Friedrich Dürrenmatt:
Labyrinth. Stoffe I-III (1981/84/90)(Seitenzählung nicht identisch mit den von Rüedi angegebenen Ausgaben)
Turmbau. Stoffe IV-IX (1990)
1. Stoffe
2. Dramaturgie als Ästhetik
3. Dramaturgie als Technologie
4. Dramaturgie des Labyrinths
5. Labyrinth und Lebenswelt
6. Lebenswelt, Sprache, Formalismus
7. Lebenswelt, Sprache, Seele
8. der absolut Einzelne
Im engeren Sinne geht es in den folgenden Blogposts um ein literaturwissenschaftliches Thema; und da bin ich ein ahnungsloser Dilettant. Aber da bin ich gerade, was Friedrich Dürrenmatt betrifft, in guter Gesellschaft, denn auch er war, zwar kein ahnungsloser, aber doch bekennender Dilettant in zentralen Themenbereichen seines Schaffens, vor allem die Philosophie und die Naturwissenschaften betreffend. Und obwohl oder gerade weil er selbst Schriftsteller, Dramaturg und Regisseur oder doch wenigstens Regieassistent und anschließend Kritiker bei und nach der Aufführung seiner eigenen Stücke in einer Person gewesen ist, hatte er mit Literaturwissenschaft nie etwas anfangen können.
Was Dürrenmatt so interessant für meinen Blog macht, ist seine, im umfassenden Sinne genommen, ‚gesellschaftspolitische‛ Position. Obwohl Dürrenmatt sich nie mit philosophischer Anthropologie befaßt hat, sondern, aufgewachsen zwischen zwei Weltkriegen ‒ den Zweiten Weltkrieg hat er als junger Mann ‚erlebt‛ (als Zuschauer) ‒, sich vor allem mit dem geopolitischen Drama der von der Außenwelt isolierten Schweiz auseinandersetzt, kommt er zu ‚Grenz‛-Bestimmungen der Schweizerischen Identität, die er dann auch gleich universalisiert und mit dem Mensch/Welt-Verhältnis der Menschheit als Ganzer gleichsetzt. Viele Einsichten, die er mit dieser Grenzbestimmung verbindet, entsprechen der philosophischen Anthropologie von Helmuth Plessner.
Einige seiner Theaterstücke und seine Kriminalromane kannte ich schon aus der Schule und aus dem Studium, wo wir, eine Gruppe von Studentinnen und Studenten, an der Studiobühne sein „Porträt eines Planeten“ probten. Zur Aufführung kam es aber nie. Als ich 1990 seine gerade erschienenen „Stoffe“, in zwei Bänden, in den Händen hielt, scheiterte ich zunächst an der Lektüre, weil ich mit dem Begriff des Stoffs Schwierigkeiten hatte. Jetzt habe ich Peter Rüedis Dürrenmattbiographie gelesen und begleitend die Lektüre von Dürrenmatts „Stoffen“ wieder aufgenommen. Der ungewöhnliche Titel der zwei Bände bringt, wie ich jetzt weiß, das entscheidende literarische Bekenntnis von Dürrenmatt zum Ausdruck: nicht die Literatur interessiert ihn, also nicht die fertigen Bücher und Werke, sondern die Stoffe, aus denen Schriftstellerinnen und Schriftsteller ihre Werke ‚bauen‛.
‚Bauen‛ übrigens in dem Sinne genommen, in dem man auch Gedankentürme bauen kann, wie Dürrenmatt im zweiten Band seiner Stoffe, im „Turmbau“, festhält, wenn er auf den Turmbau der kirchlichen Dogmatik verweist, „gleichsam ins Jenseits hineingebaut“, oder generell von „ins reine Apriori hineingebaut(en)“ „Gedankenkonstruktion(en)“ spricht. (Vgl. Stoffe IV-IX, S.199 und S.205)
Doch zurück zu den Stoffen als Baumaterial für literarische Werke: „Literatur komm(t) nicht von Literatur“, sondern „aus vor- und außerwissenschaftlichen Erfahrungen“ (vgl. Rüedi 2011, S.257), faßt Rüedi Dürrenmatts Standpunkt zusammen (vgl. Rüedi 2011, S.257; vgl. auch S.19 und S.102ff.): „Literarische Eindrücke sind wichtig, aber was von ihnen haften bleibt, absinkt und ‒ verwandelt ‒ in späteren Werken aufersteht, bestimmen vor- und außerwissenschaftliche Erlebnisse.“ (Vgl. Rüedi 2011, S.174f.; vgl. Stoffe I-III, S.87)
So wendet sich Dürrenmatt im Rückblick auf sein eigenes literarisches Schaffen wieder seinen eigenen Stoffen zu, gewissermaßen eine Wiederholung, als Teil einer lebenslangen Korrektur auch seiner Werke, insbesondere der Theaterstücke, die er, kaum uraufgeführt, schon wieder umzuschreiben begann, um andere Aspekte der in ihnen verarbeiteten Stoffe herauszuarbeiten und einmal vorgenommene Festlegungen auf Aussagen wieder aufzuheben und ihnen einen neuen Sinn zu geben. Bei Dürrenmatt gibt es keine ewige Wiederkehr des immer Gleichen. Jede Wiederholung bringt neuen Sinn hervor.
Ein Theaterstück, die „Wiedertäufer“, bringt das schon im Titel zum Ausdruck. Ich hatte das Theaterstück als Student in den 1980ern in Münster (Studiobühne) gesehen, und wir hatten uns damals über die Bemerkung eines Kundschafters amüsiert, der behauptete, er habe die Aa durchschwommen. Die heutige Aa ist ein Rinnsal, in dem man sich beim Überqueren allenfalls die Füße naß machen kann. Von Schwimmen kann da keine Rede sein.
Jedenfalls sind die Wieder-Täufer ‒ die wiederholte Taufe ‒ für Dürrenmatt ein Symbol für die Kunst: „... denn das ist das Geheimnis der Kunst, dass eine Wiederholung etwas ganz anderes ist, wie auch die Wiederholung eines Befehls etwas ganz anderes ist.()“ (Dürrenmatt; vgl. Rüedi 2011, S.28)
Die beiden Bände der „Stoffe“ umfassen die beiden Stoffgruppen „Labyrinth“ (Stoffe I-III) und „Turmbau“ (Stoffe IV-IX). Die Stoffe des ‚Labyrinths‛ beziehen sich auf die Welt im (zweidimensionalen) Raum, womit die geopolitische Teilung der Welt in ein Innen und in ein Außen gemeint zu sein scheint. Der ‚Turmbau‛ bezieht sich auf die Welt in der Zeit, ist aber letztlich auch eine Art Labyrinth, weil es hier um die ineinander verschachtelten und zugleich hintereinander gestaffelten Zeiträume einer sich auf Apokalypsen hin entwickelnden Welt geht:
„Was die Zeit zurückläßt, ist Vergangenheit und damit nur noch mittelbar. Was wir Weltgeschichte nennen, gleicht vorerst einem Blick auf den Andromedanebel. Auch dieser liegt unerreichbar in der Vergangenheit, zweieinhalb Millionen Jahre zurück, sein Licht, das wir erblicken, verließ ihn im ersten Aufdämmern der Menschheit, auch er ist nicht zu deuten ohne die Ketten von Folgerungen, auf die sich die Erkenntnisse der Astronomie stützen. ... Würden die Vergangenheiten aufgehoben, stürzte das Weltall vom Rande her auf uns zu. Der Urzustand der Welt stellte sich wieder her, von dem wir uns kein Bild machen können, weil er bildlos wäre, reine vergangenheitslose Gegenwart ...“ (Stoffe I-III, S.53f.)
Die bildlose Welt wäre eine unstoffliche Welt, denn Stoffe sind für Dürrenmatt in erster Linie Bilder oder auch Phantasmen. Möglicherweise wäre eine bildlose Welt sogar eine glücklichere Welt, denn diese Bilder empfindet Dürrenmatt zumeist als bedrängend und bedrohlich. Im Zentrum der Turmbaustoffe steht, wie beim Turm zu Babel, das ungerechtfertigte Vertrauen der Menschen in die Technologie. Ich werde mich in meinen folgenden Blogposts auf das Labyrinth konzentrieren, denn, wie gesagt, labyrinthisch ist auch die Welt der Türme.
Fangen wir bei der Schweiz an, so wie auch bei Dürrenmatt alles mit der Schweiz angefangen hatte. Er ist in einer Zeit aufgewachsen, in der er die Schweiz vor allem als Gefängnis wahrgenommen hatte, weil er nicht aus ihr heraus konnte. Die Schweiz, so hatte er es als Jugendlicher wahrgenommen, war von faschistischen, also feindlichen Ländern umzingelt, und erst recht im Zweiten Weltkrieg waren die Schweizer Grenzen zugleich Mauern. Von Anfang an hatte er diese Situation mit dem Labyrinth in Verbindung gebracht und sich selbst dabei mit dem Minotaurus identifiziert. Im letzten Kriegsjahr, das er als Soldat verbrachte (in der Schweiz mit ihrer Neutralität eine recht komfortable Situation), malte er es sich düsterer aus, als es zumindestens für ihn tatsächlich war:
„Indem ich damals, als der Krieg zusammenbrach, ein Labyrinth entwarf, identifizierte ich mich unbewußt mit dem Minotaurus, dem Bewohner des Labyrinths, vollzog ich den Urprotest, protestierte ich gegen meine Geburt; denn die Welt, in die ich hineingeboren wurde, war mein Labyrinth, der Ausdruck einer rätselhaften mythischen Welt, die ich nicht verstand ...“ (Stoffe I-III, S.83)
Dürrenmatt macht etwas Grundsätzliches, etwas Anthropologisches aus seinem Erleben. Dabei war er sich des Zynismusses bewußt, der mit seiner Sehnsucht, an eben diesen Katastrophen jenseits des Labyrinths teilhaben zu dürfen, verbunden gewesen ist, aber umso heftiger lehnte er die „absurde Idylle“, die die Schweiz darstellte, ab: „Von der Befindlichkeit des jungen Dürrenmatt aus gesehen, der seinen Dichterberuf, seine Berufung zum Schriftsteller erst suchte, war die Idylle das schrecklichste denkbare Gefängnis.“ (Rüedi 2011, S.227)
So wie die Dürrenmattsche Schweiz ein Gefängnis gewesen ist, war sie aber auch eine Lebenswelt: „(Die Schweiz) ist kein Lebensinhalt, sondern eine Gewohnheit, ein Lebensboden.“ (Dürrenmatt; vgl. Rüedi 2011, S.408) ‒ Ähnlich wie für den Minotaurus sein Labyrinth zugleich seine Lebenswelt gewesen ist.
Denn auch die Lebenswelt, insbesondere wie Hans Blumenberg sie verstand, ist ein Gefängnis. Es gibt keinen Ausweg aus ihr: „So haben wir uns denn das Labyrinth ausgedehnter zu denken, als wir es uns sonst vorstellen, es wird einen weiten Park mit Baumgruppen und einem Teich als Innenhof umschlossen haben oder mehrere solcher Parks als Innenhöfe, wo der Minotaurus äsen, zur Tränke gehen und in den Bäumen herumklettern konnte(.)“ (Vgl. Rüedi 2011, S.239; Stoffe I-III, S.76)
Im Anschluß an diese Stelle zählt Dürrenmatt ein weiteres Merkmal des Labyrinths auf, das auch auf die Lebenswelt zutrifft: die gewundenen, sich krümmenden Gänge, die sich ineinander verschlingen „wie der verworrene Lauf des geschlängelten Flusses Meander“, mal vorwärts, mal rückwärts fließend und oft seinen eigenen Wellen entgegenkommend. (Vgl. Stoffe I-III, S.76f.) Also auch hier wieder die ineinander verschachtelten Zeitformen, die es schwierig machen, zwischen vorwärts und rückwärts zu unterscheiden. Die Zeit hat Hintergründe, so wie die Lebenswelt Hintergründe und Vordergründe hat, und nichts geschieht „ohne den Hintergrund, wo die Ursachen dafür liegen, daß wir denken und schreiben, aber dieser Hintergrund ist gestaffelt wie eine Landschaft“. (Vgl. Stoffe I-III, S.52)
So wie Dürrenmatt zwischen Stoffen und Literatur differenziert, bewegt er sich gedanklich im Bereich der Differenz zwischen Meinen und Sagen, wie wir sie von Plessner kennen. Die Stoffe sind das, was die Literatur meint, allerdings über den Umweg der Kulturgeschichte (Dürrenmatt), aus der sie, nicht zuletzt auch direkt aus der Lebenswelt (Blumenberg), den Schriftstellern zufallen, und die Werke sind das, was die Literatur ‚sagt‛. Aber insofern die literarischen Werke geschrieben sind und publiziert (oder aufgeführt) worden sind, sind sie auch schon Vergangenheit, während die Stoffe gegenwärtig bleiben und weiterhin eine Zukunft haben, sowohl als unverarbeitete wie auch nach ihrer literarischen Verarbeitung. Wir haben es also mit einer bleibenden zeitlichen Differenz zwischen Stoffen und Literatur zu tun, während die Differenz zwischen Meinen und Sagen vor allem in der aktuellen Rede zu verorten ist und nur besteht, sofern wir miteinander kommunizieren.
Plessner verortet die Differenz in der Gegenwart, in der menschlichen Existenz. Dürrenmatt verortet sie diffuser in einer unüberschaubaren kulturellen Gewordenheit und einer nicht minder unüberschaubaren Flucht von Vergangenheiten des expandierenden Weltraums wie der biologischen Evolution auf diesem Planeten. Mit der Schweiz als absurdem, weil idyllischem Zentrum dieser ganzen Katastrophe letztlich auch nicht weniger existenziell.
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