„...letztlich ist der Mensch, als Folge oder Krönung der Evolution, nur in der Totalität der Erde begreifbar.“ (Leroi-Gourhan, Hand und Wort, S.22)

Sonntag, 5. April 2026

Hegel und ich

G.W.F. Hegel, Wissenschaft der Logik. Hauptwerke in sechs Bänden, 3.Bd. (1999): Die Lehre vom Sein (1832) / Die Lehre vom Wesen (1813)
(In „Die Lehre vom Wesen“ verändern die Herausgeber die Seitenzählung und stellen den Seitenzahlen eine Raute (#) voran.)

  1. Meine Probleme mit Hegel
  2. Setzen statt Geben: der Satz vom Sein
  3. Logik und Ethik
  4. dialektischer Fehlschluß
  5. zur mythischen Struktur in der Hegelschen Logik
  6. Identität und Verschiedenheit
  7. Hegel und Kant
  8. Hegel und Husserl
  9. Hegel und Nishitani
  10. Hegel und Adorno
Wenn Hegel das ewige Abwechseln wechselseitiger Bestimmungen (vgl. He­gel 1999, S.138), wie ich es im vorangegangenen Blogpost zum dialektischen Fehlschluß beschrieben habe, mit der Formel „Negation der Negation“ (vgl. Hegel 1999, S.139) gleich­setzt, haben wir es, so Hegel, nicht mehr mit einem schlechten, sondern mit einem wahren Unendlichen zu tun, weil diese Formel dem Einen und dem Anderen jetzt eine „Idealität“ verleiht, in der sie aus ihrer schlecht unendlichen Fixierung befreit und zu Momenten einer höheren Einheit transformiert werden:

„(J)ene eintönige Abwechslung (des Einen mit dem Anderen ‒ DZ) ist factisch sowohl die Negation der Einheit als der Trennung derselben. In ihr ist ebenso factisch das oben aufgezeigte vorhanden, daß das Endliche über sich hinaus in das Unendliche fällt, aber ebenso über dasselbe hinaus sich selbst wieder erzeugt findet, hiermit darin nur mit sich zusammengeht, wie das Unendliche gleichfalls; so daß dieselbe Negation der Negation sich zur Affirmation resultirt, welches Resultat sich damit als ihre Wahrheit und Ursprünglichkeit erweist.“ (Vgl. Hegel 1999, S.139)

Hegel glaubt, so den linearen Progreß in einen Kreis umgebogen zu haben, in dem die Bewegung zum Anfang zurückkehrt, hat ihm aber tatsächlich, in einem Akt der Willkür, eine Richtungsänderung angedichtet, die durch nichts begründet ist. Wenn aus einer Konfiguration, als Wechselbestimmung zwischen Einem und Anderem, etwas anderes wird, das als zuvor Getrenntes jetzt als Einheit die Wechselbestimmung aufhebt, impliziert das keineswegs als Resultat eine Affirmation (Rückkehr) der gerade noch überwundenen Wechselbestimmung. Aus sich heraus wird kein linearer Zeitpfeil zum Zyklus.

Hegels Wissenschaft der Logik ist eigentlich eine Mythologie der Logik. So wie er Thesen und Antithesen auseinander hervorgehen und in sich zurückkehren läßt, wendet sich auch die Sommersonne in die Wintersonne, die sich dann zur Sommersonne zurückwendet. Hegels Kreise und Zirkel ähneln den jahreszeitlichen Zyklen. Letztlich haben wir es bei der spekulativen Dialektik bloß mit einer mythologisch begründeten Figur zu tun; mit einer Denkfigur, die nur scheinbar argumentativ begründet ist. Immer wieder führt Hegel Eins in einer gewundenen Linie über das Andere zu sich zurück, in einer Linie, die zur figuralen Kontur erstarrt.

Allerdings kann es durchaus sein, daß eine Negation in einer anderen Perspektive eine Affirmation sein kann, und eine Affirmation kann sich, wenn wir wieder die Perspektive wechseln, als eine Negation erweisen. Aber in solchen Perspektivwechseln mischen sich immer empirische Kontexte und subjektive Positionen, ohne daß dies mit irgendeiner metaphysischen Konsequenz hinsichtlich ihres angeblichen Wesens verbunden wä­re. Als Phänomenologe interessiere ich mich vor allem für das Phänomen, das ein Endliches ist, das sich mir unmittelbar gibt, und ich will ‚hinter‛ diesem Phänomen keineswegs etwas anderes sehen als dessen Rückseite, die als solche dasselbe Phänomen aus einer anderen Perspektive ist.

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