„...letztlich ist der Mensch, als Folge oder Krönung der Evolution, nur in der Totalität der Erde begreifbar.“ (Leroi-Gourhan, Hand und Wort, S.22)

Mittwoch, 6. Juni 2018

Antonio Damasio, Im Anfang war das Gefühl. Der biologische Ursprung menschlicher Kultur, München 2017

1. Zusammenfassung
2. Physiologie der Wertigkeit
3. Algorithmen
4. Phänomenologie
5. Parallele Spuren: Apperzeption
6. Homunkulus
7. Big Data und Intuition
8. Kulturkrisen und Kulturkritik

Matthew B. Crawford kritisiert in seinem Buch „Die Wiedergewinnung des Wirklichen“ (2016) den Begriff der „geistigen Repräsentation“, weil das die Vorstellung einer inneren Kinoleinwand hervorrufe, vor der ein kleines Männchen sitze. (Vgl. meinen Blogpost vom 16.01.2017) Nun kann man schlecht auf diesen Begriff verzichten, wenn man wie der Rezensent die Differenz von Innen und Außen für bewußtseinskonstitutiv hält. So unterscheidet auch Helmuth Plessner zwischen einem präsentativen und einem repräsentativen Bewußtsein, was in etwa der Differenz zwischen Emotion und Kognition entspricht. Auf jeden Fall haben wir es beim Begriff der geistigen Repräsentation mit einer Verdopplung der Welt zu tun: der realen und der repräsentierten Welt. Und dieser Verdopplung entspricht eine Verdopplung des Ichs: einem beteiligten und einem beobachtenden Ich. Und schon stehen wir mittendrin in der Homunkulusproblematik, vor der Damasio so eindringlich warnt, wenn er vom drohenden unendlichen Regreß spricht:
„Kein Homunculus, kein Homunculus im Homunculus, keine unendliche Regression der philosophischen Legende.“ (Damasio 2017, S.167)
Helmuth Plessner hat diesem drohenden Regreß, in dem ein Ich sich dabei beobachtet, wie es sich dabei beobachtet, wie es die Welt um ihn herum beobachtet, einen Riegel vorgeschoben, indem er das Ich exzentrisch positioniert:
„Als Ich, das die volle Rückwendung des lebendigen Systems zu sich ermöglicht, steht der Mensch nicht mehr im Hier-Jetzt, sondern ‚hinter‘ ihm, hinter sich selbst, ortlos, im Nichts geht er im Nichts auf, im raumzeithaften Nirgendwo-Nirgendwann.“ („Stufen des Organischen“ (1929/1975), S.292)
Auch Damasio hatte in seinen früheren Büchern in Gestalt des Dirigenten, der von Nirgendwoher vor seinem Orchester erscheint und nach dem Konzert ins Nirgendwohin verschwindet, so eine Regreß-Bremse eingebaut. Auch in seinem aktuellen Buch spielt die Orchestermetapher eine wichtige Rolle; aber den imaginären Dirigenten erwähnt Damasio nicht mehr. Stattdessen spricht Damasio von einem cartesianischen Theater und konzipiert somit den menschlichen Geist als einen Aufführungs- und Projektionsraum, in dem sich ein „Publikum“ ein Theaterstück anschaut:
„Es gibt ein Publikum, nämlich uns selbst. Wir sehen uns selbst nicht. Wir spüren oder fühlen ganz einfach, dass vor der Theateraufführung auf der Bühne eine Art Ich sitzt, das Subjekt und Publikum der Show, das einen Raum vor der undurchdringlichen vierten Wand der Bühne einnimmt. ... gelegentlich haben wir unter Umständen sogar das Gefühl, dass ein anderer Teil von uns, nun ja, das Ich beobachtet, während dieses die Aufführung beobachtet.“ (Damasio 2017, S.166)
Allenfalls der „Raum vor der undurchdringlichen vierten Wand“ erinnert noch an das Nirgendwo des Dirigenten. Dennoch eröffnet Damasio mit dieser Beschreibung des ‚Geistes‘ trotz seiner gegenteiligen Behauptung die Homunkulusproblematik, die unweigerlich dazu verleitet, nach ‚Modulen‘ oder ‚Schaltkreisen‘ im Gehirn zu suchen, die die Funktion eines solchen Homunkulus ausüben. Eine Vorstellung, vor der Damasio warnt:
„Die Vorstellung von einem ‚Gehirnmodul‘, das die emotiven Reaktionen und das nachfolgende Gefühl des Genusses auslöst, während ein anderes Modul Abscheu erzeugt, ist ebenso wenig richtig wie der Gedanke an ein emotives Steuerpult mit Knöpfen für jede Emotion.“ (Damasio 2017, S.132)
Obwohl also Damasio um die Gefahren der Homunkulusproblematik weiß, verfällt er ihr in seinen Beschreibungen von Bewußtseinsfunktionen, die mit den Gehirnfunktionen nicht identisch sind. Insofern muß man Crawford unbedingt zustimmen, wenn er vor dem Begriff der „geistigen Repräsentation“ warnt. Deshalb muß man aber nicht unbedingt auf diesen Begriff verzichten. Man sollte ihn aber mit äußerster Vorsicht verwenden.

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Kommentare:

  1. Die Zelle ist kein Gegenständliches, sondern muss sich millisekündlich per biochemischen Reaktionen in ihrer Existenz halten. Wenn man diesen Umstand zur Homunkulusproblematik anwendet?

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  2. Dein Hinweis ist interessant! Wenn die Zelle kein Gegenstand ist, ist sie ein Vollzug. Sie ist gewissermaßen der Lebensvollzug par excellence. Das paßt insofern auf die Homunkulusproblematik, weil die Vorstellung eines Homunkulus immer eine Gegenstandsorientierung beinhaltet; deshalb auch der unendliche Regreß.

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