Montag, 16. Januar 2017

Matthew B. Crawford, Die Wiedergewinnung des Wirklichen. Eine Philosophie des Ich im Zeitalter der Zerstreuung, Berlin 2016

(ullsteinbuchverlage, Hardcover, 429 Seiten, 24.00 €)

1. Zusammenfassung
2. Bewußtsein als geistige Repräsentation
3. Bewußtsein als Wahrnehmung
4. Bewußtsein als Wachsamkeit
5. Vortrefflichkeit: Das situierte Selbst
6. Vortrefflichkeit: Das situierte Ding

Crawford macht den „Ursprung“ des „Geredes über die Autonomie“ an der „Erkenntnistheorie“ der Aufklärung fest. (Vgl. Crawford 2016, S.49) Diese Erkenntnistheorie bestimmt die letztgültige, unbezweifelbare Erkenntnisgewißheit als einen inneren, subjektiven Zustand: ich kann alles bezweifeln, nur nicht daß ich zweifle. Es sind nicht meine Wahrnehmungen, die unbezweifelbar sind. Meine Wahrnehmungen können mich täuschen:
„Descartes betrachtet die bloße Existenz einer Außenwelt als legitimes philosophisches Problem.“ (Crawford 2016, S.183)
Diese erkenntnistheoretische Einstellung führt zu einem von unserer „verkörperten Wahrnehmung“ (Crawford  2016, S.108; vgl. auch die „verkörperte Kognition“, S.81, und die „verkörperte() Existenz“, S.133) losgelösten „Ideal der Autonomie“ (Crawford 2016, S.46, 262 u.ö.). Buchstäblich bedeutet ‚Autonomie‘, „sich selbst ein Gesetz zu geben“. (Vgl. Crawford 2016, S.45) Das autonome innere Selbst läßt sich also von niemandem und auch von keiner äußeren Realität etwas vorschreiben:
„... alles, was sich außerhalb des eigenen Kopfes befindet, wird als potentielle Quelle der Fremdbestimmung und damit als Bedrohung für das Selbst betrachtet.“ (Crawford 2016, S.46)
Erkenntnistheoretisch entspricht diesem Autonomieideal die Vorstellung vom menschlichen Bewußtsein als geistige Repräsentation:
„Die Behauptung lautet, wir könnten die Welt nur durch die geistigen Repräsentationen verstehen, die wir von ihr erzeugen.“ (Crawford 2016, S.9f.)
Unser Bewußtsein bildet die äußere Welt in Form von Repräsentationen ab. Der Wahrnehmungsvorgang funktioniert wie ein Photoapparat, der unser Inneres mit ‚Bildern‘ von der Außenwelt versorgt. Wir können uns also unser inneres Selbst als eine Art Homunkulus vorstellen, das irgendwo „in unserem Kopf sitzt“ (vgl. Crawford 2016, S.132) und auf so etwas wie eine Leinwand starrt, auf der eine Diaserie abgespult wird. Ich schreibe ganz bewußt ‚Diaserie‘, denn die repräsentierenden Akte (Wahrnehmungen) liefern nur einzelne unbewegte Photographien, da ja von den körperlichen Bewegungen, aus denen unsere Wahrnehmungen besteht, abstrahiert wird. Der von Descartes geprägte „Empirismus“ geht deshalb davon aus, daß Menschen nicht anders funktionieren als „digitale() Kameras oder Aufnahmegeräte“. (Vgl. Crawford 2016, S.216)

Wir haben also keinen direkten Zugang zur Außenwelt. Stattdessen haben wir es mit Repräsentationen, also mit Vermittlungsformen der Außenwelt zu tun. Dieser Vorstellung entsprechen mittlerweile auch die Technologien, die längst nicht mehr aus Werkzeugen bestehen, die unsere kognitiven und physischen Fähigkeiten bloß erweitern. Die Technologien sind nicht mehr funktional, sondern medial; d.h. sie bearbeiten nicht mehr die Welt, sondern sie erzeugen sie:
„Mittlerweile führen wir ein weitgehend vermitteltes Dasein, in dem wir der Welt tatsächlich immer öfter durch Repräsentationen begegnen. Und diese werden für uns erzeugt. So ist die menschliche Erfahrung heutzutage hochgradig konstruiert und folglich leicht manipulierbar.“ (Crawford 2016, S.10)
Die Technik ist nicht mehr Mittel, sondern Zweck. Sie steht für das Ideal der Autonomie:
„Man sagt uns, die Wirtschaft wandle sich unablässig, und spricht von ‚Umwälzungen‘, als seien sie ein Maßstab für Wertschöpfung.“ (Crawford 2016, S.305f.)
Technologische Innovationen sind also schon per se werthaltig. Sie bilden einen Selbstzweck. Man ist, so Crawford, allgemein der Auffassung, daß der „technische Fortschritt ... unumgänglich (sei)“, und man betrachtet „die Technik nicht als ein Werkzeug menschlicher Absichten ..., sondern als eine Kraft, die ihre eigenen magischen Imperative besitzt“. (Vgl. Crawford 2016, S.322)

An dieser Stelle muß festgehalten werden, daß Crawford ganz und gar kein Technikfeind ist. Er hat nebenberuflich als Motorradmechaniker gearbeitet und seine diesbezüglichen Erfahrungen in seinem Buch „Ich schraube, also bin ich“ (2010) festgehalten. (Vgl. auch meine Posts vom 08.02. bis 12.04.2014) Trotzdem kommt die Wissenschaft und ihr einseitiger subjektiver Empirismus – tatsächlich ist dieser von aller Realität losgelöste, mathematisch rekonstruktivistische Empirismus subjektiv – bei Crawford nicht gut weg. (Vgl. Crawford 2016, S.322 und 324)

Aber die Wissenschaft geht nicht nur mathematisch rekonstruktiv vor, sondern auch statistisch, insbesondere – wenn wir einmal von der Quantenmechanik absehen – was die Wissenschaften vom Menschen betrifft. Der Vorstellung vom menschlichen Bewußtsein als geistige Repräsentation entspricht die Vorstellung vom Menschen als Repräsentanten seiner Gattung. Auch das hat Crawford zufolge schon mit Kant begonnen, der den Menschen „als Vertreter der Gattung ‚vernünftiger Wesen‘“ verstanden wissen wollte (vgl. Crawford 2016, S.108f.) und ihn damit als Individuum entwertete.

Das Individuum wird dadurch nicht nur kategorisiert, sondern auch einer statistischen Betrachtungsweise zugeführt. Diese zweifelhafte ‚Anthropologie‘ kam zum ersten Mal in den fünfziger und sechziger Jahren des 20. Jhdts. mit dem Kinsey-Report zum gesellschaftlichen Durchbruch. (Vgl. Crawford 2016, S.287ff.) Alfred Charles Kinsey befragte die us-amerikanischen Bürger nach ihren sexuellen Vorlieben und ordnete diese nach Kategorien. Auch die scheinbar abwegigsten Sexualpraktiken erhielten so einen repräsentativen Status. Das löste bei den US-Bürgern einen regelrechten Hype aus: Kinsey konnte sich vor Angeboten befragungswilliger Probanden gar nicht mehr retten. Alle wollten ihren ‚repräsentativen‘ Status wissen.

Die Bürger begannen, sich mit ihrer ‚Kategorie‘ zu identifizieren. Ihre Zuordnung zu einer repräsentativen Gruppe wurde ihnen wichtiger als Familie, Arbeit und Wohnort:
„Wir könnten diese Gruppen als die ersten virtuellen Gemeinschaften bezeichnen, da sie sich aus räumlich getrennten Individuen zusammensetzten, die einander nicht kannten. ... Als Mitglied einer Familie, Religionsgemeinschaft oder örtlichen Gemeinde verzichtete ein Homosexueller mit einiger Wahrscheinlichkeit darauf, sich zu outen. Aber mit dem Aufstieg der Identitätspolitik kam er aus dem Versteck und wechselte in eine Kategorie.“ (Crawford 2016, S.291f.)
Inzwischen hat sich das wohl etwas geändert. Die Menschen mißtrauen mittlerweile den Meinungsforschern und lassen sich nicht mehr so bereitwillig befragen; und sie sagen auch inzwischen nicht mehr unbedingt die ‚Wahrheit‘, wenn sie sich befragen lassen. Das Ergebnis kennt man, wenn man sich die jüngsten Desaster der Meinungsforscher in England (Brexit) und in den USA (Trump) anschaut.

Aber zurück zu Crawford: sowohl die Repräsentativität unseres Bewußtseins wie auch die Repräsentativität unseres Lebens (im Rahmen einer statistischen Kategorie) führt Crawford zufolge zu einer Virtualisierung unseres Lebens:
„Während wir ‚einen intelligenteren Planeten‘ schaffen (wie es in der Werbung von IBM heißt), wird die Welt so reibungslos wie der Gedanke selbst: Die ‚Intelligenz‘ wird die stumpfsinnige Natur unterwerfen. Vielleicht wird sogar das Denken überflüssig: Die vollkommen ausgereifte intelligente Technik sollte in der Lage sein, einzuspringen und anhand von Algorithmen, die uns aufgrund unseres Verhaltens in der Vergangenheit definieren, unseren Willen vorwegzunehmen.“ (Crawford 2016, S.115)
Beispiele für die fortschreitende Virtualisierung unserer Lebenswelt im Zeichen der ‚Intelligenz‘ werden sicher jedem von uns unschwer einfallen: sie reichen vom smart house bis zum Internet der Dinge.

Crawfords Kritik am Begriff der Repräsentation hat also gute Gründe. Allerdings geht sie meiner Ansicht nach etwas zu weit, denn unser Bewußtsein funktioniert zumindestens teilweise tatsächlich repräsentativ. Was ist bewußtes Denken anderes als das Operieren mit Gedanken? Gerdanken und Worte, also auch die Sprache, sind nun einmal unleugbar irgendwie repräsentativ für etwas. Sonst könnten wir gar nicht ‚über etwas‘ kommunizieren. Letztlich kommt auch Crawford ohne den Begriff der Repräsentation nicht aus. So spricht er z.B. von „verkörperten Repräsentationen“, also Gesten, Haltungen und physiologischen Reaktionen wie Lachen, Weinen und Scham, die er im Unterschied zu bloß „symbolischen Repräsentationen“, also Wörtern und Zeichen, als unmittelbar sinnhaft bezeichnet. (Vgl. Crawford 2016, S.129)

Auch unser Körper ‚repräsentiert‘ also, und genau das ist es, was Plessner als „Körperleib“ bezeichnet. Wir müssen also wie Plessner zwischen einem präsentischen und einem repräsentativen Teil unseres Bewußtseins unterscheiden. Auf jeden Fall dürfen wir den Begriff der Repräsentation nicht von vornherein in Bausch und Bogen als fehlgeleitet aburteilen.

Crawford handelt sich mit seiner Pauschalkritik am Repräsentationsbegriff ein Problem ein. Er verdächtigt ein Grundprinzip des menschlichen Bewußtseins, die Rekursivität, die er korrekt als „wiederholte Zuschreibung von Überzeugungen“ beschreibt (vgl. Crawford 2016, S.220), als einen Prozeß, der bloß aus lauter Repräsentationen besteht:
„Ich sehe den Baum, ich glaube, dass Sie den Baum sehen, ich glaube zudem, dass Sie glauben, dass ich den Baum sehe und dass Sie mir eine ähnliche Abfolge von Gedanken zuschreiben. Dies ist eine wenig plausible Erklärung dafür, was wir (wie denn: unbewusst?) tun, wenn wir unbekümmert unsere gemeinsame Welt durchstreifen ... Vielleicht umfasst jeder von uns ein Ende einer Säge mit zwei Griffen, und wir fällen den Baum: Das tun wir wohl, ohne ausdrückliche Überzeugungen zu bilden oder die Gedanken des anderen zu lesen.()“ (Crawford 2016, S.220)
Indem Crawford die rekursiven Prozesse unseres Bewußtseins in lauter einzelne Repräsentationsakte auflöst, entgeht ihm, daß hier nur in Worten wiedergegeben wird, was tatsächlich geschieht, wenn wir mit anderen Menschen unsere gemeinsame Aufmerksamkeit (Michael Tomasello) auf einen gemeinsamen Gegenstand richten. Denn natürlich tun wir das nicht in bewußten Kognitionen, sondern ‚unbewußt‘, was Crawford nochmal in einer Klammer – „wie denn: unbewusst?“ – eigens in Zweifel zieht. Aber genauso ist es: wir „lesen“ tatsächlich nicht die „Gedanken des anderen“, sondern handeln einfach entsprechend. Und genau das ist Rekursivität.

Crawford weiß das durchaus, wie an mehreren anderen Stellen deutlich wird. Dort findet er sogar ein eigenes Wort für das, was Tomasello als „referentielles Dreieck“ bezeichnet (vgl. Michael Tomasello, Die kulturelle Entwicklung des menschlichen Denkens (2002/1999) S.78):
„Voraussetzung für das richtige Verständnis von Situationen ist die Triangulation mit anderen Personen.“ (Crawford 2016, S.102)
Crawford bezeichnet die auf einen gemeinsamen Gegenstand gerichtete Aufmerksamkeit verschiedener Menschen als „Triangulation“, weil mittels des wechselseitigen Wissens über den Gegenstand und mittels des gemeinsamens Erlebens dieses Gegenstandes die Realität präziser erfaßt wird, als wenn man sich nur alleine damit befassen würde. Genauso muß auch ein Landvermesser verschiedene Punkte (Perspektiven) der Landschaft miteinander in Beziehung setzen um einen genauen geographischen Ort zu bestimmen.

Die Rekursivität ist also durchaus kein Beispiel für eine verfehlte Auffassung des menschlichen Bewußtseins.

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