Dem Guten eines Jahrs: Verfall!
Von allen Feiertagen bester
ist ganz bestimmt nicht der Silvester.
Im Gegenteil! Der hat nen Knall.
„Wenn schon eine ganze Welt, auf Erkenntnis beruhend und ihrer ständig bedürftig, errichtet ist und ihren Gang geht, wie die der modernen Technik, wird der nach dem Grund ihrer Möglichkeit und nach ihren Sicherheitsgarantien Fragende zum Sokrates der Vergeblichkeit.“ (Blumenberg, Höhlenausgänge, S.169)
„...letztlich ist der Mensch, als Folge oder Krönung der Evolution, nur in der Totalität der Erde begreifbar.“ (Leroi-Gourhan, Hand und Wort, S.22)
Sonntag, 31. Dezember 2023
Freitag, 22. Dezember 2023
Alle Jahre wieder ...
... und wieder und immer wieder kommt das Christuskind. Weihnachten, das Fest des Friedens und der Liebe. Und den Weihnachtsmann, den gibt es natürlich auch. Mit der Konsumfreude der Verbraucher und mit den Profiten im Einzelhandel und bei Amazon, die anschließend zum Jahresende in Zahlen gefaßt verkündet werden, hat das natürlich nicht das Geringste zu tun.
Geräuschkulisse: süßliche Weihnachtslieder, Glöckchengebimmel.
Geruchskulisse: süßlich gewürzter Glühwein und Zimtgebäck.
Das wird sich über die eigentlichen Feiertage noch zu einem dicken Brei verdichten, mit Fernsehsendungen, Weihnachtsfilmen und Geschenkideen via Werbung auf allen Kanälen. Warum müssen es eigentlich zwei Feiertage sein? Dies Jahr sind es sogar drei hintereinander. Und in dieser Zeit wird auf allen Kanälen nichts anderes laufen als Weihnachten. Alle anderen Sendungen, insbesondere Nachrichten, Reportagen, Informationssendungen, werden suspendiert, so als fände nirgendwo auf der Welt was anderes statt. Überall Weihnachtslieder und Friedhofsruhe.
Dann folgen ein paar Tage mit vereinzelten Bölleraktionen verstreuter Kinder- und Jugendbanden, die zu Silvester, mit nun veränderter Geräuschs- und Geruchskulisse, mit Pulvergestank, Raketenpfiffen und Böllergeknalle in einen kleinen Bürgerkrieg mit Raketenangriffen auf Feuerwehrleute, Sanitäter und Polizeibeamte übergehen. Flankiert wird das Ganze vom Putinschen Angriffskrieg in der Ukraine und dieses Jahr, wenn man den Warnhinweisen glauben darf, gemixt mit islamistischem Terror. Von den anderen kriegerischen Anlässen, den Himmelsraum und die Straßen mit Lichtern, Blitzen und Explosionen verschiedener Art zu erfüllen, ganz zu schweigen.
Die Tierwelt zieht sich fiepend und jaulend in häuslicher Umgebung unter Tische und Betten und in natürlicher Umgebung unter Büsche und in Erdlöcher zurück.
Kein Fleckchen in Deutschland, keine Insel in Nord- oder Ostsee, um dem zu entkommen.
Die Polizei, so heißt es, sei auf alles vorbereitet. Sie rechnet wohl mit dem Schlimmsten.
Volkskundlich gesehen hat die Silvesterknallerei einen guten Sinn: böse Geister und Dämonen werden vertrieben. Das läßt sich auf heute übertragen. Der Pulvergestank vertreibt Gewürz- und Glühweinseligkeit und ersetzt Glöckchengeklingel durch Böller und Knallfrösche. Lärm und Gejohle verdrängen Weihnachtslieder. Silvester vertreibt Weihnachten.
So willkommen geheißen und dem alten Jahr das Licht ausgeblasen, kann das neue Jahr beginnen. Verkatert und leer.
Wie jedes Jahr. Wieder und immer wieder.
Geräuschkulisse: süßliche Weihnachtslieder, Glöckchengebimmel.
Geruchskulisse: süßlich gewürzter Glühwein und Zimtgebäck.
Das wird sich über die eigentlichen Feiertage noch zu einem dicken Brei verdichten, mit Fernsehsendungen, Weihnachtsfilmen und Geschenkideen via Werbung auf allen Kanälen. Warum müssen es eigentlich zwei Feiertage sein? Dies Jahr sind es sogar drei hintereinander. Und in dieser Zeit wird auf allen Kanälen nichts anderes laufen als Weihnachten. Alle anderen Sendungen, insbesondere Nachrichten, Reportagen, Informationssendungen, werden suspendiert, so als fände nirgendwo auf der Welt was anderes statt. Überall Weihnachtslieder und Friedhofsruhe.
Dann folgen ein paar Tage mit vereinzelten Bölleraktionen verstreuter Kinder- und Jugendbanden, die zu Silvester, mit nun veränderter Geräuschs- und Geruchskulisse, mit Pulvergestank, Raketenpfiffen und Böllergeknalle in einen kleinen Bürgerkrieg mit Raketenangriffen auf Feuerwehrleute, Sanitäter und Polizeibeamte übergehen. Flankiert wird das Ganze vom Putinschen Angriffskrieg in der Ukraine und dieses Jahr, wenn man den Warnhinweisen glauben darf, gemixt mit islamistischem Terror. Von den anderen kriegerischen Anlässen, den Himmelsraum und die Straßen mit Lichtern, Blitzen und Explosionen verschiedener Art zu erfüllen, ganz zu schweigen.
Die Tierwelt zieht sich fiepend und jaulend in häuslicher Umgebung unter Tische und Betten und in natürlicher Umgebung unter Büsche und in Erdlöcher zurück.
Kein Fleckchen in Deutschland, keine Insel in Nord- oder Ostsee, um dem zu entkommen.
Die Polizei, so heißt es, sei auf alles vorbereitet. Sie rechnet wohl mit dem Schlimmsten.
Volkskundlich gesehen hat die Silvesterknallerei einen guten Sinn: böse Geister und Dämonen werden vertrieben. Das läßt sich auf heute übertragen. Der Pulvergestank vertreibt Gewürz- und Glühweinseligkeit und ersetzt Glöckchengeklingel durch Böller und Knallfrösche. Lärm und Gejohle verdrängen Weihnachtslieder. Silvester vertreibt Weihnachten.
So willkommen geheißen und dem alten Jahr das Licht ausgeblasen, kann das neue Jahr beginnen. Verkatert und leer.
Wie jedes Jahr. Wieder und immer wieder.
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Als Gegengift zu diesem Blogpost empfehle ich
„Vernunft breitet sich aus über die Bundesrepublik Deutschland“
von Reinhard Mey.
„Vernunft breitet sich aus über die Bundesrepublik Deutschland“
von Reinhard Mey.
Mittwoch, 29. November 2023
Definiere ,Volk‛
Söder fordert die Ampel auf, dem „deutschen Volk“ die Vertrauensfrage zu stellen.
Ich fordere ihn auf: definiere ,Volk‛.
Ich fordere ihn auf: definiere ,Volk‛.
Samstag, 25. November 2023
Verzicht auf Bösewichter
In seinem Nachwort zu „Der Weg der Wünsche“ (2023) erörtert Patrick Rothfuss die Rolle von ausgemachten Bösewichtern in Fantasyromanen und kommt dabei auf ein Grundprinzip seiner eigenen Romane zu sprechen. Er verzichtet auf von Grund auf schlechte Protagonisten und will so zeigen, daß es Spannung auch ohne Feindseligkeit geben kann.
Zu der Liste von Schrecknissen, auf die er bislang verzichtet habe ‒ Schwertkämpfe, Koboldarmeen und Apokalypsen ‒, kommt auch noch Folgendes: „Niemand zerstörte irgendetwas in einem Vulkan und vernichtete damit die gesamte Magie, so dass die Elben auf ewig so traurig waren, dass sie für alle Zeit aus dieser Welt abhauten.“ (Rothfuss 2023, S.211)
Das ist eigentlich eine recht gute Zusammenfassung vom „Herrn der Ringe“.
Tatsächlich kommen in „Der Weg der Wünsche“ drei Anwärter auf das Prädikat „böse“ vor: Jessom, Rike und der verrückte Martin. Von diesen drei Anwärtern ist aber nur einer richtig böse. Jessom verprügelt regelmäßig seinen Sohn. Jemand, der das tut, kann einfach nicht gut sein!
Rothfuss’ Philosophie unterscheidet sich von der von Erich Kästner. In einem seiner Kinderbücher schreibt Kästner über einen Jungen, einen richtigen Widerling, daß es Kinder gebe, die von Anfang an schlecht seien und sich dann auch nicht mehr ändern. Sie seien wie Fernrohre, die man auseinanderziehen kann. Sie würden zwar immer länger, blieben aber immer ein Fernrohr.
Gut, daß es Autoren wie Patrick Rothfuss gibt.
Zu der Liste von Schrecknissen, auf die er bislang verzichtet habe ‒ Schwertkämpfe, Koboldarmeen und Apokalypsen ‒, kommt auch noch Folgendes: „Niemand zerstörte irgendetwas in einem Vulkan und vernichtete damit die gesamte Magie, so dass die Elben auf ewig so traurig waren, dass sie für alle Zeit aus dieser Welt abhauten.“ (Rothfuss 2023, S.211)
Das ist eigentlich eine recht gute Zusammenfassung vom „Herrn der Ringe“.
Tatsächlich kommen in „Der Weg der Wünsche“ drei Anwärter auf das Prädikat „böse“ vor: Jessom, Rike und der verrückte Martin. Von diesen drei Anwärtern ist aber nur einer richtig böse. Jessom verprügelt regelmäßig seinen Sohn. Jemand, der das tut, kann einfach nicht gut sein!
Rothfuss’ Philosophie unterscheidet sich von der von Erich Kästner. In einem seiner Kinderbücher schreibt Kästner über einen Jungen, einen richtigen Widerling, daß es Kinder gebe, die von Anfang an schlecht seien und sich dann auch nicht mehr ändern. Sie seien wie Fernrohre, die man auseinanderziehen kann. Sie würden zwar immer länger, blieben aber immer ein Fernrohr.
Gut, daß es Autoren wie Patrick Rothfuss gibt.
Sonntag, 19. November 2023
Wie erkenne ich einen Antisemiten?
Jemand erklärte, woran man einen Antisemiten erkenne. Man frage einfach, wer am Klimawandel schuld sei: Juden oder Radfahrer? Angeblich antworten 9 von 10 darauf: „Warum Radfahrer?“
Ich habe diese an einen schlechten Witz erinnernde Frage schon öfter gehört. Mir selbst hat sie noch keiner gestellt. Aber ich stelle mir vor, mir würde sie gestellt und ich hätte sie noch nie gehört und würde damit in einem Moment überrascht, in dem ich mit so einer Frage überhaupt nicht rechne.
Was würde mir als erstes durch den Kopf gehen? Ich würde wahrscheinlich denken, daß der Fragesteller mit mir ein Gespräch über Antisemitismus führen will. Aber in einem Gespräch über Antisemitismus haben Radfahrer nichts zu suchen. Meine Antwort auf diese Frage wäre also ein verwundertes: „Warum Radfahrer?“
Und schon hätte ich mich als Antisemit geoutet.
Ein ähnliches Ergebnis hätten wir, wenn in meinem Kopf vor allem das Wort ,Klimawandel‛ hängengeblieben wäre, nach dessen Verursachung, zumindest in der Version, in der ich sie kenne, gefragt wird. So aus allen meinen Gedanken herausgerissen, in denen gerade Antisemitismus überhaupt keine Rolle gespielt hatte, würde ich möglicherweise denken, daß alle Menschen mehr oder weniger schuld daran sind, am wenigsten aber die Radfahrer. Einmal innerlich bis zehn gezählt und dann noch einmal auf die Frage geschaut, hätte ich aber mit Sicherheit gemerkt, daß es sich um eine Fangfrage handelt. Wer aber tut das schon?
Auf diese Art funktionieren alle Fangfragen. Eine Frage, auf die man naiv wie auf jede einfache Frage reagiert, entpuppt sich plötzlich als Trick. Sie kann als bloßer Scherz gemeint sein oder auch auf eine nicht besonders nette Unterstellung abzielen.
Tatsächlich habe ich den Eindruck, daß ein nicht geringer Teil der derzeitigen Antisemitismusdebatte auf diesem Niveau verläuft. Diese Frage wurde in einem Interview in der heutigen DLF-Sendung von „Informationen und Musik“ ernsthaft als Antisemitismustest vorgeschlagen. Man solle sie beliebigen Menschen, wo sie gerade „stehen, sitzen oder liegen“, stellen. Aber inzwischen ist diese spezielle Fangfrage wohl allgemein so bekannt, daß sich keiner mehr von ihr überrumpeln läßt.
Wo es um etwas geht, mit dem es uns wirklich ernst ist, sollten wir deshalb auf rhetorische Tricks aller Art verzichten.
Ich habe diese an einen schlechten Witz erinnernde Frage schon öfter gehört. Mir selbst hat sie noch keiner gestellt. Aber ich stelle mir vor, mir würde sie gestellt und ich hätte sie noch nie gehört und würde damit in einem Moment überrascht, in dem ich mit so einer Frage überhaupt nicht rechne.
Was würde mir als erstes durch den Kopf gehen? Ich würde wahrscheinlich denken, daß der Fragesteller mit mir ein Gespräch über Antisemitismus führen will. Aber in einem Gespräch über Antisemitismus haben Radfahrer nichts zu suchen. Meine Antwort auf diese Frage wäre also ein verwundertes: „Warum Radfahrer?“
Und schon hätte ich mich als Antisemit geoutet.
Ein ähnliches Ergebnis hätten wir, wenn in meinem Kopf vor allem das Wort ,Klimawandel‛ hängengeblieben wäre, nach dessen Verursachung, zumindest in der Version, in der ich sie kenne, gefragt wird. So aus allen meinen Gedanken herausgerissen, in denen gerade Antisemitismus überhaupt keine Rolle gespielt hatte, würde ich möglicherweise denken, daß alle Menschen mehr oder weniger schuld daran sind, am wenigsten aber die Radfahrer. Einmal innerlich bis zehn gezählt und dann noch einmal auf die Frage geschaut, hätte ich aber mit Sicherheit gemerkt, daß es sich um eine Fangfrage handelt. Wer aber tut das schon?
Auf diese Art funktionieren alle Fangfragen. Eine Frage, auf die man naiv wie auf jede einfache Frage reagiert, entpuppt sich plötzlich als Trick. Sie kann als bloßer Scherz gemeint sein oder auch auf eine nicht besonders nette Unterstellung abzielen.
Tatsächlich habe ich den Eindruck, daß ein nicht geringer Teil der derzeitigen Antisemitismusdebatte auf diesem Niveau verläuft. Diese Frage wurde in einem Interview in der heutigen DLF-Sendung von „Informationen und Musik“ ernsthaft als Antisemitismustest vorgeschlagen. Man solle sie beliebigen Menschen, wo sie gerade „stehen, sitzen oder liegen“, stellen. Aber inzwischen ist diese spezielle Fangfrage wohl allgemein so bekannt, daß sich keiner mehr von ihr überrumpeln läßt.
Wo es um etwas geht, mit dem es uns wirklich ernst ist, sollten wir deshalb auf rhetorische Tricks aller Art verzichten.
Freitag, 17. November 2023
Die Wertegemeinschaft und das Grundgesetz
Die islamistische Hizb ut-Tahrir, die „Partei der Befreiung“, bezeichnet die westlichen Demokratien als „Wertediktatur“. Daß diese Kombination aus den Begriffen ,Werte‛ und ‚Diktatur‛ eine gewisse Plausibilität hat, liegt an einem weitverbreiteten Mißverständnis. Dieses Mißverständnis hängt mit dem dieser Tage in der Politik wiedermal besonders gern verwendeten Appell an die westliche „Wertegemeinschaft“ zusammen.
Ich habe mich schon an anderer Stelle dazu geäußert und will das jetzt nicht nochmal im Detail aufdröseln. Letztlich geht es beim Begriff der Wertegemeinschaft darum, daß in der Politik gerne die gemeinsamen Werte demokratischer Staaten, insbesondere diesseits und jenseits des Atlantiks, hervorgehoben werden. Aber tatsächlich unterscheiden sich die jeweiligen Werte und die Staatsverfassungen in den USA, Kanada, Südamerika, Afrika, Asien, Australien und Europa zum Teil erheblich, so daß eigentlich nur von einer weitläufigen Verwandtschaft in den Wertesystemen gesprochen werden kann.
Was die bundesdeutsche Verfassung betrifft, das Grundgesetz, haben wir es nicht etwa mit konkreten Werten zu tun, die für alle verbindlich sein sollen, sondern mit formalen Regeln, die es gerade ermöglichen sollen, daß alle Bürger dieses Staates nach ihren eigenen Werten leben können. Grundrechte wie die Meinungsfreiheit und das Recht auf freie Persönlichkeitsentfaltung sind, was konkrete Werte betrifft, völlig inhaltsleer. Nur deshalb kann ich freimütig gestehen, daß ich eben nicht dieselben Werte habe wie die FDP oder die CDU. Wäre ja noch schöner, wenn die mir vorschreiben könnten, was ich für richtig und was ich für falsch zu halten habe und wie ich mein Leben zu führen habe!
Ich habe auch nicht dieselben Werte wie große Teile der Bevölkerung, denen das Schicksal des Planeten und kommender Generationen am Arsch vorbeigeht, weil sie sich noch möglichst viel von den letzten Krümeln des längst aufgefressenen Kuchens sichern wollen, bevor alles zuende ist.
Ha! ‒ Es tut richtig gut, sich das mal wieder von der Seele kotzen zu können.
Aber das wars dann auch schon. Ich gehe eben nicht hin, um meine lieben Mitbürger zu ihrem Glück zu zwingen. Sie haben das Recht auf ihre bescheuerte Meinung. Auf ihr verkorkstes Leben. Und es ist eben letztlich eine Sache der Politik, also eine Sache, die uns alle angeht, aus dieser Gemengelage etwas zu machen.
Ich verhalte mich also, wie es uns das Grundgesetz auferlegt, und respektiere die Freiheit des Andersdenkenden. Denn nur wenn die anderen anders denken dürfen, kann auch ich anders denken. Und vielleicht auch anders leben. So gut es die Verhältnisse eben zulassen. Und vielleicht ändern die sich dann auch. Wenns geht hoffentlich zum Guten.
Das jedenfalls ist es, was das Grundgesetz ermöglichen möchte. Dafür wurde es vor 66 Jahren geschaffen.
Wir dürfen unser Leben an unterschiedlichen Werten orientieren, ohne uns dem Zwang einer Wertegemeinschaft unterwerfen zu müssen. Denn wäre es nicht so, hätten wir eine Wertediktatur.
Ich habe mich schon an anderer Stelle dazu geäußert und will das jetzt nicht nochmal im Detail aufdröseln. Letztlich geht es beim Begriff der Wertegemeinschaft darum, daß in der Politik gerne die gemeinsamen Werte demokratischer Staaten, insbesondere diesseits und jenseits des Atlantiks, hervorgehoben werden. Aber tatsächlich unterscheiden sich die jeweiligen Werte und die Staatsverfassungen in den USA, Kanada, Südamerika, Afrika, Asien, Australien und Europa zum Teil erheblich, so daß eigentlich nur von einer weitläufigen Verwandtschaft in den Wertesystemen gesprochen werden kann.
Was die bundesdeutsche Verfassung betrifft, das Grundgesetz, haben wir es nicht etwa mit konkreten Werten zu tun, die für alle verbindlich sein sollen, sondern mit formalen Regeln, die es gerade ermöglichen sollen, daß alle Bürger dieses Staates nach ihren eigenen Werten leben können. Grundrechte wie die Meinungsfreiheit und das Recht auf freie Persönlichkeitsentfaltung sind, was konkrete Werte betrifft, völlig inhaltsleer. Nur deshalb kann ich freimütig gestehen, daß ich eben nicht dieselben Werte habe wie die FDP oder die CDU. Wäre ja noch schöner, wenn die mir vorschreiben könnten, was ich für richtig und was ich für falsch zu halten habe und wie ich mein Leben zu führen habe!
Ich habe auch nicht dieselben Werte wie große Teile der Bevölkerung, denen das Schicksal des Planeten und kommender Generationen am Arsch vorbeigeht, weil sie sich noch möglichst viel von den letzten Krümeln des längst aufgefressenen Kuchens sichern wollen, bevor alles zuende ist.
Ha! ‒ Es tut richtig gut, sich das mal wieder von der Seele kotzen zu können.
Aber das wars dann auch schon. Ich gehe eben nicht hin, um meine lieben Mitbürger zu ihrem Glück zu zwingen. Sie haben das Recht auf ihre bescheuerte Meinung. Auf ihr verkorkstes Leben. Und es ist eben letztlich eine Sache der Politik, also eine Sache, die uns alle angeht, aus dieser Gemengelage etwas zu machen.
Ich verhalte mich also, wie es uns das Grundgesetz auferlegt, und respektiere die Freiheit des Andersdenkenden. Denn nur wenn die anderen anders denken dürfen, kann auch ich anders denken. Und vielleicht auch anders leben. So gut es die Verhältnisse eben zulassen. Und vielleicht ändern die sich dann auch. Wenns geht hoffentlich zum Guten.
Das jedenfalls ist es, was das Grundgesetz ermöglichen möchte. Dafür wurde es vor 66 Jahren geschaffen.
Wir dürfen unser Leben an unterschiedlichen Werten orientieren, ohne uns dem Zwang einer Wertegemeinschaft unterwerfen zu müssen. Denn wäre es nicht so, hätten wir eine Wertediktatur.
Sonntag, 12. November 2023
Hört Radio
Angesichts der Debatte um den Terrorüberfall der Hamas in Israel und dem Krieg in Gaza empfehle ich, auf das Radio zurückzugreifen. Insbesondere im Deutschlandfunk wird noch differenziert recherchiert, berichtet und diskutiert.
Folgende Sendungen haben mich überrascht und gefreut:- Das Interview mit Esther Dischereit im Büchermarkt (DLF), in dem sie den Sinn und Nutzen der Unbedingtheit von Solidaritätsbekundungen in Frage stellt.
- Der Kommentar (DLF) von Stephan Detjen, in dem er eine kontroverse Debatte zum israelbezogenen Antisemitismus anmahnt.
- Das Interview (Der Tag, DLF) von Ann-Kathrin Büüsker mit dem Deutsch-Palästinenser Aref Hajjaj und dem Journalisten Moritz Behrendt, in dem es um eine ungeteilte Empathie geht.
- Das Interview mit dem Historiker Gerhard Paul in Informationen und Musik (DLF), das die Macht der Bilder thematisiert; Gerhard Paul plädiert für mehr Radio hören.
- Das Interview mit Michael Andrick in den Informationen und Musik (DLF), in dem der Philosoph sich dagegen ausspricht, Kulturschaffende pauschal auf Solidaritätsbekundungen zu verpflichten und sie dann abzustrafen, wenn sie es nicht tun.
Labels:
antisemitismus,
Politik,
zivilgesellschaft
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