„...letztlich ist der Mensch, als Folge oder Krönung der Evolution, nur in der Totalität der Erde begreifbar.“ (Leroi-Gourhan, Hand und Wort, S.22)

Freitag, 11. März 2022

In unseren Köpfen

Im gestrigen Podcast „Lanz und Precht“, wie auch schon in den vorangegangenen Podcasts, haben die beiden alle möglichen moralischen, politischen und wirtschaftlichen Aspekte des Putinschen Angriffskrieges diskutiert. Als Precht dafür plädierte, aus humanitären Gründen den Krieg so schnell wie möglich durch eine Neutralitätserklärung der Ukraine zu beenden, weil alles andere auf eine unabsehbare, langjährige humanitäre Katastrophe hinausliefe, warf ihm Lanz vor, daß es nicht angebracht sei, der Ukraine von Deutschland aus solche Vorschläge zu machen.

Precht antwortete darauf: „Das tun wir ja nicht. Weder du noch ich werden nach Kiew reisen, um der Regierung dort irgendwelche Vorschläge zu machen. Ich versuche nur, die Dinge in meinem Kopf zu klären.“

Precht hat damit eine Lanze – Verzeihung, Herr Lanz – dafür gebrochen, den eigenen Verstand zu gebrauchen; also zu denken. Mein Respekt für Precht wächst mit jedem Podcast der beiden mehr.

Übrigens auch für Lanz.

Donnerstag, 10. März 2022

Unsere Werte und Putin

Mit Bezug auf die Maßnahmen, die von Seiten der EU und der NATO gegen Putins Angriffskrieg auf die Ukraine diskutiert und beschlossen werden, ist immer von unseren Werten die Rede, die wir mit der Ukraine verteidigen müssen. Das Problem ist dabei, daß die Begriffe, mit denen wir diese Werte identifizieren, korrumpierbar sind und längst schon von Trump, Orban und nicht zuletzt von Schröder, der Putin einst als „lupenreinen Demokraten“ bezeichnet hatte, korrumpiert worden sind. Orban steht für die „illiberale Demokratie“. Vor diesem Hintergrund war es für Putin in den letzten Jahren ein Leichtes, unsere Wertbegriffe in den Würgegriff zu nehmen. Den Gipfel des Sprachmißbrauchs leistete sich Putin damit, seinen Angriffskrieg mit der Verhinderung eines Genozids im Donbasbecken und mit der Notwendigkeit einer Entnazifizierung der Kiewer Regierung zu begründen.

Warum aber sind unsere Wertbegriffe überhaupt korrumpierbar? – Weil sie, jeder einzelne, mehrdeutig und deshalb zweifelhaft sind.

Nehmen wir die drei Leitbegriffe der französischen Revolution: Freiheit, Gleicheit, Brüderlichkeit. „Brüderlichkeit“ erinnert schon vom Wort her an Männerbünde. Frauen kommen darin nicht vor. Schlimmer aber ist, daß die damit gemeinte Solidarität neutral ist gegenüber ihrem Mißbrauch. Jede Räuberbande kann sie für sich in Anspruch nehmen. Letztlich behauptet die Solidarität das Primat der Gruppe über das Individuum. Es ist also notwendig, zu präzisieren, was genau mit Solidarität gemeint sein soll.

So geht es auch mit der Gleichheit. Die US-Amerikaner verstehen darunter die Gleichheit der Erfolgreichen. Wer nicht erfolgreich ist, ist selber schuld. Die Europäer verstehen darunter eher die Gleichheit der Menschenwürde und leiten daraus soziale Rechte ab.

Und die Freiheit? Als einzelnes Wort ist der Freiheitsbegriff völlig unbrauchbar. Jeder versteht etwas anderes darunter. Man behilft sich deshalb mit Sentenzen wie: „Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden.“ (Rosa Luxemburg) – Ich glaube, hier kommen wir auf die richtige Spur. Denn nicht das inhaltsleere Wort „Freiheit“, sondern das Denken ist es, worauf es ankommt. Der Begriff des Denkens ist deshalb nicht korrumpierbar, weil es eine eindeutige Verhaltensweise  bezeichnet: den Gebrauch des eigenen Verstandes.

Zwar spricht Bettina Stangneth von einem „bösen Denken“. Aber böses Denken bildet nicht etwa eine mögliche Form des Denkens, sondern gar kein Denken. Böses Denken ist Denken, das sich gegen sich selbst richtet: gegen Denken, wo immer es zutage tritt. Es unterminiert den Gebrauch des eigenen Verstandes. Alles, was uns am Gebrauch des eigenen Verstandes hindert, ist das Gegenteil von Denken und nur insofern auch böses Denken.

Um auch noch diesen Punkt zu klären: wir selbst können uns am Gebrauch unseres eigenen Verstandes hindern, indem wir uns weigern zu denken. Das ist aber selbstverschuldet.

Und eigentlich sind es nur wir selbst, die uns am Selberdenken hindern können. Trotz Putin, Orban, Trump und wie sie alle heißen.

Freitag, 25. Februar 2022

Klima, Corona ... Putin

Dank Klimakrise und Corona sind wir alle keine Zeitgenossen mehr. Aber Putin ist ein Wiedergänger. Er kommt aus einer gefälschten Vergangenheit, um die Gegenwart zu überschreiben. Auf Kosten der Zukunft.

Samstag, 19. Februar 2022

Mut und Demut

Kant fordert zum autonomen Verstandesgebrauch auf, und dazu gehört Mut. Kant geht also davon aus, daß Denken Mut erfordert. Man könnte vermuten, es ginge vor allem darum, sich im Denken gegen äußere Autoritäten durchzusetzen, in welcher Gestalt auch immer, deren einziges Interesse darin besteht, uns daran zu hindern, uns für unsere eigenen Interessen einzusetzen.

Aber der vielleicht noch größere Mut besteht darin, uns gegenüber unseren eigenen, inneren Autoritäten zu behaupten; gegenüber all den Konventionen und scheinbaren Bedürfnissen, die uns daran hindern, zu erkennen, was wir wirklich wollen. Denn wir wollen immer vieles und vielerlei und durchschauen dabei nur selten, was davon wirklich wichtig ist; was das tiefste Begehren ist, das aus uns selbst emporsteigt. Und vor dem wir uns fürchten, weil es den Einsatz unseres Lebens wert ist; unsere ganze Hingabe; uns selbst.

Denn was ist ‚Mut‘? Er ist ein Begehren, ein Streben, das an einem Ziel festhält, ohne sich von Launen und Stimmungen irritieren zu lassen. Er hält an seinem Willen fest, ohne sich den schwankenden, wechselnden und immer auch bedrohlichen Umständen auszuliefern.

Aber Mut ist nicht zu verwechseln mit Gedankenlosigkeit, Unerbittlichkeit und Maßlosigkeit. Ohne Denken gibt es keinen Mut, so wie es ohne Mut kein Denken gibt. Ohne diese beiden verliert unser Wollen sein Maß und wird zur Gier. Gier ist geil. Gier ist maßlos.

Mut aber ist nicht geil. Er setzt unserem Wollen ein Maß; ein Maß, das der Wille in seinem Gegenstand findet, auf den er sich richtet. Um dieses Maßes willen, müssen wir mutig bedenken, was wir wollen. Denn es erfordert Mut, sich selbst Grenzen zu ziehen, das Maß zu erkennen und unseren Willen sich bescheiden zu lassen, so daß wir dem, was wir wollen, sein eigenes Recht lassen können. Es ist der Mut zu denken, der uns dazu verhilft, das, was wir wollen, loszulassen; darauf zu verzichten, es zu besitzen.

Das ist Demut.

Sonntag, 6. Februar 2022

Betriebsebene des Lebens

Ich habe einen Text von Georg Reischel über die „Zelltheorie“ gelesen. Dabei ist mir ein weiterer Gedanke zu meiner These gekommen, daß die KI niemals an die Stelle des menschlichen Bewußtseins treten kann. Der Kern der Zelltheorie besteht im Prozeßcharakter der Ausdifferenzierung von Zellen im werdenden Organismus. Sie steuern die Entwicklung und verarbeiten dabei die Umweltdaten, also die zufälligen und wechselnden Kontexte innerhalb und außerhalb eines Organismusses. Man könnte die Zelle analog zur KI – auf irgendwas muß ja auch die KI laufen – als das Betriebssystem eines Organismusses bezeichnen.

Allerdings wissen wir von den digitalen Betriebssystemen, daß sie mit der Technikentwicklung nicht mithalten, also schnell veralten und durch neue Betriebssysteme ausgetauscht werden müssen, was ja auch Teil des Geschäfts ist, das die Anbieter mit ihnen machen. Die Zelle aber veraltet nicht. Sie wächst. Sie entwickelt sich mit dem wachsenden Organismus weiter. Und wenn man die mütterliche Linie nimmt, ist die Zelle sogar potentiell unsterblich. Denn die Mutter gibt ihre Zellen über die Eizelle, die ihr Organismus produziert, direkt an das Kind weiter. Der mütterliche Beitrag ist also eine vollständige Zelle, während der väterliche Beitrag nur aus einigen Chromosomen besteht.

Das Leben der Zelle reicht also über die Mutter weit in die Menschheitsgeschichte zurück, und es reicht, wenn wir es beim Kind mit einer Tochter zu tun haben, die wiederum die eine oder andere Eizelle an ihre Nachkommen weitergibt, weit über das Leben des einzelnen Organismusses hinaus in die Zukunft, wenn es diese für die Menschen auf diesem Planeten noch geben sollte.

In Goethes „Faust“ finden wir eine Stelle, in der der künstliche Homunkulus, der nur in einer Phiole existieren kann, zurück auf eine Reise durch die Zeit geschickt wird, weil er nur auf diese Weise, im Prozeß der Evolution, zum Menschen werden kann. Bewußtsein gibt es nur als eine Erscheinungsform des Lebens selbst.

Es gibt also auf der Betriebsebene der Organismen, im Zusammenspiel der Zellen, keine wechselnden Betriebssysteme: Windows XP (mein Lieblingsbetriebssystem) wird durch kein Windows 2007 etc. ersetzt. Es ist die Zelle selbst, die sich mit dem Organismus verändert, aus dem wiederum ein Bewußtsein hervorgeht, dessen Kapazität eng mit seiner Biologie verknüpft ist. Das Bewußtsein hat eine Tiefendimension, die wir das organische Unbewußte nennen können. Die Biologen haben in den letzten 20 Jahren ein Wort dafür gefunden: Epigenetik. Ich selbst fokussiere diese biologische Mitgift gerne auf den Begriff des Begehrens. Es bildet das Grundmotiv unserer Bewußtseinstätigkeit. Und es ist das, was der KI immer fehlen wird.

Samstag, 22. Januar 2022

Querdenker

In Gruppen denkst Du nicht,
schon gar nicht denkst Du quer.
Sie werfen Schein statt Licht,
der blendet leer.

Man denkt nur, wenn man quer,
und quer nur, wenn man denkt.
Querdenker ist nur, wer
sich selbst nichts schenkt.

Samstag, 1. Januar 2022

Zum Neujahr: Aus der Zeit gefallen

Der ehemalige Bundesgesundheitsminister Spahn gebrauchte das Bild von einer Uhr, die die abgelaufene Zeit anzeigt: es ist bereits halb eins; also nicht mal mehr 5 vor zwölf.

In diesem Blog habe ich mich in Prä-Corona-Zeiten gerne als „Anachronisten“ bezeichnet; als jemanden, der aus seiner Zeit, aus seiner Lebenswelt herausgefallen ist und jetzt nirgendwo mehr hingehört. Nach zwei Coronajahren habe ich den Eindruck, daß wir alle zu Anachronisten geworden sind. Corona hat uns alle aus der Zeit herausgerissen; sogar die, die noch krampfhaft an ihr festzuhalten versuchen und von einer Zeit faseln, in der wieder alles so sein wird wie früher. Wenn Corona vorbei ist.

Inzwischen haben wir eine neue Bundesregierung, und sie selbst hat bereits angekündigt, daß die Überwindung der Corona-Krise in der nächsten Zeit Vorrang vor den anderen wichtigen Aufgaben haben wird, die sie sich im Koalitionsvertrag gestellt hat. Läuft also Corona dem Klimawandel den Rang ab? Aber: haben Corona und Klimawandel nicht eher einiges gemeinsam?

Bei beidem handelt es sich um Kollateralschäden der Globalisierung. Und bei beidem sind die Schutzmaßnahmen, gegen Corona wie gegen den Klimawandel, längst bekannt: zum einen Impfen, zum anderen CO2 reduzieren. In beiden Fällen ist sich die Wissenschaft darin einig. Trotzdem polarisiert beides die Gesellschaft.

Letztlich exekutieren Corona und Klimawandel die Tatsache, daß wir die Generation sind, die die Verbindung zu den uns nachfolgenden Generationen gekappt hat, weil sie verzweifelt am Weiter-so festhält. Nichts wollen wir lieber glauben, als daß wir, wenn Corona vorbei ist, unser altes Leben wieder aufnehmen und weiterführen können; ohne Rücksicht auf die, die nach uns kommen. Als hätten wir alle noch so viel Zeit. Welle für Welle, Wellental für Wellental: sobald es irgend geht, strömen wir wieder in die Fußballstadien und reisen um die Welt, nur um anschließend, wieder zu Hause, in Quarantäne geschickt zu werden. 

Aber unsere Zeit ist vorbei. Wir sind keine Zeitgenossen mehr. Die Zeit, die uns vermeintlich noch geblieben ist, ist zusammen mit den Coronawellen über uns hinweggeschwappt. Und mit den zurückweichenden Wellen ist auch sie uns abgelaufen.

Daß es uns noch gibt, ist ein Anachronismus.