„...letztlich ist der Mensch, als Folge oder Krönung der Evolution, nur in der Totalität der Erde begreifbar.“ (Leroi-Gourhan, Hand und Wort, S.22)

Samstag, 2. Juni 2018

Antonio Damasio, Im Anfang war das Gefühl. Der biologische Ursprung menschlicher Kultur, München 2017

1. Zusammenfassung
2. Physiologie der Wertigkeit
3. Algorithmen
4. Phänomenologie
5. Parallele Spuren: Apperzeption
6. Homunkulus
7. Big Data und Intuition
8. Kulturkrisen und Kulturkritik

Während Helmuth Plessner mit dem „Körperleib“ eine Anatomie der gebrochenen Intentionalität entwickelt, geht Antonio Damasio mit dem für seinen Ansatz grundlegenden Begriff der Homöostase von einer „Physiologie der Wertigkeit“ (Damasio 2017, S.145) aus. Damasios Begriffe des Bewußtseins und des Geistes stehen deshalb in der Kontinuität einer biologischen und kulturellen Evolution, die ihren Ausgang nimmt von den ersten kernlosen Einzellern (Prokaryonten) und die voranschreitet zu Lebensformen mit zentral gesteuerten genetischen und neurologischen Apparaten. (Vgl. Damasio 2017, S.39f.)

Dennoch steht Damasios physiologisch begründete Intentionalität in der Tradition eines phänomenologischen Denkens, für das Emotionen und Gefühle schon immer ein zentrales Thema gewesen sind; und sie steht meiner Ansicht nach auch in der Tradition des Plessnerschen Körperleibs, zu dem Damasio mit seinem Fokus auf die Körperchemie und das enterische Nervensystem einiges zu ergänzen und beizutragen weiß. Die Gefühle sind Damasio zufolge der „mentale Ausdruck“ einer die körperlichen Stoffwechselprozesse stabilisierenden und damit das Überleben und das Gedeihen des Organismusses sicherstellenden Homöostase. (Vgl. Damasio 2017, S.14 und S.50f.) Die Homöostase gewährleistet darüberhinaus einen kontinuierlichen Evolutionsprozeß von den „frühen Lebensformen“ hin zu einer bis heute gültigen „außergewöhnlichen Partnerschaft von Körper und Nervensystem“. (Vgl. Damasio 2017, S.14)

Es ist diese „Partnerschaft zwischen Körper und Nervensystem“, die Plessners Körperleib entspricht, nämlich als Gegenüberstellung von Körper und Gehirn, in dem das Gehirn ein Organ unter Organen und gleichzeitig den übrigen Organen als etwas Besonderes gegenübergestellt ist. So schreibt auch Damasio:
„Die Geschichte über die Beziehungen zwischen Körper und Nervensystem muss neu erzählt werden. Der Körper, mit dem wir im Vergleich zu dem hochfliegenden Geist häufig so locker oder geradezu abschätzig umgehen, ist Teil eines ungeheuer komplexen Organismus aus kooperierenden Systemen, die aus kooperierenden Organen bestehen, die aus kooperierenden Zellen bestehen, die aus kooperierenden Molekülen bestehen, die aus kooperierenden Atomen bestehen, die schließlich aus kooperierenden Teilchen aufgebaut sind.“ (Damasio 2017, S.81f.)
„Physiologie der Wertigkeit“ (Hervorhebung DZ) meint, daß die Gefühle als mentaler Ausdruck der Homöostase uns über den inneren Zustand unseres Organismusses unterrichten. Alles, was im Organismus vor sich geht, wird von ihnen als gut oder als schlecht bewertet, als dem Überleben und Gedeihen förderlich oder hinderlich:
„Die Wertigkeit übersetzt den Lebenszustand unmittelbar von Augenblick zu Augenblick in mentale Begriffe.“ (Damasio 2017, S.120)
Die Wertigkeit ist Damasio zufolge „das definierende Element der Gefühle“. (Vgl. Damasio 2017, S.120) Letztlich vermittelt sie uns „ein Gefühl der Existenz“:
„Das vollständige Fehlen von Gefühlen wäre eine Aufhebung des Seins.“ (Damasio 2017, S.118)
Es gibt vor allem zwei Gruppen von Gefühlen, von denen die einen zur alten Innenwelt und die anderen zur neuen Innenwelt gehören. (Vgl. Damasio 2017, S.97f.) Zur alten Innenwelt zählt Damasio Herz, Lunge, Darm und Haut und die glatte Muskulatur; die zu ihr gehörenden Gefühle vermitteln uns Informationen vom Inneren unseres Organismusses. Zur neuen Innenwelt zählt er das Knochenskelett, die daran haftende quergestreifte Muskulatur und die darin eingebetteten „Sinnesportale“, also die klassischen Sinnesorgane, die uns Informationen von der Außenwelt vermitteln. (Vgl. Damasio, S.98ff., 147, 168, 178)

Diese Signalübermittlung funktioniert in beiden Innenwelten auf völlig verschiedenen Wegen; beide Innenwelten stehen aber in Wechselwirkung zueinander. In der alten Innenwelt beruht die Signalübermittlung auf chemischen Prozessen und auf dem enterischen Nervensystem, das Ähnlichkeiten mit den Nervennetzen von niederen Organismen wie etwa der Hydra hat (vgl. Damasio 2017, S.73ff.). Das enterische Nervensystem wird von Neurowissenschaftlern auch gerne als „zweites Gehirn“ bezeichnet. Damasio zieht es allerdings vor, vom „ersten Gehirn“ zu sprechen, weil es älter ist als das zentrale Nervensystem. (Vgl. Damasio 2017, S.74 und S.156f.) Außerdem ist es vom zentralen Nervensystem völlig unabhängig:
„Das Zentralnervensystem gibt an das enterische System keine Anweisungen, was es tun oder wie wie es sich verhalten soll, kann aber dessen Tätigkeit beeinflussen. Kurz gesagt, besteht ein ständiges ‚Zwiegespräch‘ zwischen enterischem Nervensystem und Zentralnervensystem, der Kommunikationsfluss verläuft größtenteils vom Darm zum Gehirn.“ (Damasio 2017, S.156)
Mithilfe des enterischen Nervensystems, aber auch über im Blut zirkulierende chemische Moleküle gelangen Informationen über den inneren Zustand des Organismusses direkt ins Gehirn. Nicht alle Teile des Gehirns sind durch die Blut-Hirn-Schranke vom Rest des Körpers abgetrennt. (Vgl. Damasio 2017, S.148) Zu diesen Bereichen gehören die „Area postrema“ auf der Ebene des Hirnstamms, die zirkumventrikulären Organe im Endhirn und die Spinalganglien:
„Diesem Befund zufolge übertragen die Neuronen selbst zwar periphere Signale an das Zentralnervensystem, sie sind mit dieser Tätigkeit aber nicht allein. Vielmehr haben sie Hilfe: Sie werden unmittelbar von Molekülen beeinflusst, die im Blut kreisen.“ (Damasio 2017, S.152)
Zu den Neuronen, die Informationen über den inneren Zustand an das Gehirn übermitteln, gehören die „C-Fasern“ des enterischen Nervensystems, die sich von Axonen des zentralen Nervensystems anatomisch unterscheiden: sie sind nicht myelinisiert. Die Myelinschicht um die Neuronen der neuen Innenwelt herum sorgt für eine effektive Isolierung der Fasern, so daß der bio-elektrische Prozeß beschleunigt wird:
„Myelin ist eine wichtige Errungenschaft der Evolution. es isoliert die Axone und schafft die Möglichkeit, dass sie Signale sehr schnell übertragen, weil am Axon entlang keine elektrischen Ströme verloren gehen. Unsere Wahrnehmung der Umwelt – was wir sehen, hören und berühren –, befindet sich nun in den gut isolierten, schnellen, sicheren Händen der myelinisierten Axone.“ (Damasio 2017, S.153)
Die nicht-myelinisierten Fasern des enterischen Nervensystems sind also langsamer. Nun könnte man natürlich sagen, sie seien veraltet wie etwa der Blinddarm. Damasio hingegen glaubt, daß die C-Fasern nicht myelinisiert sind, weil sie so für die Physiologie der Wertigkeit funktionaler sind:
„Unmyelinisierte Fasern bieten tatsächlich Voraussetzungen, die für die Erzeugung von Gefühlen so unentbehrlich sind, dass die Evolution es sich nicht leisten konnte, die kostbarsten Kabel zu isolieren und diese Gelegenheiten fahren zu lassen.“ (Damsio 2017, S.154)
Damasio vergleicht die C-Fasern mit den Saiten von Streichinstrumenten. Sie können über ihre ganze Länge ‚gezupft‘ werden. Außerdem ermöglichen sie noch einen weiteren neurologischen Effekt, der den isolierten Neuronen des zentralen Nervensystems fehlt:
„Da ihnen die Isolierung fehlt, können nebeneinander angeordnete unmyelinisierte Fasern – und wenn sie einen Nerv bilden, sind sie zwangsläufig nebeneinander angeordnet – elektrische Impulse durch einen Prozess übertragen, der unter dem Namen der Ephapse bekannt ist. Dabei werden die Impulse seitlich in einer Richtung weitergegeben, die im rechten Winkel zum Verlauf der Faser steht.“ (Damasio2017, S.154)
Auf diese Weise können C-Fasern die Signalübermittlung untereinander verstärken.

Damasios Blick auf die menschliche Physiologie ist also nicht wie bei den anderen Neurowissenschaftlern auf das Gehirn als das angeblich alles überragende und dominierende Steuerungsorgan beschränkt. Über die Gefühle und ihre Physiologie reicht das Bewußtsein weit in die automatischen, unserer wachen Aufmerksamkeit entzogenen Bereiche des Körpers hinein. In diesem Zusammenhang macht es keinen Sinn mehr, zwischen ‚veralteten‘ und ‚modernen‘ Organen zu unterscheiden. Insofern macht Damasios Kontinuitätspostulat Sinn; zumindest auf organischer Ebene.

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Freitag, 1. Juni 2018

Antonio Damasio, Im Anfang war das Gefühl. Der biologische Ursprung menschlicher Kultur, München 2017

1. Zusammenfassung
2. Physiologie der Wertigkeit
3. Algorithmen
4. Phänomenologie
5. Parallele Spuren: Apperzeption
6. Homunkulus
7. Big Data und Intuition
8. Kulturkrisen und Kulturkritik

In seinem Buch „Im Anfang war das Gefühl“ (2017) präsentiert der portugiesische Neurobiologe Antonio Damasio seine Sicht auf die Evolution von Bewußtsein und Kultur. Zwei Aspekte sind dabei aus der Perspektive des Rezensenten besonders bemerkenswert: zum einen distanziert sich Damasio entschieden von seinen neurowissenschaftlichen Kollegen, die bis heute das menschliche Bewußtsein in spezifischen Bereichen des Gehirns, insbesondere der Großhirnrinde zu lokalisieren versuchen und auf diese Weise mentale Phänomene einschließlich der menschlichen Kultur auf neuronale Strukturen reduzieren:
„Über das mentale Leben ... wird häufig so berichtet, als wären sie ausschließlich Produkte des Gehirns. In solchen Berichten ist das Nervensystem von Anfang bis Ende der große Held, aber das ist eine grobe, übermäßige Vereinfachung und ein Missverständnis. Es hört sich an, als wäre der Körper nur ein Zaungast, ein Gerüst für das Nervensystem, das Gefäß, in dem das Gehirn liegt. ... In den traditionellen Erklärungen, die das Nervensystem, das Gehirn oder sogar nur die Großhirnrinde in den Mittelpunkt stellen, fehlt aber die Tatsache, dass Nervensysteme zu Beginn ihres Daseins die Helfer des Körpers waren ...“ (Damasio 2017, S.80f.)
Hier befindet sich Damasio übrigens im Widerspruch zu „Selbst ist der Mensch“ (2011), wo er noch „mit voller Absicht“ das Gehirn als Akteur thematisiert. (Vgl. Damasio 2011, S.185)  Wie aus der gerade zitierten Textstelle seines aktuellen Buches deutlich wird, hält Damasio jetzt aber den menschlichen Körper – also, wenn man vom Gehirn absieht, den ‚Rest‘ des Organismusses – ganz und gar nicht bloß für den „Zaungast“ der Entscheidungen eines einsam handelnden Gehirns. Tatsächlich bildet der menschliche Körper nicht einfach nur den „Nährboden“ für das Gehirn, sondern er bildet das „Substrat“ der Gefühle (vgl. Damasio 2017, S.229f.), jenes mentalen Moments also, um das es zentral in seinem Buch geht. Die Gefühle sind Damasio zufolge älter als das Nervensystem und basieren zu einem großen Teil auf Chemie, also auf vom zentralen Nervensystem unabhängigen Stoffwechselprozessen im menschlichen Körper. Sie haben einen weitgespannten biologischen Hintergrund, in den sie in Form emotiver Reaktionen auf spontane oder provozierte Veränderungen des Organismusses eingebettet sind. In Wechselwirkung mit dem Nervensystem entstehen dann die im engeren Sinne mentalen Phänomene, die Damasio ‚Gefühle‘ nennt:
„Gefühle wurden nicht allein vom Gehirn hervorgebracht, sie sind vielmehr das Ergebnis einer partnerschaftlichen Kooperation von Körper und Gehirn, die mittels ungehindert fließender chemischer Moleküle und Nervenbahnen in Wechselbeziehung stehen.“ (Damasio 2017, S.20)
Damit kommen wir zum zweiten Aspekt, der für mich besonders interessant ist: Damasio versteht den menschlichen Körper – auch wenn er das Wort nicht explizit verwendet – ähnlich wie Plessner als ‚Körperleib‘. Körper und Gehirn bzw. Gefühle und Gehirn sind Partner, die nur zusammen funktionieren. Dabei bildet anders als bei Plessner bei Damasio aber nicht der Stoffwechsel, sondern die Homöostase die Grundlage dieser Partnerschaft. Gefühle und Gehirn haben dasselbe grundlegende Ziel, die Lebensfunktionen des menschlichen Organismusses im Gleichgewicht zu halten:
„Homöostase ist die leistungsfähige, ungedachte, unausgesprochene Notwendigkeit, deren Verwirklichung für alle Lebewesen, ob groß oder klein, nichts weniger ist als die Voraussetzung für ihr Bestehen und Gedeihen. ... (Sie) sorgt dafür, gewährleistet, dass das Leben innerhalb eines Bereichs reguliert wird, der nicht nur mit dem Überleben verträglich ist, sondern auch dem Gedeihen dient und eine Fortsetzung des Lebens in der Zukunft eines Organismus oder einer Spezies ermöglicht.“ (Damasio 2017, S.34)
Der Unterschied zwischen Damasio und Plessner, die Homöostase oder den Stoffwechsel ins Zentrum ihres jeweiligen Konzepts vom Körperleib zu stellen, geht darauf zurück, daß Plessner mit dem Stoffwechsel die Differenz zwischen Innen und Außen hervorhebt. Mit dieser Differenz geht Plessner zufolge nicht nur eine Diskontinuität der individuellen Intentionalität zur Umwelt bzw. Außenwelt, sondern auch des Individuums mit sich selbst einher: der Mensch wird sich seiner selbst bewußt und ist fortan mit sich selbst nicht mehr identisch.

Diese Pointe des menschlichen Selbstbewußtseins auf der Grenze zwischen Innen und Außen, die sich schon über den Stoffwechsel anbahnt, fehlt bei Damasio. Mit dem Homöostasebegriff zielt Damasio vor allem auf die Erhaltung von Gleichgewichtszuständen ab, die das Überleben des individuellen Organismusses sicherstellen. Auch das menschliche Bewußtsein dient Damasio zufolge allererst diesem Ziel. Auf das Selbstbewußtsein mit allen seinen Implikationen von Negativität und Reflexivität kommt er nirgendwo in seinem Buch zu sprechen. Es ist allererst die Homöostase, die einen Stoffwechsel ermöglicht, indem sie ihn stabilisiert. Erst so wird der Stoffwechsel zur „Triebkraft der Evolution“. (Vgl. Damasio 2017, S.54) Zugleich steuert die Homöostase, d.h. die aus der Erhaltung des Gleichgewichts hervorgehenden Notwendigkeiten, die „natürliche Selektion“ (vgl. ebenda), so daß Selektion und Mutation keine Zufallsereignisse bilden, sondern auf ein Ziel ausgerichtet sind. Die Homöostase bildet den „Wert hinter der natürlichen Selektion“, die ihr als Mittel zur beständigen Optimierung des Lebens dient. (Vgl. Damasio 2017, S.35)

Bei Damasio herrscht also der Kontinuitätsgedanke vor: die Kontinuität zwischen Biologie und Kultur und die Kontinuität zwischen Biologie und Bewußtsein. Damasio spricht nicht einfach von einem Körperleib, mit dem wir uns nach Plessner auch im Streit befinden können, sondern im Gegenteil von einer „Verschmelzung von Körper und Gehirn“. (Vgl. Damasio 2017, S.145)

Damasios Verwendung des Wortes ‚Verschmelzung‘ hat gute phänomenologische Gründe. Er weist damit auf den Unmittelbarkeitscharakter unserer Gefühle hin, wie sie vom Körper erzeugt und dem Gehirn ‚bewußt‘ werden:
„Es geht mir darum, dass im Erlebnis des Fühlens nur eine geringe oder gar keine anatomische und physiologische Distanz zwischen dem Objekt, das den entscheidenden Inhalt erzeugt, dem Körper(,) und dem Nervensystem besteht, das traditionell als Empfänger und Verarbeiter der Informationen betrachtet wird. Beide Seiten, Objekt/Körper und Verarbeiter/Gehirn, hängen natürlich zusammen und gehen auf vielerlei unerwartete Weise ineinander über.“ (Damasio 2017, S.145f.)
Aber obwohl Damasio den phänomenalen Charakter von Gefühlen korrekt beschreibt und den Informationsbegriff in diesem Zusammenhang zurecht kritisiert – Gefühle sind keine Informationen, sondern Werte –, hindert ihn sein Fokus auf diese mentalen Phänomene daran, die eigentliche Differenz des menschlichen Bewußtseins als Selbstbewußtsein zu erkennen. Dennoch muß man anerkennen, daß Damasios „Physiologie der Wertigkeit“ (Damasio 2017, S.145) eine bemerkenswerte Variation zum phänomenologischen Thema der Intentionalität darstellt. An die Stelle der Plessnerschen Anatomie des Körperleibs setzt Damasio eine Evolution der Physiologie, die bei den kernlosen Einzellern (Prokaryonten) beginnt (vgl. Damasio 2017, S.39f.) und von dort zu den zentralisierten Steuerungsmechanismen von genetischen und neurologischen Apparaten, den Zellkernen und Gehirnen, voranschreitet. Zwar spielt bei Damasio anders als bei Plessner die Differenz von Innen und Außen nicht die zentrale Rolle in der Bewußtseinsentwicklung des Menschen; aber dafür liefert er eine bemerkenswerte Differenzierung der Innenwelt in eine alte und eine neue Innenwelt:
„Im Inneren unseres Organismus gibt es zweierlei Welten. Wir können sie als die alte und die nicht so alte Welt bezeichnen.“ (Damasio 2017, S.97)
Die alte Innenwelt entspricht dem, was Plessner als „Zustand“ bezeichnet. Sie besteht aus den „Kernbestandteile(n) der Gefühle“ und wird weitgehend durch chemische Prozesse bestimmt. (Vgl. Damasio 2017, S.88f., 97) Hinzu kommt das enterische Nervensystem, das anatomisch ganz anders funktioniert als das moderne Nervensystem (die weniger alte Innenwelt), weil seine Fasern nicht oder nur wenig myelinisiert sind. (Vgl. Damasio 2017, S.74f., 152ff.) Ich werde darauf im folgenden Blogpost detaillierter zu sprechen kommen. Plessner bezeichnet die Instrumente der chemischen Nachrichtenübermittlung der alten Innenwelt als „Zustandssinne“.

Die weniger alte bzw. ‚moderne‘ Innenwelt besteht aus dem Skelettgerüst, der quergestreiften Muskulatur, den klassischen Sinnesorganen, die Plessner als „Gegenstandssinne“ bezeichnet, und natürlich aus dem modernen ‚zentralen‘ Nervensystem mit seinen durchgehend myelinisierten Nervenfasern. (Vgl. Damasio 2017, S.93, 97f., 102, 178, 153) Sie stellen die Verbindung zur Außenwelt her.

Beide Innenwelten stehen nun in einem interessanten Verhältnis zueinander, das man als ‚pathische Apperzeption‘ bezeichnen könnte. Immanuel Kant hatte als Grundmerkmal des menschlichen Bewußtseins postuliert, daß wir alle unsere Wahrnehmungen und Empfindungen mit einem „Ich denke“ begleiten können müssen. Er nannte das „transzendentale Apperzeption“. Damasio behauptet dasselbe von den Gefühlen. Die Bilder, die uns mit den Mitteln der weniger alten Innenwelt von der Außenwelt geliefert werden, müssen immer zugleich auch von ‚Bildern‘, sprich Gefühlen, aus beiden Innenwelten begleitet werden, damit sie uns bewußt werden können; und ‚bewußt werden‘ heißt wiederum, daß wir sie als unsere eigenen Wahrnehmungen in Besitz nehmen können.
„So gut wie jedes Bild in der großen Prozession, die wir Geist nennen, hat von dem Augenblick, in dem ein Element erstmals ins Rampenlicht der Aufmerksamkeit gerät, bis zu dem Zeitpunkt, da es die Bühne wieder verlässt, ein Gefühl an seiner Seite. ... Unter normalen Bedingungen gibt es kein Sein im eigentlichen Sinn des Wortes ohne das spontane, mentale Erlebnis des Lebens, ein Gefühl der Existenz. ... Das vollständige Fehlen von Gefühlen wäre eine Aufhebung des Seins.“ (Damasio 2017, S.118)
Als Beispiel verweist Damasio auf die Filmtechnik, in der die beweglichen Bilder von einer Tonspur begleitet werden; der innere ‚Film‘ besteht ebenfalls aus (mindestens) zwei Spuren, wobei die Tonspur aus einer Gefühlsspur besteht, die die von den Sinnesorganen gelieferten Außenweltbilder – die andere Spur – begleitet. (Vgl. Damasio 2017, S.93, 105)

Tatsächlich besteht dieser ‚Film‘, also das mentale Erleben, nicht nur aus zwei, sondern aus vielen ‚Spuren‘, weil nämlich unser ‚Geist‘ kein „Monolith“ ist, wie Damasio schreibt, sondern zusammengesetzt aus den vielen Organen und Organsystemen des menschlichen Körpers sowie aus den Narrativen und Schemata einer die biologische Evolution begleitenden sprachlich-kulturellen Evolution. (Vgl. Damasio 2017, S.167f.) Für diesen zusammengesetzten Geist verwendet Damasio ein wunderbares Bild, das man auch schon aus seinen früheren Büchern kennt: das Orchester. Das wache, aufmerksame, menschliche Bewußtsein bildet ein aus vielen ‚Instrumenten‘ zusammengesetztes Orchester, und die mentalen Erlebnisse bilden wiederum die Musik, die von diesem Orchester gespielt wird:
„Wer sind eigentlich die Musiker in diesem imaginären Orchester? Die Antwort: Die tatsächlich vorhandenen oder aus dem Gedächtnis abgerufenen Gegenstände und Ereignisse in der Welt rund um unseren Organismus, und auch die Objekte und Ereignisse der Innenwelt.“ (Damasio 2017, S.101)
Die Instrumente wiederum, mit denen die Musiker spielen, bestehen aus zwei Gruppen: „aus den wichtigsten Sinnesvorrichtungen, mit deren Hilfe die Welt außer- und innerhalb eines Organismus mit dem Nervensystem in Wechselbeziehung tritt“ und aus den „Vorrichtungen, die ständig emotiv auf die mentale Gegenwart jedes einzelnen Objekts oder Ereignisses reagieren“. (Vgl. Damasio 2017, S.101)

Es fällt auf, daß Damasio im Unterschied zu seinen früheren Büchern an dieser Stelle nur von den Musikern und von den Instrumentengruppen spricht, aber den Dirigenten nicht erwähnt. Ursprünglich hatte Damasio den Dirigenten als jemanden beschrieben, der pünktlich zur Aufführung vor dem Orchester erscheint und nach dem Ende wieder verschwindet, ohne daß jemand weiß, woher er kam und wohin er geht. (Vgl. „Selbst ist der Mensch“ (2011), S.35) Dieser Beschreibung entspricht die Funktion eines Selbstbewußtseins, das über bloße Bewußtheit hinaus geht. In seinem aktuellen Buch geht Damasio nicht mehr darauf ein.

Damasios Desinteresse am Selbstbewußtsein in seinem aktuellen Buch macht sich auch an der diffusen Begrifflichkeit von ‚Gefühl‘, ‚Bewußtsein‘ und ‚Geist‘ bemerkbar. Das Bewußtsein wird von Damasio vor allem als „Subjektivität“ und als „integriertes Erleben“ thematisiert. (Vgl. Damasio 2017, S.165ff.) Mit der „Subjektivität“ ist wiederum vor allem die subjektive Inbesitznahme von Erlebnissen und Wahrnehmungen gemeint, die ich weiter oben als pathische Apperzeption bezeichnet habe. Gegenüber den beiden Entwicklungslinien der Biologie und der Kultur spielt bei Damasio diese individuell-subjektive Ebene keine eigenständige Rolle, auch wenn er die Subjektivität selbst durchaus hoch einschätzt. (Vgl. Damasio 2017, S.171f.) Er räumt ihr aber keine eigenständige Entwicklungslinie ein.

Dem Geist hingegen schon. Ihn setzt Damasio mit der kulturellen Entwicklungslinie gleich, zu der die Individuen ihren subjektiven, aber insgesamt nur untergeordneten Beitrag leisten. Auch an dieser Stelle befindet sich Damasio im Widerspruch zu „Selbst ist der Mensch“ (2011), wo er die Bereiche, die er im aktuellen Buch dem Gefühl zuordnet, als dynamische Momente des Geistes beschreibt. (Vgl. Damasio 2011, S.37f.) Es fehlt eine klare begriffliche Differenzierung zwischen ‚Gefühlen‘ und ‚Geist‘. Es fehlt die individuelle Komponente zwischen der biologischen und der kulturellen Dynamik.

In seinem aktuellen Buch haben wir es also insgesamt nur mit zwei Entwicklungslinien zu tun, der biologischen, an derem Ende das Gehirn steht, und einer kulturell-geistigen Entwicklungslinie:
„Das Gehirn, mit dessen Hilfe die Menschen kulturelle Ideen, Praktiken und Instrumente erfanden, wurde durch genetische Vererbung zusammengefügt und unterlag über Jahrmillionen hinweg der natürlichen Selektion. Der kulturelle Geist der Menschen und die Menschheitsgeschichte dagegen wurden im Wesentlichen mit kulturellen Mitteln an uns weitergegeben und vorwiegend durch kulturelle Selektion gestaltet.“ (Damasio 2017, S.40)
Während Damasio bei den bewußten Gefühlen immer wieder die weitgehende Unabhängigkeit vom zentralen Nervensystem hervorhebt, bildet in diesem Zitat das Vorhandensein eines Gehirns die Voraussetzung für Kultur, und zugleich wird der Geist vor allem als kultureller Geist prädiziert, der, an anderer Stelle, mit einer eigenen überindividuellen „kreativen Intelligenz“ ausgestattet wird, die Damasio ausdrücklich von der „Schlauheit“ abgrenzt, „mit der sich zahlreiche Lebewesen einschließlich dem Menschen im Alltagsleben effizient, schnell und vorteilhaft verhalten können“. (Vgl. Damasio 2017, S.86) Diese ‚Schlauheit‘ ist also bloß etwas Individuelles, während der Geist mit seiner kreativen Intelligenz über diese Begrenzung weit hinausgeht.

Wenn dieser „Geist“ dennoch auch etwas mit der individuellen Selbstreflexion zu tun hat, dann als neurologische und kulturelle Bühne, auf der Bilder und Narrative erfunden und inszeniert werden:
„Im Theater unseres Geistes – unserem eigenen Cartesianischen Theater, warum denn nicht – ist der Vorhang hochgezogen; die Schauspieler stehen auf der Bühne, sprechen und bewegen sich; die Scheinwerfer sind ebenso eingeschaltet wie die Geräuscheffekte, und nun kommt der entscheidende Teil der Szene: Es gibt ein Publikum, nämlich uns selbst. ...  gelegentlich haben wir unter Umständen sogar das Gefühl, dass ein anderer Teil von uns, nun ja, das Ich beobachtet, während dieses die Aufführung beobachtet. “ (Damasio 2017, S.166)
Es ist diesem ‚Bild‘ eines cartesianischen Theaters geschuldet, daß Damasio immer wieder in die Homunkulusproblematik abrutscht: ein Beobachter beobachtet etwas und wird dabei selbst beobachtet. Damasio selbst weist dieses Problem von sich. Er glaube nicht, „dass in jedem Gehirn ein kleines Du oder Ich sitzt, das die Erlebnisse hat“:
„Kein Homunculus, kein Homunculus im Homunculus, keine unendliche Regression der philosophischen Legende.“ (Damasio 2017, S.167)
Im Folgenden werden wir sehen, daß es der fehlenden Differenzierung zwischen Bewußtsein, Selbstbewußtsein und Geist und dem Desiderat einer eigenständigen individuellen Entwicklungslinie geschuldet ist, wenn man ihm diesen Vorwurf dennoch nicht ersparen kann.

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Donnerstag, 3. Mai 2018

Ugo Bardi, Der Seneca-Effekt. Warum Systeme kollabieren und wie wir damit umgehen können, München 2017

(oekom verlag, Hardcover, 320 S., 25.-- €)

1. Zusammenfassung
2. Gaia-Hypothese
3. Geld

Bardis hauptsächlicher theoretischer Zugriff auf das Phänomen ‚Geld‘ besteht in seiner Steuerungsfunktion für Produktion und Handel, letztlich eigentlich vor allem für den Handel. Mit Hilfe des Geldes werden industrielle und landwirtschaftliche Produkte weltweit verteilt, so daß der Mangel von bestimmten Produkten in einer Region durch die Produkte anderer Regionen ausgeglichen werden kann:
„Heute ist die ganze Welt durch ein Handelssystem verbunden, das vor allem auf dem Seetransport beruht. ... All das ist möglich, weil es in dem System ein Steuerungselement gibt: das globalisierte Finanzsystem. Die Integration der regionalen Ökonomien in ein großes weltweites System hat es möglich gemacht, dass für weite Teile der Weltbevölkerung Nahrungsmittel von überall her bezogen werden können. Damit wurden die Folgen lokaler Nahrungsmittelknappheit auf ein Minimum reduziert. Selbst die Menschen, die zu arm sind, um Nahrungsmittel zu Marktpreisen zu kaufen, überleben, weil Hilfsorganisationen Nahrung in alle Erdteile schicken und sie kostenlos oder zu niedrigen Preisen verteilen – zumindest ist der Prozentsatz derer, denen nicht geholfen werden kann, gesunken.“ (Bardi 2017, S.138f.)
Das Negativbeispiel für eine ‚Ökonomie‘ ohne Geld – Bardi geht so weit, zu behaupten, daß eine Ökonomie ohne Geld „schlichtweg keine Ökonomie“ sei (vgl. Bardi 2017, S.125) – ist Irland, wo es im 18. und 19. Jhdt. mehrere große Hungersnöte gegeben hatte. (Vgl. Bardi 2017, S.117ff.) Bardi führt diese Hungersnöte auf drei Umstände zurück: die steilen Felsküsten, die eine Versorgung der Bevölkerung über die See schwierig bis unmöglich machte, die Abhängigkeit von einem einzigen Grundnahrungsmittel, der Kartoffel, und den verbreiteten Mangel an Geld:
„Die irischen Bauern konnten ohne jegliches Geld überleben. Gut möglich, dass sie, wenn überhaupt, nur selten eine bedeutende Geldsumme zu Gesicht bekamen. Sie lebten gewissermaßen noch in einem frühen Stadium der Geschichte, als das Geld noch gar nicht erfunden war.“ (Bardi 2017, S.125)
Alle diese Umstände zusammen machten es praktisch unmöglich, Mißernten in einer Region durch Überschüsse in anderen Regionen auszugleichen.

Es gibt aber ein anderes Positivbeispiel von einer Inselökonomie, die sich zweieinhalb Jahrhunderte von anderen Ökonomien auf dem asiatischen Festland und von europäischen Seefahrtnationen abschottete: Japan in der Edo-Periode zwischen 1603 bis 1868. Die japanischen Herrscher schafften es, das Geld durch einen Exportverbot von Edelmetallen stabil zu halten (vgl. Bardi 2017, S.133), was dem römischen Imperium nicht gelungen war, weshalb es Bardi zufolge an der Erschöpfung seiner Gold- und Silberminen zugrunde gegangen war (vgl. Bardi 2017, S.44ff.). Es gab auch kein Bevölkerungswachstum, weil die Inselbevölkerung mehr in die anspruchsvolle Erziehung einiger weniger Kinder als in die Zeugung vieler Kinder investierte. Wir haben es beim Japan der Edo-Periode mit einer Gleichgewichtswirtschaft mit „null Prozent“ Wirtschaftswachstum zu tun:
„Diese Strategie erwies sich eineinhalb Jahrhunderte lang als erfolgreich.“ (Bardi 2017, S.135)
Der Hinweis auf das Edelmetall deutet an, daß Ökonomien, die ihre Währung an diesen Rohstoff binden, ein Wachstumsproblem haben, wenn man das so nennen will. Man könnte auch sagen: eine Währung, die an einen begrenzten Rohstoff gebunden ist, ist besser für eine Gleichgewichtswirtschaft geeignet. Die Wirtschaftswissenschaftler unterscheiden hauptsächlich zwischen zwei Formen des Geldes: dem auf Edelmetallen basierenden Geld und dem auf Schulden bzw. auf ‚Kredit‘ basierenden Geld. Die für das Edelmetall plädieren, werden als ‚Metallisten‘ bezeichnet, während diejenigen, die zum Kreditwesen neigen, als ‚Chartalisten‘ bezeichnet werden, von lat. ‚charta‘, Papier, also Zahlen (Schulden), die auf ein Stück Papier geschrieben werden. (Vgl. Bardi 2017, S.99f.) Auf Schulden basierendes Geld wird auch als ‚nominalistisches Geld‘ bezeichnet. (Vgl. meine Blogposts vom 25.11. und vom 28.11.2012)

Im Unterschied zu den begrenzten Ressourcen Silber und Gold sind Schulden unbegrenzt, und damit auch der Reichtum auf der Seite der Gläubiger. Sobald eine auf nominalistischem Geld beruhende Ökonomie mit der „Möglichkeit des negativen Vermögens“ zu rechnen begann, gab es keine Ober- und Untergrenzen mehr:
„Es gibt keine Grenzen für den Reichtum, den man anhäufen kann, und auch den Schulden sind keine Grenzen gesetzt. Nach diesem Modell neigen Vermögen und Schulden dazu, sich unentwegt zu vermehren.“ (Bardi 2017, S.113)
Das nominalistische Geld bildet also die Grundlage für das globale Wirtschaftssystem. Es gibt Berechnungen, daß 95 Prozent der im Umlaufen befindlichen Geldmenge durch keine konkreten Produkte bzw. Waren mehr gedeckt sind.

Genau an dieser Stelle macht sich nun aber bei Ugo Bardi der Mangel an einer fundamental-anthropologischen Reflexion schmerzlich bemerkbar. So eine anthropologische Reflexion finden wir bei Christina von Braun in ihrem Buch „Der Preis des Geldes“ (2012). Ihre kulturanthropologischen Überlegungen legen den Gedanken nahe, daß das nominalistische Geld den Menschen von seiner natürlichen Umwelt abgenabelt und seine körperleiblich fundierte Bedürfnisstruktur völlig umgekrempelt hat. An die Stelle der biologischen Fruchtbarkeit, die den Eltern eine Perspektive auf Kind und Kindeskind über ihren Tod hinaus eröffnet, treten Zins und Zinseszins mit ihrer Perspektive über alle biologischen und planetarischen Grenzen hinaus.

Ugo Bardi schreibt, die „Chimäre des pekuniären Gewinns“ habe den Menschen veranlaßt, „falsche Entscheidungen zu treffen, welche zu weiteren falschen Entscheidungen führen“. (Vgl. Bardi 2017, S.98) Das mag sein. Es führt aber an dem eigentlichen Problem des Geldes meilenweit vorbei.

Wir haben es beim Menschen nicht einfach mit einer genetisch bedingten Neigung zu tun, das zu zerstören, wovon er lebt (vgl. Bardi 2017, S.180f. und S.233), zu der dann noch das nominalistische Geld hinzukommt, um diese irrationale Tendenz zusätzlich zu steigern. Tatsächlich ist das Geld, das keinerlei Deckung mehr zu natürlichen Ressourcen oder zu industriellen Produkten mehr hat, zu einer gigantischen Wertvernichtungsmaschinerie geworden, die zudem noch alchimistische Qualitäten aufweist, insofern sie Technologien ermöglicht, die die Erdkruste gründlicher um- und umgraben als alle Meteoriten der vergangenen Jahrmilliarden; Technologien, die Substanzen entwickeln, auf die die geologische und die biologische Evolution bislang nicht gekommen sind, und die das biologische Leben selbst reproduzieren und konstruieren, als hätten wir es hier nur mit einer weiteren Maschine zu tun.

Das alles läßt sich mit bloßer Habgier und Profitorientierung nicht mehr erklären. Es sind nicht mehr die Menschen, die Geldmünzen prägen oder Geldscheine drucken; es ist das Geld, das sich die Menschen macht, wie es sie braucht. Das Phänomen des nominalistischen Geldes läßt sich nur verstehen, wenn man die körperleibliche bzw. psychophysische Deformation des Menschen in Betracht zieht, die es bewirkt.

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Mittwoch, 2. Mai 2018

Ugo Bardi, Der Seneca-Effekt. Warum Systeme kollabieren und wie wir damit umgehen können, München 2017

(oekom verlag, Hardcover, 320 S., 25.-- €)

1. Zusammenfassung
2. Gaia-Hypothese
3. Geld

Im vorangegangenen Post war ich schon auf den Unterschied zwischen nicht-komplexen und komplexen Systemen eingegangen. Ein wichtiger Unterschied besteht Bardi zufolge in der Steuerbarkeit von Systemen: Autos sind linear mit Hilfe technischer Instrumente (Lenkrad, Kupplung, Gaspedal und Bremse) steuerbar, aber ein System wie die Erde ist steuernden Einflüssen des Menschen gegenüber relativ unempfänglich. (Vgl. Bardi 2017, S.215f. und S.272) Es ist bei dem Erdsystem nicht einfach so wie bei einem großen Containerschiff, das ja auch nicht einfach mal eben rechts abbiegen kann, wie es dem Kapitän gerade so gefällt. Das Erdsystem regiert vielmehr nicht-linear auf das Verhalten der Menschen, d.h., es ist mathematisch nicht berechenbar.

In diesem Fall ist der Begriff der „Resilienz“ wichtig. (Vgl. Bardi 2017, S.240ff.) Das Erdsystem hat sein eigenes, in Millionen und Milliarden von Jahren entstandenes Gleichgewicht und neigt dazu, es beizubehalten. Die Erde fängt also innere (durch Vulkane, Erdbeben und den Menschen hervorgerufene) und äußere (durch Meteoriten importierte) Störungen auf und puffert sie ab, indem sie die neu entstandenen Umweltfaktoren in das bestehende Gleichgewicht integriert:
„Wenn auf ein System im Gleichgewicht Zwang ausgeübt wird, werden sich die Parameter des Systems so verändern, dass sie dem Zwang entgegenwirken. ... Stört man ein System im Gleichgewicht geringfügig, kehrt es in der Regel annähernd zum lokalen Minimum des Energiepotenzials, dem sogenannten Attraktor, zurück.“ (Bardi 2017, S.215)
Übersteigt allerdings die ‚Störung‘ ein gewisses Maß, so daß der Kippunkt eines Systems erreicht wird, wird das System zusammenbrechen. (Vgl. Bardie 2017, S.15f.) An dieser Stelle weist Bardi auf einen wichtigen Umstand hin: ‚Resilienz‘ ist nicht per se etwas Gutes. So bildet auch der „american way of life“ ein komplexes System, und Politiker wie der gegenwärtige Präsident wollen es wieder ‚great‘ machen. (Vgl. Bardi 2017, S.240) Überhaupt sprechen maßgebliche Politiker in aller Welt immer gerne von einem ‚nachhaltigen‘ Wirtschaftswachstum und davon, daß sie die Infrastruktur eines Landes gegen Störungen aller Art ‚resilient‘ machen wollen. Gemeint ist damit immer nur die Aufrechterhaltung eines globalen, den Planeten und damit die Zukunft des Menschen zerstörenden Wirtschaftssystems. Hier wird ‚Resistenz‘ mit ‚Resilienz‘ verwechselt. Resistenz geht mit einer lernunwilligen Beratungsresistenz einher; zumindestens kritischen Klimawissenschaftlern gegenüber. ‚Ratschläge‘ von neoliberalen Lobbyisten werden hingegen immer gerne angenommen.

Ugo Bardi zieht daraus den Schluß, daß ‚Sabotage‘ eine Option wäre:
„ Auf die Steuerung komplexer Sozial- und Wirtschaftssysteme angewandt, ist es tatsächlich eine Überlegung wert, den Kollaps von Strukturen, die obsolet und gegen Veränderungen resistent geworden sind, gezielt herbeizuführen.“ (Bardi 2017, S.267)
Allerdings nennt Bardi das nicht Sabotage, sondern „kreativen Kollaps“. (Vgl. Bardi 2017, S.267ff.)

Komplexe Systeme verhalten sich also letztlich wie Lebewesen (vgl. Bardi 2017, S.214 und S.274), und deshalb, so Bardi, ist es auch berechtigt, die Erde als ein Lebewesen anzusehen und ihr einen Namen zu geben, nämlich „Gaia“, wie das Lynn Margulis und James Lovelock in den 1960er Jahren vorgeschlagen hatten. Ihrer „Gaia-Hypothese“ zufolge ‚kümmert‘ sich die Erde um ihre Bewohner und beschützt sie.

Natürlich wurde diese Ansicht vom naturalistischen Mainstream der Wissenschaft heftig attackiert: „Wissenschaftler mögen keine teleologischen Erklärungen für natürliche Phänomene, noch weniger aber mögen sie theologische.“ (Bardi 2017, S.214) – Der Paläontologe Peter Ward stellte der Gaia-Hypothese seine Medea-Hypothese entgegen, derzufolge das Leben auf der Erde nicht selbsterhaltend, sondern selbstzerstörerisch sei. (Vgl. ebenda) Da aber komplexe Systeme sowieso zum Kollaps neigen – der Kollaps ist Bardi zufolge kein Defizit, sondern eine Eigenschaft des Universums (vgl. Bardi 2017, S.13) –, macht das, wie Bardi schreibt, eigentlich keinen Unterschied:
„Wachstum und Zusammenbrüche sind Teil der Funktionsweise des Universums. Am Ende könnten Gaia und Medea ein und dieselbe Figur sein.“ (Bardi 2017, S.223)
Obwohl also das Erdsystem komplex ist und unsere gegenwärtige Wirtschaftsform zu einem neuen Kippunkt geführt hat – bzw. längst über diesen Kippunkt hinausgeführt hat –, an dem die globale ökologische Sphäre des Planeten zu kollabieren beginnt, glaubt Bardi dennoch, daß wir diesen Zusammenbruch noch steuern können, wenn auch eben nicht in dem Sinne, wie wir ein Auto steuern können. Wir können zwar den Zusammenbruch nicht verhindern, so wenig wie wir einen Fluß flußaufwärts fließen lassen können; aber wir können die Fließrichtung beeinflussen. (Vgl. Bardi 2017, S.274f.)

Bardi bezeichnet diese uns noch verbleibende Möglichkeit, wie schon erwähnt, als „kreativen Kollaps“; es geht also nicht einfach nur um Sabotage, obwohl Bardi diese Möglichkeit zumindest implizit andeutet. Aus der Sicht des Neoliberalismusses wäre ja schon ein verändertes, das Wirtschaftswachstum gefährdendes Konsumverhalten eine Art von Sabotage. Bardi nennt drei ‚Hebel‘, mit denen der Mensch die globale Entwicklung noch zu seinen Gunsten beeinflussen kann. Bei diesen drei Hebelpunkten handelt es sich um die Quintessenz von insgesamt zwölf Punkten, wie sie Donnella Meadows (1941-2001), eine Mitautorin der „Grenzen des Wachstums“ (1972), entwickelt hat. Ugo Bardi bezeichnet seine Variante zusammenfassend als „Weg des Sämanns“, den er zugleich als zweiten Punkt in seiner Reihe von ‚Hebeln‘ aufführt:
„Eine farbigere Formulierung derselben Regeln könnte so aussehen:
  • Der Weg des Buddhisten: ‚Meide Extreme, suche den Mittleren Weg, um das Nirwana zu erreichen.‘
  • Der Weg des Sämanns: ‚Verzehre nicht dein Saatgut.‘
  • Der Weg des Stoikers: ‚Mache den besten Gebrauch von dem, was in deiner Macht liegt, und nimm den Rest gelassen hin.‘“ (Bardi 2017, S.277)
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Dienstag, 1. Mai 2018

Ugo Bardi, Der Seneca-Effekt. Warum Systeme kollabieren und wie wir damit umgehen können, München 2017

(oekom verlag, Hardcover, 320 S., 25.-- €)

1. Zusammenfassung
2. Gaia-Hypothese
3. Geld

Ugo Bardis Buch „Der Seneca-Effekt“ (2017) bildet den 42. Bericht an den Club of Rome, der insbesondere durch den ersten Bericht, „Grenzen des Wachstums“ (1972), weltweit bekannt wurde. Dieser erste Bericht hatte das globale Bewußtsein einer Reihe von Generationen – einschließlich den Rezensenten – hinsichtlich der planetaren Zukunft der Menschheit nachhaltig geprägt. Dennoch gab es eine jahrzehntelange lobbyistische, neoliberal (bzw. FDP-liberal) flankierte und mit pseudowissenschaftlichen ‚Argumenten‘ geführte Kampagne gegen die Prognosen dieses Berichts, in dessen Tradition sich Ugo Bardi stellt. Der Kern des Vorwurfs lautete, die Autoren von „Grenzen des Wachstums“ ständen in der Reihe von alle paar Jahrhunderte auftretenden Unheilspropheten, deren Voraussagen sich nie erfüllt hätten. Ugo Bardi weist auf die Substanzlosigkeit dieses Vorwurfs hin, da der Bericht nicht etwa irgendwelche obskuren ‚Prophezeiungen‘ enthält, sondern von unterschiedlichen, rational nachprüfbaren Rahmenbedingungen bestimmte „Szenarien“ zur Entwicklung der menschlichen Gesellschaft bis in unsere heutige Gegenwart hinein:
„Die Autoren haben stets unterstrichen, dass es sich bei ihren Ergebnissen um Szenarien handelt, nicht um Vorhersagen (und ganz sicher nicht um Prophezeiungen). Zutreffend ist aber auch, dass alle Szenarien dieselben Trends für dieselben Anfangsannahmen aufzeigten und dass weltweit kein Versuch unternommen wurde, das Wachstum der Weltwirtschaft zu bremsen, das die Hauptursache für die Überlastung und den Zusammenbruch des Systems darstellt.“ (Bardi 2017, S.202)
Und Bardi fügt hinzu: „Unter diesen Szenarien deutet das Basisszenario auf einen globalen Kollaps im Bereich zwischen 2015 und 2025.“ (Bardi 2017, S.202) – Das ist so ungefähr der Stand in dem wir uns augenblicklich gesellschaftlich befinden, wo im Januar die mittlerweile dritte GroKo unter Führung von Angela Merkel beschlossen hat, daß das dringlichste Problem darin bestünde, Deutschland schnellstmöglich und umfassend zu digitalisieren, aber Maßnahmen gegen die Klimaveränderung noch Zeit haben: bis 2025!

Ulrich v. Weizsäcker und Anders Wijkman weisen in ihrem Begleitwort darauf hin, daß Ugo Bardis Bericht „den Leserinnen und Lesern eine Fülle von Anekdoten, Einsichten und Fakten, mit einer bemerkenswerten, ganzheitlichen, analytischen Denkweise“ biete. (Vgl. Bardi 2017, S.10) – Unbeabsichtigt legen sie damit zugleich eine Schwachstelle von Bardis Bericht offen, dem eine etwas systematischere Befassung mit seinem Thema, dem Zusammenbruch von komplexen Systemen, und eine dafür etwas weniger anekdotische Detailfreude gut getan hätte. So erfahren die Leser von Frachtern, die plötzlich auseinanderbrechen, und von Flugzeugen mit rechteckigen Fenstern, die ihre strukturelle Stabilität gefährden (vgl. Bardi 2017, S.52ff.), von ins Rutschen geratenden Pyramiden (vgl. Bardi 2017, S.69ff.), die sich wie Sandhaufen verhalten (vgl. Bardi 2017, S.76f.), und an einer Stelle bezieht sich der Autor sogar auf sich plötzlich entflammende Streichhölzer (vgl. Bardi 2017, S.15) – alles Beispiele von angeblich komplexen Systemen, für deren Verhalten keine mathematischen Gleichungen zur Verfügung stehen.

Angesichts einer solchen Beliebigkeit in der Zusammenstellung von Beispielen fragt sich der Rezensent verwirrt, ob denn alles kompliziert sei und ob nicht damit das Prädikat ‚komplex‘ seinen Sinn verliert? Die Grundlage von Bardis Argumentation bildet die „Systemdynamik“, die sich mit komplexen Systemen befaßt. (Vgl. Bardi 2017, S.14f.) Da hätte man sich schon gerne zu Beginn seiner Ausführungen ein paar Erläuterungen zur Natur des Komplexen gewünscht. Aber Bardi beschränkt sich darauf, das komplexe System als ein aus Knoten und Kanten bestehendes ‚Netz‘ zu beschreiben. Worin besteht also die Komplexität von Sandhaufen und Streichhölzern? – Beide bilden Netze: der Sandhaufen, dessen Körner durch die Gravitation (Kanten) verbundene Knoten bilden (vgl. Bardie 2017, S.83), und das Streichholz, das aus chemisch (Kanten) miteinander verbundenen Atomen (Knoten) besteht (vgl. Bardi 2017, S.14f.). So gesehen ist dann tatsächlich alles komplex.

Erst gegen Ende seines Buches erwähnt Bardi, daß dem doch nicht so ist: so sei z.B. ein Auto ganz und gar nicht komplex, weil es „praktisch linear auf die Handlungen des Fahrers (reagiert)“. (Vgl. Bardi 2017, S.272) Das „Erdsystem“ hingegen ist komplex, denn es reagiert nicht linear auf das Handeln von uns Menschen und läßt sich deshalb auch nicht beliebig steuern. (Vgl. Bardi 2017, S.215f.) Darauf wird im nächsten Blogpost nochmal genauer eingegangen werden.

Eine weitere wichtige Eigenschaft von komplexen Systemen – neben der mathematisch unberechenbaren Nichtlinearität ihres Verhaltens (vgl. Bardi 2017, S.19f., 75f.) –, besteht in ihrer Neigung, irgendwann plötzlich zu kollabieren. Bei diesem Kollaps handelt es sich um den titelgebenden „Seneca-Effekt“, daß nämlich Wachstum immer langsam verläuft, der Zusammenbruch aber, beim Erreichen eines Kippunktes, plötzlich erfolgt. (Vgl. Bardi 2017, S.16f.u.ö.) Der Kollaps ist Bardi zufolge kein Defizit, sondern eine Eigenschaft des Universums (vgl. Bardi 2017, S.13) bzw. des Systems (vgl. Bardi 2017, S.267). Deshalb macht es auch keinen Sinn, sich dem Zusammenbruch eines komplexen Systems, das seinen „Kipppunkt“ überschritten hat (vgl. Bardi 2017, S.15), wie damals beim römischen Reich oder heute in unserer gegenwärtigen globalisierten Welt, entgegenzustemmen. Alles was man damit erreicht, ist eine Verschiebung des Zusammenbruchs auf einen späteren Zeitpunkt, wo er sich dann aber noch heftiger und katastrophaler auswirkt, als wenn man nicht versucht hätte, ihn zu verhindern:
„Jay Forrester, der Begründer der wissenschaftlichen Disziplin der ‚Systemdynamik‘, brachte diese Neigung schon vor langer Zeit auf den Punkt, als er schrieb: ‚Jeder ist bemüht, ‚das System‘ in die falsche  Richtung zu lenken.‘() Die Politik beispielsweise scheint jeden Versuch aufgegeben zu haben, sich Veränderungen anzupassen, und greift stattdessen zu groben, schlagkräftigen Parolen, die eine unmögliche Rückkehr in die frühere Zeit der Prosperität versprechen (etwa ‚Amerika wieder groß zu machen‘). ... In der Technik investiert man viel Energie in die Entwicklung von Methoden, um alte Erfindungen weiter nutzen zu können – zum Beispiel (Privat-)Automobile –, die wir wahrscheinlich besser abschaffen sollten.“ (Bardi 2017, S.17f.)
Man könne ja auch nicht, so Bardi, einen Fluß zwingen, flußaufwärts zu fließen. (Vgl. Bardi 2017, S.275) Dennoch könne man aber seine Fließrichtung regulieren. Auch was den bevorstehenden Zusammenbruch des gegenwärtigen Weltwirtschaftssystems betrifft, besteht unsere größte Hoffnung nicht darin, uns ihm entgegenzustemmen und ihn zu verhindern zu versuchen, sondern den bevorstehenden und wahrscheinlich schon stattfindenden Zusammenbruch kreativ umzuwenden in die Schaffung einer neuen Gleichgewichtswirtschaft. (Vgl. Bardi 2017, S.193) – Denn, so Bardi, Probleme könne man beheben, aber nicht Veränderungen:
„Veränderungen kann man sich nur anpassen.“ (Bardi 2017, S.18)
Abgesehen vom systematischen Desiderat ist Bardis Argumentation insgesamt überzeugend. Und beunruhigend! Denn es ist ebenso offensichtlich, was getan werden muß, wie daß nichts getan wird. Jedenfalls nicht auf offiziell politischer bzw. regierungspolitischer Ebene. Dafür auf gesellschaftlicher Ebene: Bardi verweist auf Transition Town und auf Permakultur, als Formen regionalen Wirtschaftens, die das globalisierte Weltwirtschaftssystem abzulösen und durch eine nachhaltige Gleichgewichtswirtschaft zu ersetzen versuchen.

So sehr mir Bardis diesbezügliche Positionierung gefällt, vermisse ich aber eine fundamentale Reflexion auf die Natur des Menschen. Darauf werde ich im dritten Blogpost, wo es um die Rolle des Geldes geht, nochmal zu sprechen kommen. Für jetzt soll genügen, daß es nicht reicht, dem Menschen eine „genetische Konstellation“ zu unterstellen, die ein „selbstzerstörerische(s) Verhalten“ begünstigt. (Vgl. Bardi 2017, S.233) Das greift einfach zu kurz, gerade auch dort, wo Bardi die Rolle des Geldes als Steuerungselement in einer globalisierten Weltwirtschaft zu analysieren versucht. (Vgl. Bardi 2017, S.94ff.)

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Montag, 9. April 2018

Das Licht des Glaubens

1. Glaube als Argumentationsmodus
2. Glaube als Vernunft
3. Glaube als Sinnesorgan
4. Glaube als Kommunikationsform: persönliches Angesprochensein
5. Glaube als Kommunikationsform: Vermittlung
6. Glaube als Kommunikationsform: Nächstenliebe
7. Glaube als Unterwerfung
8. Glaube als Unglaube
9. Glaube als Reinheit

Nicht nur die Gläubigen bilden eine Einheit, für die lumen fidei die Metapher vom „Bild des Leibes“ (Nr.22) verwendet. Auch der Glaube duldet keine Vielfalt; wohlgemerkt: keine Vielfalt, die sich nicht in einer Vielfalt von Glaubensartikeln äußert, insgesamt 245 Dogmen, wenn ich recht orientiert bin. Noch in seiner Zeit als Großinquisitor hatte der letzte Papst darauf bestanden, daß man nicht Christ sein könne, wenn man nicht fest und unbeirrbar an jede einzelne dieser Dogmen glaube. Die meisten Gläubigen kennen wahrscheinlich die wenigsten von all diesen Dogmen. Aber natürlich versuchen sie ihr Möglichstes, an alle zu glauben; auch an die, die sie nicht kennen.
Auch in lumen fidei heißt es: „Da der Glaube einer ist, muss er in seiner ganzen Reinheit und Unversehrtheit bekannt werden. Gerade weil alle Glaubensartikel in Einheit verbunden sind, kommt die Leugnung eines von ihnen, selbst von denen, die weniger wichtig erscheinen, der Beschädigung aller gleich.“ (Nr.48)
Und da auch, wie erwähnt, die Gläubigen eine Einheit bilden, einen empfindsamen und verletzlichen Leib, versäumt Benedikt (vermutlich) nicht zu ergänzen: „Den Glauben zu beschädigen bedeutet, der Gemeinschaft mit dem Herrn Schaden zuzufügen.“ (Nr.48) – Wieso klingt das in meinen Ohren wie eine Drohung?

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Sonntag, 8. April 2018

Das Licht des Glaubens

1. Glaube als Argumentationsmodus
2. Glaube als Vernunft
3. Glaube als Sinnesorgan
4. Glaube als Kommunikationsform: persönliches Angesprochensein
5. Glaube als Kommunikationsform: Vermittlung
6. Glaube als Kommunikationsform: Nächstenliebe
7. Glaube als Unterwerfung
8. Glaube als Unglaube
9. Glaube als Reinheit

Nicht jeden spricht Gott persönlich an. Das ist eher den Mystikern und den Mittlern, den Propheten, vorbehalten. Aber sogar die Mystiker sprechen gelegentlich vom „Geheimnis des verborgenen Antlitzes“, das lumen fidei als „Einladung“ an all die (noch) Ungläubigen interpretiert, „sich der Quelle des Lichtes zu öffnen, indem man das Geheimnis eines Angesichts respektiert, das sich auf persönliche Weise und zum richtigen Zeitpunkt offenbaren will.“ (Vgl.Nr.13)

Der Unglaube der Ungläubigen ist lumen fidei zufolge nur ein scheinbarer Unglaube. In Wirklichkeit handelt es sich um eine Form des unbewußten Glaubens, den all diejenigen Menschen bezeugen, die noch auf der Suche sind. So rechtfertigt also noch der Unglaube der Ungläubigen den Glauben der Gläubigen. Denn die Ungläubigen sind „bereits, ohne es zu wissen, unterwegs zum Glauben“. (Vgl. lf, S.52)

Die Ungläubigen versuchen, das Richtige zu tun, ohne an Gott glauben zu können. Indem sie aber trotzdem das Richtige tun wollen, versuchen sie so zu handeln, „als gäbe es Gott“. (Vgl.Nr.35)

Ich gebe zu, daß ich theologisch nicht auf dem Laufenden bin. Ich weiß also nicht, auf wen diese Formel „als gäbe es Gott“ zurückzuführen ist; ob sie von Benedikt selbst stammt oder schon eine lange kirchengeschichtliche Tradition hat. Aber zufälliger Weise kenne ich die Anti-These zu dieser Formel, wie sie von Dietrich Bonhoeffer stammt. Bonhoffer geht es darum, daß die Christen nach ihrem Versagen im Dritten Reich nicht mehr einfach so ihren Gott verkünden können, als hätte es Auschwitz nie gegeben. Anstatt daß also die Nicht-Christen so leben sollen, „als gäbe es Gott“, sollen vielmehr die Christen so leben, „als gäbe es keinen Gott“.

Bei Bonhhoeffer sind es nicht etwa die Ungläubigen, die sich den Christen ‚gleichgestalten‘ sollen, sondern die Christen, die sich den Ungläubigen ‚gleichgestalten‘ sollen. Denn da sie es als Christen nicht richtig gemacht hatten und es zugelassen hatten, daß ‚Gott‘ in den Vernichtungslagern millionenfach gemordet wurde, will sich dieser Gott von ihnen nicht mehr verkünden lassen. Nun müssen sie es, so Bonhoeffer, auf andere Weise versuchen, richtig zu machen, als gäbe es keinen Gott, um sich wieder das Recht zu erwerben, von ihm reden zu dürfen.

PS (09.08.2013): Von Tiemo R. Peters habe ich folgende Korrektur zu Bonhoeffer erhalten: „In deine Bloggerei möchte ich nicht einsteigen, obwohl deine kritischen Betrachtungen zu ‚Lumen fidei‘ interessant sind. Dass Bonhoeffer bereits eine Theologie ‚nach Auschwitz‘ entworfen hätte, ist allerdings nicht richtig; und dass er der Meinung gewesen sei, die Christen müssten Gott verkünden ‚etsi deus non daretur‘, auch nicht. Bonhoeffer wollte die mündige Welt ernst nehmen und stark machen und die Christen dazu bewegen, mit dieser Welt zu kommunizieren, ohne Privilegien, ohne erkenntnistheoretische Vorbedingungen, also unter Voraussetzung ihrer neuzeitlichen Methodik (des ‚etsi deus non daretur‘). Aber die Verkündigung selbst sollte/musste auch für ihn unter der Bedingung des ‚etsi deus daretur‘ geschehen – eine Erfindung Benedikts, in Anlehnung an, besser Ablehnung von Hugo Grotius, von dem das gewichtige ‚non‘ stammt. ‚Vor und mit Gott leben wir ohne Gott‘ (DBW 8, 534). D.h. vor und mit dem biblischen Gott muss die Theologie, müssen die Christen mit einer Welt ‚ohne Gott‘ sprechen, ohne in ihre Denkvoraussetzungen hineinzureden, aber ‚mit‘ der ganzen Gottesinnigkeit, die gerade einem Bonhoeffer zu eigen war. Das ist das Problem der Theologie nicht erst seit Benedikt, der die Vernunft eben doch wieder religiös vereinnahmt und dadurch weit hinter Bonhoeffer und die Aufklärung zurück fällt.“

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