Friedrich Dürrenmatt:
Labyrinth. Stoffe I-III (1981/84/90)(Seitenzählung nicht identisch mit den von Rüedi angegebenen Ausgaben)
Turmbau. Stoffe IV-IX (1990)
1. Stoffe
2. Dramaturgie als Ästhetik
3. Dramaturgie als Technologie
4. Dramaturgie des Labyrinths
5. Labyrinth und Lebenswelt
6. Lebenswelt, Sprache, Formalismus
7. Lebenswelt, Sprache, Seele
8. der absolut Einzelne
Dürrenmatts Sympathie hatte immer den Individuen, den Einzelnen gegolten, und seine Abneigung richtete sich gegen alles Kollektive. Sein Biograph bezeichnet Dürrenmatt als „letzten Expressionisten“ (vgl. Rüedi 2011, S.182), und er beschreibt den Expressionismus als „eine Kunst, die den Schmerz ausdrückt, wo der Sinn verlorengegangen ist, und die im Pathos die Würde des Einzelnen in seiner Ohnmacht behauptet“. (Vgl. Rüedei 2011, S.181) ‒ Rüedi fügt hinzu: „Im Einzelnen leidet die Menschheit.“ (Ebenda)
Nicht umsonst identifiziert sich Dürrenmatt mit dem Minotaurus als dem absolut Einzelnen (vgl. Rüedi 2011, S.236), eine ‚Kategorie‛, die er von Kierkegaard übernimmt (vgl. Rüedi 2011, S.204).
Kollektive bezeichnet Dürrenmatt als ‚Kirchen‛, wobei er nicht in erster Linie an die Religion denkt, denn die ist seiner Ansicht nach vor allem privat, also eine Sache des Einzelnen. Mit ‚Kirchen‛ meint er das kollektive Bekenntnis zu einem Glauben, und deshalb ist für ihn auch der Marxismus eine Kirche. (Vgl. Rüedi 2011, S.535) Dürrenmatt zufolge unterscheidet sich der Einzelne vom Kollektiv durch seine Ethik. Mit einem Zitat von Dürrenmatt beginnend und endend schreibt Rüedi:
„‚In der Wurstelei unseres Jahrhunderts (), in diesem Kehraus der weißen Rasse, gibt es keine Schuldigen und keine Verantwortlichen mehr‛(), alles verschwimmt im Kollektiven, und da taucht hinter den ästhetischen Erwägungen der alte Protestant auf, der Schüler Kierkegaards, der vom Lehrer die Skepsis, ja den Hass auf die Kirche, die Kirchen gelernt hat und das Ethos des Einzelnen: ‚Schuld gibt es nur noch als persönliche Leistung, als religiöse Tat. ...‛“ (Rüedi 2011, S.502f.)
Kollektive sind generell schuldunfähig, waren es wohl auch nie gewesen. Sie haben keine Ethik, nur Bekenntnisse. Die einzigen, die eine Ethik haben, sind die Einzelnen: „Ich habe nichts gegen Gesellschaftsordnungen, die partiell vernünftig sind, ich weigere mich nur, sie heilig zu sprechen und den gewaltigen Rest ihrer Unvernunft und ihrer Tabus als gottgegeben hinzunehmen ... Ich bin mit Sokrates der Meinung, die Größe eines Menschen liege darin, das Unrecht, das ihm widerfährt, ertragen zu können, es braucht jedoch soviel Größe dazu, dass ich es für meine Pflicht halte, alles zu versuchen, was einen Menschen hindert, in die Lage zu kommen, die Größe aufzubringen, ein solches Unrecht ertragen zu müssen.“ (Dürrenmatt; vgl. Rüedi 2011, S.620f.)
Angesichts des Klimawandels reden uns Politiker und andere Agenten des Immer-so-weiter ein, daß das Handeln von Einzelnen in einer Welt mit derart komplexen, globalen Krisen keinen Sinn mache. Dürrenmatt zeigt, daß die Frage nach dem Sinn vereinzelten Handelns falsch gestellt ist und sieht es geradezu als Aufgabe des Theaters, zu zeigen, daß es auf diesen Einzelnen immer noch und mehr denn je ankommt:
„Die Welt ist gerade noch darstellbar auf dem Theater, sagte dagegen Dürrenmatt schon in den ‚Theaterproblemen‛, wenn ihr (der Welt) die Opfer ein Gesicht geben, als ‚mutige Menschen‛, ‚welche (d)ie verlorene Weltordnung ... in ihrer Brust‛() wieder herstellen (eine Wendung von Kant’schem Pathos: ‚der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir‛), die Welt bestehen, sie hinnehmen, ohne vor ihr zu kapitulieren.“ (Vgl. Rüedi 2011, S.540; erste Klammer von mir, zweite Klammer von Rüedi)
Dieser Stellungnahme für die Verantwortung der Einzelnen folgt eine weitere Absage an das Kollektiv: „Der alte Glaubenssatz der Revolutionäre, dass der Mensch die Welt verändern könne und müsse, ist für den einzelnen unrealisierbar geworden, außer Kurs gesetzt, der Satz ist nur noch für die Menge brauchbar. ... Der Teil geht nicht mehr im Ganzen auf, der einzelne nicht mehr in der Gesamtheit, der Mensch nicht mehr in der Menschheit. Für den einzelnen bleibt die Ohnmacht, das Gefühl, übergangen zu werden, nicht mehr einschreiten, mitbestimmen zu können, untertauchen zu müssen, um nicht unterzugehen, aber auch die Ahnung einer großen Befreiung, von neuen Möglichkeiten, davon, dass nun die Zeit gekommen sei, entschlossen und tapfer das Seine zu tun.“ (Dürrenmatt; vgl. Rüedi 2011, S.542)
Genau darin liegt der Mut des Einzelnen, nämlich angesichts des erwartbaren Scheiterns des Kollektivs wie auch am Kollektiv trotzdem das Richtige zu tun. Das meint Dürrenmatt, wenn er davon spricht, die Welt zu „bestehen“. Der mutige Einzelne kapituliert nicht. Er gibt der Welt ein Gesicht.
Dürrenmatt hat einige solcher Charaktere geschaffen, z.B. Augias in dem Hörspiel „Herkules und der Stall des Augias“ (1954), der mit seinem Versuch, Elis vom angehäuften Mist zu reinigen, scheitert, und sich dann stattdessen um seinen Garten kümmert. Elis geht unter, aber er pflanzt, bildlich gesprochen, ‚Apfelbäume‛. Oder den Juden Gulliver, der dem KZ Stutthof entkam und sein Leben fortan der Jagd auf Ex-Nazis widmet, in dem Kriminalroman „Der Verdacht“ (1953/1961). Er rettet dem Kommissar Bärlach, der bei seinen Ermittlungen in die Fänge eines ehemaligen KZ-Arztes gerät, das Leben und verabschiedet sich von ihm mit den Worten, die Dürrenmatts Glaubensbekenntnis bilden:
„Wir können nur im einzelnen helfen, nicht im gesamten, die Begrenzung des armen Juden Gulliver, die Begrenzung aller Menschen. So sollen wir die Welt nicht zu retten suchen, sondern zu bestehen, das einzige wahrhafte Abenteuer, das uns in dieser späten Zeit noch bleibt.“ (Dürrenmatt, 1961, S.120; Hervorhebungen von mir)
Das klingt nach Albert Camus und seinem „Sisyphos“ (1942); nur nicht ganz so nihilistisch.
Es ist eigentlich naheliegend, daß nun auch Dürrenmatt als Dramaturg scheitern mußte. (Vgl. meinen dritten Blogpost) Kunst ist in der Regel ein einsames Metier. Künstlerinnen und Künstler, bildende und schreibende, werkeln einsam vor sich hin. Es gibt eigentlich nur zwei Kunstformen, die wesentlich auf ein Kollektiv angewiesen sind. Man könnte sie auch als Ensemblekunst bezeichnen. Musik und Theater sind Ensemblekünste. Am deutlichsten ist das wohl beim Chor und beim Orchester mit einer Dirigentin oder einem Dirigenten an der Spitze ausgeprägt. Der Tendenz nach geht auch die schauspielerische Leistung in diese Richtung; vor allem auf der Bühne, weniger am Set.
Wie im dritten Blogpost dieser Reihe ausgeführt, ist Dürrenmatt mit seinem Anliegen, das Ensemble in seine schriftstellerische Arbeit einzubinden, gescheitert. Die einsame Arbeit am Schreibtisch ist nicht auf die Bühne übertragbar, auch wenn Dürrenmatt seine Skripte in ständiger, bei den Proben präsenter Kooperation mit Regie und Ensemble korrigierte und umarbeitete. Fast immer war das Ergebnis für ihn eine Enttäuschung, und die sehr wenigen Ausnahmen bestätigten nur diese Regel.
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