Sonntag, 3. Mai 2015

Maxwell R. Bennett/Peter M.S. Hacker, Die philosophischen Grundlagen der Neurowissenschaften, Darmstadt 3/2015 (2003)

(Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 585 Seiten mit einem Vorwort von Annemarie Gethmann-Siefert, brosch., 49,90 €)

1. Zusammenfassung
2. Fachsprachliche und nichtfachsprachliche Begriffe
3. Denken und Sprechen
4. Phänomenologie und Sprachanalytik
5. Bindungsproblem (Gestaltwahrnehmung)
6. Innen-Außen-Differenz als Kryptokartesianismus
7. Qualia, Seele und das Arrangieren von Dingen
8. Gibt es Willensakte?
9. sprachanalytischer Reduktionismus

Der Neurowissenschaftler Maxwell R. Bennett und der Philosoph Peter M.S. Hacker legten 2003 mit ihrem Buch „Die philosophischen Grundlagen der Neurowissenschaften“ (3/2015) eine sprachanalytische Kritik der neurowissenschaftlichen Begriffe vor. Diese sprachanalytische Kritik orientiert sich am sinnvollen Gebrauch alltagssprachlicher Begriffe wie Selbstbewußtsein, Wille, Gedächtnis, Lernen, Liebe und Eifersucht, deren unmittelbare Zuordnung zu neuronalen Prozessen im Gehirn ihrem polymorphen Bedeutungsgehalt nicht gerecht wird. Wenn der Begriff des Denkens sich über mindestens acht verschiedene Bedeutungsfelder erstreckt – konzentriertes Denken; scharfsinniges Denken; nachdenken, einen Gedanken zu Ende denken; glauben, annehmen, vermuten; wiedererkennen; vergleichen, interpretieren; etwas meinen; Problemlösen (vgl. Bennett/Hacker 3/2105, S.233ff. und Tafel I) – und dann in einem neurowissenschaftlichen Experiment die Probanden aufgefordert werden, an ihre Ehefrau zu denken (vgl. Bennett/Hacker 3/2105, S.236), und die dabei auftretenden Gehirnprozesse mit ‚Denken‘ gleichgesetzt werden, wird deutlich, wie unterkomplex und deshalb unangemessen die nach diesem Muster konzipierten Experimente tatsächlich sind.

Im alltäglichen Gebrauch bilden alle diese das Bewußtseinsfeld abdeckenden Begriffe (vgl. Tafeln I-III) „Variationszentren“ von Bedeutungsintuitionen, die nicht als trennscharfe begriffliche Kategorien mißverstanden werden dürfen. (Vgl. Bennett/Hacker 3/2105, S.341) Im alltäglichen Gebrauch überschneiden sich vielmehr ihre Sinnbereiche, und ihre Bedeutungen verändern sich mit den Situationen, in denen wir sie verwenden.

Indem Neurowissenschaftler diesen alltagssprachlichen Gebrauch von für ihre Experimente zentralen Begriffsbeständen ignorieren und einzelne Begriffe, ohne Einschränkung und ohne sie für spezifische Experimente begrifflich zu modifizieren, auf Gehirnprozesse übertragen, werden sie sinnlos. Bezogen auf Gehirnprozesse machen die im Alltagssprachgebrauch sinnhaften Begriffe wie Bewußtsein oder Gedächtnis einfach keinen Sinn.

Bennett/Hacker führen diese mißbräuchliche Verwendung von alltagssprachlichen Begriffen auf einen verbreiteten, den Neurowissenschaftlern selbst nicht bewußten „Krypto-Cartesianismus“ zurück. (Vgl. Bennett/Hacker 3/2105, S.110-115, 145-149, 315-318) Der Cartesianismus besteht darin, den Menschen in eine innere Substanz, dem Denken, und in eine äußere Substanz, dem Körper, aufzuteilen. Dabei umfaßt das Denken alle Arten von Bewußtseinszuständen, von den Gefühlen und Affekten bis hin zu logischem rationalem Schlußfolgern, während Descartes den Körper als einen rein mechanischen Apparat auffaßte. (Vgl. Bennett/Hacker 3/2105, S.33)

Die Gegenposition zu dieser dualistischen Auffassung machen Bennett/Hacker an Aristoteles fest. Aristoteles unterschied nicht zwischen Körper und Geist bzw. zwischen Leib und Seele. ‚Seele‘ war für Aristoteles vielmehr das Wort für das unzerteilbare Ganze der menschlichen Person. Die Seele bzw. die Psyche steht bei Aristoteles für die Einheit von Form und Materie: es gibt keine ungeformte Materie, so wenig wie es eine immaterielle Form gibt: „Man sollte sich klarmachen, dass, obwohl von irgendwie gearteten Einzeldingen gesagt wird, sie seien beides, Form und Materie, es sich bei Form und Materie nicht um die Teile einer Sache handelt.“ (Bennett/Hacker 3/2105, S.16) – Genauso wenig wie es eine von der Materie abspaltbare Form gibt, gibt es ein vom Körper abspaltbares geistiges Prinzip, das für die Denkprozesse zuständig ist und das die Willensentscheidungen trifft, aufgrund deren dann der Körper als bloßes ausführendes Organ tätig wird. Denk- und Entscheidungsprozesse bilden keine von der lebendigen Person abspaltbaren und isolierbaren Funktionen.


Deshalb kann man im alltäglichen Sprachgebrauch auch nicht sagen, daß es das Gehirn ist, das etwas Bestimmtes denkt, so als könnte man auf die Frage „Was denkst du?“ antworten: „Moment! Mein Gehirn ist noch nicht mit Denken fertig, so daß ich jetzt noch nicht sagen kann, was es denkt.“ – Der denkende Mensch weiß immer unmittelbar – so Bennett/Hacker –, was er gerade denkt, und kann es auch jederzeit in Worten ausdrücken: „Es sind die Menschen, die denken, und ihr Denken wird nicht von ihren Gehirnen vollzogen – sie müssen ihr Denken selbst vollziehen ... . Es gibt nichts dergleichen wie Gehirne, die irgendetwas denken – obwohl menschliche Wesen selbstverständlich nicht in der Lage wären zu denken, wenn ihre Gehirne nicht normal funktionieren würden.“ (Bennett/Hacker 3/2105, S.57)

Genau an diesem mereologischen Fehlschluß (vgl. Bennett/Hacker 3/2105, S.94), der Verwechslung des Ganzen, eben des lebendigen Menschen, mit einem seiner Teile, dem Gehirn, machen Bennett/Hacker den heimlichen Kartesianismus, den „Krypto-Cartesianismus“ der Neurowissenschaftler fest. Zwar teilen sie nicht mehr wie Descartes den Menschen in zwei verschiedene Substanzen auf – weshalb sie von sich selbst glauben, den Kartesianismus überwunden zu haben –, aber sie verstehen das Gehirn als eine eigenständige, von der äußeren Welt abgetrennte innere Welt, von der aus der Rest des Organismusses ohne ‚unser‘ Wissen gesteuert und kontrolliert wird. Sie setzen also einen Teil des Menschen, das Gehirn, an die Stelle des Ganzen: der mereologische Fehlschluß.


Weite Teile des Buches bestehen darin, daß Bennett/Hacker gleichermaßen umfängliche wie unvollständige Skizzen zu den grundlegenden Alltagsbegriffen anlegen (Vgl. Tafel I-III), die von den Neurowissenschaftlern sinnwidrig auf ihre Experimente übertragen werden. Trotz deren sich über einige hundert Seiten erstreckenden Umfangs legen Bennett/Hacker darauf Wert, daß sie unvollständig sind, eben nur Skizzen: „Bei den von uns vorgelegten Beschreibungen handelt es sich lediglich um Skizzen. Die begrifflichen Zusammenhänge sind komplexer als wir hier zeigen konnten. Eine detaillierte Abhandlung würde freilich in ein sehr umfangreiches Buch münden. ... Sie sollen die Neurowissenschaftler an die Alltagsbegriffe erinnern, die sie selbst ständig ins Feld führen, wenn sie ihre Experimente entwerfen und deren Resultate beschreiben.“ (Bennett/Hacker 3/2105, S.314)

Bennett/Hackers Hoffnung besteht also darin, daß ihre Begriffsskizzen den Neurowissenschaftlern so einerseits eine Einsicht in die Komplexität des alltagssprachlichen Gebrauchs von Begriffen vermitteln, und sie außerdem dazu motivieren, sich für ihre Experimente Glossare anzulegen, in denen sie den Bedeutungsumfang der zentralen, den jeweiligen Experimenten zugrundeliegenden Begriffe klären. (Bennett/Hacker 3/2105, S.522) Wenn man bedenkt, daß Bennett/Hacker ihr Buch 2003 geschrieben haben, und sieht, wie die Neurowissenschaftler sich seitdem in der Öffentlichkeit präsentiert haben, muß man nüchtern festhalten, daß sich ihre Hoffnung eher nicht erfüllt hat, auch wenn derzeit unter Neurowissenschaftlern eine gewisse neue Bescheidenheit angesagt zu sein scheint.

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