„...letztlich ist der Mensch, als Folge oder Krönung der Evolution, nur in der Totalität der Erde begreifbar.“ (Leroi-Gourhan, Hand und Wort, S.22)

Sonntag, 8. April 2018

Das Licht des Glaubens

1. Glaube als Argumentationsmodus
2. Glaube als Vernunft
3. Glaube als Sinnesorgan
4. Glaube als Kommunikationsform: persönliches Angesprochensein
5. Glaube als Kommunikationsform: Vermittlung
6. Glaube als Kommunikationsform: Nächstenliebe
7. Glaube als Unterwerfung
8. Glaube als Unglaube
9. Glaube als Reinheit

Nicht jeden spricht Gott persönlich an. Das ist eher den Mystikern und den Mittlern, den Propheten, vorbehalten. Aber sogar die Mystiker sprechen gelegentlich vom „Geheimnis des verborgenen Antlitzes“, das lumen fidei als „Einladung“ an all die (noch) Ungläubigen interpretiert, „sich der Quelle des Lichtes zu öffnen, indem man das Geheimnis eines Angesichts respektiert, das sich auf persönliche Weise und zum richtigen Zeitpunkt offenbaren will.“ (Vgl.Nr.13)

Der Unglaube der Ungläubigen ist lumen fidei zufolge nur ein scheinbarer Unglaube. In Wirklichkeit handelt es sich um eine Form des unbewußten Glaubens, den all diejenigen Menschen bezeugen, die noch auf der Suche sind. So rechtfertigt also noch der Unglaube der Ungläubigen den Glauben der Gläubigen. Denn die Ungläubigen sind „bereits, ohne es zu wissen, unterwegs zum Glauben“. (Vgl. lf, S.52)

Die Ungläubigen versuchen, das Richtige zu tun, ohne an Gott glauben zu können. Indem sie aber trotzdem das Richtige tun wollen, versuchen sie so zu handeln, „als gäbe es Gott“. (Vgl.Nr.35)

Ich gebe zu, daß ich theologisch nicht auf dem Laufenden bin. Ich weiß also nicht, auf wen diese Formel „als gäbe es Gott“ zurückzuführen ist; ob sie von Benedikt selbst stammt oder schon eine lange kirchengeschichtliche Tradition hat. Aber zufälliger Weise kenne ich die Anti-These zu dieser Formel, wie sie von Dietrich Bonhoeffer stammt. Bonhoffer geht es darum, daß die Christen nach ihrem Versagen im Dritten Reich nicht mehr einfach so ihren Gott verkünden können, als hätte es Auschwitz nie gegeben. Anstatt daß also die Nicht-Christen so leben sollen, „als gäbe es Gott“, sollen vielmehr die Christen so leben, „als gäbe es keinen Gott“.

Bei Bonhhoeffer sind es nicht etwa die Ungläubigen, die sich den Christen ‚gleichgestalten‘ sollen, sondern die Christen, die sich den Ungläubigen ‚gleichgestalten‘ sollen. Denn da sie es als Christen nicht richtig gemacht hatten und es zugelassen hatten, daß ‚Gott‘ in den Vernichtungslagern millionenfach gemordet wurde, will sich dieser Gott von ihnen nicht mehr verkünden lassen. Nun müssen sie es, so Bonhoeffer, auf andere Weise versuchen, richtig zu machen, als gäbe es keinen Gott, um sich wieder das Recht zu erwerben, von ihm reden zu dürfen.
PS (09.08.2013): Von Tiemo R. Peters habe ich folgende Korrektur zu Bonhoeffer erhalten: „Dass Bonhoeffer bereits eine Theologie ‚nach Auschwitz‘ entworfen hätte, ist allerdings nicht richtig; und dass er der Meinung gewesen sei, die Christen müssten Gott verkünden ‚etsi deus non daretur‘, auch nicht. Bonhoeffer wollte die mündige Welt ernst nehmen und stark machen und die Christen dazu bewegen, mit dieser Welt zu kommunizieren, ohne Privilegien, ohne erkenntnistheoretische Vorbedingungen, also unter Voraussetzung ihrer neuzeitlichen Methodik (des ‚etsi deus non daretur‘). Aber die Verkündigung selbst sollte/musste auch für ihn unter der Bedingung des ‚etsi deus daretur‘ geschehen – eine Erfindung Benedikts, in Anlehnung an, besser Ablehnung von Hugo Grotius, von dem das gewichtige ‚non‘ stammt. ‚Vor und mit Gott leben wir ohne Gott‘ (DBW 8, 534). D.h. vor und mit dem biblischen Gott muss die Theologie, müssen die Christen mit einer Welt ‚ohne Gott‘ sprechen, ohne in ihre Denkvoraussetzungen hineinzureden, aber ‚mit‘ der ganzen Gottesinnigkeit, die gerade einem Bonhoeffer zu eigen war. Das ist das Problem der Theologie nicht erst seit Benedikt, der die Vernunft eben doch wieder religiös vereinnahmt und dadurch weit hinter Bonhoeffer und die Aufklärung zurück fällt.“
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