Mittwoch, 29. Oktober 2014

Michael Tomasello, Eine Naturgeschichte des menschlichen Denkens, Berlin 2014

1. Zusammenfassung
2. Vom kreativen Sprung zum abduktiven Sprung
3. Algorithmen und Metaphern
4. Subjekt-Prädikat-Strukturen
5. Brechung des Intentionsstrahls
6. Ontogenese und Phylogenese
7. Externe Kommunikationsvehikel
8. Von individueller Kooperation zur Konkurrenz der Gruppen
9. Modularisierung der menschlichen Intelligenz

Tomasello resümiert in der Einleitung seines Buches die Wissensfortschritte in der Primatenforschung seit seinem Buch über „Die kulturelle Entwicklung des menschlichen Denkens“ (1999/2002): „Das Buch von 2002 war unkompliziert und einfach, weil die Daten, die wir aus dem Vergleich von Menschenaffen mit Menschen hatten, so spärlich waren. Daher konnten wir solche Dinge sagen wie ‚Nur Menschen verstehen andere als intentionale Akteure, und das ermöglicht die menschliche Kultur‘. Aber wir wissen jetzt, daß das Bild komplexer ist.“ (Tomasello 2014, S.9; vgl. auch meine beiden Posts vom 24.05.2011)

Auf die zum Teil auf diese zeitliche Differenz zurückzuführenden, zum Teil aber auch in der Methodik begründeten Divergenzen in der Primatenforschung bin ich auch schon in zwei Posts zu Frans de Waal (2009/2011) eingegangen. (Vgl. meine Posts vom 15.05.2011) Tomasello macht den „entscheidende(n) Unterschied“ zwischen damals und heute daran fest, „daß Menschen andere nicht nur als intentionale Akteure verstehen, sondern ihre Köpfe auch mit anderen in Akten geteilter Intentionalität zusammenstecken, zu denen alles von konkreten Akten gemeinschaftlichen Problemlösens bis zu komplexen kulturellen Institutionen gehört“. (Vgl. Tomasello 2014, S.9)

Mit diesem der Menge der neuen ‚Daten‘ verdankten ‚Erkenntnisfortschritt‘ sind allerdings einige Differenzierungen bezüglich der menschlichen Kognition verloren gegangen, die Tomasellos damaligen Erkenntnisstand noch ausgezeichnet hatten. Zu diesen Verlusten gehört z.B. die Differenzierung zwischen Geisteswissenschaften und Naturwissenschaften. Eine Berücksichtigung dieser Differenz hätte Tomasello möglicherweise davor bewahrt, die individuelle Intentionalität des letzten gemeinsamen Vorfahren von Menschenaffen und modernen Menschen auf eine algorithmisch strukturierte Maschinenintelligenz zu reduzieren. Der für die Geisteswissenschaften wesentliche Begriff der Metapher hätte Tomasello bei der Interpretation der Primatenintelligenz für die kognitive Empfänglichkeit der individuellen Intentionalität für den Gestaltcharakter von Situationswahrnehmungen sensibilisiert. Darauf werde ich nochmal im nächsten Post zu sprechen kommen.

In seinem früheren Buch zur kulturellen Entwicklung des menschlichen Denkens hatte Tomasello auch noch mit Bezug auf Ferdinand Tönnies zwischen Gemeinschaft und Gesellschaft unterschieden. (Vgl. Tomasello 1999/2002, S.9f.) In seinem aktuellen Buch verwendet Tomasello nur den Begriff der Zweitpersonalität von ‚Ich‘ und ‚Du‘, die sich, so Tomasello, nur noch ad hoc bei Gelegenheit gemeinschaftlicher Nahrungssuche einstellt und wieder auflöst, wenn man sein gemeinsames Ziel erreicht und die Beute erlegt hat. (Vgl.u.a. Tomasello 2014, S.18f.) Stabilere, ebenfalls dyadische Gemeinschaftsformen wie ‚Liebe‘ oder ‚Freundschaft‘ kommen hier nicht mehr vor. Stabile soziale Beziehungen reserviert Tomasello für den modernen Menschen mit seiner kollektiven Wir-Intentionalität. Damit verschwindet die Differenz zwischen Gemeinschaft und Gesellschaft. Auch darauf werde ich in einem der folgenden Posts noch genauer eingehen.

Insbesondere der Fokus „auf der Kultur als einem Prozeß sozialer Koordination“ (vgl. Tomasello 2014, S.9f.) hat dazu beigetragen, daß Tomasello die individuelle Intentionalität der Menschenaffen entwertet. Zwar bemüht er sich darum, die Menschenaffen nicht allzu weit von dem modernen Menschen wegzurücken, indem er immer wieder auch den modernen Menschen selbst als einen Menschenaffen kennzeichnet; so spricht er z.B. gerne von Menschen und „anderen Menschenaffen“ (vgl.u.a. Tomasello 2014, S.32, 56, 61). Dennoch bezeichnet er die individuelle Intentionalität des Menschenaffen im Vergleich zur gemeinsamen und zur kollektiven Intentionalität des Frühmenschen und des modernen Menschen als „primitiv“. (Vgl.u.a. Tomasello 2014, S.15)

Zwar geht es hierbei unter anderem immer auch darum, die Vorsprachlichkeit der individuellen Intentionalität hervorzuheben und damit wesentliche Intelligenzleistungen von der verbreiteten Fixierung auf Sprache und Kultur zu lösen. (Vgl. Tomasello 2014, S.15, 53, 106, 189f., 205) Aber mit dieser evolutionsbiologischen Trennung zwischen den Kognitionsformen geht verloren, daß die individuelle Intentionalität auch beim modernen Menschen nicht einfach in der sozialen Kognition aufgeht, sondern eine eigenständige, wichtige Funktion gerade auch als spezifisches Gattungsmerkmal von homo sapiens innehat. In seinem Buch zur kulturellen Entwicklung des menschlichen Denkens (1999/2002) hatte Tomasello noch um diese wichtige Funktion gewußt und die individuelle Intentionalität der heutigen Menschenaffen als eine der gemeinsamen und kollektiven Intentionalität gleichwertige Kognitionsleistung dargestellt.

Diese Gleichstellung von individueller und geteilter Intentionalität – ‚geteilt‘ verwende ich jetzt summarisch für ‚gemeinsam‘ und ‚kollektiv‘ – hatte Tomasello auf den Begriff des „kreativen Sprungs“ gebracht. (Vgl. Tomasello 1999/2002, S.67) Nur wenn individuelle und geteilte Intentionalität gleichwertige Intelligenzmerkmale darstellen, kann es so etwas wie kreative Sprünge geben, d.h. die Fähigkeit von kleinen Kindern, ab dem vierten und fünften Lebensjahr zwischen individuellen (eigennützigen) und sozialen Interessen hin und her zu springen und so überraschende, originelle Lernfortschritte zu machen. Nur deshalb mündet die gemeinsame Intentionalität des Frühmenschen nicht in einer ‚Gruppendenke‘ (vgl. meinen Post vom 04.08.2011) oder ‚Schwarmintelligenz‘. Gäbe es im menschlichen Denken nicht einen ständig virulenten, an seinem eigenen Recht festhaltenden Anteil individueller Intentionalität, wäre die von Tomasello beschriebene kollektive Intentionalität von einer Schwarmintelligenz nicht zu unterscheiden. Außerdem stellen die kreativen Sprünge so etwas wie eine ‚Rückstelltaste‘ am kulturellen „Wagenheber“ (Tomasello 2014, S.128) dar, die die Chance bietet, kulturelle Fehlentwicklungen zu korrigieren.

Der Begriff des kreativen Sprungs taucht also in Tomasellos aktuellem Buch nicht mehr auf. An dessen Stelle tritt aber jetzt ein anderer, hoch interessanter Begriff: der „abduktive Sprung“. (Vgl. Tomasello 2014, S.90, 109, 111, 120, 142) Auf die Abduktionslogik in Tomasellos Vorgehen bin ich schon im letzten Post eingegangen. Dabei handelt es sich um ein Verfahren, bei dem von aktuell beobachtbaren Wirkungen auf vergangene, nicht mehr beobachtbare Ursachen zurückgeschlossen wird. Tomasello erweitert dieses Verfahren auf beobachtbares Verhalten, von dem aus er auf innere seelische bzw. kognitive Prozesse zurückschließt. In gewisser Weise ist der logische ‚Sprung‘ von äußerem Verhalten zu inneren Zuständen bzw. Erlebnissen also ein kreativer Akt, wie die kreativen Sprünge aus seinem früheren Buch. In der Kommunikation schließen die Gesprächspartner rekursiv von den äußeren „Kommunikationsvehikeln“ (Tomasello 2014, S.16, 114, 120, 223), Gesten, Gebärden und Worten, auf die jeweiligen inneren Zustände des Partners:
„Die Frühmenschen richteten die Aufmerksamkeit ihrer Kooperationspartner durch Zeigegesten auf relevante Situationen, was erforderte, daß sie deren Perspektive einnahmen und ihr Denken simulierten (das heißt mittels des abduktiven Sprungs, von dem erwartet wurde, daß sie ihn angesichts verschiedener möglicher Kommunikationsakte machen). Um zu verstehen, mußte die Empfängerin die Perspektive des ihre Perspektive einnehmenden Kommunizierenden einnehmen – woraus eine neue Form sozial rekursiver Schlüsse entstand.“ (Tomasello 2014, S.120)
Diesen Begriff des „abduktiven Sprungs“ könnte man noch um den Begriff der Lücke bzw. des „Slots“ ergänzen, die den Zuhörer wie eine offene Tür dazu einladen, in das gemeinsame Thema, um das es geht, einzutreten bzw. zu ‚springen‘. In einem Post zu Harald Welzer (vom 22.03.2011) war es in diesem Blog schon einmal um Verständnislücken gegangen, offene Leerstellen in Erzählungen, die es den Zuhörern ermöglichen, ihren eigenen Sinn in die Erzählung hineinzumontieren. Auch Tomasello spricht von solchen ‚Slots‘:
„Als die Menschen begannen, kommunikative Konstruktionen mit abstrakten Slots auf diese Weise zu schematisieren, schufen sie für sich eine nahezu unbegrenzte kombinatorische Freiheit. Die Schemabildung in Kommunikationsakten und die Zergliederung kommunikativer Absichten in diskrete manifeste Komponenten stellen einen bedeutenden Schritt in Richtung jener Art von ‚inferentieller Promiskuität‘ dar, die für das moderne menschliche Denken in einer konventionellen Sprache charakteristisch ist.“ (Tomasello 2014, S.114)
Solche abstrakten Slots sind letztlich nichts anderes als das, was Geisteswissenschaftler als individuelles Allgemeines bezeichnen. Wörter sind immer abstrakt, insbesondere Pronomina wie ich, du, er, sie, es etc. oder Eigennamen wie John oder Mary (vgl. Tomasello 2014, S.142), und es ist Sache des Zuhörers, sie mit eigenem Sinn zu füllen und so zwischen individuellem und gemeinsamem Sinn ‚kreativ‘ hin und her zu ‚springen‘.

Die von Tomasello beschriebenen abduktiven Sprünge ähneln also dem, was er in seinem früheren Buch kreative Sprünge nennt. Dennoch geht hier mit den kreativen Sprüngen etwas verloren: die Wertschätzung der individuellen Intentionalität.

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