„...letztlich ist der Mensch, als Folge oder Krönung der Evolution, nur in der Totalität der Erde begreifbar.“ (Leroi-Gourhan, Hand und Wort, S.22)

Freitag, 3. April 2026

Hegel und ich

G.W.F. Hegel, Wissenschaft der Logik. Hauptwerke in sechs Bänden, 3.Bd. (1999): Die Lehre vom Sein (1832) / Die Lehre vom Wesen (1813)
(In „Die Lehre vom Wesen“ verändern die Herausgeber die Seitenzählung und stellen den Seitenzahlen eine Raute (#) voran.)

  1. Meine Probleme mit Hegel
  2. Setzen statt Geben: der Satz vom Sein
  3. Logik und Ethik
  4. dialektischer Fehlschluß
  5. zur mythischen Struktur in der Hegelschen Logik
  6. Identität und Verschiedenheit
  7. Hegel und Kant
  8. Hegel und Husserl
  9. Hegel und Nishitani
  10. Hegel und Adorno
Logik und Ethik vertragen sich nicht. Zumindest dann nicht, wenn Ethik darin besteht, dem Individuum gerecht zu werden. Was zumindest mein Standpunkt ist. Kollektive sind, so wie ich das sehe, für ethische Appelle grundsätzlich unempfindlich. An die Stelle einer Ethik tritt bei ihnen der Gruppenzwang.

Aber abgesehen davon adressiert eine Ethik eigentlich nie Gemeinschaften oder ‚Völker‛, sondern immer nur Individuen; selbst dann wenn es in so einer Ethik nicht um die Individuen, sondern um die Gemeinschaft geht. Es geht immer um das Denken und Handeln des Individuums, auch wenn es bloß als Mittel für den höheren gemeinschaftlichen Zweck dient.

Hegel hingegen versteht die Ethik nur als ein Sprungbrett, um vom Empirischen ins Logische zu wechseln: „Im Sollen beginnt das Hinausgehen über die Endlichkeit, die Unendlichkeit. Das Sollen ist dasjenige, was sich in weiterer Entwicklung, nach jener Unmöglichkeit (über das Unendliche hinauszugehen ‒ DZ), als der Progreß ins Unendliche darstellt.“ (Vgl. Hegel 1999, S.121)

Hegel zufolge konfrontiert die Ethik das Endliche mit dem Unendlichen, und er hält dialektisch-logisch fest, „daß darin selbst, daß etwas als Schranke bestimmt ist, darüber bereits hinausgegangen ist“. (Vgl. Hegel 1999, S.121) ‒ Mit „etwas“ ist nicht irgendwas Konkretes gemeint, sondern daß alles, egal was, indem wir ihm eine Schranke setzen, immer schon von uns überschritten wird. Also schlußfolgert Hegel, daß das, wovon dieses Etwas durch die Schranke abgesondert wird, das „Andere“ jenseits der Schranke, „eben das Hinaus über dieselbe“ sei. (Vgl. Hegel 1999, S.121)

Insofern ist das Endliche aufgrund seiner Beschränktheit immer schon über sich hinaus und die Unendlichkeit seine logische Konsequenz. Wenn wir etwas ‚sollen‛, so steht dieses Sollen für dieses über-das-Etwas-hinaus bzw. über die Beschränktheit alles Endlichen hinaus. Mit Kant ausgedrückt: Wir können, denn wir sollen.

Was Hegel hier nicht mitbedenkt, ist, daß wir jenseits der Schranke nicht etwa das Unendliche vorfinden, sondern etwas, das selbst wiederum endlich und deshalb ‚beschränkt‛ ist. Wir haben es also vor und jenseits der Schranke bloß mit zwei Individuen zu tun, die durch die Schranke, die sie voneinander trennt, gleichzeitig definiert und aufeinander bezogen sind. Egal wie oft wir also die Schranke überschreiten, treffen wir doch immer nur auf Individuen und nicht auf die Unendlichkeit.

Es kommt bei der Überschreitung der Schranke zu keiner ethischen ‚Befriedigung‛, wie Hegel behauptet: „In der Unendlichkeit ist die Befriedigung vorhanden, daß alle Bestimmtheit, Veränderung, alle Schranke und mit ihr alles Sollen selbst verschwunden, als aufgehoben (und) das Nichts des Endlichen gesetzt ist.“ (Vgl. Hegel 1999, S.126)

Ich halte dagegen: Der Sinn der Ethik besteht nicht darin, überwunden (aufgehoben), sondern respektiert zu werden. Ein anderer Phänomenologe, Emmanuel Levinas, behält deshalb mit dem „Antlitz“, als prinzipiell unaufhebbare Schranke, die unüberwindbar ist, gegen Hegel Recht.

Letztlich haben wir es bei der ‚Schranke‛ mit einer Differenz zwischen zwei Individuen zu tun, die sich aufeinander beziehen. Eine Ethik, die ihrem Begriff treu bleiben will, zumindestens wie ich sie verstehe, muß an dieser Schranke als Beziehungsform festhalten. Hier geht es nicht um Logik, sondern um eine soziale Beziehung, deren (empirischer) Gehalt nicht das Unendliche, sondern die Praxis des Miteinander ist. Diese konkrete Praxis ist mit dem „Sollen“ gemeint, und nicht irgendeine abstrakte Unendlichkeit.

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