„...letztlich ist der Mensch, als Folge oder Krönung der Evolution, nur in der Totalität der Erde begreifbar.“ (Leroi-Gourhan, Hand und Wort, S.22)

Montag, 4. September 2017

Peter Spork, Gesundheit ist kein Zufall. Wie das Leben unsere Gene prägt: die neuesten Erkenntnisse der Epigenetik, München 2017

4. Nachtrag

Um herauszufinden, ob sich Traumata auf unser Epigenom auswirken, haben Forscher folgendes Experiment mit Ratten durchgeführt:
„Die Nager wurden zweimal im Abstand von zehn Tagen in durchsichtige Plexiglasröhren gesteckt, durch die sie noch gut Geräusche und Gerüche wahrnahmen, in denen sie sich aber nicht mehr bewegen konnten. Dann setzten die Forscher die Ratten, die durch das Plexiglas zumindest körperlich geschützt waren, für eine Stunde zu einer Katze in den Käfig. Damit die Raubtiere sich auch ganz bestimmt für ihre potenzielle Beute interessierten, war die Röhre auch noch mit Katzenfutter bestrichen.“ (Spork 2017, S.59f.)
Wenn wir sehen, wie Kinder Tiere quälen, z.B. Frösche aufblasen und platzen lassen, würden wohl die meisten von uns einschreiten. Aber abgesehen davon: Kinder sind nun mal grausam. Nicht immer, aber gelegentlich schon. Manchmal aus Unachtsamkeit, manchmal mit voller Absicht. – Aber was sollen wir davon denken, wenn sich Wissenschaftler so verhalten?

Wenn Wissenschaftler sich solche Experimente ausdenken und sie tatsächlich durchführen: Was macht das dann mit derem Epigenom? Welche Gene werden bei ihnen abgeschaltet? Nimmt vielleicht ihre Empathie Schaden? Haben sie überhaupt Empathie? Gibt es ein spezielles Wissenschaflterepigenom? – Diese Frage wäre es wert, einmal genauer untersucht zu werden.

Natürlich hatten die Forscher gute Gründe dafür, die betreffenden Ratten zu traumatisieren. Aber gibt es nicht andere Möglichkeiten, etwas über Traumata herauszufinden? Ich weiß nicht, was ich mit Ergebnissen anfangen soll, die aus solchen Torturen gewonnen werden.

Konrad Lorenz hat mal beschrieben, wie er als Biologiestudent eine lebende Ratte sezieren mußte. Danach hatte er Alpträume. Gut so! Eine menschliche Reaktion.

Sonntag, 3. September 2017

Peter Spork, Gesundheit ist kein Zufall. Wie das Leben unsere Gene prägt: die neuesten Erkenntnisse der Epigenetik, München 2017

1. Zusammenfassung
2. Integral und Anachronismus
3. Freiheit und Intuition

Ein starkes Motiv, diesen Blog zu betreiben, bestand für mich von Anfang an darin, dem Naturalismus der Naturwissenschaften etwas entgegenzusetzen. Nichts scheinen nämlich die Naturwissenschaftler, zumindest der Mainstream, lieber zu tun, als dem Menschen seine Freiheit abzusprechen und ausschließlich die ‚Fakten‘ zu beachten, die für einen rigiden Determinismus sprechen. Umso erfreuter war ich gewesen, als ich vor acht Jahren mit Peter Sporks Buch „Der zweite Code“ (2009) auf ein biologisches Phänomen, auf das Epigenom, aufmerksam gemacht wurde, das für die Freiheit des Menschen und damit für seine Würde spricht. Spork bringt es in seinem aktuellen Buch auf den Punkt:
„Die Gene entscheiden nicht über uns. Sie sind nicht unser Schicksal. Wir sind nicht ihre Marionetten.“ (Peter Spork 2017, S.81)
Die Gene können Spork zufolge schon deshalb nicht über den Phänotyp – und dazu ist nicht nur die Anatomie und Morphologie, sondern auch die individuelle Persönlichkeit des Menschen zu zählen – entscheiden, weil das „Potenzial in den Genen aller Menschen ... nahezu gleich (ist)“. (Vgl. Spork 2017, S.81) Schätzungen gehen davon aus, daß 99 % bis zu 99,9 % der Gene bei allen Menschen identisch sind. Zwillingsstudien erübrigen sich an dieser Stelle. Man kann nicht im Ernst glauben, daß 100 % hier noch einen Unterschied machen. Mit Schimpansen teilen wir mehr als 98 % aller Gene. (Vgl. Spork 2017, S.74f.) Hier kann eigentlich nur noch das Epigenom den entscheidenden Unterschied im Phänotyp von Schimpansen und Menschen machen. Berücksichtigt man auch das Y-Chromosom, dann sind Männer mit Schimpansen enger verwandt als mit ihren Ehefrauen.

Ich denke, man kann mit guten Gründen behaupten, daß das Epigenom das biologische Substrat der menschlichen Persönlichkeit bildet. Es ist so plastisch, daß sich Muskeln auf molekularbiologischer Ebene innerhalb von zwanzig Minuten anpassen, wenn wir mal mit dem Fahrrad statt mit dem Auto zur Arbeit fahren. (Vgl. Spork 2017, S.344) Das Epigenom sorgt für ein „teils hochdynamische(s), teils lang anhaltende(s) Zusammenwirken() von Erbe und Umwelt“:
„Unser Handeln wirkt. Immer!“ (Spork 2017, S.49)
Und unser Handeln beginnt, wie Spork schreibt, mit der Geburt. (Vgl. Spork 2017, S.222) Letztlich, so Spork, geht es in seinem Buch um Freiheit:
„Wir können selbst bestimmen, was wir im Dienst unserer Gesundheit tun oder lassen. Es sind die frei aus unserer eigenen Verantwortung heraus getroffenen Entscheidungen, die zählen.“ (Spork 2017, S.341)
Deshalb will Spork auch keine Rezepte für eine verantwortungsvolle und gesunde Lebensführung empfehlen. Gesundheit ist Spork zufolge ein Persönlichkeitsmerkmal, und gerade deshalb bedeutet sie für jeden Menschen etwas anderes:
„Bemerken möchte ich allerdings, dass mir Dogmatismus an dieser Stelle völlig unangebracht erscheint. Menschen sind Organismen, nicht mehr – aber auch nicht weniger. Und als solche sind sie von Natur aus darauf angelegt, sich im Rahmen einer großen Bandbreite von Umweltreizen gut zurechtzufinden und gesund zu entwickeln.“ (Spork 2017, S.258)
Sowohl im Bereich der Gesundheit wie auch im Bereich der Intelligenz hilft uns Statistik nicht weiter – und die ist das hauptsächlichste Erkenntnisinstrument in diesen Bereichen –, weil Durchschnittswerte bei unseren Entscheidungen, wie wir persönlich und konkret unser Leben führen wollen, für uns bedeutungslos sind. Ausgerechnet da, wo es ganz konkret um uns selbst geht, kann es sein, daß für die eigene Person der Mittelwert keine Gültigkeit hat. So hat sich inzwischen der Einfluß des BMI auf unsere Lebenserwartung geändert. Es ist nicht mehr das Idealmaß, das die höchste Lebenserwartung verheißt:
„Das Körpergewicht in Bezug zur Körpergröße bei dem Menschen rein statistisch die höchste Lebenserwartung haben, steigt an. Nach einigen Studien liegt es inzwischen sogar im Übergewichtsbereich.“ (Spork 2017, S.120)
Wer übergewichtig ist, kann gesund sein, wer ein Idealgewicht hat, kann krank sein. Worauf es bei unserer Lebensführung ankommt, so Spork, ist unsere persönliche Intuition, was gut für uns ist:
„Dieses Buch soll erklären, motivieren, faszinieren, helfen, uns besser zu verstehen. Aber es sucht keine Schuldigen und liefert keine stupiden Gebrauchsanweisungen. (Ich bin ohnehin der Meinung, dass jeder Mensch im Grunde ein intuitives Gespür dafür hat, was für ihn und seine Gesundheit gut ist und was nicht.)“ (Spork 2017, S.24)
Spork hält allerdings fest, daß uns seit der Steinzeit das Gespür für das, was gut für uns ist, abhanden gekommen ist:
„Weil unsere genetischen Programme aber noch immer aus der Steinzeit stammen (die Evolution ist nun mal langsam), fehlt es uns am geeigneten Sensorium für die Gefahren des modernen Lebensstils.“ (Spork 2017, S.343)
An dieser Stelle begibt sich Peter Spork auf dünnes Eis. Aus unserer verminderten Intuition schlußfolgert er, daß wir technischer Sensorien bedürfen, die uns Tag für Tag den aktuellen Stand unserer Fitneß mitteilen und bei Bedarf zu geeigneten Gegenmaßnahmen auffordern:
„Tragen Sie nicht längst eines dieser hippen Fitness-Armbänder, um am Abend darauf nachzuprüfen, ob Sie Ihre 10.000 Schritte pro Tag gemacht haben, und gehen Sie im Zweifel noch ein Ründchen um den Block? Lassen nicht auch Sie sich von Ihrem kleinen privaten Gesundheits-Kalkulater am Morgen berechnen, ob Sie nachts zuvor ausreichend Tief-, Leicht- und REM-Schlaf bekommen haben? Freuen Sie sich nicht auch, wenn Ihr handliches elektronisches Rundum-Überwachungssystem Ihnen bestätigt, dass Blutdruck und Herzfrequenz schon seit 48 Stunden im Optimalbereich sind?“ (Spork 2017, S.104)
Spork begrüßt diesen Trend ausdrücklich:
„Ich finde ihn überwiegend positiv, denn letztlich erweitern die Fitness-Armbänder unsere Sinne. ... Die Evolution ist viel zu langsam. Sie hat uns noch nicht mit den passenden Sinnesorganen ausgestattet ... Da ist es doch nur hilfreich, wenn wir uns dank kultureller und technischer Evolution mittlerweise per Fitness- und Activity-Tracker mit dem nötigen Feedback selbst versorgen.“ (Spork 2017, S.104f.)
Spork berücksichtigt an dieser Stelle nicht, daß wir die Askese und die Disziplin, die eine intuitive Achtsamkeit auf unsere Bedürfnisse ermöglichen, an eine Technologie auslagern (exteriorisieren), die zugleich unsere Freiheit, eigene Entscheidungen zu treffen, bedroht, wie Spork nur wenige Absätze weiter selbst zugibt:
„‚Unsere Gesundheitsdaten von heute sind einer der größten Wirtschaftsfaktoren von morgen‘, warnt der Molekular- und Systembiologe Ernst Hafen von der ETH Zürich. Er rät, extrem zurückhaltend mit der Herausgabe seiner Daten zu sein.“ (Spork 2017, S.105) 
Askese und Disziplin sind ein derart grundlegendes Moment jeder Willensbildung und damit letztlich auch der Handlungsfreiheit, daß ihre Auslagerung auf Geräte unsere Menschlichkeit untergräbt. Wer sich darin nicht übt und auf diese Weise sich mit sich selbst konfrontiert, kann kaum Anspruch auf Freiheit und Würde erheben. Ich bin der Ansicht, daß wir jederzeit vor der Entscheidung stehen, inwieweit wir den Einfluß technologischer Innovationen auf unsere Lebensführung begrenzen und vielleicht sogar umkehren müssen, wenn wir uns unsere Menschlichkeit bewahren wollen.

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Samstag, 2. September 2017

Peter Spork, Gesundheit ist kein Zufall. Wie das Leben unsere Gene prägt: die neuesten Erkenntnisse der Epigenetik, München 2017

1. Zusammenfassung
2. Integral und Anachronismus
3. Freiheit und Intuition

Peter Spork verwendet den schönen Begriff des Integrals, um damit das Zusammenwirken des aktuellen individuellen „Handelns“, der „Erfahrungen der Vorfahren“, der „Zeit im Mutterleib“ und der „ersten wichtigen Monate() und Jahre() nach der Geburt“ und des „ganzen langen Rest(s) des eigenen Lebens“ zu beschreiben. (Vgl. Spork 2017, S.23) Ich denke, daß Spork damit auch auf den Umstand hinweist, daß es insbesondere das individuelle Handeln, also das Individuum ist, das als Subjekt, das sein Leben führt, dieses Zusammenwirken vollbringt.

Spork führt in dieser Aufzählung drei wichtige Entwicklungsebenen auf: (1) das Individuum und sein Handeln, (2) die Vorfahren, zu denen nach den bisherigen Ergebnissen der Epigenetik etwa drei Generationen bis zu den Urgroßeltern (vgl. Spork 2017, S.330) und außerdem die perinatale Prägung zu zählen wären, die Spork zufolge sich nicht nur auf die Monate nach der Geburt erstreckt, sondern auch die ersten drei Monate vor der sogenannten Zeugung umfaßt und das Verhalten der zukünftigen Eltern und deren Einfluß auf die Keimzellbildung betrifft (vgl. Spork 2017, S.142); und schließlich (3) haben wir es mit der das ganze Leben umfassenden Entwicklung eines Individuums zu tun, das sich bis zum Schluß epigenetisch auf sein biologisches Erbe auswirkt.

Die eigentliche genetische Ebene, also die DNA, bildet die im engeren Sinne biologische Evolution; sie verläuft auf der Basis zufälliger Mutationen. Peter Spork faßt sie nochmal mit den anderen Ebenen in einem Dreiklang aus „Genetik, Epigenetik und Umwelt“ zusammen. (Vgl. Spork 2017, S.172) Die Epigenetik besteht in den beiden Formen der mehrere Generationen (Großeltern bis Urenkel) umfassenden transgenerationellen Epigenetik und der individuellen, die perinatale Prägung und die spätere individuelle Entwicklung eines Menschen umfassenden Epigenetik. Die perinatale Prägung bildet einen Übergangsbereich zwischen transgenerationeller und individueller Epigenetik. Wir haben es also mit zwei verschiedenen, über die perinatale Prägung miteinander verbundenen Formen der Epigenetik und je nach Zählung mit drei oder mit vier verschiedenen Entwicklungsebenen zu tun.

Peter Spork zufolge bezieht sich die klassische Genetik im engeren Sinne nur auf jene ‚Gene‘, die Proteine codieren. Auf molekularbiologischer Ebene ist die Produktion von Proteinen immer noch komplex genug. Aber mit dem späteren Phänotyp, also der individuellen menschlichen Persönlichkeit, hat diese klassische Genetik wenig bis gar nichts zu tun. Wenn es um wirklich komplexe Persönlichkeitsmerkmale wie Gesundheit und Intelligenz geht, ist die Epigenetik zuständig. Man kann Peter Spork sicherlich so verstehen, daß das Epigenom das biologische Substrat der menschlichen Persönlichkeit bildet. Es ist bis ins Alter – wenn auch zunehmend weniger – plastisch, also durch Umwelteinflüsse und individuelles Verhalten formbar:
„Im Gegensatz zu Veränderungen der DNA, sogenannte Mutationen, sind Veränderungen der epigenetischen Strukturen grundsätzlich reversibel. Diese Umkehrbarkeit ist einer der Wesenszüge der Epigenetik.“ (Spork 2017, S.351)
Die Epigenetik bildet Spork zufolge eine „Brücke zwischen biologischen und sozialen Prozessen“. (Vgl. Spork 2017, S.73ff. und S.99) Sie nimmt also bei Spork genau die Rolle ein, die in meinem Modell der drei Entwicklungsebenen das Individuum einnimmt, wobei ich beim Individuum weniger von einer ‚Brücke‘ als vielmehr von einem ‚Schlachtfeld‘ spreche, um damit den Anachronismus zwischen Biologie und Kultur hervorzuheben. Letztlich läuft es auf eine gleiche Aufgabenbestimmung für das Individuum hinaus: es muß sein Leben führen! Peter Spork bringt das folgendermaßen auf den Punkt:
„Die Gene entscheiden nicht über uns. Sie sind nicht unser Schicksal. Wir sind nicht ihre Marionetten.“ (Spork 2017, S.81)
Vielleicht kann man ja soweit gehen und die Behauptung aufstellen, daß angesichts der Zivilisationskrankheiten der von mir angedachte Anachronismus zwischen den Entwicklungsebenen ein Ergebnis der letzten 10.000 Jahre ist, während der Steinzeitmensch noch in Eintracht mit seiner Biologie lebte. Hier stehen zwei konträre Fakten gegeneinander: die Zivilisationskrankheiten wie Fettsucht, Allergien, Asthma und Krebs, unter denen insbesondere der zeitgenössische Mensch leidet. (Vgl. Spork 2017, S.20f., 180f. u.ö.) Auf der Habenseite des zeitgenössischen Menschen steht hingegen eine verdoppelte und verdreifachte Lebenserwartung. Das mag man interpretieren wie man will: eine hohe Lebenserwartung war jedenfalls aus biologischer Perspektive nicht vorgesehen. Und gerade die Hygienemaßnahmen, die zur hohen Lebenserwartung beitragen, führen selbst wiederum zu neuen, früher unbekannten Allergien und weiteren gegen den eigenen Körper gerichteten Immunreaktionen. Man könnte also mit gutem Grund behaupten, daß die sogenannten ‚Volkskrankheiten‘ das medizinische Äquivalent zum Anachronismus der Entwicklungsebenen bilden.

Umso wichtiger ist die individuelle Lebensführung, und zu den wichtigsten Faktoren, die unsere Epigenetik positiv beeinflussen, zählt Peter Spork Bewegung (Laufen und Fahrradfahren), Pflege sozialer Beziehungen (zu denen gewiß nicht Facebook gehört) und eine ausgewogene Ernährung. (Vgl. Spork 2017, S.36f., 86, 181ff., 344f.u.ö.) Peter Sporks Ausführungen bieten für mich den Anlaß und die Grundlage für eine überarbeitete Graphik zu den Entwicklungsebenen.

Mit dieser überarbeiteten Graphik möchte ich die spezifische Position der individuellen Entwicklung (Ontogenese) zwischen ‚Erbe‘ und ‚Umwelt‘ bzw. zwischen Biologie und Kultur veranschaulichen. Das menschliche Individuum ist durch Handlungsfreiheit gekennzeichnet:
„Durch die Geburt werden die Kinder schlagartig zu Handelnden.“ (Spork 2017, S.222)
Handlungsfreiheit bedeutet, daß die Menschen auf der Basis von Intuitionen und des eigenen Verstandesurteils in der Lage sind, Entscheidungen zu treffen und ihr Leben zu führen. Dabei sind die Freiheitsgrade des Säuglings natürlich gering, und sie steigern sich mit Alter und Bildung. Natürlich ist die Freiheit des Menschen biologisch begrenzt. Aber nicht nur biologisch, sondern auch kulturell. Diese beiden Ebenen, Biologie und Kultur, stellen ihre eigenen Ansprüche an das Individuum, und es muß lernen sich ihnen gegenüber zu behaupten, weshalb ich bei der Verhältnisbestimmung der Entwicklungsebenen dazu neige, von einem Anachronismus zu sprechen.

Mit der kulturellen Evolution meine ich generell alle Umwelteinflüsse, denn wir leben in einer menschengemachten Welt, in der die Natur selbst nur bei (oft genug menschengemachten) Naturkatastrophen in Erscheinung tritt. Der Mensch definiert sich über seine Herkunft, also über seine Geschichte. Diese Selbstbestimmung ist weniger rational als mythologisch begründet. Hinzu kommen die ebenfalls kulturellen, aber eben auch epigenetisch bestimmten Einflüsse der Familie und der Lebenswelt. Diese kulturell-biologische Einflußnahme beginnt mit der perinatalen Prägung des Embryos im Mutterleib.

Die biologische Evolution des Menschen, seine Phylogenese, beginnt spätestens mit der Entwicklung der Primaten. Die DNA bildet das biologische Material, mit dem epigenetische Prozesse arbeiten. Beide Ebenen beeinflussen sich also wechselseitig (Doppelpfeil). Die biologische Evolution verläuft auf der Basis zufälliger Mutationen und ist ziellos. Eine Voraussage ist nicht möglich. Werden wir unsere Menschlichkeit behaupten oder mündet unsere Evolution in einer transhumanen ‚Lebensform‘, wenn dann überhaupt noch von Lebensformen die Rede sein kann? Steht am Ende die Apokalypse?

Eins scheint mir zunehmend gewisser: wenn wir unsere Menschlichkeit behaupten wollen, brauchen wir eine Begrenzung und Neuorientierung der technologischen Innovationen.

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Freitag, 1. September 2017

Peter Spork, Gesundheit ist kein Zufall. Wie das Leben unsere Gene prägt: die neuesten Erkenntnisse der Epigenetik, München 2017

1. Zusammenfassung
2. Integral und Anachronismus
3. Freiheit und Intuition

Den Haupttitel von Peter Sporks Buch, „Gesundheit ist kein Zufall“ (2017), könnte man noch mißverstehen: ‚kein Zufall‘ könnte auch meinen ‚in den Genen festgelegt‘. Wer also Krebs oder eine Diabetes bekommt, hätte sowieso nichts daran ändern können, weil sein Schicksal schon vor der Geburt festgelegt gewesen war. Das ist aber ein Mißverständnis. Es ist vor allem der Untertitel, „Wie das Leben unsere Gene prägt“, der Sporks Hauptthese zweifelsfrei auf den Punkt bringt: Nicht die Gene prägen uns und unser Leben, sondern umgekehrt wir selbst und unser Leben, das wir führen, prägen die Gene!

Die Gene, also die DNA, bilden zwar einen Faktor in unserem Leben. Sie bilden das Fundament, auf dem das Leben von Generation zu Generation weitergegeben wird, und es sind ihre Zufallsmutationen, die die biologische Evolution vorantreiben. Aber sie bilden eben nur einen Faktor, das „Erbe“, wie Spork es ausdrückt; einen Faktor innerhalb einer Multiplikation, zu der zwei weitere Faktoren gehören, Umwelt und Epigenetik, deren gemeinsames Produkt Null ergibt, wenn nur einer dieser Faktoren auf Null gesetzt wird. (Vgl. Spork 2017, S.80)

Das „Zusammenspiel aus Genetik, Epigenetik und Umwelt“ (Spork 2017, S.172) erinnert an die Logik der Entwicklungsebenen, wie ich sie diesem Blog zugrundelege. Darauf werde ich im nächsten Blogpost detaillierter eingehen. Für jetzt möchte ich lediglich festhalten, daß das Epigenom das biologische Substrat der menschlichen Persönlichkeit bildet. Im Unterschied zum Genom ist das Epigenom enorm plastisch, wie übrigens auch das Gehirn, das ja ebenfalls von diversen ‚Fachleuten‘ gerne für einen mechanistischen Determinismus in Anspruch genommen wird, in dem es keine Handlungs- und keine Willensfreiheit gibt. Das Epigenom paßt sich über das ganze Leben eines Individuums hinweg an dessen Lebensstil und damit an dessen Entscheidungen an. Wenn sich jemand entscheidet, statt wie gewöhnlich mit dem Auto mit dem Fahrrad zur Arbeit zu fahren, verändert sich die Molekularbiologie seiner Muskeln „binnen zwanzig Minuten“. (Vgl. Spork 2017, S.44)

Darüberhinaus ‚erinnern‘ sich die Muskelzellen an die Radfahrt und behalten die Veränderungen bei. Jedoch nicht über längere Zeit. Wenn ich wieder aufs Auto umsteige, wird die Molekularbiologie der Muskeln auf den ursprünglichen Zustand zurückgestellt. Das aber heißt: die Epigenetik ist reversibel, also plastisch, formbar, durch unser Handeln beeinflußbar:
„Diese Umkehrbarkeit ist einer der Wesenszüge der Epigenetik.“ (Spork 2017, S.351)
Gesundheit ist also Spork zufolge weder ein Zufall noch ein Schicksal. Sie bildet vielmehr einen komplexen und beständigen Anpassungsprozeß an Umwelteinflüsse und an unseren Lebensstil:
„Gesundheit ist nicht das Gegenteil von Krankheit. Sie ist ein Prozess. Sie ist Anpassungsfähigkeit, geglückte Prägung und Widerstandskraft, resultiert aus einer ausgeglichenen Persönlichkeit und bewirkt diese zugleich. Gesundheit ist also auch das Potenzial, mit einer Krankheit möglichst gut und lange auszukommen oder sie so rasch und effektiv wie möglich zu überwinden.“ (Spork 2017, S.328)
Alles, was Gene können, ist der unter Wissenschaftlern verbreitetsten Auffassung zufolge, Proteine herzustellen. Von da ist es aber noch ein weiter Weg zu einer menschlichen Person, und dafür ist die Epigenetik zuständig. Überall, wo wir es mit einer Komplexität zu tun haben, bei der mehrere, ja sogar tausende von Genen zusammenarbeiten müssen, haben wir es mit Epigenetik zu tun, die „Genaktivierbarkeitsmuster“ festlegt; d.h. sie legt fest, welche Gene gedimmt und welche Gene empfangsbereit gemacht werden:
„Wir vererben mehr als unsere Gene. Wir sind, was lange nur vermutet wurde, tatsächlich in der Lage, Informationen über ganze Genaktivierbarkeitsmuster weiterzugeben – und damit auch die Programme, aus denen Gesundheit entsteht.“ (Spork 2017, S.331f.)
Wenn Spork hier von der Weitergabe von Genaktivierbarkeitsmustern spricht, dann meint er damit die transgenerationelle Epigenetik. Anders als die Evolutionsbiologen bisher meinten, scheint es nämlich die nach August Weismann (1834-1914) benannte „Weismann-Barriere“, die die DNA vor Umwelteinflüssen schützt, nicht zu geben. (Vgl. Spork2017, S.264ff., 275, 306f.) Bislang glaubte man, daß die DNA an zwei Stellen vor Umwelteinflüssen geschützt sei: bei der Entstehung der Keimzellen und bei der sogenannten Zeugung, wo das Genom komplett demethylisiert wird. Tatsächlich sind die Hinweise, daß dennoch individuell erworbene Erbinformationen auf die nachfolgenden Generationen übertragen werden, aber inzwischen zu zahlreich, als daß das so einfach stimmen kann. Zumindestens scheint es „Zonen“ im Genom zu geben, „die von der Reprogrammierung ausgenommen sind“. (Vgl. Spork 2017, S.306)

Zu den komplexen Persönlichkeitsmerkmalen, die sich in epigenetischen Genaktivierbarkeitsmustern niederschlagen, gehören die Gesundheit und die Intelligenz. Was die Intelligenz betrifft, räumt Spork mit mehreren Mythen auf. Dazu gehört die Auffassung, daß sich die Genome – und mit ihnen die Intelligenz – von verschiedenen Kulturen unterscheiden. Spork verweist auf die von Thilo Sarrazin angestoßene Debatte, „Deutschland werde immer dümmer, wenn zunehmend Menschen aus niedrigen Schichten und anderen Kulturkreisen einwanderten“. (Vgl. Spork 2017, S.73)

Sarrazin begeht hier einen logischen Fehler: er führt den kulturellen Phänotyp auf den biologischen Genotyp zurück. (Vgl. Spork 2017, S.78) Die Unterschiede zwischen Gruppen sind aber niemals biologisch, sondern immer sozial begründet; aus einem einfachen Grund: alle Menschen auf der ganzen Welt sind zu 99 %, möglicherweise zu 99,9 % genetisch identisch! (Vgl. Spork 2017, S.74) Intelligenz gehört aber zu den komplexesten Persönlichkeitsmerkmalen und wird wahrscheinlich durch das (epigenetische) Zusammenspiel von Tausenden von Genen bestimmt. Werden die Umwelteinflüsse konstant gehalten, wachsen die Kinder also im gleichen sozialen Umfeld auf, macht der Unterschied gerade mal drei bis fünf Punkte auf der IQ-Skala aus, „und dieser Unterschied ist letztlich belanglos“. (Vgl. Spork 2017, S.80)

Der Unterschied zwischen verschiedenen Gruppen, auch der Unterschied der ‚Intelligenz‘ – was immer das sein mag –, ist Spork zufolge zu hundert Prozent sozial bedingt. (Vgl. Spork 2017, S.79)

Was mir an Peter Sporks Buch so gefällt: es gibt dem Menschen seine Freiheit und damit seine Würde zurück. Es ist wieder der Mensch, der sein Leben führt, und nicht die ‚Gene‘ bzw. das, was die Evolutionsbiologen dazu denken, womit sie sich eine Autorität anmaßen, die alle anderen, uns Laien nämlich, entmündigt. Spork bringt es auf den Punkt:
„Die Gene entscheiden nicht über uns. Sie sind nicht unser Schicksal. Wir sind nicht ihre Marionetten.“ (Spork 2017, S.81)
Auch dazu mehr in einem der folgenden Posts.

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Samstag, 5. August 2017

Aleida Assmann, Formen des Vergessens, Göttingen 2016

1. Zusammenfassung
2. Gestaltwahrnehmung
3. Palimpsest-Städte
4. gebrochene Biographien
5. Breite Gegenwart

Aleida Assmann zufolge hat das Internet zu einer „menschheitsgeschichtliche(n) Zäsur“ in Form einer Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs geführt: zum Recht auf Vergessen. (Vgl. Assmann 2016, S.187f.) Damit wird erstmals das Vergessen höher bewertet als das Erinnert-Werden. Assmann zeichnet in ihrem letzten Kapitel (vgl. Assmann 2016, S.197-220) die bisherige medienkritische Auseinandersetzung mit dem Umgang mit Daten im Internetzeitalter nach. Die Hauptgefahr sehen die Medienkritiker in der grenzenlosen Speicherkapazität, die die „bestehende Ökonomie zwischen Erinnern und Vergessen“ außer Kraft setzt. (Vgl. Assmann 2016, S.203) Die Kritiker verweisen darauf, daß „technische Maschinen die Kontrolle über die Sortierung des gespeicherten Datenvorrats übernommen haben“. (Vgl. ebenda)

Assmann wendet gegen diese Kritik ein, daß all der Forschritt in der Informationstechnologie nicht den fundamentalen Unterschied zwischen Speichern und Erinnern aufzuheben vermag:
„Speichern kann an technische Maschinen abgegeben werden, Erinnern dagegen können nur Menschen, die unverwechselbare Standpunkte, eingeschränkte Perspektiven, sowie Erfahrungen, Gefühle und Ziele haben.“ (Assmann 2016, S.215)
An dieser Stelle argumentiert Assmann instrumentell: technische Medien sind nur Mittel, und es kommt auf den Menschen an, wie er sie verwendet. Das beinhaltet eine gewisse Naivität hinsichtlich des persönlichkeitsformenden Umgangs mit dem Internet:
„Das Internet hat aber nicht die Macht, Identitäten abzuschaffen oder gleichzuschalten; vielmehr kann es so oder so in den Dienst von Identitäten gestellt werden.“ (Assmann 2016, S.215)
Assmanns Fazit bleibt angesichts dessen, was sie sonst zur bereits erwähnten „menschheitsgeschichtliche(n) Zäsur“ zu sagen weiß, zumindestens in dieser Hinsicht, gleichermaßen pragmatisch wie unbefriedigend:
„Erinnern und Vergessen bleiben also weiterhin eng miteinander verschränkt, und das heißt, dass es eine volle Kontrolle über das Gedächtnis, sei es nun das neuronale, psychologische, soziale, politische, technische oder kulturelle, nicht so bald geben wird.“ (Assmann 2016, S.224)
Ein anderer Ansatz ihrer Argumentation führt da etwas weiter: er bezieht sich auf die Problematik von „Dead Data“. (Vgl. Assmann 2016, S.200) Gerade aufgrund der ungeheuren digitalen Speicherkapazitäten sammeln sich im Internet immer mehr personenbezogene Daten an, die nicht mehr aktuell sind, weil die betreffenden Menschen inzwischen verstorben sind:
„Da keine flächendeckend angestellten Internet-Kuratoren am Werk sind, gibt es bereits Millionen von Seiten verkümmerter, abgelegter, nicht aktualisierter Informationen im Internet.“ (Assmann 2016, S.200f.)
Das bezieht sich nicht nur auf die „ca 8000 Facebook-Mitglieder“, die täglich sterben (vgl. Assmann 2016, S.201), sondern auch auf biographische Veränderungen wie das Ende einer Beziehung, weil eine umfassende Löschung aller diese Beziehungen betreffenden Daten praktisch unmöglich ist. Für die verstorbenen Facebook-Mitglieder stellt Facebook übrigens eine „Memorialisierungsfunktion“ zur Verfügung (vgl. ebenda), so daß absehbar ist, daß dieses und andere Netzwerke irgendwann zu riesigen Friedhöfen ausufern werden; denn, so Assmann, das „Leben im Biologischen und Materiellen“ besteht ja jenseits des Digitalen weiter fort. (Vgl. Assmann 2016, S.214) Assmann zitiert Luciano Floridi:
„Die Hälfte unserer Daten ist Schrott, wir wissen nur nicht welche!()“ (Assmann 2016, S.202)
Aleida Assmann kommt zu dem Schluß, daß „das ganze gewohnte Zusammenspiel zwischen Erinnern und Vergessen, das die Gesellschaft bislang geprägt hat, ... im Internet in Unordnung geraten (ist)“. (Vgl. Assmann 2016, S.203) An die Stelle einer dynamischen Gegenwart, die beständig zur Vergangenheit hin entschwindet und sich zugleich in eine ungewisse Zukunft hinein erstreckt, ist die Stagnation einer ‚breiten‘ Gegenwart getreten, in der sich nichts mehr sedimentiert. (Vgl. Assmann 2016, S.214)

Das hört sich paradox an, denn die unbegrenzte Speicherkapazität im digitalen Raum könnte eigentlich das Gegenteil vermuten lassen. Und tatsächlich findet sich eine entsprechende Feststellung, in der Assmann von einem „neue(n) Zeitmodus“ spricht, in dem es uns „nicht mehr gelingt, ‚irgendeine Vergangenheit hinter uns zu lassen‘.“ (Vgl. Assmann 2016, S.209) Aber abgesehen davon, daß es schwierig ist, vorhandene Daten restlos zu löschen, ist es recht einfach, sie zu überschreiben. Nichts ist im Internet so restlos vergangen, daß nicht wieder darauf zugegriffen werden könnte, um es zu aktualisieren und so jede Spur dessen, was war, zu vernichten:
„Das Internet, das kraft Verlinkung und Hyperkonnektivität alle Zeits(ch)ichten gleichermaßen präsent hält und uns mit uferlosen Informationsangeboten überschwemmt, hat die Vergangenheit, wie wir sie kannten, außer Kraft gesetzt.“ (Assmann 2016, S.211f.)
Dieser paradoxe Umstand einer einerseits immer aufdringlich bleibenden Vergangenheit und einer andererseits stets überschreibbar bleibenden und damit dem totalen Vergessen überantwortbaren Vergangenheit wird von Aleida Assmann nicht weiter aufgeklärt. Dennoch ist der von Hans Ulrich Gumbrecht eingeführte Begriff der „breite(n) Gegenwart“ für den digitalen Zeitmodus bedenkenswert. (Vgl. Assman 2016, S.209 und S.214) Abgesehen vom Verlust der zeitlichen Dynamik – Gumbrecht vergleicht diese breite Gegenwart „mit einem stagnierenden Teich“ ohne Zufluß und ohne Abfluß –, wäre ich hier erstmals bereit, zuzugestehen, daß es tatsächlich so etwas wie einen persönlichen Umgang mit der digitalen Technologie gibt, der ihr eine besondere Qualität verleiht.

Bei meinem eigenen Blog habe ich über die letzten sieben Jahre hinweg erlebt, wie mir in der breiten Gegenwart meiner digitalen Textproduktion Gedanken präsent geblieben sind, wie ich es in den langen Jahren zuvor mit allen meinen Büchern, die ich bis dahin geschrieben und herausgegeben hatte, nicht erlebt habe. Schriften, die längere Zeit im Regal gestanden und Staub angesetzt hatten, waren in Vergessenheit versunken. Und wenn ich irgendwann zufällig wieder auf sie stieß, war ich erstaunt, was ich da früher einmal gedacht und geschrieben hatte. (Vgl. hierzu meinen Post vom 21.04.2015)

Wenn es damals einen Fortschritt in meinem Denken gab, so vollzog er sich unmerklich, in Form neuer Gedanken, von denen ich kaum ahnte, woher sie mir zuflogen. Seit ich diesen Blog betreibe, vollzieht sich dieser Fortschritt im Denken auch in Bezug auf die Fundamente, eben im Sinne ihrer systematischen Verbreiterung. Insofern kann ich dem Wort ‚breite Gegenwart‘ etwas Positives abgewinnen. Vielleicht sollte ich dabei aber die von Gumbrecht angesprochene Gefahr der Stagnation im Auge behalten und dieses Projekt zeitlich befristen. Seit sieben Jahren betreibe ich den Blog. Vielleicht noch drei Jahre? Zehn Jahre wären eine gute Zahl, und eine Epoche könnte beendet werden.

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Freitag, 4. August 2017

Aleida Assmann, Formen des Vergessens, Göttingen 2016

1. Zusammenfassung
2. Gestaltwahrnehmung
3. Palimpsest-Städte
4. gebrochene Biographien
5. Breite Gegenwart

Obwohl das kollektive Gedächtnis im Zentrum von Aleida Assmanns Buch steht, widmet sie ein Kapitel dem Mitbegründer der Universität Konstanz, Hans Robert Jauß (1921-1997). (Assmann 2016, S.174-196) Der „Ruhm“ der Universität Konstanz beruht Assmann zufolge „nicht auf empirischer Sozialforschung, sondern auf Ästhetik und den Literaturwissenschaften, die Dahrendorf ursprünglich aus seinem neuen Universitätskonzept ausschließen wollte“. (Vgl. Assmann 2016, S.194) Und Jauß, der diesen geisteswissenschaftlichen Grundstein legte, war Assmann zufolge ein „Pionier der Modernisierung der Geisteswissenschaften“. (Vgl. Assman 2016, S.193)

Inwiefern ‚Modernisierung‘? Aleida Assmann beschreibt Jaußens Zugehörigkeit zu einer Generation (1920-1930), die in ihren jungen Jahren zutiefst vom Nationalsozialismus geprägt gewesen war. Wie tief die Jugendlichen und jungen Erwachsenen in die nationalsozialistische Weltanschauung und Politik verstrickt gewesen waren, so Assmann, lag oftmals an einem Jahr Altersunterschied:
„‚Wer ein Jahr jünger ist, hat keine Ahnung‘, hat Martin Walser über diese Zeit einmal gesagt. Das Geburtsdatum entschied über Biographien, es bestimmte, wie viele Jahre man im Krieg verbrachte und ob man schuldig und unschuldig aus ihm herauskam.“ (Assmann 2016, S.188)
Diese oftmals minimalen Unterschiede in den individuellen Schicksalen dieser Individuen hatten also in moralischer Hinsicht maximale Effekte; doch in der öffentlichen Auseinandersetzung mit Jauß wurde von Kritikern in dieser Hinsicht wenig differenziert:
„Es gilt allein, woher er kam und nicht mehr wohin er ging.“ (Assmann 2016, S.191)
Dieses Woher und Wohin macht einen enormen Unterschied in der individuellen Vergangenheitsbewältigung, wie man an Günter Grass, den Assmann kurz erwähnt (vgl. Assmann 2016, S.187f.), sehen kann. Grass hatte sich in seinem ganzen schriftstellerischen Wirken mit seinen persönlichen Erfahrungen mit dem dritten Reich auseinandergesetzt. Er hatte sein Mitwirken in der Hitlerjugend nicht verschwiegen. Allerdings kam er erst gegen Ende seines Lebens auch auf seine SS-Vergangenheit zu sprechen. In den Augen seiner Kritiker hatte er sich damit in toto unglaubwürdig gemacht. Daß er eine Sprache entwickelt hatte, um traumatische kollektive Erfahrungen zum Ausdruck zu bringen, verlor für dieses Publikum mit einem Schlag jeden Wert. Günter Grass steht für die Auseinandersetzung mit dem ‚Woher‘, zu dem er sich stets in kritischer Distanz bekannt hatte und aus dem heraus er sich für die Entwicklung der jungen Bundesrepublik unermüdlich engagierte.

Hans Robert Jauß ist Assmann zufolge einen anderen Weg gegangen. Er wandte sich von seiner Vergangenheit ab und versuchte einen radikalen Neuanfang:
„Tatsächlich hat Jauß, der nach dem Krieg vor der Aufgabe kapitulierte, den fremden anderen in sich selbst zu verstehen und mit ihm zu kommunizieren, in seinem zweiten Leben als Geisteswissenschaftler Fragen des Verstehens zu seinem zentralen Thema gemacht.“ (Assmann 2016, S.192)
Jauß war Teilnehmer der Gruppe „Poetik und Hermeneutik“ gewesen. (Vgl. Assmann 2016, S.176ff.) Der Soziologe Helmut Schelsky hatte die Mitglieder dieser Gruppe als „skeptische Generation“ bezeichnet. Sie wollten die Geisteswissenschaften von ihrem verhängnisvollen nationalen Pathos und ihrer nationalsozialistischen Befangenheit reinigen und erneuern. Zu dieser Gruppe gehörten auch Hans Blumenberg (1920-1996), ein Freund von Jauß, und Niklas Luhmann (1927-1998), über den Assmann schreibt:
„Niklas Luhmann, geboren 1927, ebenfalls Mitglied der Gruppe ‚Poetik und Hermeneutik‘, hat diese Skepsis mit seinem konstruktivistischen Denken eindrucksvoll verkörpert. Die Welt der Systemtheorie ‚ist die nach innen und außen ins Leere fallende Welt, die Welt, die sich nur an sich selbst festhalten kann, aber alles Haltbare ebensogut ändern kann, die für gesellschaftliche Orientierung untauglich ist‘.()“ (Assmann 2016, S.179)
In der Darstellung dieser Gruppe geht Aleida Assmann für meinen Geschmack allzu summarisch und pauschalisierend vor. Gerade Luhmanns polemischer Antihumanismus, der im krassen Widerspruch zu Blumenbergs skeptischem Humanismus steht, wäre schon einer Erwähnung wert gewesen, Auch die pauschalisierende Kennzeichnung des Gruppenbewußtseins als einer „Elite“ gefällt mir überhaupt nicht (vgl. Assmann 2016, S.180), denn gerade wiederum Blumenberg trat mit seiner Phänomenologie für eine antielitäre Verstandesautonomie ein. Hier könnte man vielleicht von Avantgarde sprechen; aber gewiß nicht von Elite.

Jauß jedenfalls verdrängte jeden Gedanken an sein ‚Woher‘ und wollte nur noch das ‚Wohin‘ einer Erneuerung der gesellschaftlichen Verhältnisse und der Wissenschaft für sich gelten lassen. Als dann Ende der 1980er Jahre seine Verstrickungen im dritten Reich enthüllt wurden, begriff er nicht, wieso seine unbestreitbaren Verdienste jetzt plötzlich nichts mehr wert sein sollten:
„Jauß empfand es als Zumutung, dass er sich zu verteidigen hatte, ‚als ob sein Nachkriegsleben und seine wissenschaftlichen Beiträge nicht beredtes Zeugnis genug wären‘.()“ (Assmann 2016, S.189)
Aleida Assmann beschreibt anhand der gebrochenen Biographie von Hans Robert Jauß das Dilemma jeder Zeitgenossenschaft, in der sich historische Ereignisse mit individuellen Erfahrungen mischen. Hinzu kommt das gesellschaftliche Klima in einer jungen Wirtschaftswunder-Bundesrepublik, die sich nur für Aufbau und Aufbruch in eine von der Vergangenheit unbelastete Zukunft interessierte:
„Akte des Schweigens und Vergessens sind immer Teil einer Beziehung und damit auch als Anpassung des Individuums an die herrschenden sozialen und politischen Rahmen zu verstehen.“ (Assmann 2016, S.187)
Vergessen und Verdrängen bilden immer wieder eine gleichermaßen pragmatische wie notwendige Voraussetzung für den individuellen Neuanfang, mit dem sich Menschen von ihrer verhängnisvollen Vergangenheit ab- und einer hoffentlich besseren Zukunft zuzuwenden versuchen. Hannah Arendt spricht von der Notwendigkeit des Ineinander von „Vergeben und Vergessen“:
„Das unerbittliche Gesetz, dass jede Tat irreversibel ist und ihre Folgen nicht widerrufen werden können, kann deshalb für Arendt nur durch Vergeben und Vergessen der Mitwelt außer Kraft gesetzt werden. ... Handeln ist deshalb im sozialen Kontext nur möglich, wenn die Verantwortung des Handelnden eingeschränkt ist und die Aussicht darauf besteht, dass nicht intendierte negative Folgen vergeben und vergessen werden.“ (Assmann 2016, S.45f.)
Hans Robert Jauß hatte geglaubt, durch seine wissenschaftlichen Leistungen einen Anspruch auf dieses Vergeben erworben zu haben. Doch dieses Vergeben und Vergessen sind nicht dasselbe wie Verdrängen und Vergessen. Ein solches Mißverständnis birgt eine große Gefahr: den Sprachverlust und mit ihm einhergehend das Fortwirken dessen, was wir zu beschweigen und zu verdrängen versuchen. Im Unterschied zu Günter Grass hatte sich Hans Robert Jauß für diese Sprachlosigkeit entschieden:
„Die Aufklärungsarbeit im Fall Jauß und die Auseinandersetzung mit seiner SS-Biographie waren unbedingt notwendig, gerade auch vor dem Hintergrund seines so hartnäckig durchgehaltenen Schweigens. ... Was nicht zur Sprache kam und wofür es keine Sprache gab, das muss nun auf verschiedene Weisen in die Sprache zurückgeholt werden.“ (Assmann 2016, S.195f.)
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Donnerstag, 3. August 2017

Aleida Assmann, Formen des Vergessens, Göttingen 2016

1. Zusammenfassung
2. Gestaltwahrnehmung
3. Palimpsest-Städte
4. gebrochene Biographien
5. Breite Gegenwart

Aleida Assmann bezeichnet Städte wie Danzig, Wrozlaw, Riga oder Vilnius als „exemplarische Palimpsest-Städte“ (vgl. Assmann 2016, S.120), weil sie im Laufe ihrer Geschichte von verschiedenen Völkern für sich beansprucht wurden, von denen sich bis heute sichtbare und verborgene Spuren im Stadtbild bzw. im wörtlich zu nehmenden ‚Untergrund‘ erhalten haben. Dabei verwendet Assmann den philologischen Begriff des Palimpsests als geologische, psycho-historische, kulturpolitische und städtebauliche Metapher für einen historischen Schichtungsprozeß (vgl. Assmann 2016, S.119), der mich sehr an mein anthropologisches Modell des Menschen als einem Anachronismus erinnert. Darauf möchte in diesem Post näher eingehen.

Die Stadt bildet in dem umfassenden Sinn der Palimpsestmetapher den dreidimensionalen Speicherraum einer „historische(n) Komplexität“, die die jeweiligen Bewohner bzw. die Mehrheitsbevölkerung oder auch ganz konkret die gerade herrschende Machtelite in ihrem Sinne zu dominieren versucht:
„Die verräumlichte Geschichte hat eine durch Überbauung und Ablagerung kultureller Restbestände ‚gewachsene‘ Struktur, zumal auf dem Balkan, wo die Kulturen und Gruppen in einer ‚tausendjährigen gegenseitigen Durchdringung‘ existieren.()“ (Assmann 2016, S.121f.)
Aleida Assmann faßt die Erkenntnisse aus dem Buch „Architektur der Erinnerung“ (1994) von Bogdan Bogdanović, dem ehemaligen Bürgermeister von Belgrad, folgendermaßen zusammen:
„Diese historische Komplexität zu zerstören und ihre eigene Geschichte absolut zu setzen, sei das Ziel der nationalistischen Städtezerstörer gewesen.“ (Assmann 2016, S.121f.)
Solchen politischen Überschreibungen unbequemer Erinnerungszeichen entspricht der Begriff des Palimpsests: schon beschriebene Pergamente werden ausradiert, um sie neu verwenden zu können. Es wird also eine tabula rasa geschaffen, so als habe es vor den aktuellen Besatzern niemanden in den eroberten Städten gegeben. Die tabula-rasa ist neben dem Palimpsest die häufigste von Assmann verwendete Metapher. (Vgl. Assmann 2016, S.57ff., 143, 159f. u.ö.) Wir kennen sie in diesem Blog schon aus meiner Auseinandersetzung mit der schwarzen Pädagogik von John Locke. (Vgl. meine Posts vom 15.03. bis zum 17.03.2012)

Am Beispiel der israelischen Initiative „Zochrot“ (‚wir erinnern uns‘) zeigt Assmann, wie eine 2002 gegründete NGO mit Hilfe von Touristenführungen in israelischen Nationalparks auf ehemalige palästinensische Dörfer aufmerksam macht, die durch Umbenennungen von Orten, Plätzen und Straßen „ins Vergessen abgesenkt werden“ sollten (vgl. Assmann 2016, S.164f.):
„Aus diesem Kampf gegen das Vergessen ist die Praxis der Stadtführungen hervorgegangen, die diese Gruppe in Jerusalem und anderen Städten regelmäßig anbietet.“ (Assmann 2016, S.165f.)
Aber abgesehen von solchen Widerstandsformen bildet die Stadt selbst in ihrer Komplexität einen Widerstandsraum gegen alle Versuche der Unterdrückung von Erinnerungen. Bogdan Bogdanović verweist auf die Dauerhaftigkeit von alten städtischen Siedlungen gegenüber der Kurzlebigkeit von „Sprachen und Nationen“. (Vgl. Assmann 2016, S.121) Die Stadt bildet, wie Assmann schreibt, eine „Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen“, also einen lebendigen Anachronismus:
„Im Stadtraum ist Geschichte oft geschichtet und heterogen, durchkreuzt und verdichtet in den Besiedlungsphasen unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen.“ (Assmann 2016, S.119)
Man könnte vielleicht sogar sagen, daß selbst die völlige Zerstörung einer Stadt ihr nur eine weitere neue Erinnerungsschicht hinzufügt.

Aleida Assmanns Beschreibung der Stadt hat einige Parallelen zu meinem anthropologischen Modell des Individuums als einem Knoten- und Transformationspunkt verschiedener Entwicklungsprozesse. So wie die Stadt aus geologischen, architektonischen und kulturellen Schichten aus verschiedenen Epochen ihrer Geschichte besteht, die von jeder Generation neu ‚ausgegraben‘ und/oder ‚überbaut‘, also neu angeeignet und gedeutet werden muß, so reproduzieren sich in jedem Menschen auf je verschiedene Weise biologische und kulturelle Prozesse, und das Individuum ist gezwungen, sich zu ihren anachronistischen Entwicklungslogiken zu verhalten.

Assmann selbst verweist auf den spezifischen Charakter der kulturellen Reproduktion. Im Unterschied zur biologischen Reproduktion ist die kulturelle Reproduktion auf symbolische „Sicherungsformen der Wiederholung“ angewiesen:
„Die kulturelle Reproduktion, die ja nicht über die Gene weitergegeben wird, ist angewiesen auf Symbole, die über Institutionen wie Elternhaus, Schule und öffentliche Medien an nachfolgende Generation(en) weitergegeben, vermittelt und mit diesen immer wieder neu ausgehandelt werden.“ (Assmann 2016, S.206)
Sowohl die Stadt als auch die Individuen bilden schon auf der Ebene der kulturellen Reproduktion Schlachtfelder verschiedener Kulturen: „Kultur war von jeher ein Bestandteil des Krieges.“ (Assmann 2016, S.129) – Ins Extreme gesteigert betreiben die IS-Terroristen bei der Zerstörung menschheitlicher Kulturstätten keine Überschreibung mehr, sondern nur noch die völlige Vernichtung jeder kulturellen Erinnerung überhaupt. (Vgl. Assmann 2016, S.124ff.)

Beim menschlichen Individuum kommt noch die biologische Ebene als eigenständiger Entwicklungsprozeß mit seinen eigenen Rhythmen und Sicherungsformen hinzu, der nach einem Ausgleich mit den kulturellen Prozessen verlangt. Ähnlich wie bei der kulturellen Reproduktion haben wir es in der Biologie zwar nicht mit einem in Symbolen, sondern in ‚Genen‘ verankerten Gedächtnis zu tun, aber eben dennoch auch mit einem Gedächtnis, in das sich individuell und kulturell gefärbte Erinnerungen epigenetisch einschreiben, die sich wiederum auf die folgenden Generationen und ihre Lebensführung auswirken. Und auch hier ist es wieder an den Individuen, das Beste für sich daraus zu machen.

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