„...letztlich ist der Mensch, als Folge oder Krönung der Evolution, nur in der Totalität der Erde begreifbar.“ (Leroi-Gourhan, Hand und Wort, S.22)

Montag, 18. Juli 2011

Raoul Schrott/Arthur Jacobs, Gehirn und Gedicht. Wie wir unsere Wirklichkeit konstruieren, München 2011

2. Methode
    – Interdisziplinarität
    – Korrelation
    – Statistik
3. Zum Projekt einer Ästhesiologie des Geistes (Plessner) (Sinneswahrnehmungen und seelische und geistige Prozesse4. Metaphern, Analogien und exzentrische Positionalität
5. Bewußtsein: Schaltkreise, Regelkreise und Netzwerke
6. Zum Konzept eines Kernselbsts
7. Haltungen
8. Gestaltwahrnehmung und Kategorien
9. Naivität und Kritik/Reflexion
10. Statistisches Verstehen von Sätzen und unmittelbares Verstehen von Metaphern
11. Reine Stimuli: die Sichtbarmachung von nur ungenau Geschautem
12. Regel und Regelbruch: Differenz von Sagen und Meinen
13. Poesie versus Narrativität
14. Genetisch vorprogrammiert? – Denkfiguren als Operationsmodi des Gehirns

Ich bin schon im meinem Post vom 19.03.2011 auf die Problematik der Korrelation von neuronalen Prozessen mit Bewußtseinsphänomenen eingegangen. Ich habe vorgeschlagen, statt von neuronalen Korrelaten lieber von neuronaler Funktionalität zu sprechen. Auch Schrott und Jacobs raten zu einem vorsichtigen Umgang mit dem Begriff des Korrelats. So beanstandet Jacobs z.B., daß noch gar nicht „hinreichend geklärt“ sei, welche Rolle genau Spiegelzellen in den „vernetzten Hirnarealen des Menschen“ spielen, daß sie aber dennoch immer wieder als „neuronales Korrelat“ für so unterschiedliche Phänomene wie „dem ideomotorischen Prinzip (der Idee, dass jede Vorstellung einer Bewegung mit entsprechender Aktivität in den betroffenen Muskelgruppen einhergeht)“, für das „Imitationslernen“, für die „menschliche() Sprachentwicklung und Kommunikation“, für die „Fähigkeit, sich mental in andere hineinzuversetzen“ und für das „ästhetische() Empfinden“ herangezogen werden. (Vgl. Jacobs 2011, S.24)

Entgegen einer einfachen 1:1-Zuordnung von Bewußtseinsprozessen und Schaltkreisen bzw. Netzwerken muß Jacobs zufolge festgehalten werden, daß prinzipiell „ein und dasselbe Hirnareal (oder ein und derselbe Neuronenverbund) an mehreren psychischen Phänomenen beteiligt sein kann; und umgekehrt ein und derselbe mentale Vorgang auf einer synchronisierten Rekrutierung von mehreren neuronalen Netzwerken basieren kann.“ (Vgl. Jacobs 2011, S.25) – Auf keinen Fall läßt sich also zwischen neuronalen Prozessen und Bewußtseinsphänomen eine einfache Kausalitätsbeziehung konstruieren, da „eine neuronale Aktivität ... sowohl Ursache wie Folge eines mentalen Vorgangs sein“ könne. (Vgl.ebd.) Die „Vorstellung einer Deckungsgleichheit zwischen neuronaler und geistiger Aktivität, der zufolge eine bestimmte neuronale Aktivität notwendige und hinreichende Bedingung eines bestimmten geistigen Phänomens ist“, ist deshalb nicht als eine Wirklichkeitsbeschreibung zu verstehen. Sie hat lediglich einen „heuristischen Wert“. (Vgl. ebd.)

Jacobs geht deshalb sogar so weit, daß man mittels „Kombination verschiedener neurowissenschaftlicher Methoden“ zur Klärung des Verhältnisses zwischen neuronalen Prozessen und Bewußtseinsphänomen lediglich zu „Kausalnarration(en)“ kommen könne. (Vgl. Jacobs 2011, S.25) An anderer Stelle heißt es bezüglich „kortikale(r) Korrelate zu Farbphänomenen“, daß damit nicht gemeint sei, daß „es in diesen Prozessen selbst so etwas wie diese Farben gibt“. Farben existieren als „Phänomene“ und nicht als neuronale Prozesse. (Vgl. Jacobs 2011, S.154)

Jacobs bezieht sich dabei auch auf ein mit der Gestaltwahrnehmung einhergehendes neurologisches Phänomen („Aktivierungsmaxima im Gamma-Frequenzspektrum“), das Wolf Singer als Korrelat von Gestaltphänomenen beschreibt und als Erklärung „für das Rätsel“ anbietet, „das die neuroanatomische Trennung spezialisierter Verarbeitungsareale im Hinblick auf die Gestaltwahrnehmung aufwirft“. (Vgl. Jacobs 2011, S.154) Jacobs bezweifelt aber, daß das von Singer beschriebene Phänomen erklären kann, wie es das Gehirn schafft, „die Zusammengehörigkeit derjenigen Nervenzellen, die im gleichen Rhythmus feuern“, zu „interpretieren“: „Noch sind keine Gehirnpartien oder Netzwerke identifiziert, welche auf die anderswo synchron feuernden Neuronen selektiv reagieren.“ (Vgl. Jacobs 2011, S.155)

Allerdings schwächt Jacobs seine Zweifel gleich wieder ab, indem er anmerkt: „Aber vielleicht reicht bereits die bloße physikalische Gleichzeitigkeit zweier (oder mehrerer) ‚Neuronenfeuer‘, um Gestalteindrücke zu erzeugen, ohne dass das Gehirn eine weitere Instanz dafür benötigte.“ (Jacobs 2011, S.155) – Um diese Vermutung als einigermaßen plausibel erscheinen zu lassen, müßte man allerdings davon ausgehen, daß für einen bestimmten Gestalteindruck alle anderen Gehirnaktivitäten unterbunden werden müßten. Denn das bloße synchrone Feuern einiger Neuronen ist doch angesichts der überwältigenden Gesamttätigkeit des Gehirns ein recht armseliges und jedenfalls nicht gerade hinreichendes Unterscheidungsmerkmal. Wenn das Gehirn insgesamt global aktiv bleibt, feuern so viele Netzwerke gleichzeitig, daß eine wiederum bloß durch Gleichzeitigkeit gewährleistete Synchronisation als lächerlich erscheint. Es liegt nach wie vor näher, von der Notwendigkeit eines versammelnden Bewußtseins auszugehen, das die entsprechenden Areale zusammenhält und so Gestaltwahrnehmung gewährleistet.

Letztlich bleibt festzuhalten, daß die Redeweise von neuronalen Korrelaten höchst problematisch ist. Es erscheint mir auch als überflüssig, an dieser Redeweise wegen ihres heuristischen Wertes festhalten zu wollen. Es reicht völlig aus, von der neuronalen Funktionalität für Bewußtseinsphänomene auszugehen. Der Begriff des Korrelats sollte wegen seiner Mißverständlichkeit besser vermieden werden.

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Raoul Schrott/Arthur Jacobs, Gehirn und Gedicht. Wie wir unsere Wirklichkeit konstruieren, München 2011

2. Methode
    – Interdisziplinarität

    – Korrelation
    – Statistik
3. Zum Projekt einer Ästhesiologie des Geistes (Plessner)
4. Metaphern, Analogien und exzentrische Positionalität
5. Bewußtsein: Schaltkreise, Regelkreise und Netzwerke
6. Zum Konzept eines Kernselbsts (Damasio)
7. Haltungen
8. Gestaltwahrnehmung und Kategorien
9. Naivität und Reflexion
10. Statistisches Verstehen von Sätzen und unmittelbares Verstehen von Metaphern
11. Reine Stimuli: die Sichtbarmachung von nur ungenau Geschautem
12. Regel und Regelbruch: Differenz von Sagen und Meinen
13. Poesie versus Narrativität
14. Genetisch vorprogrammiert? – Denkfiguren als Operationsmodi des Gehirns

Raoul Schrott und Arthur Jacobs sind die gemeinsamen Autoren von „Gehirn und Gedicht“. Dennoch läßt sich innerhalb des Textes deutlich erkennen, welche Teile von Schrott stammen und welche von Jacobs. Die Textbeiträge von Jacobs sind in Form von 37 Boxen von dem übrigen Text abgeteilt, und sie beinhalten psychologische, neurophysiologische und linguistische Ergänzungen und Details zu Schrotts Ausführungen. Schon Jacobs Beiträge sind im hohen Maße interdisziplinär, da sie Verweise und Exkurse zu den verschiedensten wissenschaftlichen Disziplinen beinhalten.

Schrotts Ausführungen, die seitenmäßig den wesentlich größeren Anteil am Gesamttext ausmachen, gehen über diese Interdisziplinarität noch hinaus, weil sie sich hauptsächlich an der Nahtstelle zwischen Naturwissenschaften und Geisteswissenschaften entlang bewegen. Was den naturwissenschaftlichen Anteil in seinen Textbeiträgen betrifft, bedient sich Schrott wiederum überwiegend aus der Neurophysiologie und der Psychologie. Der geisteswissenschaftliche Anteil besteht wiederum zum überwiegenden Teil aus literaturwissenschaftlichen (poetologischen) und zu einem geringeren Teil aus kulturwissenschaftlichen Erörterungen.

Aufgrund dieser für den Leser sichtbaren Arbeitsteilung zwischen Schrott und Jacobs ist es mir möglich, die Zitate jeweils dem einen (Schrott 2011) oder dem anderen Autor (Jacobs 2011) zuzuordnen. Obwohl das Vorwort hinsichtlich der Autorenschaft nicht eigens gekennzeichnet ist, gehe ich davon aus, daß es von beiden Autoren gemeinsam geschrieben wurde. Die dortigen Hinweise zur Methode werde ich deshalb beiden Autoren (Schrott/Jacobs 2011) zuordnen.

Die Interdisziplinarität wird von beiden Autoren hoch angesiedelt. Sie wenden sich explizit gegen eine „allzu modische Form der Neuro-Romantik“ (Schrott/Jacobs 2011, S.7) mit ihren Neologismen aus Neuro-Linguistik, Neuro-Didaktik, Neuro-Theologie, Neuro-Ethnologie etc., die mit ihren überflüssigen, weil bloß additiven neurowissenschaftlichen Einsichten glaubt, althergebrachte Disziplingrenzen überflüssig machen zu können: „Denn mit der Aussage, dass die Sehrinde das Lesezentrum berührt und das Hörareal an die Leitstellen für Motorik und Rhythmik grenzt, weshalb sich die Dichtung hin und wieder mit großem Tierblick präsentiere, kommt man nicht weit. Im schlimmsten Fall spricht sich die Poesie selbst jede Aussagekraft ab, indem sie ihr Denken nunmehr als Folge physiologischer Kurzschlüsse darstellt.“ (S.7)

Schrott und Jacobs wenden sich kritisch gegen die Pseudo-Interdisziplinarität vieler Naturwissenschaftler, die dazu neigen, den Modellcharakter ihrer eigenen Begriffe zu vergessen, diese Begriffe mit der Wirklichkeit gleichsetzen und so „das Metaphorische ihrer Wahrheiten aus dem Blick ... verlieren.“ (Vgl. Schrott/Jacobs 2011, S.12) Umgekehrt neigt die Poesie dazu, ihr eigenes stilistisches Verfahren mit Metaphern, Analogien und rhetorischen Strukturen als „unverbindliches Spiel“ zu verstehen, dessen Erkenntnischarakter sie „nicht ernst genug nimmt“. (Vgl. Schrott/Jacobs 2011, S.12)

Das interdisziplinäre Verhältnis zwischen Literaturwissenschaft bzw. Poesie und der Naturwissenschaft wird von den Autoren als ein Verhältnis zwischen „zwei Kulturen“ beschrieben, zwischen denen ein Gleichgewicht herrschen muß.  (Vgl. Schrott/Jacobs 2011, S.13f.) Das erinnert mich sehr an meine eigenen Darstellungen zum eigenen Verstandesgebrauch, dessen innere Struktur ich immer als ein ausgewogenes Verhältnis von Naivität und Reflexion beschrieben habe, – also auch als eine Verhältnisbestimmung zwischen zwei ‚Kulturen‘. Die auf die unbewußten ‚Denkprozesse‘ und Emotionen abgestimmten Erkenntnismethoden der Poesie sollen also den auf einer expliziten Logik und experimentellen Empirie beruhenden Erkenntnismethoden der Naturwissenschaften gleichgestellt werden.

Dabei beschränkt sich diese Verhältnisbestimmung aber nicht nur auf jenes zwischen Poesie und Naturwissenschaft, sondern sie ist auch auf das Selbstverhältnis der Poesie zu beziehen: „Poetische Praxis und kognitive Erkenntnis einander gegenüberzustellen, befördert eine Dialektik, die der Literatur neue Spannung verleiht – indem sich darin Extreme berühren können. Und im selben Maß, wie damit Begrenzungen des Dichtens wie des Denkens demonstriert werden, ohne dass je ein linearer Fortschritt auszumachen ist, umkreisen sie einander nun, um an Drehimpuls zu gewinnen.“ (Schrott/Jacobs 2011, S.12) – Auch die poetische Praxis hat also ihre Poetologie und somit ein eigenes, inneres Verhältnis von Naivität und Reflexion, dessen Ausgewogenheit sicherzustellen ist.

Daß damit nicht einfach nur irgendein sekundäres Methodenproblem gemeint ist, das man zur Diskussion stellen könnte, um möglicherweise noch andere und bessere Methoden zu finden, machen die beiden Autoren deutlich genug, wenn sie von einem „relativ autonomen Prozess intuitiver Erkenntnis auf Grundlage subjektiver Empirie“ sprechen, der durch die „bestimmte() Form“ des Gedichts „reflektiert“ wird. (Vgl. Schrott/Jacobs 2011, S.13) Naivität wird hier sehr treffend als „relativ autonomer Prozess intuitiver Erkenntnis auf Grundlage subjektiver Empirie“ beschrieben, und die strukturellen Formen des Gedichts, seine metaphorischen und analogischen Denkfiguren, stellen gleichermaßen Manipulationen wie Reflexionen dieser intuitiven Erkenntnisprozesse dar, mit deren Hilfe Selbstverständliches (Altes) fraglich gemacht und Neues aufgespürt werden kann (vgl. Schrott 2011, S.127).

So bildet also der eigene, autonome Verstandesgebrauch die Grundlage jeder echten Interdisziplinarität. Wenn die verschiedenen Wissenschaftler sich dessen bewußt sind, daß die Disziplinen, die sie vertreten, sich gleichermaßen naiv wie kritisch zueinander verhalten und daß Fragen, die sie selbst nicht beantworten können – zu denen sie sich also naiv verhalten müssen –, von anderen Disziplinen kritisch aufgegriffen werden, so wie es auch umgekehrt der Fall ist, dann kann es zu echter Interdisziplinarität kommen. Und dann können die verschiedenen Disziplinen – nicht nur die naturwissenschaftlichen unter sich, sondern eben auch zwischen Natur- und Geisteswissenschaften – ein System des Fragens und Antwortens bilden, so wie es dem Universitätsgedanken entspricht.

Die Mitte dieser Systematik bildet aber der Mensch. Denn das Wissen, das er sucht, muß ihm selbst nützen. Eine Objektivität, die das Humane abstrahiert, um zu ‚wahrer‘ Objektivität zu gelangen, kann sich der Mensch um seines Überlebens willen nicht leisten. Eine solche Interdisziplinarität nicht nur zu fordern, sondern sie auch in die Praxis umgesetzt zu haben, ist das gemeinsame Verdienst der Autoren von „Gehirn und Gedicht“.

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Donnerstag, 7. Juli 2011

Raoul Schrott/Arthur Jacobs, Gehirn und Gedicht. Wie wir unsere Wirklichkeit konstruieren, München 2011

1. Prolog: Sinn von Sinn und aufgeklärter Nihilismus

„Gehirn und Gedicht“ ist ein wirklich auf Augenhöhe stattfindender interdisziplinärer Diskurs zwischen Geistes- und Naturwissenschaften, repräsentiert von dem Schriftsteller Raoul Schrott – hier in der Funktion des Literaturwissenschaftlers – und dem Allgemeinen Psychologen Arthur Jacobs, der mit seinem umfassenden Wissen u.a. aus der Psychologie und der Neurophysiologie beeindruckt. An vielen Stellen fühlte ich mich bei der Lektüre an Helmuth Plessners Programm einer vom „Ganzen der menschlichen Organisation“ ausgehenden „Ästhesiologie des Geistes“ erinnert. (Vgl. Einheit der Sinne (1923), S.248) Umso bedauerlicher ist es – und dies ist nur eine kleine Einschränkung meiner Anerkennung für die Leistung des gemeinsamen Werkes von Schrott und Jacobs –, daß sich nirgendwo ein Bezug auf Plessner findet.

Ich habe jedenfalls sehr von der Lektüre von „Gehirn und Gedicht“ profitiert, und es wird mir schwerfallen, in den folgenden Posts der Überfülle an Informationen, die dieses Buch beinhaltet, gerecht zu werden. Deshalb möchte ich hier einen Prolog vorwegnehmen, in dem ich einige der für mich wichtigsten Gedanken, zu denen mich das Buch angeregt hat, vorwegnehme. Dieser Prolog soll so zugleich den versammelnden Hintergrund für die verschiedenen Aspekte bilden, auf die ich dann in den folgenden Posts eingehen werde. Diese Posts werden nur Schlaglichter auf einen 520 Seiten umfassenden Text (ohne Literaturverzeichnis) werfen können und so letztlich vor allem meine subjektive Perspektive auf das gewaltige Thema von Gehirn und Gedicht zum Ausdruck bringen. Zu einer angemessenen Würdigung dieses Buches sehe ich mich hier nicht in der Lage.

Für jetzt geht es mir vor allem um eine Klärung des Bedeutungsbegriffs, auf den ich schon in meinem Post vom 08.01.2011 („Ausdruck und Sinn“) eingegangen bin. Ich halte es für sinnvoll zwischen fünf verschiedenen Dimensionen der Bedeutung zu unterscheiden. Jede dieser Dimensionen beinhaltet eine spezifische Differenz.

Erstens gibt es die binäre Differenz: es wird etwas gesagt oder nicht, also geschwiegen. Dies ist die fundamentale Differenz. Wir finden sie sowohl im binären Code des Informationsbegriffs wieder wie auch als existentielle Differenz in Hamlets „Sein oder Nicht-Sein“. Der Mensch befindet sich als exzentrische Positionalität immer schon jenseits dieser Differenz. Wenn es richtig ist, daß mit der exzentrischen Positionalität notwendig auch Expressivität verbunden ist, beginnt die Menschlichkeit dort, wo der Mensch sich oder etwas zum Ausdruck bringt. Der existentiellen Differenz zwischen Sagen und Nicht-Sagen kommt – neben der Musik – die Onomatopoeie als „Ausdrucksform des Seins“ (vgl. Schrott/Jacobs 2011, S.235) am nächsten. Sie ist die expressivste aller Ausdrucksformen! Ähnlich wie bei der Musik ist der Bezug auf konkrete kontextuelle Referenzen variabel, so daß wir es hier mit einer sich an der Grenze zum Nicht-Sagen haltenden, gleichsam „schwebenden Intentionalität“ zu tun haben. (Vgl. Schrott/Jacobs 2011, S.281)

Zweitens gibt es die referentielle Differenz: Das Zeichen verweist auf das Bezeichnete so, wie der Finger auf einen Gegenstand zeigt. Die Entsprechung zwischen Zeichen und Bezeichnetem ist vollständig, ohne Rest, ohne daß dabei aber die Differenz zwischen dem Finger bzw. dem Zeichen und dem Gegenstand fraglich würde. Sobald wir aber versuchen, nicht nur auf den Gegenstand zu verweisen, sondern ihn auszusagen, entsteht eine neue Differenz, die Sinndifferenz oder: der Sinn von Sinn.

Drittens die Differenz des Sinnes von Sinn: Dabei handelt es sich um die Differenz zwischen Vordergrund und Hintergrund. Hier geht es um den Kontext, in den alle Gegenstände eingebettet sind, so daß jeder Versuch, einen Gegenstand vollständig in allen seinen Bezügen auszusagen, an der Komplexität seines Kontextes scheitern muß.

So wird es auch möglich, zwischen ‚Sinn‘ und ‚Zweck‘ zu unterscheiden. Wenn etwas einen Zweck hat bzw. einen Zweck erfüllt – man spricht hier auch davon, daß ‚etwas Sinn macht‘ –, handelt es sich nicht um Sinn als umfassenden, sinnstiftenden Kontext, bei dem wir es mit einem Ganzen aus Teilen (Sinn von Sinn, Vordergrund/Hintergrund) zu tun haben, sondern um eine isolierte Funktion, d.h. um ein Mittel-Zweck-Verhältnis. Bei ‚Mitteln‘ und ‚Zwecken‘ ist die Festlegung darauf, was gerade Zweck und was Mittel ist, subjektiv beliebig. In einem Sinnzusammenhang ist der Bezug auf das Ganze aber nicht subjektiv beliebig, sondern subjektiv zwingend. Das hat mit dem Gestaltcharakter des Sinns zu tun.

Der Unterschied zwischen subjektiver Beliebigkeit (Mittel/Zwecke) und subjektiver Nötigung (Gewissen) ist im Alltag schwer zu durchschauen und stiftet leicht Verwirrung. Das zeigt sich an der Redewendung, nach der angeblich die Zwecke die Mittel heiligen. Die Antithese lautet, daß die Mittel die Zwecke richten. Was stimmt nun? An der Differenz zwischen Zweck und Sinn kann man zeigen, daß Mittel und Zwecke in keinem moralischen, sondern in einem funktionalen Verhältnis zueinander stehen. Es ist eben nicht so, daß Mittel und Zwecke in einem wechselseitigen Rechtfertigungszusammenhang stehen. Ein Rechtfertigungsverhältnis ergibt sich erst aus einem Sinnzusammenhang. Und erst dann haben wir es auch mit einer Gewissensfrage zu tun.

In „Liberty Stands Still“ wird z.B. der Sohn eines im Dienste der Waffenlobby stehenden, korrupten US-Senators erschossen. Der Todesschütze verweist ironisch auf die damit verbundene günstige Gelegenheit für diesen Senator, den Tod seines Sohnes als Argument für die Waffenlobby zu nutzen, daß jeder freie Bürger zu seinem eigenen Schutz das Recht haben muß, eine Waffe zu besitzen. Und der Todesschütze fügt hinzu, daß so der Tod des Senatorensohnes wenigstens einen Zweck gehabt habe, und er unterstellt damit, daß das dem Senator ein gewisser Trost sein müßte.

In der Tat hat der Tod des Senatorensohnes einen ‚Zweck‘ gehabt, wenn er im Streit um die Freiheit des unbeschränkten Waffenbesitzes als Argument dient. Aber hat er deshalb auch einen Sinn gehabt? Diese Frage kann man getrost verneinen. Der Sinn des Senatorensohnes besteht weder darin, Sohn eines Senators zu sein, noch darin, dem Schützen in seinem Kampf gegen die amerikanische Waffenhysterie als Demonstrationsobjekt zur Verfügung zu stehen. Der Sinn des Senatorensohnes liegt in einem Ganzen seiner noch vor ihm liegenden Bestimmung, die so sehr über seine Vereinzelung hinausgeht, wie sie ohne ihn nur unvollständig wäre und scheitern müßte. Dieser Bestimmung gegenüber hat sich der Senatorensohn zu bewähren. Daß er auf seinem Weg dorthin einem Zweck zum Opfer fällt, sollte weder für seinen Vater noch für sonst irgendjemanden ein Trost sein dürfen.

Wenn man also von einem Rechtfertigungszusammenhang sprechen kann, so nur zwischen Mittel-Zweck-Verhältnissen und dem Sinn. Und dieser Rechtfertigungszusammenhang ist kein wechselseitiger. Widersprechen die Mittel unserer Lebenserhaltung dem Sinn unserer Menschlichkeit, so ist es nicht der Sinn, der modifiziert werden müßte.

Diese Verhältnisbestimmung von Mitteln und Zwecken auf der einen Seite und von Sinn auf der anderen Seite stimmt übrigens mit der zweiten Formulierung des kategorischen Imperativs überein. Wenn Kant festhält, daß jeder Mensch niemals nur als Mittel, sondern immer auch als ‚Zweck‘ behandelt werden müsse, so verbirgt sich in diesem ‚Zweck‘ der Sinn, den jedes Menschenleben haben muß, um als menschenwürdig wahrgenommen werden zu können.

Wie ist diese Definition von ‚Sinn‘ mit einem aufgeklärten Nihilismus vereinbar? Indem es hier nicht um Sinn schlechthin geht, sondern um „Sinn von Sinn“, wie er der Figur-Hintergrund-Relation der Gestalttheorie entspricht. Die Horizontstruktur von Figur und Hintergrund beinhaltet, daß wir es hier nicht einfach nur mit einer Problematik des hin und her Springens zwischen Vordergrund und Hintergrund zu tun haben, sondern mit einem Hintergrund, der jedesmal, wenn wir ihn zu fokussieren versuchen, neue Hintergründe eröffnet.

„Sinn von Sinn“ (Franz Fischer) bedeutet, daß wir Sinn erst im Handeln konstituieren (nicht ‚rekonstruieren‘!), ähnlich wie Realität erst durch Wahrnehmung konstituiert wird (vgl. meine Posts vom 04.06.2010 und 05.06.2010 zu Lambert Wiesing). Außerhalb unseres Handelns gibt es Sinn nur als kulturellen Sinn, also als gemeinsame Intentionalität (Tomasello). Die verschachtelte Horizontstruktur des Sinns von Sinn eröffnet sich also individuell über unser Handeln und kulturell über gemeinsame Intentionalität. Dies ist die Differenz des Sinnbegriffs.

Viertens gibt es die Differenz zwischen Sagen und Meinen, also die Bedeutung im eigentlichen Sinne. Sie ist unmittelbare Folge unserer exzentrischen Positionalität, also der Doppelaspektivität von Innen und Außen. (Vgl. meine Posts zu Plessner) Diese Differenz beruht darauf, daß unsere Intentionen weder in dem, was wir sagen, noch in dem, was wir tun, jemals vollständig zum Ausdruck kommen können. Im Unterschied zur referentiellen ‚Differenz‘ bleibt immer ein Rest; d.h. unsere Intentionen brechen sich in den Medien des Sagens und des Handelns. Mit der Intentionalität ist hier sowohl die individuelle (Ich) wie auch die gemeinsame (Ich und Du, Wir) Intentionalität gemeint. Ein Rest an Nicht-Ausgesagtem bleibt immer, gleichgültig, ob wir nur uns selbst (Bedeutung) oder einen gemeinsamen Sinn (Sinn von Sinn) zum Ausdruck bringen wollen.

Und fünftens gibt es die ‚artikulatorische‘ Differenz (differánce). Damit meine ich, daß sich die Zeichen wechselseitig untereinander differenzieren, z.B. auf der Ebene von Buchstaben, wo die Differenz vom ‚a‘ zum ‚e‘ festlegt, wie sich ‚a‘ anhört, auf der syntaktischen Ebene, wo beliebig Objekte als Subjekte und Subjekte als Objekte oder Handlungen als Dinge und Dinge als Handlungen auftreten können, oder auf der lexikalischen Ebene, wo wir es je nach einem Bestand von 5.000 oder von 300.000 Wörtern mit einem gröberen oder feineren Geflecht von Bedeutungen zu tun haben. Denn im Lexikon verweisen die Wörter auf nichts als auf einander und auf sich selbst. Diese Binnendifferenzierung innerhalb des Zeichensystems bildet die Grundlage des Informationsbegriffs.

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Jahrbuchartikel

Samstag, 11. Juni 2011

Sönke Neitzel/Harald Welzer, Soldaten. Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben, Frankfurt a.M. 5/2011

10.    Nachtrag: Referenzrahmen und Wertekanon

Neitzel und Welzer setzen in ihren Analysen der Abhörprotokolle Referenzrahmen und Wertekanon weitgehend gleich. Das bringt mich auf einige Gedanken, was die in der Politik allgemein beliebte Phrase von der transatlantischen „Wertegemeinschaft“ betrifft. Das deutsche Wort „Gemeinschaft“ beinhaltet ja dabei schon für sich eine eigene Wertsphäre, die auf so etwas wie ein besonders enges Zusammenrücken verweist; ein Zusammenrücken, das wiederum eine gegen andere kulturelle Traditionen gerichtete Tendenz beinhaltet.

Nun zeigt aber schon de Waal (vgl. de Waal 2011, S.253f.), daß es innerhalb dieser transatlantischen Wertegemeinschaft erhebliche Differenzen bezüglich der Gewichtung dieser gemeinsamen Werte gibt. Wenn wir einmal von den drei Prinzipien der Französischen Revolution ausgehen, so handelt es sich hier vor allem um die im engeren Sinne bürgerliche Werte Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, wobei wir bei ‚Freiheit‘ vor allem an die Habeas-Corpus-Akte (1679) denken, an Denkfreiheit, Meinungsfreiheit, Glaubensfreiheit und an das in der amerikanischen Verfassung garantierte „Streben nach Glück“, das wir in der Marktwirtschaft wiederum vor allem mit wachsendem Wohlstand gleichsetzen.

Bei ‚Gleichheit‘ denken wir vor allem an das Prinzip der Leistungsgerechtigkeit, die an die Stelle geburtsständischer Privilegien tritt, und bei ‚Brüderlichkeit‘ denken wir vor allem an soziale Gerechtigkeit, die verhindern soll, daß sich Einzelne über die Maßen auf Kosten der Anderen bereichern. De Waal beschreibt nun in seinem Buch, wie die US-Amerikaner vor allem an die Leistungsgerechtigkeit glauben und wie sie tendenziell jeden Versuch, mit staatlichen Mitteln dem Profitstreben (gleichgesetzt mit dem Streben nach Glück) im Sinne sozialer Gerechtigkeit Grenzen zu setzen, mit Kommunismus gleichsetzen. Umgekehrt glauben die Europäer vor allem an die soziale Gerechtigkeit und neiden jedem, der mehr wirtschaftlichen Erfolg hat als andere, seinen Reichtum.

Es gibt hier also innerhalb des geteilten Wertekanons erhebliche Unterschiede, die zu völlig verschiedenen politischen und gesellschaftlichen Konzepten führen, so daß die Rede von der gemeinsamen Wertegemeinschaft bestenfalls eine leere Floskel ist, wenn nicht sogar irreführend.

Ähnlich ist es innerhalb einer Gesellschaft. Neitzel und Welzer zeigen, wie sich die Werte zwischen politischen Parteien und gesellschaftlichen Subgruppen – und damit die Referenzrahmen – unterscheiden. Das reicht bis in den Referenzrahmen erster Ordnung, den Neitzel und Welzer als „christlichen Kulturkreis“ kennzeichnen. So gibt es nicht nur die schon beschriebenen Pfadabhängigkeiten in Form schiefer Ebenen, die bestimmte situationsgebundene Handlungsnotwendigkeiten anbahnen, so daß z.B. demokratische und christliche Politiker mit humanen Notwendigkeiten begründete militärische Einsätze beschließen, in denen dann nicht mehr demokratische und christliche, sondern militärische Wertorientierungen wie Ehre, Gehorsam und Opferbereitschaft (das eigene Leben wie das Leben anderer betreffend) gelten. Es gibt auch innerhalb längerer ‚Friedensperioden‘ ständige Wechsel zwischen verschiedenen Wertekanons, und zwar aufgrund der wechselnden Rollenerwartungen, mit denen einzelne Individuen konfrontiert sind.

Ein Individuum kann z.B. in verschiedenen Situationen mal als Zivilist und dann wieder als Soldat agieren, was entsprechende Veränderungen in der Werteorientierung mit sich bringt. Die Differenz zwischen Zivilgesellschaft und Militär war in der Weimarer Republik sicher gravierender als in der Bundesrepublik, die die Armee als eine demokratische Einrichtung verstand. Aber Demokratie hat beim Militär nun einmal Grenzen. Immerhin durfte die Armee in der Bundesrepublik nicht zur Aufhebung oder Neubewertung bürgerlicher Grundwerte führen. Der Soldat hatte in erster Linie als Bürger zu gelten.

Weitere Unterschiede in der angeblichen Wertegemeinschaft bestehen zwischen der demokratisch verfaßten Zivilgesellschaft und der katholischen Kirche, die sogar in ihren Einrichtungen bürgerliche Grundrechte außer Kraft setzen darf. Hinzu kommen die unterschiedlichen Werteorientierungen der verschiedenen Immigrantengruppen, über deren Integrationsprozesse es keine gesellschaftliche Kontrolle gibt.

Von einer ‚Wertegemeinschaft‘ kann also weder im okzidentalen, transatlantischen noch im einzelstaatlichen Sinne die Rede sein. Die Referenzrahmen sind bis in den Referenzrahmen erster Ordnung hinein plural. An diesen Referenzrahmen orientieren sich die Menschen als Gruppen (Gemeinschaften) und als Individuen. Als Individuen können sie sich an den Referenzrahmen wiederum über die Autorität der Gruppe orientieren, der sie sich primär zugehörig fühlen, oder über die Autorität des eigenen Verstandes. Der Spielraum, der sie immer wieder vor die Entscheidung stellt, welcher Autorität sie größeres Gewicht beimessen wollen, besteht in den unterschiedlichen Rollenerwartungen, denen sie genügen müssen, wenn sie sich in einer derart pluralen Gesellschaft behaupten wollen, wie sie das gegenwärtige Europa darstellt.

Ganz unabhängig von der exzentrischen Positionalität, wie sie der Körperleib jedes Menschen auf anthropologischer Ebene beinhaltet, verhindert also schon der Zwang einer spezifisch europäischen Globalisierung, daß sich einzelne Menschen auf Dauer in totale Gruppen zurückziehen können, um sich den Freiheitszumutungen eines eigenen Verstandes auf Dauer zu entziehen.

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Sonntag, 5. Juni 2011

Sönke Neitzel/Harald Welzer, Soldaten. Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben, Frankfurt a.M. 5/2011

1.    Rückblick auf de Waal
2.    Methode
3.    Referenzrahmen, Rollenerwartungen und Lebenswelt
4.    Rollenerwartungen und Arbeitsteilung
5.    Mentalitäten, Eigenschaften und Ideologien
6.    Wertewandel und shifting baselines
7.    Gruppendenken und Pfadabhängigkeiten
8.    „Drittes Reich“ und Differenz
9.    Zur Bedeutung individuellen Urteilens und Handelns

Von Anfang an geben Neitzel und Welzer dem individuellen Urteilen und Handeln keinen Spielraum. Auch wenn sie das Individuum zunächst von Reiz-Reaktionsmechanismen freisprechen (vgl. Neitzel/Welzer 5/2011, S.16), so nur, um es im nächsten Atemzug zu einer Marionette äußerer Umstände, dem „Referenzrahmen“, zu machen, von dem es sich nur „relativ selten“ freimachen kann, um „Neues“ zu sehen und zu denken (vgl. Neitzel/Welzer 5/2011, S.17).

Auch die Weigerung, moralische Fragen bei der Analyse des Gewaltphänomens auch nur in Betracht zu ziehen, ja, sogar ganz im Gegenteil von vornherein eine prinzipiell unmoralische Perspektive einnehmen zu wollen (vgl. Neitzel/Welzer 5/2011, S.18), ist nicht gerade dazu geeignet, individuelles Urteilen und Handeln zu berücksichtigen: „Vor dem Hintergrund der Rollentheorie sind Fragen danach, wieso jemand im Krieg Menschen getötet oder sich an Kriegsverbrechen beteiligt hat, sinnvollerweise zunächst keine moralischen, sondern empirische Fragen. Moralisch können sie sinnvoll nur dann gestellt werden, wenn die Handlungsspielräume der Einzelnen greifbare Alternativen enthielten, die nicht gewählt wurden. Wie man weiß, gilt das zum Beispiel für die Verweigerung der Teilnahme an sogenannten Judenaktionen, was ohne juristische Konsequenzen blieb,() und für die unendlich zahlreichen Fälle von lustvoller Gewaltausübung, die uns in diesem Buch noch begegnen werden. Aber für viele andere Geschehenszusammenhänge im Krieg muss man nüchtern konstatieren, dass die Wahlmöglichkeiten und Handlungsalternativen, die die Pluralität der Rollen im zivilen Alltag bereithält, nicht existieren.“ (Neitzel/Welzer 5/2011, S.34)

Was die angebliche „Alternativlosigkeit“ des Einzelnen in totalen Situationen im Krieg betrifft, brauchen wir an dieser Stelle nur nochmal auf de Waals Argument für die eher friedfertige Natur des Menschen zu verweisen: daß im Vietnamkrieg 50.000 Patronen verschossen wurden, um einen einzigen Soldaten zu töten, bedeutet nicht mehr und nicht weniger, als daß der Einzelne immer die Wahl hat, – und sei es auch nur die, danebenzuschießen! Es ist eine echte Wahl, die mit jedem Schuß, der abgefeuert wird, aufs Neue getroffen wird. – Oder anders: wenn Soldaten im Konvoi Zwangsarbeiterinnen beim Vorbeifahren in den Wagen ziehen, vergewaltigen und wieder rauswerfen, so ist das klar zu definierende Gewalt, denn es gab Opfer, und es gab Täter! Und diese Gewalt ist nicht relativierbar durch zeitlichen Kontext, Kriegsgeschehen und Gruppendynamik. Diese Soldaten hatten die Wahl, diese Verbrechen nicht zu begehen. Deshalb sind sie uneingeschränkt verantwortlich, ohne daß wir, um zu dieser Feststellung zu gelangen,  aus unserer heutigen Perspektive unangemessen moralisieren müßten.

Es ist also nicht das ‚empirische‘ Material, die Abhörprotokolle, die Neitzel und Welzer sozusagen dazu ‚zwingen‘, sich von bestimmten moralischen ‚Illusionen‘ oder Vorurteilen zu ‚befreien‘. (Vgl. Neitzel/Welzer 5/2011, S.422) Vielmehr haben Neitzel und Welzer im vorhinein, noch bevor sie sich mit dem Material auseinandersetzten, eine moralische Entscheidung getroffen. Ihr Blick auf das Gewaltphänomen ist nicht etwa neutral oder objektiv, sondern tatsächlich in einem Sinne antimoralisch, den sie möglicherweise gar nicht gemeint hatten: Sie selbst nämlich haben sich mit ihrer konzeptionellen Beschränkung für eine bestimmte Perspektive entschieden, nämlich daß in ihren Analysen das individuelle Urteilen und Handeln keine Rolle spielen soll! Mit anderen Worten: schon ihre Entscheidung selbst ist‚antimoralisch‘, nicht etwa erst ihr methodisches Konzept.

Hinzu kommt eine leicht arrogant wirkende Selbstpositionierung der Autoren gegenüber den historischen Ereignissen. Sie billigen ihrer eigenen Gegenwart ein Monopol darin zu, wie das „Dritte Reich“ und der Zweite Weltkrieg zu beurteilen und zu bewerten sind. Nach Neitzel und Welzer können die Zeitgenossen des „Dritten Reiches“ ihre Gegenwart nicht vom Ende her, also von außen, beurteilen, und deshalb können sie auch nicht die Folgen ihres Handelns bewerten. Das können eben nur Neitzel und Welzer (und ihre Zeitgenossen). (Neitzel/Welzer 2011, S.9, 14, 25ff.u.ö.)

Sicher besteht ihr Konzept der Rahmenanalyse ja eigentlich darin, gerade die Perspektive der Betroffenen ernst zu nehmen und diese Perspektive nicht im nachhinein mit dem Wissen der Gegenwart um das Ende dieser historischen Epoche zu verfälschen: „Wir werden zeigen, dass ihre (der Soldaten – DZ) Betrachtungen und Unterhaltungen anders sind, als man es sich gemeinhin vorstellt – unter anderem, weil sie im Unterschied zu uns Heutigen nicht wissen, wie der Krieg ausgehen wird.“ (Neitzel/Welzer 5/2011, S.14)

Neitzel und Welzer wollen die „zeitspezifischen Wahrnehmungskonzepte“ aus sich selbst heraus verstehen und sie nicht mit moralisierenden Bewertungen aus der Perspektive desjenigen, der es besser weiß, verfälschen: „... Geschichte wird nicht wahrgenommen, sie geschieht. Und erst später wird von Historikern festgestellt, was aus einem Inventar von Geschehnissen ‚historisch‘, also in irgendeiner Weise für den Lauf der Dinge bedeutsam gewesen ist. Im Alltag werden schleichende Veränderungen der sozialen und physikalischen Umwelt meist nicht registriert, weil sich die Wahrnehmung an die Veränderung ihrer Umwelten permanent nachjustiert. Umweltpsychologen nennen dieses Phänomen ‚shifting baselines‘.“ (Neitzel/Welzer 5/2011, S.26)

Das hört sich alles sehr gut und richtig an und trifft auch prinzipiell auf meine Zustimmung. Aber das darf eben nicht dazu führen, daß die Begrifflichkeit selbst dem methodisch beschränkten Blick in die Vergangenheit so weit angepaßt wird, daß das wieder dazu beiträgt, die Phänomene, um die es geht, also die Gewaltphänomene, zu verzerren. Wenn ich im Gewaltbegriff nur den Täter berücksichtige und von vornherein – durch Entmoralisierung – die Opferperspektive ausblende, können die Analysen der Abhörprotokolle letztlich nur dazu beitragen, in aller scheinbaren Objektivität die Perspektive der Täter zu bestätigen: Sie haben gehandelt, wie sie handeln mußten (Befehlsnotstand etc.), und sie haben dabei gute Arbeit geleistet. Was sollen wir mit solchen Analysen anfangen?

Indem Neitzel und Welzer den Blick von Außen auf die historischen Ereignissen monopolisieren (und ihn sich zugleich methodisch verbieten), wird die individuelle Möglichkeit, in der konkreten historischen Situation Entscheidungen über richtig und falsch zu treffen, geleugnet. Über richtig und falsch von damals Urteile zu fällen – so Neitzel und Welzer –, das ist nur uns Heutigen vergönnt, denn wir wissen ja, wie alles ausgegangen ist. Um aber zu verstehen, daß Menschen zu jeder Zeit aus ihrer Zeit herausfallen können, so wie sie aus ihrer Lebenswelt herausfallen können (denn im Grunde geht es hier um nichts anderes: sind wir auf Gedeih und Verderb Gefangene unserer Lebenswelt?), und daß sie sich plötzlich vor die Freiheit einer Wahl gestellt sehen – ganz gleichgültig wie irgendwelche ‚Nachgeborenen‘ auch darüber urteilen mögen –, dazu bedarf es einer schlichten Anerkennung ihrer durchaus zeitgebundenen Verantwortung, anstatt sie generös von jeder Verantwortung zu ‚entlasten‘.

Auf eine rollentheoretische und gruppenpsychologische Empirie, mit der ohne zureichende Begründung des Gewaltbegriffs die Abhörprotokolle deutscher Kriegsgefangener analysiert werden, können wir verzichten.

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Samstag, 4. Juni 2011

Sönke Neitzel/Harald Welzer, Soldaten. Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben, Frankfurt a.M. 5/2011

1.    Rückblick auf de Waal
2.    Methode
3.    Referenzrahmen, Rollenerwartungen und Lebenswelt
4.    Rollenerwartungen und Arbeitsteilung
5.    Mentalitäten, Eigenschaften und Ideologien
6.    Wertewandel und shifting baselines
7.    Gruppendenken und Pfadabhängigkeiten
8.    „Drittes Reich“ und Differenz
9.    Zur Bedeutung individuellen Urteilens und Handelns

Bei der Beschreibung des „Dritten Reiches“ verwenden Neitzel und Welzer erstaunliche Vokabeln. So stellen sie das „Dritte Reich“ als „partizipative Diktatur“ dar. (Vgl. Neitzel/Welzer 5/2011, S.65) Oder sie sprechen von einer „modernen Diktatur“, die die Bevölkerung mittels „Aufrechterhalten von Differenz“ „integriert“, „so dass auch noch diejenigen, die gegen das Regime, kritisch gegenüber der Judenpolitik, im Herzen sozialdemokratisch oder was auch immer sind, ihren sozialen Ort haben, an dem sie sich austauschen können und Gleichdenkende finden.“ (Neitzel/Welzer 5/2011, S.54)

Wenn man das so liest, entsteht der Eindruck, als wäre hier nicht von einer Diktatur die Rede, sondern von einer Demokratie mit Minderheitenschutz. Und Neitzel und Welzer scheinen das „Dritte Reich“ tatsächlich auf eine Ebene mit demokratischen Institutionen zu stellen, wenn sie schreiben: „Der soziale Integrationsmodus jeder Behörde, jedes Betriebs, jeder Universität besteht in Differenz, nicht in Homogenisierung – überall finden sich Subgruppen, die sich von den anderen abgrenzen. Das zerstört nicht den Zusammenhang des sozialen Aggregats, es begründet ihn.“ (Neitzel/Welzer 5/2011, S.55)

Das Problem, das man als unbedarfter Leser mit diesen seltsamen Behauptungen zunächst hat, klärt sich dann allerdings schnell: wenn hier von „Differenz“ gesprochen wird, so ist damit nicht die tatsächliche Anerkennung der Freiheit des Andersdenkenden gemeint, sondern dessen Ausgrenzung! Anstatt also den Andersdenkenden (Liberale, Kommunisten etc.) oder gar den angeblich Andersartigen (Juden, Zigeuner, Geisteskranke etc.) als Teil einer pluralen ‚Gemeinschaft‘ zu verstehen, haben die Nationalsozialisten sie enteignet, des Landes verwiesen, in Lagern separiert, medizinisch verstümmelt und letztlich millionenfach getötet. Schließlich kommen Neitzel und Welzer auf den Punkt: nicht „Integration“ durch „Differenz“ war gemeint, sondern Integration der durch möglichst weitgehende Homogenisierung übriggebliebenen Bevölkerung durch „Spaltung“: „Die tiefe Spaltung, die die nationalsozialistische Gesellschaft in den zwölf Jahren von 1933 bis 1945 in eine Mehrheit der Zugehörigen und eine Minderheit der Ausgeschlossen teilte, verfolgt nicht nur ein rassentheoretisch und machtpolitisch begründetes Ziel, sondern ist zugleich Mittel einer besonderen Form der gesellschaftlichen Integration.“ (Neitzel/Welzer 5/2011, S.55f.)

Letztlich hätten wir damit nur einen weiteren Beleg für Neitzels und Welzers unpräzisen Umgang mit Begriffen vorliegen, auf den ich schon hingewiesen habe, so daß ich das hier nicht unbedingt noch einmal wiederholen müßte. Aber mit der Behauptung, die Nationalsozialisten hätten mit Hilfe von Differenz integriert, ist zugleich ein höchst ärgerlicher Angriff auf den Sinn und den Nutzen der Denkfreiheit verbunden. Indem Neitzel und Welzer den Eindruck erwecken, die Nationalsozialisten hätten durch Aufrechterhalten von „Differenz“ „integriert“, werten sie die individuelle Urteilskraft auf unerträgliche, eigentlich nur noch zynisch zu nennende Weise ab. Der Widerspruch, der sich „vor allem im privaten, höchstens im halböffentlichen Bereich (also auf den Kreis von Freunden und Kollegen, den Stammtisch, die unmittelbare Nachbarschaft) beschränkt“ und der sich „innerhalb von Pfarrgemeinden, in dörflichen Nachbarschaften, in Zirkeln der konservativen Elite, in bürgerlichen Verkehrskreisen, in nicht zerstörten Reststrukturen des sozialistischen Milieus“ artikulierte  (vgl. Neitzel/Welzer 5/2011, S.55), wird so nicht nur bedeutungslos, was an sich schon ein höchst bedauerliches Phänomen wäre, sondern er verkehrt sich bei Neitzel und Welzer auf seltsam verquere Weise in einen partizipativen Akt der Unterstützung der verbrecherischen Ziele des nationalsozialistischen Regimes.

Wie weit gehen diese das Regime unterstützenden Akte der ‚Differenz‘? Gehören vielleicht auch die Aktivitäten der Weißen Rose dazu?  Und kann man die anschließende Hinrichtung der ‚Verschwörer‘ vielleicht ebenfalls als „hochintegrativ“ (Neitzel/Welzer 5/2011, S.57) bezeichnen?

Ich kann als Gegengift zu einer Geschichtsbetrachtung, in der der Begriff der ‚Differenz‘ auf so unreflektierte Weise Phänomene der tödlichen Ausgrenzung wie des verzweifelten Widerstands umfaßt und als Moment einer „partizipativen Diktatur“ beschrieben wird, nur die Lektüre von der „Ästhetik des Widerstands“ von Peter Weiss empfehlen.

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Sönke Neitzel/Harald Welzer, Soldaten. Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben, Frankfurt a.M. 5/2011

1.    Rückblick auf de Waal
2.    Methode
3.    Referenzrahmen, Rollenerwartungen und Lebenswelt
4.    Rollenerwartungen und Arbeitsteilung
5.    Mentalitäten, Eigenschaften und Ideologien
6.    Wertewandel und shifting baselines
7.    Gruppendenken und Pfadabhängigkeiten
8.    „Drittes Reich“ und Differenz
9.    Zur Bedeutung individuellen Urteilens und Handelns

In meinem zweiten Post vom 02.06.2011 hatte ich von der schiefen Ebene gesprochen, auf der sich die verschiedenen Referenzrahmen nach und nach wechselseitig ergänzen und schließlich Situationen anbahnen, in denen vor allem die mit ihnen verbundenen Rollenerwartungen das Handeln bestimmen. An dieser Stelle macht es Sinn, eine Grobgliederung von Situationen vorzunehmen: Es gibt Situationen, die (a) wir selbst – oder andere für uns – herbeiführen. Dafür gibt es meistens eine institutionelle Infrastruktur (Politik, Militärdienst, Berufstätigkeit, Freizeitaktivitäten (Animation etc.), Pädagogik (Schule) usw.). Außerdem gibt es Situationen, in die wir (b) hineingeraten, wie z.B. ein Unfall, wo wir dann unvorbereitet eine Entscheidung darüber treffen müssen, ob wir ‚zuständig‘ sind und was jetzt zu tun ist.

Den psycho-kausalen Prozeß beim Anbahnen von Situationen (a) wie auch das psycho-kausale Geflecht von Entscheidungen, wenn wir uns in den Situationen befinden ((a) und (b)) – auf welche Weise wir auch immer in sie hineingerieten –, bezeichnen Neitzel und Welzer als „Pfadabhängigkeit“. (Neitzel/Welzer 5/2011, S.44f., 49f., 400) Besonders betroffen macht einen die Schilderung eines US-amerikanischen Hubschrauberangriffs auf Zivilisten im Irak. Neitzel und Welzer beschreiben den Entscheidungsprozeß des Schützen, der zu Beginn, als er auf die Zivilisten aufmerksam wird, nicht so recht weiß, mit wem er es zu tun hat. Zunächst ist er unsicher, ob sie Schußwaffen dabei haben oder nicht. Die Kommunikation (per Funk) mit einem Offizier im Stützpunkt führt von der Unsicherheit des Schützen, ob es sich überhaupt um Waffen handelt, so nach und nach zu einer präzisen Identifizierung der angeblichen Waffen und der Zivilisten als einer Terrorgruppe kurz vor einem Anschlag. Am Ende gibt es elf Tote, und der Offizier bestätigt dem Schützen, daß er gute Arbeit geleistet hat. Als sich dann herausstellt, daß sich unter den Toten ein schwerverletztes kleines Mädchen befindet, empören sich die Soldaten über die angeblichen Terroristen, die nicht einmal davor zurückschrecken, ihre eigenen Kinder mit in den Kampf zu nehmen.

Wir haben es hier mit einer „totalen Situation“ zu tun. (Vgl. Neitzel/Welzer 5/2011, S.32) Totale Situationen befinden sich am Ende von schiefen Ebenen bzw. ‚Pfaden‘, die zunächst von den verschiedenen Referenzrahmen und ihren Begründungszusammenhängen angebahnt werden können, dann aber durch die Rollenerwartungen in der Situation selbst nicht mehr ergänzt, sondern schlicht ersetzt werden. In der „totalen Situation“ zählt dann nur noch die „totale Gruppe“, die bei militärischen Aktionen immer die „Kameradschaftsgruppe“ ist. (Vgl. Neitzel/Welzer 5/2011, S.31, 34, 40ff.) Die Pfadabhängigkeiten, die zur Entscheidung darüber führen, in was für einer Situation man sich befindet, werden nun nur noch durch das „Gruppendenken“ bestimmt. (Vgl. Neitzel/Welzer 5/2011, S.398f., 400, 405) Der Referenzrahmen ist, wie Neitzel und Welzer sich ausdrücken, ‚entdifferenziert‘ (vgl. Neitzel/Welzer 5/2011, S.38): „Man kann das ‚Gewaltdynamik‘, ‚Gruppendenken‘ oder auch ‚Pfadabhängigkeit‘ nennen: tatsächlich kommen alle diese Elemente hier in einer fatalen Folgerichtigkeit zusammen und führen zum Tod von insgesamt elf Menschen innerhalb weniger Minuten.“ (S.400)

In diesem Komplex von Pfadabhängigkeiten, von der politischen Erzeugung eines allgemeinen erregten Erwartungsklimas über die Mobilisierung und das ‚Ausrufen‘ eines Krieges (oder dem schlichten Einmarsch in fremdes Staatsgebiet) bis hin zum konkreten ‚Kampfgeschehen‘ – das, wie wir gesehen haben, oft diffus ist und erst durch die entsprechenden Entscheidungen der Soldaten in ein Kampfgeschehen umgedeutet wird – spielt individuelles Urteilen und Handeln keine Rolle mehr. Die Kameradschaftsgruppe, die für den einzelnen Soldaten in jeder Hinsicht zur „Überlebenseinheit“ wird (vgl. Neitzel/Welzer 5/2011, S.41, 420), tritt an die Stelle eigener individueller oder allgemeinerer moralischer Begründungsnotwendigkeiten, die sie praktisch vollständig ersetzt.

Das ist natürlich mehr oder weniger das Kennzeichen jeder Gemeinschaft, wie sie schon Plessner beschrieben hat. Ganz ähnlich wie Plessner (nicht umsonst hat Plessner ja seine Kritik an den Grenzen der Gemeinschaft zu einer Zeit geschrieben, als sich Nationalsozialisten und leider auch Reformpädagogen mit dem Gemeinschaftsideal gegen die ihrer Ansicht nach moralisch verdorbene Gesellschaft wandten) beschreiben Neitzel und Welzer die psychischen Mechanismen, die den Einzelnen an die Gruppe binden: „Aber der Kamerad wird nicht nur, ob mit seinem oder gegen seinen Willen, vergemeinschaftet und gibt Autonomie ab, er bekommt auch etwas dafür, nämlich das Aufgehobensein in einer Gemeinschaft, Verlässlichkeit, Halt, Anerkennung. Zudem bietet die Kameradschaftsgruppe eine Entlastung von den gewöhnlichen Verpflichtungen des Zivillebens. Genau darin sieht der spätere Emigrant und dezidierte Regimegegner Sebastian Haffner etwas psychologisch höchst Bestechendes: ‚Die Kameradschaft (...) beseitigt völlig das Gefühl der Selbstverantwortung. Der Mensch, der in der Kameradschaft lebt, ist jeder Sorge für die Existenz, jeder Härte des Lebenskampfes überhoben. (...) Er braucht sich nicht die kleinste Sorge zu machen. Er steht nicht mehr unter dem harten Gesetz: ‚Jeder für sich‘, sondern unter dem generös-weichen: Alle für ‚einen‘. (...) Das Pathos des Todes allein erlaubt und erträgt diese ungeheuerliche Dispensierung von der Lebensverantwortung.‘() Diesen Zusammenhang von Be- und Entlastung durch die soziale Vergemeinschaftungsform ‚Kameradschaft‘ hat Thomas Kühne in seiner umfassenden Studie herausgearbeitet.“ (Neitzel/Welzer 5/2011, S.41)

Das führt dann so weit, daß Frontsoldaten schließlich nicht mehr in die Gesellschaft, die sie einmal mit ihrem Kampfeinsatz ‚verteidigten‘, zurückfinden. Und Soldaten, die auf ‚Heimat‘-Urlaub sind, fühlen sich plötzlich in der Fremde. Das entspricht wie gesagt genau den Analysen von Plessner, wobei der wichtigste Unterschied ist, daß Plessner noch nicht zwischen „pluralen“ und „totalen“ Gruppen unterschied (vgl. Neitzel/Welzer 5/2011, S.41), da er nur den prinzipiellen Unterschied zwischen Gemeinschaft und Gesellschaft kannte. Von lebensweltlichen Übergängen zwischen diesen beiden Strukturen des sozialen Lebens wußte Plessner noch nichts. Diese lebensweltlichen Übergänge, also Referenzrahmen und Rollenerwartungen, sind es, die jene Pfadabhängigkeiten bestimmen, an denen entlang individuelles Urteilen und Handeln nach und nach ausgehebelt und seiner moralischen Bedeutung vollständig entkleidet wird.

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