche bezeichnet: „Eben dieser metaphorische ‚innere‘ Raum ist es, in den wir bei der Introspektion ... hineinblicken und den wir dabei fortwährend neu erzeugen und mit jedem Ding und jeder Relation, die wir neu ‚ins‘ Bewußtseins aufnehmen, ‚erweitern‘.“ (Jaynes 1993, S.79) – Der mit subjektivem Bewußtsein ausgestattete moderne Mensch setzt Jaynes zufolge „diese ‚Räume‘“ „umstandslos“ voraus: „Sie gehören zum ‚Bewußtsein haben‘ (im eigenen Fall) und zum (fraglos unterstellten) ‚Fremdbewußtsein‘ einfach mit dazu.“ (Jaynes 1993, S.80)

Unmittelbar verbunden mit dieser räumlichen Spatialisierung ist auch eine Spatialisierung der Zeit, die wir nach räumlichen Mustern strukturieren: „Es ist unmöglich – absolut unmöglich –, sich die Zeit vorzustellen, ohne sie zu verräumlichen.“ (Jaynes 1993, S.80) – Ohne Konstitution eines inneren psychischen Raums gibt es also kein Vorher und Nachher, keine Vergangenheit und keine Zukunft und keine Gegenwart.

Ebenfalls unmittelbar mit der Spatialisierung hängt die Möglichkeit eines „Ich (qua Analogon)“ zusammen, „das sich in unserer ‚Vorstellung‘ stellvertretend ‚frei bewegen‘ und dabei ‚tun‘ kann, was wir realiter nicht tun.“ (Jaynes 1993, S.83) – Während das analogische Ich also einen stellvertretend handelnden Agenten bzw. neudeutsch ein ‚Avatar‘ unseres Bewußtseins bildet, unterscheidet Jaynes davon noch ein „Ich (qua Metapher)“. (Vgl. ebenda) Damit ist im Unterschied zum Agenten eine Art Beobachtungs-Ich gemeint, über das wir reflektieren und urteilen können. Es ist eher ein Gegenstand von Meditationen als ein Subjekt von Handlungen.

Ein weiteres unmittelbar aus der Spatialisierung unserer Psyche hervorgehendes Moment des Bewußtseins bildet Jaynes zufolge die „Narrativierung“. Damit ist das gemeint, was die heutigen Psychologen als autobiographisches Ich bezeichnen: „Der Dieb narrativiert sein Handeln in einen Kausalzusammenhang mit der Armut, der Künstler mit der Schönheit, der Wissenschaftler mit der Wahrheit, wobei Ursache und Zweck unauflöslich mit eingeflochten sind in die Spatialisierung des Verhaltens im Bewußtsein.“ (Jaynes 1993, S.84)

Alle diese Merkmale des Bewußtseins hängen mit seiner Innenräumlichkeit zusammen und gehen mit deren Auflösung verloren: „Mit der Auflösung des ‚Ich‘-qua-Analogon und seines Seelenraums wird das Narrativieren zu einer Unmöglichkeit. Es ist, als ob alles, was im Zustand der Normalität narrativiert wurde, in Assoziationen auseinanderfalle, die wohl von irgendeiner allgemeinen Sache beherrscht sein können, jedoch in keinerlei Beziehung zu einem einheitsstiftenden begriffenen Zweck oder Ziel stehen, wie es bei der normalen Narrativierung der Fall ist.“ (Jaynes 1993, S.516)

Die anderen „Eigenschaften des Bewußtseins“ (Jaynes 1993, S.79), die Jaynes aufzählt, sind eigentlich seiner eigenen Definition nach keine Eigenschaften des Bewußtseins, sondern gehören auch zum bewußtlosen Verhaltensrepertoire von Tieren und des bikameralen Menschen. Bei diesen ‚Bewußtseinseigenschaften‘ handelt es sich um die Fähigkeit zur „Exzerpierung“ und zur „Kompatibilisierung“.

Mit der etwas umständlichen Formulierung „Exzerpierung“ ist letztlich nichts anderes gemeint als die Fähigkeit der Gestaltwahrnehmung, zu den wahrgenommenen sichtbaren Teilen eines Gegenstands die nichtsichtbaren Rückseiten dieses Gegenstands hinzuwahrzunehmen. Wir sehen die Dinge immer als Ganzes und nicht als Fragmente, weil wir in der Lage sind, die Teile stellvertretend für das Ganze zu nehmen: „Aus dem Ensemble der möglichen ‚Hinsichten‘ – der ‚Aspekte‘ einer Sache, die ipso facto Teilaspekte sind – greifen wir ein Stück heraus, ein ‚Exzerpt‘, das unser Wissen vom Ganzen in sich verkörpert.“ (Jaynes 1993, S.81)

Mit „Kompatibilisierung“ ist gemeint, daß wir unsere Wahrnehmungen den Kontexten und Situationen anpassen, in denen wir sie wahrnehmen. Wir können dieselben Gegenstände, Landschaften und Personen unter den verschiedensten Umständen und zu den verschiedensten Zeiten als dieselben wiedererkennen: „Das reale Urbild jenes Bewußtseinsmerkmals ist das schlichte Wiedererkennen, bei dem ein maßvoll mehrdeutiges Wahrnehmungsobjekt einem zuvor erworbenen Schema angeglichen wird ...“ (Jaynes 1993, S.85)

Exzerpierung und Kompatibilisierung bilden zugleich Momente der Narrativierung. Die narrativierende Sinnstiftung, mit der wir Handlungsverläufe nach Szenenabfolgen gliedern, entspricht der Gestaltwahrnehmung und bildet gewissermaßen das psychische Analogon zur physischen Außenwelt: „Die Kompatibilisierung setzt Einzelelemente zur Einheit eines Bewußtseinsgegenstands zusammen, genauso wie die Narrativierung Einzelelemente zur Einheit einer Geschichte zusammensetzt.“ (Jaynes 1993, S.85)

Aus der Narrativierung gehen letztlich alle Kulturleistungen hervor. Im Grunde sind sämtliche Kulturleistungen nichts anderes als Narrativierungen, und sie erhalten durch die Narrativierung zugleich immer schon eine normative Komponente: „Meine Vermutung geht dahin, daß die Narrativierung aus dem Bedürfnis entstand, die Ergebnisse zurückliegender politischer Entwicklungen zu normieren: Das Epos stattet den Bericht von den Ereignissen mit der normativen Kraft des Kodex aus.“ (Jaynes 1993, S.269)

Das normierende Potential der Narrativierung ist im Sicherheitsbedürfnis des subjektiven Bewußtseins begründet, das ein fortgesetztes Bestreben nach Selbstvergewisserung nach sich zieht. Deshalb ist die Lage des Schizophrenen, der der „Quellen der Sicherheit und der Narrativierungsfähigkeit beraubt“ ist und „von Halluzinationen heimgesucht“ wird, „die von den Menschen in seiner Umgebung als illegitim und irreal verworfen werden“ (vgl. Jaynes 1993, S.527), in einer auf subjektivem Bewußtsein basierenden Kultur so desolat. Er lebt einfach in der falschen Kultur und in der falschen Zeit.

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Mittwoch, 3. Juni 2015

Julian Jaynes, Der Ursprung des Bewußtseins, Reinbek bei Hamburg 1993 (1976)

(Einführung: Das Problem des Bewußtseins (S.9-30) – Erstes Buch: Bewußtsein, Geist, Gehirn und Seele (S.33-182) – Zweites Buch: Das Beweismaterial der Geschichte (S.185-381) – Drittes Buch: Gegenwart: Relikte der bikameralen Psyche in der modernen Welt (S.385-546))

2. Bewußtseinstheorien
3. Metaphern
4. Differenz von Innen und Außen

Julian Jaynes will die verschiedenen Bewußtseinstheorien sprachanalytisch nach ihren unterschiedlichen „Verwendungsweisen“ untersuchen, um so ihre Brauchbarkeit beurteilen zu können. (Vgl. Jaynes 1993, S.34) Mit dieser kritischen Funktion, in der der eigentliche Zweck der sprachanalytischen Methode besteht, läßt Jaynes es aber nicht bewenden. Er weist ihr auch die positive Funktion zu, zu klären, was Bewußtsein tatsächlich ist: nämlich ein Nebeneffekteffekt der sprachlichen Evolution. Die Entwicklung des Bewußtseins, so Jaynes, „kann nur nach der Entwicklung der Sprache stattgefunden haben.“ (Vgl. Jaynes 1993, S.89; vgl. auch S.87 und S.159)

Damit bewegt sich Jaynes zwar im Mainstream des das 20. Jhdt. prägenden linguistic turn, aber seine Position ist wie bei allen seinen in „Der Ursprung des Bewußtseins“ vertretenen Thesen doch gleichermaßen originell wie anregend. Anders als die Sprachanalytiker seiner Zeit legt Jaynes die Sprache nicht auf das Verwenden von Begriffen fest. Vielleicht hat das etwas damit zu tun, daß er den Ursprung des Bewußtseins auf die Zeit zwischen vier- und dreitausend Jahren vor heute in einer Phase des Übergangs von den bikameralen Menschen des Neolithikums – den „Natoufiens“, wie Jaynes sie auch nennt (vgl. Jaynes 1993, S.177) – zum modernen subjektiven Bewußtsein ansetzt. ‚Begriffe‘ sind traditionell derart mit einem rationalen Bewußtsein verknüpft, das sich seines Denkens bewußt ist, daß der Gebrauch von Begriffen immer schon ein Bewußtsein voraussetzt, wie auch umgekehrt ein Bewußtsein immer schon die Fähigkeit impliziert, über Begriffe zu verfügen. Wäre aber die Sprache immer schon wesensmäßig eine Begriffssprache, könnte das individuelle subjektive Bewußtsein nicht erst Jahrtausende nach dem Ursprung der Sprache, den Jaynes mit dem Neolithikum vor 12.000, frühestens aber vor 40.000 Jahren ansetzt (vgl. Jaynes 1993, S.163), aufdämmern.

Also führt Jaynes den Ursprung des  Bewußtseins nicht auf die Begriffssprache zurück, sondern auf die Verwendung von Metaphern. Unter ‚Metaphern‘ versteht er aber wiederum etwas anderes, als hier im Blog bislang von mir immer behauptet wurde. Ich verstehe unter Metaphern eine Überlagerung von mindestens zwei verschiedenen sprachlichen Bedeutungen, durch die eine neue Bedeutung geschaffen wird. Das vergleiche ich gerne mit Bildern. Reale Wahrnehmungen, Zeichnungen und Gemälde, Photographien haben mit sprachlichen Bildern gemeinsam, daß man sie auf verschiedene Weise fokussieren kann. Ich kann von einem gleichbleibenden Hintergrund verschiedene Vordergründe abheben. Metaphern sind also niemals eineindeutig, anders als Begriffe, denen man qua Definition eindeutige Bedeutungen zuweisen kann.

Ganz anders Jaynes: für ihn sind Metaphern tatsächlich eineindeutig. (Vgl. Jaynes 1993, S.76) Ihre Funktion erschöpft sich Jaynes zufolge ganz und gar nicht darin, sprachliche Bilder zu erzeugen. Vielmehr haben diese Bilder Verweisungscharakter. Metaphern sind nicht etwa expressiv, wie ich es immer behaupte, sondern referentiell. Sie verweisen auf einen neuen Gegenstand bzw. auf eine neue Bedeutung, die es vor der Erfindung einer Metapher so noch nicht gegeben hat. Metaphern schaffen neue Bedeutungen (vgl. Jaynes 1993, S.65f.) – darin gehen Jaynes und ich durchaus konform –, aber hinsichtlich dieser neuen Bedeutungen – und darin unterscheidet sich Jaynes’ Position von meiner – sind die Metaphern genauso referentiell wie irgendein anderes Wort oder irgendein anderer Begriff. Mit dieser Eineindeutigkeit von Metaphern schließt Jaynes die mit der Bildhaftigkeit von Metaphern verbundene individuelle Perspektivierbarkeit innerhalb eines weitergefaßten Bedeutungsspektrums aus. Im Grunde funktionieren bei ihm Metaphern wie Begriffe.

Diese Festlegung von Metaphern auf Referentialität und auf Eineindeutigkeit verleiht ihnen ein projektives Potential, das Jaynes zufolge für die Entstehung von Bewußtsein entscheidend ist. Einfache Metaphern wie „Schneedecke“ beziehen Bilder nur auf gegebene Situationen. Sie erschaffen zwar neue Bedeutungen, aber keine neuen Realitäten. So erschafft die Metapher der Schneedecke nur die Vorstellung – und verweist zugleich auf sie –, „daß die Erde unter der Schneedecke geborgen Winterschlaf hält, bis sie im Frühjahr wieder erwacht“. Das „steckt“, so Jaynes, in der einfachen „Verwendung der Wörter ‚Decke‘ und ‚einhüllen‘ für die Art und Weise, wie der Schnee sich zum Unterboden verhält“. (Vgl. Jaynes 1993, S.76)

Es gibt Jaynes zufolge aber darüberhinaus auch Metaphern, deren projektive Kraft nicht nur neue Bedeutungen, sondern auch neue Realitäten erschafft. Und dazu gehört das Bewußtsein. Um diese Funktionsweise von Metaphern zu erklären, entwickelt Jaynes eine originäre Theorie der Metapher, wie ich sie in dieser Form noch nirgendwo anders gelesen oder gehört habe.


Jaynes bezeichnet die Fähigkeit der Sprache, Metaphern zu bilden, als den „eigentliche(n) Wesensgrund der Sprache“. (Vgl. Jaynes 1993, S.64) Letztlich kann jedes Wort zur Metapher werden, wenn wir es aus seinem ursprünglichen Verwendungszusammenhang entfernen und eine neue Verwendung dafür finden. Indem wir es ‚zweckentfremden‘, wird es zur Metapher. Es nimmt gewissermaßen seine alte Bedeutung aus dem ursprünglichen Verwendungszusammenhang mit und schafft mit ihr im neuen Verwendungszusammenhang eine neue Bedeutung. So ist es auch mit dem Wort ‚sehen‘ geschehen. Ursprünglich eine Grundeigenschaft unseres Gesichtssinns kann es zu einer Metapher für eine Bewußtseinsleistung werden: „Wir ‚sehen‘ die Lösung eines Problems, die uns womöglich noch ‚glanzvoll‘ erscheint. Während wir dem einen Menschen ein ‚helles‘ Köpfchen zugestehen, scheint es bei anderen in dieser Hinsicht ‚düster‘ oder ‚trübe‘ auszusehen. Diese Ausdrücke sind samt und sonders Metaphern, und der Innenraum, auf den sie sich beziehen, ist eine Metapher des realen Raums.“ (Jaynes 1993, S.73f.)

In Anlehnung an die Operatoren in der Mathematik bezeichnet Jaynes das Verb ‚sehen‘ als einen Metaphorator, der sich auf einen Metaphoranden bezieht. (Vgl. Jaynes 1993, S.65f.) Der Metaphorand ist das Bewußtsein. Anders als bei der „Schneedecke“ bildet das Bewußtsein aber keine real vorhandene Situation, auf die sich die Metapher des Sehens bezieht. Diese Metapher erzeugt vielmehr allererst ihren Metaphoranden. Ohne ein Bewußtsein, das eine Lösung sehen kann, bzw. ohne ein Wort wie ‚sehen‘, das wir auf eine bestimmte Bewußtseinsleistung anwenden können, gäbe es das Bewußtsein nicht! – Die „metaphorische Relation“, so Jaynes, wird zur „Erzeugungsbedingung des Bewußtseins“. (Vgl. Jaynes 1993, S.75)

Die Metapher ‚sehen‘ ist aber nicht einfach nur irgendein Wort, das ich aus seinem ursprünglichen Verwendungszusammenhang entnehme. Wie schon angedeutet, folgt dieser Metapher ihre ursprüngliche Wortbedeutung, die nicht einfach nur in einer einfachen Fähigkeit, der Sehleistung, besteht. Dazu gehören auch alle möglichen Aspekte der Räumlichkeit und eben auch der Unterscheidung von Hintergründen und Vordergründen etc. Diese verschiedenen Aspekte des Sehens bezeichnet Jaynes als Paraphoratoren, die ebenfalls auf das Bewußtsein übertragen werden, so daß es selbst zu etwas Räumlichem wird, zu einem Innenraum. (Vgl. Jaynes 1993, S.74)

So entsteht auch die Differenz von Innen und Außen, von der Jaynes festhält, daß sie ein grundlegendes Moment jedes Bewußtseins bildet. Nur in einem Innenraum, getrennt von der Außenwelt, kann sich ein „Analogon unserer selbst“, ein Ich-Bewußtsein herausbilden: „... dieses Ding, das einzig uns in den Stand setzt, narrativierend die Lösungen für unsere persönlichen Entscheidungsprozesse zu finden und zu wissen, wohin wir uns bewegen und wer wir sind.“ (Jaynes 1993, S.510)

Um die Wirkungsweise von Metaphoratoren und Paraphoratoren, von Metaphoranden und Paraphoranden zu erklären, verwendet Jaynes wiederum eine Metapher, die zugleich auch nochmal verständlich macht, inwiefern Metaphern „eineindeutig“ sind. Jaynes’ zentrale Metapher für die Entstehung von Bewußtsein ist die Landkarte:
„Jedem Gebietssektor in der Natur entspricht ein Sektor auf der Karte, wenngleich das Gelände und die Karte aus völlig verschiedenen Materialien bestehen und die Merkmale des Geländes bei der Abgleichung völlig entfallen. Die Beziehung nun zwischen dem Analogon Landkarte und dem dazugehörigen Gelände ist metaphorischer Natur. Wenn ich auf einen Punkt auf der Landkarte zeige und sage: ‚Da ist der Montblanc, von Chamonix aus können wir die Ostwand auf diesem Weg erreichen‘, ist das eigentlich eine verkürzte Art zu sagen: ‚Die Beziehung zwischen dem als ‚Montblanc‘ bezeichneten Punkt und anderen Punkten auf der Karte ähneln den Verhältnissen in der Natur.‘“ (Jaynes 1993, S.72f.)
Die Beziehung zwischen der Landkarte und der Natur ist also metaphorisch. Jedem Punkt auf der Karte entspricht eineindeutig ein realer Punkt in der Landschaft. Auch hier haben wir es wieder mit realen Situationen und Gegebenheiten zu tun und nicht mit der Erschaffung neuer Realitäten wie dem Bewußtsein. Aber interessanterweise kann man die Landkarte und die Landschaft auf verschiedene Weise zueinander ins Verhältnis setzen. Ein Kartenzeichner und Landvermesser ist vor allem daran interessiert, reale Eigenschaften einer Landschaft auf die Karte zu übertragen. In diesem Fall fungiert die Landschaft als Metaphorator und die Karte als Metaphorand: der Blick geht von der Landschaft auf die Karte. Der normale Benutzer einer Landkarte hingegen versucht, die Zeichen auf der Karte mit örtlichen Gegebenheiten zu verbinden. In diesem Fall ist die Karte der Metaphorator und die Landschaft ist der Metaphorand: der Blick geht von der Karte auf die Landschaft. (Vgl. Jaynes 1993, S.78)

Ganz ähnlich wechseln die Projektionen im Bereich des Bewußtseins: „Das Bewußtsein ist der Metaphorand, wenn es von den Paraphoranden unserer sprachlichen Ausdrücke erzeugt wird. Aber das Bewußtsein in Funktion ist sozusagen die Reise in die Gegenrichtung: Es wird zum Metaphorator voll vergangener Erfahrungen, in fortwährender selektiver Operation mit Unbekannten befaßt ... Und wir verdanken es der vorgängig erzeugten Bewußtseinsstruktur, daß wir uns in der Welt zurechtfinden.“ (Jaynes 1993, S.79)

So wie das Bewußtsein durch die Metapher des Sehens erzeugt wird, so erzeugt nun wiederum umgekehrt das Bewußtsein seine Welt. Es wird vom Metaphoranden zum Metaphorator. Das Bewußtsein  überträgt seine Paraphoratoren, die Erfahrungen, auf die Außenwelt und macht sie zu deren Paraphoranden. Je nach dem, wie wir unsere Erfahrungen organisieren – nach Begriffen, Formeln, mathematischen Gesetzen oder nach Metaphern und Imaginationen – entstehen auf der einen Seite die Naturwissenschaften und die Technik, und auf der anderen Seite entstehen Literatur, Kunst und alle möglichen Arten kultureller Institutionen. Wir sehen die Welt und machen aus ihr immer jeweils das, was wir von ihr denken.

Jaynes’ referentielle Sicht auf die Metapher unterschlägt natürlich, wie weiter oben schon angedeutet, deren expressives Moment als Ausdruck seelischer Stimmungen. In diesem Blog habe ich diese Expressivität immer mit Plessners Beschreibung der Seele als einem Noli-me-tangere verknüpft. Die Seele ist dabei eine Form des Verhaltens auf der Grenze zwischen Innen und Außen. Sie will sich gleichzeitig zeigen und verbergen, und genau dieses Schwanken bezeichne ich mit Plessner als Seele.

Tatsächlich finden sich solche expressiven Aspekte auch bei Jaynes. So spekuliert er darüber, ob das wechselseitig hemmende Verhältnis zwischen der rechten und der linken Hemisphäre – überlassen wir uns unseren rechtsseitigen Intuitionen, stört das Bewußtsein; analysieren wir linksseitig rational-kritisch Begriffe, stören uns die rechtsseitigen Emotionen – vielleicht einen Hinweis auf „höhere() Geistesprozesse“ enthält, möglicherweise in dem Sinne, daß wir diese höheren Geistprozesse „als Resultanten aus der Gegenstrebigkeit der beiden Hemisphären“ verstehen können. (Vgl. Jaynes 1993, S.523) An dieser Stelle ist Jaynes nahe dran an einer expressiven Verhältnisbestimmung dessen, was ich in diesem Blog als ‚Seele‘ bezeichne.

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Dienstag, 2. Juni 2015

Julian Jaynes, Der Ursprung des Bewußtseins, Reinbek bei Hamburg 1993 (1976)

(Einführung: Das Problem des Bewußtseins (S.9-30) – Erstes Buch: Bewußtsein, Geist, Gehirn und Seele (S.33-182) – Zweites Buch: Das Beweismaterial der Geschichte (S.185-381) – Drittes Buch: Gegenwart: Relikte der bikameralen Psyche in der modernen Welt (S.385-546))

2. Bewußtseinstheorien
3. Metaphern
4. Differenz von Innen und Außen

Wenn Julian Jaynes den Bewußtseinsbegriff auf das bewußte Sein verengt und damit alles Vorbewußte und Unterbewußte ausschließt (vgl. Jaynes 1993, S.35), so nicht nur deshalb, um seine zentrale These zu stützen, daß es eine Phase der Kulturentwicklung gegeben hat, in der sich der Mensch seiner selbst und seiner Welt nicht bewußt gewesen war (vgl. Jaynes 1993, S.64, 109f.). Diese enge Definition liefert zugleich auch hilfreiche Argumente gegen bestimmte wissenschaftliche Richtungen, wie etwa der Behaviorismus und die Neurowissenschaften, die es sich zu ihrer vornehmsten Aufgabe gemacht haben, das Bewußtsein auf Physiologie zurückzuführen. Jaynes outet sich übrigens in diesem Zusammenhang selbst als ehemaligen Behavioristen. (Vgl. Jaynes 1993, S.26)

Jaynes widerlegt der Reihe nach die verschiedenen Bewußtseinstheorien, die sich einzelne Aspekte des Bewußtseins aus dem menschlichen Verhaltensspektrum herausfischen, um sie physiologisch zu lokalisieren. Diese Bewußtseinstheorien verstehen das Bewußtsein als retikuläres Aktivierungssystem (vgl. Jaynes 1993, S.27ff.), als Gedächtnis (vgl. Jaynes 1993, S.40ff.), als Lernen (vgl. Jaynes 1993, S.46ff.) und als Denken (vgl. Jaynes 1993, S.51ff.).

Das retikuläre Aktivierungssystem galt Ende der 1960er und Anfang der 1970er Jahre, als Jaynes sein Buch schrieb, in den Neurowissenschaften als der aussichtsreichste Kandidat für den Sitz des Bewußtseins: „Die Funktion der Formatio retikularis ist die eines unspezifischen Aktivierungssystems: Sie wirkt hemmend und erregend auf einzelne Nervenschaltkreise und steuert damit den Wachheitszustand des Individuums, was die Pioniere ihrer Erforschung veranlaßte, sie als ‚Wachhirn‘ zu bezeichnen.()“ (Jaynes 1993, S.28)

Jaynes wendet gegen diese neurowissenschaftliche Manie, Bewußtseinsphänomene auf Nervenfunktionen zurückzuführen, ein, daß alle scheinbar neurowissenschaftlich begründeten ‚Erkenntnisse‘ nur Ableitungen von Beobachtungen des menschlichen Verhaltens bilden. Tatsächlich müsse man allererst den Begriff des Bewußtseins klären, bevor neurowissenschaftliche Studien irgendeinen Sinn machen: „Wir müssen zunächst ganz oben beginnen, nämlich mit einem Begriff vom Bewußtsein, einem Begriff von Introspektion, der Selbstbeobachtung.“ (Jaynes 1993, S.30) – Vergleichbare Ermahnungen, die die neurowissenschaftlichen Aktivitäten bis heute begleiten, wurden, wie wir inzwischen wissen, von den betreffenden Forschern immer konsequent ignoriert. (Vgl. meinen Post vom 03.05.2015)

Dem Versuch, das Bewußtsein als Gedächtnisspeicher zu verstehen, hält Jaynes entgegen, daß das Gedächtnis ganz und gar nicht vom Bewußtsein kontrolliert wird: „Ich schätze, Sie werden staunen, wie wenig Sie sich von jenen vermeintlichen Bildern, die Sie aus soviel vorangegangenem aufmerksamem Erleben aufgespeichert haben, bewußt vergegenwärtigen können.“ (Jaynes 1993, S.41)

Oft wird dabei Gedächtnis mit Wiedererkennen gleichgesetzt. Nur weil wir problemlos schon bekannte Gesichter, Gegenstände und Situationen wiedererkennen können, heißt das noch lange nicht, daß das Gedächtnis unserer Kontrolle unterliegt: „Dies ist der – für Psychologen altvertraute – Unterschied zwischen Wiedererkennen und Erinnerung. Was Sie erinnern, das heißt bewußt ins Gedächtnis zurückrufen können, ist nur ein Fingerhut voll im Vergleich zu dem gewaltigen Ozean Ihres faktischen Wissens.“ (Jaynes 1993, S.41)

Der Aspekt des ‚Wiedererkennens‘ verweist übrigens auf eine Bewußtseinsfunktion – denn ich will hier weiterhin von ‚Bewußtsein‘ sprechen, auch wenn Jaynes diesen Aspekt aus dem Bewußtsein ausgliedert –, die ich im Rahmen dieses Blogs immer als Gestaltwahrnehmung bezeichne. Darauf werde ich gleich nochmal zu sprechen kommen.

Jaynes wendet sich auch gegen Versuche, das Bewußtsein als Lernen zu definieren. Das ist ein Verhaltensbereich, dem vor allem der Behaviorismus seine Aufmerksamkeit gewidmet hatte, – und auch heute noch widmet. Es ist erstaunlich, wie hartnäckig wissenschaftliche Ideologien überdauern können; ein Beleg dafür, wie wenig es der vielgerühmten scientific community gelingt, offensichtlich falsche Theorien aus ihrem ‚Wissensbestand‘ auszusortieren. ‚Lernen‘ wird dabei, so Jaynes, in drei verschiedene Typen untergegliedert: in „Signallernen“ (vgl .Jaynes 1993, S.46f.), in das Lernen von Geschicklichkeiten (vgl .Jaynes 1993, S.47ff.) und in das Erlernen von Verhaltensweisen und Gewohnheiten (operante Konditionierung (vgl .Jaynes 1993, S.49ff.)). Bei allen diesen Formen des Lernens weist Jaynes nach, daß hier der hauptsächliche Anteil des Lernprozesses außerhalb des Bewußtseins verläuft, ja, daß das Bewußtsein beim Lernen sogar hinderlich wirken kann: „Lassen Sie das Lernen geschehen, ohne sich seiner übermäßig bewußt zu sein, dann verläuft alles glatter und wirkungsvoller.“ (Jaynes 1993, S.49)

Dem letzten Zitat schließt sich eine interessante Bemerkung an. Jaynes konstatiert nüchtern, daß das unbewußte Lernen „manchmal sogar zu wirkungsvoll“ sei: „Denn bei komplizierteren Geschicklichkeiten wie dem Schreibmaschineschreiben kann man sich beispielsweise angewöhnen, ständig ‚dei‘ statt ‚die‘ zu tippen.“ (Jaynes 1993, 48) – Diese Bemerkung ist deshalb so interessant, weil wir schon bei John Locke gesehen haben, wieviel Wert er auf das Spaßlernen gelegt hatte. (Vgl. meinen Post vom 16.03.2012) Wenn das Kind beim Lernen Spaß hat, merkt es nicht, was der Pädagoge für Absichten mit ihm verfolgt. Sobald es nämlich merkt, so Locke, daß es das, was es gerne tut, lernen soll, wird es das nicht mehr tun wollen. Der Spaß ist vorbei. Mit anderen Worten: das Bewußtsein kommt ihm in die Quere.

Dasselbe gilt Jaynes zufolge auch für das Lernen als Problemlösen, also für eine scheinbar höchst kognitive Bewußtseinsleistung. Jaynes ist tatsächlich der Meinung, daß das Bewußtsein zum Denken nicht nötig sei. Und er hat gute Gründe für diese Ansicht. Diese Gründe liefert ihm die Gestaltwahrnehmung, wobei sich Jaynes insbesondere auf die sogenannte „Würzburger Schule“ zu Beginn des 20.Jhdts. beruft. (Vgl. Jaynes 1993, S.52f.) Eins ihrer Experimente zur Urteilsfindung besteht darin, daß Probanden zwei unterschiedlich schwere Gegenstände vorgelegt bekommen und sie entscheiden müssen, welcher der schwerere ist. Die Experimentatoren erhofften sich von ihren Experimenten, den Moment dingfest machen zu können, an dem die Probanden sich bewußt für einen der beiden Gegenstände entscheiden, also ein bewußtes Urteil fällen: „Die Versuchsperson wurde aufgefordert, zwei vor ihr stehende Gewichte emporzuheben und das schwerere von beiden vor den Versuchsleiter zu stellen, der ihr gegenüber saß. Und es war sowohl für den Versuchsleiter selbst als auch für seine hochgradig geschulten Versuchspersonen, die allesamt in der Selbstbeobachtung geübte Psychologen waren, eine verblüffende Entdeckung, daß der Prozeß des Urteilens als solcher nie bewußt war.“ (Jaynes 1993, S.53) – Anstatt durch Denken zu einem Urteil zu gelangen, wird den Probanden das Ergebnis „einfach fix und fertig irgendwoher aus dem Nervensystem“ geliefert. (Vgl. Jaynes 1993, S.52)

Jaynes verweist noch auf ein anderes Phänomen, das die Grenzen der Sprache betrifft, die aufgrund der engen Verknüpfung zwischen Sprache und Denken bei Jaynes zugleich Grenzen des Bewußtseins bilden. Dabei geht es um Vorgänge im Bereich der Gestaltwahrnehmung, die ich in diesem Blog immer auch gerne als Bildwahrnehmung bezeichne, die sich nur schwer und meist unzulänglich in Worte übersetzen lassen: „Schließlich fassen wir bei der Selbstbeobachtung immerzu etwas in Hunderte von Wörtern, was sich innerhalb weniger Sekunden zuträgt. (Was für eine erstaunliche Tatsache dies doch ist!)“ (Jaynes 1993, S.53)

Jaynes’ Anmerkung, daß wir es hier mit einer ‚erstaunlichen Tatsache‘ zu tun haben, möchte ich selbst gerne noch einmal mit dem Hinweis ergänzen, daß auch diese „Hunderte von Wörtern“ nur dann die inneren Vorgänge adäquat erfassen, wenn sie selbst wiederum ein sprachliches ‚Bild‘ ergeben, nämlich eine Metapher, die allein das Schwebende, Uneindeutige der inneren Vorgänge einzufangen vermag. Sonst reichen auch unendlich viele Wörter nicht aus.

Es gibt also ein Denken außerhalb des Bewußtseins; was natürlich nur dann gilt, wenn man Bewußtsein von vornherein auf bewußtes Sein einschränkt. Jaynes kommt zu der Feststellung, daß Bewußtsein für Denken und für das, was er als „natürliche Vernunft“ bezeichnet, nicht nötig ist. (Vgl. Jaynes 1993, S.57) Die natürliche Vernunft entspricht jenem Phänomen, das die Phänomenologen als „Lebenswelt“ bezeichnen. Aus ihr erhalten wir die Intuitionen für unser bewußtes Denken. Meistens ist dann der Großteil der Denkarbeit schon erledigt. Die Logik, mit der wir unser Denken begründen, wird immer erst im nachhinein angewandt: „Die Logik ist die Wissenschaft von der Begründung jener Schlüsse, zu denen wir mit Hilfe unserer natürlichen Vernunft gelangt sind, Meine These ist, daß das Bewußtsein für die natürliche Vernunfttätigkeit nicht benötigt wird. Der eigentliche Grund, warum wir die Logik überhaupt benötigen, ist der, daß das Schließen meistenteils ganz und gar nicht bewußt geschieht.“ (Janes 1993, S.57)

Mit Hilfe der Logik machen wir uns also die Gründe bewußt, die unseren Intuitionen schon zugrundelagen, bevor wir bewußt zu denken begannen. Bleibt nur noch zu ergänzen, daß es sich hier um den Sachverhalt handelt, den ich in diesem Blog immer als Verhältnis von Naivität und Kritik bezeichne.

Wozu also überhaupt noch Bewußtsein? Eine wichtige Funktion des Bewußtseins macht Jaynes am Begriff der „Struktion“ fest. Mit ihrer Hilfe steuern wir das automatische Denken, das sich unserer bewußten Kontrolle entzieht. Sie ist die bewußte Voraussetzung dafür, daß sich ein vorbewußtes Denken überhaupt vollziehen kann. Sie bildet eine Phase der bewußten Entscheidung, die noch vor dem eigentlichen Denkprozeß liegt: „Für diese Phase möchte ich die Bezeichnung ‚Struktion‘ einführen, die die Bedeutung sowohl von ‚Instruktion‘ als auch von ‚Konstruktion‘ in sich vereinen soll.() ... Wenn ich mir vornehme, an eine Eiche im Sommer zu denken, so ist dies eine Struktion, und was ich ‚denken an‘ nenne, ist im Grunde genommen eine Kette von Bildassoziationen, die aus einem unbekannten Meer an die Küste meines Bewußtseins gespült werden ...“ (Jaynes 1993, S.55)

‚Struktionen‘ gibt es in vielerlei Zusammenhängen. Wenn ein Leistungssportler sich auf einen Wettkampf vorbereitet, so visualisiert er vorher alle Bewegungsabläufe, um sich ‚mental‘ auf das Sportereignis einzustellen. Bobfahrer durchlaufen z.B. ‚in Gedanken‘ alle Aspekte der Bobbahn, die sie später hinuntersausen werden. Später, wenn sie in ihrem Schlitten sitzen, dürfen sie dann keinen bewußten Gedanken mehr an ihre Aufgabe verschwenden. Das würde die automatisierten Abläufe behindern oder sogar zum Sturz führen. Oder wir können beim Einschlafen unsere Gedanken bewußt auf bestimmte Momente des Tages fokussieren und auf diese Weise beeinflussen, was wir im Schlaf träumen werden. – Die Struktionen unseres Bewußtseins sind an die Stelle dessen getreten, was einmal die Götterstimmen geleistet haben. Nur in umgekehrter Richtung.

Und das gilt tatsächlich auch fürs Denken! Von mir selbst kann ich nur sagen: wenn ich beim Denken ins Stocken gerate und nicht mehr weiter weiß, ist es das Beste, mit dem ‚Denken‘ aufzuhören – nämlich mit dem bewußten Denken – und stattdessen irgendetwas anderes zu tun. Früher habe ich immer gerne gebügelt oder abgewaschen. Heute habe ich eine Spülmaschine, und ich trage keine Kleider mehr, die ich bügeln müßte. Es ist völlig egal, was man macht. Mir kommen einige meiner besten Ideen beim Fahrradfahren. Irgendetwas denkt weiter, wenn wir aufhören zu denken.

Dieses Weiterdenken in uns bildet tatsächlich ein „unbekanntes Meer“, aus dem die Eingebungen an die Küste unseres Bewußtseins gespült werden, wie Jaynes schreibt. Und natürlich handelt es sich dabei um eine Metapher, um ein sprachliches Bild, das die inneren Vorgänge besser beschreibt als es „Hunderte von Wörtern“ könnten.

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Montag, 1. Juni 2015

Julian Jaynes, Der Ursprung des Bewußtseins, Reinbek bei Hamburg 1993 (1976)

(Einführung: Das Problem des Bewußtseins (S.9-30) – Erstes Buch: Bewußtsein, Geist, Gehirn und Seele (S.33-182) – Zweites Buch: Das Beweismaterial der Geschichte (S.185-381) – Drittes Buch: Gegenwart: Relikte der bikameralen Psyche in der modernen Welt (S.385-546))

1. Zusammenfassung
2. Bewußtseinstheorien
3. Metaphern
4. Differenz von Innen und Außen
5. Bikamerale Kulturen
6. Stimmverlust
7. Hiatus
8. Körperleib
9. Verhältnis von Denken und Intuition

Das Buch von Julian Jaynes, „Der Ursprung des Bewußtseins“ (1993/1976), das ich jetzt in einer Folge von neun Posts besprechen möchte, ist ein Geschenk meines Gesprächspartners Georg Reischel. Er hatte mich vor einiger Zeit darauf aufmerksam gemacht und brachte es mir bei seinem letzten Besuch mit. Ich war sofort angetan von Jaynes’ umfassendem evolutionsanthropologischem Ansatz, den Ursprung des Bewußtseins auf jenen drei epistemischen Ebenen zurückzuverfolgen, die ich auch meinem Blog zugrundegelegt habe: der Biologie, der Kulturtheorie und der individuellen Ontogenese. Damit steht er in einer Reihe mit Denkern wie Helmuth Plessner und mit Forschern wie Michael Tomasello.

Was mich an Jaynes’ Ansatz interessiert, ist nicht so sehr, ob er objektiv richtig oder ‚wahr‘ ist, sondern Jaynes’ Bemühen, den biologischen und historischen Phänomenen der Bewußtwerdung des Menschen gerecht zu werden. Dieses Bemühen wiederum läßt sich nur vor dem Hintergrund der subjektiven Stimmigkeit individueller und persönlicher Erfahrungen beurteilen: also vor dem Hintergrund der individuellen Ontogenese des subjektiven Bewußtseins.

Ausgangspunkt der Jaynesschen Überlegungen ist die radikale Gleichsetzung von Bewußtsein mit bewußtem Sein, dem „Bewußtsein des Bewußtseins“. (Vgl. Jaynes 1993, S.33-64) Damit schließt er jene Bewußtseinsbereiche aus, die vorbewußt, unbewußt oder unterbewußt sind: „Das Bewußtsein macht einen sehr viel geringeren Teil unseres Seelenlebens aus, als uns bewußt ist – weil wir kein Bewußtsein davon haben, wovon wir kein Bewußtsein haben.“ (S.35; vgl. auch meinen Post vom 20.04.2012)

Es gibt also ein reichhaltiges, vielgestaltiges „Seelenleben“, das dem eigentlichen Bewußtsein vorausgeht und nicht zum Bewußtsein gehört. Diese axiomatische Vorentscheidung ist zunächst sprachanalytisch begründet. Wie bei Bennett/Hacker ist bei Jaynes das Bewußtsein ein Effekt der Sprache bzw. eines spezifischen Gebrauchs von Sprache. (Vgl. meinen Post vom 05.05.2015) Jaynes zufolge ist das Bewußtsein nichts anderes „als eine Analogwelt auf sprachlicher Basis“. (Vgl. Jaynes 1993, S.87) Darüberhinaus ermöglicht ihm diese axiomatische Vorentscheidung, eine Phase der Menschheitsentwicklung – die bikamerale Kultur – zu postulieren, in der die Menschen noch kein Bewußtsein hatten: „Wenn es richtig ist, was ich bisher gesagt habe, dann ist es auch durchaus möglich, daß zu irgendeiner Zeit einmal Menschen gelebt haben, die sprachen, urteilten, Schlüsse zogen und Probleme lösten, ja die so gut wie alles, was wir tun, zu tun vermochten, die aber nicht das geringste Bewußtsein besaßen.“ (Jaynes 1993, S.64)

Jaynes’ axiomatischer Ansatz – sprachanalytisches Vorgehen und Eingrenzung des Bewußtseins auf bewußtes Sein – führt zu einer verkürzten Evolutionsgeschichte von Sprache und Bewußtsein. Tomasello führt den Ursprung der Sprache auf einen vor etwa 400.000 Jahren lebenden Frühmenschen zurück. (Vgl. meinen Post vom 28.10.2014) Jaynes hingegen meint, den Beginn der Sprach- und Bewußtseinsentwicklung auf den Beginn des Neolithikums vor etwa 12.000 Jahren zurückführen zu können. (Vgl. Jaynes 1993, S.177) Vorher hatte es über viele Jahrhunderttausende und Jahrmillionen hinweg – die Steinzeit erstreckte sich über 2,5 Millionen Jahre (und inzwischen sollen sogar noch ältere Steinwerkzeuge gefunden worden sein, die noch weitere 700.000 Jahre zurückdatiert werden) – keinerlei Kulturentwicklung gegeben, was wie Jaynes meint, ein Ding der Unmöglichkeit sei, wenn diese Vormenschen schon über Sprache verfügt hätten: „Wenn die ersten Menschen am Anfang dieser zwei Millionen Jahre auch nur im Keim über eine Sprache verfügten – weswegen haben sie uns dann kaum Zeugnisse auch nur der einfachsten Kultur und Technik hinterlassen?“ (Jaynes 1993, S.163) – Interessant ist hier auch, daß Jaynes die Steinwerkzeuge nicht als eine Form von ‚Technik‘ in Betracht zieht.

Dieses Unvermögen, sich ein vorsprachliches Bewußtsein vorzustellen, ist typisch für den sprachanalytischen Ansatz.

Obwohl Jaynes also Sprache und Bewußtsein so eng miteinander verknüpft, ist ihm zufolge die etwa 8.000 Jahre umfassende bikamerale Kultur des neolithischen Menschen eine Kultur ohne Bewußtsein. Diese Menschen verfügten zwar schon über Sprache – denn sonst hätten sie, folgt man Jaynes, noch über keine Kultur wie Landwirtschaft und Seßhaftigkeit verfügt –, aber diese Sprache hatte noch kein Ich-Analogon mit einem inneren Seelenraum geschaffen, über den sich der Mensch gegenüber der Außenwelt so hätte positionieren können, daß er sich seiner selbst und der Welt hätte bewußt werden können. (Vgl. Jaynes 1993, S.516)

Anstatt selbst das Wort zu ergreifen, wie es selbstbewußte Menschen tun, hörten die bikameralen Menschen Stimmen. Sie hörten diese Stimmen so deutlich wie wir heutigen, modernen Menschen unsere physisch präsenten Mitmenschen hören, mit denen wir sprechen. Für die bikameralen Menschen waren die ‚inneren‘ Stimmen, die sie hörten, so real wie für uns unsere Mitmenschen. Für die bikameralen Menschen waren diese Stimmen die Götter, und da sie noch kein Bewußtsein von Innen und Außen hatten, waren die Götter für sie so real wie ihre Mitmenschen.

Mit Plessner könnte man auch sagen, daß die bikameralen Menschen nicht exzentrisch, sondern zentrisch positioniert waren. Um ein Bewußtsein von sich selbst und von der Welt zu haben, muß man sich am Rand der Welt befinden, in einem von der Welt getrennten Innenraum, der sich, so Jaynes, als sprachliche „Metapher des realen Raums“ konstituiert. (Vgl. Jaynes 1993, S.74) Dabei muß sich der exzentrisch positionierte Mensch seiner inneren Mitte stets aufs Neue vergewissern und sich in ihr ‚halten‘. So auch Jaynes: „Der Mensch mit Bewußtsein ist unablässig dabei, sich vermittels seiner Introspektion seines ‚Selbst‘ und seines Standorts in bezug auf seine Ziele sowie relativ zu seiner Gesamtsituation zu versichern.“ (Jaynes 1993, S.527) – Genau diese fortgesetzte Selbstvergewisserung ist das Bewußtsein.

Der bikamerale Mensch hingegen hat seine Mitte in den Stimmen der Götter, die er hört. Er ist ein ‚Gewohnheitstier‘, das im Rahmen eines globalen Reiz-Reaktionsmusters funktioniert. Jaynes spricht von einem „Globalsystem anhaltender Stimulierungswiderspiele“. (Vgl. Jaynes 1993, S.110) Treten Störungen auf und gerät dieses Globalsystem ins Wanken, erlebt der bikamerale Mensch Streß. Und Streß ist Jaynes zufolge der Auslöser dafür, daß die Götter zu ihm zu sprechen beginnen und ihm Anweisungen geben, was er zu tun hat: „Der einzig erforderliche Streß war der, der auftritt, wenn irgend etwas hinzutretend Neuartiges an einer Situation eine Verhaltensänderung notwendig macht. Alles, womit nicht auf habitueller Basis fertig zu werden war, jeder Konflikt zwischen Leistungsanforderung und Erschöpfungsgrad, zwischen Angriffs- und Fluchtmeldung, jede Wahl, wem man gehorchen und was man tun sollte, kurzum alles, was irgendeine Entscheidung erforderte, reichte aus, um eine Gehörshalluzination zu bewirken.“ (Jaynes 1993, S.120)

Der bikamerale Mensch dachte also niemals selbst nach, sondern er hatte seine Stimmen, die Stimmen der Götter, die für ihn dachten und ihm sagten, was er zu tan hatte. Sie waren mit unwiderstehlicher Autorität ausgestattet. Sie waren seine Mitte. Und weil sie, wie Jaynes behauptet, aus der rechten Gehirnhemisphäre kamen, kann man diese Mitte sogar lokal positionieren: im dem in der linken Hemisphäre befindlichen Wernicke-Zentrum gegenüberliegen Bereich der rechten Gehirnhälfte. (Vgl. Jaynes 1993, S.134) Das Wernicke-Zentrum ist das Sprachzentrum, während die entsprechenden Bereiche auf der rechten Seite ‚stumm‘ sind, dafür aber gut in Gestaltwahrnehmungen und in dem Erkennen von Sinnzusammenhängen sind. (Vgl. Jaynes 1993, S.148ff.) Es ist also das Wernicke-Zentrum, das den stummen Anweisungen der rechten Seite eine Stimme verleiht, die dem bikameralen Menschen, wortwörtlich, sagt, was er zu tun hat.

Jaynes argumentiert an dieser Stelle zwar neurobiologisch, aber er begeht dabei keineswegs den Fehler, Gehirnbereiche mit Bewußtseinsphänomenen gleichzusetzen. Wir kennen das als den von Bennett/Hacker beschriebenen mereologischen Fehlschluß. (Vgl. meinen Post vom 03.05.2015) Jaynes hebt ausdrücklich hervor, daß er sich nur einer metaphorischen Redeweise bedient, wenn er von ‚Stimmen‘ aus der rechten Gehirnhemisphäre spricht, die im Wernicke-Zentrum der linken Gehirnhemisphäre ‚gehört‘ werden. (Vgl. Jaynes 1993, S.134) Jaynes kommt mehrfach auf dieses Problem zurück und verwahrt sich dagegen, auf diese Weise mißverstanden zu werden. (Vgl. Jaynes 1993, S.131, 142f.) Dessen ungeachtet sind diese Stimmen für den bikameralen Menschen, wie schon erwähnt, keineswegs bloß metaphorisch oder fiktiv, sondern physische Realität.

Dennoch unterläuft auch Jaynes ein solcher mereologischer Fehlschluß. Jaynes glaubt, daß das rechte, dem linken Wernicke-Zentrum entsprechende Gehirnareal mit der linken Gehirnhälfte über die vordere Kommissur, einem dem ‚Balken‘ vorgelagerten Nervenstrang, kommuniziert. Diese kleinere Version des die beiden Gehirnhälften miteinander verbindenden Balkens ist „bedeutend weniger faserreich()“. (Vgl. Jaynes 1993, S.132) Jaynes fragt sich nun, wie die komplexen Informationen aus der rechten Gehirnhilfe, die im Wernicke-Zentrum zu ‚Stimmen‘ verbalisiert werden, es durch diesen engen Kanal hindurchschaffen. Er meint, daß es dazu eines besonderen neuronalen Codes bedarf, und glaubt, daß als solcher Code nur die menschliche Sprache selbst in Frage komme, weil sie der leistungsfähigste Code sei, den man sich vorstellen könne. (Vgl. Jaynes 1993, S.134) Dazu zeichnet Jaynes eine Graphik, in der die beiden Gehirnhälften durch einen hörrohrähnlichen Kanal miteinander verbunden sind, so als spräche die ‚Stimme‘ in der rechten Gehirnhälfte in dieses Hörrohr hinein und schickte so den ‚Schall‘ durch diesen Kanal hindurch zur anderen Seite. (Vgl. Jaynes 1993, S.133)

Diese Behauptung beinhaltet nicht nur einen logischen Widerspruch. Denn Jaynes zufolge ist die rechte Gehirnhälfte stumm. Sie kann zwar Sprache verstehen, aber selbst nicht ‚sprechen‘. Nur das Wernicke-Zentrum kann Sprache erzeugen. Deshalb ist die Vorstellung, daß die rechte Gehirnhälfte ihre Informationen als Sprache codiert, logisch inkonsistent. Zugleich haben wir es aber mit einem wirklichen mereologischen Fehlschluß zu tun. Denn die Sprache ist eine Leistung des Menschen, und nicht des Gehirns, selbst dort, wo der Mensch sie in Form von ‚Stimmen‘ halluziniert. Auch das unbewußte Sprechen ist eine Leistung des Menschen.

Allerdings soll an dieser Stelle nicht unterschlagen werden, daß Jaynes hier von einer starken Version seiner Hypothese spricht. Es gibt auch eine schwächere Version, in der er nicht von der Sprache, sondern lediglich vom „artikulatorische(n) Moment der Gehörshalluzinationen“ spricht, die, „nicht anders als die Rede der Person selbst, aus der linken Hemisphäre stammte, daß aber Sinn und Inhalt der halluzinierten Rede sowie das andersgeartete Verhältnis, in welchem die Person zu dieser Rede stehend sich empfand, Hervorbringung rechtsseitiger Schläfenaktivität waren, die über die vordere Kommissur und eventuell auch über das Splenium (das ist der hintere Teil des Balkens) Erregung in die Sprachzentren der linken Hemisphäre schickte und somit dort ‚gehört‘ wurde.“ (Vgl. Jaynes 1993, S.134f.)

Man muß Jaynes an dieser Stelle wirklich zugute halten, daß er sich redlich um eine zur damaligen und auch noch zur heutigen Neurowissenschaft alternative Verhältnisbestimmung von Mensch und Gehirn bemüht. Der Auffassung von einer „Isomorphie“ zwischen „psychologischen Sachverhalt(en)“ und Gehirnstrukturen (vgl. Jaynes 1993, S.131) hält er entgegen, daß sie nicht die „Plastizität des Gehirns“ berücksichtigt (vgl. Jaynes 1993, S.156). Es gibt im Gehirn keine einzelnen Zentren, die für irgendeine psychische Funktion allein zuständig sind. Vielmehr können beim Ausfall bestimmter Gehirnregionen andere Gehirnregionen diese Aufgaben übernehmen. Fällt z.B. bei einem Schlaganfall das Wernicke-Zentrum aus, kann der Patient wieder sprechen lernen, indem die gegenüberliegende, sonst stumme Region in der rechten Hemisphäre die Funktionen des Wernicke-Zentrums übernimmt. Es kann sogar eine ganze Gehirnhälfte operativ entfernt werden, ohne daß der Patient danach irgendwie beeinträchtigt ist.

Jaynes hebt hervor, daß das besonders in jungen Jahren gelingt. Bei älteren Menschen ist das Gehirn nicht mehr so flexibel. Deshalb sei aber auch die individuelle Ontogenese des Menschen so wichtig, da die „Einzelheiten der frühkindlichen Entwicklung beträchtliche Konsequenzen für die spätere Gehirnorganisation haben können“. (Vgl. Jaynes 1993, S.156)

Genau diese individuelle Ontogenese ist Jaynes zufolge auch der Grund, warum sich das Gehirn im Zuge der Sprach- und Kulturentwicklung vor gut viertausend Jahren, als die bikameralen Kulturen aufgrund der Komplexität und Größe der durch Landwirtschaft und Schrift ermöglichten Großreiche zusammenbrachen, so schnell umorganisieren konnte und statt einer bikameralen Psyche so etwas wie subjektives Bewußtsein ermöglichte. Aufgrund der individuellen Ontogenese werden Kulturen in jeder Generation neu erlernt. (Vgl. Jaynes 1993, S.271f.) Und das Gehirn paßt sich plastisch den kulturellen Notwendigkeiten an, denen sich der jeweilige individuelle Organismus ausgesetzt sieht. Das Bewußtsein, so Jaynes, ist „zur Hauptsache eine kulturelle Schöpfung“ und „keinerlei biologische Notwendigkeit“. (Vgl. Jaynes 1993, S.271)

Jaynes hat sein Buch in drei Büchern unterteilt, in denen er seine Thesen zur bikameralen Psyche und zum subjektiven Bewußtsein anhand historischer Zeugnisse und aktueller Phänomene unserer Gegenwart ausführt. Ich werde auf diese ‚Bücher‘ in meinen folgenden Posts der Reihe nach eingehen.

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