Dienstag, 28. Oktober 2014

Michael Tomasello, Eine Naturgeschichte des menschlichen Denkens, Berlin 2014

1. Zusammenfassung
2. Vom kreativen Sprung zum abduktiven Sprung
3. Algorithmen und Metaphern
4. Subjekt-Prädikat-Strukturen
5. Brechung des Intentionsstrahls
6. Ontogenese und Phylogenese
7. Externe Kommunikationsvehikel
8. Von individueller Kooperation zur Konkurrenz von Gruppen
9. Modularisierung der menschlichen Intelligenz?

Es lohnt sich immer, Michael Tomasello zu lesen. Auch sein neuestes Buch „Von der Naturgeschichte des menschlichen Denkens“ (2014) bringt eine Fülle von anthropologischen Einsichten und Anregungen, die dem aufmerksamen Leser dabei helfen, das menschliche Selbst- und Weltverhältnis zu klären. Dabei bleibt meine Lektüre nicht ohne Kritik; aber auf die will ich erst in den folgenden Posts zu sprechen kommen. Im aktuellen Post möchte ich mich damit begnügen, seine grundlegenden Thesen zusammenzufassen.

Tomasello unterteilt die Naturgeschichte des menschlichen Denkens in drei Etappen, die den drei Entwicklungslogiken in meinem Blog entsprechen: der Biologie, der Kultur und der individuellen Ontogenese. Dabei hält er zunächst fest, daß das Denken bzw. die ‚Intelligenz‘ kein direktes Produkt der biologischen Evolution ist: „Kognitive Prozesse sind zwar ein Produkt der natürlichen Selektion, aber sie sind nicht ihr Ziel. Tatsächlich kann die natürliche Selektion die Kognition nicht einmal ‚sehen‘; sie kann nur die Wirkungen der Kognition bei der Strukturierung und Regulation manifester Handlungen ‚sehen‘ (). In der Evolution gilt das Klugsein nichts, wenn es nicht zu klugem Handeln führt.“ (Tomasello 2014, S.21)

Das durchgehende Prinzip des Tomaselloschen Vorgehens besteht deshalb darin, von den ‚Wirkungen‘ (Verhalten) her auf diesen Wirkungen entsprechende ‚Ursachen‘ (intentionale Zustände) zurückzuschließen. Diese inneren intentionalen Zustände bezeichnet Tomasello als ‚Denken‘ – etwa „wenn ein Organismus bei einer bestimmten Gelegenheit versucht, ein Problem zu lösen, und sein Ziel nicht durch manifestes Verhalten, sondern vielmehr dadurch zu erfüllen trachtet, daß er sich vorstellt, was geschehen würde, wenn er in einer Situation verschiedene Handlungen ausprobieren würde – oder wenn verschiedene äußere Kräfte in die Situation einflössen –, bevor er tatsächlich handelt“ (vgl. Tomasello 2014, S.24) – , weil zu ihrer Beschreibung kein adäquateres Wort zur Verfügung steht.

Dieses Verfahren wendet Tomasello auch auf die erwähnten drei Entwicklungsebenen an, indem er die „biologische(n) Anpassungen“ (Tomasello 2014, S.214f.) an die gemeinsame, noch weitgehend vorsprachliche, und an die kollektive, schon durchgehend kulturell und sprachlich geformte Intentionalität auf einen gemeinsamen, vor etwa 6 Millionen Jahren lebenden Vorfahren von Menschenaffen und Menschen und auf den vor etwa 400 000 Jahren lebenden Frühmenschen (homo heidelbergensis) zurückführt. Als ‚Wirkungen‘, von denen sich auf die ‚Ursachen‘ zurückschließen läßt, dienen Tomasello für den gemeinsamen Vorfahren die vier Vertreter der heute noch lebenden Menschenaffen:
„Unsere besten lebenden Modelle für dieses Geschöpf sind die engsten Primatenverwandten des Menschen, also die nichtmenschlichen Menschenaffen (im folgenden Menschenaffen), zu denen die Schimpansen, Bonobos, Gorillas und Orang-Utans gehören. Besonders interessant sind die Schimpansen und Bonobos, weil sie sich zuletzt von der Linie des Menschen abgespalten haben, nämlich vor etwa sechs Millionen Jahren. Wenn die kognitiven Fähigkeiten unter den vier Arten der Menschenaffen ähnlich, beim Menschen aber verschieden sind, nehmen wir an, daß die Menschenaffen ihre Fertigkeiten vom letzten gemeinsamen Vorfahren (oder von einem noch früheren Wesen) konserviert haben, während Menschen etwas Neues entwickelten.“ (Tomasello 2014, S.32)
Dabei schränkt Tomasello die Validität seines Vorgehens selbstkritisch ein; denn, so Tomasello, wir wissen nicht, „wie sehr sich die heute lebenden Menschenaffen gegenüber ihrem gemeinsamen Vorfahren mit den Menschen verändert haben, weil es aus diesem Zeitalter im Grunde keine aufschlußreichen Fossilien gibt“. (Vgl. Tomasello 2014, S.223)

Für den vor etwa 2 Millionen Jahren oder später lebenden Frühmenschen – Tomasello tippt auf den vor etwa 400 000 Jahren lebenden homo heidelbergensis – dienen Tomasello vor allem noch heute existierende Wildbeutergesellschaften und kleine Kinder bis zu drei Jahren, die noch weitgehend vorsprachlich sind, als Modelle, von denen aus er auf den Frühmenschen zurückzuschließen versucht. (Vgl.u.a. Tomasello 2014, S.60f. und S.212)


Tomasello unterscheidet zwischen drei Intentionalitätsformen: der individuellen Intentionalität (Egozentrik), die er evolutionsbiologisch vor allem mit den Menschenaffen und mit dem hypothetischen gemeinsamen Vorfahren von Menschenaffen und Menschen verbindet (vgl. Tomasello 2014, S.21-54); der gemeinsamen, von Tomasello vor allem als Dyade konzipierten Intentionalität (Ich-Du-Perspektiven), die er phylogenetisch mit dem Frühmenschen und ontogenetisch mit der Kleinkindphase vom ersten bis zum dritten Geburtstag in Verbindung bringt (vgl. Tomasello 2014, S.55-122); und der kollektiven Intentionalität, die er als Gruppenidentität konzipiert („Wir-Intentionalität“ (Tomasello 2014, S.127)), die eine spezifisch kulturelle Entwicklungsebene darstellt und die er mit dem modernen Menschen verbindet (vgl. Tomasello 2014, S.123-183).

Die Kognition bzw. das Denken ist auf allen diesen Entwicklungsebenen durch die spezifische Intentionalität der Individuen geprägt: konkurrenzorientiert beim Menschenaffen und dem gemeinsamen Vorfahren, wobei die Problemsituationen, in denen sich dieses Denken zu bewähren hat, vor allem mit der Nahrungsbeschaffung zu tun haben; kooperativ beim Frühmenschen, mit einer ersten Differenzierung zwischen den jeweiligen kommunikativen Absichten der miteinander kooperierenden Akteure und den davon unabhängigen propositionalen Inhalten; und konventionell beim modernen Menschen, der sein eigenes Wohl mit dem Gruppenwohl gleichsetzt und sich bei der Kommunikation auf einen reichhaltig strukturierten, sprachlich abgesicherten gemeinsamen Hintergrund – „Dinge, von denen wir alle in der Gruppe wissen, daß wir alle sie kennen, selbst wenn wir sie nicht gemeinsam als Individuen erlebt haben“ (Tomasello 2014, S.130) – stützen kann.

Schon auf der Ebene der individuellen Intentionalität sind Menschenaffen zu einem dreifach ausdifferenzierten Denken in der Lage: zu Offline-Repräsentationen von Erlebnissen und Wahrnehmungen (die Verbindung von unerreichbarem Futter in dem einen Zimmer mit zur Lösung dieses Problems brauchbaren Werkzeugen in einem anderen Zimmer), zu kausalen und intentionalen Schlußfolgerungen hinsichtlich der Manipulierbarkeit von ‚Objekten‘ in der physischen und in der sozialen Welt zum eigenen Nutzen und zur Selbstbeobachtung, also zur Einschätzung der Effektivität des eigenen Verhaltens beim Erreichen von eigennützigen Zielen. (Vgl.u.a. Tomasello 2014, S.23f.)

Auf der kooperativen Ebene des Frühmenschen treten dann neue Kommunikationsmotive des Helfens und des Informierens an die Stelle der Konkurrenzorientierung der Menschenaffen. Bei der gemeinsamen Nahrungssuche versetzen sich die arbeitsteilig vorgehenden Partner in die Perspektive des jeweils anderen (Rekursivität) und unterstützen sich wechselseitig bei ihrem Vorhaben mit Hilfe von Gesten und ikonischen Gebärden, wobei sich letztere zu eigenständigen Zeichen (Symbolen) verselbständigen können. Die Verselbständigung der ikonischen Gebärden ermöglicht es den Akteuren, sich selbst beim Gestikulieren zu beobachten und die eigene Wirkung auf den Kommunikationspartner zu kontrollieren und einzuschätzen. Dazu gehört, daß die Kommunikationspartner zwischen den verschiedenen Perspektiven unterscheiden können, zwischen den eigenen und denen des jeweiligen anderen und auch zwischen verschiedenen möglichen Perspektiven, die zur Auswahl stehen. Die ikonischen Gebärden beinhalten deshalb auch erstmals so etwas wie einen von diesen Perspektiven unabhängigen propositionalen Inhalt: z.B. die potentielle Jagdbeute, auf die sich die Kommunikationsakte beziehen. Die Rekursivität ist auf zwei Personen („Zweitpersonalität“ (vgl.u.a. Tomasello 2014, S.56)) und auf die aktuelle gemeinsame Aufgabe beschränkt (vgl.u.a. Tomasello 2014, S.18f.).

Auf der Ebene der kollektiven Identität des modernen Menschen (die letzten 200 000 Jahre) haben wir es mit durch kulturelle und sprachliche Konventionen stabilisierten großen Gruppen zu tun, die miteinander um die zur Verfügung stehenden Ressourcen konkurrieren. Innerhalb der Gruppe werden die Perspektiven und Interessen der Gruppenmitglieder durch einen „akteursneutralen Standpunkt“ koordiniert. (Vgl.u.a.Tomasello 2014, S.19) Dieser Standpunkt gewährleistet eine objektive Repräsentation der sozialen Welt, d.h. wer, wann und wie bestimmte gemeinsame Aufgaben erledigt, und das einzelne Gruppenmitglied orientiert sich normativ an dem, was die Gruppe für richtig hält. ‚Fremde‘, die der eigenen Gruppe angehören, sich aber nie gesehen haben, erkennen einander als Gruppenmitglieder und vertrauen einander. Die gegliederte sprachliche Struktur (Subjekt-Prädikat-Struktur) ermöglicht eine deutliche Differenzierung zwischen subjektiven Perspektiven und Propositionen. Bei Meinungsverschiedenheiten ermöglicht der gemeinsame kulturelle Hintergrund das Anführen von Gründen, mit deren Hilfe das wechselseitige Verstehen (Rekursivität) wiederhergestellt werden kann und Entscheidungen gefällt werden können.

Die menschliche Kognition ist Tomasello zufolge seit dem Frühmenschen vor allem eine spezifisch soziale. Ihre grundlegenden Komponenten: Repräsentation, Schlußfolgern (Rekursivität) und Selbstbeobachtung, sind im Unterschied zu unseren Primatenverwandten nicht durch Konkurrenz, sondern durch Kooperation geprägt: „Welche nichtsoziale Theorie kann solche Dinge wie kulturelle Institutionen, perspektivische und konventionelle Konzeptualisierungen in natürlichen Sprachen, rekursives und rationales Schlußfolgern, objektive Perspektiven, soziale Normen und normative Selbststeuerung usw. erklären? All das sind durch und durch Phänomene der Koordination, und es ist nahezu unvorstellbar, daß sie evolutionär aus einer nichtsozialen Quelle entsprangen. So etwas wie die Hypothese geteilter Intentionalität muß einfach wahr sein.“ (Tomasello 2014, S.225)

In den folgenden Posts wird es mir nicht so sehr darum gehen, ob Tomasellos Hypothese tatsächlich wahr ist, sondern welche Aspekte des menschlichen Selbst- und Weltverhältnisses sie nicht berücksichtigt bzw. vernachlässigt.

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