Mittwoch, 3. Juni 2015

Julian Jaynes, Der Ursprung des Bewußtseins, Reinbek bei Hamburg 1993 (1976)

(Einführung: Das Problem des Bewußtseins (S.9-30) – Erstes Buch: Bewußtsein, Geist, Gehirn und Seele (S.33-182) – Zweites Buch: Das Beweismaterial der Geschichte (S.185-381) – Drittes Buch: Gegenwart: Relikte der bikameralen Psyche in der modernen Welt (S.385-546))

2. Bewußtseinstheorien
3. Metaphern
4. Differenz von Innen und Außen

Julian Jaynes will die verschiedenen Bewußtseinstheorien sprachanalytisch nach ihren unterschiedlichen „Verwendungsweisen“ untersuchen, um so ihre Brauchbarkeit beurteilen zu können. (Vgl. Jaynes 1993, S.34) Mit dieser kritischen Funktion, in der der eigentliche Zweck der sprachanalytischen Methode besteht, läßt Jaynes es aber nicht bewenden. Er weist ihr auch die positive Funktion zu, zu klären, was Bewußtsein tatsächlich ist: nämlich ein Nebeneffekteffekt der sprachlichen Evolution. Die Entwicklung des Bewußtseins, so Jaynes, „kann nur nach der Entwicklung der Sprache stattgefunden haben.“ (Vgl. Jaynes 1993, S.89; vgl. auch S.87 und S.159)

Damit bewegt sich Jaynes zwar im Mainstream des das 20. Jhdt. prägenden linguistic turn, aber seine Position ist wie bei allen seinen in „Der Ursprung des Bewußtseins“ vertretenen Thesen doch gleichermaßen originell wie anregend. Anders als die Sprachanalytiker seiner Zeit legt Jaynes die Sprache nicht auf das Verwenden von Begriffen fest. Vielleicht hat das etwas damit zu tun, daß er den Ursprung des Bewußtseins auf die Zeit zwischen vier- und dreitausend Jahren vor heute in einer Phase des Übergangs von den bikameralen Menschen des Neolithikums – den „Natoufiens“, wie Jaynes sie auch nennt (vgl. Jaynes 1993, S.177) – zum modernen subjektiven Bewußtsein ansetzt. ‚Begriffe‘ sind traditionell derart mit einem rationalen Bewußtsein verknüpft, das sich seines Denkens bewußt ist, daß der Gebrauch von Begriffen immer schon ein Bewußtsein voraussetzt, wie auch umgekehrt ein Bewußtsein immer schon die Fähigkeit impliziert, über Begriffe zu verfügen. Wäre aber die Sprache immer schon wesensmäßig eine Begriffssprache, könnte das individuelle subjektive Bewußtsein nicht erst Jahrtausende nach dem Ursprung der Sprache, den Jaynes mit dem Neolithikum vor 12.000, frühestens aber vor 40.000 Jahren ansetzt (vgl. Jaynes 1993, S.163), aufdämmern.

Also führt Jaynes den Ursprung des  Bewußtseins nicht auf die Begriffssprache zurück, sondern auf die Verwendung von Metaphern. Unter ‚Metaphern‘ versteht er aber wiederum etwas anderes, als hier im Blog bislang von mir immer behauptet wurde. Ich verstehe unter Metaphern eine Überlagerung von mindestens zwei verschiedenen sprachlichen Bedeutungen, durch die eine neue Bedeutung geschaffen wird. Das vergleiche ich gerne mit Bildern. Reale Wahrnehmungen, Zeichnungen und Gemälde, Photographien haben mit sprachlichen Bildern gemeinsam, daß man sie auf verschiedene Weise fokussieren kann. Ich kann von einem gleichbleibenden Hintergrund verschiedene Vordergründe abheben. Metaphern sind also niemals eineindeutig, anders als Begriffe, denen man qua Definition eindeutige Bedeutungen zuweisen kann.

Ganz anders Jaynes: für ihn sind Metaphern tatsächlich eineindeutig. (Vgl. Jaynes 1993, S.76) Ihre Funktion erschöpft sich Jaynes zufolge ganz und gar nicht darin, sprachliche Bilder zu erzeugen. Vielmehr haben diese Bilder Verweisungscharakter. Metaphern sind nicht etwa expressiv, wie ich es immer behaupte, sondern referentiell. Sie verweisen auf einen neuen Gegenstand bzw. auf eine neue Bedeutung, die es vor der Erfindung einer Metapher so noch nicht gegeben hat. Metaphern schaffen neue Bedeutungen (vgl. Jaynes 1993, S.65f.) – darin gehen Jaynes und ich durchaus konform –, aber hinsichtlich dieser neuen Bedeutungen – und darin unterscheidet sich Jaynes’ Position von meiner – sind die Metaphern genauso referentiell wie irgendein anderes Wort oder irgendein anderer Begriff. Mit dieser Eineindeutigkeit von Metaphern schließt Jaynes die mit der Bildhaftigkeit von Metaphern verbundene individuelle Perspektivierbarkeit innerhalb eines weitergefaßten Bedeutungsspektrums aus. Im Grunde funktionieren bei ihm Metaphern wie Begriffe.

Diese Festlegung von Metaphern auf Referentialität und auf Eineindeutigkeit verleiht ihnen ein projektives Potential, das Jaynes zufolge für die Entstehung von Bewußtsein entscheidend ist. Einfache Metaphern wie „Schneedecke“ beziehen Bilder nur auf gegebene Situationen. Sie erschaffen zwar neue Bedeutungen, aber keine neuen Realitäten. So erschafft die Metapher der Schneedecke nur die Vorstellung – und verweist zugleich auf sie –, „daß die Erde unter der Schneedecke geborgen Winterschlaf hält, bis sie im Frühjahr wieder erwacht“. Das „steckt“, so Jaynes, in der einfachen „Verwendung der Wörter ‚Decke‘ und ‚einhüllen‘ für die Art und Weise, wie der Schnee sich zum Unterboden verhält“. (Vgl. Jaynes 1993, S.76)

Es gibt Jaynes zufolge aber darüberhinaus auch Metaphern, deren projektive Kraft nicht nur neue Bedeutungen, sondern auch neue Realitäten erschafft. Und dazu gehört das Bewußtsein. Um diese Funktionsweise von Metaphern zu erklären, entwickelt Jaynes eine originäre Theorie der Metapher, wie ich sie in dieser Form noch nirgendwo anders gelesen oder gehört habe.


Jaynes bezeichnet die Fähigkeit der Sprache, Metaphern zu bilden, als den „eigentliche(n) Wesensgrund der Sprache“. (Vgl. Jaynes 1993, S.64) Letztlich kann jedes Wort zur Metapher werden, wenn wir es aus seinem ursprünglichen Verwendungszusammenhang entfernen und eine neue Verwendung dafür finden. Indem wir es ‚zweckentfremden‘, wird es zur Metapher. Es nimmt gewissermaßen seine alte Bedeutung aus dem ursprünglichen Verwendungszusammenhang mit und schafft mit ihr im neuen Verwendungszusammenhang eine neue Bedeutung. So ist es auch mit dem Wort ‚sehen‘ geschehen. Ursprünglich eine Grundeigenschaft unseres Gesichtssinns kann es zu einer Metapher für eine Bewußtseinsleistung werden: „Wir ‚sehen‘ die Lösung eines Problems, die uns womöglich noch ‚glanzvoll‘ erscheint. Während wir dem einen Menschen ein ‚helles‘ Köpfchen zugestehen, scheint es bei anderen in dieser Hinsicht ‚düster‘ oder ‚trübe‘ auszusehen. Diese Ausdrücke sind samt und sonders Metaphern, und der Innenraum, auf den sie sich beziehen, ist eine Metapher des realen Raums.“ (Jaynes 1993, S.73f.)

In Anlehnung an die Operatoren in der Mathematik bezeichnet Jaynes das Verb ‚sehen‘ als einen Metaphorator, der sich auf einen Metaphoranden bezieht. (Vgl. Jaynes 1993, S.65f.) Der Metaphorand ist das Bewußtsein. Anders als bei der „Schneedecke“ bildet das Bewußtsein aber keine real vorhandene Situation, auf die sich die Metapher des Sehens bezieht. Diese Metapher erzeugt vielmehr allererst ihren Metaphoranden. Ohne ein Bewußtsein, das eine Lösung sehen kann, bzw. ohne ein Wort wie ‚sehen‘, das wir auf eine bestimmte Bewußtseinsleistung anwenden können, gäbe es das Bewußtsein nicht! – Die „metaphorische Relation“, so Jaynes, wird zur „Erzeugungsbedingung des Bewußtseins“. (Vgl. Jaynes 1993, S.75)

Die Metapher ‚sehen‘ ist aber nicht einfach nur irgendein Wort, das ich aus seinem ursprünglichen Verwendungszusammenhang entnehme. Wie schon angedeutet, folgt dieser Metapher ihre ursprüngliche Wortbedeutung, die nicht einfach nur in einer einfachen Fähigkeit, der Sehleistung, besteht. Dazu gehören auch alle möglichen Aspekte der Räumlichkeit und eben auch der Unterscheidung von Hintergründen und Vordergründen etc. Diese verschiedenen Aspekte des Sehens bezeichnet Jaynes als Paraphoratoren, die ebenfalls auf das Bewußtsein übertragen werden, so daß es selbst zu etwas Räumlichem wird, zu einem Innenraum. (Vgl. Jaynes 1993, S.74)

So entsteht auch die Differenz von Innen und Außen, von der Jaynes festhält, daß sie ein grundlegendes Moment jedes Bewußtseins bildet. Nur in einem Innenraum, getrennt von der Außenwelt, kann sich ein „Analogon unserer selbst“, ein Ich-Bewußtsein herausbilden: „... dieses Ding, das einzig uns in den Stand setzt, narrativierend die Lösungen für unsere persönlichen Entscheidungsprozesse zu finden und zu wissen, wohin wir uns bewegen und wer wir sind.“ (Jaynes 1993, S.510)

Um die Wirkungsweise von Metaphoratoren und Paraphoratoren, von Metaphoranden und Paraphoranden zu erklären, verwendet Jaynes wiederum eine Metapher, die zugleich auch nochmal verständlich macht, inwiefern Metaphern „eineindeutig“ sind. Jaynes’ zentrale Metapher für die Entstehung von Bewußtsein ist die Landkarte:
„Jedem Gebietssektor in der Natur entspricht ein Sektor auf der Karte, wenngleich das Gelände und die Karte aus völlig verschiedenen Materialien bestehen und die Merkmale des Geländes bei der Abgleichung völlig entfallen. Die Beziehung nun zwischen dem Analogon Landkarte und dem dazugehörigen Gelände ist metaphorischer Natur. Wenn ich auf einen Punkt auf der Landkarte zeige und sage: ‚Da ist der Montblanc, von Chamonix aus können wir die Ostwand auf diesem Weg erreichen‘, ist das eigentlich eine verkürzte Art zu sagen: ‚Die Beziehung zwischen dem als ‚Montblanc‘ bezeichneten Punkt und anderen Punkten auf der Karte ähneln den Verhältnissen in der Natur.‘“ (Jaynes 1993, S.72f.)
Die Beziehung zwischen der Landkarte und der Natur ist also metaphorisch. Jedem Punkt auf der Karte entspricht eineindeutig ein realer Punkt in der Landschaft. Auch hier haben wir es wieder mit realen Situationen und Gegebenheiten zu tun und nicht mit der Erschaffung neuer Realitäten wie dem Bewußtsein. Aber interessanterweise kann man die Landkarte und die Landschaft auf verschiedene Weise zueinander ins Verhältnis setzen. Ein Kartenzeichner und Landvermesser ist vor allem daran interessiert, reale Eigenschaften einer Landschaft auf die Karte zu übertragen. In diesem Fall fungiert die Landschaft als Metaphorator und die Karte als Metaphorand: der Blick geht von der Landschaft auf die Karte. Der normale Benutzer einer Landkarte hingegen versucht, die Zeichen auf der Karte mit örtlichen Gegebenheiten zu verbinden. In diesem Fall ist die Karte der Metaphorator und die Landschaft ist der Metaphorand: der Blick geht von der Karte auf die Landschaft. (Vgl. Jaynes 1993, S.78)

Ganz ähnlich wechseln die Projektionen im Bereich des Bewußtseins: „Das Bewußtsein ist der Metaphorand, wenn es von den Paraphoranden unserer sprachlichen Ausdrücke erzeugt wird. Aber das Bewußtsein in Funktion ist sozusagen die Reise in die Gegenrichtung: Es wird zum Metaphorator voll vergangener Erfahrungen, in fortwährender selektiver Operation mit Unbekannten befaßt ... Und wir verdanken es der vorgängig erzeugten Bewußtseinsstruktur, daß wir uns in der Welt zurechtfinden.“ (Jaynes 1993, S.79)

So wie das Bewußtsein durch die Metapher des Sehens erzeugt wird, so erzeugt nun wiederum umgekehrt das Bewußtsein seine Welt. Es wird vom Metaphoranden zum Metaphorator. Das Bewußtsein  überträgt seine Paraphoratoren, die Erfahrungen, auf die Außenwelt und macht sie zu deren Paraphoranden. Je nach dem, wie wir unsere Erfahrungen organisieren – nach Begriffen, Formeln, mathematischen Gesetzen oder nach Metaphern und Imaginationen – entstehen auf der einen Seite die Naturwissenschaften und die Technik, und auf der anderen Seite entstehen Literatur, Kunst und alle möglichen Arten kultureller Institutionen. Wir sehen die Welt und machen aus ihr immer jeweils das, was wir von ihr denken.

Jaynes’ referentielle Sicht auf die Metapher unterschlägt natürlich, wie weiter oben schon angedeutet, deren expressives Moment als Ausdruck seelischer Stimmungen. In diesem Blog habe ich diese Expressivität immer mit Plessners Beschreibung der Seele als einem Noli-me-tangere verknüpft. Die Seele ist dabei eine Form des Verhaltens auf der Grenze zwischen Innen und Außen. Sie will sich gleichzeitig zeigen und verbergen, und genau dieses Schwanken bezeichne ich mit Plessner als Seele.

Tatsächlich finden sich solche expressiven Aspekte auch bei Jaynes. So spekuliert er darüber, ob das wechselseitig hemmende Verhältnis zwischen der rechten und der linken Hemisphäre – überlassen wir uns unseren rechtsseitigen Intuitionen, stört das Bewußtsein; analysieren wir linksseitig rational-kritisch Begriffe, stören uns die rechtsseitigen Emotionen – vielleicht einen Hinweis auf „höhere() Geistesprozesse“ enthält, möglicherweise in dem Sinne, daß wir diese höheren Geistprozesse „als Resultanten aus der Gegenstrebigkeit der beiden Hemisphären“ verstehen können. (Vgl. Jaynes 1993, S.523) An dieser Stelle ist Jaynes nahe dran an einer expressiven Verhältnisbestimmung dessen, was ich in diesem Blog als ‚Seele‘ bezeichne.

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