„...letztlich ist der Mensch, als Folge oder Krönung der Evolution, nur in der Totalität der Erde begreifbar.“ (Leroi-Gourhan, Hand und Wort, S.22)

Mittwoch, 19. Februar 2020

Wiedergewinnung des Ausdrucks

Das zentrale Thema des „Doktor Faustus“ (1947/1974), einer fiktiven Biographie des Komponisten Adrian Leverkühn, geschrieben von seinem Kindheitsfreund Serenus Zeitblom, ist die „Wiedergewinnung“ bzw. „Rekonstruktion des Ausdrucks“ mithilfe der Musik. (Vgl. Mann 1947/1974, S.643) Adrian Leverkühns Persönlichkeit wurde von Thomas Mann nach dem Vorbild von Friedrich Nietzsche gestaltet, bis in die Details einer Syphiliserkrankung und einer Adrian Leverkühns Karriere als Komponist beendenden Demenz hinein, die zu einer Rückkehr in die Obhut seiner Mutter führt.

‚Ausdruck‘ und ‚Form‘ stehen in einem spannungsvollen, antagonistischen Verhältnis zueinander: je künstlicher, je konstruierter die Form, um so ausdrucksloser erscheint sie uns. Der Ausdruck wiederum ist vor allem Ausdruck von Gefühl, von Lebensintensität; er ist expressiv. Und Thomas Mann verbindet diese Expressivität insbesondere mit der Expression von Schmerz und Leid, als den ursprünglichsten Zuständen der Kreatur. Insofern ist Ausdruck vor allem Klage, und ihr Gegenteil, das Lachen, zeugt nicht wie bei Plessner, von unserer Menschlichkeit, sondern deutet auf Gefühlskälte. So stellt Serenus Zeitblom fest:
„... die Klage ist der Ausdruck selbst, man kann sagen, daß aller Ausdruck Klage ist, wie denn die Musik, sobald sie sich als Ausdruck begreift, am Beginn ihrer modernen Geschichte, zur Klage wird und zum ‚Lasciatemi morire‘, zur Klage der Ariadne, zum leis widerhallenden Klagegesang von Nymphen.“ (Mann 1947/1974, S.644)
Deshalb ist es auch kein gutes Zeichen, daß Adrian Leverkühn zum Lachen neigt, insbesondere wenn er mit intensiven Gefühlen konfrontiert wird. Es ist ein leicht spöttisches, sich distanzierendes Lachen; da will und kann sich einer nicht gemein machen mit den Niederungen und Peinlichkeiten unserer Menschlichkeit.

Es ist also kein Wunder, daß Leverkühn für das Versprechen, Großes in der Musik schaffen zu können, seine Seele dem Teufel verkauft. Von Anfang an stellt der biedere Humanist Serenus Zeitblom die Musik, in Verbindung mit der Theologie, in der Leverkühn einen Doktortitel erwirbt, also insbesondere die sakrale Musik unter den Verdacht einer unkontrollierbaren Irrationalität, einer Nähe zum Teufel. Kein anderes Medium vermag den dämonischen Bodensatz im Menschen so sehr aufzuwühlen und ihm zum Durchbruch zu verhelfen wie die Musik.

Auf der anderen Seite steht die Künstlichkeit der Musik, ihre mathematische Konstruierbarkeit. Und im Dienste dieser ‚kalten‘ Konstruierbarkeit steht der Komponist Leverkühn. Gerade ihm aber soll es gelingen, in der perfekt konstruierten „Weheklag“ des „Dr. Fausti“ – dieses den Jubel von Beethovens neunter Symphonie zurücknehmenden Faust-Oratoriums, dieser Anti-Symphonie, in der Gott selbst die Welt nicht mehr erschaffen haben will, von ihr nichts mehr wissen will (vgl. Mann 1947/1974, S.643) – den verlorengegangenen Ausdruck wiederzugewinnen: im letzten „nachschwingend(en), im Schweigen hängende(n) Ton“ nämlich, „der nicht mehr ist, dem nur die Seele noch nachlauscht, und der Ausklang der Trauer war, ist es nicht mehr, wandelt den Sinn, steht als ein Licht in der Nacht“. (Vgl. Mann 1947/1974, S.651)

Mit einem Hinweis auf Adorno, der ihn beim Schreiben des Romans beraten hatte (vgl. „Die Entstehung des Doktor Faustus“ (1949/1974)), hebt Thomas Mann die enorme Bedeutung des Expressiven nicht nur für Adorno, sondern auch für den „Doktor Faustus“ hervor:
„Dieser merkwürdige Kopf hat die berufliche Entscheidung zwischen Philosophie und Musik sein Leben lang abgelehnt. Zu gewiß war es ihm, daß er in beiden divergenten Bereichen eigentlich das Gleiche verfolge.“ (Vgl. Mann 1949/1974, S.709)
Das „Gleiche“ in den beiden „divergenten Bereichen“ war für Adorno aber immer das Nicht-Identische, also das, was nicht in begrifflichen (oder musikalischen) Konstruktionen aufging: der Schmerz und das Leid der Kreatur.

Immer wieder kommt Serenus Zeitblom in seiner Biographie auf die verschiedenen Phasen in Leverkühns Leben zu sprechen, in denen die Grenze zwischen anorganischer und organischer Materie, zwischen dem Toten und dem Lebendigen verschwimmt und wo schon der toten Materie eine vergebliche Sehnsucht nach Leben innezuwohnen scheint. Dabei handelt es sich um chemisch-physikalische Experimente von Leverkühns Vater und um Adrians eigene Person, in der die Krankheit, kleinste das Gehirn bewohnende und zersetzende Erreger, geistige und kompositorische Höchstleistungen zu provozieren vermag.

Die unbelebte Materie tut so, als wäre sie belebt, indem sie organische Formen hervorbringt, wie etwa die Eisblumen auf Fensterscheiben im Winter, oder in einer Wasserlösung, die Leverkühns Vater angesetzt hat, in der aus einem anorganischen Bodensatz belebte Pflanzen, Organismen, hervorzuwachsen scheinen, die aber dennoch nichts als tote Materie sind. Serenus Zeitblom ist Augenzeuge und schreibt:
„... das Merkwürdigste, was mir je vor Augen gekommen: merkwürdig nicht so sehr um seines (des Experiments – DZ) allerdings sehr wunderlichen und verwirrenden Ansehens willen, als wegen seiner tief melancholischen Natur. Denn wenn Vater Leverkühn uns fragte, was wir davon hielten, und wir ihm zaghaft antworteten es möchten Pflanzen sein, – ‚nein‘, erwiderte er, ‚es sind keine, sie tun nur so. Aber achtet sie darum nicht geringer! Eben daß sie so tun und sich aufs beste darum bemühen, ist jeglicher Achtung würdig.‘“ (Vgl. Mann 1947/1974, S.65)
Wo Zeitblom selbst ein Unbehagen, aber auch ein vages Mitleid mit der toten Materie empfindet, entlockt das Experiment des Vaters bei Adrian nur ein Lachen.

So wie im chemisch-physikalischen Experiment tote Materie das Leben nachahmt, ahmt das Echo die menschliche Stimme nach. Der klagende Widerhall des Echos wird zur bestimmenden Struktur von „Dr. Fausti Weheklag“. Das Echo scheint Menschenlaute nachzuäffen, die aber nichts anderes sind als tote Naturlaute. So beginnt die Klage als Ausdruck schon in der toten Materie, aus deren Klage der Mensch als derjenige hervorgeht, dem die Stimme gegeben ist, der Klage Ausdruck zu geben. Wir haben es bei „Dr. Fausti Weheklag“ mit der kunstvollen Rekonstruktion eines Echos zu tun, das durch die Jahrtausende hallt. Hier beginnt die kulturelle Evolution des Menschen: mit der Expression, und nicht mit der Proposition, dem Aussagesatz der Linguisten, in dem es um die Mitteilung von Informationen geht.

In der Klage wird die Seele expressiv, die wiederum nichts anderes ist, als die Klage ihres Nicht-Seins, ihres sein Wollens, aber nicht sein Könnens. Und „Dr. Fausti Weheklag“ ist wiederum nichts anderes als die musikalische Rekonstruktion dieser Klage, auf höchstem künstlerischen, rational durchkalkuliertem Niveau, die am Ende umschlägt in Hoffnung, in die Wiedergewinnung dessen, was fehlt, als letzter verklungener, im Schweigen hängender Ton.

Aber letztlich: was unterscheidet diese Hoffnung von der Auskristallisation von Eisblumen auf Fensterscheiben? Thomas Manns Antwort: die Transzendenz der Verzweiflung. Ich nenne das die zweite Naivität, eine begriffliche Prägung, bei der sich Plessner übrigens auf Nietzsche beruft! (Vgl. „Die verspätete Nation“, 6/1998 (1935/59), S.174)

PS: Thomas Manns „Zauberberg“ (1924) und sein „Doktor Faustus“ (1947) haben die gleiche Thematik. In beiden Romanen spielen Epochenumbrüche eine zentrale Rolle: die Zeit vor dem ersten Weltkrieg und die Zeit vor dem zweiten Weltkrieg. In beiden Romanen geht es um das Verhältnis von Zeit und Musik, wobei die Musik eine beiden Romanen ähnliche ambivalente Bedeutung hat, als mal dämonisches, mal harmlos unterhaltendes und mal als geistig und seelisch erhebendes Medium. So auch die Krankheit. Der „Zauberberg“ spielt ja in einem Sanatorium; Hans Castorp, der Protagonist, und der Humanist Settenbrini streiten sich darüber, ob die Krankheit den Menschen ‚veredelt‘ bzw. ‚vertieft‘ oder ihn zum Tier erniedrigt. Die Parallele zum „Doktor Faustus“ geht bis hin zum bloß graduellen Hervorgang des organischen Lebens aus der anorganischen Materie, so daß in der Krankheit sich das Anorganische noch auf den Geist auszuwirken und ihn zu beflügeln vermag. Settembrini steht entschieden auf der Seite der Gesundheit. Darin – und auch in seinem Humanismus – gleicht Settembrini dem Biographen Zeitblom. Settembrini bezeichnet sich selbst auch als ‚Pädagogen‘; eine weitere Parallele zum Gymnasiallehrer Zeitblom. In Settembrinis Gegenspieler, Naphta, lassen sich unschwer die verschiedenen Verkörperungen des Mephisto aus „Doktor Faustus“ wiedererkennen.

Hans Castorp wiederum wird von Thomas Mann als jemand beschrieben, der nicht mehr in die schnellebige, sich rasch verändernde Zeit um 1900 paßt. Er ist gleichsam aus der Zeit herausgefallen, so wie ja auch das ganze Sanatorium ein Ort außerhalb der Zeit ist. Das paßt zu Adrian Leverkühn, der ebenfalls kein Zeitgenosse ist und sich auf einen Bauernhof am Rande der gesellschaftlichen Welt zurückgezogen hat. Es gibt also nicht nur thematische, sondern auch personelle Parallelen zwischen den beiden Romanen, bis in das Schicksal der beiden Protagonisten hinein: beide gehen am Ende zugrunde.

„Doktor Faustus“ scheint mir aber literarisch oder auch philosophisch bedeutsamer zu sein als der „Zauberberg“.

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Sonntag, 16. Februar 2020

Kleine politische Farbenlehre (Fortsetzung)

Ich glaube, ich habe im letzten Blogpost deutlich machen können, daß wir es bei der CDU keineswegs mit einer wertkonservativen Partei zu tun haben. Im Sinne eines christlich-bürgerlich-liberalen Wertekanons können wir eher die SPD und die Grünen ‚wertkonservativ‘ nennen. Bei der Linken finden wir eher einen internationalistisch-kollektivistischen Wertekanon. Aber wie die anderen Parteien mit Ausnahme der AfD steht die Linke einwandfrei auf dem Boden des deutschen Grundgesetzes.

Nun darf man aber nicht den Fehler machen, zu denken, das Grundgesetz beinhalte einen Wertekanon! Es vertritt vielmehr eine wertneutrale Haltung, die über den Werten steht, so daß im Geltungsbereich des Grundgesetzes viele verschiedene Wertorientierungen möglich sind. Das Grundgesetz kennt nur einen einzigen Wert, an den sich alle Wertekanons begrenzen lassen müssen: die Würde des Menschen.

An diesen Grundkonsens, der Unantastbarkeit der Würde des Menschen, haben sich alle demokratischen Parteien zu halten, gleichgültig, welchem Wertekanon sie sich verpflichtet fühlen. Auch wenn ich der Werteorientierung der CDU/CSU mißtraue, die allen Ernstes meint, am Ende der Merkel-Ära in die 1950er Jahre zurückkehren zu können; und auch wenn die FDP den Liberalismus auf Wirtschaftsliberalismus verengt, können wir wohl doch davon ausgehen, daß auch in diesen Parteien die Würde des Menschen nicht zur Disposition steht.

Nur eine einzige der im Bundestag und in den Landtagen vertretenen Parteien arbeitet an der Relativierung und damit an der Abschaffung dieses Grundwertes: die AfD. Und genau das ist es, was diese Demokratie nicht tolerieren kann. An diesem Punkt ist das Grundgesetz nicht werteneutral.

Mir wird viel zu viel von der ‚Wertegemeinschaft‘ gesprochen, mit der mal Europa, mal die NATO gemeint ist. Europa ist in erster Linie ein Wirtschaftsraum. Die ‚Werte‘, um die es hier geht, sind Werte des freien Personen- und Warenverkehrs. Die Würde des Menschen spielt da nur am Rande eine Rolle. Es gibt auch keine Wertegemeinschaft mit den USA. Die Werteorientierung der US-Amerikaner unterscheidet sich zum Teil erheblich von der unseren. Die einzige Gemeinsamkeit könnte auch hier wieder nur die Unantastbarkeit der Würde des Menschen bilden. Aber wir wissen ja nur allzu gut, wie es um diesen Grundwert unter dem derzeitigen US-Präsidenten bestellt ist.

Worte wie ‚Wertegemeinschaft‘ sind schnell dahergesagt. Es ist wie mit der Werteorientierung der CDU: so wie sie bestimmte Werte für sich in Anspruch nimmt, ohne daß damit eine substantielle politische Praxis einhergeht, schadet sie ihnen mehr, als sie ihnen nutzt. Und es öffnet dem destruktiven Populismus a la AfD Tür und Tor.

Freitag, 14. Februar 2020

Kleine politische Farbenlehre

Nach dem angekündigten Rücktritt von AKK ist die CDU wiedermal auf der Suche nach einem Vorsitzenden und einem geeigneten Kanzlerkandidaten. Und dabei spielen die Worte ‚konservativ‘ und ‚Werte‘ eine große Rolle. Dabei ist die CDU weder konservativ noch werteorientiert. Sie hat sich vielmehr auf technologischen Fortschritt, Wirtschaftswachstum und umfassende Digitalisierung festgelegt. Das sind aber alles Faktoren, die die Werte, für die die CDU angeblich eintritt, zerstören. Und das ist nicht etwa die Schuld der Bundeskanzlerin. Es war vielmehr immer schon so, daß der angebliche Wertekonservativismus der CDU nur eine fromme Lebenslüge gewesen war, an die nicht wenige in dieser Partei selbst geglaubt haben. Auch als die christliche Werteidylle scheinbar noch in Ordnung gewesen war, betrieb die CDU im Verbund mit der FDP eine Wirtschaftspolitik, die diese ‚Idylle‘ gnadenlos zerstörte. Ich glaube, ich kann mit Fug und Recht behaupten, daß ich konservativer bin als die CDU; vielleicht sogar konservativer als die ominöse Werte-Union.

Ähnliches gilt für alle anderen Parteien. Ich bin grüner als die Grünen, gleichermaßen sozialer und sozialistischer als die SPD und liberaler als die FDP. Nun kann ich zwar nicht behaupten, daß ich linker als die Linke bin, aber ihrer Kapitalismuskritik stimme ich uneingeschränkt zu. Nur daß ich deshalb nicht gleich zum Linkenwähler werde. Solange die Grünen mir keinen Grund geben, ernsthaft an ihrer ökologischen Prinzipientreue zu zweifeln, werde ich sie weiterhin wählen. Denn ich bin überzeugt, daß sich das mit dem Kapitalismus von selbst erledigt, sobald diese Gesellschaft ihre Verantwortung für die kommenden Generationen im Kampf gegen den Klimawandel ernstnimmt.

Heikel wird es, wenn ich an die AfD denke. Ich würde sagen, daß ich heimatverbundener als die AfD bin. Dabei denke ich vor allem an die Verantwortung dieses Landes für die spezifisch deutsche Geschichte. Denn viele Opfer des Nationalsozialismus hatten ihre Heimat in Deutschland: Juden, Sinti und Roma, Sozialisten und Kommunisten, sexuell Diskriminierte, um nur einige zu nennen. Viele von ihnen nannten Deutschland ihre Heimat. Begriffe wie ‚Nation‘ und ‚Volk‘ hingegen sind in diesem Land für alle Zeiten nicht mehr anwendbar. ‚Volk‘ nicht, weil es endgültig untrennbar mit Begriffen wie ‚völkisch‘ und ‚Volksgerichtshof‘ verbunden ist; und ‚Nation‘ nicht, weil zu jeder Nation unweigerlich ein Volk gehört. Nein danke! Ich bin Bürger eines demokratisch verfaßten Gemeinwesens und kein Volksgenosse.

‚Heimat‘ hingegen verstehe ich vor allem regional. Sie ist begrenzt auf eine überschaubare Region. Mit ihr geht eine gewisse geographische Bescheidenheit einher. Heimat ist geopolitisch nicht mißbrauchbar. – Ja. Ich denke, ich kann sagen, ich bin heimatverbundener als die AfD.

Freitag, 7. Februar 2020

150. Geburtstag von Alfred Adler

In diesen Tagen jährt sich der 150. Geburtstag von Alfred Adler (1870-1837). Eine Gelegenheit, um auf Parallelen zwischen seiner Individualpsychologie und meiner Anthropologie hinzuweisen. Alfred Adler pointierte die Ontogenese des Individuums gegenüber den anderen beiden Entwicklungsebenen, der biologischen und kulturellen Phylogenese. Und im Rahmen dieser Positionierung des Individuums hob er den „Minderwertigkeitskomplex“ als das Hauptmotiv für die Entwicklung des individuellen Menschen hervor.

Beides entspricht meinem eigenen Ansatz, insofern ich das Individuum auf der Grenze zwischen Biologie und Kultur positioniere und es als Subjekt der Menschheitsentwicklung verstehe. Der Minderwertigkeitskomplex entspricht wiederum der exzentrischen Positionalität von Helmuth Plessner, denn diese beruht auf der Erfahrung des intentionalen Scheiterns, die zu einem „Hiatus“ führt, zu einem unheilbaren Bruch zwischen Mensch und Welt. Diese Erfahrung des Scheiterns kann man aus psychologischer Sicht ohne weiteres auch als Minderwertigkeitserfahrung bezeichnen und als anthropologische Komplexion, also als eine komplexe Struktur in der menschlichen Psyche begreifen. „Minderwertigkeitskomplex“ bezeichnet also kein Krankheitsbild.

Übrigens wußte auch Jean-Jacques Rousseau in seinem Emile (1760) von diesem Minderwertigkeitskomplex. So beschreibt er das Entwicklungsprinzip des Kindes als ein Streben nach Stärke aus der Position der Schwäche heraus. Versucht man aus falsch verstandener Fürsorge dem Kind über seine Schwäche hinwegzuhelfen bzw. hinwegzutäuschen, nimmt man ihm den Wunsch, zu wachsen. Das kann man auch auf die heutigen digitalen Technologien beziehen. Sie zielen darauf ab, die Menschen an allseitige Befürsorgung (Internet der Dinge) zu gewöhnen. Daraus entsteht ein Bewußtsein der Omnipotenz. Die Menschen hören auf, sich (individuell) zu entwickeln.

Mittwoch, 5. Februar 2020

Sprechverbote: ‚Flüchtling‘

Alle Welt spricht nur noch von ‚Geflüchteten‘.
Was ist mit ‚Säugling‘? – Darf man das jetzt auch nicht mehr sagen?
Oder ‚Liebling‘? – Ist das auch verboten?
Oder ‚Jüngling‘? – Ein schönes altes Wort, das niemand mehr gebraucht. Ein Problem?

Ich bin übrigens selbst ein Flüchtling. Jedesmal, wenn ich mich lesend in ein Buch vertiefe, flüchte ich aus dieser Welt in eine andere.

Sprache lebt von Mehrdeutigkeiten. Ihr Funktionsprinzip ist das der Metapher. Schaffe die Mehrdeutigkeiten ab, und Du schaffst die Sprache ab. ‚Flüchtling‘ könnte negative Konnotationen auslösen? Das kommt darauf an. Manchmal ja und manchmal nein. Wer der Ansicht ist, daß alle Sträflinge dieser Welt zurecht im Gefängnis sitzen, mag das so empfinden. Aber keine Zensur kann solche negativen Konnotationen abschaffen; auch nicht durch die Ersetzung eines Wortes durch ein anderes. Für mich jedenfalls hat das Wort etwas Positives: es deutet auf eine Alternative, eine Option, auf die Möglichkeit eines Entkommens. ‚Geflüchteter‘ hingegen hat in meinen Ohren eher etwas Fatalistisches, und es deutet eher auf einen Verlust als auf einen Gewinn.

Was ist der eigentliche Effekt solcher Sprechverbote? Sie schaffen zusätzliche Kommunikationsbarrieren in einer ohnehin schon kommunikationsgestörten Welt. Auf der einen Seite stehen diejenigen, die das Wort ‚Flüchtling‘ weiterhin verwenden, auf der anderen diejenigen, die ‚Geflüchtete‘ sagen. Wer das eine Wort verwendet, will mit denjenigen, die das andere Wort verwenden, nichts mehr zu tun haben.

Das ist das Schlimmste, was passieren kann. Wer sich nicht mehr traut, mehrdeutige Wörter zu verwenden und ihnen, wie Wittgenstein sagt, durch den Gebrauch allererst einen Sinn zu verleihen, schafft nicht nur die Sprache ab, sondern auch die Kommunikation.

Da fällt mir noch ein fieses Ling-Wort ein: Schmetterling! – Angesichts dessen, womit uns dieses Wort droht, möchte man glatt zum Geflüchteten werden. Doch nein! – Der Duden belehrt uns, daß ‚Schmetterling‘ so viel wie ‚Buttervogel‘ bedeutet.
Uff!

Dienstag, 4. Februar 2020

Meine Petition: Zwischenstand

Am 06. Januar ist meine Petition zur „Gewährleistung des Rechts auf ein Offline-Leben“ auf der Bundestagswebsite online gegangen. Gestern endete die Mitzeichnungsfrist, und die parlamentarische Prüfung der Petition beginnt. Das Quorum von 50.000 Mitzeichnungen habe ich nicht erreicht. Habe ich auch nicht erwartet. Zum Schluß lag der Stand bei 3.526 Mitzeichnungen. Das ist tatsächlich mehr, als ich erwartet hatte. Die meiste Zeit über lag meine Petition bei den Mitzeichnungen auf dem zweiten Platz. Zuletzt machte mir den ersten Platz, den ich in der Statistik erreicht hatte, eine Petition zur Abschaffung der Kassenbonpflicht streitig. Bei den Kommentaren zur Petition lag ich durchgehend an der Spitze.

Die meisten Kommentatoren, Kommentatorinnen waren ernsthaft interessiert. Lediglich ein Kommantator wandte sich mit rhetorischen Tricks gegen die Petition, indem er/sie mir Unredlichkeit vorwarf, weil ich die Petition für ein Offline-Leben online gestellt hatte. Aber gerade dieser Kommentar sorgte mit 32 darauf reagierenden Kommentaren für eine rege Kommentaraktivität. War also im Endeffekt eine gute Sache.

Diese Petition gehört zu meinen letzten Online-Aktionen. Im April beende ich meine Bloggerei, lasse aber meinen Blog online.

PS (06.01.2021):
Heute erhalte ich einen Brief vom Petitionsausschuß vom 11.12.2020, in dem mir mitgeteilt wird, daß das Petitionsverfahren (Pet 1-19-06-2005-027804) abgeschlossen sei, mit dem Ergebnis, daß „dem Anliegen entsprochen worden ist“.

Zum Anliegen der Petition führt der Petitionsausschuß aus: „Mit der Petition wird ein Gesetz gefordert, dass das Führen eines Offline-Lebens hinsichtlich der Kommunikation mit Behörden gewährleistet. Zu dieser Thematik liegen dem Petitionsausschuss eine auf der Internetseite des Deutschen Bundestages veröffentlichte Eingabe mit 3526 Mitzeichnungen und 84 Diskussionsbeiträgen sowie weitere Eingaben mit verwandter Zielsetzung vor, die wegen des Sachzusammenhangs einer gemeinsamen parlamentarischen Behandlung zugeführt werden. ... Zur Begründung des Anliegens wird im Wesentlichen ausgeführt, dass das Recht auf Führen eines Offline-Lebens aus dem Grundrecht auf freie Persönlichkeitsentfaltung gemäß Artikel 2 Absatz 1 des Grundgesetzes (GG) abzuleiten sei. Aus diesem Grundrecht folge auch das ‚Recht auf informationelle Selbstbestimmung‘, das durch das alle Lebensbereiche umfassende Digitalisierungsprojekt der Bundesregierung verletzt werde. Das ‚Recht auf ein Offline-Leben‘ beinhalte, dass die gesellschaftliche Infrastruktur nicht vollständig digitalisiert werde, sondern Strukturen zur Verfügung stelle, die Verwaltungsakte, Eingaben, Steuererkärungen etc. nach wie vor auf Papiergrundlage ermöglichten. Es gehe also um die Verhinderung des vollständigen Rückbaus von Offline-Infrastrukturen.“

Zur Begründung, inwiefern dem Anliegen des Petenten schon entsprochen worden sei, verweist der Petitionsausschuß auf die Broschüre „Digitalisierung gestalten - Umsetzungsstrategie der Bundesregierung“:


Desweiteren führt der Petitionsausschuß aus: „Bei den elektronischen Informations-, Kommunikations- und Transaktionsangeboten der Verwaltung für Bürgerinnen und Bürger wird eine Multikanalstrategie verfolgt. Neben neuen digitalen Zugängen werden weiterhin auch die etablierten Zugänge (insbesondere persönliche Vorsprache, Telefon, Telefax oder Schreiben) angeboten. Ferner stellt der Aussuss fest, dass auch im Verwaltungsverfahrensgesetz (VwVfG) keine Begrenzung auf bestimmte Kommunikationsarten zwischen Bürger und Verwaltung erfolgt. Die Nutzung der elektronischen Kommunikations ist freiwillig.“

So weit so gut. Aber entspricht das auch der Realität? Meines Wissens gibt es zumindestens einige Finanzämter, die den Bürgerinnen und Bürgern keineswegs die Wahl lassen, ihre Steuererklärung auf Papier abzugeben, und die sie auf die elektronische Steuererklärung verpflichten. Zumindestens aber scheint es auf der Grundlage dieses Briefes möglich zu sein, dagegen Widerspruch einzulegen.

PPS (17.04.2021)

Samstag, 1. Februar 2020

Offline

In dem Roman „Unser Leben in den Wäldern“ (2019) von Marie Darrieussecq befindet sich ein Manifest des Offline-Gehens. Ich gebe es hier leicht gekürzt wieder. Mit ‚beide Hände als Maus benutzen‘ meint die Autorin, daß in nicht allzu ferner Zukunft unser „Körper als Schnittstelle“ funktioniert. (Vgl.S.84) In die Handgelenke sind Chips implantiert, mit denen wir unsere Wohnungen aufschließen und Geräte wie z.B. Fahrzeuge aktivieren, die wir zugleich mit ausladenden Hand- und Armbewegungen dirigieren. Mit der „Geschichtsschreibung“ zur „kognitiven Benutzung unserer Hände“ spielt die Autorin auf André Leroi-Gourhans „Hand und Wort“ (1964/65) an. Ob die im zweiten Absatz angesprochenen neurophysiologischen Befunde korrekt sind, kann ich nicht beurteilen.
„Wenn man nicht mehr dauerhaft online sein will, muss man sich als Erstes abgewöhnen, die eigenen Hände als Maus einzusetzen. Das ist schwer, ich weiß. Da gäbe es eine Geschichte zu schreiben, ich meine jetzt richtige Geschichtsschreibung, über die kognitive Benutzung unserer Hände, ihren Gebrauch, der mit dem Wissen und dem Schreiben zusammenhängt. Hier in ein Heft zu schreiben, nur mit einer Hand (bei mir die rechte), das hat in meinem Hirn bestimmte Gewohnheiten abgeschaltet, die mit dem beidhändigen Gebrauch von Tastaturen verknüpft waren und dann mit dem Gebrauch meiner beiden Hände als Maus. Damit aufhören, im Raum unablässig diese windmühlenartigen Gesten zu wiederholen, mit denen wir unsere Geräte in Gang setzen und steuern, unsere Helme, unsere Fahrzeuge ..., das stellt eine radikale Entgiftung unserer Welt dar, nicht mehr und nicht weniger. Wir verlassen diese Welt. Wir finden uns im Wald wieder. Wir graben mit Hacken und Schaufeln. Wir halten die Kohlenbecken in Gang, indem wir in die Glut blasen. Wir stützen die Tunnel in Handarbeit ab, wir falten die Zelte zusammen, wir fangen von vorn an. Wir rühren unsere Eintöpfe selbst um, mit dem Löffel, wir scheuern unsere Essnäpfe aus ... Wir greifen die Dinge mit den Händen.

Hirntomografien von Menschen, die dauerhaft offline gegangen sind, zeigen ein frischeres Gehirn, dessen Aktivität abnimmt und sich gleichmäßig verteilt: Das Bild ist einheitlicher blau als rot. Der mittlere präfrontale Kortex löst sich von der Amygdala, das heißt, das Zentrum des Ichs wird nicht mehr mit dem Alarmzentrum verwechselt. Er löst sich auch vom emotionalen Zentrum (ventromedialer präfrontaler Kortex = Grübeln, Sorgen). Diese beiden Areale verarbeiten die Informationen bezüglich der Menschen, die wir als ähnlich ansehen (Handhabung des familiären Beziehugsnetzes/Depression), und der Menschen, die wir als anders ansehen (Frage der sozialen Beziehung/Angst). Unterm Strich nimmt man nicht mehr alles so persönlich.“ (S.70)