Zur Zeit findet ein evangelischer Kirchentag in Nürnberg statt. Aktueller Präsident ist Thomas de Maizière. Mir ist er mit seinen abschätzigen Bemerkungen zur Letzten Generation aufgefallen. Andere schließen sich ihm darin an. Sogar Robert Habeck meint sich dem Vorwurf anschließen zu müssen, die Aktivisten würden die Bürgerinnen und Bürger vom Klimaschutz abschrecken. Damit sind wohl die Bürgerinnen und Bürger gemeint, die sich in den einen Umfragen mehrheitlich für strengere Maßnahmen gegen den Klimawandel aussprechen und sich gleichzeitig in anderen Umfragen mehrheitlich gegen jede politische Maßnahme wenden, die ihre bisherige Lebensführung beeinträchtigen könnte.
Ich war 1980 auf einem Katholikentag in Berlin dabei gewesen. Wir waren damals voller Eifer und Glauben an eine Veränderung der Gesellschaft, an die Möglichkeit von Reformen gewesen. Damals begann mir das Ausmaß der globalen Umweltverschmutzung bewußt zu werden. Es war damals überall vom Waldsterben die Rede. Ich weiß nicht mehr, ob das Waldsterben schon ein Thema des Katholikentages gewesen ist. Aber es war doch das Jahr, wo überall davon geredet wurde. Jedenfalls verließ ich damals den Katholikentag mit der Gewißheit, daß ich Teil von vielen, vielen anderen Menschen war, die jetzt nach ihrer Rückkehr nach Hause, in ihren Wohnvierteln und Familien, daran arbeiten würden, daß die Welt eine bessere würde.
Noch weiter zurück: Ich war zwölf Jahre alt, als ich 1971 im letzten Panel von „Asterix bei den Schweizern“ las: „... ja, zum allerersten Mal nimmt ein Römer an dem traditionellen Festmahl teil, das zur Feier der Rückkehr unserer Freunde veranstaltet wird. Asterix und Obelix sind glücklich und stolz, weil sie feststellen, dass jede ihrer Reisen sie an Wissen und Erfahrung ein Stück weiterbringt ...“
Alle Bewohner des liebenswerten gallischen Dorfes feiern dieses historische Ereignis mit, und sogar der wie üblich an einen Baum gefesselte Barde schmunzelt stolz in sich hinein. Ich weiß noch, wie dem Zwölfjährigen beim Lesen dieser Zeilen das Herz aufging. Das klang so unendlich verheißungsvoll, und ich freute mich schon auf die kommenden Folgen, in denen sich das gallische Dorf und die römische Welt weiterentwickeln würden. Ich fühlte den Wunsch und die Bereitschaft in mir, mich selbst auch bei der Lektüre dieser künftigen Comicalben weiterzuentwickeln.
Diese Alben erschienen mit der untrüglichen Sicherheit von Jahreszeiten: jedes Jahr ein neues Album. Aber die Bewohner des gallischen Dorfes blieben unverändert dieselben. Weiterhin bestand ihre Lieblingsbeschäftigung im Verprügeln von römischen Legionären, und ihre Denk- und Lebensweise hielt zäh an allen liebenswerten Vorurteilen und Eigentümlichkeiten fest, die sich immer und immer wieder als falsch erwiesen, ohne daß irgendjemand auch nur das geringste daraus lernte.
Gewiß paßten sie sich modischen Gewohnheiten an, zum Beispiel was den sich erhöhenden Anteil der Frauen am dörflichen Geschehen betraf. Aber auch die Frauen standen letztlich ihren Männern, was Beschränktheit, Engstirnigkeit und Liebenswürdigkeit betrifft, in nichts nach.
Als Leser bin ich dem Goscinny-Uderzo-Universum treu geblieben. Was die neueren Alben ihrer Nachfolger betrifft: warten wirs ab! ‒ Sie sind jedenfalls vielversprechend. Vor allem, was den Humor betrifft. Aber sicher nicht, was den Charakter unserer gallischen Helden betrifft. Der wird sich wohl auch beim neuen Autorengespann nicht mehr ändern.
Ich befürchte, diese Comics sind nur allzu realitätsnah. Die Menschen ändern sich nicht freiwillig. Vor allem nicht, wenn es ihnen gut geht. Schon gar nicht von heute auf morgen. Außerdem steht ihnen ja ein Zaubertrank zur Verfügung: die allseits gepriesene Technologie und die Digitalisierung. Letztlich fürchten sie sowieso nur eines: daß ihnen der Himmel auf den Kopf fallen könnte.
Das wird wohl auch passieren. Aber es hat ja noch Zeit.
„Wenn schon eine ganze Welt, auf Erkenntnis beruhend und ihrer ständig bedürftig, errichtet ist und ihren Gang geht, wie die der modernen Technik, wird der nach dem Grund ihrer Möglichkeit und nach ihren Sicherheitsgarantien Fragende zum Sokrates der Vergeblichkeit.“ (Blumenberg, Höhlenausgänge, S.169)
„...letztlich ist der Mensch, als Folge oder Krönung der Evolution, nur in der Totalität der Erde begreifbar.“ (Leroi-Gourhan, Hand und Wort, S.22)
Samstag, 10. Juni 2023
Freitag, 2. Juni 2023
Aristoteles: der Zirkel des Scheins
Ich habe mir diesmal ein Buch aus meinem Regal gegriffen, daß schon seit den 1990er Jahren ungelesen darin vor sich hin alterte: „Die Nikomachische Ethik“ (1967/91) von Aristoteles. Ich habe aus Respekt vor dem bei den Scholastikern einfach als ,der Philosoph‛ bezeichneten Autor immer einen großen Bogen um ihn gemacht und mich einfach nicht an ihn rangetraut. Ähnlich war es mir mit Platon ergangen. Aber aufgrund der Nähe einiger seiner Texte zu meiner Fachrichtung, der Erziehungswissenschaft, hatte ich mich dann doch genötigt gesehen, mich doch mit wenigsten zwei Dialogen gründlicher zu befassen: mit dem „Protagoras“ und dem „Menon“. Zur Sklavenszene im Menon habe ich in diesem Blog auch einen Post geschrieben.
Nach der Lektüre des für mich überraschend lesbaren Textes habe ich dann noch die Einleitung des Übersetzers Olof Gigon gelesen, die mir meine Leseeindrücke weitgehend bestätigte, so z.B. die sich über mehr als hundert Seiten erstreckende Liste von Tugenden, die ich ziemlich übertrieben fand. Gigon spricht von der „ganze(n) große(n) Masse von Tugenden“ (vgl. Gigon 1991, S.5-102: 93), die nach einem immer gleichen Schema abgehandelt werden: es gibt immer die Extreme schlechten Verhaltens links und rechts von einer Mitte, die die Tugend ist. Bei der Tapferkeit sind diese Extreme Feigheit und Tollkühnheit. Ich habe die vielen verschiedenen Tugenden, die Aristoteles aufzählt, nicht gezählt. Gefühlt sind es ein halbes Hundert.
Gigon bestätigt auch meinen Eindruck, daß Aristoteles alle Tugenden auf Gewohnheiten und Traditionen zurückführt, was einen Zirkel des Scheins ergibt. Hierzu Aristoteles selbst: „Gelten dürfte in allen diesen Fällen, das, was dem Tugendhaften so erscheint. Wenn dies richtig ist, wie es scheint, und in jedem Falle die Tugend und der Tugendhafte das Maß sind, sofern er tugendhaft ist, so wird auch Lust sein, was ihm scheint, und angenehm das, woran dieser sich freut.“ (Nikomachische Ethik (1991), S.342)
Mit anderen Worten: Tugend ist das, was der Tugendhafte tut, so wie auch umgekehrt das Laster daran erkennbar ist, daß es der Lasterhafte tut. Die Gewöhnung an das, was gemäß dieser Tautologie Tugend sein soll, letztlich die jeweils gerade geltende Sitte, ist deshalb der erste Schritt einer Erziehung zur Tugend. Wenn man dabei berücksichtigt, daß die vorherrschende Sitte der Zeit, in der Aristoteles gelebt hat, die griechische Antike, trotz demokratischer Strukturen eine Sklavenhaltergesellschaft gewesen ist und auch die Rollenverteilung zwischen Frauen und Männern patriarchal organisiert gewesen ist, wundert man sich nicht mehr über manche Tugenden, die Aristoteles aufzählt: „Freigebigkeit“ (Nikomachische Ethik (1991), S.177f.), „Großartigkeit“ (Nikomachische Ethik (1991), S.183ff.), „Großgesinntheit“ (Nikomachische Ethik (1991), S.193ff.) und andere mehr.
Diese Tugenden richten sich vor allem an jene, die über die finanziellen und gesellschaftlichen Mittel verfügen, alle diese Tugenden leben zu können; und das sind gewiß nicht Sklaven und nur zu einem geringen Teil Frauen, die im Rahmen der patriarchalen Arbeitsteilung auf das Haus beschränkt sind, das aber wiederum in letzter Instanz vom Mann ,regiert‛ wird. Denn das Haus ist letztlich auch nur eine kleiner Staat.
Mit dem Begriff der Gewöhnung stellt sich Aristoteles in die Nähe der „Meinung“, wie sie Platon im „Menon“ der Tugend zuordnet. Allerdings ist bei Platon die Meinung im Ideenkosmos begründet, von dem wir nur noch vage Vorstellungen, aber keine genauen Kenntnisse haben, so daß uns die Erfahrung zuhilfe kommen muß. Deshalb eben nur Meinung. Gleichzeitig hält Aristoteles Distanz zu Platons Ideenkosmos, indem er die Gewöhnung auf die Sitte, nicht auf den Kosmos zurückführt.
Daß Aristoteles zufolge der Tugendhafte Freude an der Tugend hat, führt, so wiederum Gigon, zu einer Antinomie in der Ethik: „Jede Ethik, die ihres Namens wert ist, erhält ihr imperativisches Gewicht vorzugsweise dadurch, daß ihre Sätze dem zuwiderlaufen, was der Mensch seiner Neigung nach tun möchte. Ethik ist in ihrem Wesen nicht Bestätigung dessen, was der Mensch ohnehin tut, sondern gerade der pathetische Widerspruch dazu.“ (Gigon 1991, S.65)
Antinomisch ist demnach die durch Gewöhnung geprägte Neigung, also eine zweite, erworbene Natur, zu einer Ethik, in der es darum geht, alle unsere Neigungen, also die natürlichen wie die erworbenen, zu kontrollieren. In Gigons Stellungnahme erkenne ich Kant wieder, der die Neigung, dem Freund zu helfen, nicht als Tugend anerkennen will, während Aristoteles darin eine unserer wertvollsten Tugenden sieht.
Obwohl also Aristoteles nicht dazu tendiert, den Tugendbegriff zu radikalisieren, trennt er doch den vernunftbegabten Teil des Menschen vom unvernünftigen, den Leidenschaften verfallenen Teil, den er, gemäß der Sitte seiner Zeit, den Kindern und Tieren zuordnet. Den vernunftbegabten Teil setzt er mit dem „Geist“ gleich, dessen „vollkommenste Tätigkeit“ sich als „Reflexion ... auf sich selbst“ vollzieht. (Vgl. Gigon 1991, S.93)
Wenn Gigon von Reflexion auf sich selbst spricht, frage ich mich, was mit dem ,auf sich selbst‛ eigentlich gemeint ist. Ist dieses ,sich selbst‛ noch mal wieder der Geist selbst oder handelt es sich dabei um das organische Ganze als Körperleib?
Im ersten Fall, das ist der Fall, den Aristoteles tatsächlich meint, haben wir es nur mit einer leeren Spiegelung zu tun, aus der sich alle Probleme eines regressus ad infinitum ergeben. Interessanterweise bringt Gigon hier das Beispiel vom „Spiegel des ihm gleichartigen Freundes“, in dem sich der ,Geist‛ wiedererkennan kann. (Vgl. Gigon 1991, S.93) Das klingt nach dem Ich = Du, also nach der Zweitpersonalität, von der in meinem Blog immer die Rede ist. Ich meine damit aber keine leere Spiegelung, sondern die Fülle der Verschiedenheit, in der wir Menschen uns aneinander wiedererkennen. Ich spreche eben nicht von Verwechselbarkeit. Dem für sich allein bloß leeren Geist wächst seine Fülle beim Körperleib aus dem Ganzen seiner Teile zu, und beim Ich = Du wächst ihm diese Fülle aus der Verschiedenheit des anderen Menschen zu. Nur aufgrund dieser Fülle verlieren wir uns nicht im regressus ad infinitum. Das Ich = Du ist meine Formel für Diversität.
Gigon spricht das Problem an, wenn er auf Platons Behauptung verweist, „daß das Gute, Gerechte usw. ewig mit sich selbst identische Wesenheiten seien und mathematisch erfaßbar sein müßten“. (Vgl. Gigon 1991, S.95) ‒ Eine solche Tugend, so Gigon, könne nur eine „reine“, also leere Form sein: „Es wird ihm (Platon) gerade darum nie gelingen, zu erklären, worin denn materiell dieses Gute und Gerechte eigentlich bestünden.“ (Gigon 1991, S.95)
Das Hauptproblem bei der Nikomachischen Ethik ist aber die Fixierung auf das Gute, das Aristoteles auf die verschiedenen Güter (Tugenden) verteilt. Damit fixiert er die Ethik auf ein Telos, auf ein Ziel oder auf einen Zweck, in dem sich alles menschliche Handeln erfüllt. Genau darin erkenne ich zweitausend Jahre Mißbrauch wieder: durch ein Christentum, das die Nikomachische Ethik nur allzu nützlich fand, um mit ihrer Hilfe den Begriff der Sünde zu begründen. Denn wer sich dem höchsten Gut, das Aristoteles übrigens mit der „Glückseligkeit“ gleichsetzte, verweigerte ‒ wer sich also letztlich der christlichen Auslegung dieser Glückseligkeit verweigerte, war verdammt; mit allen Konsequenzen, die der Kirche für solche Abtrünnigen zur Verfügung standen.
Letztlich liegt das Problem des Guten darin, daß es den philosophischen Blick immer auf das Ende richtet; auf die Erfüllung. Es ist das, was wir anstreben, also noch nicht haben. Und wenn wir es haben, ist unser Handeln zu einem gewissen Ende gekommen. Aristoteles löste dieses Problem, indem er das Gute nicht als einen Besitz, sondern selbst wiederum als ein Handeln verstand. Aber das halte ich für eine Scheinlösung; für Wortklauberei.
Meiner Ansicht nach kommt es nicht auf das Ende, sondern auf den Anfang an: auf das Wollen. Oder auch einfacher gesprochen: auf das Begehren und auf die Bedürfnisse. Mir sind diese beiden Begriffe lieber, weil sie weniger voraussetzungsreich sind als der Willensbegriff. Der letzte Zweck unseres Begehrens ist die Befriedigung und im weiteren Sinne der Frieden mit sich selbst und mit unseren Mitmenschen und ‒ heutzutage mehr denn je ‒ der Frieden mit der Natur. Anfang und Ende liegen also im Individuum und nicht in der Gemeinschaft. Die Gemeinschaft hat ihre Legitimität überhaupt nur in der individuellen Erfüllung. Alles andere ist Mißbrauch der Gemeinschaft am Individuum.
Es klingt wie die Frage nach dem Huhn und dem Ei. Was ist zuerst: der Wille oder der Zweck bzw. das Gut? Wollen wir, weil es ein Gut gibt, auf das sich unser Wille richten kann, oder gibt es das Gut, weil wir wollen?
Tatsächlich scheint es mir aber klar zu sein, was zuerst da sein muß. Wenn wir das menschliche Bewußtsein als Intentionalität fassen, dann ist das Begehren fundamental. Es gibt das Gut nur, weil wir wollen. Außerdem müßten wir uns eine Welt voller Güter, voller vorgegebener Zwecke denken, wenn das Gut zuerst da sein muß, damit wir wollen können. Es ist aber meiner Ansicht nach absurd, sich die Welt als ein solches riesenhaftes Magazin vorzustellen, in dem sich die Zwecke stapeln, als hätte alles nur auf uns Menschen gewartet, damit wir uns ihrer bedienen.
Allenfalls könnte man behaupten, daß die Güter schon in unserem Körper und seinen Organen eingefleischt sind. Sie sind es, unsere Organe, die ihre spezifischen Zwecke verfolgen. Wir haben es also mit dem Körperleib zu tun. Der Körperleib ist unser Begehren. Er ist das Ganze unserer Bedürfnisse. Unsere Tugend besteht darin, diese Bedürfnisse auf eine Weise zu organisieren, daß ihre Befriedigung weder uns noch unseren Mitmenschen schadet.
Nach der Lektüre des für mich überraschend lesbaren Textes habe ich dann noch die Einleitung des Übersetzers Olof Gigon gelesen, die mir meine Leseeindrücke weitgehend bestätigte, so z.B. die sich über mehr als hundert Seiten erstreckende Liste von Tugenden, die ich ziemlich übertrieben fand. Gigon spricht von der „ganze(n) große(n) Masse von Tugenden“ (vgl. Gigon 1991, S.5-102: 93), die nach einem immer gleichen Schema abgehandelt werden: es gibt immer die Extreme schlechten Verhaltens links und rechts von einer Mitte, die die Tugend ist. Bei der Tapferkeit sind diese Extreme Feigheit und Tollkühnheit. Ich habe die vielen verschiedenen Tugenden, die Aristoteles aufzählt, nicht gezählt. Gefühlt sind es ein halbes Hundert.
Gigon bestätigt auch meinen Eindruck, daß Aristoteles alle Tugenden auf Gewohnheiten und Traditionen zurückführt, was einen Zirkel des Scheins ergibt. Hierzu Aristoteles selbst: „Gelten dürfte in allen diesen Fällen, das, was dem Tugendhaften so erscheint. Wenn dies richtig ist, wie es scheint, und in jedem Falle die Tugend und der Tugendhafte das Maß sind, sofern er tugendhaft ist, so wird auch Lust sein, was ihm scheint, und angenehm das, woran dieser sich freut.“ (Nikomachische Ethik (1991), S.342)
Mit anderen Worten: Tugend ist das, was der Tugendhafte tut, so wie auch umgekehrt das Laster daran erkennbar ist, daß es der Lasterhafte tut. Die Gewöhnung an das, was gemäß dieser Tautologie Tugend sein soll, letztlich die jeweils gerade geltende Sitte, ist deshalb der erste Schritt einer Erziehung zur Tugend. Wenn man dabei berücksichtigt, daß die vorherrschende Sitte der Zeit, in der Aristoteles gelebt hat, die griechische Antike, trotz demokratischer Strukturen eine Sklavenhaltergesellschaft gewesen ist und auch die Rollenverteilung zwischen Frauen und Männern patriarchal organisiert gewesen ist, wundert man sich nicht mehr über manche Tugenden, die Aristoteles aufzählt: „Freigebigkeit“ (Nikomachische Ethik (1991), S.177f.), „Großartigkeit“ (Nikomachische Ethik (1991), S.183ff.), „Großgesinntheit“ (Nikomachische Ethik (1991), S.193ff.) und andere mehr.
Diese Tugenden richten sich vor allem an jene, die über die finanziellen und gesellschaftlichen Mittel verfügen, alle diese Tugenden leben zu können; und das sind gewiß nicht Sklaven und nur zu einem geringen Teil Frauen, die im Rahmen der patriarchalen Arbeitsteilung auf das Haus beschränkt sind, das aber wiederum in letzter Instanz vom Mann ,regiert‛ wird. Denn das Haus ist letztlich auch nur eine kleiner Staat.
Mit dem Begriff der Gewöhnung stellt sich Aristoteles in die Nähe der „Meinung“, wie sie Platon im „Menon“ der Tugend zuordnet. Allerdings ist bei Platon die Meinung im Ideenkosmos begründet, von dem wir nur noch vage Vorstellungen, aber keine genauen Kenntnisse haben, so daß uns die Erfahrung zuhilfe kommen muß. Deshalb eben nur Meinung. Gleichzeitig hält Aristoteles Distanz zu Platons Ideenkosmos, indem er die Gewöhnung auf die Sitte, nicht auf den Kosmos zurückführt.
Daß Aristoteles zufolge der Tugendhafte Freude an der Tugend hat, führt, so wiederum Gigon, zu einer Antinomie in der Ethik: „Jede Ethik, die ihres Namens wert ist, erhält ihr imperativisches Gewicht vorzugsweise dadurch, daß ihre Sätze dem zuwiderlaufen, was der Mensch seiner Neigung nach tun möchte. Ethik ist in ihrem Wesen nicht Bestätigung dessen, was der Mensch ohnehin tut, sondern gerade der pathetische Widerspruch dazu.“ (Gigon 1991, S.65)
Antinomisch ist demnach die durch Gewöhnung geprägte Neigung, also eine zweite, erworbene Natur, zu einer Ethik, in der es darum geht, alle unsere Neigungen, also die natürlichen wie die erworbenen, zu kontrollieren. In Gigons Stellungnahme erkenne ich Kant wieder, der die Neigung, dem Freund zu helfen, nicht als Tugend anerkennen will, während Aristoteles darin eine unserer wertvollsten Tugenden sieht.
Obwohl also Aristoteles nicht dazu tendiert, den Tugendbegriff zu radikalisieren, trennt er doch den vernunftbegabten Teil des Menschen vom unvernünftigen, den Leidenschaften verfallenen Teil, den er, gemäß der Sitte seiner Zeit, den Kindern und Tieren zuordnet. Den vernunftbegabten Teil setzt er mit dem „Geist“ gleich, dessen „vollkommenste Tätigkeit“ sich als „Reflexion ... auf sich selbst“ vollzieht. (Vgl. Gigon 1991, S.93)
Wenn Gigon von Reflexion auf sich selbst spricht, frage ich mich, was mit dem ,auf sich selbst‛ eigentlich gemeint ist. Ist dieses ,sich selbst‛ noch mal wieder der Geist selbst oder handelt es sich dabei um das organische Ganze als Körperleib?
Im ersten Fall, das ist der Fall, den Aristoteles tatsächlich meint, haben wir es nur mit einer leeren Spiegelung zu tun, aus der sich alle Probleme eines regressus ad infinitum ergeben. Interessanterweise bringt Gigon hier das Beispiel vom „Spiegel des ihm gleichartigen Freundes“, in dem sich der ,Geist‛ wiedererkennan kann. (Vgl. Gigon 1991, S.93) Das klingt nach dem Ich = Du, also nach der Zweitpersonalität, von der in meinem Blog immer die Rede ist. Ich meine damit aber keine leere Spiegelung, sondern die Fülle der Verschiedenheit, in der wir Menschen uns aneinander wiedererkennen. Ich spreche eben nicht von Verwechselbarkeit. Dem für sich allein bloß leeren Geist wächst seine Fülle beim Körperleib aus dem Ganzen seiner Teile zu, und beim Ich = Du wächst ihm diese Fülle aus der Verschiedenheit des anderen Menschen zu. Nur aufgrund dieser Fülle verlieren wir uns nicht im regressus ad infinitum. Das Ich = Du ist meine Formel für Diversität.
Gigon spricht das Problem an, wenn er auf Platons Behauptung verweist, „daß das Gute, Gerechte usw. ewig mit sich selbst identische Wesenheiten seien und mathematisch erfaßbar sein müßten“. (Vgl. Gigon 1991, S.95) ‒ Eine solche Tugend, so Gigon, könne nur eine „reine“, also leere Form sein: „Es wird ihm (Platon) gerade darum nie gelingen, zu erklären, worin denn materiell dieses Gute und Gerechte eigentlich bestünden.“ (Gigon 1991, S.95)
Das Hauptproblem bei der Nikomachischen Ethik ist aber die Fixierung auf das Gute, das Aristoteles auf die verschiedenen Güter (Tugenden) verteilt. Damit fixiert er die Ethik auf ein Telos, auf ein Ziel oder auf einen Zweck, in dem sich alles menschliche Handeln erfüllt. Genau darin erkenne ich zweitausend Jahre Mißbrauch wieder: durch ein Christentum, das die Nikomachische Ethik nur allzu nützlich fand, um mit ihrer Hilfe den Begriff der Sünde zu begründen. Denn wer sich dem höchsten Gut, das Aristoteles übrigens mit der „Glückseligkeit“ gleichsetzte, verweigerte ‒ wer sich also letztlich der christlichen Auslegung dieser Glückseligkeit verweigerte, war verdammt; mit allen Konsequenzen, die der Kirche für solche Abtrünnigen zur Verfügung standen.
Letztlich liegt das Problem des Guten darin, daß es den philosophischen Blick immer auf das Ende richtet; auf die Erfüllung. Es ist das, was wir anstreben, also noch nicht haben. Und wenn wir es haben, ist unser Handeln zu einem gewissen Ende gekommen. Aristoteles löste dieses Problem, indem er das Gute nicht als einen Besitz, sondern selbst wiederum als ein Handeln verstand. Aber das halte ich für eine Scheinlösung; für Wortklauberei.
Meiner Ansicht nach kommt es nicht auf das Ende, sondern auf den Anfang an: auf das Wollen. Oder auch einfacher gesprochen: auf das Begehren und auf die Bedürfnisse. Mir sind diese beiden Begriffe lieber, weil sie weniger voraussetzungsreich sind als der Willensbegriff. Der letzte Zweck unseres Begehrens ist die Befriedigung und im weiteren Sinne der Frieden mit sich selbst und mit unseren Mitmenschen und ‒ heutzutage mehr denn je ‒ der Frieden mit der Natur. Anfang und Ende liegen also im Individuum und nicht in der Gemeinschaft. Die Gemeinschaft hat ihre Legitimität überhaupt nur in der individuellen Erfüllung. Alles andere ist Mißbrauch der Gemeinschaft am Individuum.
Es klingt wie die Frage nach dem Huhn und dem Ei. Was ist zuerst: der Wille oder der Zweck bzw. das Gut? Wollen wir, weil es ein Gut gibt, auf das sich unser Wille richten kann, oder gibt es das Gut, weil wir wollen?
Tatsächlich scheint es mir aber klar zu sein, was zuerst da sein muß. Wenn wir das menschliche Bewußtsein als Intentionalität fassen, dann ist das Begehren fundamental. Es gibt das Gut nur, weil wir wollen. Außerdem müßten wir uns eine Welt voller Güter, voller vorgegebener Zwecke denken, wenn das Gut zuerst da sein muß, damit wir wollen können. Es ist aber meiner Ansicht nach absurd, sich die Welt als ein solches riesenhaftes Magazin vorzustellen, in dem sich die Zwecke stapeln, als hätte alles nur auf uns Menschen gewartet, damit wir uns ihrer bedienen.
Allenfalls könnte man behaupten, daß die Güter schon in unserem Körper und seinen Organen eingefleischt sind. Sie sind es, unsere Organe, die ihre spezifischen Zwecke verfolgen. Wir haben es also mit dem Körperleib zu tun. Der Körperleib ist unser Begehren. Er ist das Ganze unserer Bedürfnisse. Unsere Tugend besteht darin, diese Bedürfnisse auf eine Weise zu organisieren, daß ihre Befriedigung weder uns noch unseren Mitmenschen schadet.
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Mittwoch, 24. Mai 2023
Razzia gegen Letzte Generation
Ausgehend von einem Bundesland, dessen Ministerpräsident sich vor allem durch eine rigorose Verweigerung jeder vernünftigen Klimaschutzpolitik hervorgetan hat, Bayern, geht mit einer Razzia in sieben Bundesländern die Kriminalisierung der Letzten Generation voran. Mit der absurden Begründung, daß man es hier mit einer kriminellen Vereinigung zu tun habe.
Der Verweis auf den zu schützenden Rechtsstaat wird als Schutzbehauptung verwendet, die verbergen soll, daß die Politik gerade parteiübergreifend versagt; und zwar in dem Themenbereich, um den es der Letzten Generation geht. Das ist ein bewährter rhetorischer Kniff: man macht genau die für das Desaster verantwortlich, die verzweifelt darauf aufmerksam zu machen versuchen.
Die Profiteure der allgemeinen Verunsicherung tun alles, um diese Verunsicherung mit Hilfe der rechtsstaatlich legitimierten Übergriffe auf die Letzte Generation und mit gleichzeitigen Attacken auf Gesetzesinitiativen zum Schutz des Klimas möglichst bis zu den nächsten Landtagswahlen zu verlängern. Die nächsten Wahlen zu gewinnen, halten sie für den eigentlichen demokratischen Zweck einer Legislaturperiode, und sie bekennen sich sogar dreist dazu. Denn eine Regierung, an der die CSU nicht beteiligt ist (im Bund) oder die sie nicht anführt (in Bayern), kann ja nicht demokratisch sein. Und eine FDP, die bei jeder Wahl um den Einzug ins Parlament fürchten muß, verwechselt im zunehmendem Maße Liberalismus mit Populismus.
Das Opfer sind die Letzte Generation und die Zukunft. Das Hier und Jetzt hat allemal Vorrang: freie Straßen für Verbrenner auf dem Weg zur Arbeit oder ins wohlverdiente Wochenende und das Recht, so lange wie möglich und vielleicht auch noch länger die eigene Wohnung mit Öl und Gas zu heizen.
Ich fürchte, der Rechtsstaat nimmt immer dann Schaden, wenn Leute wie Dobrindt (CSU), Söder (CSU) oder Buschmann (FDP) von ihm reden.
Dienstag, 23. Mai 2023
Schuld und Unschuld der (russischen) Kultur
Seit Putins Angriffskrieg äußern sich immer wieder Kulturschaffende zur russischen Kultur; insbesondere wenn Musikerinnen oder Musiker oder Schauspielerinnen und Schauspieler in Deutschland auftreten wollen oder aufgetreten sind. Diese Kulturschaffenden vertreten die Ansicht, daß in Zeiten eines völkerrechtswidrigen, mit Verbrechen gegen die Menschlichkeit einhergehenden Angriffskriegs die russische Kultur als eine Art ‚persona non grata‛ behandelt werden müsse. Eine besondere Äußerung, von wem auch immer, ich habe mir den Namen nicht gemerkt, ging sogar so weit, die russische Kultur, insbesondere die Literatur (Dostojewski etc.) direkt für diesen Angriffskrieg verantwortlich zu machen.
Diese besondere Art von cancel culture, in der nicht nur über einzelne kulturelle Erzeugnisse, sondern über eine ganze Kultur der Stab gebrochen wird, ist der Anlaß für meinen heutigen Blogpost. Mich erinnert das an die Situation in den 1930er Jahren in Deutschland, als die Nationalsozialisten an die Macht kamen, und an den zweiten Weltkrieg. Auch damals fragte sich alle Welt, wie es sein konnte, daß ein gebildetes Volk mit Schiller und Goethe im Gepäck solche Menschheitsverbrechen begehen konnte? ‒ Eine Zeitlang stand summarisch die ganze deutsche Kultur unter Verdacht.
Noch vor kurzem warf Slavoj Žižek in seinem Buch „Disparitäten“ (2016) Schiller, und mit ihm dem Neuhumanismus, einen Protofaschismus vor. Aus dieser Sicht ist es dann nicht mehr verwunderlich, daß ganz Deutschland der faschistischen Barbarei verfiel.
Obwohl ich selbst immer Kultur und Lebenswelt als ein zusammengehöriges soziales Phänomen beschreibe, muß doch zwischen ihnen ein Unterschied gemacht werden. Die Lebenswelt ist das, was wir von Geburt an in jeder Sekunde ein- und ausatmen. Sie ist es, die unser individuelles Bewußtsein hervorgebracht hat und mit jedem Atemzug immer wieder aufs Neue hervorbringt.
Aber was die Kultur betrifft, insbesondere wenn ich dabei an Kunst und Literatur denke, gibt es zwei entscheidende Metamorphosen, die sie von der Lebenswelt abheben: die Metamorphose, die die Künstlerin, der Künstler bewirkt, und die Metamorphosen, die Leserinnen und Leser, Zuschauerinnen und Zuschauer, Betrachterinnen und Betrachter bewirken. Beide Metamorphosen sind individuell und deshalb unkontrollierbar. Vielleicht unterscheidet sich der Individualisierungsgrad. Ich könnte mir vorstellen, daß die Musik am meisten auf die Masse wirkt, wie es große Musikevents vermuten lassen. Aber auch in der Musik wird die Rezeption mit zunehmender Artifizialität immer individueller.
Worauf ich hinauswill: zwar beziehen die Kulturschaffenden ihr Material immer aus der Lebenswelt; aber was sie aus dem Material machen, die kulturellen Erzeugnisse aller Art, transzendiert diese Herkunft. Und was die Konsumenten betrifft, fügen diese den kulturellen Erzeugnissen ihren eigenen Anteil hinzu. Und die Kulturschaffenden haben es nicht in der Hand, das, was aus ihrem Werk gemacht wird, zu kontrollieren.
Das gilt selbst für elementarste Lebensleistungen: Was kann Dietrich Bonhoeffer dafür, wenn er von der Querdenkerszene vereinnahmt wird, oder Sophie Scholl, wenn sich Impfgegnerinnen auf sie berufen?
Wenn also einzelne russische Künstlerinnen und Künstler wegen ihrer positiven Einstellung zu Putins Angriffskrieg boykottiert werden, kann das durchaus seine Berechtigung haben. Der Verdacht, daß ihr Werk mit ihrer Einstellung im Zusammenhang steht, ist naheliegend. Deshalb ist ein entsprechender Boykott, gewissermaßen aus mental-hygienischen Gründen, als politisches Zeichen legitim. Aber die russische Literatur insgesamt stellvertretend für die ganze russische Kultur zu canceln, ist maßlos übertrieben.
Diese besondere Art von cancel culture, in der nicht nur über einzelne kulturelle Erzeugnisse, sondern über eine ganze Kultur der Stab gebrochen wird, ist der Anlaß für meinen heutigen Blogpost. Mich erinnert das an die Situation in den 1930er Jahren in Deutschland, als die Nationalsozialisten an die Macht kamen, und an den zweiten Weltkrieg. Auch damals fragte sich alle Welt, wie es sein konnte, daß ein gebildetes Volk mit Schiller und Goethe im Gepäck solche Menschheitsverbrechen begehen konnte? ‒ Eine Zeitlang stand summarisch die ganze deutsche Kultur unter Verdacht.
Noch vor kurzem warf Slavoj Žižek in seinem Buch „Disparitäten“ (2016) Schiller, und mit ihm dem Neuhumanismus, einen Protofaschismus vor. Aus dieser Sicht ist es dann nicht mehr verwunderlich, daß ganz Deutschland der faschistischen Barbarei verfiel.
Obwohl ich selbst immer Kultur und Lebenswelt als ein zusammengehöriges soziales Phänomen beschreibe, muß doch zwischen ihnen ein Unterschied gemacht werden. Die Lebenswelt ist das, was wir von Geburt an in jeder Sekunde ein- und ausatmen. Sie ist es, die unser individuelles Bewußtsein hervorgebracht hat und mit jedem Atemzug immer wieder aufs Neue hervorbringt.
Aber was die Kultur betrifft, insbesondere wenn ich dabei an Kunst und Literatur denke, gibt es zwei entscheidende Metamorphosen, die sie von der Lebenswelt abheben: die Metamorphose, die die Künstlerin, der Künstler bewirkt, und die Metamorphosen, die Leserinnen und Leser, Zuschauerinnen und Zuschauer, Betrachterinnen und Betrachter bewirken. Beide Metamorphosen sind individuell und deshalb unkontrollierbar. Vielleicht unterscheidet sich der Individualisierungsgrad. Ich könnte mir vorstellen, daß die Musik am meisten auf die Masse wirkt, wie es große Musikevents vermuten lassen. Aber auch in der Musik wird die Rezeption mit zunehmender Artifizialität immer individueller.
Worauf ich hinauswill: zwar beziehen die Kulturschaffenden ihr Material immer aus der Lebenswelt; aber was sie aus dem Material machen, die kulturellen Erzeugnisse aller Art, transzendiert diese Herkunft. Und was die Konsumenten betrifft, fügen diese den kulturellen Erzeugnissen ihren eigenen Anteil hinzu. Und die Kulturschaffenden haben es nicht in der Hand, das, was aus ihrem Werk gemacht wird, zu kontrollieren.
Das gilt selbst für elementarste Lebensleistungen: Was kann Dietrich Bonhoeffer dafür, wenn er von der Querdenkerszene vereinnahmt wird, oder Sophie Scholl, wenn sich Impfgegnerinnen auf sie berufen?
Wenn also einzelne russische Künstlerinnen und Künstler wegen ihrer positiven Einstellung zu Putins Angriffskrieg boykottiert werden, kann das durchaus seine Berechtigung haben. Der Verdacht, daß ihr Werk mit ihrer Einstellung im Zusammenhang steht, ist naheliegend. Deshalb ist ein entsprechender Boykott, gewissermaßen aus mental-hygienischen Gründen, als politisches Zeichen legitim. Aber die russische Literatur insgesamt stellvertretend für die ganze russische Kultur zu canceln, ist maßlos übertrieben.
Freitag, 12. Mai 2023
Intersubjektivität als Pluralität
In der Wissenschaft wird der Begriff der Intersubjektivität als ein gemeinsames, auf Identität angelegtes Projekt aller Wissenschaftler verstanden: es geht immer um die Wissenschaftsgemeinschaft als Ganzes verpflichtende Erkenntnisse. Dabei handelt es sich zwar immer auch um befristete Erkenntnisse, die durch neue Forschungsergebnisse wieder in Frage gestellt werden können. Aber auch die neuen Forschungsergebnisse werden dann wieder dem Anspruch auf intersubjektive Geltung unterworfen. Das Erkenntnisideal ist die Mathematik.
Dabei wird übersehen, daß der Begriff der Intersubjektivität nicht auf Identität basiert, sondern auf Pluralität und Diversität. Inter-Subjektivität ist nichts anderes als eine Form von Subjektivität, und als solche umfaßt sie alle Subjekte in ihrer Perspektivenvielfalt. Denn Subjektivität ist Perspektivenvielfalt; nichts anderes. Demnach umfaßt also die Intersubjektivität notwendigerweise die gesamte Perspektivenvielfalt subjektiven Erkenntnisstrebens.
Diese Perspektivenvielfalt der Erkenntnissubjekte kann durch keine Intersubjektivität überwunden werden. Die einzige Form des Umgangs mit Subjektivität besteht in einer von Hannah Arendt beschriebenen pluralen Praxis.
Deshalb steht die Wissenschaft nicht jenseits der Politik.
Verwirklicht wird Intersubjektivität in der Wissenschaft als Methodenvielfalt. Es gibt, dem wissenschaftlichen Anspruch nach, keine die anderen Methoden dominierende Methode. Laborexperimente, Feldversuche, Beobachtung, Meditation, Begriffsanalysen, statistische Evidenzbasierung, Textanalysen etc. ‒ irgendeine Methode und irgendeinen Gegenstand von vornherein aus der universitären Praxis des Wissenserwerbs auszuschließen, ist unwissenschaftlich.
Diese Intersubjektivität ist der Grund für die Notwendigkeit von Transdisziplinarität. Die Transdisziplinarität verhindert, daß sich die Wissenschaften in ihre Disziplinarität einigeln und sich auf einen begrenzten Kanon von Methoden beschränken. Sie öffnet die Disziplinen zur Gesellschaft hin und führt zur Übernahme von Verantwortung. Wissenschaft ist kein Elfenbeinturm, sofern sie wirklich intersubjektiv sein will.
Dabei wird übersehen, daß der Begriff der Intersubjektivität nicht auf Identität basiert, sondern auf Pluralität und Diversität. Inter-Subjektivität ist nichts anderes als eine Form von Subjektivität, und als solche umfaßt sie alle Subjekte in ihrer Perspektivenvielfalt. Denn Subjektivität ist Perspektivenvielfalt; nichts anderes. Demnach umfaßt also die Intersubjektivität notwendigerweise die gesamte Perspektivenvielfalt subjektiven Erkenntnisstrebens.
Diese Perspektivenvielfalt der Erkenntnissubjekte kann durch keine Intersubjektivität überwunden werden. Die einzige Form des Umgangs mit Subjektivität besteht in einer von Hannah Arendt beschriebenen pluralen Praxis.
Deshalb steht die Wissenschaft nicht jenseits der Politik.
Verwirklicht wird Intersubjektivität in der Wissenschaft als Methodenvielfalt. Es gibt, dem wissenschaftlichen Anspruch nach, keine die anderen Methoden dominierende Methode. Laborexperimente, Feldversuche, Beobachtung, Meditation, Begriffsanalysen, statistische Evidenzbasierung, Textanalysen etc. ‒ irgendeine Methode und irgendeinen Gegenstand von vornherein aus der universitären Praxis des Wissenserwerbs auszuschließen, ist unwissenschaftlich.
Diese Intersubjektivität ist der Grund für die Notwendigkeit von Transdisziplinarität. Die Transdisziplinarität verhindert, daß sich die Wissenschaften in ihre Disziplinarität einigeln und sich auf einen begrenzten Kanon von Methoden beschränken. Sie öffnet die Disziplinen zur Gesellschaft hin und führt zur Übernahme von Verantwortung. Wissenschaft ist kein Elfenbeinturm, sofern sie wirklich intersubjektiv sein will.
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Samstag, 6. Mai 2023
Christa Wolf: „Der geteilte Himmel“ (1963/73)
Ich habe jetzt meine Lektüre von „Der geteilte Himmel“ (1963/73) beendet. Ich habe dieses Buch von Christa Wolf zum ersten Mal gelesen. Einer der Sätze, die mich besonders tief getroffen haben: „Nicht vor der Trennung, vor der stumpfen Wiederkehr des Alltags wichen die großen Liebespaare der Dichter in den Tod. Bleierne Nüchternheit lähmte ihre Glieder, schlug ihren Geist nieder, höhlte ihren Willen aus. Der Kreis der Gewißheiten, früher unermeßlich weit, verengte sich auf schmerzliche Weise: Vorsichtig schritt (Rita) ihn ab, immer neuer Einstürze gewärtig. Was hielt stand?“ (Wolf 1963/73, S.226f.)
Die Frage am Schluß des Zitats erinnert an ein anderes Buch: „Was bleibt“ (1990), und dieser Titel klingt wie eine Antwort darauf.
Ich kenne diese „bleierne Nüchternheit“, zu der sich auch meine früheren Gewißheiten verengt haben. Doch für Rita, von der hier die Rede ist, gibt es am Ende, auf der letzten Seite des Buchs, noch Hoffnung: „Sie sieht, wie jeden Abend eine unendliche Menge an Freundlichkeit, die tagsüber verbraucht wurde, immer neu hervorgebracht wird. Sie hat keine Angst, daß sie leer ausgehen könnte beim Verteilen der Freundlichkeit. Sie weiß, daß sie manchmal müde sein wird, manchmal zornig und böse. Aber sie hat keine Angst.“ (Wolf 1963/73, S.238)
Diese kleine Textstelle ist erstaunlich und steht in einem bemerkenswerten Gegensatz zu anderen Stellen in diesem Buch. Vielleicht ist diese Textstelle der Grund, warum es überhaupt in der DDR erscheinen konnte? ‒ Dies und daß Rita sich für das Bleiben entschieden hat, während Manfred in den Westen gegangen ist? Kurz bevor die Mauer gebaut und der Himmel geteilt wurde.
Da ist ein ständiges Schwanken in diesem Buch, ein Hin und Her. Eine offen bleibende Unklarheit im Menschenbild; dem Menschen, wie er für die DDR brauchbar ist, und dem Menschen, wie er für Westdeutschland brauchbar ist. Und dann noch dem Menschen, der überall zurecht kommt, weil es ihm immer nur um sich selbst geht. Der sich, für beide deutsche Staaten, schließlich als der brauchbarste erwiesen hat.
In der Beziehung zwischen Rita und Manfred wird dieser Kampf, dieses Hin-und-Her-Schwanken gelebt und ausgetragen. Manfred verliert diesen Kampf, weil er nicht an den Menschen glauben kann. Am krassesten kommt dieser Widerspruch zwischen Rita und Manfred in zwei Textstellen zum Ausdruck, von denen ich die eine über die Freundlichkeit schon zitiert habe. Die andere stammt von Manfred: „Was heißt hier Gesellschaftsordnung, wenn der Bodensatz der Geschichte überall das Unglück und die Angst des einzelnen ist ...“ (Wolf 1963/73, S.158)
Auch in „Auf dem Weg nach Tabou“ (1994) ist von diesem Bodensatz die Rede. Schon im Geteilten Himmel geht es Christ Wolf, so wie 30 Jahre später in der neuen, größer gewordenen Bundesrepublik, um dasselbe. Der Mensch besteht aus Sedimenten, und das Ich schwimmt haltlos wie eine winzige Nußschale oben auf; den von unten drohenden Monstern schutzlos ausgeliefert.
Der „Bodensatz der Geschichte“ ist die Lebenswelt um und in uns allen. Unser heutiger Bodensatz ist der im 20. Jhdt. gewachsene Konsumismus, der Wachstumsirrglaube, der „das Unglück und die Angst des einzelnen ist“.
Aber auch die Freundlichkeit, der sich Rita am Schluß des Buches anvertraut, ist die Lebenswelt. Habermas bezeichnet sie als symbolische Reproduktion. Diese erneuert täglich in den privaten Lebensverhältnissen, wenn die materielle Reproduktion den Menschen verbraucht hat, die Freundlichkeit, die uns wieder aufleben läßt.
Die Mauer ist gefallen, und der Himmel ist nicht mehr geteilt. Wurden materielle und symbolische Reproduktion versöhnt? ‒ Es ist wohl eher so, daß die materielle Reproduktion universell geworden ist. Es gibt keine privaten Lebensverhältnisse mehr.
Dennoch ist beides Lebenswelt: der Bodensatz und die Freundlichkeit. Das kann man an den Lebensverhältnissen in Rußland sehen. Im Rahmen einer gesellschaftlichen Spaltung zwischen Stadt und Land ‒ Rußlands geteilter Himmel? ‒ haben wir es mit einer Bevölkerung zu tun, die geschichtlich durch ein viele Jahrhunderte umfassendes Zarentum und einen fast achtzig Jahre währenden Sowjetkommunismus geprägt ist. Das ist der Bodensatz, dessen sich Putin für seinen Angriffskrieg in der Ukraine bedient.
Aber nach allem, was ich über die Freundlichkeit der russischen Bevölkerung, über ihre Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft gehört habe ‒ ich selbst bin nie in Rußland gewesen ‒, gibt es auch diese Ebene einer humanen Reproduktion im privaten Lebensbereich.
Bei der Freundlichkeit haben wir es immer noch mit einer elementaren Menschlichkeit zu tun, die sich erst noch individualisieren muß. Und zwar auf der Ebene von Ich = Du, einer Sozialform, die den Vorteil hat, tief in diese elementare Schicht hineinzureichen und gleichzeitig das Gruppen-Wir, den Bodensatz der Geschichte, zu transzendieren.
Die Frage am Schluß des Zitats erinnert an ein anderes Buch: „Was bleibt“ (1990), und dieser Titel klingt wie eine Antwort darauf.
Ich kenne diese „bleierne Nüchternheit“, zu der sich auch meine früheren Gewißheiten verengt haben. Doch für Rita, von der hier die Rede ist, gibt es am Ende, auf der letzten Seite des Buchs, noch Hoffnung: „Sie sieht, wie jeden Abend eine unendliche Menge an Freundlichkeit, die tagsüber verbraucht wurde, immer neu hervorgebracht wird. Sie hat keine Angst, daß sie leer ausgehen könnte beim Verteilen der Freundlichkeit. Sie weiß, daß sie manchmal müde sein wird, manchmal zornig und böse. Aber sie hat keine Angst.“ (Wolf 1963/73, S.238)
Diese kleine Textstelle ist erstaunlich und steht in einem bemerkenswerten Gegensatz zu anderen Stellen in diesem Buch. Vielleicht ist diese Textstelle der Grund, warum es überhaupt in der DDR erscheinen konnte? ‒ Dies und daß Rita sich für das Bleiben entschieden hat, während Manfred in den Westen gegangen ist? Kurz bevor die Mauer gebaut und der Himmel geteilt wurde.
Da ist ein ständiges Schwanken in diesem Buch, ein Hin und Her. Eine offen bleibende Unklarheit im Menschenbild; dem Menschen, wie er für die DDR brauchbar ist, und dem Menschen, wie er für Westdeutschland brauchbar ist. Und dann noch dem Menschen, der überall zurecht kommt, weil es ihm immer nur um sich selbst geht. Der sich, für beide deutsche Staaten, schließlich als der brauchbarste erwiesen hat.
In der Beziehung zwischen Rita und Manfred wird dieser Kampf, dieses Hin-und-Her-Schwanken gelebt und ausgetragen. Manfred verliert diesen Kampf, weil er nicht an den Menschen glauben kann. Am krassesten kommt dieser Widerspruch zwischen Rita und Manfred in zwei Textstellen zum Ausdruck, von denen ich die eine über die Freundlichkeit schon zitiert habe. Die andere stammt von Manfred: „Was heißt hier Gesellschaftsordnung, wenn der Bodensatz der Geschichte überall das Unglück und die Angst des einzelnen ist ...“ (Wolf 1963/73, S.158)
Auch in „Auf dem Weg nach Tabou“ (1994) ist von diesem Bodensatz die Rede. Schon im Geteilten Himmel geht es Christ Wolf, so wie 30 Jahre später in der neuen, größer gewordenen Bundesrepublik, um dasselbe. Der Mensch besteht aus Sedimenten, und das Ich schwimmt haltlos wie eine winzige Nußschale oben auf; den von unten drohenden Monstern schutzlos ausgeliefert.
Der „Bodensatz der Geschichte“ ist die Lebenswelt um und in uns allen. Unser heutiger Bodensatz ist der im 20. Jhdt. gewachsene Konsumismus, der Wachstumsirrglaube, der „das Unglück und die Angst des einzelnen ist“.
Aber auch die Freundlichkeit, der sich Rita am Schluß des Buches anvertraut, ist die Lebenswelt. Habermas bezeichnet sie als symbolische Reproduktion. Diese erneuert täglich in den privaten Lebensverhältnissen, wenn die materielle Reproduktion den Menschen verbraucht hat, die Freundlichkeit, die uns wieder aufleben läßt.
Die Mauer ist gefallen, und der Himmel ist nicht mehr geteilt. Wurden materielle und symbolische Reproduktion versöhnt? ‒ Es ist wohl eher so, daß die materielle Reproduktion universell geworden ist. Es gibt keine privaten Lebensverhältnisse mehr.
Dennoch ist beides Lebenswelt: der Bodensatz und die Freundlichkeit. Das kann man an den Lebensverhältnissen in Rußland sehen. Im Rahmen einer gesellschaftlichen Spaltung zwischen Stadt und Land ‒ Rußlands geteilter Himmel? ‒ haben wir es mit einer Bevölkerung zu tun, die geschichtlich durch ein viele Jahrhunderte umfassendes Zarentum und einen fast achtzig Jahre währenden Sowjetkommunismus geprägt ist. Das ist der Bodensatz, dessen sich Putin für seinen Angriffskrieg in der Ukraine bedient.
Aber nach allem, was ich über die Freundlichkeit der russischen Bevölkerung, über ihre Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft gehört habe ‒ ich selbst bin nie in Rußland gewesen ‒, gibt es auch diese Ebene einer humanen Reproduktion im privaten Lebensbereich.
Bei der Freundlichkeit haben wir es immer noch mit einer elementaren Menschlichkeit zu tun, die sich erst noch individualisieren muß. Und zwar auf der Ebene von Ich = Du, einer Sozialform, die den Vorteil hat, tief in diese elementare Schicht hineinzureichen und gleichzeitig das Gruppen-Wir, den Bodensatz der Geschichte, zu transzendieren.
Dienstag, 2. Mai 2023
Profiteure der Verunsicherung
Manchmal sehe ich sie noch, die Maskenträgerinnen und Träger. Als ich am Sonntagabend den Wagen meines Vaters zur Tankstelle fuhr, stieg dort eine Frau mit Maske aus ihrem Auto. Und vorhin, ich hatte meinen Vater in die Augenklinik nach Münster gefahren, stellte ich mich an der Theke des Krankenhauscafés an. Hinter mir stand eine Frau in der Schlange; mit Maske. Die einzige, sogar hier im Krankenhaus.
Längst ist die Pandemie allseits für beendet erklärt worden, aber immer noch tauchen, wie Gespenster aus der Vergangenheit, einzelne Maskenträger auf. So sah ich auch vor ein oder zwei Wochen einen Radfahrer. Auf dem Fahrrad mit Maske unterwegs zu sein, war mir sogar zu Pandemiezeiten reichlich übertrieben erschienen.
Ich frage mich, wie tief sich wohl die Angst in diesen Menschen eingewurzelt haben mag. Ich frage mich, ob sie vielleicht ein Symptom für eine tiefe Verunsicherung in unserer Gesellschaft sind, die die Politiker (CDU / CSU / FDP / AfD), die ich als Profiteure der Verunsicherung bezeichnen möchte, auszubeuten versuchen, indem sie den Wunsch nach Führung und Entlastung bedienen. Sie profitieren von dieser Verunsicherung, indem sie, anstatt die Ursachen, Klimawandel, Krieg in Europa, einzuhegen und zu bekämpfen, was jetzt insbesondere den Klimawandel betrifft: jeden in diese Richtung gehenden Versuch als Angstmacherei diffamieren.
Indem sie die Letzte Generation, die uns immer wieder daran hindert, uns in der Geborgenheit unserer Alltagsroutinen einzuigeln, zum Schuldigen machen, entlasten sie uns von unserer Verantwortung und lenken unseren Unmut zugleich indirekt auch auf die GRÜNEN, die in den Umfragen auf einen Platz hinter der AfD abrutschen und, so die Hoffnung, auch bei den bevorstehenden Landtagswahlen von den verunsicherten Wählerinnen und Wählern mit abgestraft werden; während jetzt schon Aktivistinnen und Aktivisten als Straftäter abqualifiziert und weggesperrt werden.
Auch dafür, für das Verfehlen der Klimaziele, machen die Profiteure der Verunsicherung diese Letzte Generation verantwortlich. Es ist nicht etwa die Politik der Ampel, die immer wieder, mit ihren Gesetzesvorhaben von der FDP ausgebremst, schwere klimapolitische Versäumnisse zu verantworten hat, sondern die Letzte Generation, die die Bevölkerung verschreckt und so eine effektive Klimaschutzpolitik behindert.
So gewinnt man Landtagswahlen und mittelfristig die nächste Bundestagswahl. Was natürlich der eigentliche Grund für diese Angstkampagne, Verzeihung: für diese Kampagne gegen die Angstmacher ist. Sich selbst bescheinigen die Profiteure der Verunsicherung in ihrem leichtfertigen Spiel mit der Angst per grüngefärbtem Grundsatzprogramm (CDU) eine vernünftige Klimapolitik und versprechen deren Vereinbarkeit mit Marktwirtschaft und immerwährendem Wachstum.
Masken für Mund und Nase. Scheuklappen für die Augen. Kopfhörer in die Ohren eingestöpselt. Das sind die Bürger, wie sie sich die Profiteure der Verunsicherung wünschen.
Längst ist die Pandemie allseits für beendet erklärt worden, aber immer noch tauchen, wie Gespenster aus der Vergangenheit, einzelne Maskenträger auf. So sah ich auch vor ein oder zwei Wochen einen Radfahrer. Auf dem Fahrrad mit Maske unterwegs zu sein, war mir sogar zu Pandemiezeiten reichlich übertrieben erschienen.
Ich frage mich, wie tief sich wohl die Angst in diesen Menschen eingewurzelt haben mag. Ich frage mich, ob sie vielleicht ein Symptom für eine tiefe Verunsicherung in unserer Gesellschaft sind, die die Politiker (CDU / CSU / FDP / AfD), die ich als Profiteure der Verunsicherung bezeichnen möchte, auszubeuten versuchen, indem sie den Wunsch nach Führung und Entlastung bedienen. Sie profitieren von dieser Verunsicherung, indem sie, anstatt die Ursachen, Klimawandel, Krieg in Europa, einzuhegen und zu bekämpfen, was jetzt insbesondere den Klimawandel betrifft: jeden in diese Richtung gehenden Versuch als Angstmacherei diffamieren.
Indem sie die Letzte Generation, die uns immer wieder daran hindert, uns in der Geborgenheit unserer Alltagsroutinen einzuigeln, zum Schuldigen machen, entlasten sie uns von unserer Verantwortung und lenken unseren Unmut zugleich indirekt auch auf die GRÜNEN, die in den Umfragen auf einen Platz hinter der AfD abrutschen und, so die Hoffnung, auch bei den bevorstehenden Landtagswahlen von den verunsicherten Wählerinnen und Wählern mit abgestraft werden; während jetzt schon Aktivistinnen und Aktivisten als Straftäter abqualifiziert und weggesperrt werden.
Auch dafür, für das Verfehlen der Klimaziele, machen die Profiteure der Verunsicherung diese Letzte Generation verantwortlich. Es ist nicht etwa die Politik der Ampel, die immer wieder, mit ihren Gesetzesvorhaben von der FDP ausgebremst, schwere klimapolitische Versäumnisse zu verantworten hat, sondern die Letzte Generation, die die Bevölkerung verschreckt und so eine effektive Klimaschutzpolitik behindert.
So gewinnt man Landtagswahlen und mittelfristig die nächste Bundestagswahl. Was natürlich der eigentliche Grund für diese Angstkampagne, Verzeihung: für diese Kampagne gegen die Angstmacher ist. Sich selbst bescheinigen die Profiteure der Verunsicherung in ihrem leichtfertigen Spiel mit der Angst per grüngefärbtem Grundsatzprogramm (CDU) eine vernünftige Klimapolitik und versprechen deren Vereinbarkeit mit Marktwirtschaft und immerwährendem Wachstum.
Masken für Mund und Nase. Scheuklappen für die Augen. Kopfhörer in die Ohren eingestöpselt. Das sind die Bürger, wie sie sich die Profiteure der Verunsicherung wünschen.
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