Sonntag, 2. November 2014

Michael Tomasello, Eine Naturgeschichte des menschlichen Denkens, Berlin 2014

1. Zusammenfassung
2. Vom kreativen Sprung zum abduktiven Sprung
3. Algorithmen und Metaphern
4. Subjekt-Prädikat-Strukturen
5. Brechung des Intentionsstrahls
6. Ontogenese und Phylogenese
7. Externe Kommunikationsvehikel
8. Von individueller Kooperation zur Konkurrenz der Gruppen
9. Modularisierung der menschlichen Intelligenz

Aufgrund meiner bisherigen Bemerkungen dürfte deutlich geworden sein, daß das individuelle Denken in Tomasellos aktuellem Buch im Unterschied zu „Die kulturelle Entwicklung des menschlichen Denkens“ (1999/2002) keine eigenständige Rolle mehr spielt. So wendet er sich jetzt ausdrücklich gegen das Denken als „Privatsache“: zwar werde das „menschliche Denken“ individuell improvisiert, aber wesentlich sei, daß es „in eine soziokulturelle Matrix verwoben ist“. (Vgl. Tomasello 2014, S.13)

Zwar gibt es zahlreiche Stellen in seinem aktuellen Buch, in denen er individuelle Ontogenese und kulturelle und biologische Phylogenese differenzierter darstellt; aber es kommt zu keiner entsprechenden Aufwertung des individuellen Denkens bzw. der individuellen Intentionalität im Gesamtprozeß des menschlichen Bewußtseins. Hinsichtlich der biologischen Phylogenese trifft Tomasellos Feststellung zur soziokulturellen ‚Matrix‘ durchaus zu. Die biologischen Anlagen des Menschen verwirklichen sich erst im Rahmen einer kulturell eingebetteten individuellen Ontogenese. Sie stellen deshalb Anpassungen an die Möglichkeit eines kulturell erweiterten Bewußtseins des Menschen dar. (Vgl. Tomasello 2014, S.215) Das bedeutet aber wiederum umgekehrt auch, daß es der individuellen Ontogenese bedarf, um das volle kulturelle Potential des Menschen zu verwirklichen: „Die menschlichen Fertigkeiten gemeinsamer und kollektiver Intentionalität entstanden also im Verlauf einer ausgedehnten Ontogenese, in der das Kind und sein sich entwickelndes Gehirn ständig mit der Umwelt, insbesondere der sozialen Umwelt interagieren. Unsere Hypothese ist, daß sie ohne diese Interaktion nicht entstehen würden.“ (Tomasello 2014, S.214)

Wenn „(w)eder die gemeinsame noch die kollektive Intentionalität“ ohne individuelle Ontogenese existieren würden, ist die Herabstufung dieser individuellen Ontogenese zu einem bloßen Transmissionsriemen zwischen Biologie und Kultur weniger naheliegend, als die gegenteilige Schlußfolgerung: daß sie nämlich eine ganz besondere Rolle in der Bewußtseinsbildung des Menschen inne hat. Auch die Entwicklung des kleinen Kindes deutet darauf hin: „... wir würden behaupten, daß die sozialen Interaktionen kleiner Kinder mit anderen etwa bis zu ihrem dritten Geburtstag im Grunde zweitpersonal sind und nicht gruppenbezogen.“ (Tomasello 2014, S.212)

Die ‚Zweitpersonalität‘ – also die dyadische Beziehung zwischen Ich und Du (vgl. Tomasello 2014, S.77f.) – wird von Tomasello nicht in ihrer vollen Bedeutung erfaßt. Zwar weist er ihr eine besondere Vermittlungsfunktion im Unterricht und in der Lehre zu (vgl. Tomasello 2014, S.73, 108f., 120, 133) – was immerhin anzeigt, daß ihre Bedeutung für das menschliche Bewußtsein weit über das Kleinkindalter hinausreicht –, aber die eigentliche Bedeutung des Unterrichts verortet Tomasello auf der Ebene der Gruppe: „Unterricht und Konformität führten dann zur kumulativen kulturellen Evolution, die durch den ,Wagenhebereffekt‘ () charakterisiert ist ...“ (Tomasello 2014, S.128) – Erst die Erzeugung von „Konformität“, also nicht das individuelle Denken, bildet den eigentlichen Zweck des Unterrichts.

Tatsächlich ist die Zweitpersonalität nicht wirklich dyadisch, sondern triadisch strukturiert. Gemeinsame zweitpersonale Aufmerksamkeit gibt es auch bei den anderen Menschenaffen. Was es bei den anderen Menschenaffen nicht gibt, ist eine gemeinsame, nicht konkurrenzorientierte Aufmerksamkeit auf etwas Drittes: eben den gemeinsamen Gegenstand. Erst hier entfaltet sich die volle rekursive Dimension. Erst hier, von der Aufmerksamkeit auf ein Drittes her, schlußfolgern die beiden Kommunikationspartner auf die jeweilige individuelle Perspektive des Anderen bzw. des Du. Die triadische Struktur bildet, wie Tomasello völlig zu recht festhält, die anthropologische Urform des Unterrichts: „Csibra und Gergely (2009) sprechen diesbezüglich von ‚natürlicher Pädagogik‘ und erläutern sie mit Verweis auf deren enge Verbindung zur kooperativen Kommunikation. Die elementarste Form natürlicher Pädagogik ist die Demonstration. Man zeigt jemandem, wie etwas gemacht wird, indem man es entweder unmittelbar tut oder auf irgendeine Weise pantomimisch darstellt.“ (Tomasello 2014, S.95f.)

Daß trotz dieser triadischen Struktur der Zweitpersonalität – Ich, Du, Es – diese Zweitpersonalität aber erhalten und nicht etwa zu einer Mehrpersonalität aufgelöst wird, zeigt sich schon daran, daß es etwas anderes ist, ob sich zwei Menschen auf etwas Drittes beziehen, oder ob ein Dritter zu den Zweien hinzukommt: Ich, Du, Er. Der Dritte ist jetzt kein gemeinsamer Gegenstand mehr, auf den sich die Zwei beziehen, sondern alle drei bilden jetzt eine Gruppe mit den dazugehörigen Gruppendynamiken. Nicht umsonst machen die Zwei, sobald sich der Dritte entfernt hat, ihn zum Gegenstand und beginnen über ihn zu tratschen.

Aber die Zweitpersonalität bildet nicht nur das Wesen des Unterrichts. Sie wird auch zum individuellen Denken internalisiert. Das Denken ist möglicherweise keine „Privatsache“. Aber es bildet einen inneren Dialog des Denkenden mit sich selbst: „Vygotskij (1978) betonte, daß Kinder inmitten der Werkzeuge und Symbole ihrer Kultur aufwachsen, die insbesondere die sprachlichen Symbole einschließen, die ihre Welt für sie vorstrukturieren, und daß sie im Laufe der Ontogenese den Gebrauch dieser Artefakte internalisieren, was zu jener Art von innerem Dialog führt, der einer der Prototypen des menschlichen Denkens ist (...).“ (S.13f.)

Dieser innere Dialog findet gerade nicht im Wir-Modus statt. Dann hätte er sich nämlich schon zu einer Gruppendenke, zu einer Art von Schwarmintelligenz verallgemeinert. Diese Gruppendenke klingt bei Tomasello immer dort an, wo er den inneren Dialog als einen Regulationsmechanismus beschreibt: „Menschliches Schlußfolgern – auch wenn es im inneren Dialog mit dem eigenen Selbst geschieht – ist daher von einer bestimmten Art kollektiver Normativität durchsetzt, bei der die Person ihre Handlungen und ihr Denken auf der Grundlage der normativen Konventionen und Maßstäbe der Gruppe reguliert.“ (Tomasello 2014, S.169)

Wirklich gehaltvolles Denken ist aber immer individuell und nicht konform! Und die Nicht-Konformität des Denkens, seine Individualität, verinnerlicht die triadische Struktur der Zweitpersonalität: Im Ich-Du-Modus des inneren Dialogs bezieht sich der Denkende auf die physische und auf die soziale Welt. Erst dort, wo er die soziale Welt zum Gegenstand macht und nicht einfach sich selbst in sie hineinreguliert, haben wir es mit wirklichem und d.h. individuellem Denken zu tun.

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